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Full text of "Römische geschichte"

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FP.OM -THE- LIBRARY- OF 
* KONR.^D- BURDACH- 





■ F?,OM -Tii E- LI BR/\I-<:i' ■ OV 



•*» I 




f' ' 



1 



RÖMISCHE 



GESCHICHTE 



TOR 



THEODOR M0MM8EI. 



FÜNFTER BAND. 
r>rH: x>rovinzb:n vo»r ca^ks^lr bis r^ioox^syriiki^. 



MIT ZBHN KARTBN TON H. KIBPBRT. 



BERLIN, 

WEIDMANN8GHE BUCHHANDLUNG 

1885. 






\3 >^>.^fe^6'^<-V^s, 



D«8 Recht eine Obersetzani; ios Eo|;l(sek«, Fraoiösische nad Italienische 
zu veranitalteo, behSIt «ich die Yerlagshaadluog vor. 



LEOPOLD KRONECKER 
RICHARD SCHÖNE 

IN DANKBARER ERINNERUNG. 



M62220 



X^er WuDfich, dafs die römische Geschichte fortgesetzt werden 
möge, iBt mir öfter geäufsert worden, und er trifft mit meinem eigenen 
zosammcn, so schwer es auch ist nach dreifsig Jahren den Faden da 
wieder aufeunehmen, wo ich ihn fallen lassen mufste. Wenn er nicht 
unmittelbar anknöpft, so ist daran wenig gelegen; ein Fragment wörde 
der vierte Band ohne den fünften eben so sein wie es der fünfte Jetzt 
ist ohne den yierten. Ueberdies meine ich, dafs die beiden zwischen 
diesem und den früheren fehlenden Bücher für das gebildete Publicum, 
dessen Verständnifs des römischen Alterlhums zu f&rdem diese 
Geschichte bestimmt ist, eher durch andere Werke yertreten werden 
können als das vorliegende. Der Kampf der Republikaner gegen die 
durch Claesar errichtete Monarchie und deren definitive Feststellung, 
welche in dem sechsten Buch erzählt werden sollen, sind so gut aus 
dem Alterihum überliefert, dafs jede DarsteUung wesentlich auf eine 
Nacherzählung hinausläuft. Das monarchische Regiment in seiner 
Eigenart und die Fluctuationen der Monarchie so wie die durch die 
Persönlichkeit der einzelnen Herrscher bedingten allgemeinen Regie- 
rungsverhältnisse, denen das siebente Buch bestimmt ist, sind wenig- 
stens oftmals zum Gegenstand der Darstellung gemacht worden. Was 
hier gegeben wird, die Geschichte der einzebien Landestheiie von Caesar 
bis aof Diocietian, liegt, wenn ich nicht irre, dem Publicum, an das 
dieses Werk sich wendet, in zugänglicher Zusammenfassung nirgends 
vor, und dafs dies nicht der Fall ist, scheint mir die Ursache zu sein, 
wefkhalb dasselbe die römische Kaiserzeit häufig unrichtig und unbillig 



VI 



beurlheilt. Freilich kann diese meines £rachten8 für das ricblige Ver* 
ständnifs der Geschichte der römischen Kaisei-zeit vorbedingende Tren- 
nung dieser Specialgeschichten von der allgemeinen des Reiches für 
manche Abschnitte, insbesondere für die Epoche von Gallienus bis auf 
Diocletian, wieder nicht vollständig durchgeführt werden, und hat hier 
die noch ausstehende allgemeine Darstellung ergänzend einzutreten. 

Wenn überhaupt ein Geschichtswerk in den meisten Fällen nur 
mit und durch die Landkarte anschaulich wird, so gilt dies von dieser 
Darstellung des Reiches der drei Erdtheile nach seinen Provinzen 
in besonderem Grade, während hiefür genügende Karten nur in den 
Händen weniger Leser sein können. Dieselben werden also mit mir 
meinem Freunde Kiepert es danken, dafs er, in der Weise und in der 
Begrenzung, wie der Inhalt dieses Bandes es an die Hand gab, dem- 
selben zunächst ein allgemeines Uebersichtsblatt, das aufserdem mehr- 
fach für die Specialkarten ergänzend eintritt, und weiter neun Special- 
karten der einzelnen Reichstheile, mit Ausnahme der Blätter 5. 7. 8. 9 
in gleichem Mafsstabe, hinzugefügt hat. Die in dem Bande vorkommen- 
den antiken und die wichtigeren modernen geographischen Namen sind 
darin verzeichnet, nicht darin erwähnte nur ausnahmsweise zur Orien- 
tirung beigefügt. Die in dem Buche selbst befolgte Schreibung der 
griechischen Namen ist auf einzelnen Blättern, wo die lateinischen über- 
wiegen, der Gleichförmigkeit wegen durch die latinisirende ersetzt. Die 
Folge der Karten entspricht im Ganzen derjenigen des Werkes; nur er- 
schien es aus räumlichen Rücksichten zweckmäfsig einzelne Provinzen, 
wie zum Beispiel Spanien und Nordafrica, auf demselben Blatte dar- 
zustellen. 

Berlin im Febr. 1885. 



INHALT. 



ACHTES BtJCH. 

Länder und Leute von Caesar bis Diocletian. 

Eialeitiug 3 

KAPITEL ]. 
Die Nordgreoze lulieos 7 

KAPITEL IL 
Spaoieo 57 

KAPITEL in. 

Die giliiseben Provinzen 71 

KAPITEL IV. 
Dai römische Germanien und die freien Germanen 107 

KAPITEL V. 
Britannien 155 

KAPITEL VL 
Die Donaalinder und die Kriegte an der Donau 178 

KAPITEL VH. 
Das griechische Europa 230 

KAPITEL VUL 
Rleinasien 295 

KAPITEL IX. 
Die Euphrttgrenze and die Parther 339 

KAPITEL X. 

Syrien and das Nahataeerland 446 



vni 



KAPITEL XI. 
Jadaea and die Jaden 487 

KAPITEL XII. 
Aegypteo 553 

KAPITEL Xill. 
Die afrieaoiieheB Proviozeo 620 



ACHTES BUCH. 



LÄNDER UND LEUTE VON CAESAR BIS DIOCLETIAN. 

Gehe darcli die Welt ond iprieh mit Jeden. 

Fmddbi. 



Mom— fa, lOM. Qinbibht». ▼. 



Die Geschichte der rftmischen Kaiserzeit stellt ähDliche Probleme 
me diejenige der früheren Republik. 

Was aus der litterarischen Ueberliefening unmittelbar entnommen 
werden kann, ist nicht blofs ohne Farbe und Gestalt, sondern in derThat 
meistens ohne Inhalt. Das Yerzeichnifs der rOmischen Monarchen ist un- 
geföhr ebenso glaubwürdig wie das der Consuln der Republik und un- 
gefähr ebenso instructiv. Die den ganzen Staat erschütternden grolsen 
Krisen sind in ihren Umrissen erkennbar; viel besser aber als über 
die Samnitenkriege sind wir auch nicht unterrichtet über die ger- 
manischen unter den Kaisem Augustus und Marcus. Der republika- 
nische Anekdotenschatz ist sehr yiel ehrbarer als der gleiche der 
Kaiserzeit; aber die Erzdhkingen yon Fabricius und die vom Kaiser 
Gaius sind ziemlich gleich flach und gleich verlogen. Die innerliche Ent- 
Wickelung des Gemeinwesens liegt vielleicht für die frühere Republik 
in der Deberlieferung vollständiger vor als für die Kaiserzeit; dort be- 
wahrt sie eine wenn auch getrübte und verfälschte Schilderung der 
schliefslich wenigstens auf dem Markte Roms endigenden Wandelungen 
der staatlichen Ordnung; hier vollzieht sich diese im kaiserlichen Kabi- 
net und gelangt in der Regel nur mit ihren Gleichgültigkeiten in die 
Oeffentlichkeit. Dazu kommt die ungeheure Ausdehung des Kreises 
und die Verschiebung der lebendigen Entwickelung vom Centrum in 
die Peripherie. Die Geschichte der Stadt Rom hat sich zu der des 
Landes Italien, diese zu der der Welt des Mittelmeers erweitert, und 
worauf es am meisten ankommt, davon erfahren wir am wenigsten. 
Der römische Staat dieser Epoche gleicht einem gewaltigen Baum, um 
dessen im Absterben begriffenen Hauptstamm mächtige Nebentriebe 
rings emporstreben. Der römische Senat und die römischen Herrscher 

1* 



4 ACHTES BUCH. 

entstammen bald jedem andern Reichsland ebenso sehr wie Italien; 
die Quiriten dieser Epoche, welche die nominellen Erben der welt- 
bezwingenden Legionare geworden sind, haben zu den groÜBcn Erinne- 
rungen der Vorzeit ungefihr dasselbe Verhältnills wie unsere Johanniter 
zu Rhodos und Malta und betrachten ihre Erbschaft als ein nutzbares 
Recht, als stiftungsmäljsige Versorgung arbeitsscheuer Armen. Wer 
an die: sogenannten QueüeA dieser Epoche, auch die besseren geht, 
bemeislerC schwer den'Uüwillen über das Sagen dessen, was verschwie- 
g&v.zix werdcn>Ter£€inttf und das Verschweigen dessen, was nothwendig 
war 'ZU' sagen/ Denn 'gi'ofs <iedachtes und weithin Wirkendes ist auch 
in dieser Epoche geschaffen worden; die Fährung des Weltregimen ta 
ist selten so lange in geordneter Folge verblieben und die festen Verwal- 
tungsnormen, wie sie Caesar und Augustus ihren Nachfolgern vorzeich- 
neten, haben sich im Ganzen mit merkwürdiger Festigkeit behauptet» 
trotz allem Wechsel der Dynastien und der Dynasten, welcher in der 
nur darauf blickenden und bald zu Kaiserbiographien zusammenschwin- 
denden Ueberlieferung mehr als billig im Vordei^unde steht. Die 
scharfen Abschnitte, welche in der landläufigen durch jene Oberfläch- 
lichkeit der Grundlage geirrten Auffassung die Regierungswechsel 
machen, gehören weit mehr dem Hoftreiben an als der Reichsgeschichte. 
Das eben ist das Grofsartige dieser Jahrhunderte, dals das einmal an- 
gelegte Werk, die Durchführung der lateinisch-griechischen Civilisirung 
in der Form der Ausbildung der städtischen Gemeindeverfassung, ^die 
allmähliche Einziehung der barbarischen oder doch fremdartigen Ele- 
mente in diesen Kreis, eine Arbeit, welche ihrem Wesen nach Jahr^ 
hunderte stetiger Thätigkeit und ruhiger Selbstentwickelung erforderte, 
diese lange Frist und diesen Frieden zu Lande und zur See gefunden 
hat. Das Greisenalter vermag nicht neue Gedanken und schöpfe- 
rische Thätigkeit zu entwickeln, und das hat auch das römische Kaiser- 
regiment nicht gethan; aber es hat in seinem Kreise, den die, welche 
ihm angehörten, nicht mit Unrecht als die Welt empfanden, den Frieden 
und das Gedeihen der vielen vereinigten Nationen länger und vollstän- 
diger gehegt als es irgend einer anderen Vormacht je gelungen ist. 
In den Ackerstädten Africas, in den Winzerheimstätten an der Mosel, 
in den blühenden Ortschaften der ]ykischen Gebirge und des syrischen 
Wüstenrandes ist die Arbeit der Kaiserzeit zu suchen und auch zu 
finden. Noch heute giebt es manche I^ndschaft des Orients wie des 
Occidents, für welche die Kaiserzeit den an sich sehr bescheidenen, aber 



BIIfLEITUNG. 5 

doch Torfaer wie nachher nie erreichten Höhepunkt des guten Regi* 
menl« bezeichnet; und wenn einmal ein Engel des Herrn die Bilanz 
aufmachen sollte, ob das von Severus Antoninus beherrschte Gebiet da- 
mals oder heute mit grödserem Verstände und mit gröCserer Humanität 
regiert worden ist, ob Gesittung und Yölkerglöck im Allgemeinen 
seitdem Torwarts oder zurückgegangen sind, so ist es sehr zweifelhaft, 
ob der Spruch zu Gunsten der Gegenwart ausMen würde. Aber wenn 
wir finden, dab dieses also war, so fragen wir die Bücher, die uns ge- 
blieben sind, meistens umsonst, wie dieses also geworden ist. Sie 
geben darauf so wenig eine Antwort, wie die Ueberlieferung der frü- 
heren Republik die gewaltige Erscheinung des Rom erklärt, welches 
in Alezanders Spuren die Welt unterwarf und civilisirte. 

Ausfüllen läfst sich die eine Lücke so wenig wie die andere. Aber 
es schien des Versuches werth einmal abzusehen sowohl von den 
Regentenschilderungen mit ihren bald grellen, bald blassen und nur zu 
aü gefälschten Farben wie auch von dem scheinhaft chronologischen 
AneinandeiTeihen nicht zusammenpassender Fragmente, und dafiir zu 
sammeln und zu ordnen , was für die Darstellung des römischen Pro- 
vinzialregiments die Ueberlieferung und die Denkmäler bieten, der Mühe 
werth durch diese oder durch jene zufällig erhaltene Nachrichten, in dem 
Gewordenen aufbewahrte Spuren des Werdens, allgemeine Institutionen 
in ihrer Beziehung auf die einzelnen Landestheile, mit den für jeden 
derselben durch die Natur des Bodens und der Bewohner gegebenen 
Bedingungen durch die Phantasie, welche wie aller Poesie so auch aller 
Historie Mutter ist, nicht zu einem Ganzen, aber zu dem Surrogat eines 
solchen zusammenzufassen. Ueber die Epoche Diocletians habe ich 
dabei nicht hinausgehen wollen, weil das neue Regiment, welches da- 
mals geschaffen wurde, höchstens im zusammenfassenden Ausblick den 
Schluljsstein dieser Erzählung bilden kann; seine volle Würdigung ver- 
langt eine besondere Erzählung und einen andern Weltrahmen, ein bei 
schärferem Verständnifs des Einzelnen in dem groCsen Sinn und mit 
dem weiten Bück Gibbons durchgeführtes selbständiges Geschichtswerk. 
Italien und seine Inseln sind ausgeschlossen worden, da diese Dar- 
stellung von der des allgemeinen Reichsregiments nicht getrennt wer- 
den kann. Die sogenannte äufsere Geschichte der Kaiserzeit ist auf- 
genommen als integrirender Theil der Provinzialverwaltung; was wir 
Reichskriege nennen würden, sind gegen das Ausland unter der Kaiser- 
leit nicht geführt worden, wenngleich die durch die Arrondirung oder 



6 ACHTBS BUCH. BINLEITUNG. 

Vertheidigong der Grenzen hervorgerufenen Kämpfe einige Male Yer** 
hUtnisse annahmen, dafs sie als Kriege zwischen zwei gleichartiges 
Mächten erscheinen, und der Zusammensturz der römischen Herrschaft 
in der Mitte des dritten Jahrhunderts, welcher einige Decennien hin- 
durch ihr definitives Ende werden zu sollen schien, aus der an meh- 
reren Stellen gleichzeitig unglücklich geführten Grenzvertheidigung sich 
entwickelte. Die grofse Vorschiebung und Regulirung der Nordgrenze, 
wie sie unter Augustus theilweise ausgeführt ward, theilweise mib- 
lang, leitet die Erzählung ein. Auch sonst sind die Ereignisse auf einem 
jeden der drei hauptsächlichsten Schauplätze der Grenzvertheidigung, 
des Rheins, der Donau, des Euphrat, zusammengefafst worden. Im 
Uebrigen ist die Darstellung nach den Landschaften geordnet. Im 
Einzelnen fesselndes Detail, Stimmungsschilderungen und Charakter- 
köpfe hat sie nicht zu bieten; es ist dem Künsüer, aber nicht dem 
Geschichtschreiber erlaubt das Antlitz des Arminius zu erfinden. Mit 
Entsagung ist dies Buch geschrieben und mit Entsagung möchte es 
gelesen sein. 



KAPITEL I. 



gnaae. 



DIB NORDGRBNZB ITALIENS. 

Die römische Republik hat ihr Gebiet hauptsächlich auf den See- Norduei» 
wegen gegen Westen, Süden und Osten erweitert; nach derjenigen 
Richtung hin, in welcher Italien und die Ton ihm abhängigen beiden 
Halbinseln im Westen und im Osten mit dem groDsen Continent Euro^ 
pas zusammenhängen, war dies wenig geschehen. Das Hinterland Ma- 
kedoniens gehorchte den Römern nicht und nicht einmal der nördliche 
Abhang der Alpen; nur das Hinterland der gallischen Südküste war 
durch Caesar zum Reiche gekommen. Bei der Stellung, die das Reich 
im Allgemeinen einnahm, durfte dies so nicht bleiben ; die Beseitigung 
des tragen und unsicheren Regiments der Aristokratie mofste vor 
allem an dieser Stelle sich geltend machen. Nicht so geradezu wie die 
Eroberung Britanniens hatte Caesar die Ausdehnung des römischen 
GeUets am Nordabhang der Alpen und am rechten Ufer des Rheins 
den Erben seiner Machtstellung aufgetragen; aber der Sache nach war 
die letztere Grenzerweiterung bei weitem näher gelegt und nothwendi- 
ger als die Unterwerfiing der überseeischen Kelten und man versteht 
es, dais Augustus diese unterliefs und jene aufnahm. Dieselbe zerfiel 
in drei groDse Abschnitte: die Operationen an der Nordgrenze der 
griechisch -makedonischen Halbinsel im Gebiet der mittleren und un- 
teren Donau, in Dlyricum; die an der Nordgrenze Italiens selbst im 
oberen Donaugebiet, in Raetien und Norlcum ; endlich die am rechten 
Rheinufer, in Germanien. Meistens selbständig geführt hängen die 
militärisch -politischen Vornahmen in diesen Gebieten doch innerlich 
zusammen und wi^ sie sämmtlich aus der freien Initiative der rö- 



8 ACHTES mJGir. KAPITEL I. 

miBchen Regierung hervorgegangen sind, können sie auch in ihrem 
Gelingen wie in ihrem theilweisen Hifslingen nur in ihrer Gesammtheit 
militärisch und politisch verstanden werden. Sie werden darum auch 
mehr im örtlichen als wie zeitlichen Zusammenhang dargelegt werden; 
das Gebäude, von dem sie doch nur Theile sind, wird besser in seiner 
inneren Geschlossenheit als in der Zeitfolge der Bauten betrachtet. 
D«im»- Das Vorspiel zu dieser grofsen Gesammtaction machen die Ein- 

Kri4. richtungen, welche Caesar der Sohn, so wie er in Italien und Sicilien 
freie Hand gewonnen hatte, an den oberen Küsten des adriatischen 
Meeres und im angrenzenden Binnenland vornahm. In den hundert- 
undfunfzig Jahren , die seit der Gründung Aquileias verflossen waren, 
hatte wohl der römische Kaufmann von dort aus sich des Verkehrs 
mehr und mehr bemächtigt , aber der Staat unmittelbar nur geringe 
Fortschritte gemacht. An den Haupthäfen der dalmatinischen Küste, 
ebenso auf der von Aquileia in das Savethal führenden Slrafse bei 
Nauportus (Ober -Laibach) hatten sich ansehnliche Handelsnieder- 
lassungen gebildet; Dalmatien, Bosnien, Istrien und die Krain galten 
als römisches Gebiet und wenigstens das Küstenland war in der Tbat 
botmäfsig; aber die rechtliche Städtegründung stand noch ebenso aus 
wie die Bändigung des unwirthlichen Binnenlandes. Hier aber kam 
noch ein anderes Moment hinzu. In dem Kriege zwischen Caesar und 
Pompeius hatten die einheimischen Dalmater ebenso entschieden für 
den letzteren Partei ergriffen wie die dort ansässigen Römer für Caesar; 
auch nach der Niederlage des Pompeius bei Pharsalos und nach der 
Verdrängung der pompeianiscben Flotte aus den iUyrischen Gewässern 
(3, 445) setzten die Eingeborenen den Widerstand energisch und er- 
folgreich fort. Der tapfere und fähige Publius Vatinius, der früher in 
diese Kämpfe mit grofjMm Erfolg eingegriffen hatte, wurde mit einem 
starken Heere nach lUyricum gesandt, wie es sdieint in dem Jahre vor 
Caesars Tode und nur als Vorhut des Hauptheeres, mit v^lchem der 
Dictator selbst nachfolgend die eben damals mächtig emporstrebenden 
Daker (3, 304) niederzuwerfen und dieVerhältnisse im ganzen Donangebiet 
zu ordnen beabsichtigte. Diesen Plan schnitten die Dolche der Mörder ab; 
man mufste sich glücklich schätzen, dafs die Daker nidit ihrerseits in 
Makedonien eindrangen, und Vatinius selbst focht gegen die Dalmater 
unglücklich und mit starken Verlusten. Als dann die Republikaner im 
Osten rüsteten, ging das illyrische Heer in das des Brutus über und 
die Dalmatiner blieben längere Zeit unangefochten« Nach der Nieder- 



NORDGRENZB ITALIENS. 9 

werfung der Repablikaner liefe Antpnius, dem bei der Theilung des 
Reiches Makedonien zugefallen war, im J. 715 die unbotmäfsigen Dar- h 
daner im Nordwesten und die Parthiner an der Küste (östlich von Du- 
razzo) zu Paaren treiben , wobei der berühmte Redner Gaius Asinius 
Pollio die Ehren des Triumphes gewann. In lilyricum , welches un- 
ter Caesar stand, konnte nichts geschehen, so lange dieser seine ganze 
Macht auf den sicilischen Krieg gegen Sextus Pompeius wenden muüste; 
aber nach dessen glücklicher Beendigung warf Caesar selbst sich mit 
aller Kraft auf diese Aufgabe. Die kleinen Völkerschaften von Doclea 
(Cemagora) bis zu den Japuden (bei Fiume) wurden in dem ersten Feld- 
zug (719) zur Botmäfsigkeit zurückgebracht oder jetzt zuerst gebändigt, k 
Es if?ar kein grofser Krieg mit namhaften Feldschlach ten, aber die Gebirgs- 
kämpfe gegen die tapferen und yerzweifelnden Stämme und das Brechen 
der festen zum Theil mit römischen Maschinen ausgerüsteten Bulben 
waren keine leichte Aufgabe ; in keinem seiner Kriege hat Caesar in 
gleichem Grade eigene Energie und persönliche Tapferkeit entwickelt 
Nach der mühsamen Unterwerfung des Japudengebiets marschirte er 
noch in demselben Jahre im Thal der Kulpa aufwärts zu deren Mün- 
dong in die Save; die dort gelegene feste Ortschaft Siscia (Sziszek), der 
Haupiwaffenplatz der Pannonier, gegen den bisher die Römer noch nie 
mit Erfolg vorgegangen waren , ward jetzt besetzt und zum Stützpunkt 
bestimmt für den Krieg gegen die Daker, den Caesar demnächst 
aufzunehmen gedachte. In den beiden folgenden Jahren (720. 721) u, ss 
wurden die Dalmater, die seit einer Reihe von Jahren gegen die 
Römer in Waffen standen , nach dem Fall ihrer Feste Promona (Pro- 
mina bei Demis oberhalb Sebenico) zur Unterwerfung gezwungen. 
Wichtiger aber als diese Kriegserfolge war das Friedenswerk, das zu- 
gleich sich ToUzog und zu dessen Sicherung sie dienen sollten. Ohne 
Zweifel in diesen Jahren erhielten die Hafenplätze an der istrischen 
und dalmatinischen Küste , so weit sie in dem Machtbereich Caesars 
lagen, Tergeste (Triest), Pola, lader (Zara), Salonae (bei Spalato), Naro- 
na (an der Narentamündung), nicht minder jenseit der Alpen, auf der 
Straüie von Aquileia über die julische Alpe zur Save, Emona (Laibach), 
durch den zweiten Julier zum Theil städtische Mauern, sämmtlich 
stidtisches Recht Die Plätze selbst bestanden wohl alle schon längst 
als römische Flecken; aber es war immer von wesentlicher Bedeutung, 
dals sie jetzt unter die italischen Gemeinden gleichberechtigt eingereiht 
wurden« 



10 ACBTE8 BUCH. K4PITBL I. 

▼•rberei- Der Dakerkfieg sollte folgen; aber der Bürgerkrieg ging zum 

iHüäi^. zweitenmal ihm vor. Statt nach lUyricum rief er den Herrscher in den 
Osten; und der gro£Be Entscheidungskampf zwischen Caesar und 
Antonius warf seine Wellen bis in das ferne Donaugebiet. Das durch 
den König Burebista geeinigte und gereinigte Volk der Daker (3, 304), 
jetzt unter dem König Cotiso, sah sich von beiden Gegnern umworben 
— Caesar wurde sogar beschuldigt des Königs Tochter zur Ehe be- 
gehrt und ihm dagegen die Hand seiner fünfjährigen Tochter Julia an- 
getragen zu haben. Dafs der Daker im Hinblick auf die von dem Vater 
geplante, von dem Sohn durch die Befestigung Siscias eingeleitete In- 
vasion sich auf Antonius Seite schlug, ist begreiflich; und hätte er aus- 
geführt, was man in Rom besorgte, wäre er, während Caesar im Osten 
focht, vom Norden her in das wehrlose Italien eingedrungen, oder hätte 
Antonius nach dem Vorschlag der Daker die Entscheiduog statt in 
Epirus vielmehr in Makedonien gesucht und dort die dakischenSchaaren 
an sich gezogen, so wären die Würfel des Kriegsglucks vielleicht an- 
ders gefallen. Aber weder das eine noch das andere geschah; zudem 
brach eben damals der durch Burebistas kräftige Hand geschaffene 
Dakerstaat wieder auseinander; die inneren Unruhen, vielleicht auch 
von Norden her die AngrilTe der germanischen Bastamer und der später- 
hin Dacien nach allen Richtungen umklammernden sarmatischen 
Stämme, verhinderten die Daker in den auch über ihre Zukunft ent- 
scheidenden römischen Bürgerkrieg einzugreifen. 

Unmittelbar nachdem die Entscheidung in diesem gefallen war, 
wandte sich Caesar zu der Regulirung der Verhältnisse an der unte- 
ren Donau. Indeljs da theils die Daker selbst nicht mehr so wie fHiher 
zu fürchten waren, theils Caesar jetzt nicht mehr blofs über Ulyricum, 
sondern über die ganze griechisch -makedonische Halbinsel gebot, 
wurde zunächst diese die Basis der römischen Operationen. Vergegen- 
wärtigen wir uns die Völker und die Herrschaftsverhältnisse, die 
Augustus dort vorfand. 

lüücedoBi- Makedonien war seit Jahrhunderten römische Provinz. Als solche 

'^'^' reichte es nicht hinaus nördlich über Stobi und östlich über das Rhodope- 
gebirge; aber der Machtbereich Roms erstreckte sich weit über die 
eigentliche Landesgrenze, obwohl in schwankendem Umfang und ohne 
feste Form. Ungefähr scheinen die Römer damals bis zum Haemus 
(Balkan) die Vormacht gehabt zu haben, während das Gebiet jenseit 
des Balkan bis zur Donau wohl einmal von römischen Truppen betreten. 



NORÜGREnZE ITALIENS. 11 

aber keineswegs von Rom abhängig war^). Jenseit des Rhodopegebirgs 
waren die Makedonien benachbarten thrakischen Dynasten, namentlich 
die derOdrysen (1, 758), denen der gröfste Theil derSQdküste und ein 
Theil der Küste des schwarzen Meeres botmäfsig war, durch die Expe- 
dition des LucuUus (3,42) unter römische Schutzherrschafl gekommen, 
wShrend die Bewohner der mehr binnenländischen Gebiete, namentlich 
die Besser an der oberen Maritza Unterthanen wohl hieüsen, aber nicht 
waren und ihre Einfälle in das befriedete Gebiet so wie die Vergeltungs- 
zöge in das ihrige stetig fortgingen. So hatte um das J. 694 der leib- «o 
liehe Vater des Augustus Gaius Octavius und im J. 711 während der «s 
Vorbereitungen zu dem Kriege gegen die TriumTim Marcus Brutus 
gegen sie gestritten. Eine andere thrakische Völkerschaft, die Denthe- 
leten (in der Gegend von Sofia) hatten noch in Ciceros Zeit bei einem 
Einfan in Makedonien Miene gemacht dessen Hauptstadt Thessalonike 
zu belagern. Mit den Dardanern, den westlichen Nachbarn der Thraker, 
einem Zweig der illyrischen Völkerfamilie, welche das südliche Serbien 
und den District Prisrend bewohnten, hatte der Amtsvorgänger 
des LucuUus Curio mit Erfolg (3, 42) und ein Decennium später Ci- 
oeros College im Consulat Gaius Antonius im J. 692 unglücklich ge- es 
fochten. Unterhalb des dardanischen Gebiets unmittelbar an der Donau 
saüBen wieder thrakische Stämme, die einstmals mächtigen, jetzt heratn 
gekommenen TribaUer im Thal des Oescus (in der Gegend von 
Plewna), weiterhin an beiden Ufern der Donau bis zur Mündung 
Daker oder wie sie am rechten Donauufer mit dem alten auch den 
asiatischen Stammgenossen gebliebenen Volksnamen gewöhnUch ge- 
nannt wurden, Myser oder Moeser, wahrscheinlich zu Burebistas Zeit 
ein Theil seines Reiches, jetzt wieder in verschiedene Fürstenthümer 
zersplittert Die mächtigste Völkerschaft aber zwischen Balkan und 
Donau waren damals die Bastarner. Wir sind diesem tapferen und 
zahlreichen Stamm, dem östlichsten Zweig der grossen germa- 
nischen Sippe (2,272), schon mehrfach begegnet. Eigentlich an- 
sässig hinter den transdanuvianischen Dakem jenseit der Gebirge, 



<) Dies Mgt aasdriieklieh Dio 6], 23 Kam J. 725: ricH f*iv ovv lavt* 
Inolow (d. h. 80 lao^pe die Bastarner nur die TribaUer — bei Oeacaa ia Nieder- 
Boesieo — und die Dardaner in Obermoesien aagriffen), ohSkv at^lat n^ayfiu 

f ^ Jfy&iXifiiov iyanovSoy avToT^ olaav xarid^ufiop x. t. l. Die Bandea- 
feoossen in Moeaien, von denen Dio 38, 10 spricht, sind die Kiiatenatädte. 



12 ACHTES BUCH. KAPITEL I. 

die Siebenbürgen Ton der Moldau scheiden, an den Donaumöndungen 
und in dem weiten Gebiet von da zum Dniester befanden sie sich sel- 
ber aufserhalb des römischen Bei*eichs ; aber Torzugsweise aus ihnen 
hatte sowohl König Philipp von Makedonien wie König Hitbradates 
von Pontus seine Heere gebildet und in dieser Weise hatten die Römer 
schon früher oft mit ihnen gestritten. Jetzt hatten sie in grofsen 
Massen die Donau aberschritten und sich nördlich vom Haemus fest- 
gesetzt; insofern der dakische Krieg, wie ihn Caesar der Vater und 
dann der Sohn geplant hatten, ohne Zweifel der Gewinnung des rechten 
Ufers der unteren Donau galt, war er nicht minder gegen sie gerichtet 
wie gegen die rechtsufrigen dakischen Moeser. Die griechischen 
Küstenstädte in dem Barbai*enland Odessos (bei Vama), Tomis, Istro- 
poUs, schwer bedrängt durch dies Yölkergewoge, waren hier wie 
überall die geborenen Clienten der Römer. 

Zur Zeit der Dictatur Caesars, als Burebista auf der Höhe seiner 
Macht stand, hatten die Daker an der Küste bis hinab nach Äpollonia 
jenen fürchterlichen Verheerungszug ausgeführt, dessen Spuren noch 
nach anderthalb Jahrhunderten nicht verwischt waren. Es mag wohl 
zunächst dieser Einfall gewesen sein, welcher Caesar den Vater be- 
stimmte den Dakerkrieg zu unternehmen; und nachdem der Sohn 
jetzt auch über Makedonien gebot, raulste er allerdings sich ver- 
pflichtet fühlen eben hier sofort und energisch einzugreifen. Die 
Niederlage, die Ciceros College Antonius bei Istropolis durch die Bas- 
tarner erlitten hatte, daif als ein Beweis dafür genommen werden, daüs 
diese Griechen wieder einmal der Hülfe der Römer bedurften. 
Dnter- [t9 In der That wurde bald nach der Schlacht bei Actium (725) 
u^w Marcus Licinius Crassus, der Enkel des bei Karrhae gefallenen, von 
(j^„., Caesar als Statthalter nach Makedonien gesandt und beauftragt den 
zweimal verhinderten Feldzug nun auszuführen. Die Bastamer, welche 
eben damals in Thrakien eingefallen waren, fügten sich ohne Wider- 
stand, als Crassus sie auffordern lieüs, das römische Gebiet zu ver- 
lassen; aber ihr Rückzug genügte dem Römer nicht Er überschritt 
seinerseits den Haemus^), schlug am EinfluHs des Cibrus (Tzibritza) 
in die Donau die Feinde, deren König Deldo auf der Wahlstatt blieb, 



1} Wenn Dio sagt (51, 23): tifv Ziyerixfiv xaXovfUvrjv nqoatnol^aaio nal 
ig r^y Mvaida MßaXt, so kann jene Stadt wohl nnr Serdiea sein, das heatige 
Sofia, am oberen Oesens, der Schlüssel fdr das moesisehe Land. 



IfOBDGRBNiB ITALIJSNS. 13 

and nahm was aus der SeUacht in eine nahe Festung entkommen war 
mit Hülfe eines zn den Römern haltenden Dakerfürsten gefangen. 
Ohne weiteren Widerstand zu leisten unterwarf sich dem Ueberwinder 
der Bastamer das gesammte moesische Gebiet Diese kamen im 
nächsten Jahr wieder, um die erlittene Niederlage wett zu machen; 
aber sie unterlagen abermals und mit ihnen, was von den moesi* 
sehen Stämmen wieder zu den Waffen gegriffen hatte. Damit waren 
diese Feinde Ton dem rechten Donauufer ein für allemal ausge- 
wiesen und dieses vollständig der römischen Herrschaft unterworfen. 
Zugleich wurden die noch nicht botmäisigen Thraker gebändigt, den 
Bessern das nationale Heüigthum des Dionysos genommen und die Ver- 
waltung desselben den Fürsten der Odrysen übertragen, welche über- 
haupt seitdem unter dem Schutz der römischen Obergewalt die Ober- 
herrlichkeit über die thrakischen Völkerschaften südlich vom Haemus 
führten oder doch führen sollten. Unter seinen Schutz wurden femer 
die griechischen Küstenstädte am schwarzen Meere gestellt und auch 
das übrige eroberte Gebiet verschiedenen Lehnfürsten zugetheilt, auf 
die somit zunächst der Schutz der Reichsgrenze übergingt); eigene 



') Nach dem Feldzag des Crassas ist das eroberte Laod wahrseheinlieh 
ia der Weise organisirt worden, dafs die Rüste zam thrakisehea Reich kam, 
wie dies Zippel r$m. Illyricam S. 243 dargethao hat, der westliche Theil aber 
ahaiich wieThrakieo den einheimischen Forsten za Lehn gegeben ward, an deren 
eiaes Stelle der noch onter Tiberins fangirende fraefectut eiväatium Moesiae 
et TribaUiae (C. I. L. V, 1838) getreten sein mufs. Die übliche Aaeahme, dafs 
Moesien aofSoglicb mit Illyriciim verbanden gewesen sei, raht nor daraaf, 
dafs dasselbe bei der Aafziihloog der im Jahre 727 zwischen Kaiser and Senat 27 
getheilten Provinzen bei Dio 53, 12 nicht genannt werde and also in 'Dal- 
matien' enthalten sei. Aber auf die Lehnstaaten and die procaratorischen 
Provinzen erstreckt sieh diese Aofzahlaog überhaupt nicht ond insofern ist 
bei jener Annahme alles in Ordnung. Dagegen sprechen icegea die gewöhn- 
liche Aaffassang schwerwiegende Argomente. Ware Bfoesien arsprüoglich 
ein Theil der Provinz IHyricom gewesen, so hätte es diesen Namen behalten ; 
denn bei Theilong der Provinz pflegt der Name za bleiben and nar ein Deter- 
minativ hinzuzutreten. Die Benennung IHyricom aber, die Dio ohne Zweifel 
a. a. O. wledergiebt, hat sich in dieser Verbindung immer beschränkt auf das 
obere (Dalmatien) ond das untere (Pannonieo). Ferner bleibt, wenn Moesieo 
ein Theil von Illyricam war, für jenen Praefecten von Moesien und Triballien, 
resp. seinen königlichen Vorgänger kein Raum. Endlich ist es wenig wahr- 
ickeinlich, dafs im J. 727 einem einzigen senatoriscben Statthalter ein Com- 97 
■ando von dieser Ausdehnung und Wichtigkeit anvertraut worden ist. Da- 
gegen erklärt sich alles einfach, wenn nach dem Kriege des Crassas in Moesien 



14 ACHTBg BUCH. KAPITEL I. 

Legionen hatte Rom für diese fernen Landschaften nicht übrig. Make- 
donien wurde dadurch zur Binnenprovinz, die der militarisdien Ver- 
waltung nicht ferner bedurfte. Das Ziel, das' bei jenen dakischen Kriegs- 
plänen ins Auge gefafst worden war, war erreicht. 

Allerdings war dieses Ziel nur ein Torläufiges. Aber bevor 
Augustus die definitive Regulirung der Nordgrenze in die Hand nahm, 
wandte er sich zu der Reorganisation der schon zum Reiche gehörigen 
Landschaften ; aber ein Decennium verging mit der Ordnung der Dinge 
in Spanien, Gallien, Asien, Syrien. Wie er dann, als dort das Nöthige 
geschehen war, das umfassende Werk angriff, soll nun erzählt werden. 
Untarwer- Italien, das über drei Welttheile gebot, war, wie gesagt, noch 

Alpen, keineswegs unbedingt Herr im eigenen Hause. Die Alpen, die es gegen 
Norden beschirmen, waren in ihrer ganzen Ausdehnung von einem 
Meer zum andern angefüllt mit kleinen wenig civilisirten Völkerschaften 
illyrischer, raetischer, keltischer Nationalität, deren Gebiete zum Theil 
hart angrenzten an die der groCsen Städte der Transpadana — so das 
der Trumpiliner (Val Trompia) an die Stadt Brixia, das der Camunner 
(Val Camonica oberhalb des Lago d' Iseo) an die Stadt Bergomum, das 
der Salasser (Val d' Aosta) an Eporedia (Ivrea), und die keineswegs 
friedliche Nachbarschaft pflogen. Oft genug überwunden und als be- 
siegt auf dem Capitol proclamirt plünderten diese Stämme, allen 
Lorbeeren der vornehmen Triumphatoren zum Trotz, fortwährend die 
Bauern und die Kaufleute Oberitaliens. Ernstlich zu steuern war 
dem Unwesen nicht, so lange die Regierung sich nicht entschlofs die 
Alpenhöhen zu überschreiten und auch den nördlichen Abhang in ihre 
Gewalt zu bringen ; denn ohne Zweifel strömten beständig zahlreiche 
dieser Raubgesellen über die Berge herüber um das reiche Nachbarland 
zu brandschatzen. Auch nach Gallien hin war noch in gleicher Weise zu 
thun; die Völkerschaften im oberen Rhonethal (Wallis und Waadt) 



kleine GlientelsUatea entsUnden ; diese standen als solche von Haas aas unter 
dem Kaiser und da bei deren successiver Einziehung^ und Umwandlung in eine 
Statthalterschaft der Senat nicht mitwirkte, konnte sie leicht in den Anaalen 
11 ausfallen. Vollzogen hat sie sich in oder vor dem J. 743, da der damals 
den Krieg gegen die Thraker fahrende Statthalter L. Calpurnius Piso, dem 
Dio 54, 34 irrig die Provinz Pamphylien beilegt, als Provinz nnr Pannoaien 
oder Moesien gehabt haben kann und, da in Pannonien damals Tiberius als 
Legat fungirte, für ihn nur Moasien übrig bleibt. Im J. 6 n. €hr. erschetit 
sicher ein kaiserlicher Statthalter von Moesien. 



FI0RB6RENZE ITALIENS. 15 

waren zwar von Caesar unterworfen worden, aber sind auch unter denen 
genannt, die den Feldherren seines Sohnes zu schaffen machten. Andrer- 
seits klagten die friedlichen gallischen Grenzdistricte über die stetigen 
Emialle der Raeter. Eine GeschichtserzShlung leiden und fordern die 
zahlreichen Expeditionen nicht, welche Augustus dieser Mifsstände halber 
veranstaltet hat; in den Triumphalfasten sind sie nicht verzeichnet und 
gehören auch nicht hinein , aber sie gaben Italien zum ersten Mal Be- 
friedung des Nordens. Erwähnt mögen werden die Niederwerfung der 
oben erwähnten Camunner im J. 738. durch den Statthalter Ton Illy- is 
ricum und die gewisser ligurischer Völkerschaften in der Gegend Yon 
Nizza im J. 740, weil sie zeigen, wie noch um die Mitte der augustischen u 
Zeit diese unbotmälsigen Stämme unmittelbar auf Italien drückten. 
Wenn der Kaiser späterhin in dem Gesammtbericht ober seine Reichs- 
Terwaltung erklärte, dafe gegen keine dieser kleinen Völkerschaften 
von ihm zu Unrecht Gewalt gebraucht worden sei, so wird dies dahin 
zu Terstehen sein, dals ihnen Gebietsabtretungen und Sitzwechsel an- 
gesonnen wurden und sie sich dagegen zur Wehre setzten ; nur der 
unter König Gotlius von Segusio (Susa) vereinigte kleine Gauverband 
fügte sich ohne Kampf in die neue Ordnung. 

Der Schauplatz dieser Kämpfe waren die südlichen Abhänge und üntanm* 
die Tbäler der Alpen. Es folgte die FesUeUung auf dem Nordabhang 'SS^ 
der Gebirge und in dem nördlichen Vorlande im J. 739. Die beiden u 
dem kaiserlichen Hause zugezählten Stiefsöhne Augusts, Tiberius, der 
spätere Kaiser, und sein Bruder Drusus wurden damit in die ihnen be- 
stimmte Feldhermlauf bahn eingeführt — es waren sehr sichere und sehr 
dankbare Lorbeeren, die ihnen in Aussicht gestellt wurden. Von Italien 
aus das Thal der Etsch hinauf drang Drusus in die raetischen Berge 
ein und erfocht hier einen ersten Sieg; für das weitere Vordringen 
reichte ihm der Bruder, damals Statthalter Galliens, vom helvetischen 
Gebiet aus die Hand; auf dem Bodensee selbst schlugen die römischen 
Trieren die Böte der Vindeliker; an dem Kaisertag, dem 1. August 
739 wurde in der Umgegend der Donauquellen die letzte Schlacht ge- ^ 
schlagen, durch dieRaetien und dasVindelikerland, das hellst Tirol, die 
Ostschweiz und Baiem, fortan Bestand theile des römischen Reiches 
wurden. Kaiser Augustus selbst war nach Gallien gegangen, um den Krieg 
und die Einrichtung der neuen Provinz zu überwachen. Da wo die Alpen 
am Golf von Genua endigen, auf der Höbe oberhalb Monaco, wurde 
einige Jahre darauf von dem dankbaren Italien dem Kaiser Augustus 



16 AGHTBS BUCH. KAPITEL I. 

eia weit in das tyrrhenische Meer hinausschauendes noch heute nicht 
ganz verschwundenes Denkmal dafür errichtet, daüB unter seinem Regi- 
ment die Alpenvölker alle vom oberen zum unteren Heer — ihrer 
sechsundvierzig zShlt die Inschrift auf — in die Gewalt des römischen 
Volkes gebracht worden waren. Es war nicht mehr als die einfache 
Wahrheit, und dieser Kiieg das was der Krieg sein soll, der Sehirmer 
und der Bürge des Friedens. 
^^^ütS^ Schwieriger wohl als die eigentliche Kriegsarbeit war die Orga- 
nisation des neuen Gebietes; insbesondere auchdeshalb, weil die inneren 
politischen Verhältnisse hier zum Theil recht störend eingriffen. Da 
nach der Lage der Dinge das militärische Schwergewicht nicht in Italien 
liegen durfte, so mufste die Regierung darauf bedacht sein die groEsen 
Militarcommandos aus der unmittelbaren Nähe Italiens möglichst zu 
entfernen; ja es hat wohl bei der Besetzung Raetiens selbst das Be- 
streben mitgewirkt das Commando, welches wahrscheinlich bis dahin 
in Oberitalien selbst nicht hatte entbehrt werden können, definitiv 
von dort wegzulegen, wie es dann auch zur Ausführung kam. Was 
man zunächst erwarten sollte, dafs für die in dem neugewonnenen 
Gebiet unentbehrlichen militärischen Aufstellungen ein grolser Hittel- 
punkt am Nordabhang der Alpen gescliaflen worden wäre, davon ge- 
schah das gerade Gegentheil. Es wurde zwischen Italien einer- und 
den greisen Rhein- und Donaucommandos andererseits ein Gürtel klei- 
nerer Statthalterschaften gezogen, die nicht bloljs alle vom Kaiser, son- 
dern auch durchaus mit dem Senat nicht angehörigen Hännern besetzt 
wurden. Italien und die südgallische Provinz wurden geschieden durch 
die drei kleinen Hiiitärdislricte der Seealpen (Dep. der Seealpen und Pro- 
vinz Guneo), der cottischen mit der Hauptstadt Segusio (Susa), und 
wahrscheinlich der graischen (Ostsavoyen), unter denen der zweite von 
dem schon genannten Gaufürsten Cottius und seinen Nachkommen eine 
Zeitlang in den Formen der Clientel verwaltete ^) am meisten bedeu- 
tete, die aber alle eine gewisse Militärgewalt besafsen und deren 



') Der officieile Titel des Cottios war nieht Köoig, wie der seioes Vaters 
Dooous, soadero 'Gauverbaadsvorstand' (praefecttu dvitatium), wie er auf dem 
9/8 Boch steheoden im Jahre 745/6 voo ihm zu Ehren des Aogastas errichteten 
Bogen von Susa genannt wird. Aber die Stellung war ohne Zweifel lebens- 
länglich und, anter Vorbehalt der Bestätigung des Lehnsherrn, auch erblich, 
also insofern der Verband allerdings ein Färstenthom^, wie er auch gewohn- 
lieh heifst. 



nOIlDORENZB ITALIENS* 17 

nächste Bestimmung war in dem betreffenden Gebiet und vor allem auf 
den wichtigen dasselbe durchschneidenden Reichsstralsen die öffent- 
liche Sicherheit zu erhalten. Das obere Rhonethal dagegen, also das 
Wallis, und das neu eroberte Raetien worden einem nicht im Rang, 
aber wohl an Macht höher stehenden Befehlshaber untergeben; ein 
rehtiy ansehnliches Corps war hier nun einmal unumgänglich erfor- 
derlich. IndeJs wurde, um dasselbe möglichst yerringem zu können, 
Raetien durch Entfernung seiner Bewohner im grofsen Ma&stab ent- 
Tölkert. Den Ring schlofs die ähnlich organisirte Provinz Noricum, 
den gröDsten Theil des heutigen deutschen Oesterreich umfassend. 
Diese weite und fruchtbare Landschaft hatte sich ohne wesentlichen 
Widerstand der römischen Herrschaft unterwoifen, wahrscheinlich in 
der Form, dafs hier zunächst ein abhängiges Färstenthum entstand, 
bald aber der König dem kaiserlichen Procurator wich, von dem er 
ohnehin sich nicht wesentlich unterschied. Von den Rhein- und 
Donaulegionen erhielten allerdings einige ihre Standlager in der unmit- 
telbaren Nähe einerseits der ratischen Grenze bei Vindonissa, anderer- 
seits der norischen bei Poetovio, offenbar um auf die Nachbarprovinz zu 
dräcken; aber Armeen ersten Ranges mit Legionen unter senatorischen 
Generalen gab es in jenem Zwischenbereich so wenig wie senatorische 
Statthalter. Das Mifstrauen gegen das neben dem Kaiser den Sitaat 
regierende CoUegium findet in dieser Einrichtung einen sehr drastischen 
Ausdruck. 

Nächst der Befriedung Italiens war der Hauptzweck dieser Orga- BtnfMn vna 
nisation die Sicherung seiner Communicationen mit dem Norden, die dn^'lypen. 
für den Handelsverkehr von nicht minder einschneidender Bedeutung war 
wie in militärischer Beziehung. Mit besonderer Energie griff Augustus 
diese Aufgabe an und es ist wohl verdient, dafs in den Namen Aosta 
ond Augsburg, vielleicht auch in dem der julischen Alpen der sei- 
nige noch heute forüebt. Die alte Küstenstralise, die Augustus von der 
Ijgorischen Küste durch Gallien und Spanien bis an den atlantischen 
Oeean tbeils erneuerte, theils herstellte, hat nur Handelszwecken 
dienen können. Auch die Strafse über die cottische Alpe, schon 
durch Pompeius eröffnet (3,29), ist unter Augustus durch den 
schon erwähnten Fürsten von Susa ausgebaut und nach ihm benannt 
worden; ebenfalls eine Handelsstrafse, verknüpft sie Italien über Turin 
und Susa mit der Handelshauptstadt Südgalliens Arelate. Aber die 
eigentliche Militärlinie, die unmittelbare Verbindung zwischen Italiea 

Mommten, rOiii.6Meliichi«. Y. 2 



18 ACBTES BÜCB. KAPfTKL I. 

und den Rheinlagern führt durch das Thal der Dora Baltea aus Italien 
theib nach der Hauptstadt Galliens Lyon, theils nach dem Rhein. 
Hatte die Republik sich darauf beschränkt den Enogang jenes Thals 
durch die Anlegung von Eporedia (Ivrea) in ihre Gewalt zu bringen, 
so nahm Augustus dasselbe ganz in Besitz in der Weise, dafs er dessen 
Bewohner, die immer noch unruhigen und schon während des dalma- 
tinischen Krieges von ihm bekämpften Salasser, nicht blofs unterwarf, 
sondern geradezu austilgte — ihrer 36000, darunter 8000 streitbare 
Männer, wurden auf dem Markt von Eporedia unter dem Hammer in 
die Sclaverei verkauft und den Käufern auferlegt binnen zwanzig Jahre 
keinem derselben die Freiheit zu gewähren. Das Feldlager selbst, 
26 von dem aus sein Feldherr Yarro Murena im J. 729 sie schlie&lich 
aufs Haupt geschlagen hatte, wurde die Festung, welche, besetzt 
mit 3000 der Kaisergarde entnommenen Ansiedlern, die Verbindungen 
sichern sollte, die Stadt Augusta Praetoria, das heutige Aosta, 
deren damals errichtete Mauern und Thore noch heute stehen. Sie 
beherrschte später zwei Alpenstrafisen, sowohl die über die graische 
Alpe oder den kleinen St Bernhard an der oberen Is^re und der 
Rhone nach Lyon fahrende wie die, welche über die pöninische Alpe, 
den grofsen St. Bernhard, zum Rhonethal und zum Genfersee und von 
da in die Thäler der Aar und des Rheins lief. Aber für die erste dieser 
Strafsen ist die Stadt angelegt worden, da sie ursprünglich nur nach 
Osten und Westen führende Thore gehabt hat, und es konnte dies 
auch nicht anders sein, da die Festung ein Decennium vor der Be- 
setzung Raetiens gebaut ward, auch in jenen Jahren die spätere Orga* 
nisation der Rheinlager noch nicht bestand und die directe Verbindung 
der Hauptstädte Italiens und Galliens durchaus in erster Reihe stand. 
In der Richtung auf die Donau zu ist der Anlage von Emona an der obe- 
ren Save auf der alten Handelsstrafse von Aquileia über die julische Alpe 
in das pannonische Gebiet schon gedacht worden; diese Strafse war 
zugleich die Hauptader der militärischen Verbindung von Italien mit 
dem Donaugebiet. Hit der Eroberung Raetiens endlich verband sich 
die Eröffnung der Strafse, welche von der letzten italischen Stadt 
Tridentum (Trient) dasEtschthal hinauf zu der im Lande der Vindeliker 
neu angelegten Augusta, dem heutigen Augsburg, und weiter zur obe- 
ren Donau führte. Als dann der Sohn des Feldherm, der dieses Ge- 
biet zuerst aufgeschlossen hatte, zur Regierung gehngte, ist dieser 



NORDGaEEfZE ITALIKEIB. 19 

StraHse der Name der daudischeo bei($e]egt worden^). Sie stellte 
xwttchen Raetien vnd Italien die milit&riach unenibehrlidie Verbindung 
her; indefs hat sie in Folge der rekti? geringen Bedeutung der rati- 
schen Armee tind wohl auch in Folge der schwierigeren Communication 
niemals die Bedeutung gehabt wie die Stra£se von Aosta. 

Die Alpenpässe nnd der Nordabhang der Alpen waren somit in ge* 
sicfaertem rdmiscfaen Besitz. Jenseit der Alpen erstreckte sich östlich 
▼om Rhein das germanische Land, südwärts der Dimau das der Pan-» 
nonier und der Moeser. Auch hier wurde kurz nach der Besetiung 
Raetiens, und ziemlich gleichzeitig nach beiden Seiten hin, die Oflen*- 
sire ergrifien. Betrachten wir zunächst die Vorgange an der Donau. 

Das Donaugebiet, allem Anschein nach bis zum J. 727 mit Ober- 17] ■»- 
Italien zusammen yerwaltet, wurde damals bei der Reorganisation des i^^^ 
Rricbes ein selbständiger Verwaltungsbezirk Dlyricum unter eigenem 
Statthalter. Er bestand aus Dalmatien mit seinem Hinterland bis zum 
Drin, während die Küste weiter südwärts seit langem zur Statthalter- 
schaft Makedonien gehörte, und den römischen Besitzungen im Lande 
der Pannonier an der Save. Das Gebiet zwischen dem Haemus und 
der Donau bis zum schwarzen Meer, welches kurz zuvor Crassns in 
Reichsabhängigkeit gebracht hatte, so wie nicht minder Noricum und 
Raetien standen im ClientelverhähniXli zu Rom, gehörten also zwar 
nicht zu diesem Sprengel, aber hingen doch zunächst von dem Statt* 
halter Illyricums ab. Auch das noch keineswegs beruhigte Thrakien 
südlich vom Haemus fiel militärisch in denselben Bereich. Es ist eine 
bis in spate Zeit bestehende Fortwirkung dieser ursprünglichen Orga- 
nisation gewesen, daA das ganze Donaugebiet von Raetien bis Moesien 



*) Wir kauen iitM% StrafM aar ia der Getttlt, die der Solm des Er- 
bauers Reiser Clandias ihr ipab; nrsprnoslich kann sie natürlieh nicht ma 
Claudia Angutia geheifsen haben, sondern nor via Auguita^ and schwerlich als 
ihr Endpunkt in Italien Altin am, nnf eßihr das heatige Venedig, betrachtet wor- 
den sein, da unter Aagustas noch alle Reichsstrafsen nach Rom fahrten. Daft 
die Strafse audi durdi das obere Btschthal lief, ist erwiesen durch den bei 
Meraa gefandeoen MeUenstein (C. I. L. V, 8003); da(s sie an die Donau fahrte, 
ist bexMg^, die Verbindung dieses StraTsenbaus mit der Anlage von Augnsta 
Vindelieuffl, wenn dies auoh xonächst nor Marktflecken fforumj war, mehr als 
wahrsclieinlieh (G. I. L. III p. 711); auf welchem Wege von Meran aas Augsburg 
und die Donau erreicht wurden, wissen wir nicht. Sp&terhio ist die Strafse 
dahin eorrigirt worden, dafs sie bei Rotzen die Btsch verlifst und das Eisaek- 
ihai hiaaaf über dea Brtnaer aaA Aagsbarg f&hrt. 

2* 



20 ACHTSg BUCH. KAPITEL I. 

ab ein Zollbezirk unter dem Namen Iliyricum im weitem Sinne zu* 
sammengefiillBt worden ist. Legionen standen nur in dem eigentlichen 
niyricum, in den übrigen Districten wahrscheinlich gar keine Reichs- 
truppen, höchstens kleinere Detachements; das Obercommando fährte 
der aus dem Senat hervorgehende Proconsul der neuen Provinz , wäh- 
rend die Soldaten und die Offiziere selbstverständlich kaiserlich waren. 
Es zeugt von dem ernsten Charakter der nach der Eroberung Raetiens 
beginnenden Offensive, daÜB zunächst der Nebenherrscher Agrippa das 
Gommando im Donaugebiet äbernahm, dem der Proconsul von Illyri- 
cum von Rechtswegen sich unterzuordnen hatte, und dann, als Agrippas 
li plötzlicher Tod im Frühjahr 742 diese Combination scheitern machte, 
im Jahre darauf lUyricum in kaiserliche Verwaltung fiberging, also 
die kaiseriichen Feldherren hier das Obercommando erhielten. Bald 
bildeten sich hier drei militärische Mittelpuncte, welche dann auch die 
administrative Dreitheilung des Donaugebiets herbeiführten. Die kleinen 
Pürstenthümer in dem von Crassus eroberten Gebiet machten der 
Provinz Moesien Platz, deren Statthalter fortan in dem heutigen Serbien 
und Bulgarien die Grenzwacht hielt gegen Daker und Bastamer. In 
der bisherigen Provinz lUyricum wurde ein Theil der Legionen an 
der Kerka und der Cettina postirt, um die immer noch schwierigen 
Dalmater im Zaum zu halten. Die Hauptmacht stand in Pannonien an 
der damaligen Reichsgrenze, der Save. Chronologisch genau läDst sich 
diese Dislocation der Legionen und Organisation der Provinzen nicht 
fixiren; wahrscheinlich haben die gleichzeitig geführten ernsthaften 
Kriege gegen die Pannonier und die Thraker, von denen wir gleich zu 
berichten haben werden, zunächst dazu geführt die Statthalterschaft 
von Moesien einzurichten und haben erst einige Zeit nachher die dal- 
matischen Legionen und die an der Save eigene Oberbefehlshaber 
erhalten. 
Tibnioa Wie die Expeditionen gegen die Pannonier und die Germanen 

I^mmSw' gleichsam eine Wiederholung des raetischen Feldzugs in erweitertem 
^^'* Halsstab sind, so waren auch die Führer, welche mit dem Titel kaiser- 
licher Legaten an die Spitze gestellt wurden, dieselben; wieder die bei- 
den Prinzen des kaiserlichen Hauses Tiberius, der an Agrippas Stelle 
das Commando in Iliyricum übernahm, und Drusus, der an den Rhein 
ging, beide jetzt nicht mehr unerprobte Jünglinge, sondern Männer in 
der Blüthe ihrer Jahre und schwerer Arbeit wohl gewachsen. — An 
nächsten Anlässen für die Kriegführung fehlte es in der Donaugegend 



NOIDGRENZB ITALIENS. 21 

flicht Raabgedndel aus Pannonien und selbst aus dem friedlichen 
Noricmn plönderte im Jahre 738 bis nach Istrien hinein. Zwei Jahre u 
darauf ergriffen die illyrischen Provinzialen gegen ihre Herren die 
Waffen und obwohl sie dann, als Agrippa im Herbst des J. 741 das is 
Commando übernahm, ohne Widerstand zu leisten zum Gehorsam 
zoröckkebrten, soUen doch unmittelbar nach seinem Tode die Unruhen 
aufs Neue begonnen haben. Wir yermögen nicht zu sagen , wie weit 
diese römischen Erzählungen der Wahrheit entsprechen; der eigentliche 
Grund nnd ZwedL dieses Krieges war gewifs die durch die allgemeine 
politische Lage geforderte Yorschiebung der römischen Grenze. Ueber 
die drei Campagnen des Tiberius in Pannonien 742 bis 744 sind wir is-io 
sehr uDToUkoromen unterrichtet Als Ergebnifs derselben wurde von 
der Regierung die Feststellung der Donaugrenze für die Provinz 
Illyricnm angegeben. Dafo diese seitdem in ihrem ganzen Laufe als die 
Grenze des römischen Gebiets angesehen wurde, ist ohne Zweifel 
richtig, aber eine eigentliche Unterwerfung oder gar eine Besetzung 
dieses ganzen weiten Gebiets ist damals keineswegs erfolgt. Haupt* 
sachlicben Widerstand gegen Tiberius leisteten die schon froher för 
römisch erklärten Völkerschaften , insbesondere die Dalmater; unter 
den damals zuerst effectiv unterworfenen ist die namhafteste die der 
pannonischen Breuker an der unteren Save. Schwerlich haben die 
römischen Heere während dieser Feldzöge die Drau auch nur über* 
schritten , auf keinen Fall ihre Standlager an die Donau verlegt. Das 
Gebiet zrwrischen Save und Drau wurde allerdings besetzt und das 
Hauptquartier der illyrischen Nordarmee von Siscia an der Save nach 
Poetovio (Pettau) an der mittleren Donau verlegt, während in dem vor 
kurzem besetzten norischen Gebiet die römischen Besatzungen bis an 
die Donau bei Carnuntum reichten (Petroneli bei Wien), damals die 
letzte norische Stadt gegen Osten. Das weite und grofse Gebiet 
zwischen der Drau und der Donau, das heutige westliche Ungarn ist 
allem Anschein nach damals nicht einmal militärisch besetzt worden. 
Es entsprach dies dem Gesammtplan der begonnenen Offensive; man 
suchte die Fühlung mit dem gallischen Heer und för die neue Reichs- 
grenze im Nordosten war der natörliche Stutzpunkt nicht Ofen, son- 
dern Wien. 

Gewissermafsen eine Ergänzung zu dieser pannonischen Expe- nnUMber 
dition des Tiberius bildet diejenige, welche gleichzeitig gegen die Thra- ^'*^ ^""^ 
ker von Lucius Piso unternommen ward, vielleicht dem ersten eigenen 



22 ACBTB8 BUCH. EAPITEL I. 

Statthalter, den Moesien gehabt hat. Die beiden grolBen benachbarten 
Nationen, die Ulyriker und die Thrakor, yon denen in einem ^ateren 
Abschnitt eingehender gehandelt werden wird, standen damab gleich- 
rnftCsig zur Unterwerfung. Die Yölkersohaften des inneren Thrakiens 
erwiesen sich noch störriger als die Ill^riker und den von Rom ihnen 
u gesetzten Königen wenig botmäfsig; im J. 738 mufste ein römischesHeer 
dort einr&cken und den Fürsten gegen die Besser zu Hülfe kommen. 
Wenn wir genauere Berichte über die dort wie hier in den Jahren 741 
u-u big 743 geführten Kämpfe hätten, würde das gleichzeitige Handeln der 
Thraker und der lUyriker vielleicht als gemeinschaftliches erscheinen. 
GewiDs ist es, daüs die Masse der Thrakerstamme südlich yom Haemus 
und ▼ermuthlich auch die in Moesien sitzenden sich an diesem Natio- 
nalkrieg betheiiigten, und dafs die Gegenwehr der Thraker nicht minder 
hartnäckig war als die der Ulyriker. Es war für sie zugleich ein Reli- 
gionskrieg; das den Bessern genommene und den römisch gesinnten 
Odrysenfürsten überwiesene Dionysosheiiigthum ^) war nicht vergessen; 
ein Priester dieses Dionysos stand an der Spitze der Insurrection und 
sie richtete sich zunächst eben gegen jene Odrysenfürsten. Der eine 
derselben wurde gefangen und getödtet, der andere verjagt ; die zum 
Theil nach römischem Muster bewaffneten und disciplinirten Insurgen- 
ten siegten in dem ersten Treffen über Piso und drangen vor bis nach 
Makedonien und in den thrakischen Chersones; man fikrchtete für 
Asien. Indefs die römische Zucht behielt doch schlieMch das lieber- 
gewicht auch über diese tapferen Gegner; in mehreren Feldzügen wurde 
Piso des Widerstandes Herr und das entweder schon bei dieser Gelegen- 
heit oder bald nachher auf dem 'thrakischen Ufer' eingerichtete Gom- 
mando von Moesien brach den Zusammenhang der dakisch-thrakischen 
Völkerschaften, indem es die Stämme am linken Ufer der Donau und 
die verwandten südlich vom Haemus von einander schied, und sicherte 
dauernd die römische Herrschaft im Gebiet der unteren D<mau. 



1) Ute Oerüichkeit, Mo welcher die Besser den Gott Diosysos verehren' 
und die Crassns ihnen nahm und den Odrysen gab (Die 51, 26), ist yewifs 
derselbe Liberi patrii lucus, in welchem Alezander opferte und der Vater des 
Anf^stQS, cum per secreta Thraciae exercüum ducerei, das Orakel wegen seines 
Sohnes befragpte (Sueton Ans- 94) nnd das schon Herodot (2, 111; vgl. Euri- 
pides Hec. 1267) als anter Obhnt der Besser stehendes Orakelheili^om er- 
wShot. Gewifs ist es nordwärts der Rhodope za suchen; wiederf^efnnden ist 
es noch nicht 



IIOBDGRBIIZB ITALOTO. 23 

Näher noch als von den Pannoniem und den Thrakern ward es Angrur der 
den Römern yon den Germanen gelegt, daüs der damalige Zustand der 
Dinge auf die Dauer nicht bleiben könne. Die Reichsgrenze war seit 
Caesar der Rhein vom Bodensee bis zu seiner Mündung (3, 258). Eine 
VAlkerscheide war er nicht, da schon von Alters her im Nordosten 
Galliens die Kelten sich vielfach mit Deutschen gemischt hatten, die 
Treverer und die Nervier Germanen wenigstens gern gewesen wären 
(3, 244), am mittleren Rhein Caesar sdbst die Reste der Schaaren des 
Ariovistns, Triboker Qm Eisais), Nemeter (um Speier), Yangionen (um 
Worms) seishaft gemacht hatte. Freilich hielten diese linksrheinischen 
Deutschen fester zu der römischen Herrschaft als die keltischen Gaue 
und nicht sie haben den Landsleuten auf dem rechten Ufer die 
Pforten Galliens geMTnet Aber diese, seit langem der PlünderzQge 
aber den Flufs gewohnt und der mehrfiich halb geglüdLton Versuche 
dort sich festzusetzen keineswegs vergessen, kamen auch ungerufen. 
Die einzige germanische Völkerschaft jenseit des Rheines, die schon in 
Caesars Zeit sich von ihren Landsleuten getrennt und unter römische 
Schutz gestellt hatte, die Ubier hatten vor dem Haft ihrer erbitterten 
Stammgenossen weichen und auf dem römischen Ufer Schutz und 
neue Wohnsitze suchen müssen (716); Agrippa, obwohl persönlich ts 
in Gallien anwesend, hatte unter dem Druck des damals bevorstehen- 
den sicUischen Krieges nicht vermocht ihnen in anderer Weise zu 
hdfen und den Rhein nur überschritten, um die Ueberführung zu be- 
wirken. Aus dieser ihrer Siedelung ist später unser Köln erwachsen. 
Nicht blols die auf dem rechten Rheinufer Handel treibenden Römer 
wurden vielfältig von den Germanen geschädigt, so dafs sogar im 
J. 729 deüswegen ein Vorstols über den Rhein ausgeführt ward und ss 
Agrippa im J. 734 vom Rhein herübergekommene germanische so 
Schwärme aus Gallien hinauszuschlagen halte; es gerieth im J. 738 i6 
das jenseitige Ufer in eine allgemeinere auf einen Einbruch in grofsem 
Halsstab hinauslaufende Bewegung. Die Sugambrer an der Ruhr louiu 
gingen voran, mit ihnen ihre Nachbaren, nördlich im Lippethal die ' ^*' 
Usiper, südlich die Tencterer; sie griffen die bei ihnen verweilenden 
römischen Händler auf und schlugen sie ans Kreuz, überschritten 
dann den Rhein, plünderten weit und breit die gallischen Gaue, und 
als ihnen der Statthalter von Germanien den Legaten Marcus Lol- 
lius mit der fünften Legion entgegenschickte , fingen sie erst deren 
Reiterei ab und schlugen dann die Legion selbst in schimpfliche Flucht, 



24 ACHTES BUCH. KAPITEL L 

wobei ihnen sogar deren Adler in die Hände fiel. Nach allem diesem 
kehrten sie unangefochten zurück in ihre Heimath. Dieser BliÜBerfolg 
der römischen Waffen, wenn auch an sich nicht von Gewicht« war doch 
der germanischen Bewegung und selbst der schwierigen Stimmung in 
Gallien gegenüber nichts weniger als unbedenklich ; Augustus selbst 
ging nach der angegriffenen Provinz und es mag dieser Vorgang wohl 
die nächste Veranlassung gewesen sein zur Aufnahme jener groCsen 

15 Offensive, die mit dem raetischejD Krieg 739 beginnend weiter zu den 
Feldzügen des Tiberius in lilyricum und des Drusus in Germanien 
führte. 
Drunt fw Noro Cldudius Drusus, geboren im J. 716 von Livia im Hause 
^t™«^' ihres neuen Gemahls, des späteren Augustus und von diesem gleich 
^"'^' einem Sohn — die bösen Zungen sagten als sein Sohn — ge- 
liebt und gehalten, ein Bild männlicherSchönheit und von gewinnender 
Anmuth im Verkehr, ein tapferer Soldat und ein tüchtiger Feldherr, 
dazu ein erklärter Lobredner der alten republikanischen Ordnung und 
in jeder Hinsicht der populärste Prinz des kaiserlichen Hauses, übernahm 

13 bei Augustus Rückkehr nach Italien (741) die Verwaltung von Gallien 
und den Oberbefehl gegen die Germanen, deren Unterwerfung jetzt 
ernstlich in das Auge gefafst ward. Wir vermögen weder die Stärke 
der damals am Rhein stehenden Armee noch die bei den Germanen 
obwaltenden Zustände genügend zu erkennen ; nur das tritt deutlich 
hervor, dafs die letzteren nicht im Stande waren dem geschlossenen 
Angriff in entsprechender Weise zu begegnen. Das Neckargebiet, ehe- 
mals von den Helvetiern besessen (2, 166), dann lange Zeit streitiges 
Grenzland zwischen ihnen und den Germanen, lag verödet und be- 
herrscht einerseits durch die jüngst unterworfene Landschaft der 
Vindeliker, andrerseits durch die römisch gesinnten Germanen um 
Stralsburg, Speier und Worms. Weiter nordwärts in der oberen Main- 
gegend safsen die Harcomanen, vielleicht der mächtigste der suebischen 
Stämme, aber mit den Germanen des Mittelrheins seit Alters her ver- 
feindet. Nordwärts des Mains folgten zunächst im Taunus die Chatten, 
weiter rheinabwärts die schon genannten Tencterer, Sugambrer und 
Usiper; hinter ihnen die mächtigen Cherusker an der Weser, aufser- 
dem eine Anzahl Völkerschaften zweiten Ranges. Wie diese mittel- 
rheinischen Stämme, voran die Sugambrer, jenen Angriff auf das 
römische Gallien ausgeführt hatten, so richtete sich auch der Ver- 
geltungszug des Drusus hauptsächlich gegen sie, und sie auch verbau- 



IIORDGBBNZB ITALIENS ' 25 

den sich gegen Drusos zar gemeinschaftlichen Abwehr und zur Auf- 
stellang eines aus dem Zuzug aller dieser Gaue zu bildenden Volks* 
heers. Aber die friesischen Stamme an der Nordseeküste schlössen 
sich nicht an, sondern verharrten in der ihnen eigenen Isolirung. 

Es waren die Germanen, die die Offensive ei^iffen. Die Sugam- 
brer und ihre Verbündeten griffen wieder alle Römer auf, deren sie 
auf ihrem Ufer habhaft werden konnten, und schlugen die Centurionen 
darunter, ihrer zwanzig an der Zahl, ansKreaz. Die verbündeten Stämme 
beschlossen abermals in Gallien einzufallen und theilten auch die Beute 
im Voraus — die Sugambrer sollten die Leute, die Cherusker die 
Pferde, die suebischen Stamme das Gold und Silber erhalten. So ver« 
sachten sie im Anfang des J. 742 wieder den Rhein zu überschreiten is 
und hofften auf die Unterstützung der linksrheinischen Germanen 
und selbsl auf eine Insurrection der eben damals durch das unge- 
wohnte Sohätzungsgeschäft erregten gallischen Gaue. Aber der junge 
Feldherr traf seine Maisregeln gut: er erstickte die Bewegung im 
römischen Gebiet, noch ehe sie recht in Gang kam, warf die Eindrin* 
genden bei dem Flufsübergang selbst zurück und ging dann seinerseits 
über den Strom, um das Gebiet der Usiper und Sugambrer zu brand* 
schätzen. Dies war eine vorläufige Abwehr; der eigentliche Kriegs- 
plan, in grdfserem Stil angelegt, ging aus von der Gewinnung 
der Nordseeküste und der Mündungen der Ems und der Eibe. Der 
zahbreiche und tapfere Stamm der Bataver im Rheindelta ist, allem 
Anschein nach damals und durch gütliche Vereinbarung, dem römischen 
Reiche einverleibt worden; mit ihrer Hülfe wurde vom Rheine zum 
Zuydersee und aus diesem in die Nordsee eine Wasserverbindung her- 
gestellt, welche der Rheinflotte einen sichreren und kürzeren Weg zur 
Ems- und Elbemündung eröffnete. Die Friesen an der Nordküste 
folgten dem Beispiel der Bataver und fQgien sich gleichfalls der Fremd- 
herrschaft Es war wohl mehr noch die mafshaltende Politik als die 
militärische Uebergewalt, die hier den Römern den Weg bahnte : diese 
Völkerschaften blieben fast ganz steuerfrei und wurden zum Kriegs- 
dienst in einer Weise herangezogen, die nicht schreckte, sondern 
lockte. Von da ging die Expedition an der Nordseeküste hinauf; im 
offenen Meer wurde die Insel Burchanis (vielleicht Borkum vor Ost- 
friedand) mit stürmender Hand genommen, auf der Ems die Bootflotte 
der Bructerer von der römisclien Flotte besiegt; bis an die Mündung 
der Weser zu den Chaukem ist Drusus gelangt. Freilich gerieth die 



26 ACHTES BUCH. KAPITEL I. 

Flotte heimkehrend auf die gefährlichen und unbekannten Watten und 
wenn die Friesen nicht der schiffbrüchigen Armee sicheres Geleit ge- 
währt hätten, wäre sie in sehr kritische Lage gerathen. Nichtsdesto- 
weniger war durch diesen ersten Feidzug die KQste von der Rhein- 
Eur üVesermündung römisch geworden. 

Nachdem also die Küste umfafst war, begann im nächsten Jahr 

11 (743) die Unterwerfung des Binnenlandes. Sie wurde wesentlich er- 
leichtert durch den Zwist unter den mittebheinischen Germanen. Zu 
dem im Jahre vorher versuchten Angriff auf Gallien hatten die Chatten 
den versprochenen Zuzug nicht gestellt; in begreiflichem, aber noch 
viel mehr unpolitischem Zorn hatten die Sugambrer mit gesammter 
Hand das Chattenland überfallen, und so wurde ihr eigenes Gebiet so 
wie das ihrer nächsten Nachbaren am Rhein ohne Schwierigkeit von den 
Römern besetzt. Die Chatten unterwarfen sich dann den Feinden ihrer 
Feinde ohne Gegenwehr; nichts desto weniger wurden sie angewiesen 
das Rheinufer zu räumen und dafür dasjenige Gebiet zu besetzen, das 
bis dahin die Sugambrer inne gehabt hatten. Nicht minder unterlagen 
weiter landeinwärts die mächtigen Cherusker an der mittleren Weser. 
Die an der unteren sitzenden Chauker wurden, wie ein Jahr zuvor von 
der Seeseite, so jetzt zu Lande angegriffen und damit das gesammte 
Gebiet zwischen Rhein und Weser wenigstens an den militärisch ent- 
scheidenden Stellen in Besitz genommen. Der Rückweg wäre aller- 
dings, eben wie im vorigen Jahre, fast verhängnifsvoll geworden; bei 
Arbalo (unbekannter Lage) sahen sich die Römer in einem Engpafs von 
allen Seiten von den Germanen umzingelt und ihrer Verbindungen ver- 
lustig; aber die feste Zucht der Legionare und daneben die übermüthige 
Siegesgewifsheit der Deutschen verwandelten die drohende Niederlage 

10 in einen glänzenden Sieg ^). Imnächsten Jahr (744) standen die Chatten 
auf, erbittert über den Verlust ihrer alten schönen Heimstatt; aber jetzt 
blieben sie ihrerseits allein und wurden nach hartnäckiger Gegenwehr 
und nicht ohne empfindb'chen Verlust von den Römera überwältigt 

9 (745). Die Harcomanen am oberen Main, die nach der Einnahme des 
Chattengebiets zunächst dem Angriff ausgesetzt waren, wichen ihm aus 
und zogen sich rückwärts in das Land der Boier, das heutige Böhmen, 
ohne von hier aus, wo sie dem unmittelbaren Machtkreise Roms ent- 



>) Dafs die Schlacht bei Arbalo (Plinius h. b. 1], 17, 55) in dieses Jahr 
Sebört, zeigt Obseqoeos 72 and also geht auf sie die Eraählaog bei Dio 54, 33. 



nOBDGBENZB ITALIBN0. 27 

r&ckt waren, in die Kämpfe am Rhein einzugreifen. In dem ganzen 
fielet zwischen Rhein und Weser war der Krieg zu Ende. Drusus 
konnte im J. 745 im Cheruskergau das rechte Weserufer betreten und « 
▼on da vorgehen bis an die Elhe, die er nicht überschritt, yermuthlich 
angewiesen war nicht zn fiberschreiten. Manches harte Gefecht wurde ge- 
heuert, erfolgreidier Widerstand nirgends geleistet. Aber auf dem RQck* !>»■« Tod 
weg, der wie es scheint die Saale hinauf und von da zur Weser ge- 
nommen ward, traf die Römer ein schwerer Schlag, nicht durch den 
Feind, aber durch einen unberechenbaren Unglficksfall. Der Feldherr 
stürzte mit dem Pferd und brach den Schenkel; nach dreilkigtigigen 
Laden verschied er in dem fernen Lande zwischen Saale und Weser ^), 
das nie vor ihm eine römische Armee betreten hatte, in den Armen 
des ans Rom heriieigeeilten Rruders, im dreißigsten Jahre seines Alters, 
im Vollgefühl seiner Kraft uad seiner fiifolge, von den Seinigen und 
dem ganzen Volke tief und lange betrauert, vielleicht glücklich zu 
preisen, weil die Götter ihm gaben jung aus dem Leben zu schaden 
und den Enttiuschungen und Bitterkeiten zu entgehen, welche die 
HödistgBStellten am schmerzlichsten treffen, wfthrendin der Erinnerung 
der Welt noch heute seine glänzende Heldengestalt fortlebt. 

In dem groften Gang der Dinge änderte, wie billig, der Tod des roviftahmg 
tüchtigen Feldherm nichts. Sein Bruder Tiberius kam früh genug, ''dii^h'^ 

Tib«iius. 



*) Dafs der Sturz des Drnsns in der Saalegegend erfolgte, wird aas 
Strabon 7,1,3 p. 291 sefolgert werden dwfeo, obwohl er aar sagt, dafs er 
aaf den Heerxoge swiscben Salas und Rhein amkam and die Identification dea 
Salaa mit der Saale allein anf der PlamensäbnUchkeit beruht Von der Un- 
gloekiatatte wurde er dann bis in das Sommerlager transportirt (Seneca cons. 
ad Marciam 8: ipsis ülum hostünu aegrum cum veneratione et pace mutua 
prosequentibus nee opiare quod expeditbat audentibus) and in diesem ist er 
geatorbeD (Saelon Clavd. 1). Dies lag tief im Barbarenland (Valerios Max. 
5, 5, 3) und nicht allzuweit von dem ScbUchtfelde des Vama (Taeitus ann. 
1, 7, wo die v^tus araDruso nta gewirs auf den Sterbeplatz zu beziehen ist); 
man wird dasselbe im Wesergebiet suchen dürfen. Die Leiche wurde dann in 
das Winterlager geschalft (Dio 55, 2) und dort verbrannt; diese Statte galt 
nach romisdiem Gebranch auch als Grabstatte, obwohl die Beisetzung der 
Asche in Rom atattfand, und darauf ist der honorarim tumuku mit der jahr- 
lichen Leichenfeier zu beziehen (Sueton a. a. 0.)* Wahrscheinlich hat man dessen 
Statte in Vetera zu Sachen. Wenn ein späterer Schriftsteller (Eutrop 7, 13) von 
dem monumefdum des Drusus bei Mainz spricht, so ist dies nicht wohl das Grab- 
mal, sondern das anderweitig erwühote Tropaenm (Piorus 2, 80: Mareomanorum 
speiü» et insigjttbus quenäam edUum tumuiwn in tropaei modum exeohnt). 



28 ACHTES BUCH. KAPITEL I. 

nicht blofs um ihm die Augen zuzudrücken, sondern audi um mit 
seiner sicheren Hand das Heer zurück und die Eroberung Germaniens 
weiter zu fuhren. Er commandirte dort während der beiden folgenden 
8. 7 Jahre (746. 747); zu gröDseren Kämpfen ist es während derselben nidit 
gekommen, aber weit und breit zwischen Rhein und Elbe zeigten sich die 
römischen Truppen und als Tiberius die Forderung stellte, dafis sämmt- 
liche Gaue die römische Herrschaft förmlich anzuerkennen hätten und 
zugleich erklärte die Anerkennung nur von sämmtlichen Gauen zugleich 
entgegennehmen zu können, fügten sie sich ohne Ausnahme, zuletzt 
von allen die Sugambrer, für die es freilich einen wirklichen Frieden 
nicht gab. Wie weit man militärisch gelangt war, beweist die wenig 
später fallende Expedition des Lucius Domitius Ahenobarbus. Dieser 
konnte als Statthalter von Illyricum, wahrscheinlich von Vindeliden aus, 
einem unsteten Hermundurenschwarm im Marcomanenlande selbst 
Sitze anweisen und gelangte bei dieser Expedition bis an und über die 
obere Elbe, ohne auf Widerstand zu treffen^). Die Marcomanen in 
Böhmen waren völh'g isolirt und das übrige Germanien zwischen Rhein 
und Elbe eine wenn auch noch keineswegs befriedete römische Provinz. 
La^ram Die militärisch -politische Organisation Germaniens, wie sie da- 

Bheinafer. mals angelegt ward, vermögen wir nur unvollkommen zu erkennen, 
da uns einmal über die in früherer Zeit zum Schutz der gallischen 
Ostgrenze getroffenen Einrichtungen jede genaue Kunde fehlt, andrer- 
seits diejenigen der beiden Brüder durch die spätere Entwickelung der 
Dinge grolsentheils zerstört worden sind. Eine Verlegung der römi- 
schen Grenzhut vom Rhein weg hat keineswegs stattgefunden; so weit 
wollte man vielleicht kommen, aber war man nicht. Aehnlich wie in 
Illyricum damals die Donau, war die Elbe wohl die politische Reichs- 
gi*enze, aber der Rhein die Linie der Grenzvertheidigung, und von den 
Rheinlagern liefen die rückwärtigen Verbindungen nach den grofsen 
Städten Galliens und nach dessen Häfen'). Das grofse Hauptquartier 



1) Die Mittheilaog Dios 55, 10», ZQm Theil bestätigt durch Tacltas ann. 
4, 44, kaoo oieht aoders aofgefasst werden. Diesem Stalthalter mnfs aosnahms- 
weise aneh Noricnm und Raetiea uoterstellt gewesen seio oder der Lanf der 
Operatioaeo veraalafste ihn die Grenze seiner Statthalterschaft zn überschreiten. 
Dafs er BSbmen selbst durchschritten habe, was in noch gri^fsere Schwierigkeiten 
verwickeln würde, fordert der Bericht nicht. 

') Anf eine rückwärtige Verbindung der Rhetnlager mit dem Hafen von 
Boulogne dürfte die viel bestrittene Notiz des Fiorns 2,30 zn beziehen seinx 



nORDGBElfZB ITALIENS. 29 

wUirend dieser FeldzQge ist das spätere sogenannte ^Ite Lager', Castra 
vetera (Birten bei Xanten), die erste bedeutende Höhe abwärts Bonn am 
linken Rheinufer, militärisch etwa dem heutigen Wesel am rechten ent- 
sprechend. Dieser Platz, besetzt Tielleicht seit den Anfangen der Römer- 
herrscbait am Rhein, ist von Aognstus eingerichtet woixlen als Zwingburg 
für Germanien; und wenn die Festung zu allen Zeiten der Stützpunct 
für die römische Defensive am linken Rheinufer gewesen ist, so war sie 
für die Inyasion des rechten nicht weniger wohl gewählt, gelegen ge- 
genüber der Mündung der weit hinauf schiffbaren Lippe und mit dem 
rechten Ufer durch rine feste Brücke yerbunden. Den Gegensatz zu 
diesem ^alten Lager* an der Mündung der Lippe bildete wahrscheinlich 
das an der Mündung des Main , Mogontiacum , das heutige Mainz, 
allem Anschein nach eine Schöpfung des Drusus; wenigstens zeigen die 
schon erwähnten den Chatten auferlegte Gebietsabtretungen, so wie die 
weiterhin zu erwähnenden Anlagen im Taunus, dafs Drusus die 
militärische Wichtigkeit der Mainiinie und also auch die ihres Schlüs- 
sels auf dem linken Rheinufer deutlich erkannt hat. Wenn das Le- 
gioüslager an der Aar, wie es scheint, eingerichtet worden ist um die 
Raeter und Yindeliker im Gehorsam zu erhalten (S. 17), so fallt dessen 
Anlage Termuthlich schon in diese Zeit, aber es ist dann auch mit den 
gallisch -germanischen Militäreinrichtungen nur äufsertich verknüpft 
gewesen. Das StraXsburger Legionslager reicht schwerlich bis in so frühe 
Zeit hinauf. Die Basis der römischen Heerstellung bildet die Linie 
Ton Mainz bis Wesel. Dafs Drusus und Tiberius, abgesehen von der 
damals nicht mehr kaiserlichen narbonensischen Provinz, sowohl die 
Statthalterschaft von ganz Gallien wie auch das Commando der sämmt- 
lichen rheinischen Legionen gehabt haben, ist ausgemacht; von diesen 
Prinzen abgesehen mag damals wohl die Civilverwaltung Galliens von 
dem Commando der Rheintruppen getrennt gewesen sein, aber schwer- 
lich war das letztere damals schon in zwei coordinirte Commandos ge- 



Bamam (oder Bitrmam) H Gessoriaewn pontibus ümwü ekus&usqM ßmtavä, 
wonit XU vergleichen find die von demselbeB Sehrifuteller erwäboteo Caetelle 
■A der Maas. Bodo kenn damals fUgpIich die Statioo der Rheinflotte gewesen 
sein; Bonlogne ist aneh in späterer Zeit noch Flottenstation gewesen. Dmsns 
konnte wohl Veraolassong haben den kürzesten nnd sichersten Landweg 
swischen den beiden Flotten lagern für Transporte branchbar zu machen, wenn 
aneh der Schreiber wahrscheinlich, nm das Anffallende bemnht, dnreh znge* 
spitzte Ansdrnckaweise Vorstellungen erweckt, die so nicht richtig sein können. 



30 ACHTES BUCH. KAPITEL 1. 

theilt^). — Ueber den Bestand der damaligen Rheinannee können wir 
nur etwa sagen, daDs die Armee des Drusus schwerlich starker, ml* 
leicht geringer war als die, welche zwanxig Jahre später in Germanien 
stand, Yon fünf bis sechs Legionen, etwa 50000 bis 60000 Bfann. 
B^«"n»sen Dicscn militärischen Einrichtungen am linken Rheinufer sind die 

Rheinufer. am rechtcu getroffenen correlat. Zunächst nahmen die Römer dieses 
selbst in Besitz. Es traf dies vor allem die Sugamhrer, wobei allerdings 
die Vergeltung für den erbeuteten Adler und die ans Kreuz geschlage- 
nen Centurionen mitgewirkt hat Die zur Erklärung der Unterwerfung 
abgesandten Boten, die YomehBisten der Nation, wurden gegen das 
Völkerrecht als Kriegsgefangene behandelt und kamen in den italischen 
Festungen elend um. Von der Masse des Volkes wurden 40000 Köpfe 
aus ihrer Heimath entfernt und auf dem gallischen Ufer angesiedelt, wo 
sie später vielleicht unter dem Namen der Cugemer begegnen. Nur 
ein geringer und ungeföhrlicher Ueberrest des mächtigen Stammes 
durfte in den alten Wohnsitzen bleiben. Auch suehische Haufen sind 
nach Gallien öbergefOhrt, andere Völkerschaften weiter kndeinwärts 
gedrängt worden, wie die Marser und ohne Zweifel auch die Chatten; 
am Mittelrhein wurde überall die eingeborene Bevölkerung des rechten 
Ufers verdrängt oder doch geschwächt. Längs dieses Rheinufers wur- 
den femer befestigte Posten, fünfzig an der Zahl, eingerichtet Vorwärts 
Mogontiacum wurde das den Chatten abgenommene Gebiet, seitdem 
der Gau der Mattiaker bei dem heutigen Wiesbaden, in die römischen 
Linien gezogen und die Höhe des Taunus stark befestigt'). Vor allem 

^) lieber die admiDistrative Theiluns Galliens fehlt es, abgeselieD voo der 
AbtreDDQos der Narbooeasis, an alleo Nachrichtea, da sie aar auf kaiserlichen 
Verfoffiuigen berahte and darüber nichts in die Senatsprotokolle kam. Aber 
Ton der Existenz eines gesonderten ober- and antergernanischen Conmandos 
geben die erste Rande die Feldzöge des Gernanicna, and die Varasschlaeht ist 
unter jener Voransaetzong kaum za verstehen ; hier erscheinen wohl die At- 
berna ü{ferioray die von Vetera (Velleius 2, 120), und den Gegensatz daza, 
die iuperiora können nur die von Mainz gemacht haben, aber auch diese stehen 
nieht anter einem GoUegen, sondern anter dem Neflfen, also einem Unterbefehls- 
haber des Varas. Wahrscheinlich hat die Theilaag erat in Folge der Nieder* 
läge in den letzten Jahren des Aagostos stattgefunden. 

>) Das von Drasna m moii^e Tauno angelegte praesidhtm (Tacitus ann. 
1, 66) and das mit Aliso zusammengestellte ipQovQtcv iv Xanoi^s nttq* autf 
tf *Pivqi (Dio 64, 33) sind wahrseheinlioh identisch, und die besondere Stel- 
lung des Mattiakergaas hängt augenseheinlich mit der Anlage von Mogontiaeoa 



NORIMJRBNZB ITALIENS. 31 

aber wurde yonVetera aus die Lippelinie in Besitz genommen ; von der 
doppelten von Tagemarsch zu Tagemarsch mit Castelien besetzten Mili- 
tärstraDBe an den beiden Ufern des Flusses ist wenigstens die rechts- 
oferige sieber ebenso das Werk des Drusus wie dies bezeugt ist von der 
Festung Aliso im Quellgebiet der Lippe, wahrscheinlich dem heutigen 
Dorfe Elsen unweit Paderborn *). Dazu kam der schon erwähnte Kanal 
Ton der Rheinmundung zum Zuidersee und ein von Lucius Domitius 
Ahenobarbus durch das sumpfige Flachland zwischen der Ems und dem 
Unterrhein gezogener Damm, die sogenannten 'langen Brücken'. 
Aulserdem standen durch das ganze Gebiet zerstreut einzelne römische 
Posten; dergleichen werden späterhin erwähnt bei den Friesen und den 
Ghaukem« und in diesem Sinne mag es richtig sein,dals die römischen 
Besatzungen bis zur Weser und bis zur Elbe reichten. Endlich lagerte 
das Heer wohl im Winter am Rhein, im Sommer aber, auch wenn 
nicht eigentlich Expeditionen unternommen wurden, durchgängig im 
eroberten Lande, in der Regel bei Aliso. 

Aber nicht bloÜB militärisch richteten die Römer in dem neuge- orgs]iiMtio& 
wonnenen Gebiet sich ein. Die Germanen wurden angehalten wie olnmi»! 

>) D&r» das 'Castell am Znsammenflofs des Lnpias ond des Helison' 
bei Dio 54, SS identiseh ist mit dem 6fter gensoDtea Aliso und dies ao der 
oberen Lippe gesiicht werden ttnTs, ist keioem Zweifel unterworfen, und dafs 
das römische Winterlaser an den Lippeqoellen {ad caput Lupime Velleins 2, 
]U5), Dnseres Wisseos das einzige derartige auf germanischem Boden, eben 
dort zn suchen ist, wenigstens sehr wahrscheinlich. Dafs die beiden an der 
Lippe hin laofenden RSmerstrafsen nnd deren befestigte Marsehlager wenigstens 
bis in die Gegend von lippsUdt fährten, haben namentlich HSlxermanns Unter- 
sodraogea dargethan. Die obere Lippe hat n«r einen namhaften Zoflnls, die 
Alme, und da anweit der Mündnng dieser in die Lippe das Dorf Elsen liegt, 
so darf hier der Namensaholichkeit einiges Gewicht beigelegt werden. — Der 
AosetzoBg von Aliso an der Mündung der Glenne (und Liese) in die Lippe, 
welche unter andern Schmidt vertritt, steht vornehmlich entgegen, dafs das 
Lager ad eaptä Lupiae dann von Aliso verschieden gewesen sein mufs, iiber- 
haopt dieser Punkt von der Weserlioie zu weit abliegt, während von Bisen 
aus der Weg geradezu durch die Dörenschlucht in das Werrathal fuhrt Ueher- 
haupt bemerkt Schmidt (Westfälische Zeitschrift fdr Gesch. und Alterthums- 
künde 20 S. 259), kein Anhänger der Identification von Aliso ond Elsen, 
dafs die Höhen von Wever (unweit Elsen) und iiberhaupt der linke Thalrand 
der Alme der Mittelpunkt eines Halbkreises sind, welchen die vorliegeadea 
Gebirge bilden nnd diese hoehgelegene, trockene, bis sn dem Gebirge eine 
genaue Uebersicht gestattende Gegend, welche das ganze lippische Land deckt 
und selbst in der Front durch die Alme gedeckt ist, sich got eignet zum Aus- 
gangspunkt eines Zuges gegen die Weser. 



32 ACHTES BUCH. KAPITEL I. 

andere ProWnzialen von dem römischen Statthalter Recht zu nehmen 
und die Sommerexpeditionen des Feldherm entwickelten sich allmäh- 
lich zu den ühlichen Gerichtsreisen des Statthalters. Anklage und Ver- 
theidigung der Angeschuldigten fand in lateinischer Zunge statt; die 
römischen Sachwalter und Rechtsbeist&nde begannen wie diesseit so 
jenseit des Rheines ihre überall schwer empfunden«, hier die solcher 
Dinge ungewohnten Barbaren tief erbitternde Wirksamkeit. Es fehlte 
viel zur Tölligen Durchführung der provinzialen Einrichtung; an förm- 
liche Umlage der Schätzung, an regulirle Aushebung für das römische 
Heer ward noch nicht gedacht. Aber wie der neue Ganverband eben 
jetzt in Gallien im Anschlufs an die daselbst eingefährte göttliche Ver- 
ehrung des Monarchen eingerichtet ward, so wurde eine ähnliche Ein- 
richtung auch in dem neuen Germanien getroffen; alsDrusus für Gallien 
den Augustusaltar in Lyon weihte , wurden die zuletzt auf dem linken 
Rheinufer angesiedelten Germanen, die Ubier, nicht in diese Vereini- 
gung aufgenommen, sondern in ihrem Hauptort, der der Lage nach für 
Germanien ungefähr war, was Lyon für die drei Gallien, ein gleicharti- 
ger Altar für die germanischen Gaue errichtet, dessen Priesterthum 
im Jahre 9 der junge Cheruskerfürst Segimundus, des Segestes Sohn, 
verwaltete. 
Tib«riu Den vollen militärischen Erfolg brach oder unterbrach doch die 

TOB Ober- kaiserliche Familienpolitik. Das Zerwürfnifs zwischen Tiberius und 
^'*^^'e seinem Stiefvater fahrte dazu, dafs jener im Anfang des J. 748 das 
Commando niederlegte. Das dynastische Interesse gestattete es nicht 
umfassende militärische Operationen anderen Generalen als Prinzen des 
kaiserlichen Hauses anzuvertrauen; und nach Agrippas und Drusus Tod 
und Tiberius Rücktritt gab es fähige Feldherrn in demselben nicht 
Allerdings werden in den zehn Jahren, wo Statthalter mit gewöhn- 
licher Befugnifs in lilyricum und in Germanien schalteten, die mili- 
tärischen Operationen daselbst wohl nicht so vollständig unterbrochen 
worden sein, wie es uns erscheint, da die höfisch gefärbte Ueberlie- 
fernng über die mit und die ohne Prinzen geführten Campagnen nicht 
in gleicher Weise berichtet; aber das Stocken ist unverkennbar, und 
dieses selbst war ein Rückschritt. Ahenobarbus, der in Folge seiner 
Verschwägerung mit dem kaiserlichen Hause — seine Gattin war die 
Schwestertochter Augusts — friere Hand hatte als andere Beamte und 
der in seiner illyrischen Statthalterschaft die Elbe überschritten hatte, 
ohne Widerstand zu finden, erntete später als Statthalter Germaniena 



NOBDGBENZB ITALIBNS. 33 

dort keine Lorbeeren. Nicht bloDs die Erbitterung, auch der Muth der 
Germanen waren wieder im Steigen und im J. 2 erscheint das Land 
wieder im Aufstand, die Cherusker und die Chauker unter den Waffen. 
Inzwischen hatte am Kaiserhofe der Tod sich in's Mittel geschlagen 
und der Wegfall der jungen Söhne des Augustus diesen und Tiberius 
ausgesöhnt Kaum war diese Versöhnung durch die Annahme an Tiberiu 
Kindesstatt besiegelt und prockmirt (J. 4), so nahm Tiberius das owlua- 
Werk da wieder auf, wo es unterbrochen worden war, und führte ^" 
abermals in diesem und den beiden folgenden Sommern (J. 5 — 6) die 
Heere über den Rhein. Es war eine Wiederholung und Steigerung 
der früheren Feldzüge. Die Cherusker wurden im ersten Feldzug, 
die Chauker im zweiten zum Gehorsam zurückgebracht; die den Ba- 
tavern benachbarten und an Tapferkeit nicht nachstehenden Can- 
nenefaten, die im Quellgebiet der Lippe und an der Ems sitzenden 
Bructerer und andere Gaue mehr unterwarfen sich, ebenso die hier 
zuerst erwähnten mächtigen Langobarden, damals hausend zwischen 
der Weser und Elbe. Der erste Feldzug führte über die Weser hinein in 
das Innere; in dem zweiten standen an der Elbe selbst die römischen 
Legionen dem germanischen Landsturm am andern Ufer gegenüber. 
Vom J. 4 auf 5 nahm, es scheint zum ersten Mal, das römische Heer 
das Winterlager auf germanischem Boden bei Aliso. AUes dies wurde 
erreicht ohne erhebliche Kämpfe; die umsichtige Kriegführung brach 
nicht die Gegenwehr, sondern machte sie unmöglich. Diesem Feld- 
herm war es nicht um unfruchtbare Lorbeeren zu thun, sondern um 
dauernden Erfolg. Nicht minder wurde die Seefahrt wiederholt; wie 
die erste Gampagne des Drusus, so ist die letzte des Tiberius aus- 
gezeichnet durch die Beschiffung der Nordsee. Aber die römische 
Ftotte gelangte diesmal weiter: die ganze Küste der Nordsee bis zum 
Vorgebirge der Cimbrer, das helfot zur jütischen Spitze, ward von ihr 
erirandet und sie vereinigte sich dann, die Elbe hinauffahrend, mit dem 
an dieser aufgestellten Landheer. Diese zu überschreiten hatte der 
Kaiser ausdrücklich untersagt; aber die Völker jenseits der Eibe, die 
eben genannten Cimbrer im heutigen Jütland, die Charuden südlich 
von ihnen, die mächtigen Semnonen zwischen Elbe und Oder traten 
woaigstens in Beziehung zu den neuen Nachbarn. 

Man konnte meinen am Ziel zu sein. Aber eines fehlte doch noch FMiamg 
zur Herstellung des eisernen Ringes, der Groüsdeutschland umklammem ^S^, 
sollte: es war die Herstellung der Verbindung zwischen der mittleren 

Mommsen, rom. Oesehiehte. Y. 3 



34 ACHTES SUCH. KAPITEL I. 

Donau and der oberen Elbe, die Besitznahme des alten Boierheims, das 
in seinem Bergkranz gleich einer gewaltigen Festung zwischen Noricum 
und Germanien sich einschob. Der König Maroboduus, aus edlem 
Marcomanengeschlecht, aber in jungen Jahren durch längeren Aufent- 
halt in Rom eingeführt in dessen straffere Heer- und Staatsordnung, 
hatte nach der Heimkehr, vielleicht während der ersten Feldzage 
des Drusus und der dadurch herbeigeführten Uebersiedelung der Marco- 
manen vom Main an die obere Elbe, sich nicht bloCs zum Fürsten seines 
Volkes erhoben, sondern auch diese seine Herrschaft nicht in der 
lockeren Weise des germanischen Königthums, sondern man möchte 
sagen nach dem Muster der augustischen gestaltet Aulser seinem 
eigenen Volk gebot er über den mächtigen Stamm der Lugier (im 
heutigen Schlesien) und seine Clientel mufs sich über das ganze Gebiet 
der Elbe erstreckt haben, da die Langobarden und die Semnonen ab ihm 
unterthäm'g bezeichnet werden. Bisher hatte er den Römern wie den 
übrigen Germanen gegenüber völlige Neutralität beobachtet; er ge- 
währte wohl den flüchtigen Römerfeinden in seinem Lande eine Frei- 
statt, aber thätig mischte er sich in den Kampf nicht, nicht einmal, als 
die Hermunduren von dem römischen Statthalter auf marcomanischem 
Gebiet Wohnsitze angewiesen erhielten (S. 28) und als das linke Eib- 
ufer den Römern botmäfsig ward. Er unterwarf sich ihnen nicht, aber 
er nahm alle jene Vorgänge hin, ohne darum die freundlichen Bezie- 
hungen zu den Römern zu unterbrechen. Durch diese gewiCs nicht 
grofsartige und schwerlich auch nur kluge Politik hatte er erreicht als 
der letzte angegri£fen zu werden; nach den vollkommen gelungenen 
germanischen Feldzügen der Jahre 4 und 5 kam die Reihe an ihn. 
Von zwei Seiten her, von Germanien und Noricum aus rückten die 
römischen Heere vor gegen den böhmischen Bergring; den Main hin- 
auf, die dichten Wälder vom Spessart zum Fichtelgebirge mit Axt und 
Feuer lichtend, ging Gaius Sentius Satuminus, von Camuntum aus, 
wo die illyrischen Legionen durch den Winter 5 auf 6 gelagert hatten, 
Tiberius selbst gegen die Marcomanen vor; die beiden Heere, zu- 
sammen zwölf Legionen, waren den Gegnern, deren Streitmacht auf 
70 000 Mann zu Fufs und 4000 Reiter geschätzt wurde, schon der Zahl 
nach fast um das Doppelte überlegen. Die umsichtige Strategik des 
Feldherm schien den Erfolg auch diesmal völlig sichergestellt zu haben, 
als ein plötzlicher Zwischenfall den weiteren Vormarsch der Römer 
unterbrach. 



ffORDGREEIZE ITALIBIfS. 35 

Die dalmatinischen Völkerschaften und die pannonischen wenigstens Daimatiieh- 
des Savegebietes gehorchten seit kurzem den römischen Statthaltern ;nu£^«''Aiij. 
aber sie ertrugen das neue Regiment mit immer steigendem Groll, vor "^^ 
allem wegen der ungewohnten und schonungslos gehandhabten Steuern. 
Als Tiberius spater einen der Führer nach den Gründen des Abfalls 
fragte, antwortete ihm dieser, es sei geschehen, weil die Römer ihren 
Heerden zu Hütern nicht Hunde noch Hirten, sondern Wölfe setzten. 
Jetzt waren die Legionen aus Dalmaüen an die Donau geführt und die 
wehrhaften Leute aufgeboten worden, um eben dahin zur Verstärkung 
der Armeen gesendet zu werden. Diese Mannschaften machten den An- 
fang und ergriffen die Waffen nicht für, sondern gegen Rom; ihr 
Führer war ein Daesitiate (um Serajevo) Dato. Dem Beispiel folgten 
die Pannonier unter Führung zweier Breuker, eines anderen Bato und 
des Pinnes. Mit unerhörter Schnelligkeit und Eintrachügkeit erhob sich 
ganz niyricnm; auf 200000 zu Fufs und 9000 zu Pferde wurde die 
Zahl der insurgirten Mannschaften geschätzt Die Aushebung für die 
Aoxiliartruppen , welche namentlich bei den Pannoniem in bedeu- 
tendem Mafse stattfand, hatte die Kunde des römischen Kriegswesens 
zugleich mit der römischen Sprache und selbst der römischen Bildung 
in weiterem Umfkng verbreitet; diese gedienten römischen Soldaten 
bOdeten jetzt den Kern der Insurrection '). Die in den insurgirten 
Gebieten in groiser Zahl angesessenen oder verweilenden römischen 
Bürger, die Kaufleute und vor allem die Soldaten wurden überall auf- 
gegriffen und erschlagen. Wie die provinzialen Völkerschaften kamen 
auch die unabhängigen in Bewegung. Die den Römern ganz ergebenen 
Fürsten der Thraker führten allerdings ihre ansehnlichen und tapferen 
Schaaren den römischen Feldherm zu; aber vom andern Ufer der 
Donau brachen die Daker, mit ihnen die Sarmaten in Moesien ein. Das 
ganze weite Donaugebiet schien sich verschworen zu haben, um der 
Fremdherrschaft ein jähes Ende zu bereiten. 

Die Insurgenten waren nicht gemeint den Angriff abzuwarten, 



*) Das und nicht mehr tagt Velleins 2, 110: in cmräbui Pannonns non 
dUeipUnoß («a Rriegszvcht) tantummodo, sed Unguae ^aque natäia Ramanae, 
flerisque eliam läterarum usus ei famiUarU animorum erat exerdtatio. Es 
sind das dieselbaa Erscheinangea wie sie bei den CheraskerfdrsteD hegegnen, 
oor in gesteisertem Mafse; nod sie sind vollkommen begreiflich, wenn mao 
sich der von Angnstas aafgestellten panDOoisehen vnd breakischeo Alan nad 
Cohoiten erinnert. 

8» 



36 ACHTES BUCH. KAPITEL I. 

sondenoi sie planten einen Ueberfall Makedoniens und sogar Italiens. 
Die Gefehr war ernst; Ober die julischen Alpen hinüber konnten die Auf- 
ständischen in wenigen Tagen wiederum vor Aquileia und Tergeste 
stehn — sie hatten den Weg dahin noch nicht verlernt — und in zehn 
Tagen vor Rom, wie der Kaiser selbst im Senat es aussprach, aDer- 
dings um sich der Zustimmung desselben zu den umfassenden und 
drückenden militärischen Veranstaltungen zu versichern. In schleu- 
nigster Eile wurden neue Mannschaften auf die Beine gebracht und 
die zunächst bedrohten Städte mit Besatzung versehen; ebenso was 
irgendwo von Truppen entbehrlich war nach den bedrohten Punkten 
geschickt. Der erste zur Stelle war der Statthalter von Moesien Aulu» 
Caedna Severus und mit ihm der thrakische K6nig Rhoemetalkes; 
bald folgten andere Truppen aus den überseeischen Provinzen nach. 
Vor allen Dingen aber muDste Tiberius, statt in Bühmen einzudringen^ 
zurückkehren nach lUyricum. Hätten die Insurgenten abgewartet, bis 
die Römer mit Maroboduus im Kampfe lagen oder dieser mit ihnen ge- 
meinschaftliche Sache gemacht, so konnte die Lage für die Römer eine 
sehr kritische werden. Aber jene schlugen zu früh los, und dieser, getreu 
seinem System der Neutralität, liefs sich dazu herbei eben jetzt auf der 
Basis des Statusquo mit den Römern Frieden zu schliefsen. So muijste 
Tiberius zwar die Rheinlegionen zurücksenden, da Germanien unmög- 
lich von Truppen entblöüst werden konnte, aber sein illyrisches Heer 
konnte er mit den aus Moesien, Italien und Syrien anlangenden 
Truppen vereinigen und gegen die Insurgenten verwenden. In der 
Tbat war der Schrecken grö&er als die Gefahr. Die Dalmater 
brachen zwar zu wiederholten Malen in Makedonien ein und plün- 
derten die Küste bis nach Apollonia hinab; aber zu dem Einfall in 
Italien kam es nicht, und bald war der Brand auf seinen ursprüng- 
lichen Heerd beschränkt. 

Dennoch war die Kriegsarbeit nicht leicht: auch hier wie 
überall war die abermalige Niederwerfung der Unterworfenen müh- 
samer als die Unterwerfung selbst. Niemals ist in augustischer 
Zeit eine gleiche Truppenmasse unter demselben Commando ver- 
einigt gewesen; schon im ersten Kriegsjahre bestand das Heer des 
Tiberius aus zehn Legionen nebst den entsprechenden Hülfsmann- 
schaften, dazu zahlreichen freiwillig wieder eingetretenen Veteranen 
und anderen Freiwilligen, zusammen etwa 120 000 Mann; späterhin 



ffORDGRBNZB ITALIBIfS. 37 

hatte er fanftehn Legionen unter geinen Fahnen Tereinigt^). Im 
ersten Feldzug (J. 6) wurde mit sehr abwechselndem GlQck ge- 
stritten; es gdang wohl die grofsen Ortschaften, wie Siscia und Sir- 
mium, gegen dielnsui^enten zu schätzen, aber der Dalmatiner Bato focht 
ebenso hartnäckig und zum Theii glucklich gegen den Statthalter von 
Pannonien Marcus Valerius Messalla, des Redners Sohn, wie sein pan- 
nonischer Namensgenosse gegen den von Moesien Aulus Caecina. 
Vor allem der kleine Krieg machte den römischen Truppen viel zu 
schafifen. Auch das folgende Jahr (7), in welchem neben Tiberius sein 
Neffe, der junge Germanicus auf den Kriegsschauplatz trat, brachte kein 
Ende der ewigen Kämpfe. Erst im dritten Feldzug (J. 8) gelang es zu- 
nächst die Pannonier zu unterwerfen, hauptsächlich, wie es scheint, 
dadurch, daft ihr Fuhrer Bato, von den Römern gewonnen, seine 
Truppen bewog am Flufs Bathinus sammt und sonders die Waffen zu 
strecken und den Collegen im Oberbefehl Pinnes den R5mem aus- 
lieferte, wofür er von diesen als Fürst der Breuker anerkannt ward. 
Zwar traf den Verräther bald die Strafe: sein dalmatinischer Namens- 
genosse fing ihn nnd liefe ihn hinrichten, und noch einmal flackerte 
bei den Breukem der Aufstand auf; aber er ward rasch wieder erstickt 
und der Dalmater beschränkt auf die Vertheidigung der eigenen Hei- 
mat Hier hatte Germanicus und andere CorpsfAhrer in diesem wie noch 
im folgenden Jahr (9) in den einzelnen Gauen heftige Kämpfe zu be- 
stehen; in dem letzteren wurden die Pirusten (an der epirotischen 
Grenze) und der Gau, dem der Führer selbst angehörte, die Daesi- 
tiaten bezwungen, ein tapfer vertheidigtes Castell nach dem andern 
gebrochen. Noch einmal im Laufe des Sommers erschien Tiberius 



') Nimst BtB tn, dafs von dem zwölf Lef^onen, die gegen Marobo- 
doiu im Manch waren (Taeitaa ana. 2, 46) so viele, als wir bald nnehber 
in Germanien finden, also fnaf aaf dieses Heer kommen, so zählte das illy- 
risehe Heer des Tiberias sieben, aod die Zabl von sebn (Velleius 2, U3) 
kann faßlich bezog^en werden anf den Zazag ans Moesien und Italien, die 
fnofsebn auf den Znmg ans Aeg^ypten oder Syrien und auf die weiteren Ans- 
bebanfea in Italien, von wo die neu aossehobenen Lofionen zwar naeh Ger- 
manieoy aber die dadurch abgelSsteo an Tiberiiis Heer kamen. ÜnseMin 
spricht Velleias 2, 112 s^eich im Beginn des Krieges von fünf durch A. Cae* 
eina and Plautins Silvaons ex trantmarinü provmens herangeführten Le- 
gionen ; einmal konnten die öbcrseeisehen Truppen nicht sofort zar Stelle sein 
und zweitens sind die Legionen des Caecina natörlich die moesischen. Vgl. 
meines Commentar xim moa. Ancyr. ed. 2 p. 71. 



38 ACHTES BUCH. KIPITEL I. 

selbst wieder im Felde und setzte die gesammten Streitkräfte gegen 
die Reste der Insurrection in Bewegung. Auch Bato, in dem festen 
Andetrium (Much, oberhalb Salonae), seiner letzten Zufluchtstatt, von 
dem römischen Heere eingeschlossen, gab die Sache verloren. Er ver- 
lieis die Stadt, da er nicht vermochte der Verzweifelten zur Unter- 
werfung zu bestimmen, und unterwarf sich dem Sieger, bei dem er 
ehrenvolle Behandlung fand ; er ist als politischer Gefangener intemirt 
in Ravenna gestorben. Ohne den Führer setzte die Mannschaft den 
vergebliclien Kampf noch eine Zeit lang fort, bis die Römer das 
Castell mit stürmender Hand einnahmen — wahrscheinlich diesen 
Tag, den S.August, verzeichnen die römischen Kalender als den Jahres- 
tag des von Tiberius in Ulyiicum erfochtenen Sieges. 
d^^^teüM "^^^^ ^*® Daker jenseit der Donau traf die Vergeltung. Wahr- 
scheinlich in dieser Zeit, nachdem der illyrische Krieg sich zu Gunsten 
Roms entschieden hatte, führte Gnaeus Lentulus ein starkes römisches 
Heer über die Donau, gelangte bis an den Marisus (Marosch) und schlug 
sie nachdrücklich in ihrem eigenen Lande, das damals zuerst eine 
römische Armee betrat Funfzigtausend gefangene Daker wurden in 
Thrakien ansässig gemacht. 

Die Späteren haben den *ba tonischen Krieg' der J. 6 — 9 den 
schwersten genannt, den Rom seit dem hannibalischen gegen einen 
auswärtigen Feind zu bestehen gehabt hat Dem illyrischen Land hat 
er arge Wunden geschlagen; in Italien war die Siegesfreude grenzenlos, 
als der junge Germanicus die Botschaft des entscheidenden Erfolges 
nach der Hauptstadt überbrachte. Lange hat der Jubel nicht gewährt; 
fast gleichzeitig mit der Kunde von diesem Erfolg kam die Nachricht 
von einer Niederlage nach Rom, wie sie Augustus in seiner fünfzig- 
jährigen Regierung nur einmal erlebt hat und die in ihren Folgen noch 
viel bedeutsamer war als in sich selbst. 
Germ»- Die Zuständo in der Provinz Germanien sind früher dargelegt 

AniSrtand. worden. Der Gegenschlag, der auf jede Fremdherrschaft mit der Un- 
vermeidlichkeit eines Naturereignisses folgt und der so eben in dem 
illyrischen Lande eingetreten war, bereitete auch dort in den mittel- 
rheinischen Gauen sich vor. Die Reste der unmittelbar am Rhein sitzen- 
den Stämme waren freilich völlig entmuthigt, aber die weiter zurück 
wohnenden, vornehmlich die Cherusker, Chatten, Bructerer, Marser 
kaum minder geschädigt und keineswegs ohnmächtig. Wie immer in 
solchen Lagen bildete sich in jedem Gau eine Partei der fügsamen 



NORDGRENZB ITALIBlfS. 39 

Röm^rfk^unde und eine nationale die Wiedererhebung im Verborgenen 
vorbereitende. Die Seele von dieser war ein junger sechsundzwanzig- 
jähriger Mann aus dem Furstengeschlecht der Cherusker, Arminius des 
Sigimer Sohn; er und sein Bruder Flavus waren vom Kaiser Augustus 
mit dem römischen Büi^errecht und mit Ritterrang beschenkt wor- 
den^) und beide hatten als Offiziere in den letzten römischen Feldzügen 
unter Tiberius mit Auszeichnung gefochten; der Bruder diente noch 
im römischen Heer und hatte sich in Italien eine Heimstatt begröndet. 
Begreiflicher Weise galt auch Arminius den Römern als ein Mann be* 
sonderen Vertrauens; die Anschuldigungen» die sein besser unterrich- 
teter Landsmann Segestes gegen ihn vorbrachte, vermochten dies 
Zutrauen bei der wohlbekannten zwischen beiden bestehenden Verfein- 
dnng nicht zu erschüttern. Von den weiteren Vorbereitungen haben 
wir keine Kunde; da£s der Adel und vor aUem die adliche Jugend 
auf der Seite der Patrioten stand, versteht sieh von selbst und findet 
darin deutlichen Ausdruck, dafs Segestes eigene Tochter Thusnelda 
vnder das Verbot ihres Vaters sich dem Arminius vermählte, auch ihr 
Bruder Segimundus und Segestes Bruder Segimer sowie sein Neffe Se- 
sithacus bei der Insurrection eine hervorragende Rolle spielten. Weiten 
Umfong hat sie nicht gehabt, bei weitem nicht den der illyrischen Er- 
hebung; kaum darf sie streng genommen eine germanische genannt 
werden. Die Bataver, die Friesen, die Chauker an der Küste waren 
nicht daran betheiligt, ebenso wenig was you suebischen Stämmen 
unter römischer Herrschaft stand, noch weniger König Bbrobod; es er- 
hoben £ich in der That nur diejenigen Germ.anen, die einige Jahre zu- 
vor sieb gegen Rom coniöderirt hatten und gegen die Drusus Offensive 
zunächst gerichtet gewesen war. Der illyrische Aufstand hat die 
Gährung in Germanien ohne Zweifel gef5rdert, aber von verbindenden 
Fäden zwischen den beiden gleichartigen und fast gleichzeitigen Insur- 
rectionen fehlt jede Spur; auch würden, hätten sie bestanden, die Ger- 
manen schwerlich mit dem Losschlagen gewartet haben, bis der pan- 



^} Das sagt Velleias 2, 118: adsiduus müUiae nostrae prioris eomes, 
iure etiam ewüatU Romanae eius equestres eontequens gradus; was mit dem 
duetor pojnihrium des Taeitns ann. 2, 10 znsammeDfallt. la dieser Zeit 
nassen dergleichen Offiziere nicht selten vorgekommen sein; so fochten in 
dem dritten Feldng des Dmsns inter primäres ChumsHnetus et Aveetius tri- 
buni ex eivUate Nerviorum (Livins ep. 141) nnd unter Germanicns Chario- 
valda dux Batavorum (Tac. ann. 2, 11). 



40 AGHTBS BUCH. EAPITEL I. 

Donische Aufstand fiberwältigt war und in Dalmatien eben die letzten 
Burgen capituUrten. Arminiua war der tapfere und verschlagene und 
vor allen Dingen glüekliche Führer in dem Yerzweiflungskampf um die 
verlorene nationale Unabhängigkeit; nicht weniger, aber auch nicht 
mehr. 
Taras Es war mehr die Schuld der R6mer als das Verdienst der In- 

surgenten, wenn deren Plan gelang. Insofern hat der illyrische Krieg 
hier allerdings eingegriffen. Die tüchtigen Führer und allem Anschein 
nach auch die erprobten Truppen waren vom Rhein an die Donau ge- 
zogen worden. Vermindert war das germanische Heer wie es scheint 
nicht, aber der gröMe Theil desselben bestand aus neuen während des 
Krieges gebildeten Legionen. Schlimmer noch war es um die Führer- 
schaft bestellt. Der Statthatter PubliusQuinctilius Varus^) war wohl der 
Gemahl einer Nichte des Kaisers und ein Mann von übel erworbenem, 
aber fürstlichem Reichthum und von fürstlicher Hoffart, aber von trä- 
gem Körper und stumpfem Geist und ohne jede militärische Begabung 
und Erfahrung, einer jener vielen hochgestellten R5mer, welche in 
Folge des Festhaltens an der alten Zusammenwerfung der Administra- 
tiv- und der Oberoffizierstellungen die Feldhermschärpe nach dem 
Muster Ciceros trugen. Er wnüBte die neuen Unterthanen weder zu 
schonen noch zu durchschauen; Bedrückung und Erpressung wurden 
geübt, wie er es von seiner früheren Statthalterschaft über das gedul- 
dige Syrien her gewohnt war; das Hauptquartier wimmelte von 
Advocaten und Clienten, und in dankbarer Demuth nahmen insbeson- 
dere die Verschworenen bei ihm Urtheil und Recht, während sich das 
Netz um den hoffärtigen Prätor dichter und dichter zusammenzog. 
Die Lage der Armee war die damals normale. Es standen min- 
destens fünf Legionen in der Provinz, von denen zwei ihr Winterlager 
in Mogonliacum, drei in Vetera oder auch in Aliso hatten. Das Sommer- 
lager hatten die letzteren im J. 9 an der Weser genommen. Die natür- 
liche Verbindungsstrafse von der oberen Lippe zur Weser führt über 



1) Das BildDift des Varas zeigt eioe Rupfermiinze der africaniseheo 
Stadt Achulla, f^schlagen unter eeinem Proeonsalat von Afirica im J. 747/8 
d. St, vor Chr. 7/6 (L. Müller num. de Faneinme Afrique 2 p. 44, vgl. 
p. 52). Die Basis, welche einst die ihm voa der Stadt Pergamon gesetzte 
Biidsänie trug, haben die Aasgrabnngen daselbst wieder ans Licht gebracht, 
die Unterschrift lautet: 6 SijfMe [MfMfi0€v] IlonXtov Ko^vxrUiov 24^ov vlov 
Ovagiov] ndatis d^ariJs iyixa]. 



NORDGRBlfZB ITALIENS. 41 

den niederen HAhenzog des Osning und des Lippischen Waldes, welcher 
das Thal der Ems von dem der Weser scheidet, durch die Dörenschlucht 
in das Thal der Werra, die bei Rehme unweit Minden in die Weser 
fallt. Hier also ungefähr lagerten damals die Legionen des Varus. 
Selbstverständlich war dieses Sommerlager mit Aliso, dem Stützpunkt 
der römischen Stellungen am rechten Rheinnfer, durch eine Etappen- 
stralse Terbunden. Die gute Jahreszeit ging zu Ende und man schickte 
sich zam Ruckmarsch an. Da kam die Meldung, dafs ein benachbarter 
Gau im Aufstand sei, und Varus entschlol^ sich, statt auf jener Etappen- 
straüse das Qeer zurückzuführen, einen Umweg zu nehmen and unter- 
wegs die Abgefallenen zum Gdiorsam zurückzubringen^). So brach 
man auf; das Heer bestand nach zahlreichen Detachirungen aus drei Le- 
gionen und neun Abtheiiungen der Truppen zweiter Klasse, zusammen 
etwa 20 000 Mann*). Als nun die Armee sich von ihrer Coromuni- 
cationslinie hinreichend entfernt hatte und tief genug in idas unwegsame 
Land eingedrungen war, standen in den benachbarten Gauen die 
Conföderirten auf, machten die bei ihnen stationirten kleinen Trappen- 



') Der dioiisehe Bericlit, der einzige, der diese Katastrophe in einigem 
Znsammenhang überliefert, erklärt den Verlanf derselben in genfigender Weise, 
wenn mtn nur, was Dio aUerdings nicht hervorhebt, das allgemeine Verhält- 
niTs des Sommer- und des Winterlagers hinzunimmt und die von Ranke (Welt- 
gesdiichle 3, 2, 275) mit Recht gestellte Frage, wie gegen eine locale Insor- 
reetion das ganze Heer hat marschiren k5nnen, damit beantwortet. Der Berieht 
des Flonu beruht keineswegs auf ursprünglich anderen Quellen, wie derselbe 
Gelehrte annimmt, sondern lediglich auf dem dramatischen Zusammenrücken 
der Motive, wie es allen Historikern dieses Schlages eigen ist. Die friedliche 
Rechtspflege des Varus und die Erstürmung des Lagers kennt die bessere Ueber- 
Hefernng beide auch und in ihrem ursächlichen Zusammenhang; die lächerliche 
Schilderung, dafs, während Varus auf dem Gerichtsstuhl sitzt und der Herold 
die Parteien vorladet, die Germanen zu allea Thoren in das Lager einbrechen, 
ist nicht Ueberlieferong, sondern aus dieser verfertigtes Tableau. Dafs dieses 
aufser mit der gesunden Vernunft auch mit Tacitus Schilderung der drei 
Marschlager in unllSsbarem Widerspruch steht, leuchtet ein. 

*) Die normale Stärke der drei Alen und der sechs Cohorten ist insofern 
nidit genau zu berechnen, als darunter einzelne Doppelabtheilangen (mUiariae) 
gewesen sein können; aber viel über 20000 Mann kann das Heer nicht ge- 
zählt haben. Andrerseits liegt keine Ursaehe vor eine wesentliehe Differens 
der effectiven Stärke von der normalen anzunehmen. Die zahlreichen Deta- 
chirungen, deren Erwähnung geschieht (Dio 56, 19), finden ihren Ausdruck 
in der verhäitnifsmäfsig geringen Zahl der AuziUen, die immer dafür vorzugs- 
weise verwendet wurden. 



42 ALHTES BUCH. KAPITEL f. 

abtheüungen nieder und brachen von allen Seiten aus den Schlach- 
ten und Wäldern gegen das marschirende Heer des Statthalters vor. 
Anninius und die namhaftesten Führer der Patrioten waren bis 
zum letzten Augenblick im römischen Hauptquartier geblieben, nm 
Varus sicher zu machen; noch am Abend vor dem Tage, an dem die 
Insurrection losbrach, hatten sie im Feldherrnzelt bei Varus gespeist und 
Segestes, indem er den bevorstehenden Ausbruch des Aufstandes an- 
kündigte, den Feldherrn beschworen, ihn selbst so wie die Angeschul- 
digten sofort verhaften zu lassen und die Rechtfertigung seiner Anklage 
von den Thatsachen zu erwarten. Varus Vertrauen war nicht zu er- 
schüttern. Von der Tafel weg ritt Arminius zu den Insurgenten und 
stand den anderen Tag vor den Wällen des römischen Lagers. Die 
militärische Situation war weder besser noch schlimmer als die der 
Armee des Drusus vor der Schlacht bei Arbalo und als sie unter ähn- 
lichen Verhältnissen oftmals für römische Armeen eingetreten ist; die 
Communicationen waren für den Augenblick verloren, die mit schwerem 
Trols beschwerte Armee in dem pfadlosen Lande und in schlimmer, 
regnerischer Herbstzeit durch mehrere Tagemärsche von Aliso getrennt, 
die Angreifer der Zahl nach ohne Zweifel den Römern weit überlegen. 
In solchen Lagen entscheidet die Tüchtigkeit der Truppe; und wenn die 
Entscheidung hier einmal zu Ungunsten der Römer fiel, so wird die 
Unerfahrenheit der jungen Soldaten und vor allen Dingen die Kopf- 
und Muthlosigkeit des Feldherm dabei wohl das Meiste gethan haben. 
Nach erfolgtem Angriff setzte das römische Heer seinen Marsch, jetzt 
ohne Zweifel in der Richtung auf Aliso, noch drei Tage fort, unter 
stetig steigender Bedrängniis und steigender Demoralisation. Auch die 
höheren Offiziere thaten tbeil weise ihre Schuldigkeit nicht; einer von 
ihnen ritt mit der gesammten Reiterei vom Schhchtfeld weg und liefs 
das FuCsvolk allein den Kampf bestehen. Der erste, der völlig ver- 
zagte, war der Feldherr selbst; verwundet im Kampfe gab er sich den 
Tod, ehe die letzte Entscheidung gefallen war, so früh, dafs die Seini- 
gen noch den Versuch machten die Leiche zu verbrennen und der 
Verunehrung durch den Feind zu entziehen. Seinem Beispiel folgte 
eine Anzahl der Oberoffiziere. Als dann alles verloren war, capitulirte 
der übrig gebliebene Führer und gab auch das aus der Hand, was diesen 
letzten noch blieb, den ehrlichen Soldatentod. So ging in einem der 
Thäler der das Münsterland begrenzenden Höhenzüge, im Herbst des 



NOBINSRENIB ITALIENS. 43 

J. 9 n. Chr. das germanische Heer zu Grunde ^). Die Adler fielen 
alle drei in Feindeshand. Keine Abtheilung schlug sich durch, auch 
jene Reiter nicht, die ihre Kameraden im Stich gelassen hatten; nur 
wenige Vereinzelte und Versprengte vermochten sich zu retten. Die 
Gefangenen, vor allem die Offiziere und die Advokaten, wurden an's 
Kreuz geschlagen oder lebendig begraben oder bluteten unter dem 
Opfennesser der germanischen Priester. Die abgeschnittenen Köpfe 



^) Da Germanieas, von der Ems kommend , das Gebiet zwischea Ems 
aad Lippe, das heifst das Mnasterland, verheert aad nicht weit davon der 
TmOoburg^iBniia »aUu9 liegt^ wo Varns Heer zu Grande ging (Tacitos 
ann. 1, 61)^ so liegt es am nächsten diese Beseichnung, welche auf dis flache 
Hnnsterland nicht paTst, von dem das Münster land nordöstlich begrenzenden 
Hohenzag, dem Osniog za verstehen; iber anch an das etwas weiter nördlich 
parallel mit dem Osning von Minden znr Hnnteqaelle streichende Wiehengebirge 
kana gedacht werden. Dea Pnnkt an der Weser, an dem das Sommerlager 
stand, kennen wir nicht; indeXs ist nach der Lage von Aliso bei Paderborn und 
nach den zwischen diesem und der Weser bestehenden Verbindangen wahr* 
scheinlich dasselbe etwa bei Minden gewesen. Die Richtung des Rückmarsches 
kann jede andere, nnr nicht die nächste nach Aliso gewesen sein, and die 
Katastrophe erfoigte also nicht anf der militärischen Verbindnogslinie zwischen 
Minden nnd Paderborn selbst, sondern in grSfserer oder geringerer Entfernung 
von dieser. Varas mag von Minden etwa in der Richtung anf Osnabrück 
marschirt sein, dann nach dem Angriff von dort ans nach Paderborn zu gelangen 
versucht und auf diesem Marsch in einem jener beiden Höhenzüge sein Ende 
gelnnden haben. Seit Jahrhunderten ist in der Gegend von Venne an der 
Dnnteqnelle eine anfTaliend grofse Anzahl von römischen Gold-, Silber- und 
Rnpfemünzen gefunden worden, wie sie in augustischer Zeit umliefen, wäh- 
rend spätere Münzen daselbst so gut wie gar nicht vorkommen (vgL die r^ach- 
Weisungen bei Panl Höfer der Feldzug des Germanicus im Jahre 16. Gotha 1884. 
S. 82 fg.). Einem Mnnzsehatz können diese Funde nicht angehören wegen des 
zerstreuten Vorkommens und der Verschiedenheit der Metalle; einer Handels- 
stitte anch nicht wegen der zeitlichen Geschlossenheit; sie sehen ganz aus 
wie der Nachlafii einer grofsea aufgeriebenen Armee, und die vorliegenden 
Berichte über die Varusschlacht lassen sich mit dieser Localität vereinigen. 
— lieber das Jahr der Katastrophe hätte aie gestritten werden sollen; die Ver- 
schiebung in das Jahr 10 ist ein blofses Versehen. Die Jahreszeit wird eioiger- 
mafsen dadurch bestimmt, dafs zwischen der Anordnung der illyrischen Sieges- 
feier und dem Eintreffen der Uoglücksbotschaft in Rom nur fünf Tage liegen 
nnd jene wahrscheinlich den Sieg vom S.August zur Voraussetzung hat, wenn 
sie auch nicht unmittelbar auf diesen gefolgt ist. Danach wird die Nieder- 
lage etwa im September oder October stattgefunden haben, was auch dazu 
stimmt, dafs der letzte Marsch des Varns offenbar der Rückmarsch ans dem 
Sommer- in das Winterlager gewesen ist. 



44 ACHTES BUCH. KAPITBL I. 

wurdea ab Siegeszeichen an die Bäume der heiligen Haine genagelt. 
Weit und breit stand das Land auf gegen die Fremdherrschaft; man 
hofite auf den Anschiul^ Marobods; die römischen Posten und Straisen 
fielen auf dem ganzen rechten Rheinufer ohne weiteres in die Gewalt 
der Sieger. Nur in Aliso leistete der tapfere Commandant Lucius Cae- 
didus, kein Offizier, aber ein altgedienter S<rfdat, entschlossenen Wider- 
stand und seine Schützen wulslen den Germanen, die FemwaiTen 
nicht besalsen, das Lagern vor den Wällen so zu verleiden, dals sie die 
Belagerung in eine Blokade umwandelten. Als die letzten Vorräthe der 
Belagerten erschöpft waren und immer noch kein Entsatz kam , «brach 
Caedidus in einer finsteren Nacht auf und dieser Rest des Heeres er-> 
reichte in der That, wenn auch beschwert mit zahlreichen Frauen und 
Kindern und durch die Angriffe der Germanen starke Verluste erlei- 
dend, schliefslich das Lager von Vetera. Dorthin waren auch die 
beiden in Mainz stehenden Legionen unter Lucius Nonius Asprenas 
auf die Nachricht von der Katastrophe gegangen. Die entschlossene 
Verlheidigung von Aliso und Asprenas rasches Eingreifen verhinderten 
die Germanen ihren Sieg auf dem linken Rheinufer zu verfolgen, viel- 
leicht die Gallier sich gegen Rom zu erheben. 
Tibcrius Die Miederlage war insofern bald wieder ausgeglichen, als die 

^ßheia?°* Rheinarmee sofort nicht bloDs ergänzt, sondern ansehnlich verstärkt 
ward. Tiberius übernahm abermals das Commando derselben und 
wenn aus dem auf die Varusschlacht folgenden Jahr (10) die Kriegs- 
geschichte Gefechte nicht zu verzdchnen hatte, so ist wahrschein- 
lich damals die Besetzung der Rheingrenze mit acht Legionen und 
wohl gleichzeitig die Theilung dieses Commandos in das der oberen 
Armee mit dem Hauptquartier Mainz und das der unteren mit dem 
Hauptquartier Vetera, überhaupt also diejenige Einrichtung daselbst ge- 
troffen worden, die dann durch Jahrhunderte malsgebend geblieben 
ist. Man mulste erwarten, dafs auf diese Vermehrung der Rhein- 
armee die energische Wiederaufnahme der Operationen auf dem rechten 
Rheinufer gefolgt wäre. Der römisch-germanische Kampf war nicht 
ein Kampf zwischen zwei in politischem Gleichgewicht stehenden 
Mächten, in welchem die Niederlage dereinen einen ungünstigen Friedens- 
schlufs rechtfertigen kann; es war der Kampf eines civilisirten und 
organisirten Grofsstaates gegen eine tapfere, aber politisch und mili- 
tärisch barbarische Nation, in welchem das schliefsliche Ergebnifs 
von vom herein feststeht und ein vereinzelter Miüserfolg in dem 



NORDGRBNZB ITALIB1I8. 45 

▼wrgezeidineten Plan so wenig etwas ändern darf, wie das Schiff 
darum seine Fahrt aufgiebt, weil ^in Windstofe es aus der Bahn 
wirft Aber es kam anders. Wohl ging Tiberlus im folgenden 
Jahr (11) über den Rhein; aber diese Expedition glich den froheren 
nicht Er blieb den Sommer drüben und feierte dort des Kaisers 
Geburtstag, aber die Armee hielt sidi in der unmittelbaren N&he 
des Rheins und von Zfigen an die Weser und an die Elbe war 
keine Rede — es sollte offenbar den Germanen nur gezeigt werden, 
dab die Römer den Weg in ihr Land noch zu finden wu&ten, viel- 
leicht auch diejenigen Einrichtungen am rechten Rheinufer getroffen 
werden, welche die veränderte Politik erforderte. 

Das grofse beide Heere umfassende Commando blieb und es blieb OermMie» 
also auch im kaiserlichen Hause. Germanicus hatte es schon im J. 11 *" 
neben Tiberius gefShrt; im folgenden (12), wo ihn die Verwaltung des 
Gonsnlats in Rom festhielt, commandirte Tiberius allein am Rhein; 
mit dem Anfang des J. 13 übernahm Germanicus den alleinigen Ober- 
befehl. Man betrachtete sich als im Kriegsstand gegen die Germanen ; 
aber es waren thatenlose Jahre ^). Ungern ertrug der feurige und ehr- 
geizige Erl^rinz den ihm auferiegten Zwang und man begreift es von. 
demOfBzier, daiSs er die drei Adler in Feindeshand nicht vergafg, von dem 
leiblichen Sohn des Drusus, dafs er dessen zerstörten Rau wieder aufzu- 
richten wünschte. Rald bot sich ihm dazu die Gelegenheit oder er nahm 
sie. Am 19. August des J. 14 starb Kaiser Augustus. Der erste Thron- 
wechsel in der neuen Monarchie verlief nicht ohne Krise und Germanicus 
hatte Gelegenheit durch Thaten seinem Vater zu beweisen, daüs er ge- 
sonnen war ihm die Treue zu wahren. Darin aber fand er zugleich die 



>) Dsi fortdanerndaa RriegsstaDd bezeugen Tacitns «dd. 1, 9 and Dio 
56, 36; aker beriebtet wird gtr Bicbta aia den nominellen FeldsSsen der Som- 
■MT 12, 13 und 14 and die Expedition von Herbat des J. 14 erseheint als 
die erste yon Gennanicns nntemommene. Allerdings ist Geroianiens wabr- 
seheinlieh noch bei Angnstas Lebzeiten als Imperator aosgernfen worden (moa. 
Aneyr. p. 17); aber es steht nichts im Wege dies anf den Peldzng des J. 11 
cn bexiehen, in dem Germaniens mit proeonsniariseher Gewalt neben Tiberius 
eommandirte (Dio 56, 26). Im J. 12 war er in Rom snr Verwaltnng des 
Consnlats, welche er das ganze Jahr hindnreh behielt nnd mit welcher es 
damals noch ernsthaft genommen wurde; dies erklSrt, wefshalb Tiberins, wie 
dies jetzt erwiesen ist (Hermann Scholz, quaeH. Ovidianae. Greifs wald 1883, 
S. 15 f.), noch im J. 12 nach Germanien ging nod sein RheincommaDdo erst im 
Anfang des J. 19 mit der paanoaisehen Siegesfeier niederlegte. 



46 ACHTES BUCH. KAPITEL I. 

RechifertigUDg die lange gewünschte Invasion Germaniens aach unge- 
heifsen wieder aufzunehmen; er erklärte die nicht unbedenkliche durch 
den Thronwechsel bei den Legionen her?orgerufeneGährung durch die- 
sen frischen Kriegszug ersticken zu müssen. Ob dies ein Grund oder ein 
Vorwand war, wissen wir nicht und wuTste Tielleicht er selber nicht. 
Dem Commandanten der Rheinarmee konnte das Ueberschreiten der 
Grenze überall nicht gewehrt werden und es hing immer bis zu einem 
gewissen Grade von ihm ab, wie weit gegen die Germanen vorgegangen 
werden sollte. Vielleicht audi glaubte er im Sinne des neuen Herrschers 
zu handeln, der ja wenigstens ebenso viel Anspruch wie sein Bruder auf 
den Namen des Besiegers von Germanien hatte und dessen angekündig- 
tes Erscheinen im Rheinlager wohl so aufgefafst werden konnte, als 
komme er um die auf Augustus Geheifs abgebrochene Eroberung Germa- 
niens wieder aufzunehmen. Wie dem auch sei, die Offensive jenseit 
des Rheins begann aufs Neue. Noch im Herbst des J. 14 führte 
Germanicus selbst Detachements aller Legionen bei Vetera über den 
Rhein und drang an der Lippe hinauf ziemlich tief in das Binnenland 
vor, weit und breit das Land verheerend, die Eingeborenen nieder- 
machend, die Tempel — so den hochgeehrten der Tanfana — zer- 
störend. Die Betroffenen, es waren vornehmlich Bructerer, Tubanten 
und Usiper, suchten dem Kronprinzen auf der Heimkehr das Schick- 
sal des Varus zu bereiten; aber an der energischen Haltung der Legi- 
onen prallte der Angriff ab. Da dieser Vorstofs keinen Tadel fand, viel- 
mehr dem Feldherm dafür Danksagungen und Ehrenbezeugungen de- 
Feidiag des cretirt wurden, ging er weiter. Im Frühling des J. 15 versammelte er 
seine Hauptmacht zunächst am Mittelrhein und ging selbst von Mainz vor 
gegen die Chatten bis an die oberen Zuflüsse der Weser, während das 
untere Heer weiter nordwärts die Cherusker und die Marser angriff. Eine 
gewisse Rechtfertigung für dies Vorgehen lag darin, dafs die römisch 
gesinnten Cherusker, welche unter dem unmittelbaren Eindruck der Kata- 
strophe des Varus sich den Patrioten hatten anschlieisen müssen, jetzt 
wieder mit der viel stärkeren Naüonalparlei in offenem Kampfe lagen 
und die Intervention des Germanicus anriefen. In der That gelang 
es den von seinen Landsleuten hart bedrängten Römerfreund Se- 
gestes zu befreien und dabei dessen Tochter, die Gattin des Arminius 
in die Gewalt zu bekommen; auch des Segestes Bruder Segimerus, 
einst neben Arminius der Führer der Patrioten, unterwarf sich; die 
inneren Zerwürfnisse der Germanen ebneten einmal mehr der Fremd- 



NORDGRENZE ITALIBNS. 47 

herrschafl die Wege. Noch im selben Jahre unternahm Germanicus 
den Hauptzag nach dem Emsgebiet; Caecina ruckte von Yetera aus an 
die obere Ems, er selbst ging mit der Flotte von der Rheinmändung 
aus eben dorthin ; die Reiterei zog die Küste entlang durch das GeUet 
der treuen Friesen. Wieder yereinigt yerwüsteten die Römer das Land 
der Bructerer und das ganze Gebiet zwischen Ems und Lippe und 
machten von da aus einen Zug nach der Unglücksstätte, wo sechs Jahre 
zuTor das Heer desVarus geendigt hatte, um den gefallenen Kamera- 
den das Grabmal zu errichten. Bei dem weiteren Vormarsch wurde 
die römische Reiterei Ton Arminins und den erbitterten Patrioten- 
schaaren in einen Hinterhalt gelockt und w^re aufgerieben worden, 
wenn nicht die anrückende Infanterie gröOseres Unheil verhindert hätte. 
Schwerere Gefahren brachte die Heimkehr Ton der Ems, weiche auf 
denselben Wegen angetreten ward wie der Hinmarsch. Die Reiterei 
gelangte unbeschädigt in das Winterlager. Da für das Fulsvolk der 
Tier Legionen die Flotte bei der sdiwierigen Fahrt — es war um die 
Zeit der Herbstnachtgleiche — nicht genügte, so schiffte Germanicus 
zwei derselben meder aus und lie£s sie am Strande zurückgehen ; aber 
mit dem Verhältnifs you Ebbe und Fluth in dieser Jahreszeit unge- 
nügend bekannt, yerloren sie ihr Gepäck und geriethen in Gefahr 
massenweise zu ertrinken. Der Rückmarsch der vier Legionen des 
Caecina von der Ems zum Rhein glich genau dem des Yarus, ja das 
schwere sumpfige Land bot wohl noch grössere Schwierigkeiten als die 
Schluchten der Waldgebirge. Die ganze Masse der Eingebomen, an 
ihrer Spitze die beiden Gheruskerfürsten, Arminius und dessen hoch- 
angesehener Oheim Inguiomerus, warf sich auf die abziehenden Truppen, 
in der sicheren Hoffnung ihnen das gleiche Schicksal zu bereiten, und 
füllte ringsum die Sümpfe und Wälder. Der alte Feldherr aber, in 
vierzigiährigem Kriegsdienst erprobt, blieb kaltblütig auch in der 
äolsersten Gefohr und hielt seine Terzagenden und hungernden Mann- 
schaften fest in der Ehud. Dennoch hätte auch er Tielleicht das Unhei 
nicht abwenden können, wenn nicht nach einem glücklichen Angriff 
während des Marsches, bei dem die Römer einen groüBen Theil ihrer 
Reiterei und fast das ganze Gepäck einbüDsten, die siegesgewissen und 
beutelustigen Deutschen gegen Arminius Ralh dem anderen Führer ge- 
folgt wären und statt der weiteren Umstellung des Feindes geradezu 
den Sturm auf das Lager Tersucht hätten. Caecina liefs die Germanen 
bis an die Wälle herankommen, brach aber dann aus allen Thoren und 



48 ACHTB8 BUCH. KAFITBL I. 

Pforten mit solcher Gewalt auf die Stürmenden ein, dafs aie eine 
schwere Niederiage erlitten und in Folge dessen der weitere RQckzug 
ohne wesentliche Hinderung stattfand. Am Rhein hatte man die Armee 
schon yerloren gegeben und war im Begriff gewesen die Brücke bei 
Vetera abzuwerfen, um wenigstens das Eindringen der Germanen in 
Gallien zu yerhindem; nur die entschlossene Einrede einer Frau, der 
Gattin des Germanicus, der Tochter Agrippas, hatte den verzagten und 
schimpflichen Entschlufs vereitelt. — Die Wiederaufnahme der Unter- 
werfung Germaniens begann also nicht gerade mit Glück. Das Gebiet 
zwischen Rhein und Weser war wohl wieder betreten und durch- 
schritten worden, aber entscheidende Erfolge hatten die Römer nicht 
aufzuzeigen, und der ungeheure Verlust an Material, namentlich an 
Pferden, wurde schwer empfunden, so dafs, wie in Sdpios Zeiten, 
die Städte Italiens und der westlichen Provinzen bei dem Ersatz des 
Verlorenen mit patriotischen Beisteuern sich betheiligten, 
alr'j' u. Germanicus änderte für den nächsten Feldzug (J. 16) seinen Kriegs- 

plan: er versuchte die Unterwerfung Germaniens auf die Nordsee und 
die Flotte zu stützen, theils weil die Vülkerschaflen an der Küste, die 
Bataver, Friesen, Chauker mehr oder minder zu den Römern hielten, 
theils um die zeitraubenden und verlustvollen Märsche vom Rhein zur 
Weser und zur Elbe und wieder zurück abzukürzen. Nachdem er die- 
ses Frühjahr wie das vorige zu raschen VorstAben am Main und an 
der Lippe verwendet hatte, schiffte er im Anfang des Sommers auf der 
inzwischen fertig gestellten gewaltigen Transportflotte von 1000 Segeln 
sein gesammtes Heer an der Rheinmündung ein und gelangte in der 
That ohne Verlust bis an die der Ems, wo die Flotte Uieb, und weiter, 
vermuthlich die Ems hinauf bis an die Haasemündung und dann an 
dieser hinauf in das Werrathal, durch dieses an die Weser. Damit 
war die Durchfuhrung der bis 80000 Mann starken Armee durch den 
Teutoburger Wald, welche namentlich für die Verpflegung mit groUsen 
Schwierigkeiten verbunden war, vermieden , in dem Flottenlager für 
die Zufuhr ein sicherer Rückhalt gegeben, und die Cherusker auf dem 
rechten Ufer der Weser statt von vorn in der Flanke angegriflion. Auf 
diesem trat den Römern das Gesammtaufgebot der Germanen entgegen, 
wiederum geführt von den beiden Häuptern der Patriotenpartei Armi- 
nitts und Inguiomerus; über weiche Streitkräfte dieselben geboten, be- 
weist, daüB sie im Cheruskerland zunächst an der Weser selbst, dann 



riOAMBBNZB ITALIBIfS. 49 

etwas weiter landeinwärts^), zweimal kurz nach einander gegen das 
gesammte rdraische Heer in offener Feldschlachi schlugen und in bei- 
den den Sieg hart bestritten. Allerdings fiel dieser den Römern zu und 
von den germanischen Patrioten blieb ein betrachtlicher Theil auf 
den Schladitfeldem — Gefangene wurden nicht gemacht und von 
beiden Seiten mit äulserster Erbitterung gefochten; das zweite Tro- 
paeum des Germanicus sprach von der Niederwerfung aller germani- 
schen Völker zwischen Rhein und Elbe ; der Sohn stellte diese seine 
Campagne neben die glänzenden des Vaters und berichtete nach Rom, 
dals er im nächsten Feldzug die Unterwerfung Germaniens Tollendet 
haben werde. Aber Arminius entkam, obwohl Terwundet, und blieb 
auch femer an der Spitze der Patrioten, und ein unvorhergesehenes 
Unheil yerdarb den Waffenerfolg. Auf der Heimkehr, die Ton dem gröis- 
ten Theil der Legionen zu Schiff gemacht wurde, gerieth die Transport- 
flotte in die Herbststurme der Nordsee; die Schiffe wurden nach allen 
Seiten über die Inseln der Nordsee und bis an die brittische Küste hin 
geschleudert^ ein grofser Theil ging zu Grunde und die sich retteten, 
hatten ^grö&tentheils Pferde und Gepädt über Bord werfen und froh 
sein mikssen das nackte Leben zu bergen. Der Fahrtverlust kam, wie in 
den Zeiten der punischen Kriege, einer Niederiage gleich; Germanicus 
selbst, mit dem Admiralschiff einzehi verschlagen an den öden Strand 
der Chauker, war in Verzweiflung über diesen HiÜBerfolg drauf und 
dran seinen Tod in demselben Ocean zu suchen, dessen Beistand er 
im Beginn dieses Feldzuges so ernstlich und so yergeblich angerufen 
hatte. Wohl erwies sich späterhui der Menschenverlust nicht ganz so 
groÜB, wie es anfanglich geschienen hatte, und einige erfolgreiche 
Schläge, die der Feldherr nach der Rückkehr an den Rhein den nächst- 
wohnenden Barbaren yersetzte, hoben den gesunkenen Muth der Trup- 
pen. Aber im Ganzen genommen endigte der Feldzug des J. 16, 
verglichen mit dem des vorigen, wohl mit glänzenderen Siegen, aber 
auch mit viel empfindlicherer EinbuHse. 



>) Die AoMhine Sehmldts (Westfäl. Zeitsehrift 20 S. 301), dafs die 
erste Sehlaeht a«f den idisUyisisehen Feld etwa bei Biiekebiirgf s^'^klasen sei, 
die zweite, wegen der dabei erwäboten Sümpfe, vielleicht am Steinbudersee, 
bei dem südlicb von diesem liegenden Dorf Bergkirchen, wird von der Wahr- 
heit sich Dicht weit entfernen und kann wenigstens als Veranschaulicbung 
gelten. Auf ein gesichertes Ergebnirs mufs bei diesem wie bei den meisten 
taeiteisehea SeUaehtberiehteo ?erziehtet werden. 

Mommsen, lOm. Oeecbiehto. ▼. 4 



50 ACHTES BDCB. KAPITEL I. 

Die Ter- Gennaiiicus Abbenifung war zugleich die Anlhebung des Ober- 

Lag«, commandos der rheinischen Armee. Die Mofse Theilang des Comman- 
dos setzte der bisherigen Kriegföhrung ein Ziel; daüs Germanicus nicht 
blofs abberufen ward, sondern keinen Nachfolger erhielt, kam hinaus 
auf die Anordnung der Defensive am Rhein. So ist denn auch der 
Feldzug des J. 16 der letzte gewesen, den die Rftmer geführt haben, 
um Germanien zu unterwerfen nnd die Reichsgrenze vom Rhein 
an die Elbe zu yerlegen. Dab die Feldzuge des Germanicus dieses 
Ziel hatten, lehrt ihr Verlauf selbst und das die Elbgrenze feiernde 
Tropaeon. Auch die Wiederherstellung der rechtsrheinischen mili- 
tärischen Anlagen, der Taunuscastelle sowohl wie der Festung Aliso 
und der diese mit Yetera verbindenden Linie, geh6rt nur zum Theil 
zu deijenigen Besetzung des rechten Rheinufers, wie sie auch mit 
dem beschränkten Operationsplan nach der Varusschlacht sich ver- 
trug, zum Theil griff sie weit über denselben hinaus. Aber was 
der Feldherr wollte, wollte der Kaiser nicht oder nicht ganz. Es 
ist mehr als wahrscheinlich, daüs Tiberius die Unternehmungen 
des Germanicus am Rhein von Haus aus mehr hat geschehen lassen, 
und gewib, daÜB er durch dessen Abberufung im Winter 16/7 den- 
selben ein Ziel hat setzen wollen. Ohne Zweifel ist zugleich ein 
guter Theil des Erreichten aufgegeben, namentlich aus Aliso die Be- 
satzung zurückgezogen worden. Wie Germanicus von dem im teuto- 
burger Walde errichteten Siegesdenkmal schon das Jahr darauf keinen 
Stein mehr fand, so sind auch die Ergebnisse seiner Siege wie ein 
Schlag ins Wasser yerschwunden und keiner seiner Nachfolger hat 
auf diesem Grunde weiter gebaut 

Wenn Augustus das eroberte Germanien nach der Varusschlacht 
verioren gegeben hatte, wenn Tiberius jetzt, nachdem die Eroberung 
abermals in Angriff genommen worden war, sie abzubrechen befahl, 
so ist die Frage wohl berechtigt, welche Motive die beiden bedeutenden 
Regenten hiebei geleitet haben und was diese vnchtigen Vorgänge für 
die allgemeine Reichspolitik bedeuten. 

Die Varusschlacht ist ein Räthsel, nicht militärisch, aber politisch, 
nicht in ihrem Verlauf, aber in ihren Folgen. Augustus hatte nicht Un- 
recht, wenn er seine verlorenen Legionen nicht von dem Feind oder 
dem Schicksal, sondern von dem Feldherm zurückforderte; es war ein 
Unglücksfall, wie ungeschickte Corpsführer sie von Zeit zu Zeit für jeden 
Staat herbeiführen; schwer begreift man, dals die Aufreibung einer Armee 



NOADGREIOB ITALIENS. 51 

▼on 20 000 Mann ohne weitere unmittelbare militSrische Consequenzen 
der grossen Politik eines einsichtig regierten WelteUates eine entschei- 
dende Wendung gegeben hat. Und doch haben die beiden Herrscher jene 
Niederlage mit einer beispiellosen und fOr die Stellung der Regierung 
der Armee wie den Nachbarn gegenüber bedenklichen und gefährlichen 
Geduld ertragen; doch haben sie den Friedensschlufs mit Marobod, der 
ohne Zweifel eigentlich nur eine Waffenruhe sein sollte, zu einem defi- 
nitiTen werden lassen und nicht weiter yersucht das obere Elbthal in die 
Bbmd zu bekommen. Es mufs Tiberius nicht leicht angekommen sein 
den groDsen mit dem Bruder gemeinschaftlich begonnenen, dann nach 
dessen Tode Yon ihm fost yollendeten Bau zusammenstürzen zu sehen ; 
der gewaltige Eifer, womit er, so wie er in das Regiment wieder 
eingetreten war, den vor zehn Jahren begonnenen germanischen 
Krieg aufgenommen hatte, lälst ermessen, was diese Entsagung ihm 
gekostet haben rnjib. Wenn dennoch nicht blofs Augustus bei der- 
selben beharrte, sondern auch nach dessen Tode er selbst, so ist dafür 
ein anderer Grund nicht zu finden, als dafs sie die durch zwanzig Jahre 
hindurch yerfolgten Pläne zur Veränderung der Nordgrenze als un- 
ausführbar erkannten und die Unterwerfung und Behauptung des 
Gebietes zwischen dem Rhein und der Elbe ihnen die Kräfte des 
Reiches zu übersteigen schien. 

Wenn die bisherige Reichsgrenze von der mittleren Donau bis an 
deren Quelle und den oberen Rhein und dann rheinabwärte lief, so 
wurde sie allerdings durch die Verlegung an die in ihrem QueUgebiet 
der mittleren Donau sich nähernde Elbe und an deren ganzen Lauf 
wesentlieh verkürzt und verbessert; wobei wahrscheinlich au&er dem 
evidenten militärischen Gewinn auch noch das politische Moment in 
Betracht kam, daCs die möglichst weite Entfernung der groilsen Com- 
mandos von Rom und Italien eine der leitenden Maximen der augusti- 
schen Politik war und ein Eibheer in der weiteren Entwickelung Roms 
schwerlich dieselbe Rolle gespielt haben würde, wie sie die Rheinheere 
nur zu bald übernahmen. Die Vorbedingungen dazu, die Niederwerfung 
der germanischen Patriotenpartei und des Suebenkönigs in Böhmen, 
waren keine leichten Aufgaben; indefs man hatte dem Gelingen dersel- 
ben sdion einmal ganz nahe gestenden und bei richtiger Führung 
konnten diese Erfolge nicht verfehlt werden. Aber eine andere Frage 
war es, ob nach der Einrichtung der Eibgrenze die Truppen aus dem 
zwischenliegenden Gebiet weggezogen werden konnten; diese Frage hatte 

4» 



52 ACHTES BUCH. HAPITBL I. 

der dalmatiflch-pannonische Krieg in sehr ernster Weise der römischen 
Regierung gestellt. Wenn schon das bevorstehende Einrticken der 
römischen Donaoarmee in Böhmen einen mit Anstrengung alier mili- 
tärischen Hälfsmittd erst nach vieijährigem Kampf niedergeworfenen 
Yolksaufstand in Illyricum hervorgerufen hatte, so durfte weder zur Zeit 
noch auf hnge Jahre hinaus dies weite Gebiet sich selbst überlassen 
werden. Aehnlich stend es ohne Zweifel am Rhein. Das römisdie 
Publicum pflegte wohl sich zu rühmen, daüB der Steat ganz Gallien in 
Unterwürfigkeit halte durch die 1200 Mann starke Besatzung von 
Lyon; aber die Regierung konnte nicht vergessen, dafs die beiden 
groÜBen Armeen am Rhein nicht bloJDs die Germanen abwehrten, son- 
dern auch für die keineswegs durch Fügsamkeit sich auszeichnenden 
gallischen Gaue gar sehr in Betracht kamen. An der Weser oder gar 
an der Elbe aufgestellt, hätten sie diesen Dienst nicht in gleichem 
Mafse geleistet; und sowohl den Rhein wie die Elbe besetzt zu halten 
vermochte man nicht. So mochte Augustus wohl zu dem Schluls 
kommen, daHs mit dem damaligen, allerdings seit Kurzem erheblich 
verstärkten, aber immer noch tief unter dem Mafs des wirklich Erfor- 
derlichen stehenden HeerbesUnd jene grofse Grenzregulirung nicht 
auszuföhren sei; die Frage ward damit aus einer militärischen zu einer 
Frage der inneren Politik und insonderheit zu einer Finanzfirage. Die 
Kosten der Armee noch weiter zu steigern hat weder Augustus noch 
Tiberius sich getraut Man kann dies tedein. Der lähmende Doppelschlag 
der illyrischen und der germanischen Insurrection mit ihren schweren 
Katestrophen, das hohe Alter und die erlahmende Kraft des Herrschers, 
die zunehmende Abneigung des Tiberius gegen frisches Handeln und 
grojjse Initiative und vor allem gegen jede Abweichung von der Politik 
des Augustus, haben dabei ohne Zweifel bestimmend mit, und vielleicht 
zum Nachtheil des Steates gewirkt. Man fühlt es in dem nicht zu 
billigenden, aber wohl erklärlichen Auftreten des Germanicus, wie das 
Militär und die Jugend das Aufgeben der neuen Provinz Germanien 
empfanden. Man erkennt in dem dürftigen Versuch mit Hülfe der paar 
linksrheinischen deutechen Gaue wenigstens dem Namen nach das ver- 
lorene Germanien festzuhalten, in den zweideutigen und unsicheren 
Worten, mit denen Augustus selbst in seinem Rechenschaftsbericht 
Germanien als römisch in Anspruch nimmt oder auch nicht, wie ver- 
legen die Regierung in dieser Sache der öffentlichen Meinung gegenüber 
stend. Der Griff nach der Eibgrenze war ein gewaltiger, vielleicht über- 



HOtfDOBENZB ITALIENS. 53 

kühner gewesra; Tidleicht Yon AuguBtas, dessen Flug im Allgemeinen 
so hoch nicht ging, erst nach jahrelangem Zaudern und wohl nicht ohne 
den bestimmenden Einflofs des ihm vor allen nahe stehenden jüngeren 
Stiefsohns nntemommen. Aber einen allzu kühnen Schritt zurückzu- 
thun ist in der Regel nicht eine Verbesserung des Fehlers, sondern ein 
zwdter. Die Monarchie brauchte die unbefleckte kriegerische Ehre und 
den unbedingten kriegerischen Erfolg in ganz anderer Weise als das 
ehemalige Bürgermeisterregiment; das Fehlen der seit der Varusschlacht 
niemals ausgefüllten Nummern 17, 18 und 19 in der Reihe der Regi- 
menter paftte wenig zu dem militärischen Prestige und den Frieden 
mit Marobod auf Grund des Statusquo konnte die loyalste Rhetorik 
nicht in einen Erfolg umreden. Anzunehmen, daHi Germanicus einem 
eigentlichen Befehl seiner Regierung zuwider jene weit aussehenden 
Unternehmungen begonnen hat, yerbietet seine ganze politische Stel- 
hng; aber den Vorwurf, dafs er seine doppelte Stellung als HOchst- 
commandirender der ersten Armee des Reiches und als künftiger 
Thronfolger dazu benutzt hat, um seine politisch-militärischen Pläne 
auf eigene Faust durchzuführen , wird man ihm so wenig ersparen 
können wie dem Kaiser den nicht minder schweren zurückgesdieut zu 
sein rielleicht Tor dem Fassen, yielleicht auch nur Yor dem klaren Aus- 
sprechen und dem scharfen Durchführen der eigenen Entschlüsse. 
WennTiberius die Wiederaufnahme der Offensive wenigstens geschehen 
lieft, 80 mufs er empfunden haben, wie viel für eine kräftigere Politik 
sprach; wie es überbedächtige Leute wohl thun, mag er wohl so zu 
sagen dem Schicksal die Entscheidung überlassen haben, bis dann der 
wiederholte und schwere Mifserfolg des Kronprinzen die Politik der Ver- 
zagtheit abermals rechtfertigte. Leicht war es für die Regierung nicht 
einer Armee Halt zu gebieten, die von den verlorenen drei Adlern zwei 
zurückgebracht hatte; aber es geschah. Was immer die sachlichen und 
die persönlichen Motive gewesen sein mügen, wir stehen hier an einem 
Wendepunkt der Vülkergeschicke. Auch die Geschichte hat ihre Fluth 
und ihre Ebbe; hier tritt nach der Hochfiuth des römischen Weltregi- 
ments die Ebbe dn. Nordwärts von Italien hatte wenige Jahre hin- 
durch die römische Herrschaft bis an die Elbe gereicht; seit der Varus- 
schlacht sind ihre Grenzen der Rhein und die Donau. Ein Märchen, 
aber ein altes, berichtet, dafs dem ersten Eroberer Germaniens, dem 
Drusus auf seinem letzten Feldzug an der Elbe eine gewaltige Frauen- 
gestalt germanischer Art erschienen sei und ihm in seiner Sprache das 



54 ACHTES BUCH. KAPITBL I. 

Wort zugerufen habe „zurückl'* Es ist nicht gesprochen wcnrden, aber 
es hat sich erfüllt 
oennuien Indcss die Niederlage der augustischen Politik, wie der Friede mit 

o«miMieo. Maroboduus und die Hinnahme der Teutoburger Katastrophe wohl be- 
zeichnet werden darf, war kaum ein Sieg der Germanen. Nach der 
Varusschlacht muCs wohl durch die Gemüther der Besten die Hoffnung 
gegangen sein, dass der Nation aus dem herrlichen Sieg der Cherusker 
und ihrer Verbündeten und aus dem Zurückweichen des Feindes im 
Westen wie im Süden eine gewisse Einigung erwachsen werde. Den 
sonst sich fremd gegenüberstehenden Sachsen und Sueben magyielleicht 
eben iu diesen Krisen das Gefühl der Einheit aufgegangen sein. Dafs 
die Sachsen vom Schlachtfelde weg den Kopf des Varus an den Sueben- 
könig schickten, kann nichts sein als der wilde Ausdruck des Gedankens, 
dass für alle Germanen die Stunde gekommen sei in gemeinschaftlichem 
Ansturm sich auf das rümische Reich zu stürzen und des Landes Grenze 
und des Landes Freiheit so zu sichern, wie sie allein gesichert werden 
können, durch Niederschlagen des Erbfeindes in seinem eigenen Heim. 
Aber der gebildete Mann und staatskluge König nahm die Gabe der 
Insurgenten nur an, um den Kopf dem Kaiser Augustus zur Beisetzung 
zu senden; er tbat nichts für, aber auch nichts gegen die Römer und 
beharrte unerschütterlich in seiner Neutralitat. Unmittelbar nach dem 
Tode des Augustus hatte man in Rom den Einbruch der Marcomanen 
in Raetien gefürchtet, aber, wie es scheint, ohne Ursache, und als 
dann Germanicus die Offensive gegen die Germanen vom Rhein aus 
wieder aufnahm, hatte der mächtige Marcomanenkönig unthätig zuge- 
sehen. Diese Politik der Feinheit oder der Feigheit in der wild 
bewegten von patriotischen Erfolgen und Hoffnungen trunkenen 
germanischen Welt grub sich ihr eigenes Grab. Die entfernteren 
nur lose mit dem Reich verknüpften Suebenstämme, die Semnonen 
Langobarden und Gothonen, sagten dem König ab und machten ge- 
meinschaftliche Sache mit den sächsischen Patrioten; es ist nicht 
unwahrscheinlich, dafs die ansehnlichen Streitkräfte, über welche 
Arminius und Inguiomerus in den Kämpfen gegen Germanicus offenbar 
Marobod> geboten, ihnen groCsentheils von daher zugeströmt sind. Als bald darauf 
^^°"* der römische Angriff plötzlich abgebrochen ward, wendeten sich die 
Patrioten (J. 17) zum Angriff gegen Maroboduus, vielleicht zum Angriff 
auf das Königthum überhaupt, wenigstens wie dieser es nach römischem 



IfOBMRBNZB ITAUEN8. 55 

Muster Yorwaltete^). Aber auch unter ihnen selbst waren Spaltungen 
eingetreten; die beiden nah verwandten cheruskischen Fürsten, die in 
den letzten Kämpfen die Patrioten wenn nicht siegreich, doch tapfer 
und ehrenToll geführt und bisher stets Schulter an Schulter gefochten 
hatten, standen in diesem Krieg nicht mehr zusammen. Der Oheim 
Inguiomerus ertrug es nicht noch länger neben dem Neffen der zweite 
zu sein und trat bei dem Ausbruch des Krieges auf Maroboduns Seite. 
So kam es zur Entscheidungsschlacht zwischen Germanen und Ger- 
manen, ja zwischen denselben Stämmen; denn in beiden Armeen foch- 
ten sowohl Sueben wie Cherusker. Lange schwankte der Kampf; 
beide Heere hatten von der römischen Taktik gelernt und auf beiden 
Seiten war die Leidenschaft und die Erbitterung gleich. Einen eigent- 
lichen Si^ erfocht Arminius nicht, aber der Gegner überliefB ihm das 
Schlachtfeld, und da Maroboduus den Kürzeren gezogen zu haben 
schien, yerlieOsen ihn die bisher noch zu ihm gehalten hatten und fand 
er sich auf sein eigenes Reich beschränkL Als er rftmisdie Hülfe gegen 
die übermächtigen Landsleute erbat, erinnerte ihn Tiberius an sein 
Verhalten nach der YarusscUacht und erwiderte, dafs jetzt die Römer 
ebenfalls neutral bleiben würden. Es ging nun schleunig mit ihm zu 
Ende. Schon im folgenden Jahr (18) wurde er Yon einem Gothonen- 
fürsten Catualda, den er früher persönlich beleidigt hatte und der dann 
mit den übrigen aufserböhmischen Sueben Yon ihm abgefallen war, in 
seinem Königssitz selbst überfallen und rettete, yon den Seinigen 
Terlassen, mit Noth sich zu den Römern, die ihm die erbetene Frei- 
statt gewährten — als römischer Pensionär ist er viele Jahre später in 
Ravenna gestorben. 

Also waren Arminius Gegner wie seine Nebenbuhler flüchtig ge- AraiaiM 
worden und die germanische Nation sah auf keinen andern als auf ihn. 
Aber diese Gröfse war seine Gefahr und sein Verderben. Seine eigenen 
Landsleute, vor allem sein eigenes Geschlecht schuldigte ihn an den 
Weg Marobods zu gehen und nicht bloCs der Erste, sondern auch der 
Herr und der König der Germanen sein zu wollen — ob mit Grund oder 



>) Die Angabe des Taeitne (aon. 2, 45), dafs diei eigeDtUeh ein Krieg 
der Republikaner gegen die Monarcbiaten gewesen sei, ist wob! niebt frei 
Yon Uebertragang belleoiscb-röiniseber Ansebaoangen aaf die sebr verscbie- 
dene geraanisebe Welt So weit der Krieg eine etbiseb-politisehe Tendenz 
gehabt bat, wird iba niebt das warnen regi$ wie Tacitns sagt, sondern das 
eertam imperium visque regia ^e% Velleios (2, 108) beryorgerofen baben. 



L 

I 



56 ACHTES BUCH. EAPITKL I. N0RB6EBNZE ITALIENS. 

nicht und ob, wenn er dies wollte, er damit nicht vielleicbt das Rechte 
wollte, wer vermag es zu sagen ? Es kam zum Bärgerkrieg zwischen ihm 
und diesen Vertretern der Volksfreiheit; zwei Jahre nach Maroboduus 
Verbannung fiel auch er, gleich Caesar, durch den Mordstahl ihm nahe- 
stehender republikanisch gesinnter Adlicher. Seine Gattin Thusnelda 
und sein in der Gefangenschaft geborener Sohn Thumelicus, den er 
nie mit Augen gesehen hat, zogen bei dem Triumph des Germanicus 
(26. Mai 17) unter den anderen Yomehmen Germanen gefesselt mit 
auf das Capitol; der alte Segestes ward für seine Treue gegen die Römer 
mit einem Ehrenplatz bedacht, von wo aus er dem Einzug sdner 
Tochter und seines Enkels zuschauen durfte. Sie alle sind im Römer- 
reich gestorben; mit Maroboduus fanden auch Gattin und Sohn seines 
Gegners im Exil Yon Rayenna sich zusammen. Wenn Tiberius bei Ab- 
berufung des Germanicus bemerkte, daüs es gegen die Deutschen der 
Kriegf&hrung nicht bedürfe und daüs sie das fikr Rom Erforderliche 
schon weiter selber besorgen würden, so kannte er seine Gegner; darin 
allerdings hat die Geschichte ihm Recht gegeben. Aber dem hoch* 
sinnigen Mann, der sechsundzwanzigjihrig seine sächsische Heimath 
Yon der italischen Fremdherrschaft erlöst hatte, der dann in sieben- 
jährigem Kampfe für die wiedergewonnene Freiheit Feldherr wie Soldat 
gewesen war, der nicht blofs Leib und Leben, sondern auch Weib und 
Kind für seine Nation eingesetzt hatte, um dann siebenunddreilsig- 
jährig Yon Mörderhand zu fallen, diesem Mann gab sein Volk, was ea 
zu geben vermochte, ein ewiges GedächtniCs im Heldenlied. 



KAPITEL IL 



SPANIEJV. 

Die ZafSilligkeiten der äusseren Politik bewirkten es, daüs die AhMUnb 
Römer früher als in irgend einem anderen Theil des überseeischen ViSn- 
Gontinents sich auf der pyrenäischen Halbinsel festsetzten und hier ein ^' 

zwiefaches standiges Commando einrichteten. Auch hatte die Republik 
hier nicht, wie in Gallien und in Dlyricum, sich darauf bescliränkt die 
Küsten des italischen Meeres zu unterwerfen, Tielmehr gleich Yon An- 
fang an nach dem Vorgang der Barkiden die Eroberung der ganzen 
Halbinsel in das Auge gefafst Mit den Lusitanem (in Portugal und 
Estremadura) hatten die Römer gestritten, seit sie sich Herren von 
Spanien nannten; die «entferntere Provinz* war recht eigentlich gegen 
diese, und zugleich mit der näheren eingerichtet worden; die Callaeker 
(Galicia) wurden ein Jahrhundert Tor der actischen Schlacht den Rö- 
mern botmäfsig; kurz vor derselben hatte in seinem ersten Feldzug 
der spätere Dictator Caesar die römischen Waffen bis nach Brigantium 
(Coruna) getragen und die Zugehörigkeit dieser Landschaft zu der ent- 
fernteren Provinz aufs neue befestigt Es haben dann in den Jahren 
zwischen Caesars Tod bis auf Augustus Einherrschaft die Waffen in 
Nordspanien niemals geruht: nicht weniger als sechs Statthalter haben 
in dieser kurzen Zeit dort den Triumph gewonnen und vielleicht erfolgte 
die Unterwerfung des südlichen Abhangs der Pyrenäen vorzugsweise 
in diese Epoche*). Die Kriege mit den stammverwandten Aquitanem 

') Bs triuDphirteD über Sptnieo, «bgueheD yoa dem vfohl politischeD 
Triuiph dee Lepidns, im J. 718 Gn. Domitias Calvinns (Consal 714), im so. 40 
i. 720 C. Norbaniu Flaccns (Consiil 716), zwischen 720 nnd 725 L. MarcinsS«. 88.84.1» 



58 ACHTES BUCH. KAPITEL II. 

an der Nordseite des Gebirges, die in die gleiche Epoche fallen und 
s7 TOP denen der letzte im Jahre 727 siegreich zu Ende ging, werden 
damit in Zusammenhang stehen. Bei der Reorganisation der Yer- 
>7 waltung im J. 727 kam die Halbinsel an Augustus, weil dort aus- 
gedehnte militärische Operationen in Aussicht genommen waren und 
sie einer dauernden Besatzung bedurfte. Obgleich das südliche 
Drittel der entfernteren Provinz, seitdem benannt vom BaetisfluJs 
(Guadalquibir), dem Regiment des Senats bald zurückgegeben 
wurde ^), blieb doch der bei weitem gröfsere Theil der Halbinsel stets 
in kaiserUcber Verwaltung, sowohl der gröfsere Theil der entfernteren 
Provinz, Lusitanien und Callaecien'X ^'^ ^^^ ganze groüBe nähere. Un- 
mittelbar nach Einrichtung der neuen Oberleitung begab sich Augnstus 
S6. S5 persönlich nach Spanien, um in zweijährigem Aufenthalt (728. 729) 
die neue Verwaltung zu ordnen und die Occupation der noch nicht 
botmäfsigen Landestheile zu leiten. Er that dies von Tarraco aus, 
uud es wurde damals überhaupt der Sitz der Regierung der näheren 
Provinz von Neukarthago nach Tarraco verlegt, von welcher Stadt diese 
Provinz auch seitdem gewöhnlich genannt wird. Wenn es einerseits 
nothwendig erschien den Sitz der Verwaltung nicht von der Küste zu 

88. 88. S8 Philippas (Coosol 716) ond Appias CUadios Paleher (Consnl 716), im J. 726 

89. 86. 99 C. Calvisins Sabions (Consol 715), im J. 728 Sex. Appaleios (Consol 725). 

Die Schriftsteller erwähnen nur den Sieg^, den Calvinas über die Cerretaner 
(bei Pnycerda in den Sstlichen Pyrenäen) erfocht (Dio 48, 42; vgl* VeUeins 2, 
78 und die Mönce des Sabinos mit 0»ca Bckhel 6, 203). 
W M Da AagQsU EmeriU in Lusitanien erst im J. 729 Colonie ward (Dio 

53, 26) und diese bei dem Verteichnifs der Provinzen, in denen Aagnstos 
Colonien segründet hat (mou. Ancyr. p. 119, vgl. p. 222), nicht füglich iinbe- 
röcksichtigt geblieben sein kann, so wird die Trennung von Lnsitaoia und 
Hispania ulterior erst nach dem cantabrischen Kriege stattgefunden haben. 

*) Callaecien ist nicht blofs von der Ulterior aus eingenommen worden, 
sondern mufs noch in der früheren Zeit des Augustus zu Lusitanien gehSrt ha- 
ben, ebenso Asturien anfänglich zu dieser Provinz gesehlagen worden sein. 
Sonst ist die Erzählung bei Dio 54, 5 nicht zu verstehen; T. Garisius, der Er- 
bauer Emeritas, ist oGTenbar der Statthalter von Lusitanien, C. Purnins der 
der Tarraconensis. Damit stimmt auch die parallele Darstellung bei Plorus 
2, 33, denn die Drig^aecini der Handschriften sind sicher die BQtyauctvoi, 
die Ptolemaens 2, 6, 29 unter den Asturern aufrührt. Darum fafst auch 
Agrippa in seinen Messungen Lusitania mit Astoria und Callaecia zusammen 
(Plinius 4, 22, 118) ond bezeichnet Strabon 3, 4, 20 p. 166 die Gallaeker als 
froher Lusitaner genannt Schwankungen in der Abgrenzung der spanischen 
Provinzen erwähnt Strabon 3, 4, 19 p. 166. 



sPAniKN. 59 

entfernen, so beherrschte andererseits die neue Hauptstadt das Ebro- 
gebiet und die Gommnnicationen mit dem Nordwesten und den Pyre- 
näen. Gegen die Asturer (in den Provinzen Asturien und Leon) und 
Yor allem die Cantabrer (im Yaskenland und der Provinz Santander), 
welche sich hartnäckig in ihren Bergen behaupteten und die benach- 
barten Gaue überliefen, zog sich mit Unterbrechungen, die die R6mer 
Si^ nannten, der schwere und verlustvoUe Krieg acht Jahre hin, bis 
es endlich Agrippa gelang durch Zerstörung der Bergstädte und Ter- 
pllanzung der Bewohner in die Thäler den offenen Widerstand zu 
brechen. 

Wenn, wie Kaiser Augustus sagt, seit seiner Zeit die Küste des imitiriflcbo 
Oceans von Cadiz bis zur Eibmündung den Römern gehorchte, so im 
war in diesem Winkel derselben der Gehorsam recht unfreiwillig und ^ ^'**^*^ 
von geringem YerhillB. Zu einer eigentlichen Befriedung scheint es im 
nordwestlichen Spanien noch lange nicht gekommen zu sein. Noch in 
Neros Zeit ist von Kriegszfigen gegen die Asturer die Rede. Deutlicher 
noch spridit die Besetzung des Landes, wie Augustus sie angeordnet hat 
CaUaecien wurde von Lusitanien getrennt und mit der tarraconen- 
sischen Provinz vereinigt, um den Oberbefehl in Nordspanien in einer 
Hand zu concentriren. Diese Provinz ist nicht blo£s damals die einzige 
gewesen, welche, ohne an Feindesland zu grenzen, ein legionares 
Militarcommando erhalten hat, sondern es wurden von Augustus nicht 
weniger als drei Legionen^) dorthin gel^t, zwei nach Asturien, eine 
nach Cantabrien, und trotz der militärischen Bedrängnüs in Germanien 

>) Es sind dies die 4. macedoDiscbe, die 6. victrix und die 10. semioa. 
Die erste von diesen kam ia Folge der durch Claudias britaoDiscIie Expedition 
veranlafsten VersclnebiiBi^ der Troppenlai^er an den Rhein. Die beiden anderen, 
obwohl inzwisehen mefarfaeh anderswo verwendet, standen noch im Anfang der 
RegieniDg Vespasians in ihrer alten Garnison and mit ihnen anstatt der 4. 
die von Galba nea errichtete 1. adiatrix (Tacitas bist. 1, 44). Alle drei 
wurden in Veranlassang des Bataverkrieges an den Rhein geschickt, and es 
kam davon nar eine zariick. Denn noch im J. 88 lagen in Spanien mehrere 
Legioneo (Plinias paneg. 14; vgl. Hermes 3, 118), von welchen eine sicher 
die schon vor dem J. 79 in Spanien garnisonirende 7. gemina (C. I. L. U, 2477) 
ist; die sweita mafs eine von jenen dreien sein and ist wahrscheinlich die 
1. adivtrix, da diese bald naeh dem J. 88 an den Donankriegen Domitians sich 
betheiligt und anter Traian in Obergermanien steht, waa die Vermathnng 
nahe legt, dafs sie eine der mehreren im J. 88 ven Spanien nach Oberger- 
manien geführten Legionen gewesen and bei dieser Veranlassang aas Spanien 
weggekommen ist -^ In Lasitanien haben keine Legionen gestanden. 



60 ACHTES BUCH. KAPITEL H. 

und in Illyricam ward diese Besatzung nicht vermindert. Das Haupt- 
quartier ward zwischen der alten Metropole Astariens Lancia und der 
neaen Asturica Augnsta (Astorga) eingerichtet, in dem noch heute Yon 
ihm den Namen führenden Leon. Mit dieser starken Besetzung des 
Nordwestens hingen wahrscheinlich die daselbst in der früheren 
Kaiserzeit in bedeutendem Umfange Torgenommenen StraDBenanlagen 
zusammen, obwohl wir, da die Dislocation dieser Truppen in der 
augustischen Zeit uns unbekannt ist, den Zusammenhang im Einzelnen 
nicht nachzuweisen Termftgen. So ist von Augustus und Tiberius für 
die Hauptstadt Gallaeciens Bracara (Braga) eine Verbindung mit Astu- 
rica, das heifst mit dem groDsen Hauptquartier, nicht minder mit den 
nördlich, nordöstlich und südlich benachbarten Städten hergestellt 
worden. Aehnliche Anlagen machte Tiberius im Gebiet der Vasconen 
und in Cantabrien^). Allmählich konnte die Besatzung verringert, 
unter Claudius eine Legion, unter Nero eine zweite anderswo ver- 
wendet werden. Doch wurden diese nur als abcommandirt angesehen 
und noch zu Anfang der Regierung Yespasians hatte die spanische Be- 
satzung wieder ihre firühere Stärke; eigentlich reducirt haben sie erst 
die Flavier, Yespasian auf zwei, Domitian auf eine Legion. Von da an 
bis in die diocletianische Zeit hat eine einzige Legion, die 7. Gemina 
und eine gewisse Zahl von Hülfscontingenten in Leon gamisonirt. 

Keine Provinz ist unter dem Principat weniger von den äufiseren wie 
von den inneren Kriegen berührt worden als dieses Land des fernen 
Westens. Wenn in dieser Epoche die Truppencommandos gleichsam 
die Stelle der rivalisirenden Parteien übernahmen, so hat das spanische 
Heer auch dabei durchaus eine Nebenrolle gespielt; nur als Helfer 
seines Collegen trat Galba in den Bürgerkrieg ein und der blofee Zufall 
trug ihn an die erste Stelle. Die vergleichungsweise auch nach der 
Reduction noch auflallend starke Besatzung des Nordwestens der Halb- 
insel laust darauf schlielsen, dafs diese Gegend noch im zweiten und 
dritten Jahrhundert nicht vollständig botmäTsig gewesen ist; indels 



*) Bei dem Ort Pisoraea (Herrera am Pisner^a, swisehen Paleocia und 
Santand^r), der allein auf losehriften dea Tiberius und des Nero und zwar 
als AnsgaDSsponkt einer Kaiserstrafse genannt wird (C. I. L. 11, 4883. 4884), 
dürfte das Lager der cantabrischen Legion gewesen sein, wie bei Leon das 
asturische. Auch Aagnstobriga (westlich von Zaragoza) und Complutom (AI- 
caI4 de Henares nordwärts von Madrid) werden nicht ihrer stadtischen Be- 
deutung wegen, sondern als Troppenlager Reiehsstrafsenoentren gewesen sein. 



flPAjnuf« 61 

Termögen wir über die Verwenduog der spaniflcben Legion innerhalb 
der ProTinx, die sie besetzt hielt, nichts Beetimmtee anzugeben. Der 
Krieg gegen die Cantabrer ist mit HCdfe von Kriegsschiffen gefuhrt 
worden; nachher haben die R6mer keine Veranlassung gehabt hier 
eine dauernde Flottenstation einzurichten. — Erst in der nachdio- 
cietianischen Zeit finden wir die pyrenäische Halbinsel wie die italische 
und die griechisch -makedonische ohne ständige Besatzung. 

Dab die Provinz Baetica wenigstens seit dem Anfang des 2. Jahr« b-*^{" 
hunderts von der gegenüberiiegenden Küste aus durch die Mauren — 
die Piraten des RIf — vielfiiGh heimgesucht wurde, wird in der Dar- 
stellung der africanischen Verhältnisse näher auszuführen sein. Ver- 
muthlich ist es daraus zu erklären, da£s, obwohl sonst in den Prorinzen 
des Senats kaiserliche Truppen nicht zu stehen pflegen, ausnahms- 
weise Italica (bei Sevilla) mit einer Abtheilung der Legion von Leon 
belegt war^). Hauptsächlich aber lag es dem in der Provinz von 
Tingi (Tanger) stationirten Commando ob das reiche südliche Spanien 
vor diesen Einfallen zu schützen. Dennoch ist es vorgekommen, daüs 
Städte wie Italica und Singili (unweit Antequera) von den Piraten 
belagert wurden. 

Wenn dem weltgeschichtlichen Werke der Kaiserzeit, der Ro- vinMmg 
manisirung des Occidents, von der Republik irgendwo vorgearbeitet sudireohta. 
war, so war dies in Spanien geschehen. Was das Schwert begonnen, 
führte der friedliche Verkehr weiter: das römische Silbergeld hat in 
Spanien geherrscht lange bevor es sonst aufserhalb Italien gangbar 
ward und die Bergwerke, der Wein- und Oelbau, die Handelsb^e- 
bungen bewirkten an der Küste, namentlich im Südwesten ein stetiges 
Einstrümen italischer Elemente. Neukarthago, die Schöpfung der Bar- 
kiden und von seiner Entstehung an bis in die augustische Zeit die 
Hauptstadt der diesseitigen Provinz und der erste Handelsplatz Spaniens, 
umscbloüB schon im siebenten Jahrhundert eine zahlreiche römische 
Bevölkerung; Carteia, gegenüber dem heutigen Gibraltar, ein Menschen- 
aller vor der Gracchenzeit gegründet, ist die erste überseeisdie Stadt- 
gemeinde mit einer Bevölkerung römischen Ursprungs (2, 4); die alt- 
berühmte Schwesterstadt Karthagos, Gades, das Jieutige Cadiz, die erste 



^) Damit kaon in Verbindaos gebracht werdeo, dafs dieselbe Lesioo aach, 
wenn gleich aar zeitweiae and mit einem Oetaehemeot, in Namidien aotiv sc* 
Wesen ist 



62 ACHTES HOCH. KAPITEL II. 

fremdländische Stadt auCserhalb Italien, welche rftmisches Recht und 
römische Sprache annahm (3, 554). Hatte also an dem grO&ten Theil 
der Küste des mittelländischen Meeres die alteinheimische wie die 
phAnikische Civilisation bereits unter der Republik in die Art und 
Weise des herrschenden Volkes eingelenkt, so wurde in der Kaiser- 
zeit in keiner Provinz die Romanisirung so energisch von oben herab 
gefördert wie in Spanien. Vor allem die südliche Hälfte der Baetica 
zwischen dem Baetis und dem Uittelmeer hat zum Theil schon unter 
u. 14 der Republik oder durch Caesar, zum Theil in den J. 739 und 740 
durch Augustus eine stattliche Reihe von römischen YoUbürgergemein- 
den erhalten, die hier nicht etwa vorzugsweise die Rüste, sondern vor 
allem das Binnenland füllen, voran Hispalis (Sevilla) und Corduba 
(Cordova) mit CSolonialrecht, mit Municipalrecht Italica (bei Sevilla) 
und Gades (Cadiz). Auch im südlichen Lusitanien begegnet eine Reihe 
gleichberechtigter Städte, namentlich Olisipo (Lissabon), Pax Julia 
(Beja) und die von Augustus während seines Aufenthalts in Spanien 
gegründete und zur Hauptstadt dieser Provinz gemachte Yeteranen- 
colonie Emerita (Merida). In der Tarraconensis finden sich die 
Bürgerstädte überwiegend an der Küste, Karthago nova, Ilici 
(Elche), Yalentia, Dertosa (Tortosa), Tarraco, Barcino (Barcelona); im 
Binnenland tritt nur hervor die Colonie im Ebrothal Caesaraugusta 
(Saragossa). Yollbürgergemeinden zählte man in ganz Spanien unter 
Augustus fünfzig; gegen fünfzig andere hatten bis dahin latinisches 
Recht empfangen und standen hinsichtlich der inneren Ordnung den 
Bfirgergemeinden gleich. Bei den übrigen hat dann Kaiser Yespasianus 
bei Gelegenheit der von ihm im J. 74 veranstalteten allgemeinen 
Reichsschätzung die latinische Gemeindeordnung ebenfalls eingeführt. 
Die Yerleihung des Bürgerrechts ist weder damals noch überhaupt in 
der besseren Kaiserzeit viel weiter ausgedehnt worden als sie in augu- 
stischer Zeit gediehen war^), wobei wahrscheinlich hauptsächlich die 
Rücksicht auf das den Reichsbürgem gegenüber beschränkte Aus- 
hebungsrecht maisgebend gewesen ist 

Die einheimische Bevölkerung Spaniens, welche also theils mit 



'ibfrerf italischeu Ansiedlem vermischt, theils zu italischer Sitte und Sprache 



1) Dafs *die Iberer RSmer ^Dannt werden', wie Josephus (contra 
Ap. 2, 4) sieh ausdriickt, kann nor auf die Ertheilan; des latinischen 
Recbts durch Yespasian bezosen werden lud ist eine ineorreete Angabe de» 
Fremden. 



spahibn. 63 

hingeleitetward, tritt in derGesehichte der Kaiserzeit nirgends deutlich 
erkennbar her?or. Wahrscheinlich hat derjenige Stamm, dessen Reste 
and dessen Sprache sich his auf den heutigen Tag in den Bergen Yiz- 
cayas, Guipnzcoas ondNavarras behaupten, einstmals die ganze Halbinsel 
in ähnlicher Weise erfOUt, wie die Berbern das nordafrikanische Land. 
Ihr Idiom, von den indogermanischen grundverschieden und flexionslos 
wie das der Finnen und Mongolen, beweist ihre ursprüngliche Selbstän- 
digkeit nnd ihre wichtigsten Denkmäler, die Münzen, umfassen in dem 
ersten Jahrhundert der Herrschaft der Römer in Spanien die Halbinsel 
mit Ananahme der Südküste von Cadiz bis Granada, wo damals die phoe- 
nikische Sprache herrschte, und des Gebietes nördlich Ton der Mün- 
dung des Tajoiind westlich von den Ebroqnellen, welches damals wahr- 
scheinlich grofeentheils factisch unabhängig und gewifs durchaus un- 
dyilisirt war; in diesem iberischen Gebiet unterscheidet sich wohl die 
südspanische Schrift deutlich von der der Nordprovinz, aber nicht min- 
der deutlich sind beide Aeste eines Stammes. Die phoenikische Ein- 
wanderung hat sich hier auf noch engere Grenzen beschränkt als in 
Africa und die keltische Mischung die allgemeine Gleichf5rmigkeit der 
nationalen Entwickelung nicht in einer für uns erkennbaren Weise 
modificirt. Aber die Conflicte der Römer mit den Iberern gehören 
überwiegend der republikanischen Epoche an und sind früher dargestellt 
worden (1, 674 f.). Nach den bereits erwähnten letzten Waflengängen 
unter der ersten Dynastie versdiwinden die Iberer völlig aus unseren 
Augen. Auch auf die Frage, wie weit sie in der Kaiserzeit sich romani- 
sirt haben, giebt die uns gebliebene Kunde keine befriedigende Antwort. 
Dafs sie im Verkehr mit den fremden Herren von jeher veranla&t sein 
werden sich der römischen Sprache zu bedienen, bedarf des Beweises 
nicht; aber auch aus dem öffentlichen Gebrauch innerhalb der Gemein- 
den schwindet unter dem Einflufs Roms die nationale Sprache und 
die nationale Schrift Schon im letzten Jahrhundert der Republik ist 
die anfänglich in weitem Umfange gestattete einheimische Prägung 
in der Hauptsache beseitigt worden; aus der Kaiserzeit giebt es keine 
spanische Stadtmünze mit anderer als lateinischer Aufschrift ^). Wie die 



*) Das wohl jÜDSste sicher dttirbare DeDkmtl der einheimiseheo Sprache 
ist doe MiiBze ron Osicerda, welche den während des gallischen Krieges von 
Caesar gesehlagenen Denaren mit dem Eiephanten nachgeprägt ist, mit lateinischer 
nnd iberischer Anfschrift (Zobel estudio hütArieo de la moneda antigua 
wp^ota 2y 11). Unter den ganz oder theil weise epichorischen Inschriften 



64 ACHTES BOCB. KAPITEL II. 

römische Tracht war die römische Sprache auch bei deDJenigen 
Spaniern, die des italischen Bürgerrechts entbehrten, in gro&em Um- 
fang verbreitet und die Regierung begünstigte die factiscbe Romanisi- 
rung des Landes ^). Ab Augustus starb, überwog römische Sprache 
und Sitte in Andalusien, Granada, Hurcia, Valencia, Gatalonien, Arra* 
gonien, und ein guter Theil davon kommt anf Rechnung nicht der 
Colonisirung, sondern der Romanisirung. Durch die vorber erwähnte 
Anordnung Yespasians ward die einheimische Sprache von Rechts- 
wegen auf den Privatverkehr beschränkt. Dals sie in diesem sich 
behauptet hat, beweist ihr heutiges Dasein; was jetzt auf die Berge 
sich beschränkt, welche weder die Gothen noch die Araber je be- 
setzt haben, wird in der römischen Zeit sicher über einen grolsen 
Theil Spaniens, besonders den Nordwesten sich erstreckt haben. Den- 
noch ist die Romanisirung in Spanien sicher sehr viel früher und 
stärker eingetreten als in Africa; Denkmäler mit einheimischer Schrift 
aus der Kaiserzeit sind in Africa in ziemlicher Anzahl, in Spanien kaum 
nachzuweisen, und die Berbersprache beherrscht beute noch halb Nord- 
afirica, die iberische nur die engen Tbäler der Yasken. Es konnte das 
nicht anders kommen, theils weil in Spanien die römische Civüisation 
viel früher und viel kräftiger auftrat als in Afirica, theils weil die Einge- 
borenen dort nicht wie hier den Rückhall an den freien Stämmen 
hatten. 
i>i« Die einheimische Gemeindeverfassung der Iberer war von der gal- 

Oemeinde. lischeu üicht iu einer für uns erkennbaren Weise verschieden. Von 
Haus aus zerfiel Spanien, wie das Keltenland dies- und jenseits der 
Alpen, in Gaubezirke; dieVaccaeer und dieCantabrer unterschieden sich 



Spaoiens mfisea siek maDcke jüasere beftndeo; srentliol» Setsnng ist bei kaiaer 
derselben auch nur wahrscheinlich. 

') Es hat eine Zeit gegeben, wo die PeregrineasemeiDden das Recht 
die lateinische zur Geschäftssprache za machen vom Senat erbitten mafsten; 
aber für die Kaiserzeit CTilt das nicht mehr. Vielmehr ist hier wahrschein- 
lich hanflg das Umgekehrte eingetreten, zam Beispiel das Mansreeht in der 
Weise gestattet worden, dafs die Ajofsehriit lateinisch sein mofste. fibenso 
sind öffentliche Gebände, die Nichtbürger errichteten, lateinisch bezeichnet; 
so lautet eine Inschrift von lUpa in Andalusien (C I. L. II, 1087): Urckaü 
Atüta JfüuuJ ChiUuurgun portas fornicf'esj aadifißandfa) euranii da sfua) 
pfecuniaj, Dafs das Tragen der Toga auch Nichtrömern gestattet und ein 
Zeichen von loyaler Gesinnung war, zeigt sowohl Strabons AeuTserung über die 
Tarraconensis togata wie Agricolas Verhalten in Britannien (Tacitus Agrie. 21). 



SPAPflBIf. 65 

sdiweriich wesentlich Ton den Cenomanen der Transpadana und den 
Reniern i& Belgiea. Dafs aul den in der firfiheren Epoche der Römer- 
herrschafl geschlagenen spanischen HOnsen vorwiegend nicht die Städte 
genannt werden, sondern die Gaue, nicht Tarraco, sondern die Cesse- 
taner, nicht Saguntum, sondern die Arsenser, zeigt deutlicher noch als 
die Geschichte der damaligen Kriege, daüs auch in Spanien einst gröisere 
GauTerbände bestanden. Aber die siegenden Römer behandelten diese 
Verbände nicht überall in gleicher Weise. Die transalpinischen Gaue 
blieben auch unter römischer Herrschaft politische Gemeinwesen; wie 
die cisalpinischen sind die spanischen nur geographische Begriffe. Wie 
der District der Cenomanen nichts ist als ein Gesammtausdruck für 
die Territorien Ton Briiia, Bergomum und so weiter, so bestehen 
die Asturer aus zweiandzwanzig politisch selbständigen Gemeinden, die 
allem Anschein nach rechtlich sich nicht mehr angehen als die Städte 
Brixia und Bergomum ^). Dieser Gemeinden zählte die tarraconensische 
Provinz in augustischer Zeit 293, in der Mitte des zweiten Jahrhun- 
derts 275. Es sind also hier die alten Gauverbände aufgelöst worden. 
Dabei ist scbweriich bestimmend gewesen, da£9 die Geschlossenheit der 
Vettonen und der Gantabrer bedenklicher für die Reichseinheit erochien 



>) Diese merkwürdisen OrdonngeD erhellen ntmeDtlich aus dea sptDi- 
sdien OrtsverzeiehDissen bei Plinias nod sind Ton Detlefsen (Philolosa« 32, 
606 fg.) gut darselegt worden. Die Ten&ioologfe freilieh ist schwankend. 
htt die Bezeiehnoosea eMia», popubu^gms der selbstündigen Gemeinde eigen 
sind, kommen sie von Rechtswegen diesen Theilen xa\ also wird zum Beispiel 
gesprochen von den X civitateM der Antrigonen, den XXII poptäi der Astarer, 
der gens Zoelarum (C. I. L. IT, 2633), welche eben eine dieser 22 Völkerschaften 
ist. Das merkwürdige Docnment, das wir von diesen Zoelae besitzen (C. I. L. 
11, 2633) lehrt, dafs diese gvu wieder in gentüitales zerfiel, welche letzteren 
«neh gelbst gmitef hiefsen, wie eben dieses selbst und andere Zeugnisse (Eph. 
ep. If, p. 243) beweisen. Es findet sieh auch cwis in Beziehung auf einen der canta- 
brischen pofndi (Eph. ep. 11 p. 243). Aber auch für den grSfseren Gau, der ja 
einstmals die politische Einheit war, giebt es andere Bezeichnungen nicht als 
diese eigentlich retrospeetire und inoorreete; nameatlich ^wt« wird dafür selbst 
im teehniaehea Stil verwendet (s. B. G. I. L. II, 4233 Inigreat(U9uis) ex gmie 
Faecaeomm), Dafs das Gemeinwesen in Spanien auf jenen kleinen Districten 
ruht, nicht auf den Gauen, erhellt sowohl aus der Terminologie selbst wie auch 
daraus, dafs Pllnius 3,3,18 jenen 293 Ortschaften die eiväaies contrSbuUa 
aUu gegenüberstellt; ferner zeigt es der Beamte at eemus aeeipiendos emUa- 
Utan XXIII yaeomm et Fardulorum (C. I. L. VI, 1463) verglichen mit dem 
WMor eivüatü Remortan foederaiee (C. I. L. XI, 1855 vgl. 2607). 
]fomms«o, rOm. GeMhieht«. Y. 5 



66 ACUTES BUCH. KAPITEL II. 

als diejeDige der Sequaner und der Treyerer; hauptsachlich beruht der 
Unterschied wohl in der Verschiedenheit der Zeit und der Form der 
Eroberung. Die Landschaft am Guadalqutbir ist anderthalb Jahrhun- 
«lerte firüher römisch geworden als die Ufer der Loire und der Seine; 
die Zeit, wo das Fundament der spanischen Ordnung gelegt wurde, 
liegt derjenigen Epoche nicht so gar fern, wo die samnitische Conföde- 
ration aufgelöst ward. Hier waltet der Geist der alten Republik, in 
Gallien die freiere und mildere Anschauung Caesars. Die kleineren und 
machtlosen Districte, welche nach Auflösung der Verbände die Trager 
der politischen Einheit wurden, die Kleingaue oder Geschlechter, wan- 
delten sich im Laufe der Zeit hier wie überall in Städte um. Die Anfänge 
der städtischen Entwickelung, auch auDserhalb der zu italischem 
Recht gelangten Gemeinden, gehen weit in die republikanische, viel- 
leicht in die vorrömische Zeit zurück; später mufste die allgemeine 
Verleihung des latinischen Rechts durch Vespasian diese Umwandlung 
allgemein oder so gut wie allgemein machen^). Wirklich gab es unter 
den 293 augustischen Gemeinden der Provinz von Tarraco 114, unter 
den 275 des zweiten Jahrhunderts nur 27 nicht städtische Gemeinden. 
▲uiMboBff. Ueber die Stellung Spaniens in der Reichsverwaltung ist wenig zu 

sagen. Bei der Aushebung liaben die spanischen Provinzen eine her- 
vorragende Rolle gespielt. Die daselbst garnisonirenden Legionen sind 
wahrscheinlich seit dem Anfaug des Principats vorzugsweise im Lande 
selbst ausgehoben worden ; als späterhin einerseits die Besatzung ver- 
mindert ward, andererseits die Aushebung mehr und mehr auf den 
eigentlichen Gamisonsbezirk sich beschränkte, hat die Baetica, auch 
hierin das Leos Italiens theilend, das zweifelhafte Gluck genossen gänz- 
lich vom Wehrdienst ausgeschlossen zu werden. Die auxiiiare Aushe- 



>) Da die Utioisehe GemeindeverftssaDg fiir eioe Dicht stadtiscli orgaoi- 
flirte Gemeiede Dicht pafst, so miissea diejenif^eD sptoischen, welche Doch oach 
Vespasian der städtischen Orsanisation entbehrten, entweder von der Verleihnng 
des latinischen Rechts ansgeschlossen oder für sie besondere Modificationen 
einsetreten sein. Das leiztere dürfte mehr Wahrscheinlichkeit haben. Lati- 
nische Nameasform Keigen nachvespasianische Inschriften auch der gmies, wie 
C. I. L. 11, 2633 und Eph. ep. II, 322 ; und wenn einzelne ans dieser Zeit sich 
finden sollten mit nichtrömischen Namen, so wird immer noch zn fragen sein, 
ob hier nicht blofs factische Vernaehlässisnng za Gronde liegt. Indiciea nicht- 
römischer Gemeindeordnnng, in den sparsamen sicher vorv^spasianischen In- 
schriften verhältnifsmäTsig hanfig (C. I. L. II, 172. 1953. 2633. 5018), sind mir 
in sicher nachvespasianischen nicht vorgekommen. 



SPANIEIf. 67 

bung, welcher namentlich die in der städtischen Entwicklang zurück- 
gebliebenen Landschaften unterlagen, ist in Lusitanien, Callaecien, 
Asturien, nicht minder im ganzen nördlichen und inneren Spanien in 
greisem Maisstab durchgefQhrt worden; Augustus, dessen Vater sogar 
seine Leibwache aus Spaniern gebildet hatte, hat abgesehen von der 
Belgica in keinem der ihm unterstellten Gebiete so umfassend recru- 
tirt wie in Spanien. — Für die Finanzen des Staates ist dies reiche Land 
ohne Zweifel eine der sichersten und ergiebigsten Quellen gewesen; 
Näheres ist darüber nicht überlieferL — Auf die Bedeutung des Yer- verkehr und 
kehrs dieser Provinzen gestattet die Fürsorge der Regierung für das ^^^*^- 
spanische Strafsenwesen einigermaüBen einen Schluss. Zwischen den 
Pyrenäen und Tarraco haben sich römische Meilensteine schon aus 
der letzten republikanischen Zeit gefunden, wie sie keine andere Pro- 
vinz des Occidents aufweist. Dafs Augustus und Tiberius den 
Strafsenbau in Spanien hauptsächlich aus militärischen Rücksichten 
förderten, ist schon bemerkt worden; aber die bei Karthago nova 
von Augustus gebaute Strafse kann nur des Verkehrs wegen angelegt 
sein, und hauptsächlich dem Verkehr diente auch die von ihm be- 
nannte und theilweise regulirte, theilweise neu angelegte durch- 
gehende Reichsstrafse ^), welche, die italisch-gallische Küstenstrafse 
fortführend und die Pyrenäen bei dem Pafs von Puycerda überschrei- 
tend von da nach Tarraco ging, dann über Valentia hinaus bis zur 
Mundung des Jucar ungeföhr der Küste folgte, von da aber quer durch 
das Binnenland das Thal desBaetis aufsuchte, sodann von dem Augustus- 
bogen an, der die Grenze der beiden Provinzen bezeichnete und mit 
dem eine neue Milienzählung anhob, durch die Provinz Baetica bis an 
die Mündung des Flusses lief und also Rom mit dem Ocean verband. 
Dies ist allerdings die einzige Reichsstrafse in Spanien. Später hat die 
Regierung für die Strafsen Spaniens nicht viel gethan; die Communen, 
welchen dieselben bald wesentlich überlassen wurden, scheinen, soviel 
wir sehen, abgesehen von dem inneren Hochplateau, überall die Com- 
municationen in dem Umfang hergestellt zu haben, wie derCulturstand 
der Provinz sie verlangte. Denn gebirgig wie Spanien ist, und nicht 



1) Die RiehtaDS der tna Jvgutta giebt Straboo (8, 4, 9 p. 160) an; ihr 
gehören alle Meileosteine an, die jenen Namen haben, sowohl die ans der 
Gegend von Leridt (C. I. L. IL 4920—4928) wie die zwiechea Tarragona und 
Valencia gefundenen (das. 4949—4954) wie endlich die zahlreichen ab lano 
jfoffustOf qm est ad Buetem oder ab areuy unde ineipü Baetica, ad oceanum. 

5» 



68 ACHTBS BUCH. KAPITEL II. 

ohne Steppen und Oedland, gehdrt es doch zu den ertragreiohBten Län- 
dern der Erde, sowohl durch die Fülle der Bodenfrucht wie durch den 
Reicbthum an Wein und Oel und an Metallen. Hinzu trat früh die 
Industrie vorzugsweise in Eisenwaaren und in wollenen und leinenen 
Geweben. Bei den Schätzungen unter Augustus hatte keine römische 
Bürgergemeinde, Patavium ausgenommen , eine solche Anzahl von 
reichen Leuten aufzuweisen wie das spanische Gades mit seinen durch 
die ganze Welt verbreiteten GroJshändiem; und dem entsprach die 
raffinirte Ueppigkeit der Sitten, die dort heimischen Caslagnetten- 
scblägerinnen und die den eleganten Römern gleich den alexandrini- 
sehen geläufigen gaditanischen Lieder. Die Nähe Italiens und der 
bequeme und billige Seeverkehr gaben für diese Epoche besonders der 
spanischen Süd- und Ostküste die Gelegenheit ihre reichen Producte 
auf den ersten Harkt der Welt zu bringen, und wahrscheinlich hat 
Rom mit keinem Lande der Welt einen so umfassenden und stetigen 
Grofshandel betrieben wie mit Spanien. 

Da£9 die römische Civilisaiion Spanien firüher und stärker durch- 
drungen hat als irgend eine andere Provinz, bestätigt sich nach ver- 
schiedenen Seiten, insbesondere in dem Religionswesen und in der 
Litteratur. 

8Mraiw6Mn. Zwar in dem noch später iberischen von Einwanderung ziemlich 
freigebliebenen Gebiet, in Lusitanien, Callaecien, Asturien, haben die 
einheimischen Götter mit ihren seltsamen meist auf -icus und -ecus 
ausgehenden Namen, der EndovelUcus, der Eaecus, Yagodonnaegus 
und wie sie weiter heifsen auch unter dem Principat noch sich in den 
alten Stätten behauptet Aber in der ganzen Baetica ist nicht ein 
einziger Yotivstein gefunden worden, der nicht ebenso gut auch in 
Italien hätte gesetzt sein können; und von der eigentlichen Tarraco- 
nensb gilt dasselbe, nur dals von dem keltischen Götterwesen am 
oberen Duero vereinzelte Spuren begegnen^). Eine gleich energische 
sacrale Romanisirung weist keine andere Provinz auf. 

Die SpMier Die lateinischen Poeten in Corduba nennt Cicero nur um sie zu 
Tenutu- tedehi; und das augustische Zeitalter der Litteratur ist auch noch 

ntor. 

1) lo CloBia ist eine Deditfation an die Matter gefonden (C. I. L. 11, 
2776) — die eiosige spaniadie dieses bei dea westliehen Kelten so weit rer- 
breiteteo nnd so laoge anhaltenden Cnlts — , in Unma eine den LugovM 
gesetnte (das. 2818) , welche Gottheit hei den Kelten von Aventicoa 
wiederhehrt. 



gPAiasif. 69 

wesentlich das Werk der Italiener« wenn ^eich einzelne ProTiniialen 
daran mithalfen und anter anderen der gelehrte Bibliothekar des Kai- 
sers, der Philolog Hyginus als Unfreier in Spanien geboren war. Aber 
Ton da an öbemahmen die Spanier darin fast die Rolle wenn nicht des 
Fahrers, so doch des Schulmeisters. Die Cordubenser Marcus Porcius 
Latro, der Lehrer und das Master 0?ids, und sein Landsmann und 
Jugendfreund Annaeus Seneca, beide nur etwa ein Decennium jünger 
als Horaz, aber längere Zeit in ihrer Vaterstadt als Lehrer der Be- 
redsamkeit thätig, bevor sie ihre Lehrthätigkeit nach Rom yerlegten, 
sind recht eigentlich die Vertreter der die republikanische Redefreiheit 
und Redefrechheit ablösenden Schuhrhetorik. Als der erstere einmal 
in einem wirklichen Procefs aufzutreten nicht umhin konnte, blieb er 
mit seinem Vortrag stecken und kam erst wieder in FluD», als das 
Gericht dem berühmten Mann zu Gefallen vom Tribunal weg in den 
Schulsaal verlegt ward. Auch Senecas Sohn, der Minister Neros und 
der Modephilosoph der Epoche, und sein Enkel, der Poet der Gesinnungs- 
opposition gegen den Principat, Lucanus haben eine litterarisch ebenso 
zweifelhafte wie geschichtlich unbestreitbare Bedeutung, die doch auch 
in gewissem Sinn Spanien zugerechnet werden darf. Ebenfalls in der 
frühen Kaiserzeit haben zwei andere Provinzialen aus der Baetica, Mela 
unter Cbudius, Columdla unter Nero, jener durch seine kurze Erd- 
beschreibung, dieser durdi eine eingehende zum Theil auch poetische 
Darstellung des Ackerbaus einen Platz unter den anerkannten stilisi- 
renden Lehrschriftstellem gewonnen. Wenn in der domitianischen Zeit 
der Poet Canius Rufos aus Gades, der Philosoph Dedanus aus Emerita 
und der Redner Valerius Licinianus aus Bilbilis (Calatayud unweit 
Saragossa) als litterarische Gr5fsen neben Vergil und Catull und neben 
den drei cordubensischen Sternen gefeiert werden, so geschieht dies 
allerdings ebenfalls von einem BUbilitaner Valerius Martialis^), welcher 



>) Die Hiokeiamben (1, 61) Itateo: 

Hoch schfitzt des feinen Dichters Lieder Verona; 

Des Marc frent sich Maotaa. 
Patavions ^rofser LiTins maeht der Stadt Rohm aas 

Und SteUa wie ihr Placcns aaeh. 
ApoUodorea ranseht Beifall des Nils Woge; 

Von Nasos Ruhm ist Solno Toll. 
Die beiden Seoeca nod den einzigen Lneanus 

Rühmt das beredte Cordnba. 



70 ACHTES BU€H. KAPITEL II. SPAlflEIf. 

selbst an Feinheit und Mache, freilich aber auch an Feilheit und Leere 
unter den Dichtern dieser Epoche keinem weicht, und man wird mit 
Recht dabei die Landsmannschaft in Anrechnung bringen; doch zeigt 
schon die hlotse MAg^chkeit einen solchen DichterstrauÜB zu binden die 
Bedeutung des spanischen Elements in der damaligen Litteratur. Aber 
die Perle der spanisch-lateinischen Schriftstellerei ist Marcus Fabius 
Quintilianus (35 — 95) aus Calagurris am Ebro. Schon sein Vater hatte 
als Lehrer der Beredsamkeit in Rom gewirkt; er selbst wurde durch 
Galba nach Rom gezogen und nahm namentlich unter Domitian als Er- 
zieher der kaiserlichen Neffen eine angesehene Stellung ein. Sein Lehr- 
buch der Rhetorik und bis zu einem Grade der römischen Litteratur- 
geschichte ist eine der Yonuglichsten Schriften, die wir aus dem 
römischen Alterthum besitzen, von feinem Geschmack und sicherem 
Urtheil getragen, einfach in der Empfindung wie in der Darstellung, 
lehrhaft ohne Langweiligkeit, anmuthig ohne Bemühung, in scharfem 
und bewufstem Gegensatz zu der phrasenreichen und gedankenleeren 
Modelitteratur. Nicht am wenigsten ist es sein Werk, da£B die Richtung 
sich wenn nicht besserte, so doch änderte. Späterhin tritt in der all- 
gemeinen Nichtigkeit der Einflufs der Spanier nicht weiter hervor. 
Was bei ihrer lateinischen Schriftstellerei geschichtlich besonders ins 
Gewicht fallt, ist das vollständige Anschmiegen dieser Provinzialen an 
die litterarische Entwickelung des Mutterlandes. Cicei'o freilich spottet 
über den Ungeschick und die Provinzialismen der spanischen Dich- 
tungsbeflissenen ; und noch Latros Latem fand nicht den Beifall des 
römisch geborenen eben so vornehmen wie correcten Messalla Cor- 
vinus. Aber nach der angustischen Zeit wird nichts Aehnliches wieder 
vernommen. Die gallischen Rhetoren, die greisen africanischen Kirchen- 
schrifuteller sind auch ab lateinische Schriftsteller einigermaßen Aus-, 
länder geblieben; die Seneca und Martialis würde an ihrem Wesen und 
Schreiben niemand als solche erkennen; an inniger Liebe zu der eigenen 
Litteratur und an feinem Verstandni£s derselben hat nie ein Italiener 
es dem calagurritanischen Sprachlehrer zuvorgethan. 



Das lustige Gades wird deo Gaoins sein aeanon, 

Emerita meineo Decian. 
Also wird unser Bilbilis anf dicli stob sein, 

Lieinian, and aoch aof midi. 



KAPITEL IIL 



DIE GALLISCHEN PROVINZEN. 

Wie Spanien, war auch das südliche Gallien bereits in republikani- Di« 
scher Zeitein Theil des römischen Reiches geworden, jedoch weder so früh ^^^^^ 
noch so Tollständig wie jenes. Die beiden spanischen Provinzen sind in i*«*"*^^ 
der hannibalischen, die Provinz Narbo in der gracchischen Zeit eingerichtet 
worden; und wenn dort Rom die ganze Halbinsel an sich nahm, so be- 
gnügte es sich hier nicht bIo6 bis in die letzte Zeit der Republik mit 
dem Besitz der Küste, sondern es nahm auch von dieser unmittelbar 
nur die kleinere und die entferntere Hälfte. Nicht mit Unrecht be- 
zeichnete die Republik diesen ihren Besitz als das Stadtgebiet Narbo 
(Narbonne); der grdfsere TheiJ der Küste, etwa von Montpellier 
bis Nizza, gehörte der Stadt Hassalia. Diese Griechengemeinde war 
metir ein Staat als eine Stadt, und das von Allers her bestehende 
gleiche Bündnifs mit Rom erhielt durch ihre Machtstellung eine reale 
Bedeutung, wie sie bei keiner zweiten Bundesstadt je vorgekommen 
ist Freilich waren nichtsdestoweniger die Römer für diese benach- 
barten Griechen mehr noch als für die entfernteren des Ostens der 
Schild wie das Schwert Die Massalioten hatten wohl das untere 
Rbonegebiet bis nach Avignon hinauf in ihrem Besitz; aber die 
ligurischen und die keltischen Gaue des Binnenlandes waren ihnen 
keineswegs botmäfsig, und das römische Standlager bei Aquae 
Sextiae (Aix) einen Tagemarsch nordwärts von Massalia ist recht 
eigentlich zum dauernden Schutz der reichen griechischen Kaufstadt 
eingerichtet worden. Es war eine der schwerwiegendsten Consequenzen 
des römischen Bürgerkrieges, daüs mit der legitimen Republik zugleich 



72 ACHTES BUCH. KAPITEL III. 

ihre treoeste Verbündete, die Stadt Massalia, politisch Temichtet, aus 
einem mitherrschenden Staat umgewandelt ward in eine auch ferner 
reichsfreie und griechische, aber ihre Selbständigkeit und ihren Hei* 
lenismus in den bescheidenen Verhältnissen einer provinzialen Hittel- 
stadt bewahrende Gemeinde. In politischer Hinsicht ist nach der Ein- 
nahme im Burgerkrieg nicht weiter von Massalia die Rede; die Stadt ist 
fortan nur für Gallien was Neapolis für Italien, das Centrum grie- 
chischer Bildung und griechischer Lehre. Insofern als der grö&ere 
Theil der späteren Provinz Narbo erst damals unter unmittelbare 
römische Verwaltung trat, gehört auch deren Einrichtung gewisser- 
maüBen erst dieser Epoche an. 
Letate Wie das übrige Gallien in römische Gewalt kam, ist auch bereits 

dra^drei** erzählt worden (3, 223 f.). Vor Caesars gallischem Krieg erstreckte 
^°' die Römerherrschaft sich ungefähr bis nach Toulouse, Vienne und 
Genf, nach demselben bis an den Rhein in seinem ganzen Lauf und an 
die Küsten des atlantischen Meeres im Norden wie im Westen. Aller- 
dings war diese Unterwerfung wahrscheinlich nicht vollständig, im 
Nordwesten vielleicht nicht viel weniger oberflächlich gewesen als die- 
fenige Britanniens (3, 295). Indefs erfahren wir von Ergänzungs- 
kriegen hauptsächlich nur hinsichtlich der Districte iberischer 
Nationalität Den Iberern gehörte nicht bloüB der südliche, sondern 
auch der nördliche Abhang der Pyrenäen mit deren Vorland, Beam, die 
Gascogne, das westliche Languedoc ^); und es ist schon erwähnt worden 
(S. 57), da£3, als das nordwestliche Spanien mit den Römern die letzten 
Kämpfe bestand, auch auf der nördlichen Seite der Pyrenäen, und ohne 
Zweifel in Zusammenhang damit, ernsthaft gestritten wurde, zuerst 
88 von Agrippa im J. 716, dann von Marcus Valerius Messalla, dem be- 
S8. 87 kannten Patron der römischen Poeten, welcher im J. 726 oder 727, 



') D«s iberische MBoz^ebiet reicht entschiede» über die Pyreaaen hio- 
iiber, wenn aach die einzeloen MänzaafschrifteQ , welohe unter «oderm auf 
Perpigosn and Narboooe bezogen werden, nicht sicherer Deatang sind. Da 
aUe diese Prägungen unter römischer Antorisation stattgefunden haben, so legt 
dies die Frage nahe, ob nicht froher, namentlich vor der Gründung von Narbo 
118 (636 d. St.), dieser Theil der späteren Narbonensia unter dem Statthalter des 
diesseitigen Spaniens gestanden hat Aquitaaische Münzen mit iberischer Auf- 
schrift giebt es nicht, so wenig wie aus dem nordwestlichen Spanien, wahr- 
scheinlich weil die römische Oberherrschaft, unter deren Tutel diese Prägung 
erwachsen ist, so lange dieselbe dauerte, das heifst vielleicht bis zum nu- 
mantinischen Krieg, jene Gebiete nicht umfafste. 



DIE GALLISCHEN PBOYIIfZBIf. 73 

abo uogeflhr gleichzeitig mit dem cantabriBcfaen Krieg, in dem alt- 
rdmisdien Gebiet unweit Narbonne die Aquitaner in offener Feld- 
schhcht überwand. In Betreff der Kelten wird nichts weiter gemeldet, 
als daHs kurz Tor der actischen Schlacht die Horiner in der Picardie 
niedergeworfen warden; and wenn auch während des zwanzigjährigen 
last ununterbrochenen Bärgerkrieges unsere Berichterstatter die ?er- 
haltnüjsmäjfoig unbedeutenden gallischen Angelegenheiten aus den Augen 
verloren haben mftgen, so beweist doch das Schweigen des hier voll- 
ständigen Yerzeichnisses der Triumphe, dajjs keine weiteren militäri- 
schen Unternehmungen von Bedeutung im Keltenland während dieser 
Zeit stattgefunden haben. Auch nachher währeud der langen Re- loavneotio- 
giening des Augustus und bei allen zum Theil recht bedenklichen °*°' 
Krisen der germanischen Kriege sind die gallischen Landschaften bot- 
mälkig geblieben. Freilich hat die römische Regierung sowohl wie die 
germanische Patriotenpartei, wie wir gesehen haben, beständig in 
Rechnung gezogen, dafs ein entscheidender Erfolg der Deutschen und 
deren Einrücken in Gallien eine Erhebung der Gallier gegen Rom im 6e- 
fdrige haben werde; sicher also kann die Fremdherrschaft damals noch 
keineswegs gestanden haben. Zu einer wirklichen Insurrection kam 
es im J. 21 unter Tiberius. Es bildete sich unter dem keltischen Adel 
eine weit verzweigte Verschwörung zum Sturz des römischen Regi- 
ments. Sie kam vorzeitig zum Ausbruch in den wenig bedeutenden unter 
Gauen der Tnroner und der Andecaven an der unteren Loire, und es '^*^*'"'' 
wurde sogleich nicht blo£» die kleine Lyoner Besatzung, sondern auch 
ein Theil der Rheinarmee gegen die Aufständischen in Marsch gesetzt. 
Dennoch schlössen die angesehensten Districte sich an ; die Treverer 
unter Führung des Julius Florus warfen sich haufenweise in die Ar- 
dennen; in der unmittelbaren Nachbarschaft von Lyon erhoben sich 
unter Führung des Julius Sacrovir die Haeduer und die Sequaner. 
Freilich wurden die geschlossenen Legionen ohne grofse Möhe der 
R<:bellen Herr; allein der Aufstand, an dem die Germanen sich in kei- 
ner Weise betheiligten, zeigt doch den im Lande und namentlich bei 
dem Adel damals noch herrschenden Hafs gegen die fremden Gebieter, 
welcher durch den Steuerdruck und die Finanznoth, die als die Ur- 
sachen der Insurrection bezeichnet werden, gewilüs verstärkt, aber 
nicht erst erzeugt war. Eine gröfsere Leistung der römischen Staats- AUmihHoho 
kunst, als daJs sie Galliens Herr zu werden vermocht hat, ist es, ^£au«a^^ 
dals sie verstanden hat es zu bleiben und dafs Yercingetorix keinen 



74 ACHTES BUCH. KAPITEL III. 

Nachfolger gefanden hat, obwohl es, wie man sieht, nicht ganz an 
Männern fehlte, die gern den gleichen Weg gewandelt wären. Er- 
reicht ward dies durch kluge Verbindung des Schreckens und des 
Gewinnens, man kann hinzusetzen des Theilens. Die Stärke und die 
Nähe der Rheinarmee ist ohne Frage das erste und das wirksamste 
Mittel gewesen, um die Gallier in der Furcht des Herrn zu erhalten. 
Wenn dieselbe durch das ganze Jahrhundert hindurch auf der gleichen 
Höhe geblieben ist, wie dies in dem folgenden Abschnitt dargelegt 
werden wird, so ist dies wahrscheinlich eben so sehr der eigenen 
Untertbanen wegen geschehen, als wegen der späterhin keineswegs 
besonders furchtbaren Nachbaren. Dab schon die zeitweilige Ent- 
fernung dieser Truppen die Fortdauer der römischen Herrschaft in 
Frage stellte, nicht weil die Germanen dann den Rhein überschreiten, 
sondern weil die Gallier den Römern die Treue aufsagen konnten, 
lehrt die Erhebung nach Neros Tod trotz ihrer Haltlosigkeit: nachdem 
die Truppen nach Italien abgezogen waren, um ihren Feldherrn zum 
Kaiser zu machen , wurde in Trier das selbständige gallische Reich 
proclamirt und die übrig gebliebenen römischen Soldaten auf dieses in 
Eid und Pflicht genommen. Aber wenn auch diese Fremdherrschaft, 
wie jede, auf der übermächtigen Gewalt, der Ueberlegenheit der ge- 
schlossenen und geschulten Truppe über die Menge zunächst und 
hauptsächlich beruhte, so beruhte sie doch darauf keineswegs aus- 
scliliefslich. Die Kunst des Theilens ist auch hier erfolgreich an- 
gewandt worden. Gallien gehörte nicht den Kelten allein; nicht 
blofs die Iberer waren im Süden stark vertreten, sondern auch 
germanische Stämme am Rhein in beträchtlicher Zahl angesiedelt und 
durch ihre hervorragende kriegerische Tüchtigkeit mehr noch als durch 
ihre Zahl von Bedeutung. In geschickter Weise wufste die Regierung 
den Gegensatz zwischen den Kelten und den linksriieinischen Ger- 
manen zu nähren und auszunutzen. Aber mächtiger wirkte die Poli- 
tik der Verschmelzung und der Versöhnung. Welche Mafsregehi zu 
diesem Zwecke ergriffen wurden, wird weiterhin auseinandergesetzt 
werden; indem die Gauverfassung geschont und selbst eine Art natio- 
naler Vertretung bewilligt, gegen das nationale Priesterthum auch, 
aber allmählich vorgegangen ward, dagegen die lateinische Sprache von 
Anfang an obligatorisch und mit jener nationalen Vertretung die neue 
Kaiserreiigion verschmolzen wurde, überhaupt indem die Romanisirung 
nicht in schroffer Weise angefaist, aber vorsichtig und geduldig geför- 



DIE GALLISCHBIf PSO?UfZBIf. 75 

der! ward, hl^te die rdmiBche Fremdherndiaft in dem Kelleidand auf 
dies zu sein, da die Kdten selber Römer wurden und sein wollten. 
Wie weit die Arbeit bereits nach Ablauf des ersten Jahrhunderts 
der R5merherrschaft in Gallien gediehen war, zeigen die ebenerwähnten 
Vorgänge nach Neros Tod, die in ihrem Gesam mtverlauf theils der 
Geschichte des römischen Gemeinwesens, theils den Beziehungen 
desselben zu den Germanen angehören, aber auch in diesem Zu- 
sammenhang wenigstens andeutungsweise erwähnt werden müssen. 
Der Sturz der julisch-claudischen Dynastie ging von einem keltischen 
Adlichen aus und begann mit einer keltischen Insurrection; aber es war 
dies keine Auflehnung gegen die Fremdherrschaft wie die des Verein- 
gelorix oder noch des Sacrovir, ihr Ziel nicht die Beseitigung, sondern 
die Umgestaltung des römischen Regiments; dafs ihr Föhrer seine Ab- 
stammung von einem Bastard Caesars zu den Adelsbriefen seines Ge- 
schlechts zählte, drückt den halb nationalen, halb römischen Charakter 
dieser Bewegung deutlich aus. Einige Monate später proclamirten aller- 
dings, nachdem die abgefallenen römischen Truppen germanischer 
Herkunft und die freien Germanen für den Augenblick die römische 
Rheinarmee überwältigt hatten, einige keltische Stämme die Unab- 
hängigkeit ihrer Nation, aber dieser Versuch scheiterte kläglich, nicht 
erst durch das Einschreiten der Regierung, sondern schon an dem 
Widerspruch der grofsen Majorität der Keltengaue selbst, die den Ab- 
fall von Rom nicht wollen konnten und nicht wollten. Die römischen 
Namen der führenden Adlichen, die lateinische Aufechrift der Insur- 
rectionsmönzen, die durchgehende Travestie der römischen Ordnungen 
zeigen auf das Deutlichste, da£9 die Befreiung der keltischen Nation von 
dem Joch der Fremden im J. 70 n. Chr. deshalb nicht mehr möglich 
war, weil es eine solche Nation nicht mehr gab und die römische 
Herrschaft nach Umständen als ein Joch, aber nicht mehr als Fremd- 
herrschaft empfunden ward. Wäre eine solche Gelegenheit zur Zeit 
der Schlacht bei Philipp! oder noch unter Tiberius den Kelten geboten 
worden, so wäre der Aufstand wohl auch nicht anders, aber in Strömen 
Bluts verlaufen ; jetzt verlief er im Sande. Wenn einige Decennien nach 
diesen schweren Krisen die Rheinarmee beträchtlich reducirt ward, so 
hatten eben sie den Beweis geliefert, dafs die Gallier in ihrer grofsen 
Hehrzahl nicht mehr daran dachten sich von den Italienern zu scheiden 
und die vier Generationen, die seit der Eroberung sich gefolgt waren, 
ihr Werk gethan hatten. Was später dort vorgeht, sind Krisen inner- 



76 ACHTES HOCH. KAPITEL III. 

halb der römiscben Welt Als diese auseinander zu brechen drohte, 
sonderte sich für einige Zeit wie der Osten so auch der Westen von 
dem Centrum des Reiches ab; aber der Sonderstaat des Postumus 
war das Werk der Noth, nicht der Wahl und auch die Sonderung 
nur eine factische; die Imperatoren, die ober Gallien, Britannien 
und Spanien geboten, haben gerade ebenso auf die Beherrschung 
des ganzen Reiches Anspruch gemacht, wie ihre italischen Gegenkaiser. 
Gewifs blieben genug Spuren des alten keltischen Wesens und auch der 
alten keltischen Unbandigkeit. Wie der Bischof Hilarius von Poitiers, 
selbst ein Gallier, über das trotzige Wesen seiner Landsleute klagt, so 
heifsen die Gallier auch in den späteren Kaiserbiographien störrig und 
unregierlich und geneigt zur Widersetzlichkeit, so dafs ihnen gegen- 
über Gonsequenz und Strenge des Regiments besonders erforderlich 
erscheint. Aber an eine Trennung vom römischen Reich oder gar an 
eine Lossagung von der römischen Nationalität, so weit es überhaupt 
eine solche damals gab, ist in diesen späteren Jahrhunderten nirgends 
weniger gedacht worden als in Gallien; vielmehr füllt die Entwickelung 
der römisch-gallischen Cultur, zu welcher Caesar und Augustus den 
Grund gelegt haben, die spätere römische Epoche ebenso aus wie das 
Mittelalter und die Neuzeit 
Ordnanffder Die Rcguürung Gallicns ist das Werk des Augustus. Bei der- 
dreiOaUieD.j^^.^^^ der ReichsveTwaltung nach dem Schlufs der Burgerkriege 
kam das gesammte Gallien, so wie es Caesar übertragen oder von ihm 
hinzugewonnen worden war, nur mit Ausschlnfs des inzwischen mit 
Italien vereinigten Gebiets diesseit der Alpen, unter kaiserliche Verwal- 
tung. Unmittelbar nachher begab Augustus sich nach Gallien und voll- 
97 zog im J. 727 in der Hauptstadt Lugudunnm die Schätzung der galli- 
schen Provinz, wodurch die durch Caesar zum Reiche gekommenen 
Landestheile zuerst einen geordneten Kataster erhielten und für sie die 
Steuerzahlung regulirt ward. Er verweilte damals nicht lange, da die 
spanischen Angelegenheiten seine Gegenwart erheischten. Aber die 
Durchführung der neuen Ordnung stiefs auf grofse Schwierigkeiten 
und vielfach auf Widerstand; es sind nicht blofs militärische Ange- 
19 legenheiten gewesen, welche Agrippas Aufenthalt in Gallien im J. 735 
16—18 und den des Kaisers selbst während der J.738->741 veranlagten; und 
die dem kaiserlichen Hause angehörigen Statthalter oder Commando- 
16 führer am Rhein, Augustus Stiefsohn Tiberius 738, dessen Bruder 
1-7 "chriDrusus 742—745, wieder Tiberius 745—747. 757-759. 763—765, 

8—». »-11 



ME GALLIflGHEN PROVINZBR. 77 

dessen Sobn Gennanicus 766 — 769, hatten alle auch die Aufgabe die is-u 
Organisation Galliens weiter zu führeo. Das Friedenswerk war sicher 
nicht minder schwierig nnd nicht minder wichtig als die Waffengänge 
am Rhein ; man erkennt dies darin, daÜB der Kaiser die Fundamentirung 
selbst in die Hand nahm und die Durchführung den nächst und höchst 
gestellten Männern des Reiches anvertraute. Die von Caesar im Drange 
der BQrgerknege getroffenen Festsetzungen haben erst in diesen Jahren 
diejenige Gestalt bekommen, welche sie dann im wesentlichen 
behielten. Sie erstreckten sich über die alte wie über die neue Pro- 
vinz; indels gab Augustus das altrömische Gebiet nebst dem von Mas- 
salia Tom Mittelmeere bis an die Cevennen schon im J. 732 an die n 
senatorische Regierung ab und behielt nur Neugallien in eigener Ver«- 
waltung. Dieses immer noch sehr ausgedehnte Gebiet wurde dann in 
drei Verwaltungsbezirke aufgelöst, deren jedem ein selbständiger kaiser- 
licher Statthalter vorgesetzt wurde. Diese Eintheilung knüpfte an 
an die schon von dem Dictator Caesar vorgefundene und auf den 
nationalen Gegensätzen beruhende Dreitheilung des Keltenlandes in 
das von Ibereni bewohnte Aquitanien, das rein keltische Gallien und 
das keltisch-germanische Gebiet der Beigen; auch ist wohl beabsich- 
tigt worden diese den Ausbau der römischen Herrschaft fördern- 
den Gegensätze einigermafsen in der administrativen Theilung zum 
Ausdruck zu bringen. Indefs ist dies nur annähernd durchgeführt 
worden und konnte auch praktisch nicht anders realisirt werden. 
Das rein keltische Gebiet zwischen Garonne und Loire ward zu dem 
allzu kleinen iberischen Aquitanien hinzugelegt, das gesammte links- 
rheinische Ufer vom Lemansee bis zur Mosel mit der Belgica vereinigt, 
obwohl die meisten dieser Gaue keltisch waren; überhaupt überwog der 
Keltenstamm in dem Grade, daXs die vereinigten Provinzen die *drei 
Gallien' heifsen konnten. Von der Bildung der beiden sogenannten 
Germanien, nominell dem Ersatz für die verlorene oder nicht zu Stande 
gekommene wirklich germanische Provinz, der Sache nach der galli- 
schen Militärgrenze, wird in dem folgenden Abschnitt die Rede sein. 

Die rechtlichen Verhältnisse wurden in durchaus verschiedener 
Weise für die alte Provinz Gallien und für die drei neuen geordnet: 
jene wurde sofort und vollständig latinisirt, in dieser zunächst nur das 
bestehende nationale Verhältnifs regulirL Dieser Gegensatz der Ver- 
waltung, welcher weit tiefer eingreift, als die formale Verschiedenheit 
der senatorischen und der kaiserlichen Administration, hat wohl die 



78 ACHTES BUCH. KAPITEL III. 

noch beute nachwirkende Verschiedenheit der Länder der Langue d'oc 
und der Provence zu denen der Langue d'oui zunächst und haupt- 
sachlich herbeigeführt. 
Bonuisi- So weit wie die Romanisirung Sfldspaniens war die des gallischen 

B^proti^s. Südens in republikanischer Zeit nicht vorgeschritten. Die zwischen 
den beiden Eroberungen liegenden achtzig Jahre waren nicht rasch 
einzuholen; die Truppenlager in Spanien waren bei weitem stärker und 
stetiger als die gallischen, die Städte latinischer Art dort zahlreicher 
als hier. Wohl war auch hier in der Zeit der Gracchen und unter 
ihrem Einflufs Narbo gegründet worden, die erste eigentliche Bürger- 
colonie jenseit des Meeres ; aber sie blieb vereinzelt und im Handels- 
verkehr zwar Rivalin von Massalia, aber allem Anscheine nach an 
Bedeutung ihr keineswegs gleich. Aber als Caesar anfing die Ge- 
schicke Roms zu leiten, wurde vor allem hier, in diesem Lande seiner 
Wahl und seines Sterns, das Versäumte nachgeholt. Die Colonie 
Narbo wurde verstärkt und war unter Tiberius die volkreichste Stadt im 
gesammten Gallien. Dann wurden, hauptsächlich auf dem von Massa- 
lia abgetretenen Gebiet, vier neue BOrgergemeinden angelegt (3, 553), 
darunter die bedeutendsten militärisch Forum Julii (Frejus), Haupt- 
station der neuen Reichsflotte, für den Verkehr Arelate (Arles) an der 
Rhonemündung, das bald, als Lyon sich hob und der Verkehr sich 
wieder mehr nach der Rhone zog, Narbo überflügelnd die rechte 
Erbin Massalias und das groDse Emporium des gallisch-italischen Han- 
dels ward. Was er selbst noch und was sein Sohn in diesem Sinne 
geschafien hat, ist nicht bestimmt zu unterscheiden und geschicht- 
lich kommt darauf auch wenig an; wenn irgendwo, war hier Augus- 
tus nichts als der Testamentsvollstrecker Caesars. Ueberall weicht 
die keltische Gauverfassung der italischen Gemeinde. Der Gau der 
Volker im Küstengebiet, früher den Massalioten unterthänig, em- 
pfing durch Caesar latinische Gemeindeverfassung in der Weise, dafs 
die ,Prätoren' der Volker dem ganzen 24 Ortschaften umfassenden Be- 
zirk vorstanden ^), bis dann bald darauf die alte Ordnung auch dem 
Namen nach verschwand und an die Stelle des Gaus der Volker die 
latinische Stadt Nemausus (Ntmes) trat. Aehnlich erhielt der ansehn- 



>) Das zeigt die merkwürdif^e loschrift voo Avigooo (Herzog GaU. Narb. 
n. 403): T. CarUius 7*. /. prfaetorj FolcarfumJ dat, das älteste ZeugDifs für 
die römische Ordouog des Gemeioweseos io diesen Gegenden. 



DIB GALLISCHEN PROVINZEN. 79 

lichste aller Gaue dieser Provinz, der der Allobrogen, welche das Land 
nördlich der Is^re und östlich der mitüeren Rhone von Yalence und 
Lyon bis in die savoyischen Berge und an den Lemansee in Besitz 
hatten, wahrscheinlich bereits durch Caesar eine gleiche städtische 
Organisation und italisches Recht, bis dann Kaiser Gaius der Stadt 
Yienna das römische Bürgerrecht gewährte. Ebenso wurden in der 
gesammten Provinz die gröDseren Centren durch Caesar oder in der 
ersten Kaiserzeit nach launischem Recht organisirt, so Ruscino (Rous- 
sillon), Avennio (Avignon), Aquae Sextiae (Aix), Apta (Apt). Schon 
am Schiulis der augustischen Zeit war die Landschaft an beiden Ufern 
der unteren Rhone in Sprache und Sitte vollständig roroanisirt, die 
Gauverfassung wahrscheinlich in der gesammten Provinz bis auf geringe 
Ueberreste beseitigt. Die Borger der Gemeinden, denen das Reichs- 
btti^rrecht verliehen war, und nicht minder die Bürger derjenigen 
launischen Rechts, welche durch den Eintritt in das Reichsheer 
oder durch Bekleidung von Aemlem in ihrer Heimathstadt für sich 
und ihre Nachkommen das Reichsbürgerrecht erworben hatten, stan- 
den rechtlich den Italienern vollständig gleich und gelangten gleich 
ihnen im Reichsdienst zu Aemtem und Ehren. 

Dagegen in den drei Gallien gab es Städte römischen und latini- Logud« 
sehen Rechts nicht, oder fielmehr es gab dort nur eine solche^), die 
eben darum auch zu kemer der drei Provinzen oder zu allen gehörte, die 
Stadt Lugudunum (Lyon). Am äufisersten Südrand des kaiserlichen 
Gallien, unmittelbar an der Grenze der städtisch geordneten Provinz, am 
Zusammenfluls der Rhone und der Saone, an einer militärisch wie 
commerciell gleich wohlgewählten Stelle war während der Bürgerkriege, 
zunächst in Folge der Yertreibung einer Anzahl in Vienna ansässiger 
Italiener *), im J. 711 diese Ansiedlung entstanden, nicht hervorgegangen 4a 



>) Nar etwa Noviodaooni (Nyon am Genfcrsee) kann in deo drei Gallico 
der Anlage aaeb mit LagadnaiuD zosammeogestellt werden (3, 254); aber da 
diese Gemeinde später als eivitas Eqnestriom auftritt (inscr. Helv. 115), so 
scheint nie onter die Gane eiogereibt zo sein, was von LngndaoQm nicht gilt. 

*) Die ans Vienna von den Allobrogen friiher Vertriebenen (ol ix Oviiytnjs 
1^ NoQßwnuüCai vnb rtSv liXXoßQfyiov nork ixntaovtHi) bei Dio 46, 50 
können nicht wohl andere gewesen sein als römische Bürger, da die Grnndang 
einer BSrgercolonie za ihren Gunsten nur unter dieser Voraussetzung sich 
begreift. Die ' frühere ' Vertreibung stand wohl in Zusammenhang mit dem 
AllobrogenaufsUnd unter Catugnatus im J. 693 (3, 224). Die Erklärung, n 
warum die Vertriebenen nicht zurückgeführt, sondern anderweitig angesiedelt 



80 ACHTES BUCH. KAPITEL lU. 

aus einem Keltengaa^) und daher auch immer mit eng beschrSnktem 
Gebiet, sondern von Haus aus von Italienern gebildet und im Besitz 
des Tollen römischen Bürgerrechts, einzig in ihrer Art dastehend unter 
den Gemeinden der drei Gallien, den RechisYerhältnissen nach einiger- 
mafsen wie Washington in dem nordamericanischen Bundesstaat. Diese 
einzige Stadt der drei Gallien wurde zugleich die gallische Hauptstadt 
Eine gemeinschaftliche Oberbehörde hatten die drei Provinzen nicht 
und von hohen Reichsbeamten hatte dort nur der Statthalter der 
mittleren oder der lugudunensischen Provinz seinen Sitz; aber wenn 
Kaiser oder Prinzen in Gallien verweilten, residirten sie regelmäCsig 
in Lyon. Lyon war neben Karthago die einzige Stadt der lateinischen 
Reichshälfte, welche nach dem Muster der hauptstädtischen Garnison 
eine ständige Besatzung erhielt*). Die einzige Münzstätte für Reichs- 
geld, die wir im Westen für die frühere Kaiserzeit mit Sicherheit 
nachweisen können , ist die von Lyon. Hier war die Centralsteile 
des ganz Gallien umfassenden Grenzzolles, hier der Knotenpunkt 
des gallischen Strafsennetzes. Aber nicht bloCs alle Regierungs- 
anstalten, welche Gallien gemeinschaftlich waren, hatten ihren ge- 
borenen Sitz in Lyon, sondern diese Römerstadt wurde auch, wie wir 
weiter hin sehen werden, der Sitz des keltischen Landtags der drei 
Provinzen und aller daran sich knüpfenden politischen und religiösen 
Institutionen, seiner Tempel und seiner Jahresfeste. Also blühte 
Lugudunum rasch empor, gefördert durch die mit der Metropolen- 
stellung verbundene reiche Dotation und die für den Handel ungemein 
günstige Lage. Ein Schriftsteller aus Tiberius Zeit bezeichnet sie als 
die zweite in Gallien nach Narbo; späterhin nimmt sie daselbst den 
Platz neben oder vor ihrer Rhoneschwester Arelate. Bei der Feuers- 
brunst, die im J. 64 einen grolsen TheU Roms in Asche legte, sandten 



wordeoy fehlt, aber es lassen sich dafür mancherlei Veranlassno^en denken, 
und die Thatsache selbst wird dadurch nicht in Zweifel gestellt Die der 
Sudt znfliefsenden Renten (Tacitns h. 1, 65) mSgen ihr wohl «of Kosten Ton 
Vienna verliehen worden sein. 

1) Der Boden gehörte früher den Segosiavern (Plinins h. n. 4^ 18, 107 ; 
Strabo p. 186. 192), einem der kleinen Ciieotelgaue der Haedaer (Caesar b. G. 
7,75); aber in der Gaueintheilnng zählt sie nicht za diesen , sondern steht 
für sieh als fiijTQonoXtg (Ptolemaeos 2, 8, 11. 12). 

*) Dies sind die 1200 Soldaten, mit welches, wie der Jadenköaig Agrippa 
bei Josepbns (bell. 2, 16, 4) sagt, die Römer das gesammte Gallien in Bot- 
mäfsigkeit halten. 



DIE GALLISCHER PROYlNZBIf. 81 

die LngQdunenser den Abgebrannten eine BeihüUe von 4 MiIl.Se8terzen 
(870 0000 M.), und als ihre eigene Stadt im nächsten Jahr dasselbe 
Schicksal in noch härterer Weise traf, steuerte auch ihnen das ganze 
Reich seinen Beitrag und sandte der Kaiser die gleiche Summe aus 
seiner Schatulle. Glänzender als zuvor erstand die Stadt aus ihren 
Ruinen, und sie ist fast durch zwei Jahrtausende unter allen Zeitläuften 
eine GroHsstadt geblieben bis auf den heutigen Tag. In der späteren 
Kaiserzeit freilich tritt sie zurück hinter Trier. Die Stadt der Treverer, 
Augusta genannt wahrscheinlich von dem ersten Kaiser, gewann bald 
in der Belgica den ersten Platz; wenn noch in Tiberius Zeit Durocor- 
torum der Remer (Reims) die volkreichste Ortschaft der Provinz und 
der Sitz der Statthalter genannt wird, so theilt bereits ein Schriftsteller 
aus der des Claudius den Primat daselbst dem Hauptort der Treverer zu. 
Aber die Hauptstadt Galliens^), man darf vielleicht sagen des Ocddents, 
ist Trier erst geworden durch die Umgestaltung der Reichsverwaltung 
unier Diodetian. Seit Gallien, Britannien und Spanien unter einer 
Oberverwaltung stehen, hat diese ihren Sitz in Trier, und seitdem ist 
Trier auch, wenn die Kaiser in Gallien verweilen, deren regelmäüsige 
Residenz und, wie ein Grieche des 5. Jahrb. sagt, die gröÜBte Stadt jen- 
seit der Alpen. Indeis die Epoche, wo dieses Rom des Nordens seine 
liaueni und seine Thermen empfing, die wohl genannt werden dürfen 
neben den Stadtmauern der römischen Könige und den Bädern der 
kaiserlichen Reichshanptstadt, liegt jenseits unserer Darstellang. Durch 
die ersten drei Jahrhunderte der Kaiserzeit ist Lyon das römische 
Gentrum des Keltenlandes geblieben, und nicht bloÜB weil es an Volks- 
zahl und Reichthum den ersten Platz einnahm, sondern weil es, wie 
keine andere des gallischen Nordens und nur wenige des Südens, eine 
von Italien aus gegründete und nicht nur dem Recht, sondern dem 
Ursprung und dem Wesen nach römische Stadt war. 

Wie für die Organisation der Südprovinz die italische Stadt die oi« o*aord. 
Grundlage war, so für die nördliche der Gau, und zwar überwiegend '^'^cEluiem' 
derjenige der keltischen ehemaligen Staats-, jetzigen Gemeindeordnung. 



1) niehts ist so bezeichaend für die Stellang^ Triers in dieser Zeit als 
die Verordonog des Kaisers GratisDOs vom J. 376 (C. Th. 13, 3, 11), dafs den 
Professoren der Rhetorik und der Grammatik beider Sprachen in sämmtlichen 
Hauptstädten der damalisen siebzehn gallischen Provinzen zn ihrem städtischen 
Gehalt die gleiche Zulage aus der Staatskasse gegeben, fdr Trier aber diese 
hSher bemessen werden solle. 

Mommsen, xOm. QMohiehte. V. Q 



02 ACHTES BOCH. KAPITEL III. 

Die Bedeutung des Gegensatzes von Stadt und Gau ist nicht zunächst 
abhängig von seinem Inhalt; selbst wenn er ein blois rechtlich for- 
maler gewesen wäre, hätte er die Nationalitäten geschieden, auf der 
einen Seite das Gefühl der Zugehörigkeit zu Rom, auf der andern Seite 
das der Fremdartigkeit geweckt und geschärft. Hoch darf für diese 
Zeit die praktische Verschiedenheit der beiden Ordnungen nicht ange- 
schlagen werden, da die Elemente der Gemeindeordnung, die Beamten, 
der Rath, die Bürgeryersamrolung dort wie hier dieselben waren und 
etwa früher vorhandene tiefer gehende Gegensätze Ton der römisclien 
Oberherrschaft schwerlich lange geduldet wurden. Daher hat auch 
der Uebergang von der Gauordnung zu der städtischen sich häufig und 
ohne Ansto&, man kann yielleicht sagen im Laufe der Entwickelung 
mit einer gewissen Nothwendigkeit von selber vollzogen. In Folge 
dessen treten die qualitativen Unterschiede der beiden Rechtsformen in 
unsei'er Ueberlieferung wenig hervor. Dennoch war der Gegensatz 
sidier nicht ein blofs nomineller, sondern es bestanden in den Befugnis- 
sen der verschiedenen Gewalten, in Rechtspflege, Besteuerung, Aushebung 
Verschiedenheiten, die für die Administration, theils an sich, theils in 
Folge der Gew&hnung, von Bedeutung waren oder doch bedeutend 
schienen. Bestimmt erkennbar ist der quantitative Gegensatz. Die 
Gaue, wenigstens wie sie bei den Kelten und den Germanen auftreten, 
sind durchgängig mehr Völkerschaften als Ortschaften; dieses sehr 
wesentliche Moment ist allen keltischen Gebieten eigenthümlich und 
selbst durch die später eintretende Romanisirung oft mehr verdeckt 
als verwischt. Mediolanum und Brixia haben ihre weiten Grenzen und 
ihre dauernde Potenz wesentlich dem zu danken, dais sie eigentlich 
nichts sind als die Gaue der Insubrer und der Cenomanen. DaÜB das 
Territorium der Stadt Vienna die Dauphin^ und Westsavoyen umfa&t 
und die ebenso alten und fast ebenso ansehnlichen Ortschaften Cularo 
(Grenoble) und Genava (Genf) bis in die späte Kaiserzeit dem Rechte 
nach Dörfer der Colonie Vienna sind, erklärt sich ebenfalls daraus, da& 
dieses der spätere Name der Völkerschaft der Allobrogen ist In den 
meisten keltischen Gauen überwiegt eine Ortschaft so durchaus, da£s es 
einerlei ist, ob man die Remer oder Durocortorum, die Bituriger oder 
Burdigala nennt; aber es kommt auch das Gegentheil vor, wie zum 
Beispiel bei den VocontiemVasio (Vaison) und Lucus, bei den Camuten 
Autricum (Chartres) und Cenabum (Orleans) sich die Wage hallen; und 
ob die Vorrechte, die nach italischer und griechischer Ordnung sich 



DIE GALLISCHEN PROYINZEN. 83 

selbstYerstandlich der Flur gegenüber an denHauerring knüpfen, bei den 
Kelten rechtlich oder auch nur thataächlich in ähnlicher Weise geordnet 
waren, ist mehr als fraglich. Das Gegenbild für diesen Gau im griechisch- 
italischen Wesen ist viel weniger die Stadt als die Völkerschaft; die Car- 
nuten hat man mit den Boeotem zu gleichen, Autricum undCenabum mit 
Tanagra und Thespiae. Die Besonderheit der Stellung der Kelten unter 
der römischen Herrschaft gegenüber anderen Nationen , den Iberern 
zum Beispiel und den Hellenen , beruht darauf, dafs diese gröÜBeren 
Verbände dort als Gemeinden fortbestanden, hier diejenigen Bestand- 
theile, aus denen sie sich zusammensetzten, die Gemeinden bildeten. 
Dabei mögen ältere der vorrömischen Zeit angehörige Verschieden- 
heiten der nationalen Entwickelung mitgewirkt haben; es mag wohl 
leichter ausführbar gewesen sein den Boeotem den gemeinschaftlichen 
Städtetag zu nehmen als die Helvetier in ihre vier Districte aufzulösen; 
politische Verbände behaupten sich auch nach der Unterwerfung unter 
eine Gentralgewalt da, wo ihre Auflösung die Desorganisation herbei- 
fuhren würde. Dennoch ist was in Gallien durch Augustus oder wenn 
man will durch Caesar geschah , nicht durch den Zwang der Verhält- 
nisse herbeigefahrt worden, sondern hauptsächlich durch den freien 
EntschlttlSs der Regierung, wie er auch allein zu der übrigens gegen die 
Kelten geübten Schonung palst. Denn es gab in der That in der 
Yorrömlschen Zeit und noch zur Zeit der caesarischen Eroberung eine 
bei weitem grölsere Anzahl von Gauen, als wir sie später finden; na- 
mentlich ist es bemerkenswerth, daCs die zahlreichen durch Clientel 
einem gröfseren Gau angeschlossenen kleineren in der Kaiserzeit nicht 
selbständig geworden, sondern verschwunden sind^* Wenn späterhin 

>) Bei Caesar erscheineB wohl, im GrofseQ und Ganzen genommen, die- 
selben Gane, wie sie dann in der aagottisclien Ordnung vertreten sind, aber 
zogleich yielfaebe Spuren kleinerer Cllentelverbande (vgl. 2, 238); so werden 
als 'Clienten* der Haedner genannt die Segnsiaver, die Ambivareten, die 
Anlerker Brannoviker nnd die Braonovier (b. G. 1, 75), als dienten der Tre- 
uerer die Condmser (b. 6. 4. 6), als solche der Helvetier die Tulinger nnd 
Lalobrigen. Mit Aosnahme der Segnsiaver fehlen diese alle anf dem Lyoner 
LaadUge. Dergleichen kleinere nicht völlig in die Vororte aofgegaogene 
Gaue mag es in Gallien zur Zeit der Unterwerfung in grofser Zahl gegeben 
haben. Wenn nach Josephus (belL 2, 16, 4) den Römern 305 gallische Gane 
nnd 1200 Städte gehorchten, so mögen dies die Ziifern sein, die fnr 
Caesars WaiTenerfolge heransgerechnet worden sind; wenn die kleinen ibe- 
rischen Völker in Aquitanien nnd die Clientelgane im Keltenland mitgezahlt 
worden, konnten dergleichen Zahlen wohl herauskommen. 

6» 



84 ACHTES BUCH. KAPITEL TU. 

das Keltenland getheilt erscheint in eine mausige Anzahl bedeutender, 
zum Theil sogar sehr grofeer Gaudistricte, innerhalb deren abhängige 
Gaue nirgends zum Vorschein kommen, so ist diese Ordnung 
freilich durch das vorrömische Glientelwesen angebahnt, aber erst 
durch die römische Reorganisation vollständig durchgeführt worden. 
Dieser Fortbestand und diese Steigerung der Gauverfassung wird für 
die weitere politische Entwickelung Galliens vor allem bestimmend ge- 
wesen sein. Wenn die tarraconensische Provinz in 293 selbständige 
Gemeinden zerfiel (S. 65), so zählten die drei Gallien zusammen, wie 
vnr sehen werden, deren nicht mehr als 64. Die Einheit und ihre Er- 
innerungen blieben ungebrochen ; die eifrige Verehrung, die die ganze 
Kaiserzeit hindurch dem Quellgott Nemausus bei den Völkern gezollt 
wurde, zeigt, wie selbst hier, im Sflden des Landes und in einem zur 
Stadt umgewandelten Gau die traditionelle Zusammengehörigkeit noch 
immer lebendig empfunden ward. In dieser Art innerlich festzusammen- 
haltende Gemeinden mit weiten Grenzen waren eine Macht Wie Cae- 
sar die gallischen Gemeinden vorfand, mit einer in völliger politischer 
wie ökonomischer Abhängigkeit gehaltenen Volksmasse und einem 
übermächtigen Adel, so sind sie im Wesentlichen auch unter römischer 
Herrschaft geblieben; genau vrie in vorrömischer Zeit die grofsen 
Adlichen mit ihrem nach Tausenden zählenden Gesinde von Hörigen 
und Schuldknechten ein jeder in seiner Heimath die Herren spielten, 
so schildert uns Tacitus in Tiberius Zeit die Zustände bei den Tre- 
verern. Das römische Regiment gab der Gemeinde weit gehende 
Rechte, sogar eine gewisse Militärgewalt, so dafs sie unter Umständen 
Festungen einzurichten und besetzt zu halten befugt war, wie dies bei 
den Helvetiern vorkommt, die Beamten die Burgerwehr aufbieten konn- 
ten und in diesem Falle Offiziersrecht und Offiziersrang hatten. Diese 
Befugnifs war nicht dieselbe in den Händen des Vorstehers einer klei- 
nen Stadt Andalusiens und desjenigen eines Bezirkes an der Loire 
oder der Mosel vom Umfang einer kleinen Provinz. Die weilherzige 
Politik Caesars des Vaters, auf den die Grundzüge dieses Systems noth- 
wendig zurückgeführt werden müssen, zeigt sich hier in ihrer ganzen 
grofsartigen Ausdehnung, 
d« dm ^^^ ^^^ Regierung beschränkte sich nicht darauf die Gauordnung 

GttUien. dou Kelten zu lassen; sie liess oder gab ihnen vielmehr auch eine 
nationale Verfassung, so weit eine solche mit der römischen Oberherr- 
schaft sich vereinbaren liess. Wie der hellenischen Nation, so verlieh 



DIE GALLISCHEN PROYllfZBIf. 85 

Augustus der gallischen eine organisirle Gesammtvertrelung, welche 
dort wie hier in der Epoche der Freiheit und der Zerfahrenheit wohl 
erstrebt, aber nie erreicht worden war. Unter dem Högel, den die 
Hauptstadt Galliens krönte, da wo die Saone ihr Wasser mit dem der 
Rhone mischt, weihte am 1. August des J. 742 der kaiserliche Prinz u 
Dnisus als Vertreter der Regierung in Gallien der Roma und dem 
Genius des Herrschers den Altar, an welchem fortan jedes Jahr an 
diesem Tage diesen Göttern von der Gemeinschaft der Gallier die Fest- 
feier abgehalten werden sollte. Die Vertreter der sämmtlichen Gaue 
wählten aus ihrer Hitte Jahr fQr Jahr den ,Priester der drei Gallien' 
und dieser brachte am Kaisertag das Kaiseropfer dar und leitete die 
dazu gehörigen Festspiele. Diese Landesvertretung hatte nicht hlob 
eine eigene Vermögensverwaltung mit Beamten, welche den Tornehmen 
Kreisen des provinzialen Adels angehörten, sondern auch einen gewissen 
Antheil an den aUgemeinen Landesangelegenheiten. Von unmittelbarem 
Eingreifen derselben in die Politik findet sich allerdings keine andere 
Spur, als dais bei der ernsten Krise des J. 70 der Landtag der drei 
Gallien die Treverer von der Auflehnung gegen Rom abmahnte; aber er 
hatte und gebrauchte das Recht der Beschwerdeführung über die in 
Gallien fungirenden Reichs- und Hausbeamten und wirkte femer 
mit wenn nicht bei der Auflegung, so doch bei der Repartition der 
Steuern^), zumal da diese nicht nach den einzelnen Provinzen, sondern 
für Gallien insgemein angelegt wurden. Aehnliche Einrichtungen 

1) Dtravf fahrt auTser der lasdirift bei BoiMien p. 609, wo die Worte 
t€i[i]ßu euislus GMarum] mit dem Namen eines der Altarpriester io Ver- 
biadang gebraebt werden , die EbreniDSchrift, welche die drei Gallien einem 
kaiserlicben Beamten a cmuihu aecipiendit setzen (Uenzen 6944); derselbe 
seheint die Ratasterrevisioo für das ganze Land geleitet zn haben, eben wie 
früher Drnsos, während dieSchätznng selbst dnrchCommissarien für die einzelnen 
Lnadsehaften erfolgte. Aach ein lac^rdos Romae ei AugtuH der Tarraconensis 
wird belobt ob euram tabulari eensuaits ßdeiäer adminigtratam (C. 1. L. 11, 4248) ; 
es waren also mit der Stenerrepartirnog wohl die Landtage aller Provinzen 
befnCit. Die kaiserliche Pinanzverwaltnog der drei Gallien war wenigstens 
der Regel nach so getheilt, dafs die beiden westlichen Provinzen (Aqaitanien 
and Lagadanensis) nnter einem Proenrator standen, Belgien nnd die beiden 
Germanien anter einem andern; doch hat es rechtlich feste Competenzen dafür 
wohl nieht gegeben. Auf eine regelmürsige Betheilignog bei der Aoshebnng 
darf ans der von Hadriao, offenbar anfserordentlicher Weise, mit Vertretern 
aller spanischen Districte gepflogenen Verhandlang (vita 12) nicht geschlossen 
werden. 



86 ACHTES K7CH. KAPITEL III« 

hat allerdings die Kaiserregierung in allen Provinzen ins Leben ge- 
rufen, in einer jeden nicht blofs die sacrale Gentralisirung eingeführt, 
sondern auch, was die Republik nicht gethan hatte, einer jeden ein 
Organ verliehen, um Bitten und lUagen vor die Regierung zu bringen. 
Dennoch hat Gallien in dieser Hinsicht vor allen übrigen Reichstheilen 
wenigstens ein thats&chliches Privilegium, wie sich denn diese Institu- 
tion auch allein hier voll entwickelt findet^). Einmal steht der ver- 
einigte Landtag der drei Provinzen den Legaten, und Procuratoren 
einer jeden nothwendig unabhängiger gegenüber als zum Beispiel der 
Landtag von Thessalonike dem Statthalter von Makedonien. Sodann 
aber kommt es bei Institutionen dieser Art weit weniger auf das Hafs 
der verliehenen Rechte an als auf das Gewicht der darin vertretenen 
Körperschaften ; und die Stärke der einzelnen gallischen Gemeinden über- 
trug sich ebenso auf den Landtag von Lyon wie die Schwäche der ein- 
zelnen hellenischen auf den von Argos. In der Entwickdung Galliens 
unter den Kaisem hat der Landtag von Lyon allem Anschein nach die- 
jenige allgemein gallische Homogeneitat, welche daselbst mit der Lati- 
nisirung Hand in Hand geht, wesentlich gefördert 

Die Zusammensetzung des Landtags, welche uns ziemlich genau 
bekannt ist*), zeigt, in welcher Weise die Nationalitätenfrage von der 

^) Für die area Galliarum^ den Freigelassenen der drei Gallien (Henzen 
6393), den adlector arcae GaUiarum, inquisüor GaÜiarum^ iudex arcae GalUarunt 
fiebt meines Wissens keine andere Provinz Analogien; und von diesen Ein- 
richtnngen hätten, wenn sie allgemein gewesen wären, die Inschriften sicher 
auch sonst Spuren bewahrt Diese Einrichtoagen scheinen aaf eine sich selbst 
verwaltende und bestenernde Körperschaft zn führen (der in seiner Bedeatnng 
unklare adlector kommt als Beamter in CoUegien vor C. I. L. VI, 855; OreUi 
2406); wahrscheinlich bestritt diese Rasse die wohl nicht nnbetrachtUchen 
Ausgaben für die Tempelgebäude und für das Jahrfest Eine Staatskasse ist 
die area GalUarutn nicht gewesen. 

*) Als Gesammtzahl der auf dem Lyoner Altar verzeichneten Gemeinden 
giebt Strabo (4, 3, 2 p. 192) sechzig an, als die Zahl der aquiUnischen in 
dem keltischen Theil nördlich von der Garonne vierzehn (4, 1, 1 p. 177). 
Tacitus ann. 3, 44 nennt als Gesammtzahl der gallischen Gaue viernndsechzig, 
ebenso, wenn auch in unrichtiger Verbindung, der Soholiast zur Aeneis 1, 286. 
Auf die gleiche Gesammtzahl fuhrt das Verzeicfanifs bei Ptolemaeos ans dem 
zweiten Jahrhundert, welches für AquiUnien 17, für die Lugudunensis 25, 
fdr Belgica 22 Gaue aufliihrt. Von seinen aquitanischen Gauen fallen 13 auf 
das Gebiet zwischen Loire und Garonne, 4 auf das zwischen Garonne und 
Pyrenäen. In dem späteren aus dem 5. Jahrb., das unter dem Namen der 
Notitia Galliarum bekannt ist, fallen auf AquiUnien 26, auf die Lugudunensis 



DIE GALLISCHEN PROVINZEN. 87 

Regierung behandelt ward. Von den sechzig, später vierundsechzig auf 
dem Landtag vertretenen Gauen kommen nur vier auf die iberischen 
Bewohner Aquitaniens, obwohl dieses Gebiet zwischen der Garonne und 
den Pyrenäen unter eine sehr viel grössere Zahl durchgängig kleiner 
Stämme getheilt war, sei es, dala die übrigen von der Vertretung über- 
haupt ausgeschlossen waren, sei es dafs jene vier vertretenen Gaue die 



(aoftschliefslleli Lyons) 24, auf J3«lgica 27. Alle diese Zahlen siad veramthlich 
eine jede far ihre Zeit richtig; zwischen der Brriehfiing des Altars im J. 742 st 
nnd der Zeit des Tseitns (denn aaf diese ist seine Ansähe wohl zu heziehen) 
können ebenso vier Gaue hinzo^etreten sein, wie sich die Verschiebung der 
Zahlen vom 2. bis znm 5. Jahrh. anf einzelne znm guten Theil speciell noch 
nachweisliche Aendomngen zoräckführen IKfst — Bei der Wichtigkeit dieser 
Ordnungen wird es nicht überflüssig sein sie wenigstens für die beiden west- 
lichen Provinzen im Speciellen darzulegen. In der rein keltischen Mittelprovinz 
stimmen die drei Verzeichnisse bei Plinins (1. Jahrb.), Ptolemaens (2. Jahrh.) 
und der Notitia (5. Jahrh.) in 21 Namen überein: Mrmeates — Andeeavi — jiulerd 
Cmomani — Aulerei DiabHnles — Aulerei Eburovioi — BoMoeasses (Bodio- 
castes Plin^ Fadieatn Ptol.) — Camutes — CoriosoUtet (ohne Zweifel die Sam- 
nUae des Ptolemaeus) — Haetbd — Lexovä — Meldae — Namnele* — Osiimü 

— Parisii — Redones — Sewmes — Trieasnni — TuroneM — Feiiocasses 
{Rotmnagenses) — Feneti — ünelli (Constantia); in drei weiteren: Caletae 

— Segusiavi — Fidueasses stimmen Plinius und Ptolemaeus, wahrend sie in der 
Notitia fehlen, weil inzwischen die Caletae mit den Veliocasses oder den Roto- 
magenses, die Vidncasses mit den Baioeasses zusammengelegt nnd die Segusiavi 
in Lyon aufgegangen waren. Dagegen erscheinen hier statt der drei ver- 
schwundenen zwei neue durch Theilung entstandene: ^iifa/ums (Orleans) abge- 
zweigt aus den Camuies (Chartres) uad Autessiodurum (Auzerre) abgezweigt aus 
den Senenes (Seas). Uebrig bleiben bei Plinins zwei Namen: Boi — Atesui; 
bei Ptolemaeus einer: Arm; in der Notitia einer: Saii. — Für das keltische 
Aqnitanien stimmen die drei Listen in elf Namen überein: Arvemi — Bitu- 
riges Cubi — BUuriges Fiüisd (Burdigalenses) — Cadurd — Gabäles — 
Lemomei — NiUobriges (AgUntenses) — Petrueorii — Pietcnes — Ruteni — 
Santones; die zweite und dritte in dem zwölften der FeUaum, der bei Plinius 
ausgefaUen sein wird; Plinius allein hat (abgesehen von den problematischen 
Aquäani) zwei Namen mehr: AmbUatri und Anagimtes^ Ptolemaeus einen sonst 
unbekannten: DatU\ vieUeicht ist mit zweien von diesen die strabonische Zahl 
der viersehn voll zu machen. Die Notitia hat aofser jenen elf noch zwei 
auf Spaltung beruhende, die Albiffenses (Albi am Tarn) und die EecUsmenses 
(AngouMme). — In ähnlicher Weise verhalten sich die Listen der östlichen 
Gaue. Obwohl untergeordnete Differenzen sich ergeben, die hier nicht erörtert 
werden können, liegt das Wesen und die BestSndigkeit der gallischen Gau- 
theilung deutlich vor. 



88 ACHTES BUCH. KAPITEL III. 

Vororte Ton Gauverblnden sind^). Spftterhio, wahrscheiiilicb in traiani- 
scher Zeit, ist der iberische Bezirk von dem Lyoner Landtag abgetrennt 
und ihm eine selbständige Vertretung gegeben worden*). Dagegen 
sind die keltischen Gaue in derjenigen Organisation, die wir früher 
kennen gelernt haben, im Wesentlichen alle auf dem Landtag vertreten 
und ebenso die halb oder ganz germanischen'), so weit sie zur Zeit 

*) Die vier vertreteneQ VStkerschaften sind die Tarbeller, Vasateo, 
Anecier ond ConveBer. Aofser dieseo zählt PliBine im sSdlichea AqniUnieo 
nieht weni^r als 25 grofsteDtheils soast anbekannte VSlkersehafteo aaf als 
reehtlich jenen vier gleiehstehend. 

*) Plinins und, vermathlich aneh kier älteren Quellen folgend, Ptolemaens 
wissen von dieser Tkeilnng nichts; aber wir besitzen noek die ungefügen 
Verse des Gascogner Banern (Borgkesi opp. 8, 544), der dies in Rom auswirkte, 
okne Zweifel in Gemeinschaft mit einer Anzahl seiner Landslente, obwohl er 
es vorgezogen hat dies nicht hinzozosetzen : 

Flamm, üem dummr, quaettor pag^uß) magut€t 
Feru9 ad jitigustum Ißgato (so) manare funetut 
pro novem optinuU popiäis Meiungere GaUos: 
urbe redux Gtnio pagi hatte dedieat aram, 
Flamen, aneh Zweimann, Schatzmeister und Scholze des Dorfes 
Ging den Kaiser ich an, \en^, nach erhaltenem Auftrag; 
Wirkte dem Nenngaa aas von ihm za scheiden die Galler 
Und znrück von Rom weih den Altar ich dem Dorfgeist. 
Die älteste Spur der administrativen Trennung des iberischen Aquitaniena 
von dem gallischen ist die Nennung des < Bezirks von Lactora' (Lectonre) 
neben Aqnitanien in einer Inschrift aas traianischer Zeit (C. I. L. V, 875: 
proeurator provineiarwn LugudanienHs et Aquitanieae, itsm Laeiorae). Diese 
Inschrift beweist allerdings an sich mehr die Verschiedenheit der beiden Gebiete 
als die formelle Absonderung des einen von dem andern; aber es läfst sich 
anderweitig zeigen, dafs bald nach Traian die letztere darchgeführt war. 
Denn dafs der abgetrennte Bezirk ursprünglich in neun Gaae zerfiel, wie 
jene Verse es sagen, bestätigt der seitdem gebliebene Name Novempopulana; 
unter Pins aber zählt der Bezirk bereits elf Gemeinden (denn der däectator 
er Apqtaianieae XI populos Boissieu Lyon p. 246 gebärt gewifs hierher) , im 
fünften Jahrhundert zwölf; denn so viele zählt die Notitia unter der Novem* 
populana auf. Diese Vermehrung erklärt sich ebenso wie die S. 86 A. 2 erörterte. 
Auf die Statthalterschaft bezieht die Theilung sich nicht; vielmehr blieben das 
keltische und das iberische Aquitanieo beide unter demselben Legaten. Aber die 
Novempopulana erhielt unter Traian ihren eigenen Landtag, während die kelti- 
schen Districte Aquitaniens nach wie vor den Landtag von Lyon beschickten. 
*) Es fehlen einige kleinere germanische Völkerschaften, wie die Bae- 
tasier und die Sunnker, vielleicht aus ähnlichen Gründen wie die kleineren 
iberischen ; ferner die Cannenefaten und die Friesen, wahrscheinlich weil diese 
erst später reichsnnterthänig geworden sind. Die Bataver sind vertreten. 



ten 



DIB GALLISCHEM PBOTIHZBN. 89 

der Stiftiug des Altars zum Reiche gehörten; da& IQr die Hauptstadt 
Galliens in dieser Gauvertretung kein Platz war, versteht sich von 
selbst Aufserdem erscheinen die Ubier nicht auf dem Landtag von 
Lyon, sondern opfern an ihrem eigenen Augustus-Altar — es ist 
dks, wie wir sahen (S. 000), ein stehen gebliebener Ueberrest der 
beabsichtigten Provinz Germanien. 

Wurde die keltische Nation also in dem kaiserlichen Gallien inBatehrtoktp* 
sich selbst consolidirt, so wurde sie auch dem römischen Wesen gegen- Barge^eht 
über gewissermalsen garantirt durch das hinsichtlich der Ertheilung ^^jSl 
des Reichsbürgerrechts für dieses Gebiet eingehaltene Verfahren. Die 
Hauptstadt Galliens freilich war und blieb eine römische Bürgercolonie 
und es gehört dies wesentlich mit zu der eigenartigen Stellung, die sie 
dem übrigen Gallien gegenüber einnahm und einnehmen sollte. Aber 
während die Südprovinz mit Colonien bedeckt und durchaus nach 
italischem Gemeinderecht geordnet ward , hat Augustus in den drei 
Gallien nicht eine einzige Bürgercolonie eingerichtet, und wahrschein- 
lich ist auch dasjenige Gemeinderecht, welches unter dem Namen des 
latinischen eine Zwischenstufe zwischen Bürgern und Nichtbürgern bildet 
und seinen angeseheneren Inhabern von Rechtswegen das Bürgerreht 
für ihre Person und ihre Nachkommen gewährt, längere Zeit von 
Gallien fem gehalten worden. Die persönliche Verleihung des Bürger- 
rechts theils nach allgemeinen Bestimmungen an den Soldaten bald bei 
dem Eintritt, bald bei dem Abschied, theils aus besonderer Gunst an 
einzelne Personen, konnte allerdings auch dem Gallier zu Theil werden; 
so weit, wie die Republik gegangen war, dem Helvetier zum Beispiel 
den Gewinn des römischen Bürgerrechts ein für allemal zu unter- 
sagen, ging Augustus nicht und konnte es auch nicht, nachdem Cae- 
sar das Bürgerrecht an geborene Gallier vielfach auf diese Weise ver- 
geben hatte. Aber er nahm wenigstens den aus den drei Gallien stam- 
menden Bürgern — mit Ausnahme immer der Lugudunenser — das 
Recht der Aemterbewerbung und schlofs sie damit zugleich aus dem 
Reichssenat aus. Ob diese Bestimmung zunächst im Interesse Roms 
oder zunächst in dem der Gallier getroffen war, können wir nicht 
wissen; gewils hat Augustus beides gewollt, einmal dem Eindringen des 
fremdartigen Elements in das Römerlhum wehren und damit dasselbe 
reinigen und beben, andererseits den Fortbestand der gallischen Eigen- 
arligkeit in einer Weise verbürgen, die eben durch verständiges Zu- 
rückhalten die schlielsliche Verschmelzung mit dem römischen Wesen 



90 kWTEA BUCH. KAPITEL III. 

sicherer f5rderte als die schroffe Au&wingang freoidländischer Insti* 

tutionen gethan haben würde. 

Zniusa^ Kaiser Claudius, selbst in Lyon geboren und, wie die Spötter von 

m'^Ddon IQ ihm sagten, ein richtiger Gallier, hat diese Schranken zum guten Theil 

^^BeohtT™ beseitigt. Die erste Stadt in Gallien, welche sicher italisches Recht 

empfangen hat, ist die der Ubier, wo der Altar des römischen Ger- 

maniens angelegt war; dort im Feldlager ihres Vaters, des Germani- 

cus, wurde die nachmalige Gemahlin des Claudius Agrippina geboren 

und sie hat im J. 50 ihrem Geburtsort das wahrscheinlich latinische 

Colonialrecbt erwirkt, dem heutigen Köln. Vielleicht gleichzeitig, viel- 

leicht schon früher ist dasselbe für die Stadt der Treverer Augusta ge- 

BoMitigoDg schehen, das heutige Trier. Auch noch einige andere gallische Gaue 

•ehrinkten sind in dicscr Weise dem Römerthum näher gerückt worden, so der 



Bt 



'^tT der Helvetier durch Vespasian, femer der der Sequaner (Besannen); 
grofse Ausdehnung aber scheint das latinische Recht in diesen Gegen- 
den nicht gefunden zu haben. Noch weniger ist in der früheren Kaiser- 
zeit in dem kaiserlichen Gallien ganzen Gemeinden das volle Bürger- 
recht beigelegt worden. Wohl aber hat Claudius mit der Aufhe- 
bung der Rechtsbeschränkung den Anfang gemacht, welche die zum 
persönlichen Reichsbürgerrecht gelangten Gallier von der Reichsbeam- 
tenlaufbahn ausschlofs ; es wurde zunächst für die ältesten Verbünde- 
ten Roms, die Haeduer, bald wohl allgemein diese Schranke beseitigt. 
Damit war wesentlich die Gleichstellung erreicht. Denn nach den Ver- 
hältnissen dieser Epoche hatte das Reichsbürgerrecht für die durch 
ihre Lebensstellung von der Aemterlaufbahn ausgeschlossenen Kreise 
kaum einen besonderen praktischen Werth und war für vermögende 
Peregrinen guter Herkunft, die diese Laufbahn zu betreten wünschten 
und deüshalb seiner bedurften, leicht zu erlangen; wohl aber war es 
eine empfindliche Zurücksetzung, wenn dem römischen Bürger aus 
Gallien und seinen Nachkommen von Rechtswegen dieAemterlauf bahn 
verschlossen blieb. 
Keltische Wenn in der Organisation der Verwaltung das nationale Wesen 

ute?aische der Kelten so weit geschont ward, als dies mit der Retchseinheit sich 

^~ *' irgend vertrug, so ist dies hinsichtlich der Sprache nicht geschehen. 
Auch wenn es praktisch ausführbar gewesen wäre den Gemeinden die 
Führung ihrer Verwaltung in einer Sprache zu gestatten , deren die 
controlirenden Reichsbeamten nur ausnahmsweise mächtig sein konn- 
ten, lag es unzweifelhaft nicht in den Absichten der römischen 



MB GALLISCHEN PROYIlfZElf. 91 

Regierung diese Schranke zwischen den Herrschenden und Be- 
herrschten aufzurichten. Dem entsprechend ist unter den in Gallien 
unter römischer Herrschaft geschlagenen Münzen und von Gemeinde- 
wegen gesetzten DenkmUem keine erweislich keltische Aufschrift 
gefunden worden. Der Gebranch der Landessprache wurde übrigens 
nicht gehindert; wir finden sowohl in der Südprovinz wie in den nörd- 
lichen Denkmäler mit keltischer Aufschrift, dort immer mit griechi- 
schem^), hier immer mit lateinischem Alphabet geschrieben') und 
wahrscheinlich gehören wenigstens manche von jenen, sicher diese 
sämmtlich derEpoche der Römerherrschaft an. Dals in Gallien auDserhalb 
der Städte italischen Rechts und der römischen Lager inschriftliche 
Denkmäler überhaupt nur in geringer Zahl auftreten, wird wahrschein- 
lich hauptsächlich dadurch herbeigeführt sein, daüs die als Dialekt be- 
handelte Landessprache ebenso für solche Verwendung ungeeignet 
ersdiien wie die ungeläufige Reichssprache und daher das Denkstein- 
setzen hier überhaupt nicht so wie in den latinisirten Gegenden in 
Aufnahme kam; das Lateinische mag in dem grollten Theil Galliens da- 
mals ungefähr die Stellung gehabt haben wie nachher im früheren Hittel- 
alter gegenüber der damaligen Volkssprache. Das energische Fortleben 
der nationalen Sprache zeigt am bestimmtesten die Wiedergabe der 
gallischen Eigennamen im Latein nicht selten unter Beibehaltung un- 
lateinischer Lantformen. Dafs Schreibungen wie Lwisonna und Boudieea 
mit dem unlateinischen Diphthong au selbst in die lateinische Litteratur 
eingedrungen sind und für den aspirirten Dental, das englische th^ sogar 
in römischer Schrift ein eigenes Zeichen (fi) yerwendetwird, femer Epa- 
datextorigus neben Epasnactus geschrieben wird, Birona neben Sirona, 

*) So hat sich ia Nemausos eine in keltischer Sprache (geschriebene 
Weihioschrift gefoodeo, gesetzt Margeßo Na^avoixaßo (C. L L. XI p. 383), das 
heifst dea örtlichen Hättern. 

*) Beispielsweise liest man enf einem in N^ris-les-Bains (Allier) ge* 
fnndenen Altarslein (Desjardins geographie de U Ganle Romaine 2, 476); 
Bratronos Nantonien Epadaiextoriei LaucuUo Siäo rebeloeäoi, Aaf einem an- 
dern, den die Pariser Schiffergilde unter Tiberios dem höchsten besten Jopiter 
setzte (SfowatBoU. ^pigr. de la Gaole p.25 sq.)> ist die Haaptinschrift lateinisch, 
aber über den Reliefs der SeitenflSchen, die eine Procession von nenn be- 
waffneten Priestern darsostellen scheinen, stehen erliläreude Beischriften: Senani 
üseüoni • . . and EwriseM, die nieht lateinisch sind. Solches Gemenge begegnet 
auch sonst y zum Beispiel in einer Inschrift von Arrines (Creuse; BalL 6pi- 
graphiqae de U Gaule 1, 88): Saeer Ptroco ieuru (wahrscheinlich — fecü) 
Duorieo vfoiumj sfolvUJ IfibentJ mf«rüoJ, 



92 ACHTES BUCH. KAPITEL III. 

machen es fast zur Gewifsheit, da& die keltische Sprache, sei es im 
römischen Gebiet, sei es aulserhalb desselben, in oder vor dieser Epoche 
einer gewissen schriftmassigen Regulirung unterlegen hatte und schon 
damals so geschrieben werden konnte, wie sie noch heute geschrieben 
wird. Auch an Zeugnissen für ihren fortdauernden Gebrauch in Gallien 
fehlt es nicht. Als die Stadtnamen Augustodunum (Antun), Augustone- 
metum (Clermont), Augustobona (Troyes) und manche ähnliche auf- 
kamen, sprach man nothwendig auch im mittleren Gallien noch 
keltisch. Arrian unter Hadrian giebt in seiner Abhandlung über die 
Cavallerie für einzelne den Kelten entlehnte Manöver den keltischen 
Ausdruck an. Ein geborener Grieche Eirenaeos, der gegen das Ende 
des 2. Jahrb. als Geistlicher in Lyon fungirte, entschuldigt die Mängel 
seines Stils damit, dafs er im Lande der Kelten lebe und genöthigt sei 
stets in barbarischer Sprache zu reden. In einer juristischen Schrift 
aus dem Anfang des 3. Jahrb. wird im Gegensatz zu der Rechtsregel, 
dafs die letztwilligen Verfügungen im Allgemeinen lateinisch oder 
griechisch abzu&ssen sind, fürFideicommisse auch jede andere Sprache, 
zum Beispiel die punische und die gallische zugelassen. Dem Kaiser 
Alexander wurde sein Ende Ton einer gallischen Wahrsagerin in 
gallischer Sprache angekündigt. Noch der Kirchenvater Hieronymus, 
der selber in Ancyra wie in Trier gewesen ist, versichert, daDs 
die kleinasiatischen Galater und die Treverer seiner Zeit ungefähr 
die gleiche Sprache redeten, und vergleicht das verdorbene Gallisch der 
Asiaten mit dem verdorbenen Punisch der Afrikaner. Wenn die keltische 
Sprache sich in der Bretagne, ähnlich wie in Wales, bis auf den heutigen 
Tag behauptet hat, so hat die Landschaft zwar ihren heutigen Namen 
von den im fünften Jahrhundert dorthin vor den Sachsen flüchtenden 
Inselbritten erhalten, aber die Sprache ist schwerlich erst mit die- 
sen eingewandert, sondern allem Anschein nach hier seit Jahrtausenden 
von einem Geschlecht dem andern überliefert. In dem übrigen Gallien 
hat natürlich im Laufe der Kaiserzeit das römische Wesen schrittweise 
Boden gewonnen; ein Ende gemacht hat aber dem keltischen Idiom hier 
wohl nicht so sehr die germanische Einwanderung als die Christianisi- 
rung, welche in Gallien nicht, wie in Syrien und Aegypten, die von der 
Regierung bei Seite geschobene Landessprache aufnahm und zu ihrem 
Trager machte, sondern das Evangelium lateinisch verkündigte. 
BtArkere Bo- In dem Yorschreiten der Romanisirung, welche in Gallien, abge- 
T^afeenf schcn vou der Südprovinz, wesentlich der inneren Entwickelung über- 



DIB GALLISCHEN PROYlIfZEIf. 93 

lassen blieb, leigt sieb eine bemerkenswerihe Verscbiedenbeit zwischen 
dem östlichen Gallien und dem Westen und Norden, die wohl mit, 
aber nicht allein auf dem Gegensatz der Germanen und der Gallier be- 
ruht In den Vorgängen bei und nach Neros Sturz tritt diese Verschie- 
denheit selbst politisch bestimmend hervor. Die nahe Berährung der 
östlichen Gaue mit den Rheinlagem und die hier Torzugsweise stattfin- 
dende Recrutirung der Rheinlegionen hat dem römischen Wesen hier 
früher und Toilständiger Eingang yerschafft als im Gebiet der Loire und 
der Seine. Bei jenen Zerwürfhissen gingen die rheinischen Gaue, die 
keltbchen Lingonen und Treverer sowohl wie die germanischen Ubier 
oder vielmehr die Agrippinenser mit der Römerstadt Lugudunum und 
hiellen fest zu der legitimen römischen Regierung, während die, wie 
bemerkt ward, wenigstens in gewissem Sinn nationale Insurrection von 
den Sequanem, Haeduern und Arvernem ausgeht. In einer späteren 
Phase desselben Kampfes finden wir unter veränderten Parteiverhält- 
nissen dieselbe Spaltung, jene östlichen Gaue mit den Germanen im 
Bunde, während der Landtag von Rheims den Anschlufi an diese 
verweigert 

Wurde somit das gallische Land in Betreff der Sprache im wesent- Eiab«i- 
liehen ebenso behandelt wie die übrigen Provinzen, so begegnet wie- 
derum die Schonung seiner alten Institutionen bei den Bestimmungen 
über Mais und Gewicht Allerdings haben neben der allgemeinen Reichs- 
ordnung, welche in dieser Hinsicht von Augustus erlassen ward, ent- 
sprechend dem toleranten oder vielmehr indifferenten Verhalten der 
Regierung in dergleichen Dingen, die örtlichen Bestimmungen vieler- 
orts fortbestanden, aber nur in Gallien hat die örtliche Ordnung später- 
hin die des Reiches verdrängt Die Strafsen sind im ganzen römischen 
Reich gemessen und bezeichnet nach der Einheit der römischen Meile 
(1,48 Kilom.), und bis zum Ende des zweiten Jahrhunderts trifft dies 
auch für diese Provinzen zu. Aber von Severus an tritt in den drei 
Gallien und den beiden Germanien an deren Stelle eine zwar der rö- 
mischen angefügte, aber doch verschiedene und gallisch benannte Meile, 
die Leuga (2,22 Kilom.), gleich anderthalb römischen Meilen. Un- 
möglich kann Severus damit den Kelten eine nationale Concession ha- 
ben machen wollen; es pafstdies weder für die Epoche noch insbeson- 
dere für diesen Kaiser, der eben diesen Provinzen in ausgesprochener 
Feindseligkeit gegenüber stand; ihn müssen Zweckmäfsigkeitsrücksich- 
ten bestimmt haben. Diese können nur darauf beruhen, daDs das na- 



miseliM 
W«g«iiuUb. 






94 ACHTES BUCH. KAPITEL III. 

tionale Wegemab, die Leuga oder auch die Doppelleuga, die germanische 
Rasta, welche letztere der französischen Lieue entspricht, in diesen Pro- 
vinzen nach der Einführung des einheitlichen WegemaDses in ausge- 
dehnterem Umfang fortbestanden haben als dies in den übrigen Reichs- 
ländern der Fall war. Augustus wird die römische Meile formell auf 
Gallien erstreckt und die Postbücher und die Reichsstrafsen darauf 
gestellt, aber der Sache nach dem Lande das alte Wegemafs gelassen 
haben ; und so mag es gekommen sein, dafs die spätere Verwaltung 
es weniger unbequem fand die zwiefache Einheit im Postverkehr sich 
gefidlen zu lassen') als noch länger sich eines praktisch im Lande 
unbekannten Wegemafses zu bedienen. 

Von weit grölserer Bedeutung ist das Verhalten der römischen 
Regierung zu der LandesreGgion; ohne Zweifel hat das gallische 
Volksthum seinen festesten Ruckhalt an dieser gefunden. Selbst in 
der SüdproYinz mufs die Verehrung der nicht römischen Gottheiten 
lange, viel länger als zum Beispiel in Andalusien sich behauptet haben. 
Die groJse Handelsstadt Arelate freilich hat keine anderen Weihungen 
aufzuweisen als an die auch in Italien verehrten Götter; aber in Frejus, 
Aix, Nlmes und überhaupt der ganzen Küstenlandschafl sind die alten 
keltischen Gottheiten in der Kaiserepoche nicht viel weniger verahrt 
worden als im inneren Gallien. Auch in dem iberischen Theil Aqui- 
taniens begegnen zahlreiche Spuren des einheimischen von dem 
keltischen durchaus verschiedenen Cultus. Indefe tragen alle im Süden 
Galliens zum Vorschein gekommenen Götterbilder einen minder von 
dem gewöhnlichen abweichenden Stempel als die Denkmäler des 
Nordens, und vor allem war es leichter mit den nationalen Göttern 
auszukommen als mit dem nationalen Priesterthum, das uns nur 
im kaiserlichen Gallien und auf den britannischen Insehi begegnet, 
den Druiden (3, 237). Es würde vergebliche Mühe sein, von dem 
inneren Wesen der aus Speculation und Imagination wunderbar zu- 
sammengestellten Druidenlehre eine Vorstellung geben zu wollen; nur 
die Fremdartigkeit und die Furchtbarkeit derselben sollen einige Bei- 
spiele erläutern. Die Macht der Rede wurde symbolisch dargestellt in 
einem kahlköpfigen runzligen von der Sonne verbrannten Greis, der 
Keule und Bogen führt und von dessen durchbohrter Zunge zu den Ohren 



^) Die Postbaoher and StrafsenUfeln verfehlen ttieht bei Lyon und Ton- 
lonie anzamerken, dafi hier die Lengen heginnen. 



DIE 6ALLI8CHBN PROTIlfZBIf. 95 

des ihm folgenden Menschen feine goldene Ketten laufen — das heifst es 
fliegen die Pfeile und schmettern die Schläge des redegewaltigen Alten 
und wiUig folgen ihm die Herzen der Menge. Das ist der Ogmius der 
Kelten; den Griechen erschien er wie ein als Herakles staffirterCharon. 
Ein in Paris gefundener Altar zeigt uns drei Götterbilder mit Beischrift, 
in der Mitte den Joyis, zu seiner Linken den Yulcan, ihm zur Rechten 
den Esus, 'den Entsetzlichen mit seinen grausen Altären/ wie ihn ein 
römischer Dichter nennt, aher dennoch ein Gott des Handelsverkehrs 
und des friedlichen Schaffens^); er ist zur Arbeit geschürzt wie Vulcan, 
und wie dieser Hammer und Zange führt, so behaut er mit dem Beil 
einen Weidenbaum. Eine öfter wiederkehrende Gottheit, wahrschein- 
lich Cemunnos genannt, wird kauernd mit untergeschlagenen Beinen 
dargestellt; auf dem Kopf trägt sie ein Hirschgeweih, an dem eine Hals- 
kette hängt, und hält auf dem Schofs den Geldsack ; Yor ihr stehen zu- 
weilen Rinder und Hirsche — es scheint, als solle damit der Erdboden 
als die Quelle des Reichthums ausgedrückt werden. Die ungeheure 
Verschiedenheit dieses aller Reinheit und Schönheit baaren, im ba- 
rocken und phantastischen Mengen sehr irdischer Dinge sich ge- 
fallenden keltischen Olymp Ton den einfach menschlichen Formen der 
griechischen und den einfach menschlichen Begriffen der römischen 
Religion giebt eine Ahnung der Schranke, die zwischen diesen 
Besiegten und ihren Siegern stand. Daran hingen weiter sehr be- 
denkliche praktische Consequenzen : ein umfassender Geheim mittel- 
und Zauberkram, bei dem die Priester zugleich die Aerzte spielten 
und wo neben dem Besprechen und Besegnen auch Menschen- 
opfer und Krankenheilung durch das Fleisch der also Geschlachteten 
vorkam. Dafs directe Opposition gegen die Fremdherrschaft in 
dem Druidenthum dieser Zeit gewaltet hat, lä&t sich wenigstens 
nicht erweisen; aber auch wenn dies nicht der Fall war, ist es 
wohl begreiflich, dafs die römische Regierung, welche sonst alle ört- 
lichen Besonderheiten der GottesTcrehrung mit gleichgültiger Duldung 
gewähren hetk, diesem Druidenwesen nicht blofs in seinen Ausschrei- 
tungen, sondern überhaupt mit Apprehension gegenüber stand. Die Ein- 
richtung des gallischen Jahrfestes in der rein römischen Landeshaupt- 



>) Die zweite Beraer Glosse za Luctn 1,445, die den TenUtes richtig 
zum Mars macht nnd auch sonst glaubwürdig scheiot, sagt von ihm: Hetun 
Mercurhitn creduntj si quidem a mmtaiwibus cotiUtr, 



96 ACHTES BUCH. KAPITEL Ilf. 

Stadt und unter Ausschlufs aller Anknüpfung ai| den nationalen Cultus 
ist offenbar ein Gegenzug der Regierung gegen die alte Landesreligion 
mit ihrem jährlichen Priesterconcil in Chartres, dem Mittelpunkt des 
gallischen Landes. Unmittelbar aber ging Augustus gegen das Drui- 
denthum nicht weiter vor, als dafs er jedem römischen Bürger die 
Betheiligung an dem gallischen Nationalcult untersagte. Tiberius in 
seiner energischeren Weise griff durch und yerbot dieses Priester- 
thum mit seinem Anhang Ton Lehrern und Heilkünstlern überhaupt; 
aber es spricht nicht gerade für den praktischen Erfolg dieser Ver- 
fügung, dafs dasselbe Verbot abermals unter Claudius erging — von 
diesem wird erzahlt, daüB er einen Yomehmen Gallier lediglich deshalb 
köpfen liefe, weil er überwiesen ward für guten Erfolg bei Verhand- 
lungen vor dem Kaiser das landübliche Zaubermittel in Anwendung 
gebracht zu haben. Dafs die Besetzung Britanniens, welches von 
Alters her der Hauptsitz dieses Priestertreibens gewesen war, zum 
guten Theil beschlossen ward, um damit dieses an der Wurzel zu 
fassen, wird weiterhin (S. 158) ausgeführt werden. Trotz alle dem 
hat noch in dem Abfall, den die Gallier nacli dem Sturz der daudischen 
Dynastie versuchten, dies Priesterthum eine bedeutende Rolle gespielt; 
der Brand des Capitols, so predigten die Druiden, verkünde den Um- 
schwung der Dinge und den Beginn der Herrschaft des Nordens über den 
Süden. Indeb wenn auch dies Orakel späterbin in Erfüllung ging, 
durch diese Nation und zu Gunsten ihrer Priester ist es nicht geschehen. 
Die Besonderheiten der gallischen Gottesverehrung haben wohl auch 
später noch ihre Wirkung geübt; als im dritten Jahrhundert für einige 
Zeit ein gallisch-römisches Sonderreich ins Leben trat, spielt auf dessen 
Münzen die erste Rolle der Hercules theils in seiner griechisch-römi- 
schen Gestalt, theils auch als gallischer Deusoniensis oder Hagusanus. 
Von den Druiden aber ist nur noch etwa insofern die Rede, als die 
klugen Frauen in Gallien bis in die diocletianische Zeit unter dem 
Namen der Druidinnen gehen und orakeln, und dafs die alten ad- 
lichen Häuser noch lange nachher in ihrer Ahnenreihe sich drui- 
discher Altvordern berühmen. Wohl rascher noch als die Landessprache 
ging die Landesreligion zurück und das eindringende Christenthum 
hat kaum noch an dieser ernstlichen Widerstand gefunden. 
wirUudiaft* Das südlichc Gallien, mehr als irgend eine andere Provinz durch 
verhAitaiM«. scmc Lage jedem feindlichen Angriff entzogen und gleich Italien und 
Andalusien ein Land der Olive und der Feige, gedieh unter dem 



DIE GALLISCHEN PBOTinZEN. 97 

KaJserregimeDt zu hohem Wohlstand und reicher stadtischer Entwicke- 
lung. Das Amphitheater und das Sarkophagfeld von Arles, der 'Mutter 
ganz Galliens', das Theater Ton Orange, die in und bei Nimes noch 
heute aufrecht stehenden Tempel und Brücken sind davon bis in die 
Geg^wart lebendige Zeugen« Auch in den nördlichen Provinzen stieg 
der alte Wohlstand des Landes weiter durch den dauernden Frieden, 
der, allerdings mit dem dauernden Steuerdruck, durch die Fremd- 
herrschaft in das Land kam. 'In Gallien,' sagt ein Schriftsteller der 
vespaaianischen Zeit, 'sind die Quellen des Reichlhums heimisch und 
'ihre Fülle strömt über die ganze Erde'^). Vielleicht nirgends sind 
gleich zahlreiche und gleich prächtige Landhäuser zum Vorschein ge- 
kommen, vor allen Dingen im Osten Galliens, am Rhein und seinen 
Zuflüssen ; man erkennt deutlich den reichen gallischen Adel. Berühmt 
ist das Testament des vornehmen Lingonen, virelcher anordnet ihm das 
Grabdenkmal und die Bildsäule aus italischem Marmor oder bester 
Bronze zu errichten und unter anderem sein sämmtliches Geräth für 
Jagd und Vogellang mit ihm zu verbrennen — es erinnert dies an die 
anderweitig erwähnten meiknlangen eingefriedigten Jagdparke im 
Keltenland und an die hervorragende Rolle, welche die keltischen 
Jagdhunde und keltische Waidmannsart bei dem Xenophon der hadria- 
nischen Zeit spielen, welcher nicht verfehlt hinzuzufügen, dafs dem 
Xenophon des Gryllos Sohn das Jagdwesen der Kelten nicht habe bekannt 
sein können. Nicht minder gehört in diesen Zusammenhang die merk- 
würdige Thatsache, da& in dem römischen Heerwesen der Kaiserzeit 
die Cavallerie eigentlich keltisch ist, nicht blofs insofern diese vorzugs- 



*) Jogeplias bell. lud. 2, 16, 4. Bbeoda sagt König Agrippt zu seinen 
Jaden, ob iie sieh etwa einbildeten reicher xo sein als die Gallier, tapferer 
als die Germanen, kluger als die Hellenen. Damit stimmen alle andern Zeug- 
nisse überein. Nero vernimmt den Aufstand nicht ungern oecasiane nata 
spoliandarum tun belU opulentüsimarum provindarum (Sneton Nero 40; 
Plntarch Galb. 5); die dem Insnrgentenheer des Vindex abgenommene Beute 
ist nnennefsUch (Tacitns hist 1, 51). Tacitus bist. 3, 46 nennt die Haeduer 
ptcuma däßs et voluptaiünu opulenios. Nicht mit Unrecht sagt der Feldherr 
Vospasians zu den abgefallenen Galliern bei Tacitus hist 4, 74: re§^ beUa- 
que per GaiUas eemper fuere, donec in nostrum ius conoederetis; nos quam^ 
quam tatiens laceesäi iure vietoriae id solum vobis addidimus quo paeem 
tueremur, man neque qmes gentium eine armis neque arma »ine stipendiis 
neque etipendia eine tribuU* kaberi queunt. Die Steaern drückten wohl schwer, 
aber nicht so schwer wie der alte Fehde- und Faustrechtzustand. 
Moiiim««B, rOiD.O«aehiehte. V. 7 



90 ACHTES BUCH. KAPITEL III. 

weise aus Gallien sich recruürt, sondern auch indem die Manöver und 
selbst die technischen Ausdrücke zum guten Theil den Kelten entlehnt 
sind; man erkennt hier, wie nach dem Hinschwinden der alten BArger- 
reiterei unter der Republik dieCaTallerie durch Caesar und Augustus mit 
gallischen Mannschaften und in gallischer Weise reorganisirt worden 
ist. Die Grundlage dieses vornehmen Wohlstandes war der Ackerbau, 
auf dessen Hebung auch Augustus selbst energisch hinwirkte und der 
in ganz GaUien, etwa abgesehen von der Steppengegend an der aquita- 
nischen Küste, reichen Ertrag gab. Einträglich war auch die Viehzucht, 
besonders im Norden, namentlich die Zucht von Schweinen und Scha- 
fen, welche bald für die Industrie und die Ausfuhr von Bedeutung 
wurden — die menapischen Schinken (aus Flandern) und die atreba- 
tischen und nervischen Tuchmäntel (bei Arras und Toumay) gingen 
in späterer Zeit in das gesammte Reich. Yon besonderem Interesse 
WeiabftQ. ist die Entwicklung des Weinbaus. Weder das Klima noch die Re- 
gierung waren demselben günstig. Der 'gallische Winter' blieb lange 
Zeit bei dei) Südländern sprichwörtlich; wie denn in der That das 
römische Reich nach dieser Seite hin am weitesten gegen Norden sich 
ausdehnt Aber engere Schranken zog der gallischen Weincultur die 
italische Handelsconcurrenz. Allerdings hat der Gott Dionysos seine 
Welteroberung überhaupt langsam vollbracht und nur Schritt vor 
Schritt ist der aus der Halmfrucht bereitete Trank dem Saft der Rebe 
gewichen; aber es beruht auf dem Prohibitivsystem, dafs in Gallien 
das Bier sich wenigstens im Norden als das gewöhnliche geistige 
Getränk die ganze Kaiserzeit hindurch behauptete und noch Kaiser 
Julianus bei seinem Aufenthalt in GaUien mit diesem falschen 
Bacchus in Conflict kam ^). So weit freilich, wie die Republik, welche 

1) Sein Epigramm 'aof den Gerslenwein' ist erhalteo (anthoL Pal. 9, 368): 
7Xs no&tv ifg, Jtovvas; ftä yaq j6v äXri&ia Baxxov, 

ov a intytyvt&axm' rov jdtoi olSa fiovfnf. 
xtTvog vixiaq odcüdc* av dh iqayov' ^ ^ ac KiXxol 

jfj Tiiviri ßoxQVfov Tiv^ay an* aota^vtav, 
j(ß ai XQ^ xaXdeiy /frjfii^Qtov, ov /fiowaov, 

TtVQoyivfi fiaXXov xn\ ß^fjLOV^ ov Bqofuov, 
Du, Dionysos, voo wo kommst da? Bei dem wirklicheo Bacchas! 

Ich erkenne dich nicht; Zeos Sohn kenn' ich allein. 
Jener dnftet nach Nektar; da riechst nach dem Bocke. Die Kelten, 

Denen die Itebe versagt, braneten dich aas dem Halm, 
Scheuer-, nicht Feaersoho, Erdkiod, nicht Kind dich des Himmels, 
Nor für das Futtern gemacht, nicht für den iieblichen Trunk. 



DIE GALLISCHEN PBOVINZEN. 99 

den Wein- und Oelbau an der gallischen Südkuste polizeilich unter- 
sagte (2, 160. 392), ging das Kaiserregiment nicht; aber die Italiener 
dieser Zeit waren doch die rechten Söhne ihrer Väter. Die Blöthe der 
beiden grofsen Rhoneemporien Arles und Lyon beruhte zu einem nicht 
geringen Tbeil auf dem Vertrieb des italienischen Weins nach Gallien ; 
daran mag man ermessen, welche Bedeutung der Weinbau damals für 
Italien selbst gehabt haben muss. Wenn einer der sorgfältigsten Ver- 
walter, die das Kaiseramt gehabt hat, Domitianus den Befehl erliefs in 
sämmtllchen Provinzen mindestens die Hälfte der Rebstöcke zu ver- 
tilgen^), was freilich so nicht zur Ausführung kam, so darf dar- 
aus geschlossen werden, dal^ die Ausbreitung des Weinbaus aller- 
dings von Regierungswegen ernstlich eingeschränkt ward. Noch in au- 
gustischer Zeit war er in dem nördlichen Theil der narbonensischen 
Provinz unbekannt (3, 228 A. 2), und wenn er auch hier bald in Auf- 
nahme kam , scheint er doch durch Jahrhunderte auf die Narbonensis 
und das südliche Aquitanien beschränkt geblieben zu sein ; von gal- 
lischen Weinen kennt die bessere Zeit nur den allobrogischen und den 
biturigischen, nach unserer Redeweise den Burgunder und den Bor- 
deaux'). Erst als die Zügel des Reiches den Händen der Italiener 
entfielen, im Laufe des dritten Jahrhunderts, änderte sich dies und 
Kaiser Probus (276 — 282) gab endlich den Provinzialen den Weinbau 
frei Wahrscheinlich erst in Folge dessen hat die Rebe festen Fuis ge- 
fafst an der Seine wie an der Mosel. ,Ich habe', schreibt Kaiser Julia- 
nus, ,einen Winter* (es war der von 357 auf 358) 4n dem lieben Lutetia 



Aof eioem in Paris gefoDdenen irdeoeo Rio; (Mowat BoU. epigr. de U Gaule 
2, 110. 3, 133), der hohl und zoni Fallen der Becher eingerichtet ist, sagt der 
Trinkende za dem Wirth: eopo, cafuiitii(fn) [enodäu ist Sehreibfehler] abes; 
ett replB{n}äa — Wirth, da hast mehr im KeUer; die Flasche ist leer, und 
za der Kellnerin : aspäOy repk lagcna{m) e&rvega — Mädchen, fälle die Flasche 
mit Bier. 

>) Soeton Dom. 7. Wenn als Grand angegeben ward, dafs die hohen 
Rornpreise dnrch das Umwandeln des Ackerlandes in Weinberge veranlafst 
seien, so war das natürlich ein aof den Unverstand des Pablieams berechneter 
Yorwand. 

') Wenn noch Hehn (Kaitorpflanzen S. 76) für den Weinbao der Arverner 
and der Seqoaner aoTserhalb der Narbonensis sich aof Plinios h. n. 14, 1, 18 
beroft, so folgt er beseitigten Textinterpolationen. Es ist möglich, dafs das 
straffere kaiserliche Regiment in den drei Gallien den Weinbao mehr znröck- 
hielt als das schlaffie senatorische in der Narbonensis. 

7* 



100 ACHTES BUCH. KAPITEL III. 

jverlebt, denn so nennen die Gallier das Städtchen der Pariser, 
,eine kleine Insel im Flusse gelegen und rings ummauert; das Wasser 
,ist dort trefflich und rein zu schauen und zu trinken. Die Ein- 
,wohner haben einen ziemlich milden Winter, und es wächst bei 
,ihnen guter Wein; ja einige ziehen sogar auch Feigen, indem sie 
,sie im Winter mit Weizenstroh me mit einem Rocke zudecken.' 
Und nicht viel später schildert dann der Dichter von Bordeaux in der 
anmuthigen Beschreibung der Mosel, wie die Weinberge diesen Flufs 
an beiden Ufern einfassen, ,gleich wie die eigenen Reben mir kränzen 
die gelbe Garonne.' 

Steftib«iin«te. Der innere Verkehr so wie der mit den Nachbarländern, besonders 
mit Italien, muTs ein sehr reger gewesen sein und das Stralsennetz 
entwickelt und gepflegt. Die grofse Reichsstrafse von Rom nach der 
Mündung des Baetis, deren bei Spanien gedacht ward (S. 67), war 
die Hauptader für den Landhandel der Südprovinz; die ganze Strecke, 
in republikanischer Zeit von den Alpen bis zur Rhone durch die Massa- 
lioten, von da bis zu den Pyrenäen durch die Römer in Stand ge- 
halten, wurde von Augustus neu chaussirt. Im Norden führten die 
Reichsstraüaen hauptsächlich theils nach der gallischen Hauptstadt, 
theils nach den groüBen Rheinlagem; doch scheint auch ausserdem 
für die übrige Communication in ausreichender Weise gesorgt ge- 
wesen zu sein. 

Heiieniunae Wcuu die Südproviuz iu der älteren Zeit auf dem geistigen Gelnet 
glium' zu dem hellenischen Kreise gehörte, so hat der Rückgang von Massalia 
und das gewaltige Vordringen des Römerthums im südlichen Gallien 
darin freilich eine Aenderung herbeigeführt; dennoch aber ist dieser 
Theil Galliens immer, wie Campanien, ein Sitz hellenischen Wesens 
geblieben. Da& Nemausus, eine der Theilerben von Massalia, auf 
seinen Münzen aus augustischer Zeit aleiandrinische Jahreszahlen und 
das Wappen Aegyptens zeigt, ist nicht ohne Wahrscheinlichkeit darauf 
bezogen worden, dafs durch Augustus selbst in dieser dem Griecfaen- 
thum nicht fremd gegenüberstehenden Stadt Veteranen aus Alexandreia 
angesiedelt worden sind. Es darf wohl auch mit dem EinfluHs Hassa- 
lias in Verbindung gebracht werden, dafs dieser Provinz, wenigstens 
der Abstammung nach, derjenige Historiker angehörte, welcher, es 
scheint im bewulsten Gegensatz zu der national-römischen Geschichts- 
schreibung und gelegentlich mit scharfen Ausfällen gegen deren nam- 
hafteste Vertreter, Sallustius und Livius, die helleniscbe vertrat, der 



DIE CALLISGHEIf PROTinZEN. 101 

Yocontier Pompehis Trogus, Yerfasser einer .von .Alexander und fleii 
Diadodienreichen ausgehenden Weltgeschichte, in\welch6r die: .Atti- 
schen Dinge nur innerhalb dieses Rahmens oder anhangsweise darge- 
stellt werden. Ohne Zweifel gab er damit nur wieder, was eigentlich der 
litterarischen Opposition des Hellenismus angehörte; immer bleibt es 
bemerkenswerth, dafs diese Tendenz ihren lateinischen Vertreter, und 
einen geschickten und sprachgewandten Vertreter» hier in aagustischer 
Zeit fand. Aus späterer ist erwähnenswerth FaYorinus aus einem an- 
gesehenen Bürgerhaus von Arles, einer der Haupitriger der Polymathie 
der hadrianischen Zeit; Philosoph mit aristotelischer und skeptischer 
Tendenz, daneben PhQolog und Kunstredner, Schüler des Dien tou 
Prnsa, Freund des Plutarchos und des Herodes Atticus, polemisch auf 
dem wissenschaftlichen Gebiet angegriffen vonGalenus, feuilletonistisch 
Ton Lucian, überhaupt in lebhaften Beziehungen mit den namhaften 
Gelehrten des zweiten Jahrhunderts und nicht minder mit Kaiser 
Hadrian. Seine mannichfaltigen Forschungen unter anderm über die 
Namen der Genossen desOdysseus, die die Scylla verschlang, und über 
d^ des ersten Menschen, der zugleich ein Gelehrter war, lassen 
ihn als den rechten Vertreter des damals beliebten gelehrten 
Kleinkrams erscheinen und seine Vorträge für ein gebildetes Publicum 
über Thersites und das Wechselfieber so wie seine zum Theil uns 
aufgezeichneten Unterhaltungen über alles und noch etwas mehr 
gewähren kein erfreuliches, aber ein charakteristisches Bild des 
damaligen Litteratentreibens. Hier ist heryorzuheben, was er selbst 
unter die Merkwürdigkeiten seines Lebenslaufes rechnete, dalis er 
gebomer Gallier und zugleich griechischer Schriftsteller war. Ob- 
wohl die Litteraten des Occidents häufig nebenbei auch griechisch 
speciminirten, so haben doch nur wenige sich dieser als ihrer 
eigentlichen Schriftstellersprache bedient; hier wird dies mit durch 
die Heimaih des Gelehrten bedingt sein. Im Uebrigen war Sfld- 
gallien an der augustischen Litteraturblüthe insofern betheiligt, als der SAd- 
einige der namhaftesten Gerichtsredner der späteren augustischen 
Zdt, Votienus Montanus (t 27 n. Chr.) aus Narbo — der 0?id der 
Redner genannt — und Gnaeus Domitius Afer (Consul 39 n. Chr.) 
aus Nemausus dieser Provinz angehörten. Ueberhaupt erstreckt 
die römische Litteratur ihre Kreise natürlich auch über diese 
Landschaft; die Dichter der domitianischen Zeit sandten ihre Frei- 
exemplare den Freunden in Tolosa und Vienna. Plinius unter Traian 



102 ....:: ACHTBS BOCH. KAPITEL III. 

1 • * ' • • » • 

i'sterfreutf^d^ris .seine *4(le]Den SchrifLen auch in Lugudunum nicht 
. . M.efe'.gdiistSg0 XciMr, sondern auch Buchhändler finden, die sie 
vertreiben. Einen besonderen Einflufs aber, wie ihn die Baetica in 
der früheren, das nördliche Gallien in der späteren Kaiserzeit auf 
die geistige und litterarische Entwickelung Roms ausgeübt hat, ver- 
mögen wir für den Süden nicht nachzuweisen. Wein und Fruchte 
gediehen in dem schönen Land; aber weder Soldaten noch Denker 
sind dem Reiche von dort her gekommen. 
Litontor im D^s eigentliche Gallien ist im Gebiet der Wissenschaft das gelobte 
^^olJI^*'^ Land des Lehrens und des Lernens; vermuthlich geht dies zurück 
auf die eigenthümliche Entwickelung und den mächtigen Einflufs des 
nationalen Priesterthums. Das Druidenthum war keineswegs ein 
naiver Volksglaube, sondern eine hoch entwickelte und anspruchsvolle 
Theologie, die nach guter Kirchensitte alle Gebiete des menschlichen 
Denkens und Thuns, Physik und Metaphysik, Rechts- und Heilkunde 
bestrebt war zu erleuchten oder doch zu beherrschen , die von ihren 
Schülern unermüdliches, man sagt zwanzigjähriges Studium forderte und 
diese ihre Schüler vor allem in den adllchen Kreisen suchte und fand. 
Die Unterdrückung der Druiden durch Tiberius und seine Nachfolger 
mufs in erster Reihe diese Priesterschulen betroffen und deren wenig- 
stens öffentliche Beseitigung herbeigefQhrt haben; aber wirksam konnte 
dies nur dann geschehen, wenn der nationalen Jugendbildung die rö- 
misch-griechische ebenso gegenübergestellt ward wie dem camu- 
tischen Druidenconcil der Romatempel in Lyon. Wie früh dies, ohne 
Frage unter dem bestimmenden Einflufs der Regierung, in Gallien ein- 
geti'eten ist, zeigt die merkwürdige Thatsache, da£s bei dem früher er- 
wähnten Aufstand unter Tiberius die Insurgenten vor allen Dingen 
versuchten sich der Stadt Augustodunum (Autun) zu bemächtigen, um 
die dort studirende vornehme Jugend in ihre Gewalt zu bekommen 
und dadurch die grofsen Familien zu gewinnen oder zu schrecken. 
Zunächst mögen wohl diese gallischen Lyceen trotz ihres keineswegs 
nationalen Bildungscursus dennoch ein Ferment des specifisch gal- 
lischen Volksthums gewesen sein; schwerlich zufällig hat das damals 
bedeutendste derselben nicht in dem römischen Lyon seinen Sitz, 
sondern in der Hauptstadt der Haeduer, des vornehmsten unter den 
gallischen Gauen. Aber die römisch-hellenische Bildung, wenn auch 
vielleicht der Nation aufgenöthigt und zunächst mit Opposition aufge- 
nommen, drang, wie allmählich der Gegensatz sich verschlifl", in das 



DIE GALLISCHEN PBOTINZFN. 103 

kdüdcbeWeseii so sehr ein, dafs mit der Zeit die Schuler sich ihr eifriger 
zuwandten als die Lehrmeister. Die (ienüemanbildung, etwa in der Art, 
wie sie heute in England besteht, ruhend auf dem Studium des Latei- 
nischen und in zweiter Reihe des Griechischen und in der Entwickelung 
der Schttlrede mit ihren Schnitzelpointen und Glanzphrasen lebhaft an 
neuere demselben Boden entstammende litterarische Erscheinungen 
erinnernd, ward allmählich im Occident eine Art Pri?ilegium der Gallo- 
romanen. Besser bezahlt als in Italien wurden dort die Lehrer wohl 
¥on jeher, und vor allen Dingen auch besser behandelt. Schon Quin- 
tüianus nennt mit Achtung unter den hervorragenden Gerichtsrednern 
mehrere Gallier; und nicht ohne Absiebt macht Tacitus in dem feinen 
Dialog über die Redekunst den gallischen Advocaten Marcus Aper zum 
Vertheidiger der modernen Beredsamkeit gegen die Verehrer Ciceros 
und Caesars. Den ersten Platz unter den gallischen Universitäten nahm 
späterhin Burdigala ein, wie denn überall Aquitanien hinsichtlich der 
Bildung dem mittleren und nördlichen Gallien weit Yoran war — in 
einem dort geschriebenen Dialog aus dem Anfang des 5. Jahrb. wagt 
einer der Mitsprechenden, ein Geistlicher aus Chälon-sur-Sa6ne, 
kaum den Mund aufeuthun Yor dem gebildeten aquitanischen Kreise. 
Hier wirkte der früher erwähnte Yon Kaiser Valentinianus zum 
Lehrer seines Sohnes Gratianus (geb. 359) berufene Professor Auso- 
nius, der in seinen Yermischten (Gedichten einer grolsen Anzahl sei* 
ner Collegen ein Denkmal gestiftet hat; und als sein Zeitgenosse Sym- 
machus, der berühmteste Redner dieser Epoche, für seinen Sohn einen 
Hofmeister suchte, liefs er in Erinnerung an seinen alten an der Ga- 
ronne heimischen Lehrer sich einen aus Gallien kommen. Daneben 
ist Augustodunum immer einer der grofsen Mittelpunkte der gallischen 
Studien geblieben; wir haben noch die Reden, welche wegen der 
Wiederherstellung dieser Lehranstalt bittend und dankend Yor dem 
Kaiser Constantin gehalten worden sind. — Die litterarische Vertretung 
dieser eifrigen Schulthätigkeit ist untergeordneter Art und geringen 
Werthes : Prunkreden, die namentlich durch die spätere Umwand- 
lung Yon Trier in eine kaiserliche Residenz und das häufige Ver- 
weilen des Hofes im gallischen Land gefördert worden sind, und 
Gelegenheitsgedichte roannichfaltiger Art. Wie die Redeleistung war 
das Versemachen ein noth wendiges Attribut des Lehramts und der 
öffentliche Lehrer der Litteratur zugleich nicht gerade geborener, aber 
doch bestallter Dichter. Wenigstens die Geringschätzung der Poesie, 



Bttd«n. 



104 ACHTES BCGfl. KAPITEL HI. 

wdche der übrigens gleichartigen hellenischen Litteratur der gleichen 
£p(K^e eigen ist, hat sich auf diese Occidentalen nicht übertragen. 
In den Versen herrscht die Schulreminiscenz und das Pedanten- 
kunststück vor') und nur selten begegnen, wie in der Moselfahrt 
des Ausonius, lebendige und empfundene Schilderungen. Die Reden, 
die wir freilich nur nach einigen späten am kaiserlichen Hoflager 
gehaltenen Vorträgen zu beurtheilen in der Lage sind, sind Mnster- 
stücke in der Kunst mit vielen Worten wenig zu sagen und die 
unbedingte Loyalität in gleich unbedingter Gedankenlosigkeit zum 
Ausdruck zu bringen. Wenn eine vermögende Mutter ihren 
Sohn, nachdem er die Fülle und den Schmuck der gallischen 
Rede sich angeeignet hat, weiter nach Italien schickt um auch 
die römische Würde ') zu gewinnen, so war diesen gallischen 
Rhetoren allerdings diese schwieriger abzulernen als der Wort- 
pomp. För das frühe Mittelalter sind diese Leistungen bestimmend 
gewesen; durch sie ist in der ersten christlichen Zeit Gallien die 
eigentliche Stätte der frommen Verse und doch auch der letzte Zu- 
fluchtsort der SchuUitteratur geworden, während die gi*oljBe geistige 
Bewegung innerhalb des Christenthums ihre Hauptvertreter nicht 
hier gefunden hat. 

In dem Kreise der bauenden und der bildenden Künste rief schon 
das Klima manche Erscheinung hervor, welche der eigentliche Süden 
nicht oder nur in den Anfangen kennt; so ist die in Italien nur bei 
Bädern gebräuchliche Luftheizung und der dort ebenfalls wenig ver- 
breitete Gebrauch der Glasfenster in der gallischen Baukunst in um- 
fassender Weise zur Anwendung gekommen. Aber auch von einer 
diesem Gebiet eigenen Kqnstentwickelung darf vielleicht insofern ge- 
sprochen werden , als die Bildnisse und in weiterer Entwickelung die 
Darstellung der Scenen des täglichen Lebens in dem keltischen Gebiet 



*) Eioes der Professoreng^edichte des AusoDias ist vier griechischen 
Grammatikern gewidmet: *Alle fleifsig walteten sie des Lehramts; Schmal 
nur war der Sold ja nnd dünn der Vortrag; Aber da sie lehrten m meinen 
Zeiten, Will ich sie nennen.' Dies ist um so verdienstlicher, da er nichts 
Rechtes bei ihnen gelernt hat: 'Wohl, weil mich gehindert die allzu sehwaehe 
Fassungskraft des Geistes und mich von Hellas Bildung fern hielt leider 
damals des Knaben Trauriger Irrthum.' Diese Gedanken sind Öfter, aber selten 
in sapphischem Marse vorgetragen worden. 

*) Rotnana graviUu: Hieronymus ep. 125 p. 929 Vall. 



DIB GALLISCHEN PROVIiaBN. 105 

relativ häufiger auftreten als in Italien und die abgenutzten mythologi- 
schen Darstellungen durch erfreulichere ersetzen. Wir können diese 
Richtung auf das Reale und das Genre allerdings fast nur an den 
Grabmonumenten erkennen, aber sie hat wohl in der Kunstübung 
überhaupt vorgeherrscht Der Bogen von Arausio (Orange) aus der 
Mhen Kaiserzeit mit seinen gallischen Waffen und Feldzeichen, die 
bei Vetera gefundene Bronzestatue des Berliner Museums, wie es scheint 
den Ortgott mit Gerstenähren im Haar darstellend , das wahrschein- 
h'ch zum Theil aus gallischen Werkstatten hervorgegangene Hildes- 
heimer Silbergeräth beweisen eine gewisse Freiheit in der Aufnahme 
und Umbildung der italischen Motive. Das Juliergrabmal von St. Remy 
bei Avignon, ein Werk augustischer Zeit, ist ein merkwürdiges Zeug- 
mtk für die lebendige und geistreiche Reception der hellenischen Kunst 
im südlichen Gallien sowohl in seinem kühnen architektonischen Auf- 
bau zweier quadratischer Stockwerke, welche ein Säulenkreis mit 
konischer Kuppel krönt, wie auch in seinen Reliefs, welche, im Stil den 
pergamenischen nächst verwandt, figurenreiche Kampf- und Jagdscenen, 
wie es scheint dem Leben der Geehrten entnommen, in malerisch 
bewegter Ausführung darstellen. Merkwürdigerweise liegt der Höhe- 
punkt dieser Entwickelung neben der Südprovinz in der Gegend der 
Mosel und der Maas; diese Landschaft, nicht so völlig unter römischem 
Einflufs stehend wie Lyon und die rheinischen Lagerstädte und wohl- 
habender und civilisirter als die Gegenden an der Loire und der Seine, 
scheint diese Kunstübung einigermaüsen aus sich selbst erzeugt zu haben. 
Das unierdem Namen der Igeler Säule bekannte Grabdenkmal eines vor- 
nehmen Trierers giebt ein deutliches Bild der hier einheimischen 
thurmartigen mit spitzem Dach gekrönten auf allen Seiten mit Dar- 
stellungen aus dem Leben des Verstorbenen bedeckten Denkmäler. 
Häufig sehen wir auf denselben den Gutsherrn, dem seine Colonen 
Schafe, Fische, Geflügel, Eier darbringen. Ein Grabstein aus Arlon 
bei Luxemburg zeigt auTser den Portraits der beiden Gatten auf 
der einen Seite einen Karren und eine Frau mit einem Frucht- 
korb, auf der andern über zwei auf dem * Boden hockenden 
Männern einen Aepfelverkauf. Ein anderer Grabstein aus Neumagen 
bei Trier hat die Form eines Schiffes: in diesem sitzen sechs Schiffer 
die Ruder führend; die Ladung besteht aus groüsen Fässern, neben 



106 DIE GALLISCHEN PROVINZEN. 

denen der lustig blickende Steuermann, man möchte meinen, sich des 
darin geborgenen Weines zu freuen scheint. Wir dürfen sie wohl in 
Verbindung bringen mit dem heiteren Bilde, das der Poet von Bordeaux 
uns vom Moselthal bewahrt hat mit den prachtigen Schlössern, den 
lustigen Rebgeländen und dem regen Fischer- und Schiffertreiben, 
und den Beweis darin finden, dafs in diesem schönen Lande bereits 
vor anderthalb Jahrtausenden friedliche Thätigkeit, heiterer Genufs 
und warmes Leben pulsirt hat. 



KAPITEL IV. 



koBg da« 
Oermuumi. 



DAS RÖMISCHE GERMANIEN UND DIE FREIEN GERMANEN. 

Die beiden römischen Provinzen Ober- und Untergerroanien sind Baschrtn 
das Ergebniss derjenigen Niederlage der römischen Waffen und der 
römischen Staatskunst unter der Regierung des Augustus, welche 
früher (S. 50 f.) geschildert worden ist Die ursprüngliche Provinz 
Germanien, die das Land vom Rhein bis zur Elbe umfafste, hat nur 
zwanzig Jahre vom ersten Feldzug der Drusus, 742 d. St. «= 12 v. Chr., 
bis zur Varusschlacht und dem Falle AJisos 762 d. SL = 9 n. Chr. be- 
standen; da sie aber einerseits die Militärlager auf dem linken Rhein- 
ufer, Yindonissa, Mogontiacum, Vetera in sich schloss, andererseits auch 
nach jener Katastrophe mehr oder minder beträchtliche Theile des 
rechten Ufers römisch blieben , so wurden durch jene Katastrophe 
die Statthalterschaft und das Commando nicht eigentlich aufge- 
hoben, obwohl sie so zu sagen in der Luft standen* Die innere 
Ordnung der drei Gallien ist früher dargelegt worden; sie umfafsten 
das gesammte Gebiet bis an den Rhein, ohne Unterschied der Ab- 
stammung — nur etwa die erst während der letzten Krisen nach Gallien 
übergesiedelten Ubier gehörten nicht zu den 64 Gauen, wohl aber die 
Helvetier, die Triboker und überhaupt die sonst von den rheinischen 
Truppen besetzt gehaltenen Districte. Es war die Absicht gewesen 
die germanischen Gaue zwischen Rhein und Elbe zu einer ähnlichen 
Gemeinschaft unter römischer Hoheit zusammenzufassen, wie dies mit 
den gallischen geschehen war, und denselben in dem Augustusaltar 
der Ubierstadt, dem Keim des heutigen Köln, einen ähnlichen 
excentrischen Mittelpunct zu verleihen, wie der Augustusaltar von 
Lyon ihn für Gallien bildete; für die fernere Zukunft war wohl 
auch die Verlegung der Hauptlager auf das rechte Rheinufer und 
die Rückgabe des linken wenigstens im Wesentlichen an den Statt- 



108 ACHTES BUCH. KAPITEL 1Y. 

balter der Belgica in Aussicht genommen. AUein diese Entwürfe 
gingen mit den Legionen des Yarus zu Grunde; der germanische 
Augustusaltar am Rhein ward oder blieb der Altar der Ubier; die 
Legionen behielten dauernd ihre Standquartiere in dem Gebiet, welches 
eigentlich zur Belgica gehörte, aber, da eine Trennung der Militär- und 
Civilverwaltung nach der römischen Ordnung ausgeschlossen war, 
so lange, als die Truppen hier standen, auch administrativ unter den 
Commandanten der beiden Heere gelegt war^). Denn, wie schon 
früher angegeben worden ist, Yarus ist wahrscheinlich der letzte Com- 
mandant der vereinigten Rheinarmee gewesen; bei der Yermefarung 
der Armee auf acht Legionen, welche diese Katastrophe im Gefolge 
gehabt hat, ist allem Anschein nach auch deren Theilung eingetreten. 
Es sind also in diesem Abschnitt nicht eigentlich die Zustande einer 
römischen Landschaft zu schildern, sondern die Geschicke einer 
römischen Armee, und, was damit aufs engste zusammenhangt, die der 
Nachbarvölker und der Gegner, so weit sie in die Geschidite Roms 
verflochten sind. 
o^«^nnd Die beiden Hauptquartiere der Rheinarmee waren von je her Yetera 

germMiwi. bei Woscl und Mogontiacum, das heutige Mainz, beide wohl älter als die 
Theilung des Commandos und eine der Ursachen, daDs dieselbe eintrat. 
Die beiden Armeen zählten jede im ersten Jahrhundert n. Chr. 4 Legi- 
onen, also ungefähr 30 000 Mann'); in oder zwischen jenen beiden 



1) Diese Täeüniiff einer Provioi ooter drei Stttthalter ist in der röni- 
sehen Verwaltanif sonst ohne Beispiel; das Verhaltairs von Africa und Nami- 
dien bietet wohl eine ünrsere Analof^e, ist aber politisch bedingt dorch die 
Stellung des senatorischen Statthalters zn dem kaiserlichen Militärcomman- 
danten, während die drei Statthalter der Belgica gleichmäfsig kaiserlich sind 
und gar nicht abzusehen ist, warum den beiden germanischen Sprengel inner- 
halb der Belgica statt eigener angewiesen werden. Nur das Zurücknehmen der 
Grenze unter Beibehaltung des bisherigen Namens — ihnlieh wie das trans- 
danuvianische Dacien späterhin als cisdannvianisches dem Namen nach fort- 
bestand — erklärt diese Seltsamkeit 

*) Die Stärke der Auxilien der oberen Armee läFst sich für die domi- 
tianisch-traiaaische Bpoehe mit ziemlicher Sicherheit auf etwa 10000 Mann 
bestimmen. Eine Urkunde vom J. 90 zählt vier Alen und viersehn Cohorten 
dieser Armee auf; zu diesen kommt wenigstens eine Gehörte (/ G^rmanorum), 
die nachweislich sowohl im J. 82 wie im J. 116 daselbst garnisonirte; ob 
zwei Alen, die im J. 82 und mindestens drei Cohorten, die im J. 116 daselbst 
sich befanden und die in der Liste vom J. 90 fehlen, im Jahr 90 dort garni- 
sonirten oder nicht, ist zweifelhaft, die meisten derselben aber sind wohl vor 



DAS RÖMISCHE GERMANIEN UND DIE FREIEN GERMANEN. 109 

Puncien lag die Hauptmasse der römischen Truppen, auberdem eine 
Legion beiNoYiomagu8(Nimwegen),eine andere in Argentoratum (Strals- 
bürg), eine dritte bei Vindonissa (Windisch unweit Zürich) nicht weit 
von der raetischen Grenze. Zu dem unteren Heere gehörte die nicht 
unbeträchtliche Rheinflotte. Die Grenze zwischen der oberen und der 
unteren Armee liegt zwischen Andernach und Remagen bei Brohl^), 
so dafs Cohlenz und Bingen in das obere, Bonn und Köln in das untere 
Militärgebiet fielen. Auf dem linken Ufer gehörten zu dem obergerma- 
nischen Verwaltungsbezirk die Districte der HelTetier (Schweiz), der 
Seqoaner (Besancon), der Lingonen (Langres), der Rauriker (Basel), 
der Triboker (ElsaÜB), der Nemeter (Speier) und der Yangionen 
(Worms); zu dem beschränkteren untergermanischen der District 
der Ubier oder vielmehr die Colonie Agrippina (Köln), der Tungrer 
(Tongern), der Menapier (Brabant) und der Bataver, während die 
weiter westlich gelegenen Gaue mit Einschluß von Metz und Trier 
unter den verschiedenen Statthaltern der drei Gallien standen. Wenn 
diese Scheidung nur administrative Bedeutung hat, so fiillt dagegen die 
wechselnde Ausdehnung der beiden Sprengel auf dem rechten Ufer mit 
den wechselnden Beziehungen zu den Nachbaren und der dadurch be- 
dingten Vor- und Zurückschiebung der Grenzen der römischen Herr- 
schaft zusammen. Diesen Nachbaren gegenüber sind die unterrheini- 
schen und die oberrheinischen Verhältnisse in so verschiedener Weise 
geordnet worden und die Ereignisse in so durchaus anderer Richtung 
verlaufen, dafs hier die provinziale Trennung geschichtlich von der ein- 
greifendsten Bedeutung wurde. Betrachten wir zunächst die Ent- 
wickelung der Dinge am Unterrhein. 

90 aas der Prorinz weg oder erst nach 90 in dieselbe gekomiDen. Von jenen 
19 Aazilien ist eine sieher {eoh, I Damateenorum) , eine andere (da / FUnria 
g9wma) vielieteht eine Doppelabtheilnng. Im Minimum also ergiebt sieh als 
Normaletat der Aoxilien dieses Heeres die ;oben bezeichnete Ziffer, und be- 
deutend kann sie nicht überschritten sein. Wobl aber mögen die Anxilien 
von Untergermanien, dessen Garnisooen weniger aosgedehnt waren , an Zahl 
geringer gewesen sein. 

^) An der Grenzbrieke über den Abrinca«, jetzt Vinxtbach, der alten 
Grenze der ErzdiSeesen RSIn and Trier, standen zwei Altäre, der auf der 
Seite von Remagen den Grenzen, dem Ortsgeist und dem Japiter (Fmibus 0t 
Genio loci et lovi opiimo maximo) gewidmet von Soldaten der 30. nieder- 
germanischen Legion, der auf der Seite von Andernach dem Jupiter, dem 
Ortsgott vnd der Jano geweiht von einem Soldaten der 8. obergermanischen 
(Brambach 649. 650). 



110 ACHTES BUCH. KAPlTfiL IV. 

Ni«d«r- ^ is^ früher dargestellt worden, wie weit die Römer zu beiden 

gennuieo. gelten des Unterrheins die Germanen sich unterworfen hatten. Die 
Bfttorer. germanischen Bataver sind nicht durch Caesar, aber nicht lange nach- 
her, vielleicht durch Drusus, auf friedlichem Wege mit dem Reiche 
vereinigt worden (S. 55). Sie safsen im Rheindelta, das heilst auf dem 
linken Rheinufer und auf den durch die Rheinarme gebildeten In- 
seln aufwärts bis wenigstens an den alten Rhein, also etwa von 
Antwerpen bis Utrecht und Leyden in Seeland und dem südlichen 
Holland, auf ursprunglich keltischem Gebiet — wenigstens sind die 
Ortsnamen überwiegend keltisch; ihren Namen fahrt noch die Betuwe, 
die Niederung zwischen Waal undLeck mit der HauptstadtNoviomagus, 
jetzt Nimwegen. Sie waren, insbesondere verglichen mit den unruhi- 
gen und stdrrigen Reiten , gehorsame und nützliche Unterthanen und 
nahmen daher im römischen Reichsverband und namentlich im Heer- 
wesen eine Sonderstellung ein. Sie blieben gänzlich steuerfrei, wurden 
aber dagegen so stark wie kein anderer Gau bei der Recrutirung an- 
gezogen; der eine Gau stellte zu dem Reichsheer 1000 Reiter und 
9000 Fulssoldaten; auTserdem wurden die kaiserlichen Leibwächter 
vorzugsweise aus ihnen genommen. Das Commando dieser batavischen 
Abtheilungen wurde ausschliefslich an geborene Bataver vergeben. Die 
Bataver ^ten unbestritten nicht blofs als die besten Reiter und 
Schwimmer der Armee , sondern auch als das Muster treuer Soldaten, 
wobei allerdings der gute Sold der batavischen Leibwächter sowohl wie 
der bevorzugte OfBziersdienst der Adlichen die Loyalität erheblich be- 
festigte. Diese Germanen waren denn auch bei der Varuskatastrophe 
weder vorbereitend noch nachfolgend betheiligt; und wenn Augustus 
unter dem ersten Eindruck der Schreckensnachricht seine batavischen 
Leibwächter verabschiedete, so überzeugte er sich bald selbst von der 
Grundlosigkeit seines Argwohns und die Truppe wurde kurze Zeit 
darauf wieder hergestellt. 
Cannane- Am audem Ufer des Rheines wohnten den Batavern zunächst, im 

heutigen Kennemerland (Nordholland über Amsterdam), die ihnen 
eng verwandten, aber weniger zahlreichen Cannenefaten; siewerden 
nicht blofs unter den durch Tiberlus unterworfenen Völkerschaften ge- 
nannt, sondern sind auch in der Stellung von Mannschaften wie die 
Fri«Mn. Batavcr behandelt worden. — Die weiterhin sich anschlie£senden 
Friesen in dem noch heute nach ihnen benannten Küstenland bis 
zu der unteren Ems unterwarfen sich dem Drusus und erhielten eine 



ACHTBS BUCH. KAPITBL IT. 111 

ähnliche Stellung wie die Bataver; es wurde ihnen anstatt der 
Steuer nur die Ablieferung einer Anzahl von Rindshäuten für die 
Bedürfnisse des Heeres auferlegt; dagegen hatten auch sie yerhältnifs« 
mäfeig zahlreiche Mannschaften fOir den römischen Dienst zu stellen. 
Sie waren seine so wie später des Germanicus treueste Bundes- 
genossen, ihm nützlich sowohl bei dem Kanalbau wie besonders nach 
den unglücklichen Nordseefahrten (S. 47), — Auf sie folgen östlich ühftak«r. 
die Chauker, ein weitausgedehntes Schiffer- und Fischervolk an der 
Nordseeküste zu beiden Seiten der Weser, vielleicht von der £ms bis 
zur Eibe; sie wurden durch Drusus zugleich mit den Friesen, aber 
nicht wie diese ohne Gegenwehr, den Römern botmäfsig. — Alle diese 
germanischen Küstenvölker fügten sich entweder durch Vertrag oder 
doch ohne schweren Kampf der neuen Herrschaft, und wie sie an dem 
Cheruskeraufstand keinen Theil gehabt haben, blieben sie nach der 
Varusschlacht gleichfalls in den früheren Verhältnissen zum römischen 
Reich ; selbst aus den entfernter liegenden Gauen der Friesen und der 
Chauker sind die Besatzungen damals nicht herausgezogen worden und 
noch zu den Feldzügen des Germanicus haben die letzteren Zuzug ge- 
stellt. Bei der abermaligen Räumung Germaniens im J. 17 scheint 
allerdings das arme und ferne, schwer zu schützende Chaukerland auf- 
gegeben worden zu sein ; wenigstens giebt es für die Fortdauer der 
römischen Herrschaft daselbst keine späteren Belege und einige Decen- 
nien nachher finden wir sie unabhängig. Aber alles Land westwärts 
der unteren Ems blieb bei dem Reiche, dessen Grenze also die heutigen 
Niederlande einschlofs. Die Vertheidigung dieses Theils der Reichs- 
grenze gegen die nicht zum Reich gehörigen Germanen blieb in der 
Hauptsache den botmälsigen Seegauen selber überlassen. 

Weiter stromaufwärts wurde anders verfahren; hier ward eine Lim«« und 
Grenzstrafse abgesteckt und das Zwischenland entvölkert. An die in »i^^DuTr- 
gröfserer oder geringerer Entfernung vom Rhein gezogene Grenzstrafse, '^^^^' 
den Limes ^), knüpfte sich die Controle des Grenzverkehrs, indem die 



') Limes (von Umus qoer) Ist ein unseren Rechtsverhältnissen fremder 
und daher auch in unserer Sprache nicht wiederzogebender technischer Aus- 
druck, davon hergenommen, dars die römische Ackertheiluog, die alle Natur- 
grenzen ansschliefst, die Quadrate, in welche der im Privateigenthum stehende 
Boden getheilt wird, durch Zwischenwege von einer bestimmten Breite trennt; 
diese Zwischenwege sind die limües und insofern bezeichnet das Wort immer 
zugleich sowohl die von Menschenhand gezogene Grenze wie die von Menschen- 



112 ACHTES BU€H. KAPITEL IV. 

Überschreitung dieser Strafse zur Nachtzeit überhaupt, am Tage den 
Bewaffneten untersagt und den Uebrigen in der Regel nur unter 
besonderen Sicherheitsmarsregeln und unter Erlegung der Torge- 
schriebenen Grenzzdlle gestattet war. Eine solche Strafse hat gegen- 
über dem unterrheinischen Hauptquartier im heutigen Münsterland 
Tiberiusnach der Varusschlacht gezogen , in einiger Entfernung vom 
Rhein, da zwischen ihr und dem FluTs der seiner Lage nach nicht näher 



btod s^'t'^iite Straffe. Diese DoppelbedeatoDg behalt dM Wort aiioh In der 
Aowendoog auf den Staat (anriobtig Radorff grom. Inat S. 2S9) ; Hmes Ist nicht 
jede Reichsgrenze , aoodero nur die voo MenscbeDhaod abgesteckte aod zu- 
gleich zum Begehea und Posteostellee für die Grenzvertbeidignog eingerichtete 
(vita Hadriani 12: loci* in quibus barbari non ßuminibus, sed UmiÜbu» dtvi- 
duntur)j wie wir sie in Germanien and in Africa finden. Daram werden nach anf 
die Anlage dieses lime$ die fiir den Strar«enbaa dienenden Beieicbnangen an* 
gewandt aperire (Velleins 2, 121, was nicht, wie Müllenhoff Ztschr. f. d. AU. 
JN. F. II S. 32 will, so zu verstehen ist wie unser Oeffnen des Scblngbannis), 
muntre, agere (Frontinas strat. 1, 3, 10: Umüibut per CXX m. p. actis), Da- 
mm ist der Umes nicht blofs eine Langenlioie, sondern nach von einer ge- 
wissen Breite (Tacitns ann. 1, 50: etutra in Umite load). Daher verbin4et 
sich die Anlage des limßs oft mit derjenigen des agger^ das heifst des Straften- 
dammes (Tacitas ann. 2, 7: cunda novit limitibus offgeribusque permwtiia) 
and die Verschiebung desselben mit der Verlegung der Grenzposten (Tncitus 
Germ. 29 : limäe acto promotisque praesidiis). Der Limes ist also die Reichs- 
grenzstrafse, bestimmt zur Regulirung des Grenzverkehrs dadurch, dafs ihre 
Uebersehreitnng nur an gewissen den Brücken der Flnfsgrenze entsprechenden 
Pnncten gestattet, sonst untersagt wird« Zunächst ist dies ohne Zweifel 
herbeigeführt worden durch Abpatrouilliruog der Linie, und so large dies 
geschah, blieb der Umes ein Greozweg. Er blieb dies auch, wenn er an 
beiden Seiten befestigt ward, wie dies in Britannien und an der Donanmuodung 
geschah; auch der britannische Wall heifst times (S. 171 A. 1). Es konnten 
aber auch an den gestatteten Uebersehreitungspuneten Postea aufgestellt und 
die Zwischenstreeken der Grenzwege in irgend einer Weise unwegsam ge- 
macht werden. In diesem Sinne sagt der Biograph in der oben angefahrten 
Stelle von Hadriao, dafs an den UmUes er sUpüibus magnit in modum muraUi 
saepis fundUuM iactis atque eonexis barbaros separavü. Damit verwandelt 
sich die Grenzstrafse in eine mit gewissen Durchgängen versehene Grenz- 
barricade, und das ist der Limes Obergermaniens in der entwiekelten weiterhin 
darzulegenden Gestalt. CJebrigens wird das Wort in diesem Werthe in repu- 
blikanischer Zeit nicht gebraucht und ist ohne Zweifel dieser BegrÜf des 
Urne» erst entstanden mit der Einrichtung der den Staat, wo Naturgrensen 
fehlen, umschliefsenden Postenkette, welcher Reichsgrenzscliutz der Republik 
fremd, aber das Fundament des augustischen MilitSr- und vor allem des 
augustiscben Zollsystems ist 



DA8 RÖMISCHE GERMANIEN UND DIE FREIEN GERMANEN. 113 

bekannte ^caesische Wald' sich erstreckte. Aehuliche Anstalten müssen 
gleichzeitig in den Thälern der Ruhr und der Sieg bis zu dem der Wied 
hin, wo die unterrheinische Provinz endigte, getroffen worden sein. 
Militärisch besetzt und zur Vertheidigung eingerichtet brauchte diese 
StraJBe nicht nothwendig zu sein, obwohl natürlich die GrenzTertheidi- 
gung und die Grenzbefestigung immer darauf hinausgingen die Grenz- 
stra&e möglichst sicher zu stellen. Ein hauptsächliches Mittel für den 
Grenzschutz war die Entvölkerung des Landstrichs zwischen dem Flufs 
und der Stralse. ^Yom rechten Rheinufer', sagt ein kundiger Schrift- 
Steuer der tiberischen Zeit, ^haben theils die Römer die Völkerschaften 
,auf das linke übergeiuhrt, theils diese selbst sich in das Innere zurück- 
,gezogen'. Dies traf im heutigen Münsierhind die daselbst früher an- 
sässigen germanischen Stämme der Usiper, Tencterer, Tubanten. In 
den Zügen des Germanicus erscheinen dieselben vom Rhein abgedrängt, 
aber noch in der Gegend der Lippe, später, wahrscheinlich eben in 
Folge jener Expeditionen, weiter südwärts Mainz gegenüber. Ihr altes 
Heim lag seitdem öde und bildete das ausgedehnte für die Heerden 
der niedergermanischen Armee reservirte Triftland, auf welchem im 
J, 58 erst die Friesen und dann die heimathlos irrenden Amsivarier 
sich niederzulassen gedachten, ohne dazu die Erlaubnis der römischen 
Behörden auswirken zu können. Weiter südwärts blieb von den Su- 
gambrem, die ebenfalls zum groüsenTheil derselben Behandlung unter- 
lagen, wenigstens ein Tbeil am rechten Ufer ansässig '), während andere 
kleinere Völkerschaften ganz verdrängt wurden. Die spärliche inner- 
halb des Limes geduldete Bevölkerung war selbstverständlich reichs- 
unterthänig, wie dies die bei den Sugambrem stattfindende römische 
Aushebung bestätigt« 

In dieser Weise wurden nach dem Aufgeben der weiter greifenden 
Entwürfe die Verhältnisse am Unterrhein geordnet, immer also noch 



') Die «af das linke Ufer vberyesiedelteB Soirnnbrer werden QBter diesem 
Nsmen Btcbber nicbt erwäbat und sind wtbrscbeinlicb die noterbtlb Kola an 
Rheio wobneoden Cn^erner. Aber dafs die Sagambrer anf dem reebten Ufer, 
welobe Strabo erwKbet, wenigsteos noeb xa Claudius Zeit bestaadeo, zei^ die 
■acb diesem Kaiser beaanote, also sieber unter ibm und xwar aus Sagambrera 
erriebtete Coborte (G. I. L. DI p. 877); und sie so wie die vier anderes 
wabrscbeinlieb augustiseben Coborten dieses Namens bestätigen, was eigeat- 
lieb aucb Strabon sagt, dafs diese Sogambrer xum römisebea Reicb gebSrtea. 
Sie sind wobl wie die Hattiaker erst in den Stürmen der Völkerwanderung 
verseh wunden. 

Momniea, tOm. Oatehielit«. T. 8 



114 ACHTES BUCH. KAPITEL IV. 

ein nicht unbeträchtliches Gebiet am rechten Ufer von den Römern 
gehalten. Aber es knüpften sich daran mancherlei unbequemeYerwicke* 
lungen. Gegen das Ende der Regierung des Tiberius (J. 28) fielen die 
Friesen in Folge der unerträglichen Bedrflckung bei der Erhebung der 
an sich geringen Abgabe vom Reiche ab, erschlugen die bei der 
Erhebung beschäftigten Leute und belagerten den hier fungirenden 
römischen Commandanten mit dem Reste der im Gebiet verweilenden 
römischen Soldaten und Civilpersonen in dem Gasteil Flevum, da 
wo vor der im Hittelalter erfolgten Ausdehnung des Zuidersees die Öst- 
lichste Rheinmündung war, bei der heutigen Insel Ylieland neben 
dem Texel. Der Aufstand nahm solche Verhältnisse an , dals beide 
Rheinheere gemeinschaftlich gegen die Friesen marschirten ; aber der 
Statthalter Lucius Apronius richtete dennoch nichts aus. Die Relage- 
rung des Castells gaben die Friesen auf, als die römische Flotte die 
Legionen herantrug; aber ihnen selbst war in dem durchschnittenen 
Lande schwer beizukommen; mehrere römische Heerhaufen wurden 
vereinzelt aufgerieben und die römische Vorhut so gründlich geschlagen, 
dals selbst die Leichen der Gefallenen in der Gewalt des Feindes blie- 
ben. Zu einer entscheidenden Action kam es nicht, aber auch nicht zu 
rechter Unterwerfung; gröiseren Unternehmungen, die dem comman- 
direnden Feldherm eine Machtstellung gaben, war Tiberius, je älter 
er wurde, immer weniger geneigt. Damit steht in Zusammenhang, 
dafs in den nächsten Jahren die Nachbaren der Friesen, die Chauker 
den Römern sehr unbequem wurden, im J. 41 der Statthalter PubliusGa- 
binius Secundus gegen sie eine Expedition unternehmen musste 
und sechs Jahre später (47) sie sogar unter Führung des römischen 
Ueberläufers Gannascus, eines geborenen Cannenefaten, mit ihren 
leichten Piratenschiffen die gallische Rüste weithin brandschatzten. 
Gnaeus Domitius Corbulo, von Claudius zum Statthalter Niedergerma- 
niens ernannt, legte mit der Rheinflotte diesen Vorgängern der Sachsen 
und Normannen das Handwerk und brachte dann die Friesen energisch 
zum Gehorsam zurück, indem er ihr Gemeinwesen neu ordnete und 
römische Besatzung dort hinlegte. Er hatte die Absicht weiter die 
Chauker zu züchtigen ; auf sein Anstiften wurde Gannascus aus dem Wege 
geräumt — gegen den Ueberläufer hielt er sich auch dazu berechtigt 
— und er war im Begriff die Ems überschreitend in das Chaukerland 
einzurücken, als er nicht blofs Gegenbefehl von Rom erhielt, sondern 
die römische Regierung überhaupt ihre Stellung am Unterrhein voll- 



DAS RUMISCHE GERJUNIEIf UND DIE FREIEN GERMANEN. 115 

ständig änderte. Kaiser Claadius wies den Statthalter an alle römischen ^J^^^ 
Besatzungen vom rechten Ufer wegzunehmen. Es ist begreiflich, dafs ^m reohun 
der kaiserliche General die freien Feldherren des ehemaligen Rom mit »ofgegeben. 
bitteren Worten glücklich pries; es wurde allerdings damit die nach 
der Varusschlacht nur halb gezogene Consequenz der Niederlage ver- 
▼oUständigt Wahrscheinlich ist diese durch keine unmittelbare Nö- 
thignng veranlabte Einschränkung der römischen Occupation Germa- 
niens herrorgerufen worden durch den eben damals gefaJDstenEntschlufs 
Britannien zu besetzen, und findet darin ihre Rechtfertigung, dafs die 
Truppen beidem zugleich nicht genflgten. Dafs der Befehl ausgeführt 
ward und es auch später dabei blieb, beweist das Fehlen der römi- 
schen Hilitärinschriften am ganzen rechten Unterrhein ^). Nur einzelne 
Uebergangspunkie und Ausfallsthore, wie insbesondere Deutz gegenüber 
Köln, machen Ausnahmen von dieser aDgemeinen Regel. Auch die 
MUitärstralise hält sich hier auf dem linken Ufer und streng an den 
Rheinlauf, während der hinter derselben herlaufende Verkehrsweg die 
Krümmungen abschneidend die gerade Verbindung verfolgt. Auf dem 
rechten Rheinufer sind hier nirgends, weder durch aufgefundene 
Meilensteine noch anderweitig, römische Militärstral^n bezeugt. 

Einen eigentlichen Verzicht auf den Besitz des rechten Ufers in 
dieser Provinz schlieft die Zurückziehung der Besatzungen nicht ein. 
Dasselbe galt den Römern seitdem etwa wie dem Festungscomman- 
danten das unter seinen Kanonen liegende Terrain. Die Cannenefaten 
und wenigstens ein Theil der Friesen') sind nach wie yor reichsunter- 
thänig gewesen. Dalüi auch später noch im Münsterland die Heerden 
der Legionen weideten und den Germanen nicht gestattet wurde sich 
dort niederzulassen, ist schon bemerkt werden. Aber die Regierung 
hat seitdem für den Schutz des Grenzgebietes auf dem rechten Ufer, 



>) DtsGuteli TOD Niederbiber aoweit der MiiodiiBg der Wied io den 
Rbeia so wie das von Arzbach bei Montabaar im Lahngebiet gehören schon 
zn ObergermaDien. Die beaondere Bedeotaog jeaer Festung, des gröfstea 
Castella in Obergermanien, beruht darauf, dafs sie die römischen Linien auf 
dem rechten Rhein ofer militärisch abschlofs. 

*) Dies fordern die Anshebungeo (Bpfa. epigr. 5 p. 274), während die 
Friesen, wie sie im J. 58 (Taeitos ann. 13. 54) auftreten, eher unabhängig 
erscheinen; auch der faltere Plinius (h. n. 25, 3, 22) unter Vespasian nenot 
sie im Ruckblick auf die Zeit des Germanicus ^ens twnfida. Wahrscheinlich 
hingt dies zusammen mit der Unterscheidung der Frisü und Fritünones bei 
Plinius 4, 15, 101 und der Früü maiores und minares bei Tacitns Germ. 34. 

8* 



116 ACHTES BUCH. KAPITEL IV. 

das es in dieser Provinz auch ferner gab, im Norden sich auf die Canne- 
nefaten und die Friesen verlassen, weiter stromaufwärts im Wesentlichen 
der Oedgrenze vertraut und auch die römische Ansiedelung hier, wenn 
nicht geradezu untersagt, doch nicht aufkommen lassen. Der in Alten- 
berg (Kreis Mulheim) am Dhänflufs gefundene Altarstein eines Privaten 
ist fast das einzige Zeugnib römischer Einwohnerschaft in diesen 
Gegenden. Es ist dies um so bemerkenswerther, als das Aufblühen von 
Köln, wenn hier nicht besondere Hindemisse im Wege gestanden hätten, 
die römische Civilisation von selber weithin auf das andere Ufer getragen 
haben würde. Oft genug werden römische Truppen diese ausgedehnten 
Gebiete betreten, vielleicht selbst die gerade hier in augustischer Zeit 
zahlreich angelegten Strafsen einigerroafsen gangbar gehalten, auch 
wohl neue angelegt haben; spärliche Ansiedler, theils Ueberresie der 
alten germanischen Bevölkerung, theils Colonisten aus dem Reidi 
werden hier gesessen haben, ähnlich wie ynr sie bald in der früheren 
Kaiserzeit am rechten Ufer des Oberrheins Gnden werden ; aber deü 
Wegen wie den Besitzungen fehlte der Stempel der Dauerhaftigkeit 
Man wollte hier nicht eine Arbeit von gleicher Ausdehnung und gleicher 
Schwierigkeit unternehmen, vrie wir sie weiterhin in der oberen 
Provinz kennen lernen werden, nicht hier, wie es dort geschah, die 
Reichsgrenze militärisch schützen und befestigen. Darum hat den 
Unterrhein wohl die römische Herrschaft, aber nicht, vrie den Ober- 
rhein, auch die römische Cultur überschritten. 
Di« Lago in Ihrer doppelten Aufgabe das benachbarte Gallien in Gehorsam 
QoiZlnien uud die Germanen des rechten Rheinufers von Gallien abzuhalten, 
"^atn^"*" hatte die Armee am Unterrhein auch nach dem Verzicht auf Be- 
setzung des rechtsrheinischen Gebietes ausreichend genügt; und 
es wäre die Ruhe nach aufsen und innen voraussichtlich nicht'unter- 
brochen worden, wenn nicht der Sturz der julisch-claudischen Dynastie 
und der dadurch hervorgerufene Bürger- oder vielmehr Corpskrieg in 
diese Verhältnisse in verhängnissvoller Weise eingegriffen hätte. Die 
Insurrection des Keltenlandes unter Führung des Vindex wurde zwar 



Die romiich ^ebliebeoen FrieseD werden die westlicheD sein, die freien die 
ösUicheo; wenii die Frieseo überbenpt bis zur Ems reichen (Ptolemaeos 3, 
11, 7), 80 mofpen die später rSiDisehea etwa westwärts der Yssel gesessen 
haben. Anderswo als an der Doeh bente ihren Namen tragenden Käste 
darf man sie nicht ansetien; die Nennung bei Plinios 4, 17, 106 steht ver- 
einzelt and ist ohne Zweifel fehlerhaft. 



DAS RÖMISCHE GERHANIEM UND DIB FREIE!« GERMANEN. 117 

Yon den beiden germanischen Armeen niedergeschlagen; aber Neros 
Sturz erfolgte dennoch, und als sowohl das spanische Heer wie die 
Kaisergarde in Rom ihm einen Nachfolger bestellten, thaten auch die 
Rheinarmeen das Gleiche und im Anfang des J. 69 überschritt der 
gröfste Theil dieser Truppen die Alpen, um auf den Schlachtfeldern 
Italiens auszumachen, ob dessen Herrscher Marcus oder Aulus heüsen 
werde. Im Mai desselben Jahres folgte der neue Kaiser Vitellius, nach- 
dem die Waffen fQr ihn entschieden hatten, begleitet Yon dem Rest der 
guten kriegsgewohnten Mannschaften. Durch eilig in Gallien ausge- 
hobene Rekruten waren allerdings die Lücken in den Rheinbesatzungen 
nothdurflig ausgefüllt worden; aber dals es nicht die alten Legionen 
waren, wufste das ganze Land, und bald zeigte es sich auch, dafs jene 
nicht zurückkamen. Hätte der neue Herrscher die Armee, die ihn auf 
den Thron gesetzt hatte, in seiner Gewalt gehabt, so hätte gleich nach 
der Niederwerfung Othos im April wenigstens ein Theil derselben an 
den Rhein zurückkehren müssen ; aber mehr noch die UnbotmäHsigkeit 
der Soldaten als die bald eintretende neue Verwickelung mit dem im 
Osten zum Kaiser ausgerufenen Vespasian hielt die germanischen 
Legionen in Italien zurück. 

Gallien war in der furchtbarsten Aufregung. Die Insurrection des vorb«z«i. 

tuDflf dor 

Vindex war, wie früher (S. 75) bemerkt ward, an sich nicht gegen die iMur- 
Herrschaft Roms, sondern gegen den dermaligen Herrscher gerichtet; 
aber darum war sie nicht weniger eine Kriegführung gewesen zwischen 
den Rheinarmeen und dem Landsturm der grofsen Mehrzahl der kel- 
tischen Gaue, und diese nicht weniger gleich Besiegten geplündert und 
mifshandelt worden. Die Stimmung, die zwischen den Provinzialen und 
den Soldaten bestand, zeigt zum Beispiel die Behandlung, welche der 
Gau der Helveüer bei dem Durchmarsch der nach Italien bestimmten 
Truppen erfuhr : weil hier ein von den Vitellianern nach Pannonien 
abgesandter Courier aufgegriffen worden war, rückten die Marsch- 
colonnen von der einen Seite, Ton der anderen die in Raetien in Gar- 
nison stehenden Römer in den Gau ein, plünderten weit und breit die 
Ortschaften, namentlich das heutige Baden bei Zürich, jagten die in 
die Berge Flüchtenden aus ihrem Versteck auf und machten sie zu 
Tausenden nieder oder verkauften die Gefangenen nach Kriegsrecht. 
Obwohl die Hauptstadt Aventicum (Avenches bei Murten) sich ohne 
Gegenwehr unterwarf, forderten die Agitatoren der Armee ihre Schlei- 
fung und alles, was der Feldherr gewährte, war die Verweisung der 



118 ACHTES BUCH. KAPITEL IV. 

Frage nicht etwa an den Kaiser, sondern an die Soldaten des grofsen 
Hauptquartiers; diese salsen über das Schicksal der Stadt zu Gericht 
und nur der Umschlag ihrer Laune rettete den Ort vor der Zerstörung. 
Dergleichen Mifshandlungen brachten die Provinzialen aufs Aeulserste; 
noch bevor Viteliius Gallien verlieDs, trat ein gewisser Mariccus aus 
dem von den Haeduern abhängigen Gau der Boier auf, ein Gott auf 
Erden, wie er sagte, und bestimmt, die Freiheit der Reiten wieder 
herzustellen; und schaaren weise strömten die Leute unter seine Fah- 
nen. Indefs kam auf die Erbitterung im Keltenland nicht allzu viel 
an. Eben der Aufstand des Vindex hatte auf das Deutlichste gezeigt, 
wie völlig unfähig die Gallier waren sich der römischen Umklammerung 
An&und zu eutwindeu. Aber die Stimmung der zu Gallien gerechneten ger- 
^^'seb^J?^' manischen Districte in den heutigen Niederlanden, der Bataver, der 
Aium«n. Cannenefaten, der Friesen, deren Sonderstellung schon hervorgehoben 
ward, hatte etwas mehr zu bedeuten; und es traf sich, daDs eben diese 
einerseits aufs Aeulserste erbittert worden waren, andrerseits ihre Gon- 
tingente zufällig sich in Gallien befanden. Die Masse der batavischen 
Truppen, 8000 Mann, der 14. Legion beigegeben, hatte längere Zeit mit 
dieser bei dem oberen Rheinheere gestanden und war dann unter Clau- 
dius bei der Besetzung Britanniens nach dieser Insel gekommen, wo 
dieses Corps kurz zuvor die entscheideode Schlacht unter Paullinus 
durch seine unvergleichliche Tapferkeit für die Römer gewonnen hatte; 
von diesen Tag an iiahm dasselbe unter allen römischen Heeresab- 
theilungen unbestritten den ersten Platz ein. Eben dieser Auszeich- 
nung wegen von Nero abberufen, um mit ihm zum Kriege in den Orient 
abzugehen, hatte die in Gallien ausbrechende Revolution ein Zerwürf- 
nifs zwischen der Legion und ihren HQlfsmannschaften herbeigeführt: 
jene, dem Nero treu ergeben, eilte nach Itahen, die Bataver dagegen 
ciriiifl. weigerten sich zu folgen. Vielleicht hing dies damit zusammen, dafs 
zwei ihrer angesehensten Offiziere, die Bruder Paulus und Civilis, ohne 
jeden Grund und ohne Rücksicht auf vieljährige treue Dienste und 
ehrenvolle Wunden , kurz vorher als des Hochverraths verdächtig in 
Untersuchung gezogen, der erstere hingerichtet, der zweite gefangen 
gesetzt worden war. Nach Neros Sturz, zu welchem der Abfall der ba- 
tavischen Gehörten wesentlich beigetragen hatte, gab Galba den Civilis 
frei und sandte die Bataver in ihr altes Standquartier nach Britannien 
zurück. Während sie auf dem Marsch dahin bei den Lingonen (Langres) 
lagerten, fielen die Rheinlegionen Ton Galba ab und riefen den Viteliius 



DAS RÖMISCHE GERMANIEN UNE DIE FREIEN GERMANEN. 119 

zum Kaiser aus. Die Bataver schlössen nach längerem Schwanken 
schlielslieh sich an; dieses Schwanken vergab ihnen Vitellius nicht, 
doch wagte er nicht den Führer des mächtigen Corps geradezu zur Ver- 
antwortung zu ziehen. So waren die Bataver mit den Legionen von 
Untergermanien nach Italien marschirt und hatten mit gewohnter 
Tapferkeit in der Schlacht von Betriacum für Vitellius gefochten, wäh- 
rend ihre alten Legionskameraden ihnen in dem Heere Othos gegen- 
überstanden. Aber der Uebermuth dieser Germanen erbitterte ihre 
römischen Siegesgenossen, wie sehr sie ihre Tapferkeit im Kampf an- 
erkannten; auch die commandirenden Generale trauten ihnen nicht 
und machten sogar einen Versuch durch Detachirung sie zu theilen, 
was freilich in diesem Krieg, in dem die Soldaten commandirten und 
die Generale gehorchten, nicht durchzuführen war und fast dem Gene- 
ral das Leben gekostet hätte. Nach dem Siege wurden sie beauftragt, 
ihre feindlichen Kameraden von der vierzehnten Legion nach Britannien 
zu escortiren; aber da es zwischen beiden in Turin zum Handgemenge 
gekommen war, gingen diese allein dorthin und sie selbst nach Ger- 
manien. Inzwischen war im Orient Vespasianus zum Kaiser ausgerufen 
worden und während in Folge dessen Vitellius sowohl den batavischen 
Cohorten Marschbefehl nach Italien gab wie auch bei den Batavern 
neue umfassende Aushebungen anordnete, knüpften Vespasians Be- 
auftragte mit den batavischen Offizieren an, um diesen Abmarsch zu 
verhindern und in Germanien selbst einen Aufstand hervorzurufen, der 
die Truppen dort festhielte. Civilis ging darauf ein. Er begab sich in 
seine Heimath und gewann leicht die Zustimmung der Seinigen, sowie 
der benachbarten Cannenefaten und Friesen. Bei jenen brach der Auf- 
stand aus ; die beiden Cohortenlager in der Nähe wurden überfallen und 
die römischen Posten aufgehoben; die römischen Rekruten schlugen 
sich sdüecht; bald warf Civilis mit seiner Cohorte, die er hatte [nach- 
kommen lassen, um sie angeblich gegen die Insurgenten zu gebrauchen, 
sich selbst offen in die Bewegung, sagte mit den drei germanischen 
Gauen dem Vitellius auf und forderte die übrigen eben damals von 
Mainz zum Abmarsch nach Italien aufbrechenden Bataver und Cannene- 
faten auf; sich ihm anzuschliefsen. 

Das alles war mehr ein Soldatenaufstand als eine Insurrection 
der Provinz oder gar ein germanischer Krieg. Wenn damals die Rhein- 
legionen mit denen von der Donau und weiter mit diesen und der 
Euphratarmee schlugen, so war es nur folgerichtig, dafs auch die 



Bettauiid der 
Bh«iii. 



12Ö ACHTES BUCH. KAPITEL IV. ^ 

Soldaten zweiter Klasse, und vor aUem die angesehenste Truppe der- 
selben, die batavische, seihständig in diesen Corpskrieg eintrat Wer 
diese Bewegung bei den Cohorten der Bataver und den linksrheini- 
schen Germanen mit der Insurrection der rechtsrheinischen unter Au • 
gustus zusammenstellt, der darf nicht übersehen, dafs in jener die 
AJen und Cohorten die Rolle des Landsturms der Cherusker über- 
nahmen; und wenn der treulose Offizier des Varus seine Nation aus 
der Römerherrschaft erlöste, so handelte der batavische Führer im 
Auftrag Vespasians, ja vielleicht auf geheime Anweisung des im Stillen 
Vespasian geneigten Statthalters seiner Provinz, und richtete sich der 
Aufstand zunächst lediglich gegen Yitellius. Freilich war die Jjage der 
Dinge von der Art, dafs dieser Soldatenaufstand jeden Augenblick in 
einen Germanenkrieg gefährlichster Art sich verwandeln konnte. Die- 
selben römischen Truppen, die den Rhein gegen die Germanen des 
rechten Ufers deckten, standen in Folge der Corpskriege den links- 
rheinischen Germanen feindlich gegenüber; die Rollen waren solcher 
Art, dafs es fast leichter schien sie zu wechseln als sie durchzuführen. 
Civilis selbst mag es wohl auf den Erfolg haben ankommen lassen, ob 
die Bewegung auf einen Kaiserwechsel oder auf die Vertreibung der 
Römer aus Gallien durch die Germanen hinauslaufen werde. 

Das Commando über die beiden Rheinarmeen führte damals, 
nachdem der Statthalter von Untergermanien Kaiser geworden war> 
sein bisheriger College in Obergermanien HordeoniusFlaccus, ein hoch- 
bejahrter podagrischer Mann, ohne Energie und ohne Autorität, dazu 
entweder in der That im Geheimen zu Vespasian haltend oder doch bei 
den eifrig dem Kaiser ihrer Mache anhängenden Legionen solcher Treu- 
losigkeit sehr verdächtig. Es zeichnet ihn und seine Stellung, dafs er, 
um sich von dem Verdacht des Verraths zu reinigen, Befehl gab die ein- 
laufenden Regierungsdepeschen uneröffnet den Adlerträgem der Legi- 
onen zuzustellen und diese sie zunächst den Soldaten vorlasen, bevor sie 
dieselben an ihre Adresse beförderten. Von den vier Legionen des unteren 
Heeres, das zunächst mit den Aufständischen zu thun hatte, standen 
zwei, die 5. und die 15., unter dem Legaten Munius Lupercus im 
Hauptquartier zu Vetera, die 16. unter Numisius Rufus in Novaesium 
(Neufs), die 1. unter Herennius Gallus in Bonna (Bonn). Von dem 
oberen Heer, das damals nur drei Legionen zählte^), blieb die eine, die 



>) Die vierte oberfermanische Legion war im J. 58 nach RleinasicD ge- 
schickt wegen des armenisch-parthischeD Krieges (Tacitns ann. 13, 35). 



DAS RÖMISCHE GERMANIEN UND DIE FREIEN GERMANEN. 121 

21., in ihrem Standquartier Vindonissa diesen Vorgängen fern, wenn 
sie nicht vielmehr ganz nach Italien gezogen worden war; die beiden 
anderen, die 4. macedonische und die 22., standen im Hauptquartier 
Mainz, wo auch Flaccus sich befand und factisch der tüchtige Legat 
des letzteren Dillius Yocula den Oberbefehl führte. Die Legionen hatten 
durchgängig nur die Hälfte der vollen Zahl, und die meisten Soldaten 
waren Halbinvalide oder Rekruten. 

Civilis, an der Spitze einer kleinen Zahl regulärer Truppen, aber Rnu 
des Gesammtaufgebots der Bataver, Cannenefaten und Friesen , ging 
aus der Heimat zum Angriff vor. Zunächst am Rhein stiefs er auf 
Reste der aus den nördlichen Gauen vertriebenen römischen Be- 
satzungen und eine Abtheilung der römischen Rheinflotte; als er an- 
griff, lief nicht bIo& die grofsentheils aus Batavern bestehende Schiffs- 
mannschaft zu ihm über, sondern auch eine Cohorte der Tnngrer — 
es war der erste Abfall einer gallischen Abtheilung; was von italischen 
Mannschaften dabei war, wurde erschlagen oder gefangen. Dieser Er- 
folg brachte endlich die rechtsrheinischen Germanen in Bewegung. RethoUimg 
Was sie seit langem vergeblich gehofft hatten, die Erhebung der römi- rhei^hM 
sehen Unterthanen auf dem andern Ufer, ging nun in Erfüllung und •"'"•°' 
sowohl die Chauker und die Friesen an der Küste wie vor allem die 
Bructerer zu beiden Seiten der oberen Ems bis hinab zur Lippe, und am 
Mittelrhein Köln gegenüber dieTencterer, in minderem Mafse die südlich 
an diese sich anschliefsenden Völkerschaften, Usiper, Mattiaker, Chatten, 
warfen sich in den Kampf. Als auf Befehl des Flaccus die beiden 
schwachen Legionen von Yetera gegen dielnsurgenten ausrückten, konnten 
ihnen diese schon mit zahlreichem überrheinischem Zuzug entgegen- 
treten; und die Schlacht endigte wie das Gefecht am Rhein, mit 
einer Niederlage der Römer durch den Abfall der batavischen Reiterei, 
welche zu der Garnison von Vetera gehörte, und durch die schlechte 
Haltung der Reiter der Ubier wie der Treverer. Die insurgirten wie Bi^«^« 
die zuströmenden Germanen schritten dazu das Hauptquartier des 
unteren Heeres zu umstellen und zu belagern. Während dieser Be- 
lagerung eiTeichte die Kunde der Vorgänge am Unterrhein die übrigen 
batavischen Cohorten in der Nähe von Mainz; sie machten sofort Kehrt 
gegen Norden. Statt sie zusammenhauen zu lassen, liefs der schwach- 
müthige Oberfeldherr sie ziehen und als der Legionscommandant in 
Bonn sich ihnen entgegenwarf, unterstützte Flaccus diesen nicht, wie 
er es gekonnt und sogar anfanglich zugesagt hatte. So sprengten die 



:eninflf 
Tou Vetera. 



122 ACHTES BUCH. KAPITEL IV. 

tapferen Germanen die Bonner Legion auseinander und gelangten 
glücklich zu Civilis, fortan der geschlossene Kern seines Heeres, in 
welchem jetzt die römischen Cohortenfahnen neben den Thierstan- 
darten aus den heiligen Hainen der Germanen standen. Noch immer 
aber hielt der Bataver wenigstens angeblich an Vespasian; er schwur 
die römischen Truppen auf dessen Namen ein und forderte die Be- 
satzung von Yetera auf sich mit ihm für diesen zu erklären. Indeis 
diese Mannschaften sahen darin, vermuthlich mit Recht, nur einen 
Versuch der Überlistung und wiesen diesen ebenso entschlossen ab wie 
die anstürmenden Schaaren der Feinde, die bald durch die über- 
legene römische Taktik sich gezwungen sahen die Belagerung in eine 
Blokade zu verwandeln. Aber da die römische Heerleitung durch diese 
Vorgänge überrascht worden war, waren die Vorräthe knapp und bal- 
diger Entsatz dringend geboten. Um diesen zu bringen, brachen 
Fiaccus und Vocula mit ihrer gesammten Mannschaft von Mainz auf, 
zogen unterwegs die beiden Legionen aus Bonna und Novaesium so 
wie die auf den erhaltenen Befehl zahbeich sich einstellenden Hilfs- 
truppen der gallischen Gaue an sich und näherten sich Vetera. Aber 
statt sofort die gesammte Macht von innen und aufsen auf die Belagerer 
zu werfen, mochte deren Überzahl noch so gewaltig sein, schlug Vo- 
cula sein Lager bei Gelduba (Gellep am Rhein unweit Krefeld), einen 
starken Tagemarsch entfernt von Vetera, während Fiaccus weiter zu- 
rückstand. Die Nichtigkeit des sogenannten Feldherrn und die immer 
steigende Demoralisation der Truppen, vor allem das oft [bis zu Mifs- 
handlungen und Mordanschlägen sich steigernde Mifstrauen gegen die 
Offiziere kann aliein dies Einhalten wenigstens erklären. Also zog sich 
das Unheil immer dichter von allen Seiten zusammen. Ganz Germanien 
schien sich an dem Krieg betheiligen zu wollen; während die be- 
lagernde Armee beständig neuen Zuzug von dort erhielt, gingen andere 
Schwärme über den in diesem trocknen Sommer ungewöhnlich nie- 
drigen Rhein theils in den Rücken der Römer in die Gaue der Ubier 
und der Treverer das Moselthal zu brandschatzen, theils unterhalb 
Vetera in das Gebiet der Maas und der Scheide; weitere Haufen er- 
schienen vor Mainz und machten Miene dies zu belagern. Da kam die 
Nachricht von der Katastrophe in Italien. Auf die Kunde von der 
zweiten Schlacht bei Betriacum im Herbst des J. 69 gaben die ger- 
manischen Legionen die Sache des Vitellius verloren und schwuren, 
wenn auch widerwillig, dem Vespasian; vielleicht in der Hoffnung, 



DAS RÖMISCHE GERMANIEN UND DIE FREIEN GERMANEN. 123 

dafs Civilis, der ja auch den Namen Yespasians auf seine Fahnen ge- 
schrieben hatte, dann seinen Frieden machen werde. Aber die ger- 
manischen Schwärme, die inzwischen über ganz Nordgallien sich 
ergossen hatten, waren nicht gekommen, um die flavische Dynastie 
einzusetzen; selbst wenn Civilis dies einmal gewollt hatte, jetzt 
hätte er es nicht mehr gekonnt. Er warf die Maske weg und 
sprach es offen aus, was freilich längst feststand, dass die Germanen 
Nordgaliiens sich mit Hülfe der freien Landsleute der römischen 
Herrschaft zu entwinden gedachten. 

Aber das Kriegsglück schlug um. Civilis versuchte das Lager von BntMti tob 
Gelduba zu überrumpeln; der Ueberfall begann glücklich und der Ab- 
fall der Cohorten der Nervier brachte Voculas kleine Schaar in eine 
kritische Lage. Da fielen plötzlich zwei spanische Cohorten den Ger- 
manen in den Rücken; die drohende Niederlage verwandelte sich in 
einen glänzenden Sieg; der Kern der angreifenden Armee blieb auf 
dem Schlachtfeld. Yocula rückte zwar nicht sofort gegen Yetera vor, 
was er wohl gekonnt hätte, aber drang einige Tage später nach einem 
abermaligen heftigen Gefecht mit den Feinden in die belagerte Stadt. 
Freilich Lebensmittel brachte er nicht; und da der Fluss in der 
Gewalt des Feindes war, mufsten diese auf dem Landweg von Novae- 
sium herbeigeschafft werden, wo Flaocus lagerte. Der erste Trans- 
port kam durch; aber die inzwischen wieder gesammelten Feinde 
griffen die zweite Proviantcolonne unterwegs an und nöthigten sie 
sich nach Gelduba zu werfen. Zu ihrer Unterstützung ging Yocula 
mit seinen Truppen und einem Theil der allen Besatzung von Yetera 
dorthin ab. In Gelduba angelangt weigerten sich die Mannschaften 
nach Yetera zurückzukehren und die Leiden der abermals in Aussicht 
stehenden Belagerung weiter auf sich zu nehmen; statt dessen 
marschirten sie nach Novaesium, und Yocula, welcher den Rest 
der alten Garnison von Yetera einigermalsen verproviantirt wufste, 
mufste wohl oder übel folgen. In Novaesium war inzwischen 
die Meuterei zum Ausbruch gelangt. Die Soldaten hatten in Keatarai 
Erfahrung gebracht, dafs ein von Yitellius für sie bestimmtes Donativ ^ 



an den Feldherm gelangt sei und erzwangen dessen Yertheilung auf '^"^^^'^ 
den Namen Yespasians. Kaum hatten sie es, so brach in den wüsten 
Gelagen, welche die Spende im Gefolg hatte, der alte Soldatengroll wieder 
hervor; sie plünderten das Haus des Feldherrn, der die Rheinarmee an 
den General der syrischen Legionen verrathen hatte, erschlugen ihn und 



124 ACHTES BUCH. KAPITEL lY. 

hätten auch dem Yocula das gleiche Schicksal bereitet, wenn dieser 
nicht in Yermummung entkommen wäre. Daraufriefen sie abermals 
den Viteilius zum Kaiser aus, nicht wissend, dafs dieser damals schon 
todt war. Als diese Kunde ins Lager kam, kam der bessere Theil der 
Soldaten, namentlich die beiden obergermanischen Legionen einiger- 
mafsen zur Besinnung; sie vertauschten an ihren Standarten das Bildnifs 
des Yitellius wieder mit dem Yespasians und stellten sich unter 
Yoculas Befehle; dieser führte sie nach Mainz, wo er den Rest des 
Winters 69/70 yerblieb. Civilis besetzte Gelduba und schnitt damit 
Yetera ab, das aufs neue eng blokirt ward; die Lager von Novaesium 
und Bonna wurden noch gehalten. 
Aafi«iiBiing Bisher hatte das gallische Land, abgesehen von den wenigen 

insurgirten germanischen Gauen im Norden, fest an Rom gehalten. 
Allerdings ging die Partelung durch die einzelnen Gaue; unter den 
Tungrern zum Beispiel hatten die Bataver starken Anhang, und die 
schlechte Haltung der gallischen Hfilfsmannschaften während des 
ganzen Feldzugs wird wohl zum Theil durch dergleichen römerfeind- 
liche Stimmungen hervorgerufen sein. Aber auch unter den Insur- 
girten gab es eine ansehnliche römisch gesinnte Partei; ein vor- 
nehmer Bataver Claudius Labeo fQhrte gegen seine Landsleute in 
seiner Heimath und der Nachbarschaft einen Parteigängerkrieg nicht 
ohne Erfolg und Civilis Schwestersohn Julius Briganticus fiel in einem 
dieser Gefechte an der Spitze einer römischen Reiterschaar. Dem 
Befehl Zuzug zu senden hatten alle gallischen Gaue ohne weiteres Folge 
geleistet; die Ubier, obwohl germanischer Herkunft, waren auch in 
diesem Kriege lediglich ihres Römerthums eingedenk und sie wie die 
Treverer hatten den in ihr Gebiet einbrechenden Germanen tapferen 
und erfolgreichen Widerstand geleistet. Es war das begreiflich. Die 
Dinge lagen in Gallien noch so wie in den Zeiten Caesars und Ariovists; 
eine Befreiung der gallischen Heimath von der römischen Herrschaft 
durch diejenigen Schwärme, welche, um dem Civilis landsmannschaft- 
lichen Beistand zu leisten, eben damals das Mosel-, Maas- und 
Scheidethal ausraubten, war ebenso sehr eine Auslieferung des Landes 
au die germanischen Nachbarn; in diesem Krieg, der aus einer Fehde 
zwischen zwei römischen Truppencoi^ps zu einem römisch-germani- 
schen sich entwickelt hatte, waren die Gallier eigentlich nichts als der 
Einsatz und die Beute. Dafs die Stimmung der Gallier, trotz aller wohi- 
begröndeten allgemeinen und besonderen Beschwerden über das römi- 



DAS RÖMISCHE GERMAMEN UND DIE FREIEN GERMANEN. 125 

sehe Regiment, überwiegend antigermanisch war und für jene aufflam- 
mende und räcksichtslose nationale Erhebung, wie sie vor Zeiten wohl 
durch das Volk gegangen war, in diesem inzwischen halb romanisirten 
Gallien der Zündstoff fehlte, hatten die bisherigen Vorgänge auf das 
Deutlichste gezeigt. Aber unter den beständigen Milserfolgen der römi- 
schen Armee wuchs allmählich den römerfeindlichen Galliern der Muth 
und ihr Abfall vollendete die Katastrophe, Zwei vornehme Treverer, 
Julius Classicus, der Befehlshaber der treverischen Reiterei, und Julius 
Tutor, der Commandant der Uferbesatzungen am Blittelrhein , der 
Lingone Julius Sabinus, Nachkomme, wie er wenigstens sich berühmte, 
eines Bastards Caesars, und einige andere gleichgesinnte Männer aus 
verschiedenen Gauen glaubten in der fahrigen keltischen Weise zu 
erkennen, da£s der Untergang Roms in den Sternen geschrieben und 
durch den Brand des Capitols (Dec. 69) der Welt verkündigt sei. So dm 
beschlossen sie die Römerherrschaft zu beseitigen und ein gallisches ^ieh.* 
Reich zu errichten. Dazu gingen sie den Weg des Arminius. Vocula 
liefs sich wirklich durch gefälschte Rapporte dieser römischen Offiziere 
l)estimmen mit den unter ihrem Commando stehenden Contingenten 
und einem Theil der Mainzer Besatzung im Frühjahre 70 nach dem 
Unterrhein aufzubrechen, um mit diesen Truppen und den Legionen 
von Bonna und Novaesium das hart bedrängte Yetera zu entsetzen. 
Auf dem Marsch von Novaesium nach Yetera verlie£sen Classicus und 
die mit ihm einverstandenen Offiziere das römische Heer und procla- 
mirlen das neue gallische Reich. Yocula führte die Legionen zurück 
nach Novaesium ; unmittelbar davor schlug Ckissicus sein Lager auf. 
Yetera konnte sich nicht mehr lange halten; die Römer roussten er- 
warten nach dessen Fall die gesammte Macht des Feindes sich gegen- 
über zu finden. Dies vor Augen versagten die römischen Truppen OftpitaUtum 
und capitulirten mit den abgefallenen OfBzieren. Yergeblich versuchte ^*' ^'^• 
Yocula noch einmal die Bande der Zucht und der Ehre anzuziehen; 
die Legionen Roms lieÜBen es geschehen, dafs ein römischer Ueberläufer 
von der ersten Legion auf Befehl des Qassicus den tapferen Feldherm 
niederstiefs und lieferten selbst die übrigen Oberoffiziere gefesselt an 
den Yertreter des Reiches Gallien aus, der dann die Soldaten auf dieses 
Reich in Eid und Pflicht nahm. Denselben Schwur leistete in die 
Hände der eidbrüchigen Offiziere die Besatzung von Yetera, die, durch 
Hunger bezwungen , sofort sich ergab und ebenso die Besatzung von 
Blainz, wo nur wenige Einzelne der Schande sich durch Flucht oder 



126 ACHTES BUCH. KAPITEL IT. 

Tod entzogen. Das ganze stolze Rheinheer, die erste Armee des 
Reiches, hatte vor seinen eigenen Auxilien, Rom vor Gallien capitulirt. 
Ende des ^8 ^^r ein Trauerspiel und zugleich eine Posse. Das gallische 

^Reiohar R^ich Ycrlief wic es mufste. Civilis und seine Germanen liefsen es 
zunächst sich wohl gefallen, dafs der Zwist im römischen Lager ihnen 
die eine wie die andere Hälfte der Feinde in die Hände lieferte, aber 
er dachte nicht daran jenes Reich anzuerkennen, und noch weniger 
seine rechtsrheinischen Genossen. 

Ebenso wenig wollten die Gallier selbst davon etwas wissen, wo- 
bei allerdings der schon bei dem Aufstand des Vindex hervorgetretene 
Rils zwischen den östlichen Districten und dem übrigen Lande mit ins 
Gewicht fiel. Die Treverer und die Lingonen, deren leitende Männer 
jene Lagerverschwörung angezettelt hatten, standen zu ihren Föhrern, 
aber sie blieben so gut wie allein, nur die Vangionen und Triboker 
schlössen sich an. Die Sequaner, in deren Gebiet die benachbarten 
Lingonen einruckten, um sie zum Beitritt zu bestimmen, schlugen die- 
selben kurzweg zum Lande hinaus. Die angesehenen Remer, der 
führende Gau in der Belgica riefen den Landtag der drei Gallien ein 
und obwohl es an politischen Freiheitsrednem auf demselben nicht 
mangelte, so beschlofs derselbe lediglich die Treverer von der Auf- 
lehnung abzumahnen. — Wie die Verfassung des neuen Reiches aus- 
gefallen sein würde, wenn es zu Stande gekommen wäre, ist schwer 
zu sagen; wir erfahren nur, dafs jener Sabinus, der Urenkel der 
Kebse Caesars, sich auch Caesar nannte und in dieser Eigenschaft sich 
von den Sequanern schlagen liels, Classicus dagegen, dem solche As- 
cendenz nicht zu Gebote stand, die Abzeichen der römischen Magi- 
stratur anlegte, also wohl den republicanischen Proconsul pielte.s 
Dazu pafst eine Münze, die von Classicus oder seinen Anhängern 
geschlagen sein muJb, welche den Kopf der Gallia zeigt, wie die Münzen 
der römischen Republik den der Roma, und daneben das Legions- 
symbol mit der recht verwegenen Umschrift der *Treue' {fides). — Zu- 
nächst am Rhein freilich hatten die Reichsmänner in Gemeinschaft 
mit den insurgirten Germanen freie Hand. Die Reste der beiden Le- 
gionen, die in Yetera capitulirt hatten, wurden gegen die Capitulation 
und gegen Civilis Willen niedergemacht, die beiden von Novaesium und 
Bonna nach Trier geschickt, die sämmtlichen römischen Rheinlager, 
grofse und kleine, mit Ausnahme von Mogontiacum niedergebrannt. 
In der schlimmsten Lage fanden sich die Agrippinenser. Die Reichs- 



DAS BÖmSCHE GERMANIEN UND DIE FREIEN GERMANEN. 127 

männer hatten sich allerdings darauf beschränkt von ihnen den Treu- 
eid ZQ fordern; aber ihnen vergafsen es die Germanen nicht, dafs sie 
eigentlich die Ubier waren. Eine Botschaft der Tencterer vom rechten 
Rheinnfer — es war dies einer der Stämme, deren alte Heimath die 
Römer öde gelegt hatten und als Viehtrift benutzten und die in Folge 
dessen sich andere Wohnsitze hatten suchen müssen — forderte die 
Schleifung dieses Hauptsitzes der germanischen Apostaten und die 
Hinrichtung aller ihrer Bürger römischer Herkunft. Dies wäre auch 
wohl beschlossen worden, wenn nicht sowohl Civilis, der ihnen persön- 
lich verpflichtet war, wie auch die germanische Prophetin, Yeleda im 
Bructerergau, welche diesen Sieg vorher gesagt hatte und deren Auto- 
rität das ganze Insurgentenheer anerkannte, ihr Fürwort eingelegt 
hätten. 

Lange Zeit blieb den Siegern nicht über die Beute zu streiten de^RonTen 
Die Reichsmänner versicherten allerdings, dafs der Bürgerkrieg in 
Italien ausgebrochen, alle Provinzen vom Feinde überzogen und Vespa- 
sianus wahrscheinlich todt sei; aber der schwere Arm Roms wurde 
bald genug empfunden. Das neu befestigte Regiment konnte die bes- 
ten Feldherren und zahlreiche Legionen an den Rhein entsenden, 
und es bedurfte allerdings hier einer imposanten Hachtentwickelung. 
Annius Gallus übernahm das Commando in der oberen, Petillius 
Cerialis in der unteren Provinz, der letztere, ein ungestümer und oft 
unvorsichtiger, aber tapferer und fähiger Offizier, die eigentliche 
Action. Aufser der 21. Legion von Yindonissa kamen fünf aus 
Italien, drei aus Spanien, eine nebst der Flotte aus Britannien, dazu ein 
weiteres Corps von der raetischen Besatzung. Dieses und die 21. Le- 
gion trafen zuerst ein. Die Reichsmänner hatten wohl davon geredet 
die Alpenpässe zu sperren ; aber geschehen war nichts und das ganze 
oberrheinische Land bis nach Mainz lag offen da. Die beiden Mainzer 
Cegionen hatten zwar dem gallischen Reich geschworen und leisteten 
anfänglich Widerstand ; aber so wie sie erkannten, dafs eine gröfsere 
römische Armee ihnen gegenüberstand, kehrten sie zum Gehorsam 
zurück und ihrem Beispiel folgten sofort die Yangionen und die Tri- 
boker. Sogar die Lingonen unterwarfen sich ohne Schwertstreich, 
blofs. gegen Zusage milder Behandlung, ihrer 70000 waffenfähige 
Männer'). Fast hätten die Treverer selbst das Gleiche gethan; doch 



1) Frootin strat 4, 3, 14. In ihrem Gebiet müssen die einrückenden 



128 ACHTES BUCH. KAPITEL IV 

wurden sie daran durch den Adel verhindert. Die beiden von der 
niederrheinischen Armee übriggebliebenen Legionen, die hier standen, 
hatten auf die erste Kunde von dem Annahen der Römer die gallischen 
Insignien von ihren Feldzeichen gerissen und rückten ab zu den treu- 
gebliebenen Hediomatrikern (Metz), wo sie sich der Gnade des neuen 
Feldherrn unterwarfen. Ais Cerialis bei dem Heer eintraf, fand er 
schon ein gutes Slück der Arbeit gethan. Die Insurgentenführer 
freilich boten das Aeufserste auf — damals sind auf ihr Geheüjs 
die bei Novaesium ausgelieferten Legionslegaten umgebracht worden 
— aber militärisch waren sie ohnmächtig und ihr letzter politischer 
Schachzug dem römischen Feldherrn selber die Herrschaft des gallischen 
Reiches anzutragen des Anfangs wüi'dig. Nach kurzem Gefecht be- 
setzte CeriaUs die Haupstadt der Treverer, nachdem die Führer und 
der ganze Rath zu den Germanen geflüchtet waren; das war das Ende 
CiWiit leiste des galUschen Reiches. — Ernster war der Kampf mit den Germanen. 
Civilis überfiel mit seiner gesammten Streitmacht, den Bataveni, dem 
Zuzug der Germanen und den landflüchtigen Schaaren der gallischen 
Insurgenten die viel schwächere römische Armee in Trier selbst; schon 
war das römische Lager in seiner Gewalt und die Moselbrücke von ihm 
besetzt, als seine Leute, statt den gewonnenen Sieg zu verfolgen, vor- 
zeitig zu plündern begannen und Cerialis, seine Unvorsichtigkeit durch 
glänzende Tapferkeit wieder gut machend, den Kampf wiederherstellte 
und schliefslich die Germanen aus dem Lager und der Stadt hinaus- 
schlug. Es gelang nichts mehr von Bedeutung. Die Agrippinenser 
schlugen sich sofort wieder zu den Römern und brachten die bei 
ihnen weilenden Germanen in den Häusern um; eine ganze dort 
lagernde germanische Cohorte wurde eingesperrt und in ihrem 
Quartier verbrannt. Was in der Belgica noch zu den Germanen 
liielt, brachte die aus Britannien eintreffende Legion zum Gehor- 
sam zurück ; ein Sieg der Cannenefaten über die römischen Schiffe, 
die die Legion gelandet hatten, andere einzelne Erfolge der tapfe- 
ren germanischen Haufen und vor allem der zahlreicheren und bes- 
ser geführten germanischen Schiffte änderten die allgemeine Kriegs- 
lage nicht. Auf den Ruinen von Vetera bot Civilis dem Feind die 



Trappen eine Reservestella og: aad eio Depot angelegt haben; nach kürxlich 
bei Mirabeaa-sor-Beze, 22 Rilom. nordöstlich von Dijon gefandenen Ziegeln 
haben Mannschaften von wenigstens fdnf der einrückenden Legionen hier Bau- 
ten aQsgefdhrt (Hermes 19, 437). 



DAS RÖMISCHE GBRMAIflEN UND DIB ?RBIEN GERMANEIf. 129 

Stirn; aber dem iDZwischen yerdoppelten römischen Heere muftte er 
weichen, dann endlich auch die eigene Heimath nach yerzweifelter 
Gegenwehr dem Feind überlassen. Wie immer stellte im Gefolge des 
Unglücks die Zwietracht sich ein; Civilis war seiner eigenen Leute 
nicht mehr sicher und suchte und fond Schutas vor ihnen bei den 
Feinden. Im Spätherbst des J. 70 war der ungleiche Kampf ent- 
schieden; die Auxilien capitulirten nun ihrerseits vor den Bürgerlegio- 
nen und die Priesterin Yeleda kam als Gefangene nach Rom, 

Blicken wir zurück au! diesen Krieg, einen der seltsamsten und 
einen der entsetdichsten aller Zeiten, so ist kaum je einer Armee eine 
gleich schwere Aufgabe gestellt worden wie den beiden römischen 
Rheinheeren in den Jahren 69 und 70. Im Laufe weniger Monate 
Soldaten Neros, dann des Senats, dann Galbas, dann des Vitellius, dann 
Yespasians; die einzige Stütze der Herrschaft Italiens über die zwei 
mächtigen Nationen der Gallier und der Germanen, und die Soldaten 
der Auxilien fkst ganz, die der Legionen grofsentheils aus eben diesen 
Nationen genommen ; ihrer besten Mannschaften beraubt, meist ohne 
Löhnung und oft hungernd und über alle Mausen elend geführt, ist 
ihnen allerdings innerlich wieäufrerlichUebermenschlicheszugemuthet 
worden. Sie haben die schwere Probe übel bestanden. Es ist dieser 
Krieg weniger einer gewesen zwischen zwei Armeecorps, wie die 
anderen Bürgerkriege dieser entsetzlichen Zeit, als ein Krieg der Sol- 
daten und Tor allem der Offiziere zweiter Klasse gegen die der ersten, 
verbunden mit einer gefährlichen Insurrecüon und Invasion der Ger- 
manen und einer beiläufigen und unbedeutenden Auflehnung einiger 
keltischer Districte. In der römischen Militärgeschichte sind Cannae 
und Karrhae und der Teutoburger Wald Ruhmesblätter verglichen 
mit der Doppelschmach von Novaesium; nur wenige einzelne Männer, 
keine einzige Truppe hat in der allgemeinen Verunehrung sich reinen 
Schild bewahrt. Die grauenhafte Zerrüttung des Staats- und vor 
allem des Heerwesens, welche bei dem Untergang der julisch-dau- 
dischen Dynastie uns entgegentritt, erscheint deutlicher noch als in der 
fuhreriosen Schlacht von Betriacum in diesen Vorgängen am Rhein, 
deren gleichen die Geschichte Roms nie vorher und nie nachher aufweist. 

Bei dem Umfang und der Allgemeinheit dieser Frevel war ein Folgen de« 
entsprechendes Strafgericht unmöglich. Es verdient Anerkennung, krie^M." 
da£B der neue Herrscher, der glücklicher Weise persönlich all diesen 
Vorgängen fem geblieben war, in echt staatsmännischer Weise das 

Xommseo, rom. GMobiolite. V. 9 



130 ACHTES BUCH. KAPITEL IT. 

Vergangene vergangen sein lieÜB und nur bemüht war der Wieder- 
holung ähnlicher Auftritte vorzubeugen. Da£B die hervorragenden 
Schuldigen sowohl aus den Reihen der Truppen wie aus den Insur- 
genten für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wurden, ver- 
steht sich von selbst; man mag das Strafgericht daran messen, dafr, 
alä fünf Jahre später einer der gallischen Insurggentenfährer in emem 
Versteck aufgefunden wurde, in dem seine Gattin ihn bis dahin ver- 
borgen gehalten hatte, Vespasian ihn wie sie dem Henker übergab. 
Aber man gestattete den abtrünnigen Legionen mit gegen die Deut- 
schen zu kämpfen und in den heifsen Schlachten bei Trier und bei 
Vetera ihre Schuld einigermafsen zu sühnen. Allerdings wurden nichts 
desto weniger die vier Legionen des unterrheinisdien Heeres alle 
und von den beiden betheiHgten oberrheinischen die eine cassirt — 
gern müchte man glauben, dafs die 22. verschont ward in ehrender 
Erinnerung an ihren tapferen Legaten. Auch von den batavischen 
Gehörten ist wahrscheinlich eine beträchtliche Anzahl von dem ^chen 
Schicksal betroffen worden, nicht minder, wie es sdieint, das Reiter- 
regiment der Treverer und vielleicht noch manche andere beson- 
ders hervorgetretene Truppe. Noch viel weniger als gegen die ab- 
trünnigen Soldaten konnte gegen die insurgirten keltischen und 
germanischen Gaue mit der vollen Schärfe des Gesetzes eingeschritten 
werden; daCs die römischen Legionen die Schleifung der treve- 
rischen Augustuscolonie forderten, diesmal nicht der Beute, sondern 
der Rache wegen , ist wenigstens ebenso begreiflich wie die von den 
Germanen begehrte Zerstörung der Ubierstadt; aber wie Civilis diese, 
so schütEte jene Vespasian. Selbst den linksrheinischen Germanen 
wurde ihre bisherige Stellung im Ganzen gelassen. Wahrscheinlich aber 
trat — wir sind hier ohne sichere Ueberlieferung — in der Aus- 
hebung und der Verwendung der Auxilien eine wesentliche Aenderung 
ein, welche die in dem Auxilien wesen liegende Gefahr minderte. Den 
Batavern blieb die Steuerfreiheit und ein immer noch bevorzugtes 
Dienstverhältnils; hatte doch ein nicht ganz geringer Theil derselben 
die Sache der Römer mit den Waffen verfochten. Aber die batavischen 
Truppen wurden beträchtlich verringert, und wenn ihnen bisher, wie 
es scheint von Rechtswegen, die Offiziere aus dem eigenen Adel gesetzt 
worden waren, und auch gegenüber den sonstigen germanischen und 
keltischen das Gleiche wenigstens häufig geschehen war, so werden 
die Offiziere der Alen und Cohorten späterhin überwiegend aus dem 



DAS RÖMISCHE €ERIIANIBN UND DIE FREIEN GERMANEN. 131 

Stande genommen, dem Vespasian selber entstammte, aus dem guten 
städtischen Mittelstand Italiens und der italisch geordneten Pro?inzial- 
Städte. Offiziere Ton der Stellung des Cheruskers Arminius, des 
Batavers CiTilis, desTreverers Classicus begegnen seitdem nicht wieder. 
Die bisherige Geschlossenheit der aus dem gleichen Gau ausgehobenen 
Truppen findet sich später ebensowenig, sondern die Leute dienen 
ohne Unterschied ihrer Herkunft in den yerschiedensten Abtheilungen; 
es ist das wahrscheinlich eine Lehre, welche die r&mische Militär- 
yerwaltung sich aus diesem Kriege gezogen hat Eine andere durch 
diesen Krieg gewiesene Aenderung wird es sein, dafs, wenn bis dahin 
die in Germanien verwendeten Auxilien der Mehrzahl nach aus den 
germanischen und den benachbarten Gauen genommen waren, seitdem 
eben wie die dalmatischen und pannonischen in Folge des batonischen 
Krieges, fortan auch die germanischen Auxiliartruppen überwiegend 
aufserhalb ihrer Heimatfa Verwendung fanden. Vespasian war ein 
einsichtige und erfahrener Militär; es ist wahrscheinlich zum guten 
Theil sein Verdienst, wenn von Auflehnung der Auxilien gegen ihre 
Legionen kein späteres Beispiel begegnet 

Dafs die eben berichtete Insurrection der linksrheinischen Ger- sptton Bai- 
manen, obwohl sie, infolge der zufälligen Vollständigkeit der darüber ^^JZi 
erhaltenen Berichte, allein uns einen deutlichen Einblick in die poli- ^'S^J[|^ 
tischen und militärischen Verhältnisse am Unterrhein und Galliens ^^^^ 
überhaupt gewährt und darum auch eine ausführliche Erzählung ver- 
diente, dennoch mehr durch .'äuCBere und zufällige Ursachen als durch 
die innere Nothwendigkeit der Dinge hervorgerufen wurden, beweist 
die nun folgende anscheinend vollständige Ruhe daselbst und der, 
so viel wir sehen, ununterbrochene Slatusquo eben in dieser Gegend. 
Die rümischen Germanen sind in dem Reiche nicht minder vollständig 
aufgegangen als die römischen Gallier; von Insurrections versuchen 
jener ist nie wieder die Rede. Am Ausgang des dritten Jahrhun- 
derts wird von den über den Unterrhein in Gallien einbrechenden 
Franken auch das batavische Gebiet mit erfafst; doch haben sidi die 
Bataver in ihren alten, wenn auch geschmälerten Sitzen und ebenso 
die Friesen selbst während der Wirren der Völkerwanderung behauptet 
und so viel wir wissen auch dem baufälligen Reichsganzen die Treue 
bewahrt 

Wenden wir uns von den r&mischen zu den freien Germanen öst- o^rilftm 
lieh vom Rhein, so ist für diese mit ihrer Betheiligung an jener bata- *%£i^'' 

9* 



132 ACHTES BUCH. KAPITEL IV. 

Tischen Insnrrection das offensive Vorgehen nicht minder vorbei wie 
mit den Expeditionen des Germanicns die Versuche der Römer zu 
Ende sind eine Grenzveränderung im groben Stil in diesen Gebieten 
herbeizuführen. 

Unter den freien Germanen sind die dem römischen Gebiet nächst- 
wohnenden die Bructerer an beiden Ufern der mittleren Ems und in 
dem Quellgebiet der Ems und der Lippe, weshalb sie auch vor allen 
übrigen Germanen sich an der batavischen Insurrection betheiligten. 
Aus ihrem Gau war das Mädchen Veleda, die ihre Landsleute in den 
Krieg gegen Rom entsandte und ihnen den Sieg verhiefr, deren Aus- 
spruch über das Schicksal der Ubierstadt entschied, zu deren hohem 
Thurm die gefangenen Senatoren und das erbeutete Admiralschiff der 
Rheinflotte gesendet wurden. Die Niederwerfung der Bataver traf auch 
sie, vielleicht noch ein besonderer Gegenschlag der Römer, da jene 
Jungfrau späterhin gefangen nach Rom geführt ward. Diese Kata- 
strophe so wie Fehden mit den benachbarten Völkern brachen ihre 
Macht; unter Nero ist ihnen ein König, den sie nicht wollten, von 
ihren Nachbaren unter passiver Assistenz des römischen Legaten mit 
den Waffen aufgezwungen worden. 
Ch«niak«r. Die Cherusker im oberen Wesergebiet, zu Augustus und Tiberius 

Zeit der führende Gau in Mitteldeutschland, werden seit Armins Tode 
selten genannt, immer aber als in guten Beziehungen rja den Römern 
stehend. Als der Bürgerkrieg, der bei ihnen auch nach Arminius 
Fall weiter gewüthet haben mufs, ihr ganzes Fürstengeschlecht hin- 
gerafft, erbaten sie sich den letzten des Hauses, den in Italien lebenden 
Brudersohn Armins Italiens, von der römischen Regierung zum Herr- 
scher; freilich entzündete die Heimkehr des tapferen, aber mehr seinem 
Namen als seiner Herkunft entsprechenden Mannes die Fehde aber- 
mals und, von den Seinen vertrieben, setzten ihn noch einmal die 
Langobarden auf den wankenden Herrschersitz. Einer seiner Nach- 
folger, der König Chariomerus, ergriff in dem Chattenkrieg Domitians 
so ernstlich für die Römer Partei, dafs er nach dessen Beendigung, 
von den Chatten vertrieben, zu den Römern flüchtete und deren Inter- 
vention freilich vergebens anrief. Durch diese ewigen inneren und 
Kaner. äufscrcn Fehden ward das Cheruskervolk so geschwächt, dafs es seit- 
dem aus der activen Politik verschwindet. Der Name der Marser wird 
seit den Zögen des Germanicus überhaupt nicht mehr gefunden. Dafs 
die weiter östlich an der Elbe wohnenden Völkerschaften wie alle 



DAS RÖMISCHE GERIUMEN UND DIE FREIEN GERMANEN. 133 

entferntere Germanen an den Kämpfen der Bataver und ihrer Genossen 
in den J. 69 und 70 sich so wenig betheiligt haben wie diese an den 
germanischen Kriegen unter Augustus und Tiberius, darf bei der Aus- 
führlichkeit des Berichtes als sicher bezeichnet werden. Wo sie später- 
hin einmal begegnen, erscheinen sie nie in feindlicher Haltung gegen lu»». 
die Römer. Dais die Langobarden den römischen Cheruskerkönig ^^*^''- 
wieder einsetzten, wurde schon erwähnt Der König der Semnonen 
Masuus, und merkwürdiger Weise mit ihm die Prophetin Ganna, 
welche bei diesem wegen besonderer Gläubigkeit berühmten Stamme 
in hohem Ansehen stand, besuchten den Kaiser Domitianus in Rom 
und wurden an dessen Hofe freundlich aufgenommen. Es mag in den 
Gegenden von der Weser bis zur Elbe in diesen Jahrhunderten manche 
Fehde getobt, manche Machtstellung sich verschoben, mancher Gau den 
Namen gewechselt oder sich anderer Verbindung eingefügt haben; 
den Römern gegenüber trat, nachdem der feste Verzicht derselben auf 
Unterwerfung dieser Landschaft aligemein empfunden ward, ein 
dauernder Grenzfi^iede ein. Auch Invasionen aus dem fernen Osten 
können denselben in dieser Epoche nicht wesentlich gestört haben ; 
denn der Rückschlag davon auf die römische Grenzwacht hätte nicht 
ausbleiben können und von ernsteren Krisen auf diesem Gebiet 
würde die Kunde nicht fehlen. Zu allem diesem giebt das Siegel die 
Reduction der niederrheinischen Armee auf die Hälfte des früheren 
Bestandes, welche wir wissen nicht genau wann, aber in dieser Epoche 
eingetreten ist. Das niederrheinische Heer, mit welchem Vespasian zu 
kämpfen hatte, zählte vier Legionen, das der traianischen Zeit vermuth- 
lich die gleiche Zahl, mindestens drei^); wahrscheinlich schon unter 
Hadrian, gewiCs unter Marcus standen daselbst nicht mehr als zwei, 
die 1. minerrische und die 30. Traians. 



') Unter dem Legaten Q. Acatias Nerva, welcher wahracheinlieh der 
Coflsul des J. 100 ist, also nach diesem Jahre Untersermaoiea verwaltete, 
sUndea nach Inschriften von Brohl (Branbach 660. 662. 679. 680) in dieser Pro- 
vinz vier Legionen, die I Minervia, VI victrix, X gemioa, XXil primif^enia 
Da jede dieser Inschriften nnr zwei oder drei nennt, so kann die Besatznns 
damals nar ans drei Legionen bestanden haben, wenn während Acntios Statt- 
halterschaft die I Minervia fnr die anderswohin abgesehene XXO primigenia 
«tntrat. Aber bei weitem wahrscheinlicher ist es, da bei den Detacfairongen in 
die Steinbrüche bei Brohl nicht immer alle Legionen betheÜigt waren, dals 
jene vier Legionen gleichzeitig in Untergernunien garnisonirten. Diese vier 



134 ACHTES BUCH. KAPITEL IT. 

ob«rw In anderer Weise entwickelten sich die germanischen VerhUtnisse 

g«rmuiien. .^ ^^^ oberen Provinz. Von den linksrheinischen Germanen, die dieser 
angehörten, den Tribokern, Nemetem, Vangionen, ist geschichtlich 
nichts hervorzuheben als dafis sie, seit langem unter den Kelten ansässig, 
die Schicksale Galliens theilten. Die hauptsächliche Vertheidigungslinie 
der Römer ist auch hier der Rhein immer geblieben. Alle Standlager der 
Legionen finden sich zu aller Zeit auf dem linken Rheinufer ; nicht 
einmal das von Argentoratum ist auf das rechte verlegt worden, als 
das ganze Neckargebiet römisch war. Aber wenn in der unteren 
Provinz die römische Herrschaft auf dem rechten Rheinufer im Laufe 
der Zeit beschrankt wird, so wird sie umgekehrt hier erweitert Die 
von Augnstus beabsichtigte Verknöpfung der Rheinlager mit denen an 
der Donau durch Vorschiebung der Reichsgrenze in östlicher Richtung, 
welche, wenn sie zur Ausführung gekommen wäre, mehr Ober- als 
Untergermanien erweitert haben würde, ist in diesem Commando 
wohl niemals vöUig aufgegeben und späterhin, wenn auch in beschei- 
denerem Maftstabe, wieder aufgenommen worden. Die Ueberliefemng 
gestattet uns nicht die in diesem Sinne durch Jahrhunderte fort- 
geMirten Operationen, die dazu gehörigen Straüsen- und Wallbauten, 
die deshalb geführten Kriege in ihrem Zusammenhang darzulegen; und 
auch der noch vorhandene grofse Militärbau, dessen gleichfalls Jahr- 
hunderte umfassende Entstehung einen guten Theil jener Geschichte in 
sich schlielsen mufs, ist bisher nicht so, wie es wohl geschehen könnte, 
von militärisch geschärften Augen in seiner Gesammtheit untersucht 
worden — die Hoffnung, dafr das geeinigte Deutschland sich auch zu 
der Erforschung dieses seines ältesten geschichtlichen Gesammt- 
denkmals vereinigen werde, ist fehlgeschlagen. Was zur Zeit aus den 
Trümmern der römischen Annalen oder der römischen Castelle darüber 
an's Licht gekommen ist, soll hier versucht werden zusamnenzufessen. 
vogoBtii^ Auf dem rechten Ufer legt sich nicht weit von dem nördlichen 

Ende der Provinz dem ebenen oder hügeligen niederrheinischen Land 
in westöstlicher Richtung die Taunuskette vor, die gegenüber Bingen 
auf den Rhein stöfst Diesem Bergzug parallel, auf der anderen 



Legioneii sind wahrseheinlieh eben die, welche bei der Reorg^aDiiatioD der ^r- 
manisehen Heere dnrcli Vespasian nacli UntergennanieD kaoen (S. 145 A. 1), nur 
dafs die 1. Miaervia von Domitiaa an die Stelle der wahrsdieinlich von ihm 
anfgelSsteo 21. gesetzt ist. 



DAS RÖMISCHE GBRlUiaKf UMD DIE FREIEN GERMANEN. 135 

Seite abgesdüossen durch die Auslfiufer des Odenwaldes, erstreckt 
sich die Ebene des unteren Hainthaies, der rechte Zugang zum 
inneren Deutschland, beherrscht von der Schlüsselstellung an der 
Mündung des Mains in den Rhein, Hogontiacum oder Mainz, seit 
Drusus Zeit bis zum Ausgang Roms der Ausfallsburg der Römer 
aus Gallien gegen Germanien^) wie heutzutage dem rechten Riegel 
Deutschlande gegen Frankreich. Hier behielten die Römer, auch 
nachdem sie auf die Herrschaft im überrheinischen Land im All- 
gemeinen verzichtet hatten, nicht Uofs den Brückenkopf am anderen 
Ufer, das eoiteUum MogofUmceiue (Gastel), sondern jene Mainebene 
selbst in ihrem Besitz; und in diesem Gebiet durfte auch die römische 
Civilisation sich festsetzen. Es war dies ursprünglich chattisches 
Land und ein chattischer Stamm, die Mattiaker sind auch unter 
römischer Herrschaft hier ansässig geblieben; aber nachdem die 
Chatten diesen District an Drusus hatten abtreten müssen, ist derselbe 
ein Theil des Reiches geblieben. Die warmen Quellen in der nächsten 
Nähe von Mainz (aquae Mattiacae, Wiesbaden) wurden erweislich in 
Vespasians Zeit und sicher schon lange vorher von den Römern be- 
nutzt; unter Claudius wurde hi«»* aii^ Silber gebaut; die Mattiaker 
haben schon firfih wie andere Unterthanendistricte Truppen zur Armee 
gestellt An der allgemeinen Auflehnung der Germanen unter Civilis 
nahmen sie Antheil; aber nach der Besiegung stellten die früheren 
Verhältnisse sich wieder her. Seit dem Ende des zweiten Jahrhunderts 
finden wir die Gemeinde der taunensischen Mattiaker unter römisch 
geordneten Behörden *). 

Die Chatten, obwohl also vom Rhein abgedrängt, erscheinen oiiAttan. 
in der folgenden Zeit als der mächtigste Stamm unter denen des ger- 
manischen Binnenlandes, die mit den Römern in Beziehung kamen; 

^) Naeh Zaageneisters (Westdeotsche Zeitschrift 3, 307 IT.) schonen Eot- 
sifferonseB steht es fest, dafs eine Militärstrafse an linken Rheionfer von 
Mains bis an die Grenze der obergermanischen Provinz schon unter Claudias 
angelegt ward. 

*) Der volle Nene e{iviUis) M(aUüieorum) Taiunennum] erscheint auf der 
Insehrifl von Gastel firambach 1330; als dvüas Mattiacarum oder eivUas Tau- 
nensütm konmt sie öfter vor, mit Dnovirn, Aedilen, Decurionen, Sacerdotalen, 
Sevirn; eigenthämlich und für die Grenzstadt bezeichnend sind die wahr- 
seheinlich als Municipalmiliz zu fassenden hastiferi cwUätü Mattiaeorum (Bram- 
bach 1336). Das älteste datirte Document dieser Gemeinde ist vom J. 198 
(Brambach 956). 



136 ACHTES BUCH. KAPITEL IV. 

die Führung, die unter Augustus und Tiberiufi die Cherusker an der 
mittleren Weser gehabt hatten, ging in der stetigen Fehde mit diesen 
ihren stammverwandten sudlichen Nachbarn auf die letzteren über. 
Alle Kriege zwischen Römern und Germanen, von denen wir aus der 
Zeit nach Arminius Tod bis auf die beginnende Yölkerverschiebung am 
Ende des 3. Jahrhunderts Kunde haben, sind gegen die Chatten geführt 
worden; so im J. 41 unter Claudius durch den späteren Kaiser Galba, im 
J. 50 unter demselben Kaiser durch den als Dichter gefeierten Publius 
Pomponius Secundus. Dies waren die üblichen Grenzeinfäile, und an 
dem grofsen batavischen Kriege waren die Chatten zwar auch, aber 
nur nebenbei betheiligt (S. 121). Aber in dem Feldzug, den der 
Kaiser Domitianus im J. 83 unternahm, waren die Römer die 
Atigreifenden und dieser Krieg führte zwar nicht zu glänzenden 
Siegen, aber wohl zu einer bedeutenden und folgenreichen Vor- 
schiebung der römischen Grenze^). Damals wird die Grenzlinie 
so, wie wir sie seitdem gezogen finden, geordnet und in dieselbe, welche 
in ihrem nördlichsten Stück sich nicht weit vom Rhein entfernte, hier 
ein grofser Theil des Taunus und das Haingebiet bis oberhalb Friedberg 
hineingezogen worden sein. Die Usiper, die nach ihrer schon be- 
richteten Vertreibung aus dem Lippegebiet um die Zeit Vespasians 
in der Nähe von Mainz auftreten und östlich von den Mattiakern an der 
Kinzig oder im Fuldischen neue Sitze gefunden haben mögen, sind 

') Die Berichte über diesen Krieg sind verloren gegangen; Zeit nnd Ort 
lassen sich bestimmen. Da die Münsen dem Domitian den Titel Germanievs 
seit dem Anfang des J. 84 geben (Eckhel 6, 378. 397), so fällt der Feldzng 
in das J. 83. Dazu stimmt die in eben dieses Jahr fallende Aushebung der 
Usiper und ihr verzweifelter Flochtversoch (Tacitns Agr. 28; vgl. Martialis 
6,60). Es war ein Angriffskrieg (Sueton Dom. 6: eapedäio sponte susoepta; 
Zonaras 11, 19: XftiXat^aag nva r&v niqav ^P^vov räv ivanovStov), Die 
Verlegung der Postenlinie bezeugt Frontinus, der den Krieg mitgemacht hat, 
strat. 2, 11, 7: cum in finibtu Cuhiontm (JName unbekannt und wohl verdorben) 
castella ponerßt und 1, 3, 10: hmüüus per CXX m, p, acUs, was hier mit 
den militärischen Operationen in unmittelbare Verbindung gebracht wird, daher 
auch von dem Chattenkrieg selbst nicht getrennt und nicht auf die längst in 
römischer Gewalt stehenden agri decumates bezogen werden darf. Auch ist 
das Mafs von 177 Kilometern wohl denkbar für die Militärlinie, die Domitiao 
am Taunus angelegt hat (nach Cobausens Ansetznngen röm. Grenzwall S. 8 
stellt sich der spätere Limes vom Rhein um den Taunus herum bis zum Main 
auf 237| Kil.), aber viel zu klein, um auf die Verbindungslinie von da bis 
Regensburg bezogen werden zu können. 



DAS RÖMISCHE GEBMANIEN UND DIE FREIEN GERMANEN. 137 

damals zum Reiche gezogen worden, und zugleich mit ihnen eine An- 
zahl kleinerer Ton den Chatten abgesprengter Völkerschaften. Als dann 
im J. 88 unter dem Statthalter Lucius Antonius Saturninus das ober- 
germanische Heer gegen Domitian sich erhob, hätte fast der Krieg sich 
erneuert; die abgefallenen Truppen machten gemeinschaftliche Sache 
mit den Chatten^) und nur die Unterbrechung der Communicationen, 
indem das Eis auf dem Rhein aufging , machte den treu gebliebenen 
Regimentern möglich mit den abgefallenen fertig zu werden, bevor 
der gefahrliche Zuzug eintraf. Es wird berichtet, daJGs die römische 
Herrschaft von Mainz landeinwärts 80 Leugen weit, also noch über 
Fulda hinaus, sich erstreckt hat') ; und diese Nachricht erscheint glaub- 
würdig, wenn dabei in Betracht gezogen wird, dafs die militärische 



1) Die Germanen (Saeton Dom. 6) können nor die Gliatten nnd deren 
frohere Verbündete sein, vielleicht zanäehst eben die Usiper uod ihre Schicksals- 
genouen. Ausgebrochen ist der AuEstaDd in Mainz, das alleio eio Doppel- 
lager zweier Legionen war. Satorninns warde von Raetien ans aogegriffen 
dnrch die Truppen des L. Appius Maximus Norbanus. Denn anders kann das 
Epigramm Martials 9; 84 um so weniger gefafst werden, als sein Besieger, 
senatorischen Standes wie er war, eio reguläres Commando in Raetien nnd 
Yittdelicien nicht verwalten und nur durch einen Kriegsfall in diese Land« 
Schaft geführt werden konnte, wie denn auch die sacrüegi furcres deutlich 
auf den Aufstand weisen. Die Ziegel desselben Appius, die in den Provinzen 
Obergermanien und Aquitanien sich gefunden haben, berechtigen nicht ihn 
zum Legaten der Lngdanensis zu machen, wie Asbach (westdeutsche Zeit- 
schrift 3, 9) vorschlägt, sondern müssen auf die Epoche nach der Ueber- 
Windung des Antonius bezogen werden (Hermes 19, 438). Wo die Schlacht ge- 
liefert ward, bleibt zweifelhaft; am nächsten liegt die Gegend voo Vindonissa, 
bis wohin Saturninus dem Norbanus entgegen gegangen sein kann. Ware Nor- 
banus erst bei Mainz auf die Aufständischen gestofsen, was an sich auch 
denkbar erseheint, m hatten diese den Rheinübergang in der Gewalt und konnte 
der Zuzug der Germanen durch das Aufgehen des Rheines nicht verhindert 
werden. 

*) Die abgerissene Notiz findet sieh hinter dem Veroneser Provinzial- 
verzeicbnifs (Notitia dignitatum ed. Seeck p. 253): nomina cmiatum irans 
Renum ßuvium quae sunt: Usiphorum (sehr, üsipurum) — Tuvitnium (sehr. 
Tubanium) — Nicirmsium — Novarü — Casuariorumi utae omn$$ eiväaies 
trans Renum in formidam Belgieae primae redacAae frans cattellum MonÜaoese: 
nam LXXX leagoi trans Renum Romani possederuni, Istae civitates sub 
GaUieno imperatore a harbaris occupatae sunt Dafs die (Jsiper später in 
dieser Gegend gewohnt haben, bestätigt Tacitos bist 4, 37. G. 32; dafs sie 
im J. 83 zum Reich gebärt haben, vielleicht aber erst kurz vorher unter- 
worfen waren, geht ans der Erzählung Agr. 28 hervor. Die Tubanten nnd 



138 ACIITB8 BUCH. KAPITEL IV. 

Grenzlinie, die allerdings nicht weit über Friedberg hinausgegangen za 
Dm N«okar. ^^^ schcint, sich wohl auch hier innerhalb der Gebietsgrenze hielt. 
g«U0t. ^ber nicht bloCs das untere Mainthal vorwärts Mainz ist in die 

militärische Grenzlinie hineingezogen worden; auch im südwestlichen 
Deutschland wurde die Grenze noch in grülserem Malsstab vorge- 
schoben. Das Neckargebiet, einst von den keltischen Hdvetiem ein- 
genommen, dann lange Zeit streitiges Grenzland zwischen diesen und den 
vordringenden Germanen und darum das helvetische Oedland genannt, 
späterhin vielleicht theilweise von den Marcomanen besetzt, bevor diese 
nach Böhmen zurückwichen (S. 26), kam bei der Regulirung der germa- 
nischen Grenzen nach der Varusschlacht in die gleiche Verfossung wie 
der gröDste Theil des rechten unterrheinischen Ufers. Es wird auch hier 
schon damals eine Grenzlinie bezeichnet worden sein, innerhalb deren 
germanische Ansiedelungen nicht geduldet wurden. Wie auf nicht 
eingedeichter Marsch liefsen dann einzelne meist gallische Einwanderer, 
die nicht viel zu verlieren hatten, in diesen fruchtbaren, aber wenig 
geschützten Strichen, dem damals sogenannten Decumatenland sich 
nieder ^). Dieser vermuthlich von der Regierung nur geduldeten pri- 
vaten Occupation folgte die f5rmliche Besetzung wahrscheinlich unter 
Vespasian. Da schon um das J. 74 von Strafsburg aus eine Chaussee 
auf das rechte Rheinufer wenigstens bis nach Offenburg geführt worden 

Chasaarier stellt Ptolemaens 2, 11; 11 io die NShe der Chatteo; dafs sie das 
Schicksal der Usiper theilteo, ist denoach wahradbeiDlicIi. Biae sichere Idea- 
tificatioD der aoderea heidea verdorbeaea Namea ist bisher aicht gefaadea; 
vielleicht [staadea die Teacterer hier oder eiaige der kleioea aar bei Ptole- 
aiaens 2, 11, 6 mit diesea cfeaaaatea Stüaime. Die Notis aaaate ia ihrer ar- 
spr'dasliehea Form die Bellica schlechthia, da die Proyios erst darch Diocle- 
tiaa getheilt wordea ist, aad diese iasofera mit Recht, als die beidea Germaaiea 
geoi^raphisch zu Belf^ica sol^^rt«»* — Dm aagefcbeae Mafs fährt, weaa maa das 
Kiaaigfthal aach Nordostea verfolgt, aber Fulda hiaaas aaheaa bis Hersfeld. 
Aach laschrifteafuBde reiehea hier Sstlieh weit ober den Rhein hiaaas, bis ia 
dieWetteran; Friedberg aad Batzbach warea stark belegte Militärposittoaeo ; 
ia Alteostadt zwischen Friedberg and Biidiagea ist eiae aaf Greaischntz deateade 
(eoUeg^um iuventutü) Inschrift vom J. 242 (C f. Rh. 1410) gefaadea wordea« 
>) Was die aar bei Taeitas Germ. 29 vorkommende Beaeaaaog agri 
decumatM (deaa mit agri wird das letztere Wort doch zn verbiadea sein) 
bedeatet, ist aagewifs; möglich ist es, dafs das ia der frUherea Raiser- 
zeit gewifs als Eigeathnm des Staats oder vielmehr des Kaisers betrachlete 
Gebiet, wie der alte ager oecupatoriut der Repablik, voa dem zaerst Besitz 
Ergreifeoden ft^en Abgabe des Zehnten benatzt werden koaate; aber weder 
ist es sprachlich erwiesea, dafs deeumat <zehatp0ichtig* heifsea kaao, noch 



DAS RÖMISCHE GERMARIBN UlfD DIE PRBIEIf GERMANEN. 139 

ist^), 80 wird um diese Zeit in diesem Gebiet ein ernstlicherer Grenz- 
schutz eingerichtet worden sein, als ihn das blofse Verhot ger- 
manischer Siedeiung gewährte. Was der Vater hegonnen hatte, 
führten die Söhne durch. Vielleicht ist sogar, sei es von Vespasian, 
sei es von Titus oder Domilian, durch die Anlegung der ^flafischen 
Altäre") an der Neckarquelle bei dem heutigen Rottweil, Ton welcher 
Ansiedlung wir freilich nichts als den Namen kennen, für das rechts- 
rheinische neue Obergermanien ein ähnlicher Mittelpunct geschaffen 
worden, wie es früher der ubische Altar für Grofsgermanien hatte 
werden sollen und bald nachher fOr das neu eroberte Dacien der 
Altar Ton Sarmizegetusa wurde. Die erste Einrichtung der weiterhin 
ztt schildemden Grenzwehr, durch welche das Neckarthal in die 
römische Linie hineingezogen wurde, ist also das Werk der Flavier, 
hauptsächlich wohl Domitians*), welcher damit die Anlage am Taunus 
weiter führte. Die rechtsrheinische Müitärstrafse ron Mogontiacum 
über Heidelberg und Baden in der Richtung auf Offenburg, die noth- 
wendige CSonsequenz dieser Einziehung des Neckargebiets, ist, wie wir 
jetzt wissen^), im J. 100 yon Traian angelegt und ein Theil der ron 
demselben Kaiser hergestellten directeren Verbindung Galliens mit 
der Donaulinie. Die Soldaten sind bei diesen Werken thätig gewesen, 
abor schwerlich die Waffen; germanische Völkerschaften wohnten im 
Neckai^biet nicht, und noch weniger kann der schmale Streifen am 
linken Uter der Donau, welcher dadurch mit in die Grenzlinie ge- 



keaneB wir derartige EinriehtODf en der Raiserzeit Uebrigeos sollte nan nieht 
äbertehen, dafs die Sehilderans des Taettas sich avf die Zeit vor der Ein- 
richtnof der Neekarliaie bezielit; auf die spitere pafst sie so wenig wie 
die swar nieht klare, aber doeh sicher mit dem frfiheren Rechtsverhaltnifs 
losammeahSogesde BeDenaang. 

>) Dies hat Zaagemeister (Westdeutsche ZeiUchrift 3 S. 246) erwiesen. 

*) Dafs hier mehrere Altäre dedicirt worden, während sonst bei diesen 
Centralheiligthümern nar einer genannt wird, erklärt sich vielleicht durch 
das Zorncktreten den Romacnlts neben dem der Kaiser. Wenn gleich za 
Anfang mehrere Altäre errichtet wurden, was wahrscheinlich ist, so hat einer 
der Sahne sowohl dem oder den verstorbenen flavischen Kaisern wie auch 
seinem eigenen Genius Altäre setzen lassen. 

*) Dafs die Verlegung stattfand, kurz bevor Tacitus im J. 98 die 
Germania sehrieb, sagt er, und dafs Domitian der Urheber ist, folgt auch 
daraus, dafs er den Urheber nicht nennt. 

«) Aach dies hat Zangemeister (Westdeutsche Zeitschrift 3, 287 f.) ur- 
kundlich festgestellt. 



140 ACHTES BUCH. KAPITEL lY. 

zogen ward, ernstliche Kämpfe gekostet haben. Das nächste nam- 
hafte germanische Volk daselhst, die Hermunduren, waren den Römern 
freundlich gesinnt wie kein anderes und führten in der Vindelikerstadt 
Augusta mit ihnen lebhaften Handelsverkehr; daüs bei ihnen diese Vor- 
schiebung keinen Widerstand gefunden hat, davon werden wir weiter- 
hin die Spuren finden. Unter den folgenden Regierungen, des Hadrian, 
des Pins, des Marcus, ist dann an diesen militärischen Einrichtungen 
weiter gebaut worden. 
Der obw- Dcu Gronzschutz zwischen Rhein und Donau, wie er zum grossen 

^n^be*' Theil in seinen Fundamenten noch heute besteht, vermögen wir 
nicht in seiner Entstehungsgeschichte zu verfolgen, wohl aber zu er- 
kennen nicht blofs, wie er lief, sondern auch, wozu er diente. Die 
Anlage ist nach Art und Zweck eine andere in Obergermanien und eine 
andere inRaetien. Der obergermanische Grenzschutz, in derGesammt- 
lange von etwa 250 römischen Milien (368 Kil.^)), beginnt unmittelbar 
an der Nordgrenze der Provinz, umfafst, wie schon gesagt ward, den 
Taunus und die Mainebene bis in die Gegend von Friedberg und wendet 
sich von da südwärts dem Main zu, auf welchen er bei Grolskrotzen- 
burg oberhalb Hanau trifift Dem Main von da bis Wörth folgend, 
schlägt er hier die Richtung nach dem Neckar ein, den er etwas unter- 
halb Wimpfen erreicht und nicht wieder verlaust. Später ist der süd- 
lichen Hälfte dieser Grenzlinie eine zweite vorgelegt worden, die dem 
Main über Wörth hinaus bis nach Miltenberg folgt und von da, zum 
gröfseren Theil in schnurgerader Richtung, auf Lorch zwischen Stutt- 
gart und Aalen geführt ist. Hier schliefst an den obergermanischen 
der raetische Grenzschutz an von nur 120 Milien (174 KU.) Länge; er 
verläfst die Donau bei Kelheim oberhalb Regensburg und läuft von da, 
zweimal die Altmühl überschreitend, im Bogen nach Westen zu eben- 
falls bis Lorch. — Der obergermanische Limes besteht aus einer Reihe 
von Castellen, die höchstens einen halben Tagemarsch (15 Kil.) von ein- 
ander entfernt sind. Wo die Verbindungslinien zwischen den Castellen 
nicht durch den Main oder den Neckar, wie angegeben, gesperrt sind, 



1) Dies Mafs (^ilt für die CastelUinie voo Rheiiibrohl bis Lorch (Cohauseii, 
der rtfm. Grenzwall S. 7 f.). Für den Erdwall kommt die Mainstrecke von 
Miltenberg bis Grofskrotzenbarg, von etwa 30 rSm. Milien, in Abzog. Bei der 
älteren Neckarlinie ist der Erdwall beträchtlich kürzer, da statt desjenigen 
von Miltenberg bis Lorch hier der viel kürzere des Odenwaldes von WSrth 
bis Wimpfen eintritt. 



DAS RÖMISCHE GBRMAMIEN UlfO DIE FREIEN GERMANEN. 141 

ist eine künstliche Sperrung angebracht, anfangs Tielleicht blofs durch 
Yerhaue^), spSterhin durch einen fortlaufenden Wall von mafsiger 
Höhe mit aufsen vorgelegtem Graben und in kurzen Entfernungen auf 
der inneren Seite eingebauten Wachtthfirmen.*) Die Castelle sind in den 
Wall nicht eingezogen, aber unmittelbar hinter ihm angelegt, nicht 
leicht über einen halben Kilometer Ton ihm entfernt. — Der raetische 
Grenzschutz ist eine blofse durch Aufschöttung ron Bruchsteinen 
bewirkte Sperrung; Graben und Wachtthürme fehlen und die hin- 
ter dem Lames ohne regelrechte Folge und in ungleichen Abständen 
(keines näher als 4 bis 5 Kilometer) angelegten Castelle stehen mit 
der Sperrlinie in keiner unmittelbaren Verbindung, lieber die 
zeitliche Folge der Anlagen fehlen bestimmte Zeugnisse; erwiesen 
ist, dafs die obergermanische Neckaiiinie unter Pius^, die ihr 
vorgelegte von Miltenberg nach Lorch unter Marcus^) bestand. Ge* 

>J Wean, wie dies wahrecheinlick ist, die Aogabe, dafs Hadrian die 
Reichsgrenzstrafsen dorch Verbane ^tgta die Barbaren sperrte (S. 112), mit 
vBdvieUeicbtzaoSebstaafdieobergermaoiscbesiehbeKiebt, so ist der Wall, dessea 
Reste vorbaaden sind, sein Werk siebt; naf dieser PaUisaden getra^a 
beben oder niebt, kein Beriebt würde diese erwibaen und den Wall- 
baa öliergeben. Dafs Hadrian die Grenzvertbeidi^og im ganxen Reiebe 
revidirte, ssf^ Dio 69, 9. — Die Benennung des Pfabls oder Pfablgrabens kann 
nicbt romiscb sein; rSmiscb beifsen die Pfable, welcbe in den LagerwaU ein- 
gerammt auf demselben eine Pallisadenkette bilden, niebt paü, sondern valU 
oder suäesj ebenso der Wall selbst nie anders als wUlum, Wenn die wie es 
scheint anf der ganzen Linie bei den Germanen dafdr von je ber übliebe Be- 
zeicbnang wirklich von den PaUisaden entlehnt ist, so mnfs sie germanischen 
Ursprungs sein and kann nnr ans der Zeit herstammen, wo dieser Wall ihnen 
in seiner Integrität and seiner Bedentnog vor Aogen stand. Ob die 'Gegend* 
Palis, die Ammian 18, 2, 15 erwähnt, damit znsammenbäagt, ist zweifelhaft 

*) In einem solchen kürzlich zwischen den Castellen von Scblossan und 
Hesselbacb, 1700 Meter von dem ersteren, 4—5 KU. von dem letzteren, aufge- 
deckten hat sich eine WeihioscbrÜt (Rorrespondenxblatt der Westdentschen 
Zeitschrift 1. Jnli 1884) gefunden, welche die Truppe, die ihn erbaut bat, 
ein Detacbemeat der 1. Geborte der Seqnaner und Ranriker unter Commaado 
eines Centnrionen der 22. Legion gesetzt bat als Danksagung ob burgum expli- 
tfüum)» Diese Thürme also waren hurgi. 

*) Das älteste datirte Zeugnifs für diese sind zwei Inschriften der Be- 
satzung von Btfckingen gegenüber Heilbronn am linken Ufer des Neckar vom 
J. 148 (Brambach C. L Rh. 1583. 1590). 

*) Das älteste datirte Zengoirs für die Existenz dieser Linie ist die 
Inschrift von vicos Aurelii (Oehringen) vom J. 169 (Brambach C. I. Rh. 1558), 
zwar nur privat, aber gewifs nicbt gesetzt vor der Anlage dieses zu der 



142 A€HTE8 BUCH. KAPITEL IT. 

meinschafUich ist beiden sonst so verschiedenen Anlagen die Grenz- 
sperrung; dais in dem einen Fall die Erdaufschültung vorgezogen ist, 
durch weiche der Graben sich meistens von selber ergab, in dem an- 
dern die Steinschichtung, beruht wahrscheinlich nur auf der Yer- 
schiedenartigkeit des Bodens und des Baumaterials. Gemeinschaftlich 
ist ihnen femer, dais weder die eine noch die andere angelegt ist zur 
Gesammtvertheidigung der Grenze. Nicht bloüs ist das Hindernifs, 
weiches die £rd- oder Steinschuttung dem Angreifer entgegenstellt, 
an sich geringfügig, sondern es begegnen auf der Linie überall über- 
höhende Stellungen, hinterliegende Sümpfe, Verzicht auf den Ausblick 
in das Vorland und Uinliche deutliche Spuren davon, dafs bei deren 
Tracirung an Kriegszwecke überhaupt nicht gedacht ist. Die Gastelle 
sind natürlich jedes für sich zur Vertheidigung eingerichtet, aber sie 
sind nicht durch chaussirte Querstralsen verbunden; also stützte die 
einzelne Besatzung sich nicht auf die der benachbarten Castelle, 
sondern auf den Rückhalt, zu welchem die Straüse führte, welche 
eine jede besetzt hielt Es waren femer diese Besatzungen nicht 
eingefügt in ein militärisches System der Grenzvertheidigung, mehr 
befestigte Stellungen für den Nothfall als strategisch gewählte für 
die Occupation des Gebiets, wie denn auch schon die Ausdehnung 
der Linie selbst, verglichen mit der disponiblen Truppenzahl, die 
Möglichkeit einer Gesammtvertheidigung ausschliebt^). Also haben 

Lioie Miltenberg -Lorcb gehöYendeo CastelU; weoig jÖBfer die voo dem 
ebeofalU dazu gehörif^eo Jagsthtuseo vom J. 179 (C. 1. Rh. 1618). Daaaeh 
dürfte vicna Aurelii seioen Namen von Marcus führen; nieht von Caraealla, 
wenn auch von diesem bezeugt ist^ dafs er manche Castelle in diesen Gegenden 
anlegte nnd nach sich benaante (Dio 77, 13). 

') lieber die Dislocation der obergermanischen Trappen fehlt es zwar 
an genügender Kunde, doch nicht fanz an Anhaltspunkten. Von den beiden 
Hauptquartieren in Obergermanien ist das voo Strafsbnrg nach der Ein- 
richtung der Neckarlinie erweislich nur schwach belegt nnd wahrscheinlidi 
mehr administratives als militürisches Centram gewesen (Westdeutsches 
CorrespondenzbJatt 1884 S. 132). Dagegen hat die Besatzunf^ von Mainz immer 
einen beträchtlichen Theil der Gesammtstärke in Ansprach genommen, um so 
mehr als dieselbe wahrscheiolich der einzige gröfiere geschlossene Trappen- 
körper in ganz Obergermanien war. Die übrigen Trappen vertbeilen sich 
theils auf den Limes, dessen Castelle nach Cohausens (r8m. Grenzwall 8. 335) 
Schätzung durchschnittlich 8 Kilometer von einander entfernt, also insgesammt 
gegen 60 waren, theils auf die inneren Castelle, insbesondere an der Oden- 
waldlinie von Gnndelsheim bis W6rth; dafs die letzteren wenigstens zum 
Theil auch nach Anlegung des äufaeren Limes besetzt blieben, ist mindestens 



DAS RÖMISCHE GERMANiBN UND DIE FREIEN GERMANEN. 143 

diese ausgedehnten militärischen Anlagen nicht den Zweck gehabt 
wie der britannische Wall dem Feinde den Einbruch zu wehren. 
Es sollten Tielmehr wie an den FluJsgrenzen die Brücken, so an d«i 
Landgrenzen die Straljeen durch die Castelle beherrscht werden, im 
Uebrigen aber wie an den Wassergrenzen der Flob, so an den 
Landgrenzen der Wall die nicht controlirte Ueberschreitung der 
Grenzen hindern. Anderweitige Baiutzung mochte sich damit ver- 
binden; die oft heryortretende Berorzugung der geradlinigen Richtung 
deutet auf Verwendung für Signale, und gekgentUch mag die Anlage 
auch geradezu für Kriegszwecke benutzt worden sein. Aber der 
eigentliche und nächste Zweck der Anlage war die Verhinderung 
der Grenzüberschreitung. Dafs dabei nicht an det* raetischen, wohl 
aber an der obergermanischen Grenze Wachtposten und Forts ein- 



wtlmclieiiiUeh. Bei der aogleichen Gröfie der noch neOibaren Castelle ist 
es schwer za sageo; welehe Troppeozahl erforderlich war, am sie vertheidi- 
(^Dspsfahif^ zu machen. Cohanseo (a. a. 0. S. 340) rechnet auf ein mittel- 
grofses Castell einschliefslich der Reserve 720 Mann. Da die {^ewöbnliehe 
Cohorte der Lefzen wie dar ABziliea 600 Mann sShlt und die CasteUhauteB 
oothwendif avf diese Zahl haben Rüeksicht nehmen müsseui wird die Besatsoas 
des Castells für den Fall der Belag^erang dorchschnittlich miadestens auf diese 
Zahl angesetzt werden müssen. Unmöglich hat nach der Reduction die ober- 
germanische Armee die Castelle aoch nnr des Limes gleichzeitig in dieser 
Starke besetzen können. Noch weit weniger konnte sie, selbst vor der 
Redoetioo, mit ihren 30 000 Mana (S. 108) die iwisehen den Castelleii beiad- 
lichen Linien auch nur besetzt halten; wenn aber dies nicht möglich war, so 
hatte die gleichzeitige Besetzung auch der sämmtlichen Castelle in derThat keinen 
Zweck. Allem Anschein nach ist wohl jedes Castell in der Weise angelegt worden, 
dafs eS; gehörig besetzt, gehalten werden konnte, aber der Regel nach — ond an 
dieser Grenze war der Friedensstand Regel — war das einzelne Gasteil nicht nach 
KriegsfofSy sondern nor in so weit mit Truppen belegt, dafs die Posten in 
den Wachtthürmen ansgeseizt vnd die Strafsen so wie die Schleichwege 
unter Aufsicht gehalten werden konnten. Die standigen Besatzungen der 
Castelle sind vermuthlich sehr viel schwächer gewesen als gewöhnlich an- 
genommen wird. Wir besitzen ans dem Alterthum ein einziges Verzeichnifs 
einer derartigen Besatzung; es ist vom J. 165 und betrilll des Castell von 
Kntlowitza nördlich von Sofia (Eph. epigr. 4 p. 524) , wofür die Armee von 
Untermoesien und zwar die 11. Legion -die Besatsang stellte. Diese Truppe 
zählte damals anfser dem commandirenden Genturionen nur 76 Menn. — Die 
raetische Armee war wenigstens vor Marcos noeh viel weniger im Stande 
aosgedehnte Linien zu besetzen: sie zahlte damals höchstens 10 000 Mann und 
hatte aofser dem raetisehen Limes noeh die Donaulinie von Regensburg bis 
Passen zu belegen. 



144 ACHTES BUCH. KAPITBL lY. 

gerichtet worden sind, erklärt sich aus dem verschiedenen Verhältnifs 
zu den Nacbbaren, dort den Hermunduren, hier den Chatten. Die 
Römer standen in Obergermanien ihren Nachbaren nicht so gegenüber 
wie den britannischen Hochländern, gegen die die Provinz sich stets im 
Belagerungsstand befand; aber die Abwehr räuberischer Einbrecher so 
wie die Erhebung der Grenzzölle forderten doch bereite und nahe 
militärische Hülfe. Man konnte die obergermanische Armee und dem 
entsprechend die Besatzungen am Limes allmählich reduciren, aber 
entbehrlich ward das römische Pilum im Neckarlande nie. Wohl aber 
war es entbehrlich gegenüber den Hermunduren, welchen in traiani*- 
scher Zeit allein von allen Germanen das Ueberschreiten der Reichs- 
grenze ohne besondere Controle und der freie Verkehr im römischen 
Gebiet, namentlich in Augsburg frei stand, und mit denen, so viel wir 
wissen, niemals Grenzcollisionen stattgefunden haben. Es war also für 
diese Zeit zu einer ähnlichen Anlage an der raetischen Grenze keine 
Veranlassung; dieCastelle nordwärts der Donau, welche erweislich be- 
reits in traianischer Zeit bestanden^), genügten hier für den Schutz 
der Grenze und die Controle des Grenzverkehrs. Dem kommt die 
Wahrnehmung entgegen, dafs der raetische times, wie er uns vor 
Augen steht, allein mit der jüngeren vielleicht erst unter Marcus an- 
gelegten obergermanischen Sperrlinie correspondirt. Damals fehlte 
dazu die Veranlassung nicht. Die Chattenkriege ergriffen, wie wir sehen 
werden (S, 146), in dieser Zeit auch Raetien; auch die Verstärkung der 
Besatzung der Provinz kann füglich mit der Einrichtung dieses Limes 
in Verbindung stehen, welcher, wie wenig er für militärische Zwecke 
eingerichtet ist, doch wohl ebenfalls einer wenn auch milderen Grenz- 
sperre wegen angelegt wurde'). 



^) Dies beweist die bei Weifseobnrs gtlnndene Urkande Traiaos vom 
J, 107. 

*) Die bisherlsen Untersuebnosen über den raetisebeo Limes btben die 
Bestimmnog dieser Aalage noeb weoij^ aafsekiärt; aossoBMcbt ist nur, dafs 
sie weoiser als die analoge obei^ermaniscbe aal militärisebe Besetsaas ein- 
geriebtet war. Eine derartige schwäcbere Greozsperrons kann fiiglicb seboa vor 
dem Mareomanenkrieg den Hermaodaren gegeaäber beliebt worden sein; aacb 
scbliefst was Taeitns über deren Verkebr in Angasta Viadelienm beriebtet, 
die damalige Existenz eines raetiseben Limes keineswegs aas. Nor müfste 
man dann erwarten, dafs er nieht in Lorcb endigte ; sondern sieb an 
die Neekarlinie ansdüofs; einigermafsen thnt er dies aneb, infofern bei 



DAS BÖMISGHE GERMANIBIf UMD »IE FREIEN GERMANEN. 145 

Militärisch wie politisch ist die reriegte Grenze oder vielmehr der 
Terstärkte Grenzschutz eingreifend und nulzlich gewesen. Wenn früher 
die rftmische Postenkette in Obergennanien und Raetien wahrschein- 
lich rheinaufwärts über Stralsburg nach Basel und an Vindonissa vorbei 
an den Bodensee, dann von da zu der oberen Donau gegangen war, so 
wurden jetzt das obergermanische Hauptquartier in Mainz und das rae- 
tische inRegensbui^ und überhaupt die beiden Hauptarmeen des Reiches 
einander betrachtlich genähert Das Legionslager von Vindonissa (Win- 
disch bei Zürich) wurde dadurch überflüssig. Das oberrheinische Heer 
konnte, wie das benachbarte, nach einiger Zeit auf die Hälfte seines frü- 
heren Bestandes herabgesetzt werden. Die anfangliche Zahl von vier Le- 
gionen, welche während des batavischen Krieges nur zufallig auf drei ver- 
mindert war, bestand allerdings wahrscheinlich noch unter Traian^); 
unter Marcus aber war die Provinz nur mit zwei Legionen besetzt, 
der achten und der zweiundzwanzigsten, von denen die erste in Strafs- 
burg stand, die zweite in dem Hauptquartier Mainz, während die mei- 
sten Truppen in kleinere Posten aufgelöst an dem Grenzwall lagerten. 
Innerhalb der neuen Linie blühte das städtische Leben auf fast wie 
links vom Rheinlauf: Sumelocenna (Rottenburg am Neckar), Aquae 
{dvüas Äurelia ÄquensU^ Baden), Lopodunum (Ladenburg) hatten, wenn 
man von Köln und Trier absieht, in römisch-stadtischer Entwickelung 
den Vergleich mit keiner Stadt der Belgica zu scheuen. Das Empor- 
kommen dieser Ansiedelungen ist hauptsächlich das Werk Traians, 

Lorch an die Stelle des Limes die Rems tritt, welche bei Caonstatt ia den 
rfleekar einniiDdet. 

') Von deo siebeo Legionea, die bei Neros Tode in den beiden Germa- 
nien standen (S. 120), löste Vespasian fünf anf; es blieben die 21. und die 22., 
woKQ dann die znr Niederwerfnni; des Anfstandes eingerückten sieben oder 
acht Legionen, die 1. adintrix, 2. adintrix, 6. victrix, 8., 10. gemina, 11., 
13. (?) nnd 14. hinzutraten. Von diesen ist nach Beendigang des Krieges die 
1. adintrix wahrscheinlich nach Spanien (S. 59 A. 1), die 2. adintrix wahr- 
scheinlich nach Britannien (S. 159 A. 2), die 13. gemina (wenn diese überhaupt 
nach Germanien kam) nach Pannonien gesandt worden; die anderen sieben 
blieben, und zwar in der unteren Provinz die 6., 10., 21. and 22. (S. 133 A. 1 ), 
in der oberen die 8., 1 1. nnd 14. Zn den letzteren trat wahrscheinlich im J. 88 die 
ans Spanien abermals nach Obergermanien gesandte 1. adintrix hinzu (. 59 A. 1). 
Dafs unter Traian die 1. adintrix und die 11. in Obergermanien standen^ be- 
weist die Inschrift von Baden-Baden Brarabach 1666. Die 8. und die 14. sind 
erwiesener Mafsen beide mit Cerialis nach Germanien gekommen nnd haben 
beide längere Zeit daselbst garnisonirt. 

Momm8«n, rom. Oetehiehte. Y. 10 



1 46 ACHTES BDGH. KAPITEL IV. 

weicher sein Regiment mit dieser Friedensthat eröffnete^); *den auf 
beiden Ufern römischen Rhein' fleht ein römischer Dichter an den noch 
nicht gesehenen Herrscher ihnen bald zuzusenden. Die groise und 
fruchtbare Landschaft, die auf diese Weise unter den Schutz der 
Legionen gestellt ward, war dieses Schutzes bedürftig, aber auch werth 
gewesen. Wohl bezeichnet die Varusschlacht die beginnende Ebbe der 
römischen Macht, aber nur insofern, als das Vorschreiteu damit ein Ende 
hat und die Römer seitdem sich im Allgemeinen begnügten das damals 
Festgehaltene stärker und dauernder zu schirmen. 
o«niiftiiieii Bis in den Anfang des 3. Jahrhunderts zeigt die römische Macht 

]üff«iu. am Rhein keine Spuren des Schwankens. Während des MarcomanM- 
krieges unter Marcus blieb in der unteren Provinz alles ruhig. Wenn 
ein Legat der Belgica damals den Landsturm gegen die Chauker auf- 
bieten musste, so ist dies vermuthlich ein Piratenzug gewesen, wie sie 
die Nordküste oftmals, in dieser Zeit ebenso wie früher und später, 
heimgesucht haben. An die Donauquellen und selbst bis in das 
Rheingebiet reichte der Wellenschlag dergrofsen Völkerbewegung; aber 
die Fundamente erschütterte er hier nicht Die Chatten, das einzige 
bedeutende germanische Volk an der obergermanisch-raetischen Grenz- 
wacht, brachen in beiden Richtungen vor und sind wahrscheinlich damals 



^) TraiaDQs wtrd voo Nerva in J. 96 oder 97 als Le|r*t nach Ger- 
niaoien geaasdt, wahrsoheialich dem oberen, da dem uBteren damals Vestriciua 
Spurinna vorgestandeD zo habeo scheint. Hier im Oktober des J. 97 zum Mit- 
regenteo eroannt, erhielt er die Nachricht von Nervas Tode nod seiaer Er- 
Deonoog zam Augastns im Februar 98 io Kölo. Den Winter ond den fol|;enden 
Sommer mag er dort geblieben sein; im Winter 98/99 war er an derDonaa. 
Die Worte des Bntropins 8, 2: tarb9s trans Rhenum in Gemumia reparavü 
(woraus die oft gemifsbraochte Notiz bei Orosins 7, 12, 2 abgeschrieben ist), 
welche nur auf die obere Provinz bezogen werden können, aber natlirUch 
nicht dem Legaten, sondern dem Gaesar^oder dem Augnstns gelten, erhalten 
eine Bestätigung durch die dvüas Ulpia sfaUu*?J NfieeriniiJ Lopodunum der 
Inschriften. Die 'Wiederherstellung' dürfte im Gegensatz stehen nicht zu den 
Einrichtungen Domitians, sondern zu den ungeordneten Anfängen städtischer 
Anlagen im Decumatenland vor der Verlegung der Militärgrenze. Auf kriege- 
rische Vorgänge unter Traian fiihrt keine Spar; dafs er ein oa$leUum in Ala- 
mannorum solo, nach dem Zusammenhang am Main nnweit Mainz, anlegte und 
nach seinem Namen nannte (Ammian 17, 1, 11), beweist dafür ebeasowenig wie 
dals ein später Dichter (Sidonius carm. 7, 115), Altes und Neues vermengend, 
Agrippina unter ihm den Schrecken der Sugambrer, das heifst in seinem Sinn 
der Franken nennt. 



krieg 



DAS RÖMISCHE GEBMANIEN UND DIE FREIEN GERMANEN. 147 

selbst unter den in Italien einfallenden (xeroianen gewesen, wie dies 
weiterhin bei der Darstellung dieses Krieges gezeigt werden soll. Auf 
jeden Fall kann die von Marcus damals verfügte Verstärkung der 
raetisehen Armee und ihre Umwandlang in ein Commando erster Klasse 
mit Legion und Legaten nur erfolgt sein, um den Angriffen der Chatten 
zu steuern und beweist, da6 man sie auch für die Zukunft nicht leicht 
nahm. IKe schon erwähnte Verstärkung der Grenzvertheidigung wird 
damit ebenfalls in Verbindung stehen. Für das nächste Menschenalter 
müssen diese MaCnregeln ausgereicht haben. 

Unter Antoninus dem Sohn des Severus brach (J. 213) abermals 
in Raetien ein neuer und schwererer Krieg aus. Auch dieser ist gegen 
die Chatten geführt w<Nrden; aber neben ihnen wird ein zweites Volk 
genannt, das hier zum erstenmal begegnet, dasderAlamannen. Woher sie 
kamen, wissen wir nicht. Einem wenig später schreibenden Römer zufolge 
war es zusammengelaufenes Mischvolk; auf einen Gemeindebund 
sdieint auch die Benennung hinzuweisen, so wie dafs später noch 
die verschiedenen unter diesem Namen zosammengefaEsten Stämme 
mdir als bei den sonstigen grofsen germanischen Völkern in ihrer 
Besonderhrit hervortreten und die Juthungen, die Lentienser und 
andere Alamannenvölker nicht selten selbständig handeln. Aber dafs 
es nicht die Germanen dieser Gegend sind, welche unter dem neuen 
Namen verbändet und durch den Bund verstärkt hier auftreten, zeigt 
sowoM die Nennung der Alamannen neben den Chatten wie die Meldung 
vonder ungewohnten Geschicklichkeit der Alamannen im Reitergefecht. 
Vielmehr sind es der Hauptsachenach sicher aus dem Osten nachrückende 
Schaaren gewesen, die dem fast erloschenen Widerstand der Germanen am 
Rhein neue Kraft verliehen haben; es ist nicht unwahrscheinlich, dafs die 
in früherer Zeit an der mittleren Elbe hausenden mächtigen Semnonen, 
deren seit dem Ende des 2. Jahrb. nicht wieder gedacht wird, zu den 
Alamannen ein starkes Contingent gestellt haben. Das stetig sich stei-s«T«ra0 Är- 
gernde MÜsregiment im rümischen Reich hat natürlich auch, wenn '^^'^^ 
gleich nur in zweiter Reihe, zu der Machtverschiebung seinen Theil bei- 
getragen. Der Kaiser zog persönlich gegen die neuen Feinde ins Feld; 
im August des J. 213 überschritt er die römische Grenze und ein Sieg 
über sie am Main wurde erfochten oder wenigstens gefeiert; es wurden 
noch Castelle angelegt; die Völkerschaften von der Elbe und der 
Nordsee beschickten den römischen Herrscher und verwunderten sich, 
wenn er sie in ihrer eigenen Tracht empfing, in silberbeschlagener Jacke 

10* 



148 ACHTES BUCH. EAPITEL lY. 

und Haar und Bart nach deutscher Art gefärbt und geordnet. Aber Ton 
da an hören die Kriege am Rhein nicht auf, und die Angreifer sind 
die Germanen; die sonst so fügsamen Nachbaren waren wie aus- 
jaeznaw. getauscht Zwanzig Jahre später wurden an der Donau wie am Rhein 
die Einfalle der Barbaren so stetig und so ernsthaft, dafs Kaiser 
Alexander defswegen den weniger unmittelbar gefahrlichen persischen 
Krieg abbrechen und sich persönlich in das Lager von Mainz begeben 
mufste, nicht so sehr um das Gebiet zu Tertheidigen als um von den 
Deutschen den Frieden durch hohe Geldsummen zu erkaufen. Die 
Erbitterung der Soldaten darüber führte zu seiner Ermordung (J. 235) 
und damit zu dem Untergang der severlschen Dynastie, der letzten, die es 
bis auf die Regeneration des Staats überhaupt gegeben hat Sein Nach- 
folger Maximinus , ein roher, aber tapferer vom gemeinen Soldaten 
aufgedienter Thraker, machte das feige Verhalten seines Vorgängers 
wieder gu t durch einen nachdrücklichen Feldzug tief in Germanien hinein. 
Noch wagten die Barbaren nicht einem starken und wohl geführten 
Römerheere die Spitze zu bieten; sie wichen in ihre Wälder und 
Sümpfe und auch dahin ihnen folgend focht im Handgeroenge der 
tapfere Kaiser allen voran. Von diesen Kämpfen, die ohne Zweifel von 
Mainz aus zunächst gegen die Alamannen sich richteten, durfte er mit 
Recht sich Germanicus nennen; und auch für die Zukunft hat die 
Expedition vom J. 236, auf lange hinaus der letzte grofse Sieg, den die 
Römer am Rhein gewannen, wohl einiges gefruchtet Obwohl die 
stetigen und blutigen Thronwechsel und die schweren Katastrophen 
im Osten und an der Donau die Römer nicht zu Athem kommen 
liefsen, ist doch durch die nächsten zwanzig Jahre am Rhein wenn 
nicht eigentlich die Ruhe erhalten worden, doch eine grölsere Kata- 
strophe nicht eingetreten. Es scheint sogar damals eine der ober- 
germanischen Legionen nach Africa geschickt worden zu sein, ohne 
dafs dafür Ersatz kam, also Obergermanien als wohl gesichert ge- 
golten zu haben. Aberalsira J.253 wieder einmal die verschiedenen Feld- 
herren Roms um die Kaiserwürde unter einander schlugen und die 
Rheinlegionen nach Italien marschirten, um ihren Kaiser Valerianus 
gegen den Aemilianus der Donauarmee durchzufechten, scheint dies 
das Signal gewesen zusein^) für das Vorbrechen der Germanen nament- 



^} Nicht blofs der ursächliche ZusammeDhaDf?, soodern lelbst die zeit- 
liche Folge dieser wichtisea Vorgaoge liegen im Uoklareo. Der relativ beste 



DAS RÖMISCHE GERMANIEN UND DIE FREIEN GERMANEN. 149 

lieb auch gegen den Unterrhein ^). Diese Germanen sind die hier zu- DisFruikn 
erst auftretenden Franken, allerdings vielleicht nur dem Namen nach 
neue Gegner; denn obwohl die schon im späteren Alterthum begegnende 
Identißcation derselben mit früher am Unterrhein genannten Völker- 
schaften, theils den neben den Bructerern sitzenden Chamavem, theik 
den froher genannten den Römern unterthänigen Sugambrem, unsicher 
und mindestens unzulänglich ist, so hat es hier gröDsere Wahrschein- 
lichkeit als bei den Alamannen, daljs die bisher von Rom abhängigen 
Germanen am rechten Rheinufer und die früher vom Rhein abge- 
drängten germanischen Stämme damals unter dem (Jesammtnamen der 
,Freien* gemeinschafUich die Offensive gegen die Römer ergriffen haben. 
So lange Gallienus selbst am Rhein blieb, hielt er trotz der geringen 
ihm zur Verfügung stehenden Streitkräfte die Gegner einigermaüsen 
im Zaum, verhinderte sie am Ueberschreiten des Flusses oder schlug 
die Eingedrungenen vrieder hinaus, räumte auch wohl einem der ger- 
manischen Führer einen Theil des begehrten Ufergebiets ein unter der 
Bedingung die römische Herrschaft anzuerkennen und seinen Besitz 
gegen seine Landsleute zu vertheidigen, was freilich schon fast auf eine 
Capitulation hinauskam. Aber als der Kaiser, abgerufen durch die 
noch gefährlichere Lage der Dinge an der Donau, sich dorthin begab 
und in Gallien als Repräsentanten seinen noch im Knabenalter stehen- 
den älteren Sohn zurückliefs, lieüs einer der Offiziere, denen er die 
Yertheidigung der Grenze und die Hut seines Sohnes anvertraut hatte, 
Marcus Cassianius Latinius Postumus'), sich von seinen Leuten zum 

Bericht bei Zosimug ], 29 bezeichnet den femiaoiscbeD Krieg all die Ursache, 
wefshalb Valerianas gleieh bei seiner Thronbesteigong 25S seinen Sohn zum 
Mitberrscher gleichen Rechts gemachit habe; nnd den Titel GmtnameuM maximus 
fuhrt Valenan schon im J. 256 (C. I. L. VDI, 2380; ebenso 269 G. I. L. XI, 
826), vielleicht sogar, wenn der Münze Cohen n. 54 za tränen ist, ,den Titel 
GermanicuM maximus ter. 

>) Dafs die Germanen, gegen die Gallienns zu streiten hatte, wenigstens 
hanptsächlich am Unterrhein zn suchen sind, zeigt die Residenz seines Sohnes 
in Ägrippina, wo er doch nur als nomineller Repräsentant des Vaters zurück- 
gebUeben sein kann. Anch der Biograph c. 8 nennt die Franken. 

') Von dem Grade der Gesehichtsfalschnng, welche in einem Theil der 
Kaiserbiographien herrscht, macht man sieh schwer eine Vorstellung; es wird 
nicht unnütz sein hier an dem Bericht über Postumns dies beispielsweise zu 
zeigen. Er heifst hier (freilieb in einer Einlage) Itäius Postumus (tyr. 6), auf 
den Münzen und Inschriften üf. Cassianius Latinius Postumus^ im epitomirten 
Victor 32 Cässius Labienus Postumus, — £r regiert sieben Jahre (Gall. 4; tyr. 



150 ACHTBS BUCH. KAPITEL IT. 

Kaiser ausrufen und belagerte in Köln den Hflter des Kaisersohnes 
Sil?anus. Es gelang ihm die Stadt einzunehmen und seinen früheren 
Collegen so wie den iLaiserlichen Knaben in seine Gewalt zu bekommen, 
worauf er beide hinrichten liefe. Aber während dieser Wirren brachen 
die Franken über den Rhein und überschwemmten nicht blofe ganz 
Gallien, sondern drangen auch in Spanien ein, ja plünderten selbst die 
africanische Küste. Bald nachher, nachdem Valeriana Gefangennahme 
durch die Perser das Mafe des Unheils voll gemacht hatte, ging in der 
oberrheinischen Provinz alles römische Land auf dem linken Rheinufer 
verloren, ohne Zweifel an die Alamannen, deren Einbruch in Italien in 
den letzten Jahren des Gallienus diesen Verlust nothwendig voraus- 
setzt. Dieser ist der letzte Kaiser, dessen Name auf rechtsrheinischen 
Denkmälern gefunden wird. Seine Münzen feiern ihn wegen fünf grofeer 
Siege über die Germanen, und nicht minder sind die seines Nach- 
folgers in der gallischen Herrschaft, des Postumus, voll des Preises 
der deutschen Siege des Retters von Gallien. Gallienus hatte in 

3. 6); üie Mäosen oeoneo aeiae fr. p» X, und zehn Jahre giebt ihm Batropinc 9, 10. 
— Sein Gesner heifel LoUümusj aaeh den Mannen UlpiuM Comditu LadUmtu^ 
LatHamu bei Eotropins 9, 9 (nach der einen HandacbriftenUnaae, während die 
andere der Interpolation der Biographen folgt) and bei Victor (o. 33), AeUanus in 
der victoriaoiadien Epitome. — Postomas and Victorinas herrschen nach dem 
Biographen gemeinschaftlich; aber es giebt keine beiden gemeinschaftliche 
Mäozeo, und somit bestütigen diese den Bericht bei Victor and Entropias, 
dafs Vietorinns der Naehfolger des Postnmas gewesen ist. — Es ist eine Be- 
sonderheit dieser Kategorie von Falschnngen, dafs sie in den eingelegten Ur- 
kaoden gipfeln. Das Köloer Epitaphium der beiden Victoriuas (tyr. 7): hie 
duo Fictorini tyranniiy) süi ntnt kritisirt sich selbst Das angebliche Patent 
Valeriaas (tyr. 3), womit dieser den Galliern die Ernennang des Postnmos 
mittheilt, rühmt nicht blofs prophetisch des Postnmas Herrschergaben, sondern 
nennt nach verschiedene nnmogliehe Aemter : einen Transrhenatri HnMs dux 
et GaUiae fraeeee hat es za keiner Zeit gegeben nnd kann Postamns a^riv 
Iv KekxoTg ar^arteitTiov ifin€ni<n€Vfiivos (Zosimns 1, 38) nar praeies einer 
der beiden Germanien oder, weon sein Commando ein aafserord entliches war, 
dux per Germ a niae gewesen sein. Ebenso oomöglich ist in derselben Qnasi- 
Urkoode der tribunatus Foeontiorum des Sohnes ; eine offenbare Nachbiidang 
der Tribaoate, wie sie in der Notitia Dign. ans der Zeit des Honorios 
aaftreten. — Gegea Postamos and Victorinas, anter denen die Gallier 
and die Franken fechten, zieht Gallienas mit Aoreolas, später seinem 
Gegner, and dem späteren Kaiser Claadias; er selbst wird darch einen Pfeil- 
Schafs verwandet, siegt aber, ohne dafs darch den Sieg sich etwas ändert. Von 
diesem Kriege wissen die anderen Berichte nichts. Postnmas fällt in dem von 
dem sogenannten Lollianns angezettelten Militnranfstand , während nach dem 



DAS RÖMISCHE GERMAmBN UI«» DIB FREIEN GERMANEN. 151 

seinen früheren Jahren nicht ohne Energie den Kampf am Rhein auf- 
genommen, und Postumus war sogar ein vorzüglicher Offizier und wäre 
gern auch ein guter Regent gewesen. Aber bei der Meisterlosigkeit, 
welche damals in dem römischen Staat oder vielmehr in der römischen 
Armee waltete, nützte Talent und Tüchtigkeit des Einzehien weder ihm 
noch dem Gemeinwesen. Eine Reihe blühender römischer StSdle wurde 
damals von den einfallenden Barbaren Öde gelegt und das rechte Rhein- 
ufer ging den Römern auf immer verloren. 

Die Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung in Gallien hing 
zunächst ab von dem Zusammenhalten des Reichs überhaupt; so lange 
die italischen Kaiser ihre Truppen in der Narbonensis aufstellten, um AanUuniB. 
den gallischen Rivalen zu beseitigen und dieser wieder Miene machte 
die Alpen zu überschreiten, war eine vrirksame Operation gegen die 
Germanen von selber ausgeschlossen. Erst nachdem um das J. 272^) 



Bericht bei Victor und Eutropios Postamna dieser Maiozer Insarrection Herr 
wird, aber dann die Soldaten ihn erschlagen, weil er ihnen Mainz nicht 
zar PlSnderoog überliefern wiU. Ueber die Erhebung des Postomns steht 
neben der im Wesentlichen mit der gewöhnlichen übereinstimmenden Er- 
zahlnng, dafs Postnrnns den seioer Hot anvertrtoten Sohn des Gaüienns treu- 
los beseitigt habe, eine andere offenbar als Rettong erfandene, wonach das 
Volk in Gallien dies that und dann dem Postnmos die Krone antrug. Die 
enkomiastische Tendenz für den, der Gallien das Schicksal der Donaa- 
länder nnd Asiens erspart and es vor den Germanen gerettet habe, tritt 
hier vod überall (am offenbarsten tyr. 5) za Tage; womit denn znsammen- 
hängt, dafs dieser Bericht den Verlast des rechten Rheinafers and die Züge 
der Franken nach Gallien, Spanien and Africa nicht kennt Bezeichnend ist noch, 
dafs der angebliche Stammvater des constantinischen Hanses aoeh hier mit einer 
ehrenvollen Nebenrolle bedacht wird. Diese nicht zerrüttete, sondern darcbgefälschte 
Erzahlong wird völlig beseitigt werden müssen; die Berichte einerseits beiZosimas, 
andererseits der aas einer gemeinsschafüicben QaelJe schöpfenden Lateiner Victor 
and Eatropias, korz und zerrüttet wie sie sind, können allein in Betracht kommen. 
1) Postumns Herrschaft dauerte zehn Jahre (S. 149 A. 2). Dafs im J. 259. 
der altere Sohn des Gallienas bereits todt war, lehrt die Inschrift von Modena 
C. I. L. XI, 826; also fallt Postamas Abfall sicher in oder vor dieses Jahr. Da die 
Gefangennahme des Tetrieos nicht wohl spüter als 272, nnmittelbar nach der 
zweiten Expedition gegen Zenobia, angesetzt werden kaaa and die drei gallischen 
Herrseber Postamus 10, Victorinas 2 (Eatropias 9, 9), Tetricas 2 (Victor 35) 
Jahre regiert haben, so bringt dies Postamas Abfall etwa aaf 259; doch sind 
dergleichen Zahlen h'äofig etwas verschoben. Wenn die Dauer der Ger- 
manenzage in Spanien unter Gallienas auf 12 Jahre bestimmt wird (Orosius 
7, 41, 2), so seheint dies nach der hieronymiscben Chronik oberflächlich be* 
rechnet zu sein. Die üblichen genauen Zahlen sind nnbeglaubigt und täuschend. 



152 ACHTES BCCfh KAPITEL IV. 

der damalige Hemjcher Galliens Tetricus, seiner undankbaren Rolle 
müde, selbst dazu gethan hatte, dals seine Truppen sich dem ?om 
römischen Senat anerkannten Kaiser Aurelianus unterwarfen, konnte 
wieder daran gedacht werden den Germanen zu wehren. Den Zügen der 
Alamannen, die fast ein Jahrzehend hindurch das obere Italien bis nach 
Ravenna hinab heimgesucht hatten, setzte derselbe tüchtige Herrscher, 
der Gallien wieder zum Reich gebracht hatte, für lange Zeit eio Ziel 
und schlug an der oberen Donau nachdrücklich einen ihrer Stimme, 
die Juthungen. Hätte sein Regiment Dauer gehabt, so würde er wohl 
auch in Gallien den Grenzschutz erneuert haben ; nach seinem baldigen 
und jähen Ende (275) überschritten die Germanen abermals den Rhein 
PiobM. und verheerten weit und breit das Land. Sein Nachfolger Probus (seit 
276), auch ein tüchtiger Soldat, warf sie nicht blofs wieder hinaus — 
siebzig Städte soll er ihnen abgenommen haben — , sondern ging auch 
wieder angreifend vor, überschritt den Rhein und trieb die Deutschen 
über den Neckar zurück; aber die Linien der früheren Zeit erneuerte 
er nicht ^), sondern begnügte sich an den wichtigeren Rheinpositionen 
Brückenköpfe auf dem anderen Ufer einzurichten und zu besetzen — 
das heilst er kam etwa auf die Einrichtungen zurück, wie sie hier vor 
Vespasian bestanden hatten. Gleichzeitig wurden durch seine Feld- 
herren in der nördlichen Provinz die Franken niedergeschlagen. Grofse 
Massen der überwundenen Germanen wurden als gezwungene Ansiedler 
nach Gallien und vor allem nach Britannien gesandt In dieser Weise 
wurde die Rheingrenze wieder gewonnen und auf das spätere Kaiser- 
reich übertragen. Freilich war wie die Herrschaft am rechten Rhein- 
ufer so auch der Friede am linken unwiderbringlich dahin. Drohend 
standen die Alamannen gegenüber Basel und Straüsburg, die Franken 
gegenüber Köln. Daneben melden sich andere Stämme. DaDs auch die 
Burgundionen, einst jenseit der Elbe sefshaft, westwärts vorrückend 
bis an den oberen Main, Gallien bedrohen, davon ist zuerst unter Kaiser 
Probus die Rede; wenige Jahre später beginnen die Sachsen in Ge- 

^) Nach dem Biographen c. 14. 15 hat Probus die Germaoea des rechtea 
Rheioofers io Abhäogigkeit gebracht, so daTs sie dea Römero tributpflich|ig 
sind und die Grenze für sie vertheidigen {omnes iam barbari vobU arowt^ 
vobis iam serviunt et oatära interiores gentes mäütmt)] das Recht der Waffen- 
fdhning wird ihnen vorläufig gelasseo, aber daran gedacht bei weiteren Erfolgen 
die Grenze vorzuscliieben und eine Provioz Germanien einzurichten. Auch 
als freie Phantasien eines Römers des vierten Jahrhunderts — mehr ist es 
nicht — haben diese Aeufserungen ein gewisses Interesse. 



DAS RÖMISCHE GERMANIEN UND DIE FREIEN GERMANEN. 153 

meinschaft mit den Franken ihre Angriffe zur See auf die gallische 
Nordküste wie auf das römische Britannien. Aber unter den grö&ten- 
theils t&chtigen und fähigen Kaisern des diocletianisch-constantinischen 
Hauses und noch unter den nächsten Nachfolgern hielt der Römer die 
drohende Völkerfluth in gemessenen Sdiranken. 

Die Germanen in ihrer nationalen Entwickelung darzustellen ist .Romau- 

, lizuDfr a6r 

nicht die Aufgabe des Geschichtschreibers der Römer; f&r ihn er- Gomuneo. 
scheinen sie nur hemmend oder auch zerstörend. Eine Durchdringung 
der beiden Nationalitäten und eine daraus hervorgebende Mischcultur, 
wie das romanisirte Keltenland, hat das römische Germanien nicht auf- 
zuweisen oder sie fallt für unsere Auffassung mit der römisch-gallischen 
um so mehr zusammen, als die längere Zeit in römischem Besitz ge- 
bliebenen germanischen Gebiete auf dem linken Rheinufer durchaus 
mit keltischen Elementen durchsetzt waren und auch die auf dem 
rechten, ihrer ursprünglichen Bevölkerung gröfstentbeils beraubt, die 
Mehrzahl der neuen Ansiedler aus Gallien erhielten. Dem germanischen 
Element fehlten die communalen Gentren, wie sie das Keltenthum zahl- 
reich besafs. Theils deswegen, theils in Folge äufserer Umstände konnte, 
wie schon hervorgehoben worden ist (S. 92), in dem germanischen 
Osten das römische Element sich eher und voller entwickeln als in den 
keltischen Gegenden. Von wesentlichem Einflufs darauf sind die 
Heerlager der Rheinarmee geworden , die alle auf das römische Ger- 
manien fallen. Die grösseren derselben erhielten theils durch die Ebndels- 
laute, die dem Heere sich anschlössen, theils und vor allem durch die 
Veteranen, die in ihren gewohnten Quartieren auch nach der Entlassung 
verblieben, einen städtischen Anhang, eine von den eigentlichen Militär- 
quartieren gesonderte Budenstadt {canabae); überall und namentlich in 
Germanien sind aus diesen bei den Legionslagem und besonders den 
Hauptquartieren mit der Zeit eigentliche Städteerwachsen. An der Spitze 
steht die römische Ubierstadt, ursprünglich das zweitgröfste Lager der 
niederrheinischen Armee, dann seit dem J. 50 römische Colonie (S.90) 
und von bedeutendster V^irksamkeit für die Hebung der römischen Civili- 
sation im Rheinland. Hier wich die Lagerstadt der römischen Pflanz- 
stadt; späterhin erhielten ohne Verlegung der Truppen Stadtrecht die zu 
den beiden groljBen unterrheinischen Lagern gehörenden Ansiedlungen 
Ulpia Noviomagus im Bataverland und Ulpia Traiana bei Vetera durch 
Traianus, im dritten Jahrhundert die Militärhauptstadt Obergermaniens 
Mogontiacum. Freilich haben diese Civilstädte neben den davon unab- 



154 ACHTES BUCH. KAPITEL IT. 

hängigen militärischen Yerwaltungscentren immer eine untergeordnete 
Stellung behalten. 
Gmlä- Blicken wir über die Grenze hinüber, wo diese Erzählung ab- 

■irang. schlieljst, SO begegnet uns allerdings anstatt der Romanisirung der Ger« 
manen gewissermaljBen eine Germanisirung der Romanen. Die letzte 
Phase des römischen Staats ist bezeichnet durch dessen Barbarisirung 
und speciell dessen Germanisirung; und die Anfange reichen weiter 
zurück. Sie beginnt mit der Bauerschafi in dem Colonat, geht weiter 
zu der Truppe, wie Kaiser Severus sie gestaltete, erfafst dann die Offi- 
ziere und Beamte und endigt mit den römisch-germanischen Misch- 
staaten der Westgothen in Spanien und Gallien, der Vandalen in Africa, 
vor allem dem Italien Theoderichs. Für das Verständnils dieser letzten 
Phase bedarf es allerdings der Einsicht in die staatliche Entwickelung 
der einen wie der anderen Nation. Freilich steht in dieser Beziehung 
die germanische Forschung insofern im Nachtheil, als die staatlichen Ein- 
richtungen, in welche diese Germanen dienend oder mitherrschend ein- 
traten, wohl bekannt sind, weit besser als die pragmatische Geschichte 
der gleichen Epoche, während über den gleichzeitigen germanischen 
Zuständen jenes Morgengrauen liegt, in welchem die scharfen Umrisse 
verschwimmen. Das deutsche Ileidenthum ist, vom fernen Norden 
abgesehen, Tor der Zeit unserer Kunde untergegangen und die 
religiösen Elemente, welche in keinem Volkskrieg fehlen, kennen wir 
wohl für die Sassaniden, aber nicht für die Marcomanen. Die 
Anfange der staatlichen Entwickelung der Germanen schildert uns 
theils die schillernde und in der Gedankenschablone des sinkenden 
Alterthums befangene, die eigentlich entscheidenden Momente nur zu 
oft verschweigende Darstellung des Tacitus, theils müssen wir sie den 
auf ehemals römischem Boden entstandenen überall mit römischen Ele- 
menten durchsetzten Zwitterstaaten entnehmen. Wie das Volk und 
der Völkerbund, wie König und Adel, wie Freiheit und Unfreiheit in 
denjenigen Kreisen gestaltet waren, aus denen Arminius und Theoderich 
hervorgegangen sind, das liegt uns nicht mit der gleichen Bestimmt- 
heit und Schärfe vor, wie die gleichzeitigen Verh^tnisse der altern- 
den Civilisation, mit welcher jene Jugendkraft rang und mit der gemein- 
schafüich sie, überwindend und überwunden, die neuere Culturwelt 
ins Leben rief. Wie immer die Forschung versuchen möge auch in die 
germanischen Anfänge die Fackel zu tragen, unsere Anschauung wird 
die beiden Gegner niemals mit gleicher Anschaulichkeit erfassen. 



KAPITEL V. 



BRITANNIEN. 

Siebenandneunzig Jahre waren vergangen , seitdem römische o«mu and 
Truppen das groÜBe Inselland im nordwestlichen Ocean betreten und ^itSn!*^ 
unterworfen und wiederum verlassen hatten, bevor die römische Re- 
gierung sich entschlofs die Fahrt zu wiederholen und Britannien 
bleibend zu besetzen. Allerdings war Caesars britannische Expedition 
nicht bloXis, wie seine Züge gegen die Germanen, ein defensiver Vorsto6 
gewesen. So weit sein Arm reichte, hatte er die einzehien Völker- 
schaften reichsunterthSnig gemacht und ihre Jahresabgabe an das 
Reich hier wie in Gallien geordnet. Auch die führende Völkerschaft, 
welche durch ihre bevorzugte Stellung fest an Rom geknüpft und 
somit der Stützpunkt der römischen Herrschaft werden sollte, war 
gefunden: die Trinovanten (Essex) sollten auf der keltischen Insel 
dieselbe mehr vortheilhafte als ehrenvolle Rolle übernehmen wie auf 
dem gallischen Continent die Haeduer und die Remer. Die blutige 
Fehde zwischen dem Fürsten Cassivellaunus und dem Fürsten- 
haus von Camalodunum (Ck)lchester) hatte unmittelbar die römische 
Invasion herbeigeführt; dieses wieder einzusetzen, war Caesar ge- 
landet und der Zweck ward für den Augenblick erreicht. Ohne 
Zweifel hat Caesar sich nie darüber getäuscht, dafs jene Tribute ebenso 
vne diese Schutzherrschaft zunächst nur Worte waren; aber diese 
V^orte waren ein Programm, das die bleibende Besetzung der Insel 
durch römische Truppen herbeiführen mufste und herbeifähren sollte. 

Caesar selbst kam nicht dazu die Verhältnisse der unterworfenen 
Insel bleibend zu ordnen; und für seine Nachfolger war Britannien 
eine Verlegenheit. Die reichsunterthänig gewordenen Britten ent- 
richteten den schuldigen Tribut gewifs nicht lange, vielleicht überhaupt 
niemals; das Protectorat über die Dynastie von Camalodunum wird 



156 ACHTES BUCH. EAPITEL V. 

noch weniger respectirt worden sein und hatte lediglich zur Folge, dafs 
Fürsten und Prinzen dieses Hauses wieder und wieder in Rom er- 
schienen und die Intervention der römischen Regierung gegen Nach- 
baren und Rivalen anriefen — so kam König Dubnovellaunus, wahrschein- 
lich der Nachfolger des von Caesar bestätigten Trinovantenfürsten, als 
Flüchtling nach Rom zu Kaiser Augustus, so später einer der Prinzen 
desselben Hauses zu Kaiser Gaius^). 

In der That war die Expedition nach Rritannien ein nothwendiger 
Theil der caesarischen Erbschaft; es hatte auch schon während der 
Zweiherrschaft Caesar der Sohn zu einer solchen einen Anlauf ge- 
nommen und nur davon abgesehen wegen der dringenderen Noth- 
wendigkeit in Ulyricum Ruhe zu schaffen oder auch wegen des ge- 
spannten Verhältnisses zu Antonius, das zunächst den Parthern sowohl 
wie den Rritannern zu Statten kam. Die höfischen Poeten aus 
Augustus früheren Jahren haben die britannische Eroberung viel- 
fach anticipirend gefeiert; das Programm Caesars also nahm der 
Nachfolger an und auf. Als dann die Monarchie feststand, erwartete 
ganz Rom , daüis der Beendigung des Bürgerkrieges die britannische 
Expedition auf dem Fulse folgen werde; die Klagen der Poeten über 
den schrecklichen Hader, ohne welchen längst die Britanner im Sieges- 
zug zum Capitol geführt worden wären, verwandelten sich in die stolze 
Hoffnung auf die neu zum Reich hinzutretenden Provinz Britannien. 
s7 Die Expedition wurde auch zu wiederholten Malen angekündigt (727. 



1) Allem Aoflcheia nach siod die politischeo Relttionea zwisohen Ron 
uod BriUnoieD io der Zeit vor der Eroberao^ weseotlich aaf das von Caesar 
wiederhergestellte uod garantirte (b. 6. 5, 22) Fürstenthum der TrioovaoteD za 
beziehen. Dafs König Doboovellauous, der nebst einem andern ganz anbe- 
kannten Britannerfdrsten bei Angostus Schatz sachte, hauptsächlich in Essez 
herrschte, zeigen seine Münzen (mein mon. Ancyr. 2. Aosg. p. 138 fg.). Die bri- 
tannischen Fürsten, die den Augustus beschickten und seine Oberherrschaft 
anerkannten (denn so scheint Strabon A, 5, 8 p. 200 gefafst werden zu müssen; vgl. 
Tacitus ann. 2, 24), haben wir auch zunächst dort zu suchen. Gunobelinus, 
nach den Münzen der Sohn des Königs Tasciovanus, von dem die Geschichte 
schweigr, gestorben, wie es scheint bejahrt, zwischen 40 und 43, im Regiment 
also wahrscheinlich dem späteren des Augustus und denen 6ea Tiberius 
und Gaius parallel gehend, residirte in Gamalodunnm (Dio 60, 21); um 
ihn und um seine Söhne dreht sich die Vorgeschichte der Invasion. Wohin 
Bericus, der zum Claudius kam (Dio 60, 19), gehört, wissen wir nicht, und es 
mögen auch andere brittische Dynasten dem Beispiel derer von Col ehester 
gefolgt sein; aber an der Spitze stehen diese. 



BRITAIfNIEN. 157 

728); dennoch stand AugnstuSt ohne das Unternehmen förmlich fallen se 
zu lassen^ bald von der Durchführung ab, und Tiberius hielt seiner 
Maxime getreu auch in dieser Frage an dem System des Vaters fest^). 
Die nichtigen Gedanken des letzten julischen Kaisers schweiften wohl 
auch über den Ocean hinüber; aber ernste Dinge vermochte er nicht 
einmal zu planen. Erst die Regierung des Claudius nahm den Plan 
des Dictators wieder auf und fährte ihn durch. 

Welche Motive nach der einen wie nach der andern Seite hin be- Du For na« 
stimmend waren, laust sich theilweise wenigstens erkennen. Augustus 'B<iUtrang 
selbst hat geltend gemacht, dafs die Besetzung der Insel militärisch "^^ 
nicht nöthig sei, da ihre Bewohner nicht im Stande seien die Römer 
auf dem Continent zu belästigen, und für die Finanzen nicht vortbeil- 
hall; was aus Britannien zu ziehen sei, fliefse in Form des Einfuhr- und 
Ausfuhrzolles der gallischen Häfen in die Kasse des Reiches; alsBesatzung 
werde wenigstens eine Legion und etwas Reiterei erforderlich sein und 
nach Abzug der Kosten derselben von den Tributen der Insel nicht 
viel übrig bleiben '). Dies alles war unbestreitbar richtig, ja noch 
keineswegs genug; die Erfahrung erwies später, dal« eine Legion 
bei weitem nicht ausreichte, um die Insel zu halten. Hinzuzunehmen 
ist, was die Regierung zu sagen allerdings keine Veranlassung hatte, 
dafs bei der Schwäche des römischen Heeres, wie sie durch die in- 
nere Politik Augusts einmal herbeigeführt war, es sehr bedenklich 
erscheinen mufste einen erheblichen Bruchtheii desselben ein für alle- 
mal auf eine ferne Insel des Nordmeers zu bannen. Man hatte ver- 
muthlich nur die Wahl von Britannien abzusehen oder defswegen das 
Heer zu vermehren; und bei Augustus hat die Rücksicht auf die innere 
Politik stets die auf die äufsere überwogen. 

Aber dennoch mufs die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit 
der Unterwerfung Britanniens bei den römischen Staatsmännern vor- 
gewogen haben. Caesars Verhalten würde unbegreiflich sein, wenn 
man sie nicht bei ihm voraussetzt. Augustus hat das von Caesar ge- 



') Tacitos Agr. 13: cansiUum id divus AugUMtus voeabat, Tiberius 
praeeeptum. 

s) Die AaseiDaDdersetzung bei Straboo 2, 5, 8 p. 115. 4, 5, 3 p. 200 giebt 
offeDbar die goavernemeotale Version. Dafs oach ßiaxiehoog der losel der 
freie Verkebr ond damit der Ertrag der Zölle siokea werde, mufs wohl als 
EiDgeständairs des Satzes genomineD werden, dafs die römische Herrschaft nnd 
die römischea Tribute dea Wohlstsod^der Uaterthaoeo herabdrückten. 



158 ACHTES BUCH. KAPITEL Y. 

Steckte Ziel trotz seiner Unbequemlichkeit zaerst f5rmlich anerkannt 
und niemals förmlich yerkugnet Gerade die weitsichtigsten und 
folgerichtigsten Regierungen, die des Claudius, des Nero, des Domitian 
haben zu der Eroberung Britanniens den Grund gelegt oder sie er- 
weitert; und sie ist, nachdem sie erfolgt war, nie betrachtet worden 
wie etwa die traianische Ton Dacien und Mesopotamien. Wenn die 
sonst so gut wie unyerhrüchlich festgehaltene Regterungsmaxime, dafs 
Aaft römische Reich seine Grenzen nur zu erfüllen, nicht aber auszu- 
dehnen baha» allein in Betreff Britanniens dauernd bei Seite gesetzt 
worden ist, so liegl die Ursache darin, dafs die Kelten so, wie Roms In- 
teresse es erheischte, auf teil Gonttnent aliein nicht unterworfen wer- 
den konnten. Diese Nation war aBam Anschein nach durch den schma- 
len Meeresarm, der England uud Frankrtich trennt, mehr Terbunden 
als geschieden; dieselben Völkemamen begegMO h&ben und drüben; 
die Grenzen der einzelnen Staaten griffen öfter über den Kanal hin- 
über; der Hauptaitz des hier mehr wie irgendwo sonst das ganze 
Volksthum durchdringenden Priestertbums waren tob je her die In- 
sehi der Nordsee. Den römischen Legionen das Festland Galliens zu 
entreüaen vermochten diese Insulaner fk^ilich nicht; aber wenn der 
Eroberer Galliens selbst und weiter die römische Regierung in Gallien 
andere Zwecke yerfolgte als in Syrien und Aegypten, wenn die Kel- 
ten der italischen Nation angegliedert werden sollten, so war diese 
Aufgabe wohl uaausführbar, so lange das imterworfene und das freie 
Keltengebiet über das Meer hin sich berührten und der Römerfeind wie 
der römische Deserteur in Britannien eine Freistatt tand^). Znnichsl 
genügte dafür schon die Unterwerfung der Südküste, obwohl die 
Wirkung natürlich sich steigerte, je weiter das freie Keltengebiet 
zurückgeschoben ward. Claudius besondere Rücksicht auf seine gallische 
Heimath und seine Kenntnifs gallischer Verhältnisse mag auch hierbei 
mit im Spiel gewesen sein'). Den Anlafs zum Kriege gab, dals eben 

AU Ursache des Krieges giebt Sneton Claud. 17 ao: Brüamdam tunc 
tumvUuanietn ob non reddüos tränt fugoM; was 0. Hirschfeld mit Recht ia 
Verblödung bringt mit Gai. 44: j4dmmi6 CunoMUM Britannorum regia jUto, 
qtn puUus a patre cum exigua manu iran^fugerat^ in dediUoMm reoepto. 
Mit den tumuttari werden wohl wenigstens beabsichtigte Pi'djiderfahrtea nach 
der gallischen Küste gemeint sein. Um den Bericus (Die 60, 19) ist der Krieg 
gewifs nicht geführt worden. 

>) Bbeoso war Mona nachher receptaeulum perftigarum (Tacitns ann. 
14, 29). 



BRITAMNIEIf. 159 

dasjenige Fürstenthum , welches von Rom in einer gewissen Ab- 
hängigkeit stand, unter der Führung seines Königs Cunobelinus — es 
ist dies Shakespeares Gyrobeline — seine Herrschaft weit ausbreitete^) 
und sich von der römischen Schutzherrschaft emancipirte. Einer der 
Söhne desselben, Adminius, der gee&a den Vater ntk H^riahii hftUe» 
kam schutzbegahPRRf zum Kaiser Galus, und darüber, dais dessen 
NacMb^r sich weigerte dem brittischen Herrscher diese seine Unter- 
thanen auszuliefern, entspann sich der Krieg zunächst gegen den Vater 
und die Brüder dieses Adminius. Der eigentliche Grund desselben 
freilich war der unerläfsliche Abschluls der Unterwerfung einer bisher 
nur halb besiegten eng msammenhaltenden Nation. 

Dafs die Besetzung Britanniens nicht erfolgen könne ohne gleich- MuitArbeho 
zeitige Vermehrung des stehenden Heeres, war auch die Ansicht der- oidniiagQn 
jenigen Staatsmänner, die sie yeranlafsten; es wurden drei der M^^n^der 
Rhein-, eine der Donaulegionen dazu bestimmt'), gleichzeitig aber zwei '°**^' 
neu errichtete Legionen den germanischen Heeren zugetheilt Zum 
Führer dieser Expedition und zugleich zum ersten Statthalter der Pro- 
vinz wurde ein tüchtiger Soldat, Aulus Plautius ausersehen; sie ging 
im J. 43 nach der Insel ab. Die Soldaten zeigten sich schwierig, 
wohl mehr wegen der V^bannung auf die ferne Insel als aus 
Furcht vor dem Feinde. Einer der leitenden Männer, vielleicht die 
Seele des Unternehmens, der kaiserii«^e Kabinetssecretär Narcissus 
wollte ihnen Huth einsprechen — sie liefsen den Sclaven vor höhnen- 
dem Zuruf nicht zu Worte kommen, aber thaten wie er wollte und 
schifften sich ein. 

Besondere Schwierigkeit hatte die Besetzung der Insel nicht. Die veriMf a« 
Eingeborenen standen politisch wie militärisdi auf derselben niedrigen ^°^ 
Entwickelungsstufe, welche Caesar auf der Insel vorgefunden hatte. 
Könige oder Königinnen regierten in den einzelnen Gauen, die kein 
äufseres Band zusammenschlols und die in ewiger Fehde mit einander 

*) Tacitas aon. 12, 37: pltaribus gentibuM imperitantem, 
*) Die drei Legioneo vom Rheio siod die 2. Aofrasta, die 14. und 
die 20.; ans PaoDOoieo kam die 9. spaniaehe. Dieselbea Tier Leipiooeo 
aUodeo dort noch zu AalaDg der Regieruos Vespasiaas; dieaer rief die 14. 
ab zum Kriege ^tgen Givilia nod diese kam Dicht zorück, dafür aber wahr- 
acheiolich die 2. adintrix. Diese ist vermathlich voter Domitiao nach Pan- 
DODien verlegt, uater Hadriao die 9. aufgelöst und dareh die 6. victrix ersetzt 
worden. Die beiden anderen Legionen 2. Angusta und 20. haben vom Anfang 
bis zum Ende der Römerherrschaft in England gestanden. 



160 ACHTES BUCH. KAPITEL Y. 

lagen. Die Mannschaften waren wohl von ausdauernder Körperkraft 
und von todesverachtender Tapferkeit und namentlich tüchtige Reiter. 
Aber der homerische Streitwagen, der hier noch eine Wirklichkeit war 
und auf dem die Färsten des Landes selber die Zügel führten, hielt den 
geschlossenen römischen Reiterschwadronen ebenso wenig Stand wie 
der Infanterist ohne Panzer und Helm, nur durch den kleinen Schild 
vertheidigt, mit seinem kurzen Wurfspiess und seinem breiten Schwert 
im Nahkampf dem kurzen römischen Messer gewachsen war oder 
gar dem schweren Pilum des Legionars und dem Scfaleuderblei und 
dem Pfeil der leichten römischen Truppen. Der Heermasse von etwa 
40 000 wohlgeschulten Soldaten hatten die Eingebomen überall keine 
entsprechende Abwehr entgegen zu stellen. Die Ausschiffung traf 
nicht einmal auf Widerstand; die Britten hatten Kunde yon der 
schwierigen Stimmung der Truppen und die Landung nicht mehr er- 
wartet König Cunobelinus war kurz vorher gestorben; die Gegenwehr 
fahrten seine beiden Söhne Caratacus und Togodumnus. Der Marsch 
des Invasionsheeres ward sofort auf Camalodunum gerichtet^) und in 
raschem Siegeslauf gelangte es bis an die Themse; hier wurde Halt 
gemacht, vielleicht hauptsächlich um dem Kaiser die Gelegenheit zu 
geben den leichten Lorbeer persönlich zu pflücken. Sobald er eintraf, 
ward der Fluüs überschritten, das brittische Aufgebot geschlagen, wobei 
Togodumnus den Tod fand, Camalodunum selber genommen. Wohl 
setzte der Bruder Caratacus den Widerstand hartnäckig fort und ge- 
wann sich siegend oder geschlagen einen stolzen Namen bei Freund 
und Feind; aber das Vorschreiten der Römer war dennoch unaufhalt- 
sam. Ein Fürst nach dem andern ward geschlagen und abgesetzt — 
elf brittische Könige nennt der Ehrenbogen des Claudius als von ihm 
besiegt; und was den römischen Waffen nicht erlag, das ergab 
sich den römischen Spenden. Zahlreiche vornehme Manner nahmen 
die Besitzungen an, die auf Kosten ihrer Landsleute der Kaiser ihnen 
verlieh; auch manche Könige fugten sich in die bescheidene Lehn- 
stellung, wie denn der der Regner (Chichester) Cogidumnus und der der 
Icener (Norfolk) Prasutagus eine Reihe von Jahren als Lehnfärsten 
die Herrschaft gefuhrt haben. Aber in den meisten Districten der bis 

') Die uur auf bedeokliche EmendatiooeD gestützte Identification der 
Bodoner nnd Gatnellaner bei Dio 60, 20 mit Völkerschaften ähnlichen Namens 
bei Ptolemaens kann nicht richtig sein ; diese ersten Kampfe müssen zwischen 
der Küste und der Themse stattf^efunden haben. 



BRITANZOEN. 161 

dahin durchgängig monarchisch regierten Insel führten die Eroberer 
ihre Gemeindererfassung ein und gaben was noch zu verwalten blieb 
den örtlichen Vornehmen in die Hand ; was denn freiUch schlimme 
Parteiungen und innere Zerwüritaisse im Gefolge hatte. Noch unter dem 
ersten Statthalter scheint das gesammte Flachland bis etwa zum Humber 
hinauf in römische Gewalt gekommen zu sein; die Icener zum Beispiel 
haben bereits ihm sich ergeben. Aber nicht blofs mit dem Schwert bahn- 
ten die Römersich den Weg. Unmittelbar nach der Einnahme wurden 
nach Camalodunum Veteranen geführt und die erste Stadt römischer 
Ordnung und römischen Burgerrechts, die 'daudische Siegescolonie' 
in Britannien gegründet, bestimmt zur Landeshauptstadt Unmittelbar 
nachher begann auch die Ausbeutung der britannischen Bergwerke, 
namentlich der ergiebigen Bleigruben; es giebt britannische Blei- 
barren aus dem sechsten Jahre nach der Invasion. Offenbar hat in 
gleicher Schleunigkeit der Strom römischer Kaufleute und Industrieller 
sich über das neu erschlossene Gebiet ergossen; wenn Camalodunum 
römische Colonisten empfing, so bildeten anderswo im Süden der Insel 
namentlich an den warmen Quellen der Sulis (Bath), in Verulamium 
(St. Albans nordwestlich von London) und vor allem in dem natür- 
lichen Emporium des Grofsverkehrs, in Londinium an der Themse- 
mündung bloüs in Folge des freien Verkehrs und der Einwanderung sich 
römische Ortschaften, die bald auch formell städtische Organisation 
erhielten. Die vordringende Fremdherrschaft machte nicht blols in den 
neuen Abgaben und Aushebungen, sondern vielleicht mehr noch in 
Handel und Gewerbe überall sich geltend. Als Plautius nach vierjähriger 
Verwaltung abberufen ward, zog er, der letzte Private, der zu solcher 
Ehre gelangt ist, triumphirend in Rom ein und Ehren und Orden 
strömten herab auf die Offiziere und Soldaten der siegreichen Legionen; 
dem Kaiser wurden in Rom und danach in anderen Städten Triumph- 
bogen errichtet wegen des 'ohne irgend welche Verluste' errungenen 
Sieges; der kurz vor der Invasion geborene Kronprinz erhielt anstatt 
des grofsväteriichen den Namen Britanniens. Man wird hierin die un- 
militärische, der Siege mit Verlust entwöhnte Zeit und die der politi- 
schen Altersschwäche angemessene UeberschwengUchkeit erkennen 
dürfen; aber wenn die Invasion Britanniens vom militärischen Stand- 
punct aus nicht viel bedeuten will, so mufs doch den leitenden Männern 
dasZeugnifs gegeben werden, dafs sie das Werk in energischer und folge- 
richtiger Weise angriffen und die peinliche und gefahrvolle Zeit des 

Momma«ii, rOm. GMohiohte. V. \[ 



In W««t- 



162 ACHTES BUCH. KAPITEL V. 

Uebergangs yon der Unabhängigkeit zur Fremdherrschaft in Britannien 
eine ungewöhnlich kurze war. 

Nach dem ersten raschen Erfolg freilich entwickelten auch hier 
sich die Schwierigkeiten und selbst die Gefahren, welche die Besetzung 
der Insel nicht blois den Eroberten brachte, sondern auch den Er- 
oberem. 

Des Flachlandes war man Herr, aber nicht der Berge noch des 
Meeres. Vor allem der Westen machte den Römern zu schaffen. Zwar 
im äuDsersten Südwest, im heutigen Com wall hielt sich das alte Volks- 
thum wohl mehr, weil die Eroberer sich um diese entlegene Ecke 
wenig kümmerten als weil es geradezu sich gegen sie auflehnte. Aber 
die Siluren im Süden des heutigen Wales und ihre nördhchen Nach- 
baren, dieOrdoviker, trotzten beharrlich den römischen Waffen; die den 
letzteren anliegende Insel Mona (Anglesey) war der rechte Heerd der 
nationalen und religiösen Gegenwehr. Nicht die Bodenverhältnisse 
allein hemmten das Vordringen der Römer; was Britannien für Gallien 
gewesen, das war jetzt für Britannien und insbesondere für diese 
Westküste die groJfoe Insel Ivemia; die Freiheit drüben lie6 die 
Fremdherrschaft hüben nicht feste Wurzel fassen. Deutlich erkennt 
man an der Anlegung der Legionslager, dals die Invasion hier zum 
Stehen kam. Unter Plautius Nachfolger wurde das Lager für die vier- 
zehnte Legion am EinfluTs des Tern in den Sevem bei Viroconium 
(Wroxeter unweit Shrewsbury^) angelegt,) vermuthlich um dieselbe Zeit 
südlich davon das von Isca (Caerieon = castra legionü) für die zweite, 
nördlich das von Deva (Chester = casira) für die zwanzigste ; diese 
drei Lager schlössen das wallisische Gebiet ab gegen Süden, Norden und 
Westen und schützten also das befriedete Land gegen das firei ge- 
bliebene Gebirge. Dorthin warf sich, nachdem seine Heimath römisch 
geworden war, der letzte Fürst von Camalodunum Caratacus. Er wurde 

^) Tacitns aon. 12, 31: (P, Ostoruu) cuncta castris ad.,ntonam (aber* 
liefert ist eattris antonam) et Sabrinam fluvios cohibere parat. So ist hier 
herzustelleo, nur dafs der sonst nicht überlieferte Name des Flosses Tern 
nieht eripänzt werden kaoo. Die eiazigea io England gefundenen Inschriften 
von Soldaten der 14. Legion, die vnter Nero England verliefs, sind in Wroxeter, 
dem sogenannten 'englischen Pompeii', znm Vorschein gekommen. Da dort sich 
anch die Grabschrift eines Soldaten der 20. gefanden hat, war das von Tacitos 
bezeichnete Lager vielleicht anfanglich beiden Legionen gemeinsam und^ ist die 
20. erst sp&ter nach Deva gekommen. Dafs das Lager bei Isca gleich nach 
der Invasion angelegt ward; geht ans Tacitos 12, 32. 38 hervor. 



BRITANNIEN. 163 

von dem Nachfolger des Plautius, Publius Ostorius Scapula im Ordo- 
yikergebiet geschlagen und bald darauf von den geschreckten Briganten, 
zu denen er geflüchtet war, den Römern ausgeliefert (51) und mit all 
den Seinen nach Italien geführt. Verwundert fragte er, als er die stolze 
Stadt sah, wie es die Herren solcher Paläste nach den armen Hütten 
seiner Heimath verlangen könne. Aber damit war der Westen keines- 
wegs bezwungen; die Siluren vor allem verharrten in hartnäckiger 
Gegenwehr, und dafs der römische Feldherr ankündigte, sie bis auf den 
letzten Mann ausrotten zu wollen, trug auch nicht dazu bei sie fügsamer 
zu machen. Der unternehmende Statthalter Gaius Suetonius Paullinus 
versuchte einige Jahre später (61) den Hauptsitz des Widerstandes, die 
Insel Mona in römische Gewalt zu bringen und trotz der wüthenden 
Gegenwehr, welche ihn hier empfing und in der die Priester und die 
Weiber vorangingen, fielen die heiligen Bäume, unter denen mancher 
römische Gefangene geblutet hatte, unter den Aexten der Legionare. 
Aber aus der Besetzung dieses letzten Asyls der keltischen Priesterschaft 
entwickelte sich eine gefahrliche Krise in dem unterworfenen Gebiete 
selbst, und die Eroberung Monas zu vollenden war dem Statthalter 
nicht beschieden. 

Auch in Britannien hatte die Fremdherrschaft die Probe der Boadi«M. 
nationalen Insurrection zu bestehen. Was Mithradates in Kleinasien, 
Vercingetorix bei den Kelten des Continents, Civilis bei den unter- 
worfenen Germanen unternahmen, das versuchte bei den Inselkelten 
eine Frau, die Gattin eines jener von Rom bestätigten Vasallen- 
fQrsten, die Königin der Icener Boudicca. Ihr verstorbener Gatte 
hatte, um seiner Frau und seiner Töchter Zukunft zu sichern, seine 
Herrschaft dem Kaiser Nero vermacht, sein Vermögen zwischen ihm 
und den Seinigen getheilt. Der Kaiser nahm die Erbschaft an, aber was 
ihm nicht zufallen sollte, dazu; die forstlichen Vettern wurden in 
Ketten gelegt, die Wittwe geschlagen, die Töchter in schändUcherer 
Weise mifshandelt. Dazu kam andere Unbill des späteren neronischen 
Regiments. Die in Camalodunum angesiedelten Veteranen jagten die 
früheren Besitzer von Haus und Hof, wie es ihnen beliebte, ohne dafs 
die Behörden dagegen einschritten. Die vom Kaiser Claudius verliehenen 
Geschenke wurden als vnderrufliche Gaben eingezogen. Römische 
Minister, die zugleich Geldgeschäfte machten, trieben auf diesem Wege 
die britannischen Gemeinden eine nach der anderen zum Bankerott. 
Der Moment war günstig. Der mehr tapfere als vorsichtige Statthalter 

11* 



164 ACHTES BUCH. KAPITEL ▼. 

PattlUnuß befand sich, wie gesagt wurde, mit dem Kern der römi- 
schen Armee auf der entlegenen Insel Mona, und dieser Angriff auf 
den heiligsten Sitz der nationalen Religion erbitterte ebenso die Ge- 
müther wie er dem Aufstande den Weg ebnete. Der alte gewaltige 
Keltenglaube, der den Römern so viel zu schaffen gemacht, loderte 
noch einmal, zum letzten Mal, in mächtiger Flamme empor. Die 
geschwächten und weitgetrennten Legionslager im Westen und im 
Norden gewährten dem ganzen Südosten der Insel mit seinen auf- 
blühenden römischen Städten keinen Schutz. Vor allem die Haupt- 
stadt Camalodunum war völlig wehrlos, eine Resatzung nicht yor- 
handen, die Mauern nicht yoUendet, wohl aber der Tempel ihres 
kaiserlichen Stifters, des neuen Gottes Claudius. Der Westen der 
Insel, wahrscheinlich niedergehalten durch die dort stehenden Legionen, 
scheint sich bei der Schilderhebung nicht betheiligt zu haben und 
ebenso wenig der nicht botmäfsige Norden; aber, wie das bei keltischen 
Aufständen öfter vorgekommen ist, es erhob sich im J. 61 auf die 
yereinbarte Losung das ganze übrige unterworfene Gebiet aut einen 
Schlag gegen die Fremden, voran die aus ihrer Hauptstadt vertriebenen 
Trinovanten. Der zweite Refehlshaber, der zur Zeit den Statthalter 
vertrat, der Procurator Decianus Catus, hatte im letzten Augenblick, 
was er von Soldaten hatte, dieser zum Schutz gesandt: es waren 
200 Mann. Sie wehrten sich mit den Veteranen und den sonstigen 
waffenfähigen Römern zwei Tage im Tempel; dann wurden sie über- 
wältigt und was in der Stadt römisch war, umgebracht bis auf den 
letzten. Das gleiche Schicksal erfuhr dasEbuptemporium des römischen 
Handels Londinium (und eine] dritte aufblühende römische Stadt 
Verulamium (St. Albans nordwestlich von London), nicht minder die 
auf der Insel zerstreuten Ausländer — es war eine nationale Vesper 
gleich jener mithradatischen und die Zahl der Opfer — angeblich 
70000 — nicht geringer. Der Procurator gab die Sache Roms ver- 
loren und flüchtete nach dem Continent Auch die römische Armee 
ward in die Katastrophe verwickelt. Eine Anzahl zerstreuter Detache- 
ments und Resatzungen erlag den Angriffen der Insurgenten. 
Quintus Petillius Cerialis, der im Lager von Lindum den Refehl führte, 
marschirte auf Camalodunum mit der neunten Legion; zur Rettung 
kam er zu spät und verlor, von ungeheurer Uebermacht angegriffen, 
in der Feldschlacht sein gesammtes Fulsvolk; das Lager er- 
stürmten die Rriganten. Es fehlte nicht viel, dafs den obersten Feld- 



BRITANNIEN. 165 

herrn das gleiche Schicksal erreichte. Eilig zurückkehrend von der 
Insel Mona rief er die bei Isca stehende zweite Legion heran; aber sie 
gehorchte dem Befehle nicht und mit nur etwa 10000 Mann mufste 
Paullinus den ungleichen Kampf gegen das zahllose und siegreiche 
Iiisurgentenheer aufnehmen. Wenn je der Soldat die Fehler der 
Führung gut gemacht hat, so war es an dem Tage, wo dieser kleine 
Haufen, hauptsächlich die seitdem gefeierte 14. Legion, wohl zu seiner 
eigenen Ueberraschung den vollen Sieg erfocht und die römische Herr- 
schaft in Britannien abermals festigte; viel fehlte nicht, daüs Paul- 
linus Name neben dem des Yarus genannt worden wäre. Aber der 
Erfolg entscheidet, und hier blieb er den Römern^). Der schul- 
dige Commandant der ausgebliebenen Legion kam dem Kriegsgericht 
zuvor und stürzte sich in sein Schwert. Die Königin Boudicca 
trank den Giftbecher. Der übrigens tapfere Feldherr wurde zwar 
nicht in Untersuchung gezogen, wie anfangs die Absicht der Regierung 
zu sein schien, aber bald unter einem schicklichen Vorwand ab- 
gerufen. 

Die Unterwerfung der westlichen Theile der Insel wurde von P|» g r- 
PauUinus Nachfolgern nicht sogleich fortgesetzt Erst der tüchtige wm«- 
Feldherr Sextus lulius Frontinus unter Vespasian zwang die Siluren zur ^'^^^ 
Anerkennung der römischen Herrschaft; sein Nachfolger Gnaeus lulius 

^) Eine schlechtere RelatioD als die des Tacitas über diesen Krieg 
14, 31 — 39 !ist selbst bei diesem aamilitärischstea aller Schriftsteller kaam 
aofzofiodeii. Wo die Truppe d staadcD and wo die Schlachteo geliefert 
worden, höreo wir nicht, dafür aber von Zeichen and Wandern genug und leere 
Worte nar zu viel. Die wichtigen Thatsachen, die im Leben des Agricola 31 
erwähnt werden, fehlen im Hauptbericht, insonderheit die Erst&rmuag des 
Lagers. Dafs Paullinas von Mona konunend nicht bedacht ist die Römer 
im Südosten zu retten, sondern seine Trappen zu vereinigen, begreift sich, 
aber nicht, warum er, wenn er Londiniam aufopfern wollte, defswegen dahin 
narschirt. Ist er wirklich dorthin gekommen, so kann er nur mit einer 
persönlichen Bedeckung ohne das Corps, das er auf Mona bei sich gehabt, dort 
erschienen sein ; was freilich auch keinen Sinn hat. Das Gros der römischen 
Truppen, sowohl der von Mona zurückgeführten wie der sonst noch vorhan- 
denen, kann nach Anfreibung der neunten Legion nur auf der Linie Deva — Viro- 
conium— Isca gestanden haben; Paullinas schlug die Schlacht mit den beiden 
in den beiden eraten dieser Lager stehenden Legionen, der 14. und der (unvoll- 
ständigen) 20. Dafs Paullinns schlug, jweii er schlagen muüste, sagt Dio 62, 
1 — 12, und wenn gleich dessen Erzählung sonst auch nicht gebraucht werden 
kann, um |die des Taoitus zu bessern, so scheint dies durch die Sachlage 
selbst gefordert. 



166 ACHTBS BUCH. KAPITEL Y. 

Agricola führte nach harten Kämpfen mit den Ordovikem das aus, wa» 
Paullinus nicht erreicht hatte, und besetzte im J. 78 die Insel Mona. 
Nachher ist von activem Widerstand in diesen Gegenden nicht die 
Rede; das Lager von Viroconium konnte, wahrscheinlich um diese 
Zeit, aufgehoben, die dadurch frei gewordene Legion im nördlichen 
Britannien verwendet werden. Aber die anderen beiden Legionslager 
von Isca und von Deva sind noch bis in die diocietianische Zeit an 
Ort und Stelle geblieben und erst in dem späteren Besatzungsstand 
Verschwunden. Wenn dabei auch politische Rücksichten mitgewirkt 
haben mögen (S. 174), so ist doch der Widerstand des Westeni» 
wahrscheinlich, vielleicht gestützt auf Verbindungen mit Ivemia, auch 
später noch fortgeführt worden. Dafür spricht femer das völlige Fehlen 
römischer Spuren in dem inneren Wales und das daselbst bis auf den 
heutigen Tag sich behauptende keltische Volksthum. 
UntMw Im Norden bildete den Mittelpunct der römischen Stellung östlich 

^Nord?^ von Viroconium das Lager der neunten spanischen Legion in Lindum 
(Lincoln). 'Zunächst mit diesem berührte sich in Nordengland das 
mächtigste Fürstenthum der Insel, das der Briganten (Yorkshire); es 
hatte sich nicht eigentlich unterworfen, aber die Königin Gartimandu» 
suchte doch mit den Eroberem Frieden zu halten und erwies sich ihnen 
gefügig. Die Partei der Römerfeinde hatte hier im J. 50 loszuschlagen 
versucht, aber der Versuch war rasch unterdrückt worden. Caratacus, 
im Westen geschlagen, hatte gehofft seinen Widerstand im Norden fort- 
führen zu können, aber die Königin lieferte ihn, wie schon gesagt ward, 
den Römern aus. Diese inneren Zwistigkeiten und häuslichen Händel 
müssen dann in dem Aufstand gegen Paullinus, bei dem wir die Bri- 
ganten in einer fahrenden Stellung fanden und der eben die Legion 
des Nordens mit seiner ganzen Schwere traf, mit im Spiel gewesen 
sein.~ Indeds war die römische Partei der Briganten einfluDsreich 
genug, um nach Niederwerfung des Autstandes die Wiederher- 
stellung des Regiments der Cartimandus zu erlangen. Aber einige 
Jahre nachher bewirkte die Patriotenpartei daselbst, getragen durch 
die Losung des Abfalles von Rom, welche während des Bürgerkrieges 
nach Neros Katastrophe den ganzen Westen erfüUte, eine neue Schild- 
erhebung der Briganten gegen die Fremdherrschaft, an deren Spitze 
Cartimandus früherer von ihr beseitigter und beleidigter Gemahl, der 
kriegserfahrene Venutius stand; erst nach längeren Kämpfen bezwang 
Petillius Cerialis das mächtige Volk, derselbe, der unter Paullinus nicht 



BRrTAi<mrBN. 167 

glöcklich gegen eben diese Brillen gefochten hatte, jetzt einer der nam- 
haftesten Feldherren Vespasians und der erste von ihm emannte'Statt- 
halter der Insel. Der allmählich nachlassende Widerstand des Westens 
machte es möglich die eine der drei bisher dort stationirten Legionen 
mit der in Lindum stehenden zu vereinigen und das Lager selbst yon 
Lindum nach dem Hauptort der Briganten Eburacum (York) vor- 
zuschieben. Indefs so lange der Westen ernstliche Gegenwehr leistete, 
geschah im Norden nichts weiter für die Ausdehnung der römischen 
Grenze; am caledonischen Walde, sagt ein Schriftsteller vespasianischer. 
Zeit, stocken seit dreifsig Jahren die römischen Waffen. Erst Agricola 
griff, nachdem er im Westen fertig war, die Unterwerfung auch des 
Nordens energisch an. Er schuf vor allem sich eine Flotte, ohne 
welche die Verpflegung der Truppen in diesen wenige Hölfsmittel 
darbietenden Gebirgen unmöglich gewesen sein würde. Gestützt auf 
diese gelangte er unter Titus (J. 80) bis an die Tava-Bucht (Frith of 
Tay) in die Gegend von Perth und Dundee und wandte die drei 
folgenden Feldzüge daran die weiten Landstriche zwischen dieser Bucht 
und der bisherigen römischen Grenze an beiden Heeren genau zu erkun- 
den, den örtlichen Widerstand überall zu brechen und an den geeig- 
neten Stellen Verschanzungen anzulegen, wobei namentlich die natür- 
liche Vertheidigungslinie, welche durch die beiden tief einschneidenden 
Buchten Clota (Frith of Clyde) bei Glasgow und Bodotria (Frith of 
Forth) bei Edinburgh gebildet wird , zum Rückhalt ausersehen ward. 
Dieser Vorstofs rief das gesammte Hochland unter die Waffen ; aber 
die gewaltige Schlacht, welche die vereinigten caledonischen Stamme 
den Legionen zwischen den beiden Buchten Forth und Tay an den 
graupischen Bergen lieferten , endigte mit dem Siege Agricolas. Nach 
seiner Ansicht mufste die Unterwerfung der Insel, einmal begonnen, auch 
vollendet, ja auch auf Ivemia ausgedehnt werden; und es liefs sich 
dafür mit Rücksicht auf das römische Britannien geltend machen, was 
mit Rücksicht auf Gallien die Besetzung der Insel herbeiführt hatte; 
hinzu kam, dafs bei energischer Durchführung der Besetzung des ge- 
sammten Inselcoroplexes der Aufwand an Menschen und Geld für die 
Zukunft wahrscheinlich sich verringert haben würde. 

Die römische Regierung folgte diesen Rathschlägen nicht. Wie vmkhi mt 
weit bei der Rückberufung des siegreichen Feldherm im J. 85 , der ^^•^•'*^ 
übrigens länger, als sonst der Fall zu sein pflegte, im Amte geblieben 
war, persönliche und gehässige Motive mitgewirkt haben, mufs dahin 



168 ACHTES BUCH. KAPITEL T. 

gestellt bleiben ; das Zusammentreffen der letzten Siege des Generals 
in Schottland und der ersten Niederlagen des Kaisers im Donauland 
war allerdings in hohem Grade peinlich. Aber für das Einstellen der 
Operationen in Britannien ^) und fOr die wie es scheint damals erfolgte 
Abberufung einer der vier Legionen, mit denen Agricola seine Feldzuge 
ausgeführt hatte, nach Pannonien, giebt die damalige militärische Lage 
des Staats, die Ausdehnung der römischen Herrschaft auf dem 
rechten Rheinufer in Obergermanien und der Ausbruch der gefahr- 
- liehen Kriege in Pannonien, eine völlig hinreichende Erklärung. Das 
fi^ilich ist damit nicht erklärt, warum hiemit dem Vordringen gegen 
Norden überhaupt ein Ziel gesetzt und Nordschottland sowohl wie 
Irland sich selber überlassen wurden. Dals seitdem die Regierung, 
nicht wegen Zufälligkeiten der augenblicklichen Lage, sondern ein für 
allemal von der Yorschiebung der Reichsgrenze absah und daran bei 
aUem Wechsel der Persönlichkeiten festhielt, lehrt die gesammte 
spätere Geschichte der Insel und lehren insbesondere die gleich zu 
erwähnenden mühsamen und kostspieligen Wallbauten. Ob sie im 
rechten Interesse des Staates auf die Vollendung der Eroberung ver- 
zichtet hat, ist eine andere Frage. Dafs die Reichsfinanzen bei dieser 
Erweiterung der Grenzen nur einbüTsen würden, wurde auch jetzt ebenso 
geltend gemacht') wie früher gegen die Besetzung der Insel selbst, konnte 
aber freilich nicht entscheiden. Militärisch durchführbar war die Be- 
setzung so, wie Agricola sie gedacht hatte, ohne Zweifel ohne wesentliche 
Schwierigkeit. Aber ins Gewicht mochte die Erwägung fallen, dafs die 
Romanisirung der noch freien Gebiete groüse Schwierigkeit bereitet 
haben würde wegen der Stammesverschiedenheit. Die Kelten im 
eigentlichen England gehörten durchaus zu denen des Festlands; 
Volksname, Glaube, Sprache waren beiden gemeinsam. Wenn die 
keltische Nationalität des Continents einen Rückhalt an der Insel ge- 
funden hatte, so griff umgekehrt die Romanisirung Galliens nothwendig 
auch nach England hinüber, und diesem vornehmlich verdankte es 



^) Ttcitos bist. 1, 2 fafst das Resultat zusammen in die Worte perdo- 
müa Brüannia et HaJUm musa. 

') Der kaiseriiche Finanzbeamte unter Pins, Appian (prooem. 5) bemerkt, 
dafs die Homer den besten Theil (ro vtqaTUSiov) der brittiscben Insel besetzt 
bätten ov6kv xrj^ aUng Siofi^vot. 014 yaq tv(poQog avtots larlv ovo* rv 
txovoiv. Das ist die Antwort der Gouvernementalen an Agricola und seine 
Meinungsgenosseo. 



BRiTAlinflEIf. 169 

Rom, dalls in so überraschender Schnelligkeit Britannien sich gleich- 
falls romanisirte. Aber die Bewohner Irlands und Schottlands gehörten 
einem andern Stamme an und redeten eine andere Sprache ; ihr Ga- 
dbelisch verstand der Britte wahrscheinlich so wenig wie der Germane 
die Sprache der Scandinayen. Als Barbaren wildester Art werden die 
Caledonier — mit den Ivemem haben die Römer sich kaum berührt 
— durchaus geschildert. Andererseits waltete der Eichenpriester 
(Derwydd, Druida) seines Amtes an der Rhone wie in Anglesey, aber 
nicht auf der Insel des Westens noch in den Bergen des Nordens. Wenn 
die Römer den Krieg hauptsächlich geführt hatten, um das Druiden- 
gebiet ganz in ihre Gewalt zu bringen, so war dieses Ziel einigermaisen 
erreicht Ohne Frage hätten in anderer Zeit alle diese Erwägungen 
die Römer nicht vermocht auf die so nahe gerückte Seegrenze im 
Norden zu verzichten und wenigstens Caledonien wäre besetzt worden. 
Aber weitere Landschaften mit römischem Wesen zu durchdringen 
vermochte das damalige Rom nicht mehr; die zeugende Kraft und 
der vorschreitende Yolksgeist waren aus ihm entwichen. Wenigstens 
diejenige Eroberung, die nicht durch Verordnungen und Märsche er- 
zwungen werden kann, wäre, wenn man sie versucht hätte, schwerlich 
gelungen. 

Es kam also darauf an die Nordgrenze für die Vertheidigung in BefMügmaf 
geeigneter Weise einzurichten; und darum dreht sich fortan hier die Nordgranaa. 
militärische Arbeit Der militärische Blittelpunkt blieb Eburacum. Das 
weite von Agricola besetzte Gebiet wurde festgehalten und mit Castellen 
belegt, die als vorgeschobene Posten für das zurückliegende Hauptquartier 
dienten; wahrscheinlich ist der gröfste Theil der nicht legionaren 
Truppen zu diesem Zweck verwendet worden. Später folgte die Anlage 
zusammenhängender Befestigungsiinien. Die erste der Art rührt von 
Hadrian her und ist auch insofern merkwürdig, als sie in gewissem 
Sinn bis auf den heutigen Tag noch besteht und vollständiger bekannt 
ist als irgend eine andere der grofsen militärischen Bauten der Römer. 
Es ist genau genommen eine von Meer zu Meer in der Länge von etwa 
16 deutschen Heilen westlich an den Solway Frith, ösüich an die 
Hündung der Tyne führende nach beiden Seiten hin festungsmäfsig ge- 
schützte HeerstraDse. Die Vertheidigung bildet nördlich eine gewaltige 
ursprünglich mindestens 16 Fuis hohe und 8 Fufs dicke an beiden 
Au&enseiten aus Quadersteinen erbaute, dazwischen mit Bruchsteinen 
und Mörtel ausgefüllte Mauer, vor welcher ein nicht minder impo- 



170 ACHTES BUCH. KAPITEL Y. 

nirender 9 FuTs tiefer, oben bis 34 Fufs und mehr breiter 
Graben sich hinzieht. Gegen Süden ist die Stra&e geschützt durch 
zwei parallele noch jetzt 6 — 7 Fufs hohe Erddämme, zwischen denen 
ein 7 Fulis tiefer Graben mit einem nach Süden aufgehöhten Rande 
sich hinzieht, so da£s die Anlage von Damm zu Damm eine Gesammt* 
breite von 24 Fufs hat. Zwischen der Steinmauer und den Erd* 
dämmen auf der Strafse selbst liegen die Lagerplätze und Wacht- 
häuser, nehmlich in der Entfernung einer kleinen Meile Ton einander 
die Cohortenlager, angelegt als selbständig wehrfähige Castelle mit 
Thoröffnungen nach allen Tier Seiten; zwischen je zweien derselben 
eine kleinere Anlage ähnlicher Art mit Ausfallsthoren nach Norden und 
Süden; zwischen je zweien von diesen vier kleinere Wachthäuser in 
Rufweite Ton einander. Diese Anlage Ton grofsartiger Solidität, welche 
als Besatzung 10000 — 12000 Mann erfordert haben mufs, bildete 
seitdem das Fundament der militärischen Operationen im nördlichen 
England. Eigentlicher Grenzwall war sie nicht; vielmehr haben nicht 
blofs die schon seit Agricolas Zeit weit darüber hinaus vorgeschobenen 
Posten daneben fortbestanden, sondern es ist späterhin, zuerst unter 
Pius, dann in umfassenderer Weise unter Severus gleichsam als 
Vorposten für den Hadrianswall^) die schon von Agricola mit einer 



>) Die Meinonp, dtfs der ofirdliche WaU to die Stelle des rädUehea 
getreten sei, ist ebenso verbreitet wie unhaltbar; die Cohortenlager am 
Hadrianswall, wie sie uns die Inschriften des 2. Jahrh. zeigen, bestanden im 
wesentlichen anverändert noch am Ende des 3. (denn dieser Epoche gehört der 
betreffende Abschnitt der Notitia an). Beide Anlagen haben neben einander 
bestanden, seit die jüngere hinzugetreten war; auch zeigt die Masse der Denk- 
mäler am SevemswaU mit ^Evidenz, dass er bis zum Ende der rämiscben 
Herrschaft |in Britannien besetzt geblieben ist. — Der Bau des Severus 
kann nur auf die nördliche Anlage bezogen werden. Einmal war die 
Anlage des Hadrian von der Art, dafs eine etwanige Wiederberstellnng 
unmöglich, wie dies von der severischen gesagt wird, als Neubau aufgefarst 
werden konnte; aber die Anlage des Pius war ein blofser Erddamm {munu 
eeipiiiews vita c. 5) und unterliegt hier die gleiche Annahme minderem Be- 
denken. Zweitens pafat die Länge des Severuswalles von 32 Milien (Victor 
epit. 20; [die unmögliche Zahl 132 ist ein Schreibfehler unserer Handschriften 
des Eutropius 8, 19 — wo Paulos das Richtige bewahrt hat — , der dann von 
Hieronymus J. Abr. 2221, Orosins 7, 17, 7 und Cassiodor zum J. 207 übernommen 
worden ist) nicht auf den Hadrianswall von 80 Milien ; aber die Anlage dea 
Pius, die nach den inschriitlichen Erhebungen etwa 40 Milien lang war, kann 
wohl gemeint sein, da die Endpunkte der severischen Anlage an den beiden 



BRITANNIEN. 171 

Postenreihe besetzte um die Hälfte kürzere Linie vom Fritb of Clyde 
zum Frith ot Forth in ähnlicher, aber schwächerer Weise befestigt 
worden. Der Anlage nach wardieseLinie vonderhadrianischennurinso- 
fem verschieden, als sie sich auf einen ansehnlichen Erdwall mit Graben 
davor und Straise dahinter beschrankte, nach Süden also nicht zur 
Vertheidigung eingerichtet war; im Uebrigen schlofs auch sie eine An- 
zahl kleinerer Lager in sich. An dieser Linie endigten die römischen 
Reichsstralsen^), und obwohl auch jenseit dieser noch römische Posten 
standen — der nördlichste Punkt, auf dem der Grabstein eines römi- 
schen Soldaten sich gefunden hat, ist Ardoch zwischen Stirling und 
Perth — , kann die Grenze der Züge Agricolas, der Frith of Tay, 
auch später noch als die Grenze des römischen Reiches angesehen 
werden. 

Weniger als von diesen imponirenden Vertheidigungsanlagen sri««« im s. 
wissen wir von der Anwendung, die sie gefunden haben und über- ° 
haupt den späteren Ereignissen auf diesem fernen Kriegsschauplatz. 
Unter Hadrian ist eine schwere Katastrophe hier eingetreten, allem 
Anschein nach ein Oberfall des Lagers von Eburacum und die Ver- 
niditung der dort stehenden Legion'), derselben neunten, die im 
Boudiccakrieg so unglücklich gefochten hatte. Wahrscheinlich ist 
diese nicht durch feindlichen Einfall herbeigeführt, sondern durch 
den Abfall der nördlichen als reichsuntei*thänig geltenden Völker- 
schaften, insbesondere der Briganten. Damit wird in Verbindung 
zu bringen sein, dals der Hadrianswall ebenso gegen Süden wie gegen 



Meeren reeht wobl andere und näher gelegene gewesen sein können. Wenn 
endlich nach Dio 76,12 von der Mtaer, welche die Insel in zwei Theile theilt, 
nördlich die Caledonier, südlich die Maeaten wohnen, so sind zwar die Wohn- 
sitze der letzteren sonst nicht {bekannt (vgl. |75, 5), können aber unmöglich, 
auch nach der Schilderung, die DJo von ihrer Gegend macht, südlich vom 
HadrianswaU angesetzt und die der Caledonier bis an diesen erstreckt werden. 
Also ist hier die Linie Glasgow-Edinburgh gemeint. 

1) A Umite id est a vaUo heifst es im Itinerarinm p. 464. 

*) Der Bauptbeweis dafür liegt in dem unzweifelhaft bald nach dem J. lOS 
(C. I. Lu Vü, 241) eintretenden Verschwinden dieser Legion^und ihrer Ersetzung 
durch die sechste victrix. Die beiden (Notizen, welche auf dies Ereignifs 
hindenten (Pronto p. 217 Naber: Uadriano imperhan obtinente quantum määum 
a Brüarmis C4ietum? Vita 5: Brüaimi teneri tub Romana dieione non poterant) 
so wie die Anspielung bei Jovenal 14, 196: castella Briganhan führen auf einen 
Aufstand, nicht auf einen Einfall. 



172 kCBTES BUCH. RAPITBL Y. 

Norden Front macht; offenbar war er auch dazu beatimmt das nur 
oberflächlich unterworfene Nordengland niederzuhalten. Auch unter 
Hadrians Nachfolger Pius haben hier Kämpfe stattgefunden, an denen 
die Briganten wieder betheiligt waren; doch lä&t sich Genaueres 
nicht erkennen ^). Der erste ernstliche Angriff auf diese Reichs- 
grenze und die erste nachweisliche Ueberschreitung der Mauer — ohne 
Zweifel derjenigen des Pius — erfolgte unter Marcus und weiter unter 
Commodus; wie denn auch Cotnmodus der erste Kaiser ist, der den 
Siegesbeinamen des Britannikers angenommen hat, nachdem der 
tüchtige General Ulpius Harcellus die Barbaren zu Paaren getrieben 
hatte. Aber das Sinken der römischen Macht tritt seitdem hier 
ebenso hervor wie an der Donau und am Euphrat. In den unruhigen 
Anfangsjahren desSeverus hatten dieCaledonier ihre Zusage sich nicht 
mit den römischen Unterthanen einzulassen gebrochen und auf sie ge- 
stützt ihre südlichen Nachbaren, die Haeaten, den römischen Statthalter 
Lupus genöthigt gefangene Römer mit grofsen Summen zu lösen. 
Dafür traf sie Severus fschwerer Arm nicht lange vor seinem Tode; 
er drang in ihr eigenes Gebiet ein und zwang sie zur Abtretung be- 
trächtlicher Strecken'), aus welchen freilich, nachdem der alte Kaiser 
im J. 211 im Lager von Eburacum gestorben war, seine Söhne 
die Besatzungen sofort freiwillig zurückzogen, um der lästigen Ver- 
theidigung überhoben zu sein. — Aus dem dritten Jahrhundert wird 
von den Schicksalen der Insel kaum etwas gemeldet Da keiner der 
Kaiser bis auf Diocletian und seine CoUegen den Siegernamen von 
der Insel geführt hat, mögen ernstere Kämpfe hier nicht stattgefun- 
den haben, und wenn auch in dem Landstrich zwischen den Wällen 
des Pius und des Hadrianas das römische Wesen wohl nie festen 
Fufs gefafsl hat, scheint doch wenigstens der Hadrians wall was er 

') Wenn Pias nach Ptasanits 8, 43, 4 artitifUTO reSv iv BQ$TTttv£if 
Bgiyavuov ttiv noXXtiv^ Zri in€ffßa(v€tv xal ovroi cvv onlois rjQ^av ig T17V 
rEVowiav fioiQttif (unbekannt, vielleicht, wie 0. Hirschfeld vorschlaft, die 
Brigantenstadt Vinonia) vnriKoovg *Puffia£<av, so folgt daraos nicht, dafs es anch 
Briganten in Caledonien gab, sondern dafs die Briganten in Mordengland damals 
das befriedete Brittenland beinsnchten und daram ein Theil ihres Gebiets 
confiscirt ward. 

*) Dafs er die Absicht gehabt hat den ganzen Norden in römische Gewalt 
zn bringen (Dio 76, 13), verträgt sich weder recht mit der Abtretung (a. a. 0.) 
noch mit dem Manerbaa und ist wohl ebenso fabelbafi wie der rSmische Ver- 
last von 50000 Mann, ohne dafs es aach nur zom Kampfe kam. 



RRITANNIEZf. 173 

sollte, auch damals geleistet und hinter ihm die fremdländische Civi- 
sation gesichert sich entwickelt zu haben. In der Zeit Diocietians 
finden wir den Bezirk zwischen| beiden Wällen geräumt, aber den 
Hadrianswall nach wie vor besetzt und das übrige römische Heer 
zwischen ihm und dem Hauptquartier Eburacum cantonnirend zur 
Abwehr der seitdem oft erwähnten Raubzüge der Caledonier, oder 
wie sie jetzt gewohnlich hei£sen, der Tättowirten (ptcti) und der Ton 
Ivemia her einströmenden Scoten. — Eine ständige Flotte haben die 
Römer in Britannien gehabt; aber wie das Seewesen immer die 
schwache Seite der römischen Wehrordnung geblieben ist, war 
auch die brittische Flotte nur unter Agricola vorübergehend von 
Bedeutung. 

Wenn, wie dies wahrscheinlich ist, die Regierung darauf ge- i^Mtnu« 
rechnet hatte nach erfolgter Besetzung der Insel den gröbten Theil taug im i. «. 
der dorthin gesandten Truppen zurücknehmen zu können, so erfüllte 
diese Hoffnung sich nicht: nur eine der entsendeten vier Legionen 
ist, wie wir sahen, unter Domitian abberufen worden; die drei anderen 
müssen unentbehrlich gewesen sein, denn es ist nie der Versuch ge- 
macht worden sie zu verlegen. Dazu kamen die AuxiUen, die zu dem 
wenig einladenden Dienst auf der abgelegenen Nordseeinsel dem An- 
schein nach im VerhältniXs stärker als die Bürgertruppen herangezogen 
wurden. In der Schlacht am graupischen Berge im J.84 fochten auber 
den vier Legionen 8000 zu Fufs und 3000 zu Pferde von den HulCs- 
soldaten. Für die Zeit von Traian und Hadrian, wo von diesen in 
Britannien 6 Alen und 21 Gehörten, zusammen etwa 15000 Mann 
standen, wird man das gesammte britannische Heer auf etwa 30 000 Mann 
anzuschlagen haben. Britannien war von Haus aus ein Commandobezirk 
ersten Ranges, den beiden rheinischen und dem syrischen vielleicht im 
Rang, aber nicht an Bedeutung nachstehend, gegen das Ende des zweiten 
Jahrhunderts wahrscheinlich die angesehenste aller Statthalterschaften. 
Es lag nur an der weiten Entfernung, dab die britannischen Legionen 
in der Corpsparteiung der früheren Kaiserzeit in zweiter Reihe er- 
scheinen; bei dem Corpskrieg nach dem Erlöschen des antoninischen 
Hauses fochten sie in der ersten. Darum aber war es auch eine der 
Consequenzen des Sieges des Severus, dab die Statthalterschaft getheilt 
ward. Seitdem standen die beiden Legionen von Isca und Deva unter 
dem Legaten der oberen, die eine von Eburacum und die Truppen an 
den Wällen, also die Hauptmasse der Auxilien, unter dem der unteren 



174 ACHTES BUCH. KAPITEL V. 

Provinz^). Wahrscheinlich ist die Verlegung der ganzen Besatzung 
nach dem Norden, die, wie oben bemerkt ward, nach blofs militäri- 
schen Rucksichten wohl zweckmäfsig gewesen sein würde, mit dets- 
wegen unterblieben, weil sie einem Statthalter drei Legionen in die 
Hand gegeben hätte. 
üMtonerug Dafs finanziell die Provinz mehr kostete als sie eintrug (S. 157), 
AuUbnng. kann hiernach nicht verwundern. Für die Wehrkraft des Reiches 
dagegen kam Britannien erheblich in Betracht; das Compensations- 
verhältniüs von Besteuerung und Aushebung wird auch für die Insel 
in Anwendung gekommen sein und die brittischen Truppen galten 
neben den iUyrischen für die besten der Armee. Gleich anßngh'ch sind 
dort sieben Cohorten aus den Eingeborenen aufgestellt und diese 
weiter bis auf Hadrian stetig vermehrt worden; nachdem dieser das 
System aufgebracht hatte, die Truppen möglichst aus ihren Garnison- 
bezirken zu recrutiren, scheint Britannien dies für seine starke Be- 
satzung wenigstens zum grofsen Theil geleistet zu haben. Es war 
ein ernster und tapferer Sinn in den Leuten; sie trugen die Steuern 
und die Aushebung willig, nicht aber Hoffart und Brutalität der 
Beamten. 
Gwnaiiid»- Für die innere Ordnung Britanniens bot als Grundlage sich die 

•rdniing. ^^^^ ^^^ ^eit der Eroberung bestehende Gauverfassung, welche, wie 
schon bemerkt ward, von derjenigen der Kelten des Continents sich 
nur darin wesentlich entfernte, dafs die einzelnen Völkerschaften der 
Insel, es scheint sämmtlich, unter Fürsten standen (3, 233). Aber 
diese Ordnung scheint nicht beibehalten und der Gau (chüas) in Bri- 
tannien wie in Spanien ein geographischer Begriff geworden zu sein; 
wenigstens ist es kaum anders zu erklären, dafs die britannischen 
Völkerschaften genau genommen verschwinden, so wie sie unter römi- 
sche Herrschaft gerathen, und von den einzehien Gauen nach ihrer 
Unterwerfung so gut wie gar nicht die Rede ist. Wahrscheinlich sind 
die einzelnen Fürstenthümer, wie sie unterworfen und eingezogen 
wurden, in kleinere Gemeinden zerschlagen worden; es ward dies da- 
durch erleichtert, dafs auf der Insel sich nicht, wie auf dem Continent, 
eine ohne monarchische Spitze geordnete Gauverfassung vorfand. 
Damit hängt auch wohl zusammen, dafs, während die gallischen Gaue 
eine gemeinsame Hauptstadt und in dieser eine politische und religiöse 



1) Die Theiinns ergiebt sich aus Dio 55, 23. 



RBITAIirNIEIf. 175 

Gesammtvertretung besessen haben, von Britannien nichts Aehnliches 
gemeldet wird. Gefehlt hat der Provinz ein Ck>nciliam und ein gemein- 
samer Kaisercultus nicht; aber wäre der Altar des Claudius in 
Camalodunum^) auch nur annähernd gewesen, was der des Augustus 
in Lugudunum, so würde davon wohl etwas verlauten. Die freie und 
grofse politische Gestaltung, welche dem gallischen Lande von Caesar 
gewährt und von seinem Sohne bestätigt worden war, pafst in den 
Rahmen der späteren Kaiserpolitik nicht mehr. — Von der mit der In- 
vasion ziemlich gleichzeitigen Gründung der Colonie Camalodunum war 
schon die Rede (S. 161), wie es auch bereits hervorgehoben wurde, 
dais die italische Stadtverfassung früh in einer Reihe britannische Ort- 
schalten eingeführt worden ist. Auch hierin ist Britannien mehr nach 
dem Huster Spaniens als pach dem des keltischen Continents be- 
handelt worden. 

Die inneren Zustände Britanniens müssen, trotz der allgemeinen 
Gebrechen des Reichsregiments, wenigstens im Vergleich mit anderen 
Gebieten nicht ungünstige gewesen sein. Kannte man im Norden nur 
Jagd und Weide und waren hier die Einwohner wie die Anwohner zu 
Fehde und Raub jederzeit bei der Hand, so entwickelte sich der Süden 
in dem ungestörten Friedensstand vor allem durch Ackerbau, daneben 
durch Viehzucht und Bergwerksbetrieb zu mäfsiger Wohlfahrt: die galli- 
schen Redner der diocletianischen Zeit preisen den Reichthum der 
fruchtbaren Insel und oft genug haben die Rheinlegionen ihr Getreide 
aus Britannien empfangen. — Das Straisennetz der Insel, das ungemein 
entwickelt ist und für das namentlich Hadrian in Verbindung mit 
seinem Wallbau viel gethan hat, hat natürlich zunächst militärischen 
Zwecken gedient; aber neben, ja vor den Legionslagern nimmt Lon- 
dinium darin einen Platz ein, welcher seine leitende Stellung im Ver- 
kehr deutlich vor Augen bringt. Nor in Wales gab es Reichsstra&en 
allein in der nächsten Nähe der römischen Lager, von Isca nach Nidum 



WohUtena. 



^) Auf ihn ^eht wohl du Epigramoi des Seaeet (vol. 4 p. 69 Bühreos) : 
oeeamuque huu uÜra m respicU aras. Aach der Tempel, der naeh der Spott- 
schrift desselbeB Seneca (8,3) dem Claudias bei Lebxeitea ia Britanoien errichtet 
ward, ond der damit sicher identische Tempel des Gottes Claudias in Camalodunum 
(Tacitus 14, 31) ist wohl nicht als stadtisches Heilistkum zu fassen, sondern 
nach Analogie der Aagastusheilisthumer von Lagnduoum und Tarraco. Die 
{Medi iocerdoies, welche speciß religioms omnes förtunas «ffundebant, sind 
die bekannten Provinzialpriester und Spielgeber. 



176 ACHTES HOCH. KAPITEL V. 

(Neath) und von Deva zur Ueberfahrt nach Mona. — Zu der Roma- 
J^^u^ nisirung verhielt sich das römische Britannien ähnlich wie das nörd- 
liche und mittlere Gallien. Die nationalen Gottheiten, der Mars 
Belatucadms oder Coddius, die der Hinerva gleichgesetsle Göttin 
Sulis, nach welcher die heutige Stadt Bath hiefs, sind auch in 
hiteinischer Sprache noch vielfach auf der Insel verehrt worden. Ein 
exotisches Gewächs ist die aus Italien eindringende Sprache und Sitte 
auf der Insel noch mehr gewesen als auf dem C!ontinent; noch gegen 
das Ende des ersten Jahrhunderts lehnten die angesehenen Familien 
dort sowohl die lateinische Sprache ab wie die römische Tracht 
Die grofsen städtischen Centren, die eigentlichen Herde der neuen 
Cultur, sind in Britannien schwächer entwickelt; wir wissen nicht 
bestimmt, welche englische Stadt für das Concilium der Provinz 
und die gemeinschaftliche Kaiserverehrung als Sitz gedient und in 
welchem der drei Legionslager der Statthalter der Provinz residirt 
hat; wenn, wie es scheint, die Civilhauptstadt Britanniens Camalo- 
dunum gewesen ist, die Militärhauptstadt Eburacum^), so kann 
dieses sich so wenig mit Mainz messen wie jenes mit Lyon. Die 
TrOmmerstätten auch der namhaften Ortschaften, der chudischen 
Yeteranenstadt Camalodunum und der volkreichen Kaubtadt Lon- 
dinium, nicht minder die vielhundertjährigen Legionslager von Deva, 
Isca, Eburacum haben Inschriftsteine nur in geringfügiger Zahl, 
namhafte Städte römischen Rechts wie die Colonie Glevum (Glou- 
cester), das Municipium Venilamium bis jetzt nicht einen einzigen er- 
geben; die Sitte des Denksteinsetzens, auf deren Ergebnisse wir für 
solche Fragen grofsentheils angewiesen sind, hat in Britannien nie recht 
durchgeschlagen. Im inneren Wales und in anderen weniger zugäng- 
lichen Strichen sind römische Denkmäler überhaupt nicht zum Vorschein 
gekommen. Daneben aber stehen deutliche Zeugen des von Tacitus 
hervorgehobenen regen Handels und Verkehrs, so die zahllosen Trink- 
schalen, die aus den Ruinen Londons hervorgegangen sind, und das 
Lohdoner Strafsennetz. Wenn Agricola bemüht war den munici- 
palen Wetteifer in der Ausschmückung der eigenen Stadt durch 

^) Das hier stationirte GommaBdo war wenigstens in späterer Zeit ohne 
Frage das wichtigste unter den britannischen; und es wird auch dort (den« 
an Ebaraenm ist hier ohne Zweifel gedacht) ein PaSaHum erwähnt (vitn 
Severi 22). Das praetorium^ unterhalb Ebnracvm wohl an der Roste gelegen 
(itin. Ant. p. 466), mag der Sommersitz des Statthalters gewesen sein. 



BRITANNICN. 177 

Bauten und Denkmäler, wie er von Italien sich auf Africa und 
Spanien übertragen hatte, auch nach Britannien zu verpflanzen und 
die vornehmen Insulaner zu bestimmen in ihrer Heimath die Märkte 
zu schmücken und Tempel und Paläste zu errichten, wie dies anders- 
wo üblich war, so ist ihm das für die Gemeindebauten nur in geringem 
Umfang gelungen. Aber in derPrivatwirthschaft ist es anders; die statt- 
lichen römisch angelegten und geschmückten Landhäuser, von denen 
jetzt nur noch die Mosaikfufsböden übrig geblieben sind, finden sich im 
sudlichen Britannien bis in die Gegend von York hinauf^) ebensohäufig 
wie im Rheinland. Die höhere schulmäfsige Jugendbildung drang von 
Gallien aus allmählich in Britannien ein. Unter Agricolas administra- 
tiven Erfolgen wird angeführt, dafs der römischeHofmeister in die vor- 
nehmen Häuser der Insel anfange seinen Weg zu finden. In hadrianischer 
Zeit wird Britannien als ein von den gallischen Schulmeistern er- 
obertes Gebiet bezeichnet, und ^schon spricht Thule davon sich einen 
Professor zu miethen'. Diese Schulmeister waren zunächst Lateiner, 
aber es kamen auch Griechen; Plutarchos erzählt von einer Unter- 
haltung, die er in Delphi pflog mit einem aus Britannien heimkehren- 
den griechischen Sprachlehrer aus Tarsos. Wenn im heutigen England, 
abgesehen von Wales und Cumberland, die alte Landessprache ver- 
schwanden ist, so ist sie nicht den Angeln oder den Sachsen, sondern 
dem römischen Idiom gewichen; und wie es in Grenzländem zu ge- 
schehen pflegt, in der späteren Kaiserzeit stand keiner treuer zu Rom 
als der britannische Mann. Nicht Britannien hat Rom aufgegeben, 
sondern Rom Britannien — das letzte, was wir von der Insel erfahren, 
sind die flehentlichen Bitten der Bevölkerung bei Kaiser Honorius um 
Schutz gegen die Sachsen, und dessen Antwort, dafs sie sich selber 
helfen möchten wie sie könnten. 



^) ^(Ördlich von Aldboroa^h und Easingwold (beide etwas nördlich vod 
York) haben sich keine gefnaden (Bruce the Roman waU p. 61). 



Mommi«n, rOm. GaMhiohta. V. 12 



KAPITEL VL 



DIE DONAULÄNDER UND DIE KRIEGE AN DER DONAU. 

Bin- Wie die Rheingrenze Caesars, so ist die Donaugrenze das Werk 

lioktaagen ^^^ Augustus. Als er an das Ruder kam, waren die Römer auf der 
Anguiu. it3|jschen Halbinsel kaum Herren der Alpen, auf der griechischen kaum 
des Haemus (Balkan) und der Küstenstreifen am adriatischen und 
am schwarzen Meer ; nirgends reichte ihr Gebiet an den mächtigen 
Strom, der das südliche Europa vom nördlichen scheidet; sowohl 
das nördliche Italien wie auch die illyrischen und pontischen Han- 
delsstädte und mehr noch die ciyilisirten Landschaften Makedo- 
niens und Thrakiens waren den Raubzügen der rohen und un- 
ruhigen Nachbarstämme stetig ausgesetzt. Als Augustus starb, waren 
an die Stelle der einen kaum zu selbständiger Verwaltung gelangten 
Provinz lUyricum fünf grobe römische Verwaltungsbezirke getreten, 
Raetien, Noricum, Unterillyrien oder Pannonien, Oberillyrien oder 
Dalmatien und Moesien, und die Donau in ihrem ganzen Lauf wenn 
nicht überall die militärische, doch die politische Reichsgrenze gewor- 
den. Die verhältnifsmäfsig leichte Unterwerfung dieser weiten Ge- 
biete so wie die schwere Insurrection der J. 6 — 9 und das dadurch 
veranlafste Aufgeben der früher beabsichtigten Verlegung der Grenz- 
linie von der oberen Donau nach Böhmen und an die Elbe sind früher 
dargestellt worden. Es bleibt übrig die Entwickelung dieser Land- 
schaften in der Zeit nach Augustus und die Beziehungen der Römer 
zu den jenseit der Donau wohnhaften Stämmen darzustellen. 
Bpftte ^i^ Schicksale Raetiens sind mit denen der obergermanischen 

S^^IUtien. Provinz so cug verflochten, dafs dafür auf die frühere Darstellung 



DIE DOIflULANDBR UND DIB KRIEGE Alf DER DONAU. 179 

verwiesen werden kann. Die römische Civilisation bat hier im 
Ganzen genommen sich wenig entwickelt. Das Hochland der Alpen 
mit den Thälern des oberen Inn und des oberen Rheins umschlofs 
eine schwache und eigenartige Bevölkerung, wahrscheinlich diejenige, 
die einstmals die östliche Hälfte der norditalischen Ebene besessen 
hatte , vielleicht den Etruskern verwandt. Von dort zurückgedrängt 
durch die Kelten und vielleicht auch die Illyriker behauptete sie sich 
in den nördlichen Gebirgen. Während die nach Süden sich öffnenden 
Thäler, wie das der Etsch, zu Italien gezogen wurden, boten jene den 
Südländern wenig Platz und noch weniger Reiz zur Ansiedelung und 
StädtegründuDg. Weiter nördlich auf der Hochebene zwischen dem 
Bodensee und dem Inn, welche von den keltischen Stämmen der 
Vindeliker eingenommen war, wäre wohl für römische Cultur Raum 
und Stätte gewesen; aber es scheint in diesem Gebiet, das nicht so 
wie das norische unmittelbare Fortsetzung Italiens werden konnte 
und das gleich dem angrenzenden sogenannten Decumatenland wohl 
zunächst nur als Scheide gegen die Germanen für die Römer von 
Werth war, die Politik der früheren Kaiserzeit die Cultur vielmehr 
zurückgehalten zu haben. Es ist schon darauf hingewiesen worden 
(S. 17), dafs gleich nach der Eroberung man bedacht war die 
Landschaft zu entvölkern. Diesem geht zur Seite, dafs in der 
früheren Kaiserzeit keine römisch organisirte Gemeinde hier ent- 
standen ist. Zwar von der Anlage der grofsen Strafse, die gleich 
mit der Eroberung selbst von dem älteren Drusus durch die Hoch- 
alpen an die Donau geführt ward, war die Gründung der Augusta 
der Vindeliker, des heutigen Augsburg, ein nothwendiger Theil 
(S. 18); aber es war und blieb dieser rasch aufblühende Ort über ein 
Jahrhundert ein Marktflecken, bis endlich Hadrian auch in dieser Hin- 
sicht die von Augustus vorgezeichnete Bahn verliefs und die Land- 
schaft der Vindeliker in die Romanisirung des Nordens hineinzog. Die 
Verleihung des röoMschen Stadtrechts an den Vorort der Vindeliker 
durch Hadrian wird damit zusammengestellt werden dürfen, dafs un- 
gefähr um dieselbe Zeit die Militärgrenze am Oberrhein vorgeschoben 
ward und römische Städte im ehemaligen Decumatenland entstanden ; 
indefs ist in Raetien auch später Augusta der einzige gröfsere Mittel- 
punkt römischer Civilisation geblieben. Auch die militärischen Ein- 
richtungen haben auf das Zurückhalten derselben eingewirkt. Die 
Provinz stand von Anfang an unter kaiserlicher Verwaltung und konnte 

12* 



180 ACHTES BUCH. KAPITEL Tl. 

nicht ohne Besatzung gelassen werden; aber besondere Rucksichten 
ndtbigten, wie dies früher gezeigt ward, die Regierung nach Raetien 
lediglich Truppen zweiter Klasse zu legen, und wenn diese auch der 
Zahl nach nicht unbeträchtlich waren, so haben doch die kleineren 
Standlager der Alen und Cohorten nicht die civilisirende und städte- 
bildende Wirkung ausüben können wie die Legionslager. Unter 
Marcus ist allerdings in Folge des marcomanischen Krieges das 
raetische Hauptquartier, die castra Regina, das heutige Regensburg mit 
einer Legion belegt worden; aber selbst dieser Ort scheint in römischer 
Zeit blofs Militärniederlassung geblieben zu sein und kaum mit den 
Lagern zweiten Ranges am Rhein, wie zum Beispiel Bonna, in der 
städtischen Entwickelung auf einer Linie gestanden zu haben. 
Dernetuoke ^^^ dic Grenze Raetiens schon zu Traianus Zeit von Regensburg 
westlich eine Strecke über die Donau hinaus vorgeschoben war, ist 
früher (S. 144) bemerkt und daselbst auch ausgeführt worden, dafs 
dieses Gebiet wahrscheinlich ohne Anwendung von Waffengewalt, ähn- 
lich wie das Decumatenland, zum Reiche gezogen worden ist Es wurde 
ebenfalls schon erwähnt, dass die Befestigung dieses Gebiets vielleicht 
mit den unter Marcus bis hieher sich erstreckenden Einfallen der 
Chatten zusammenhängt, so wie dafs diese und später die Alamannen 
im dritten Jahrhundert sowohl dies Vorland wie Raetien selbst heim- 
suchten und schliefslich unter Gallienus den Römern entrissen, 
»orieume Die Nachbarprovinz Noricum ist wohl in der provinzialen Ein- 

'^°^' richtung ähnlich wie Raetien behandelt worden, aber hat sich sonst 
anders entwickelt. Nach keiner Richtung hin ist Italien für den 
Landverkehr so wie gegen Nordosten aufgeschlossen; die Handels- 
beziehungen Aquileias sowohl durch dasFriaul nach der oberen Donau 
und zu den Eisenwerken von Noreia wie über die julische Alpe zum 
Savethal haben hier der augustischen Grenzerweiterung vorgeai*beitet 
wie nirgends sonst im Donaugebiet. Nauportus (Oberlaibach) jenseit 
des Passes war ein römischer Handelsflecken schon in republikanischer 
Zeit, Emona (Laibach) eine später f5rmlich Italien einverleibte, der Sache 
nach seit ihrer Gründung durch Augustus zu Italien gehörige römische 
Bürgercolonie. Daher genügte, wie früher schon hervorgehoben ward 
(S. 17), für die Umwandelung dieses 'Königreichs' in eine römische 
Provinz wahrscheinlich die blofse Ankündigung. Die ursprünglich wohl 
illyrische, später zum guten Theil keltische Bevölkerung zeigt keine 
Spur von demjenigen Festhalten an der nationalen Weise und Sprache, 



DIB DONAULÄMDER UND DIE KDIBGE AN DER DONAU. 181 

welche wir bei den Kelten des Westens wahrnehmen. Römische Sprache 
und römische Sitte mufs hier früh Eingang gefunden haben und von 
Kaiser Claudius wurde dann das gesammte Gebiet, selbst der nördliche 
durch die Tauernkette vom Drauthal getrennte Theii nach italischer Ge- 
meindeTerfassung organisirt. Während in den Nachbarländern Raetien 
und Pannonien die Denkmäler römischer Sprache entweder fehlen oder 
doch nur in den gröberen Centren erscheinen , sind die Thäler der 
Drau, der Mur und der Salzach und ihrer Nebenflüsse bis in das 
hohe Gebirge hinauf erfüllt mit Zeugnissen der hier tief eingedrun- 
genen Romanisirung. Noricum ward ein Vorland und gewisser- 
mausen ein Theil Italiens ; bei der Aushebung ffir die Legionen und 
für die Garde ist, so lange hier die Italiker überhaupt bevorzugt 
wurden, diese Bevorzugung auf keine andere Provinz so völlig 
erstreckt worden wie auf diese. — Hinsichtlich der militärischen Be- 
legung gilt von Noricum dasselbe wie von Raelien. Aus den schon ent- 
wickelten Gründen gab es auch in Noricum während der ei'sten zwei 
Jahrhunderte der Kaiserzeit nur Alen- und Cohortenlager; Carnuntum 
(Petronell bei Wien), das in der augustischen Zeit zu Noricum gehörte, 
ist, als die illyrischen Legionen dort hingelegt wurden, eben |darum 
zu Pannonien gezogen worden. Die kleineren norischen Standlager 
an der Donau und selbst das von Marcus, der auch in diese Provinz 
eine Legion legte, für diese eingerichtete Lager von Lauriacum (bei 
Enns) sind für die städtische Entwickelung von keiner Bedeutung ge- 
wesen; die großen Ortschaften Noricums, wie Celeia(Cilli) im Sannthal, 
Aguontum (Lienz), Teurnia (unweit Spital), Virunum (Zollfeld bei 
Klagenfurt), im Norden Juvavum (Salzburg) sind rein aus bürgerlichen 
Elementen hervorgegangen. 

lllyricum, das heifst das römische Gebiet zwischen Italien und . Der 
Makedonien, wurde in republikanischer Zeit zum kleineren Theil s£[^ 
mit der griechisch -makedonischen Statthalterschaft vereinigt, zum 
größeren als Nebenland von Italien und nach der Einrichtung der 
Statthalterschaft des cisalpinischen Galliens als ein Theil von dieser 
verwaltet. Das Gebiet deckt sich bis zu einem gewissen Grade mit dem 
weitverbreiteten Stamm, von dem es die Römer benannt haben : es 
ist derjenige, dessen dürftiger Rest an dem südlichen Ende seines 
ehemals weit gedehnten Besitzes unter dem Namen der Schkipetaren, 
welchen sie sich selbst beilegen, oder, wie ihre Nachbarn sie heißen, 
der Amauten oder Alhanesen noch heute seine alte Nationalität und 



182 ACHTES BUCH. KAPITEL VI. 

seine eigene Sprache bewahrt hat. Es ist derselbe ein Glied der indo- 
geimanischen Familie und innerhalb derselben wohl am nächsten 
dem griechischen Kreise verwandt, wie dies auch den örtlichen Ver- 
hältnissen angemessen ist; aber er steht neben diesem wenigstens eben 
so selbständig wie der lateinische und der keltische. In ihrer Ursprung* 
liehen Ausdehnung erfüllte diese Nation die KQste des adriatischen 
Meeres von der Mündung des Po durch Istrien, Dalmatien und Epirus 
bis gegen Aiiarnanien und Aetolien, ferner im Binnenlande das obere 
Makedonien so wie das heutige Serbien und Bosnien und das ungari- 
sche Gebiet auf dem rechten Ufer der Donau; sie grenzt also östlich 
an die thrakischen Völkerschaften, westlich an die keltischen, von 
welchen letzteren Tacitus sie ausdrücklich unterscheidet. Es ist 
ein kräftiger Schlag südländischer Art, mit schwarzem Haar und 
dunklen Augen, sehr verschieden von den Kelten und mehr noch von 
den Germanen, nüchterne, mäfsige, unerschrockene, stolze Leute, vor- 
trefOiche Soldaten, aber bürgerlicher Entwickelung wenig zugänglich, 
mehr Hirten als Ackerbauer. Zu einer gröüseren politischen Ent- 
wickelung ist er nicht gelangt. An der italischen Küste traten ihnen 
wahrscheinlich zunächst die Kelten entgegen; die wahrscheinlich illyri- 
schen Völkerschaften daselbst, insbesondere die Veneter, wurden durch 
die Rivalität mit den Kelten früh zu fügsamen Unterthanen der Römer. 
Am Ende des 6. Jahrhunderts der Stadt engte die Gründung von 
Aquileia und die Unterwerfung der Halbinsel Istrien (1, 665) weiter 
ihre Grenzen ein. An der Ostkuste des adriatischen Meeres waren die 
wichtigeren Inseln und die Südhäfen des Gontinents seit langem von 
den kühnen hellenischen Schilfern occupirt. Ais dann in Skodra (Scu- 
tari), gewissermaCsen in alter Zeit wie heutzutage dem Centralpunkt 
des illyrischen Landes, die Herrscher anfingen sich zu eigener Macht 
zu entwickeln und besonders auf dem Meere die Griechen zu befehden, 
schlug Rom schon vor dem hannibalischen Kriege sie mit gewaltiger 
Hand nieder und nahm die ganze Küste unter seine Schutzherrschaft 
(1, 548 fg.), welche bald, nachdem der Herr von Skodra mit dem König 
Perseus von Makedonien den Krieg und die Niederlage getheilt hatte, 
die völlige Auflösung dieses Fürstenthums herbeiführte (1, 771). Am 
Ende des 6. Jahrhunderts der Stadt und in der ersten Hälfte des 
siebenten wurde in langjährigen Kämpfen auch die Küste zwischen 
Istrien und Skodra von den Römern besetzt (2, 165. 169). Im Binnen- 
land wurden die Illyrier in republikanischer Zeit von den Römern 



DIB DONAULÄNDKR UND DIE KRIEGE AN DER DONAU. 183 

wenig berührt; daför aber müssen von Westen her vordringend die 
Kelten einen guten Tbeil ursprunglich illyrischen Gebiets in ihre Ge- 
walt gebracht haben, so das späterhin überwiegend keltische Noricum. 
Kelten sind auch die Latobiker im heutigen Krain; und in dem ge- 
sammten Gebiet zwischen Save und Drau, ebenso im Raabthal sausen 
die beiden grofsen StSmme im Gemenge, als Caesar Augustus die 
südlichen Districte Pannoniens der römischen Herschaft unterwarf. 
Wahrscheinlich hat diese starke Mischung mit keltischen Elementen 
neben der ebenen Bodenbeschaffenheit zu dem frühen Untergang der 
iliyrischen Nation in den pannonischen Landschaften ihren Theil bei- 
getragen. In die südliche Hälfte der von Ulyriern bewohnten Land- 
schaften dagegen sind von den Kelten nur dieSkordisker vorgedrungen, 
deren Festsetzung an der unteren Save bis zur Morawa und deren 
Streifereien bis in die Nähe von Thessalonike früher (2, 168 fg.) er- 
wähnt worden sind. Die Griechen aber haben hier ihnen gewisser- 
mafsen den Platz geräumt; das Sinken der makedonischen Macht und 
die Verödung von Epirus und Aetolien müssen die Ausbreitung der 
illyrischen Nacbbaren gefördert haben. Bosnien, Serbien, vor aUem 
Albanien sind in der Kaiserzeit illyrisch gewesen und Albanien ist 
es noch heute. 

Es ist früher erzählt worden, dafs lUyricum schon nach der Di« ProTii» 
Absicht des Dictators Caesar als eigene Statthalterschaft consti- 7^^*^^- 
tuirt werden sollte und diese Absicht bei der Theilung der Pro- 
vinzen zwischen Augustus und dem Senat zur Ausführung kam; 
dafs diese anfangs dem Senat überwiesene Statthalterschaft wegen 
der daselbst noth wendigen Kriegführung auf den Kaiser überging; 
dafs Augustus diese Statthalterschaft theilte und die bis dahin 
im Ganzen nur nominelle Herrschaft^über das Binnenland sowohl in 
Dabnatien wie im Savegebiet effectiv machte; dafs er endlich die ge- 
waltige nationale Insurrection, die bei den dalmatischen wie bei den 
pannonischen Ulyriern im J. 6 n. Chr. ausbrach, nach schwerem vier- 
jährigem Kampf überwältigte. Es bleibt übrig die ferneren Schicksale 
zunächst der südlichen Provinz zu berichten. 

Nach den bei der Insurrection gemachten Erfahrungen schien es Daiaatien 
erforderlich nicht blofs die in lUyricum ausgehobenen Mannschaften ^uiil^h«^ 
statt wie bisher in ihrer Heimath vielmehr auswärts zu verwenden, ^^*^*™"«f- 
sondern auch die Dalmater wie die Pannonier durch ein Commando 
ersten Ranges in Botmä&igkeit zu halten. Dasselbe hat seinen Zweck 



184 ACHTES BUCH. KAPITEL VI. 

rasch erfäUt. Der Widerstand, den die lUyriker unter Aogustus der 
ungewohnten Fremdherrschaft entgegensetzten, hat sich ausgetobt 
mit dem einen gewaltigen Sturm; späterbin verzeichnen unsere 
Berichte keine Ähnliche auch nur partielle Bewegung. Für das südliche 
oder nach dem römischen Ausdruck das obere lUyricum, die Provinz 
Dalmatien, wie sie seit der Zeit der Flavier gewöhnlich heilst, begann 
mit dem Kaiserregiment eine neue Epoche. Die griechischen Kauf leute 
hatten wohl auf der ihnen nächst liegenden Küste die beiden groüsen 
Emporien Apollonia (bei Valona) und Dyrrachium (Durazzo) gegründet; 
eben darum war dieser Theil schon unter der Republik der 
griechischen Verwaltung überwiesen worden. Aber weiter nordwärts 
hatten die Hellenen nur auf den vorliegenden Inseln Issa (Lissa), 
Pharos (Lesina), Schwarz -Kerkyra (Curzola) sich angesiedelt und 
von da aus den Verkehr mit den Eingebomen namentlich an der 
Küste von Narona und in den Salonae vorliegenden Ortschaften unter- 
halten. Unter der römischen Republik hatten die italischen Händler, 
welche hier die Erbschaft der griechischen antraten, in den Haupthäfen 
Epitaurum (Ragusa vecchia), Narona, Salonae, lader (Zara) sich in 
solcher Zahl niedergelassen, dals sie in dem Kriege zwischen Caesar 
und Pompeius eine nicht unwesentliche Rolle spielen konnten. Aber 
Verstärkung durch dort angesiedelte Veteranen und, was die Haupt- 
sadie war, städtisches Recht empfingen diese Ortschaften erst durch 
Augustus, und zugleich kam theils die energische Unterdrückung der 
auf den Inseln noch bestehenden Piratenschlupfwinkel, theils die 
Unterwerfung des Binnenlandes und die Vorschiebung der römischen 
Gr^ze gegen die Donau insbesondere diesen auf der Ostküste des 
adriatischen Heeres angesiedelten Italikern zu Gute. Vor allem die 
Hauptstadt des Landes, der Sitz des Statthalters und der gesammten 
Verwaltung, Salonae blühte rasch auf und überflügelte weit die älteren 
griechischen Ansiedlungen Apollonia und Dyrrachium, obwohl in die 
letztere Stadt ebenfalls unter Augustus italische Colonisten, freilich 
nicht Veteranen, sondern expropriirte Italiker gesendet und die Stadt 
als römische Bürgergemeinde eingerichtet wurde. Vermuthlich hat 
bei dem Aufblühen Dalmatiens und dem Verkümmern der illyrisch- 
makedonischen Küste der Gegensatz des kaiserlichen und des Senats- 
regimentes eine wesentliche Rolle gespielt, die bessere Verwaltung 
sowohl wie die Bevorzugung bei dem eigentlichen Machthaber. Damit 
wird weiter zusammenhängen, dais die illyriscbe Nationalität sich in 



DIB DOnAULÄNOER UND DIB KRIEGE AN DER DONAU. 185 

dem Bereich der makedonischen Statthalterschaft besser behauptet 
hat als in dem der dalmatischen: in jenem lebt sie heute noch fort 
und es mulj» in der Kaiserzeit, abgesehen von dem griechischen 
Apollonia und der italischen Colonie Dyrrachium , neben den beiden 
Reichssprachen im Binnenland die des Volkes die illyrische geblieben 
sein. In Dalmatien dagegen wurden die Küste und die Inseln, so 
weit sie irgend sich eigneten — die unwirthliche Strecke 
nordwärts von lader blieb in der Entwickelung nothwendig 
zurück — nach italischer Ordnung communalisirt, und bald sprach 
die ganze Küste lateinisch, etwa wie heutzutage venezianisch. Dem 
Vordringen derCivilisation in das Binnenland traten örtliche Schwierig- 
keiten entgegen. Dalmatiens bedeutende Ströme bilden mehr V^asser- 
falle als Wasserstrafsen; und auch die Herstellung der Landstrafsen 
stöDst bei der Beschaffenheit seines Bergnetzes auf ungewöhnliche 
Schwierigkeiten. Die römische Regierung hat ernstliche Anstrengungen 
gemacht das Land aufzuschliefsen. Unter dem Schutz des Legions- 
lagers von Burnum entwickelte im Kerkatbal, in dem der Cettina 
unter dem des Lagers von Delminium , welche Lager auch hier die 
Träger der Civilisirung und der Latinisirung gewesen sein werden, 
sich die Bodenbestellung nach italischer Art, auch die Pflanzung der 
Rebe und der Olive und überhaupt italische Ordnung und Gesittung. 
Dagegen jenseit der Wasserscheide zwischen dem adriatiscben Meer 
und der Donau sind die auch für den Ackerbau wenig günstigen Thäler 
von der Kulpa bis zum Drin in römischer Zeit in ähnlichen primitiven 
Verhältnissen verblieben, wie sie das heutige Bosnien aufweist. Kaiser 
Tiberius allerdings hat durch die Soldaten der dalmatinischen Lager 
von Salonae bis in die Thäler Bosniens verschiedene Chausseen 
geführt; aber die späteren Regierungen lielsen, wie es scheint, 
die schwierige Aufgabe fallen. An der Küste und in den der Küste 
nähergelegenen Strichen bedurfte Dalmatien bald keiner weiteren 
militärischen Hut; die Legionen des Kerka- und des Cettina thales 
konnte schon Vespasian von dort wegziehen und anderweitig ver- 
wenden. Unter dem allgemeinen Verfall des Reiches im dritten Jahr- 
hundert hat Dalmatien verhältnifsmäfsig wenig gelitten, ja Salonae 
wohl erst damals seine höchste Blüthe erreicht. Freilich ist dies zum 
Theil dadurch veranlaÜBt, dals der Regenerator des römischen Staates, 
Kaiser Diocletianus, ein geborener Dalmatiner war und sein auf die 
Decapitalisirung Roms gerichtetes Streben der Hauptstadt seines 



186 ACHTES BUCH. KAPITEL Tl. 

Heimathlandes vorzugsweise zu Gute kommen liefs: er baute neben 
derselben den gewaltigen Palast, von dem die heutige Hauptstadt der 
Provinz den Namen Spalato trSgt, innerhalb dessen sie zum gröfsten 
Theil Platz gefunden hat und dessen Tempel ihr heute als Dom und 
als Baptisterium ') dienen. Aber zur Grofsstadt hat nicht erst Diodetian 
Salonae gemacht, sondern weil sie es war, sie für seine Privatresidenz 
gewählt; Handel und Schiffahrt und Gewerbe müssen damals in diesen 
Gewässern vorzugsweise in Aquileia und in Salonae sich concentrirt 
haben und die Stadt eine der volkreichsten und wohlhabendsten des 
Occidenls gewesen sein. Die reichen Eisengruben Bosniens waren 
wenigstens in der späteren Kaiserzeit in starkem Betrieb ; ebenso lieferten 
die Wälder der Provinz massenhaftes und vorzügliches Bauholz; auch 
von der blühenden Textilindustrie des Landes bewahrt die priesterliche 
Dalmatica noch heute eine Erinnerung. Ueberhaupt ist die Civilisirung 
und die Romanisirung Daimatiens eine der eigensten und eine der be- 
deutendsten Erscheinungen der Kaiserzeit. Die Grenze Daimatiens 
und Makedoniens ist zugleich die politische und die sprachliche Scheide 
des Occidents und des Orients. Bei Skodra berühren sich wie die 
Herrschaftsgebiete Caesars und Marc Antons, so auch nach der Reichs- 
theilung des vierten Jahrhunderts die von Rom und Byzanz. Hier grenzt 
die lateinische Provinz Dalmatien mit der griechischen Provinz Make- 
donien; und kräftig emporstrebend und überlegen, mit gewaltig 
treibender Propaganda, steht hier die jüngere neben der älteren 
Schwester. 
^^M? Mrf" Wenn die südliche illyrische Provinz und ihr Friedensregiment 

Traian. bald in geschichtlicher Beziehung nicht ferner hervortritt, so bildet 
das nördliche Iliyricum oder, wie es gewöhnlich heifst, Pannonien 
in der Kaiserzeit eines der grofsen militärischen und somit auch 
politischen Gentren. In dem Donauheer haben die pannonischen 
Lager die führende Stellung wie im Westen die rheinischen, und 
die dalmatischen und die moesischen schliefsen ihnen in ähnlicher 
Weise sich an und ordnen ihnen sich unter wie den rheinischen die Le- 
gionen Spaniens und Britanniens. Die römische Civilisation steht und 
bleibt hier unter dem Einflufs der Lager, die in Pannonien nicht wie 
in Dalmatien nur einige Generationen hindurch, sondern dauernd ver- 
blieben. Nach der Ueberwältigung des batonischen Aufstandes belief 



^) Das Baptisteriam ist vielleicht das Grabmal des Kaisers. 



DIE DONAULANDER UND DIE KRIEGE AN DER DONAU. 187 

die regelmäfsige Besatzung der Provinz sich zuerst auf drei, später, 
wie es scheint, nur auf zwei Legionen, und durch deren Standlager 
und ihre Yorschiebung ist die weitere Entwickelung bedingt. Wenn 
Augnstus nach dem ersten Kriege gegen die Dalmater Siscia an der 
Mündung der Kulpa in die Save zum Hauptwaffenplatz ausersehen 
hatte, so waren, nachdem Tiberius Pannonien mindestens bis an die 
Drau unterworfen hatte, die Lager an diese vorgeschoben worden und 
wenigstens eines der pannonischen Hauptquartiere befand sich seitdem 
in Poetovio (Pettau) an der norischen Grenze. Die Ursache, wefshalb 
die pannonische Armee ganz oder zum Theil im Drauthal verblieb, 
kann nur die gleiche gewesen sein, welche zu der Anlage der dal- 
matinischen Legionslager geführt hat: man brauchte hier die Truppen 
um die Unterthanen sowohl in dem nahen Noricum wie vor allem im 
Draugebiet selbst in Gehorsam zu halten. Auf der Donau hielt die 
römische Flotte Wacht, die schon im J. 50 erwähnt wird und ver- 
muthlich mit der Einrichtung der Provinz entstanden war. Legions- 
lager gab es am Flusse selbst unter der julisch-claudischen Dynastie 
vielleicht noch nicht ^), wobei in Betracht kommt, dafs der zunächst 
der Provinz vorliegende Suebenstaat von Rom damals vollständig ab- 



1) Dafs im J. 50 nocb keine Le^^oneo an der Donan selbst standen, 
folgt ans Tacitas aan. 12, 29; sonst wSre es nicht nothig gewesen zur Aaf- 
nalune der übertretenden Soeben eine Legion dorthin za schicken. Auch die 
Anlage des claudischen Savaria pafst besser, wenn die Stadt damals norisch 
war, als wenn sie schon zu Pannonien gehörte; und da die Zntheiinng dieser 
Stadt zn Pannonien mit der gleichen Abtrennung von Carnnntnm und mit der 
Verlegung der Legion dabin sicher der Zeit nach zusammengehört, so durfte 
dies alles erst in nachclaodischer Zeit stattgefunden haben. Auch die ge- 
ringe Zahl der in den Donaulagern gefundenen Inschriften von Italikern (Eph. 
ep. 5 p. 225) deutet auf spatere Entstehung. Allerdings haben sich in Carnontum 
einige Grabschriften von Soldaten der 15. Legion gefanden, die nach der äusseren 
Form und nach dem Fehlen des Cognomen älter zu sein scheinen (Hirschfeld 
arch. epigraph. Mittheilungen 5/ 217). Derartige Zeitbestimmungen können, wo 
es sich um ein Decenninm handelt, volle Sicherheit nicht in Anspruch nehmen; 
indefs mufs eingeräumt werden, dafs auch jene Argumente keinen vollen Be- 
weis machen und die Translocation früher, etwa unter Nero begonnen haben 
kann. Für die Anlegung oder Erweiterung dieses Lagers durch Vespasian 
spricht die einen derartigen Bau bezeugende Inschrift von Garnuntum aus dem 
J. 73 (Hirschfeld a. a. 0.). 



188 ACHTES BUCB. KAPITEL VI. 

hfingig war und für die Grenzdeckung einigermalsen genügte. Wie die 
dalmatinischeo hat dann, wie es scheint, Vespasian auch die Lager an 
der Drau aufgehoben und sie an die Donau selbst verlegt; seitdem ist 
das groljse Hauptquartier der pannonischen Armee das früher norische 
(S. 181) Carnuntum (Petronell östlich von Wien) und daneben Vindo- 
bona (Wien). 

Die bärgerliche Entwickelung, wie wir sie in Noricum und an der 
Küste Dalmatiens fanden, zeigt in Pannonien in gleicher Weise sich 
nur in einigen an der norischen Grenze gelegenen und zum Theil 
ursprünglich zu Noricum gehörigen Districten; Emona und das obere 
Savethal stehen mit Noricum gleich, und wenn Savaria (Stein am 
Anger) zugleich mit den norischen Städten italische Stadtverfassung 
empfangen hat, so wird, so lange Carnuntum eine norische Stadt 
war, wohl auch jener Ort zu Noricum gehört haben. Erst seitdem 
die Truppen an der Donau standen, ging die Regierung daran das 
Hinterland städtisch zu organisiren. In dem westlichen ursprünglich 
norischen Gebiet erhielt Scarbantia (Oedenburg am Neusiedler See) 
unter den Flaviern Stadtrecht, während Vindobona und Carnuntum 
von selbst zu Lagerstädten wurden. Zwischen Save und Drau 
empfingen Siscia und Sirmium unter den Flaviern, an der Drau 
Poetovio (Pettau) unter Traianus Stadtrecht, Mursa (Eszeg) unter 
Hadrian Colonialrecht, um hier nui* der Hauptorte zu gedenken. Dafs 
die überwiegend illyrische, aber zum guten Theil auch keltische Be- 
völkerung der Romanisirung keinen energischen Widerstand entgegen- 
setzte, ist schon ausgesprochen worden; die alte Sprache und die alte 
Sitte schwanden, wo die Römer hinkamen, und hielten sich nur in den 
entfernteren Bezirken. Die weiten, aber wenig zur Ansiedelung ein- 
ladenden Striche östlich vom Raabflufs und nördlich der Drau bis zur 
Donau sind wohl schon seit Augustus zum Reiche gerechnet worden, 
aber vielleicht in nicht viel anderer Weise als Germanien vor der Varus- 
schlacht; hier hat die städtische Entwickelung weder damals noch später 
rechten Boden gefunden, und auch militärisch ist dieses Gebiet lange 
Zeit wenig oder gar nicht belegt worden. Dies hat sich erst in Folge 
der Einverleibung Daciens unter Traian einigermaTsen geändert; die 
dadurch herbeigeführte Vorschiebung der pannonischen Lager gegen 
die Ostgrenze der Provinz und die weitere innere Entwickelung Pan- 
uoniens wird besser im Zusammenhang mit den traianischen Kriegen 
geschildert. 



DIE DONAULANDBR UND DIB KRIB6B AN DER DONAU. 189 

Das letzte Stfick des rechten Donauufers, das Bergland zu beiden Dw 
Seiten des Margus (Horawa) und das zwischen dem Haemus und der stamm. 
Donau lang sich hinstreckende Flachland, war bewohnt von thrakischen 
Völkerschaften; und es erscheint zunächst erforderlich auf diesen 
grofsen Stamm als solchen einen Blick zu werfen. Er geht dem illy- 
rischen in gewissem Sinne parallel. Wie die Illyrier einst die Land- 
schaften vom adriatischen Meer bis zur mittleren Donau erfüllten, so 
safsen ehemals die Thraker östlich von ihnen vom ägäischen Meer bis 
zur Donau mQndung und nicht minder einerseits auf dem linken Donau- 
ufer namentlich in dem heutigen Siebenburgen, andererseits jenseit 
des Bosporus wenigstens in Bitbynien und bis nach Phrygien ; nicht mit 
Unrecht nennt Herodot die Thraker das gröfste der ihm bekannten 
Völker nach den Indern. Wie der illyrische ist auch der thrakische 
Stamm zu keiner vollen Entwickelung gelangt .und erscheint mehr 
gedrängt und verdrängt als in eigener geschichtliche Erinnerung 
hinterlassender Entwickelung. Aber während Sprache und Sitte der 
Illyrier sich in einer wenn gleich im Laufe der Jahrhunderte ver- 
schliffenen Form bis auf den heutigen Tag erhalten haben und wir 
mit einigem Recht das Bild der Palikaren aus der neueren Geschichte 
in die der römischen Kaiserzeit übertragen, so gilt das Gleiche von 
den thrakischen Stämmen nicht. Vielfach und sicher ist es bezeugt, 
dafs die Völkerschaften des Gebiets, welchem in Folge der römischen 
Provinziakheilung schliesslich der Name Thrakien geblieben ist, so 
wie die moesischen zwischen dem Balkan und der Donau und nicht 
mindei' die Geten oder Daker am anderen Donauufer alle eine und 
dieselbe Sprache redeten. Es hatte diese Sprache in dem römischen 
Kaiserreich eine ähnliche Stellung wie die der Kelten und der Syrer. 
Der Historiker und Geograph der augustischen Zeit Strabo erwähnt 
die Gleichheit der Sprache der genannten Völker; in botanischen 
Schriften der Kaiserzeit werden von einer Anzahl Pflanzen die 
dakischen Benennungen angegeben^). Als seinem Zeitgenossen, dem 



^) Thrakischer, getisoher, dacitcher Orts- uod PertODeDaameD kenoea wir 
Sanze ReUieo; spraehlich bemerkenttwerüi ist eine mit -eenthus xusammeo- 
gesetzte Gruppe von Persooeonaneo: Bühicenthus, Zipacerähus, Düacenthus, 
Tracieenthus , Lmicenthus (Bull, de eorr. hell. 6, 179), von denen die ersten 
beiden in ihrer anderen Hälfte {Bühut^ Zipa) anch isolirt häufig begegnen. 
Eine ahnlich Gmppe bilden die Composita mit -porisy wie Mucaporis (Tliraker 
BnU. a. a. 0., Daher zahlreich), CetripariSy RfuukyporUy Bühoporis, DirdiporU, 



190 ACHTBS BUCH. KAPITEL VI. 

Poeten Ovidius Gelegenheit gegeben wurde über seinen allzu flotten 
Lebenswandel fern in derDobrudscha nachzudenken, benutzte er seine 
Mufse um getisch zu lernen und wurde fast ein Getenpoet 

Und ich schrieb, o weh! ein Gedicht in getischer Sprache, 
Gratulirst du mir nicht, daJs ich den Geten ge6el? 
Aber wenn die irischen Barden, die syrischen Missionäre, die Berg- 
thäler Albaniens anderen Idiomen der Kaiserzeit eine gewisse Fort- 
dauer gewahrt haben, so ist das thrakische unter dem Völkergewoge 
des Donaugebiets und dem übermächtigen £infiuls Constantinopels 
TerschoUen, und wir vermdgen nicht einmal die Stelle zu bestimmen, 
welche ihm in dem Völkerstammbaum zukommt. Die Schilderungen 
Ton Sitten und Gebräuchen einzelner dazu gehöriger Völkerschaften, 
über welche mancherlei Notizen sich erhallen haben, ergeben keine 
für den ganzen Stamm gültigen individuellen Züge und heben meistens 
nur Einzelheiten hervor, wie sie bei allen Völkern auf niederer Cultur- 
stufe sich zeigen. Aber ein Soldatenvolk sind sie gewesen und geblieben, 
als Reiter nicht minder brauchbar wie für die leichte Infanterie, von 
den Zeiten des peloponnesischen Krieges und Alexanders bis hinab in 
die der römischen Caesaren , mochten sie gegen diese sich stemmen 
oder später für sie fechten. Auch die wilde, aber grofsartige Weise 
der Götterverehrung darf vielleicht als ein diesem Stamm eigenthüm- 
lieber Grundzug aufgefabt werden, der gewaltige Ausbruch der 
Frühlings- und der Jugendlust, die nächtlichen Bergfeste fackel- 
schwingender Mädchen, die rauschende sinnverwirrende Musik, der 
strömende Wein und das strömende Blut, der in Aufregung aller sinn- 
thr^oke ^^^^° Leidenschaften zugleich rasende Taumel der Feste. Dionysos, 
Fflnt«n- der herrliche und der schreckliche, ist ein thrakischer Gott, und was 
der Art in dem hellenischen und dem römischen Cult besonders her- 
vortritt, knüpft an thrakische oder phrygische Sitte an. 

Während die iUyrischen Völkerschaften in Dalmatien und Panno- 
nien nach der Niederwerfung der grofsen Insurrection in den letzten 
Jahren des Augustus die Entscheidung der Waffen nicht wieder ge- 
gen die Römer angerufen haben, gilt von den thrakischen Stämmen 
nicht das Gleiche; der oft bewiesene Unabhängigkeitssinn und die wilde 
Tapferkeit dieser Nation verleugnete auch in ihrem Untergang sich 
nicht. In dem Thrakien südlich vom Haemus blieb das alte Fürsten- 
thum unter römischer Oberhoheit. Das einheimische Herrscherhaus 
der Odrysen, mit der Residenz Bizye fWiza"^ zwischen Adrianopel und 



DIE DONAULÄNDBR UND DIB KRIEGE All DER DONAU. 191 

der Küste des schwarzen Meeres, tritt schon in der früheren Zeit unter 
den thrakischen Fürstengeschlechtern am meisten hervor; nach der 
Triumviralzeit ist von anderen thrakischen Königen als denen dieses 
Haases nicht femer die Rede, so dafs die übrigen Fürsten durch 
Augustus zu Vasallen gemacht oder beseitigt zu sein scheinen und 
mit dem thrakischen Königthum fortan nur Glieder dieses Geschlechts 
belehnt worden sind. Es geschah dies wahrscheinlich deshalb, weil 
während des ersten Jahrhunderts , wie weiterhin zu zeigen sein wird, 
an der unteren Donau keine römischen Legionen standen; den Grenz- 
Schulz ander Donaumündung erwartete Augustus von dem thrakischen 
Vasallen. Rhoemetalkes, welcher in der zweiten Hälfte der Regierung 
des Augustus als römischer Lehnskönig das gesammte Thrakien 
beherrschte^), und seine Kinder und Enkel spielten denn auch in 
diesem Lande ungefähr dieselbe Rolle wie Herodes und seine Nach- 
kommen in Palästina: unbedingte Ergebenheit gegen den Oberherrn, 
entschiedene Hinneigung zu römischem Wesen, Verfeindung mit den 
eigenen die nationale Unabhängigkeit festhaltenden Landsleuten be- 
zeichnen die Stellung des thrakischen Herrscherhauses. Die grofse 
früher (S. 21) erzählte thrakische Insurrection der Jahre 741 — 743 
richtete sich zunächst gegen diesen Rhoemetalkes und seinen Bruder 
und Mitherrscher Kotys, der dabei umkam, und wie er damals den 
Römern die Wiedereinsetzung in seine Herrschaft verdankte, so trug 
er ihnen einige Jahre später seinen Dank ab, indem er bei dem Auf- 
stand der Daimater und der Pannonier, dem seine dakischen Stammes- 
genossen sich anschlössen, treu zu den Römern hielt und an der 
Niederwerfung desselben wesentlichen Antheil hatte. Sein Sohn Kotys 
war mehr Römer oder vielmehr Grieche als Thraker; er führte 
seinen Stammbaum zurück auf Eumolpos und Erichthonios und 
gewann die Hand einer Verwandten des kaiserlichen Hauses, der 
Urenkelin des Triumvir Antonius; nicht blofs die griechischen und die 
lateinischen Poeten seiner Zeit sangen ihn an, sondern er selbst war 



^} Das sagt Tacitus aoo. 2, 64 ausdrücklich. Freie Thraker, vom 
römischen SUDdpnoct aas betrachtet, gab es damals nicht; wohl aber behauptete 
das thrakisehe Gebirge, namentlich die Rhodope der Besser aoch im Friedens- 
stand den von Rom eingesetzten Fürsten gegenüber eine kaum als Unterthanig- 
keit zu bezeichnende Stellong; sie erkannten wohl den König an, gehorchten 
ihm aber, wie Tacitos (a. a. 0. und 4, 46. 51) sagt, nur wenn es ihnen pafste. 



192 ACBTB8 BUCH. RIPITBL Tl. 

ebenfalls und nicht getischer Dichter '). Der letzte der thrakischen 
Könige , des früh gestorbenen Kotys Sohn Rhoemetalkes war in Rom 
aufgewachsen und gleich dem Herodeer Agrippa des Kaisers Gaius 
Jugendgespiele. Die thrakische Nation aber theilte keineswegs die 
römischen Neigungen des regierenden Hauses und die Regierung 
Tbnüdea ^'^^''^^^iS^® ^^^^ allmfihlich in Thrakien wie in Palaestina, dafs der 
schwankende nur durch beständiges Eingreifen der Schutzmacht 
aufrecht erhaltene Vasallenthron weder für sie noch für das Land von 
Nutzen und die Einführung der unmittelbaren Verwaltung in jeder 
Hinsicht vorzuziehen sei. Kaiser Tiberius benutzte die in dem thra- 
kischen Königshause entstandenen Zerwürfnisse, um in der Form der 
Vormundschaftsführung über die unmündigen Prinzen im J« 19 einen 
römischen Statthalter Titus Trebellenus Rufus nach Thrakien zu 
schicken. Doch vollzog sich diese Occupation nicht ohne Areüich 
erfolglosen, aber ernstlichen Widerstand des Volkes, das namentlich 
in den Bergthdlem sich um die von Rom gesetzten Herrscher wenig 
kümmerte und dessen Mannschaften, von ihren Stammhäuptern ge- 
führt, sich kaum als königliche, noch weniger als römische Soldaten 
fühlten. Die Sendung des Trebellenus rief im J. 21 einen Aufstand 
hervor, an dem nicht blofs die angesehensten thrakischen Völker- 
schaften sich betheiligten, sondern der gröfsere Verhältnisse anzu- 
nehmen drohte; Boten der Insurgenten gingen über den Haemus, 
um in Moesien und vielleicht noch weiter hin den Nationalkrieg zu 
entfachen. Indefe die moesischen Legionen erschienen rechtzeitig, 
um Philippopolis, das die Aufständischen belagerten, zu entsetzen 
und die Bewegung zu unterdrücken. Aber als einige Jahre später 
(J. 25) die römische Regierung in Thrakien Aushebungen anordnete, 
weigerten sich die Mannschaften aufeerhalb des eigenen Landes zu 
dienen. Da keine Rücksicht darauf genommen wurde, stand das 
ganze Gebirge auf und es folgte ein Verzweiflungskampf, in welchem 
die Insurgenten, endlich durch Durst und Hunger bezwungen, zum 
grofsen Theil theils in die Schwerter der Feinde, theils in die eigenen 
sich stürzten und lieber dem Leben entsagten als der altgewohnten 
Freiheit. Das unmittelbare Regiment dauerte in der Form der Vor- 

^) Wir habeo noch ein Kotys gewidmetes grieohiscfaes Bpigramm des 
Antipater von Thessalouike (anthol. Planad. 4, 75), desselben Dichters, der 
aach den Thrakersieger Piso (S. 21) feierte, und eine an Rotys gerichtete 
lateinische Epistel in Versen des Ovidlus (ex Pento 2, 9). 



MB DOIUULÄNDER UND DIB KBIBGB AR DBB DONAU. 193 

mundschafUfdhniDg in Thrakien bis zam Tode des Tiberius; und 
wenn Kaiser Gaias bei dem Antritt der Regierung dem thrakischen 
Jugendfreund ebenso wie dem jüdischen die Herrschaft zurückgab, 
so machte wenige Jahre darauf im J. 46 die Regierung des Claudius 
ihr definitiv ein Ende. Auch diese schliefsliche Einziehung des König- 
reichs und Umwandlung in einen römischen Bezirk traf noch auf 
eine gleich hoffnungslose und gleich hartnäckige Gegenwehr. Aber 
mit der Einführung der unmittelbaren Verwaltung ist der Widerstand 
gebrochen. Eine Legion hat der Statthalter, anfangs von Ritter-, 
seit Traian von Senatorenrang, niemals gehabt; die in das Land 
gelegte Besatzung, wenn sie auch nicht stärker war als 2000 Mann 
nebst einem kleinen bei Perinthos stationirten Geschwader, genügte 
in Verbindung mit den sonst von der Regierung getroffenen Vorsichts- 
mafsregeln, um die Thraker niederzuhalten. Mit der Anlegung der 
MiHtärstraben wurde gleich nach der Einziehung begonnen ; wir finden, 
dafs die bei dem Zustand des Landes erforderlichen Stationsgebäude 
für die Unterkunft der Reisenden bereits im J. 61 von der Regierung 
eingerichtet und dem Verkehr übergeben wurden. Thrakien ist seit- 
dem eine gehorsame und wichtige Reichsprovioz; kaum hat irgend 
eine andere für alle Theile der Kriegsmacht, insbesondere auch für 
die Reiterei und die Flotte, so zahlreiche Mannschaften gestellt wie 
dieses alte Heimathland der Fechter und der Lohnsoldaten. 

Die ernsten Kämpfe, welche die Römer auf dem sogenannten Hocnen. 
thrakischen Ufer, in der Landschaft zwischen dem Balkan und der 
Donau mit derselben Nation zu bestehen hatten und welche zu der 
Einrichtung des moesischen Commandos führten, bilden einen wesent- 
lichen Bestandtheil der Regulirung der Nordgrenze in augustischer 
Zeit, und sind in ihrem Zusammenhang bereits geschildert worden 
(S. 12). Von ähnlichem Widerstand, wie die Thraker ihn den Römern 
entgegensetzten, wird aus Moesien nichts berichtet; die Stimmung 
daselbst mag nicht anders gewesen sein, aber in dem ebenen Lande 
und unter dem Druck der bei Viminacium lagernden Legionen trat der 
Widerstand nicht offen hervor. 

Die Civilisation kam den thrakischen Völkerschaften, wie den iieUAnu- 
illyrischen, von zwei Seiten: von der Küste her und von der"'""''" ^ 



makedonischen Grenze die der Hellenen, von der dalmatischen undundM^^^, 
pannonischen die lateinische. Ueber jene wird zweckmäfsiger zu 
handeln sein, wo wir versuchen die Stellung der europäischen Griechen 

Xomniian, rOm. OeMhichte. V. 2g 



194 ACHTES BUCH. KAPITEL VI. 

unter der Kaiserberrschaft zu bezeichnen; hier genügt es im All- 
gemeinen hervorzuheben, dafs dieselbe auch hier nicht blofs das 
Griechentbum, wo sie es fand, geschätzt hat und die gesammte 
Küste, auch die dem Statthalter von Moesien untergebene, stets grie- 
chisch geblieben ist, sondern dafs die Provinz Thrakien, deren Civili> 
t^ation ernstlich erst von Traian begonnen und durchaus ein Werk der 
Kaiserzeit ist, nicht in die röinische Bahn gelenkt, sondern hellenisirt 
ward. Selbst die nördlichen Abhänge des Haemus, obwohl administra- 
tiv zu Hoesien gehörig, sind in diese Hellenisirung hineingezogen, Ni- 
kopolis an der Jantra und Markianopolis unweit Varna, beides Grün- 
dungen Traians, nach griechischem Schema organisirt worden. — Von 
der lateinischen Civilisation Moesiens gilt das gleiche wie von der des 
angrenzenden dalmatischen und pannonischen Binnenlandes; nur 
tritt dieselbe, wie natürlich, um so viel später, schwächer und unreiner 
auf, je weiter sie von ihrem Ausgangspunct sich entfernt. Ueber- 
vviegend ist sie hier den Legionslagern gefolgt und mit diesen nach 
Osten hin vorgedrungen, ausgehend von den wahrscheinlich ältesten 
Moesiens bei Singidunum (Belgrad) und Viminacium (Kostolatz) ^). 
Freilich hat sie, der Beschaflenheit ihrer bewaffneten Apostel 
entsprechend, auch in Obermoesien sich auf sehr niedriger Stufe ge- 
halten und den primitiven Zuständen noch Spielraum genug gelassen. 
Viminacium hat durch Hadrian italisches Stadtrecht erhalten. Nieder- 
moesien zwischen dem Balkan und der Donau ist in der früheren Kaiser- 
zeit wohl durchaus in der Verfassung geblieben, welche die Römer vor- 

^) Es ist eine der empfiodlichsten Lücken der römischen Kaiser- 
geschicbte, dafs die Standlager der beiden Lef^ionen, welche unter den jalisch- 
claudischeo Kaisern die Besatzung von Moesieo bildeten, der 4. Scythica und 
der 5. Macedonica (wenigstens standen diese dort im J. 33: C. I. L. III, 1698) 
sich bis jetzt nicht mit Sicherheit nachweisen lassen. Wahrscheinlich waren es 
Viminacium und Singidunum in dem späteren Obermoesien. Unter den Legions- 
lagern Niedermoesiens, von denen namentlich das von Troesmis zahlreiche 
Monumente aufzuweisen hat, scheint keines älter zu sein als Hadrian; die 
Ueberreste der obermoesischen sind bis jetzt so sparsam, dafs sie wenigsteo^s 
nicht hindern deren Entstehung ein Jahrhundert weiter zurück zu legen. 
Wenn der König von Thrakien im J. IS gegen Bastarner und Skythen rüstet 
(Tacitus ann. 2, 65), so hatte dies auch als Vorwand nicht geltend gemacht 
werden können, wenn niedermoesische Legionslager schon damals bestanden 
hätten. Eben diese Erzählung zeigt, dafs die Kriegsmacht dieses Lehnfürsten 
nicht unbedeutend war, und die Beseitigung eines nnfügsamen Königs von 
Thrakien Vorsicht erheischte. 



DIE DONAULÄNDER UND DIE KRIEGE AN DER DONAU. 195 

fanden; erst als die Legionslager an der unteren Donau bei Novae, 
Durostorum und Troesmis gegründet wurden, was, wie weiter unten 
(S. 207) dargelegt werden wird, wohl erst im Anfang des 2. Jahrhunderts 
geschah, ist auch dieser Theil des rechten Donauufers, eine Stätte der- 
jenigen italischen Civilisation geworden, welche mit der Lagerordnung 
sich vertrug. Seitdem sind hier auch bürgerliche Ansiedlungen entstan- 
den, namentlich an der Donau selbst zwischen den grofsen StandJagern 
die nach italischem Muster eingerichteten Städte Ratiaria unweit Widin 
und Oescus an Einflufs der Iskra in die Donau, und allmählich näherte 
sich die Landschaft dem Niveau der damals noch bestehenden freilich 
in sich verfallenden römischen Cultur. Für den Wegebau in Unter- 
moesien sind seit Hadrian, von dem die ältesten bisher daselbst ge- 
fundenen Meilensteine herrühren, die Regenten vielfach thälig gewesen. 

Wenden wir uns von der Uebersicbt der römischen Herrschaft, ^l^^' 
wie sie seit Augustus in den Ländern am rechten Ufer der Donau sich 
gestaltet hatte, zu den Verhältnissen und den Anwohnern des linken, 
so ist was über die westlichste Landschaft zu bemerken wäre , im 
W^esentlichen schon bei der Schilderung Obergermaniens zur Sprache 
gekommen und namentlich hervorgehoben worden (S. 144), dafs die 
zunächst an Raetien angrenzenden Germanen, die Hermunduren, unter 
den sämmtiichen Nachbaren der Römer die friedfertigsten gewesen und, 
so viel uns bekannt, niemals mit denselben in Conflict gerathen sind. 

Data das Volk der Marcomanen oder, wie die Römer sie in ^^i^^ 
früherer Zeit gewöhnlich nennen, der Sueben, nachdem es in 
augustischer Zeit in dem alten Boierland , dem heutigen Böhmen, 
neue Sitze gefunden und durch den König Maroboduus eine festere 
staatliche Organisation sich gegeben hatte, während der römisch- 
germanischen Kriege zwar Zuschauer blieb, aber doch durch die Da- 
zwischenkunft der rheinischen Germanen vor der drohenden römischen 
Invasion bewahrt ward, ist bereits erzählt worden; nicht minder, dafs 
der Röckschlag des abermaligen Abbruchs der römischen Offensive am 
Rhein diesen allzu neutralen Staat über den Haufen warf. Die Vor- 
machtstellung, welche die Marcomanen unter Maroboduus über die 
entfernteren Völker im Elbegebiet gewonnen hatten, ging damit verloren 
und der König selbst ist als vertriebener Mann auf römischer Erde ge- 
storben (S. 55). Die Marcomanen und ihre stammverwandten öst- 
lichen Nachbaren, die Quaden in Mähren, geriethen insofern in römi- 
sche Clientel, als hier, ungefähr wie in Armenien, die um die Herrschaft 

13* 



maaeu. 



196 ACHTES BUCH. KAPITEL Yl. 

streitenden Prätendenten sich theilweise auf die Römer stutzten und 
diese das Belehnongsrecht in Anspruch nahmen und je nach Umständen 
auch ausübten. Der Gotonenfürst Catualda, der zunächst den Maro- 
boduus gestilrzt hatte, konnte als dessen Nachfolger sich nicht lange be- 
haupten, zumal da der Kdnig der benachbarten Hermunduren Yibilius 
gegen ihn eintrat; auch er mufste auf römisches Gebiet übertreten und 
gleich Marobbduus die kaiserliche Gnade anrufen. Tiberius bewirkte 
dann, dafs ein vornehmer Quade Yannius an seine Stelle kam; dem 
zahlreichen Gefolge der beiden verbannten Könige, das auf dem rechten 
Donauufer nicht bleiben durfte, verschaffte Tiberius Sitze auf dem linken 
im Marchtbal ^) und dem Vannius die Anerkennung von Seiten der mit 
Rom befreundeten Hermunduren. Nach dreifsigjähriger Herrschaft 
wurde dieser im J. 50 gestürzt durch seine beiden Schwestersöhne 
Vangio und Sido, die sich gegen ihn auflehnten und die Nachbarvölker, 
die Hermunduren im Fränkischen, der Lugier in Schlesien für sich 



^) Dafs das regnum Fannianum (Plioius b. b. 4, 12, 81), der Saeben- 
staat (Tacitat ano. 12, 29; bist. 3, 5. 21) nicbt blofs, wie es nacb Tacitas 
ann. 2, 63 sebeinen kSoate, auf die Wobositze der mit Marobodoos aod 
Catoalda äbergetreteneo Leute, sondero auf das ganze Gebiet der Mareomanen 
Qod Qaadea bezogen werden mufs, zeigt deutlicb der zweite Beriebt ann. 12, 
29. 30, da bier als Gegner des Vannins neben seinen eigenen insargirten Unter- 
tbanen die westlicb and nördlicb an Böhmen angrenzenden Völker, die Her- 
mundaren und Lugier erscbeinen. Als Grenze gegen Osten bezeiebnet Plinius 
a. a. 0. die Gegend von Carnuntiiin {Germanorum ibi confmium), genauer den 
Flufs Marus oder Duria, der die Sueben und das regnum f^aniäanutn von ihren 
östlieben Nacbl>arn sebeidet, mag man nun das dirinuns eos mit MüUenboff 
(Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1883 S. 871) auf die Jazygen oder 
was näher Hegt, auf die JSastarner bezieben. Sachlieb grenzten wohl beide, die 
Jazygen südlich, die Bastarner nördlieb mit den Quaden des Marcbtbals. 
Demnacb ist der Maras die Mareb und die Scheide machen die zwischen 
dem March- und dem Waagibal sieb erstreckenden kleinen Karpathen. Wenn 
also jene Gefolgschaften irtter flumen Marum et Cusum angesiedelt werden, 
so ist der sonst nicht genannte €osns, falls die Angabe genau ist, nicht 
die Waag oder gar, wie Müllenhoff meinte, die unterbalh Gran in die 
Donau fallende Eipel, sondern ein Zoflofs der Donau westlicb der March, etwa 
der Gusen hei Linz. Auch fordert die Erzählung bei Tacitus 12, 29. 30. dafs das 
Gehiet des Vannius westlieh noch über die March binausgereicht bat. Die 
Sobscription unter dem ersten Buch der Betracbtungen des Kaisers Marcus 
^v Kovä^ois n^g itp FQovovtf beweist wohl, dafs damals der Quadenstaat sich 
bis zum Granflnfs erstreckte; aber dieser Staat deckt sich nicht mit dem regnum 
yannianum. 



OIB DONAULÄNOBR UNO DIE KRIEGE AN DER DONAU. 197 

gewannen. Die römiBche Regierung, die Vannius um Unterstützung 
anging, blieb der Politik des Tiberius getreu: sie gewährte dem ge- 
stürzten König das Asylrecbt, intervenirte aber nicbt, da zumal die 
Nachfolger, die das Gebiet unter sich theilten, bereitwillig die römische 
Oberherrschaft anerkannten. Der neue Suebenförst Sido und sein Mit- 
herrscher Italiens, vielleicht |der Nachfolger Vangios, fochten in der 
Schlacht, die zwischen Vitellius und Vespasian entschied, mit der römi- 
schen Donauarmee auf derSeite derFlavianer. In den groben Krisen der 
römischen Herrschaft an der Donau unter Domitian und Marcus werden 
wir ihren Nachfolgern wieder begegen. Zum römischen Reich haben 
die Donausueben nicht gehört; die wahrscheinlich von denselben ge- 
schlagenen Münzen zeigen wohl lateinische Aufschriften, aber nicht 
römischen Fufs, geschweige denn das Bildnifs des Kaisers; eigentliche 
Abgaben und Aushebungen für Rom haben hier nicht stattgefunden. 
Aber in dem Machtbereich Roms ist namentlich im ersten Jahrhundert 
der Suebenstaat in Böhmen und Mähren einbegriffen gewesen und, wie 
schon bemerkt ward, ist dies auch auf die Aufstellung der römischen 
Grenzwacht nicht ohne Einflufs geblieben. 

In der Ebene zwischen Donau und Theils ostwärts von dem Juj^n. 
römischen Pannonien hat zwischen dieses und die thrakischen Daker sich 
ein Splitter geschoben des wahrscheinlich zum medisch- persischen 
Stamm gehörigen Volkes der Sarmaten , das nomadisch lebend als 
Hirten- und Reitervolk die weite osteuropäische Ebene zum groben 
Theil füllte; essind dies die Jazygen, die 'ausgewanderten* {fiecaydatat) 
genannt zum Unterschied von dem am schwarzen Meer zurück- 
gebliebenen Hauptstamm. Die Benennung zeigt, daXs sie erst verhält- 
nifsmäTsig spät in diese Gegenden vorgedrungen sind ; vielleicht gehört 
ihre Einwanderung mit zu den Stöfsen, unter denen um die Zeit der 
actischen Schlacht das Dakerreich des Burebista zusammenbrach 
(S. 10). Uns begegnen sie hier zuerst unter Kaiser Claudius; dem 
Suebenkönig Vannius stellten die Jazygen für seine Kriege die Reiterei. 
Dierömische Regierung war auf der Hut vorden flinken und räuberischen 
Reiterschaaren, stand aber übrigens zu ihnen nicht in feindlichen Be- 
ziehungen. Als die Donaulegionen im J. 70 nach Italien marschirten, 
um Vespasian auf den Thron zu setzen, lehnten sie den von den Ja- 
zygen angebotenen Reiterzuzug ab und führten nui* in schicklicher 
Form eine Anzahl der Vornehmsten mit sich, damit diese inzwischen 
für die Ruhe an der entblöbten Grenze bürgten. 



198 ACHTES BUCH. KAPITEL VI. 

i>Aker. Ernstlicher und dauenider Wacht bedurfte es weiter abwärts 

an der unteren Donau. Jenseit des mächtigen Stromes, der jetzt des 
Reiches Grenze war, safsen hier in den Ebenen der Walachei und 
dem heutigen Siebenbürgen die Daker, in dem östlichen Flachland, 
in der Moldau, Bessarabien und weiter hin zunächst die germanischen 
Bastarner, alsdann sarmatische Stämme, wie die Roxolaner, ein Reiter- 
volk gleich den Jazygen, anfänglich zwischen Dnjepr und Don (2, 274), 
dann am Meerufer entlang vorrückend. In den ersten Jahren des 
Tiberius verstärkte der Lehnfürst von Thrakien seine Truppen, um die 
Bastarner und Skythen abzuwehren; in Tiberius späteren Jahren wurde 
unter anderen Beweisen seines mehr und mehr alles gehen lassenden 
Regiments geltend gemacht, dafs er die Einfalle der Daker und der 
Sarmaten ungestraft hinnehme. Wie es in den letzten Jahren Neros 
diesseit und jenseit der Donaumündung zuging, zeigt ungefähr der zu- 
fällig erhaltene Bericht des damaligen Statthalters von Moesien Tiberius 
Plautius Silvanus Aelianus. Dieser 'führte über 100000 jenseit der 
, Donau wohnhafte Männer mit ihren Weibern und Kindern und ihren 
, Fürsten oder Königen über den Flufs , so dafs sie der Steuerent- 
,richtung unterlagen. Eine Bewegung der Sarmaten unterdrückte 
,er, bevor sie zum Ausbruch kam, obwohl er einen grofsen Theil 
.seiner Truppen zur Kriegführung in Armenien (an Corbulo) abge- 
, geben hatte. Eine Anzahl bis dahin unbekannter oder mit 
,den Römern in Fehde stehender Könige führte er über auf das 
, römische Ufer und nöthigte sie, vor den römischen Feldzeichen den 
, Fufsfall zu thun. Den Königen der Bastarner und der Roxolaner sandle 
,er die gefangenen oder den Feinden wieder abgenommenen Söhne, 
, denen der Daker die gefangenen Brüder zurück ^) und nahm von meh- 
,reren derselben GeifseJn. Dadurch wurde der Friedensstand der Provinz 
, sowohl befestigt wie weiter erstreckt. Auch den König der Skythen 
, bestimmte er abzustehen von der Belagerung der Stadt Chersonesus 
,(Sevastöpol) jenseit des Borysibenes. Er war der erste, der durch grofse 
, Getreidesendungen aus dieser Provinz das Brot in Rom wohlfeiler 
, machte.^ Man erkennt hier deutlich sowohl den unter der julisch- 



Regibus Bastamarum et Roxolanorum ßUos, Dacorum fratrum eaptos 
aut hostibtis ereptos remUü (Orelli 750) ist versehriebeo ; es mofs fratres 
beifoeD oder allenfalls fratrum fiUos, Ebenso ist naebber per quae zu lesen 
für per quem und reg;e statt regem. 



DIE DONALXÄNDER UND DIE KRIEGE AN DER DONAU. 199 

claudischen Dynastie am linken Donauufer gährendenVölkerstrudel wie 
auch den starken Arm der Reicbsgewalt, der selbst über den Strom 
hinüber die Griechenstädte am Dnjepr und in der Krim noch zu 
schätzen suchte und einigermafsen auch zu schützen vermochte, wie 
dies bei der Darstellung der griechischen Verhältnisse weiter dargelegt 
werden wird. 

IndeCs die Streitkräfte, über welche Rom hier verfugte, waren 
mehr als unzulänglich. Die geringfügige Besatzung Kleinasiens und 
die ebenfalls geringe Flotte auf dem schwarzen Meer kamen höchstens 
für die griechischen Anwohner der nördlichen und der westlichen 
Küste desselben in Betracht. Dem Statthalter von Moesien, der mit 
seinen beiden Legionen das Donauufer von Belgrad bis zur Mündung 
zu schirmen hatte, war eine sehr schwierige Aufgabe gestellt; und die 
Beihülfe der wenig botmäfsigen Thraker war unter Umständen eine 
Gefahr mehr. Insbesondere nach der Mündung der Donau zu mangelte 
ein genügendes Bollwerk gegen die hier mit steigender Wucht an- 
drängenden Barbaren. Der zweimalige Abzug der Donaulegionen nach 
Italien in den Wirren nach Neros Tod rief mehr noch an der Donau- 
mündnng als am Unterrhein Einfälle der Nachbarvölker hervor, zuerst 
der Roxolaner, dann der Daker, dann der Sarmaten, das heilst wolil 
der Jazygen. Es waren schwere Kämpfe ; in einem dieser Gefechte, wie 
es scheint gegen die Jazygen, blieb der tapfere Statthalter von Moesien 
Gaius Fonteius Agrippa. Dennoch schritt Vespasian nicht zu einer Ver- 
mehrung der Donauarmee ^); die Noth wendigkeit die asiatischen Gar- 



') In Panoonien standen um das J. 70 zwei Legionen, die 13. gemina 
und die 15. Apollinaris, für welche letrtere während ihrer Belheiiigung am 
armenischen Krieg einige Zeit die 7. gemina eintrat (C. I. L. III p. 4S2). Von 
den beiden später hinzugetretenen Legionen l.adiutrix und 2. adiutrix lag die erste 
noch im Anfang der Regierung Traians in Obergermanien (S. 145 A. 1) und 
kann erst unter diesem nach Pannonien gekommen sein; die zweite unter 
Vespasian in Britannien stationirte ist wahrscheinlich erst unter Domitian 
nach Pannonien gekommen (S. 159 A. 2). Auch das moesische Heer zählte 
nach der Vereinigung mit dem dalmatischen unter Vespasian wahrschein- 
lich nur vier Legionen, also so viel wie bisher beide Heere zusammen, 
die späteren obermoesischen 4. Plavia und 7. Claudia und die späteren unter- 
moesisehen 1. Italica und 5. Macedonica. Die durch die Hin- und Herroärsche 
des Vierkaiserjahres verschobenen Stellungen (Marquardt Staatsverw. 2, 435), 
welche zeitweilig drei Legionen nach Moesien brachten, dürfen nicht täuschen. 
Die spätere dritte untermoesiscfae Legion, die elfte, stand noch unter Traian 
in Obergenaanien. 



200 ACHTES BUCH. KAPITEL VI. 

nisonen zu Tentärken mub noch dringender erschienen sein und die 
damals besonders gebotene Sparsamkeit verbot jede Erhöhung der 
Gesammtarmee. Er begnügte sich, wie es die Befriedung des Binnen- 
landes erlaubte und die an der Grenze bestehenden Verhältnisse so 
wie die durch die Einziehung Thrakiens herbeigeführte Auflösung der 
thrakischen Truppen gebieterisch verlangten, die grofsen Lager der 
Donauarmee an die Reichsgrenze vorzuschieben. So kamen die pan- 
noniscben von der Drau weg dem Suebenreich gegenüber nach Gar* 
nnntttffl undVindobona (S. 187) und die dalmatischen von der Kerka 
und der Cettina an die moesischen Donaunfer'), so dafs der Statt- 
halter von Hoesien seitdem über die doppelte Zahl von Legionen 
verfügte. 

Eine Verschiebung der Machtverhältnisse zu Ungunsten Roms 
trat unter Domitian ein') oder es wurden vielmehr damals die 
Daktrkrieg Cousequeuzen der ungenügenden Grenzvertheidigung gezogen. Nach 
dem wenigen, was wir darüber wissen, knüpfte die Wandelung der Dinge 
ganz wie die gleiche in Caesars Zeit, an einen einzelnen dakischen 
Mann an; was König Burebista geplant hatte, schien König Decebalus 
ausführen zu sollen. Wie sehr in seiner Persönlichkeit die eigentliche 
Triebfeder lag, beweist die Erzählung, dafs der Dakerkönig Duras, um 
den rechten Mann an die rechte Stelle zu bringen, zu Gunsten des 
Decebalus von seinem Amt zurücktrat Dafs Decebalus um zu schlagen, 



') Josephus bell. 7, 4, 3 : nl^Coüi xu\ (ii(^ai (pvXaxalc tov ronov Sti- 
Xaßev, <os itvai roZg ßagßaQOis r^v Stußaaiv tiliatg aSvvurov. Damit scheiot 
die VerlegoDg der beiden dalmatischen Legionen nach Moesieo gemeint. Wohin 
sie gelegt wurden, wissen wir nicht. Nach der sonstigen römischen Weise ist 
es wahrscheinlicher, dafs sie in dem Umkreis des bisherigen Hauptquartiers 
Viminacium stationirt worden sind als in der entfernten Gegend der Donau- 
mündungen. Die Entstehung der dortigen Lager ist wohl erst erfolgt bei der 
Theilung des moesischen Commandos und bei Einrichtung der selbständigen 
Provinz Untermoesien unter Domitian. 

') Die Chronologie des dacischen Krieges liegt sehr im Ungewissen. 
Dafs er bereits vor dem Chattenkrieg (83) begonnen hat, lehrt die karthagische 
Inschrift C. VIII, 1082 eines dreimal von Domitian, im dacischen, im ger- 
manischen und wieder im dacischen Kriege decorlrten Soldaten. Eusebias 
setzt den Ausbruch des Krieges oder vielmehr den ersten grorsen Kampf in 
das J. Abr. 2101 oder 2102 -» n. Chr. 85 (genauer 1. Oct. 84 — 30. Sept 85) 
oder 86, den Triumph in das J. 2106 = 90; auf völlige Zuverlässigkeit haben 
diese Zahlen freilich keinen Anspruch. Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird 
der Triumph in das J. 89 gesetzt (Henzen acta Arval. p. 116). 



DIB DONACLANDBR UHD DIB KEIB6B AN DBB DONAU. 201 

vor allem organüirte, beweisen die Berichte über seine Einführung der 
römischen Disciplin bei der dakischen Armee und die Anwerbung 
tüchtiger Leute unter den Römern selbst, und selbst die nach dem Siege 
▼OD ihm den Römern gestellte Bedingung, ihm zur Unterweisung der 
Seinigen in den Handwerken des Friedens wie des Krieges die nöthigen 
Arbeiter zu liefern. In welchem grofsen Stil er sein Werk ergriff, be- 
weisen die Verbindungen, die er nach Westen und Osten anknüpfte, 
mit den Sueben und denJazygen und sogar mit den Parthern. Die An- 
greifenden waren die Daker. Der Statthalter der Provinz Hoesien, der 
ihnen zuerst entgegentrat, Oppius Sabinus liefs sein Leben auf dem 
Schlachtfelde. Eine Reihe kleinerer Lager wurde erobert, die groben 
bedroht, der Besitz der Provinz selbst stand in Frage. Domitianus 
selbst begab sich zu der Armee und sein Stellvertreter — er selbst 
war kein Feldherr und blieb zurück — der Gardecommandant Cor- 
neiios Fuscus führte das Heer über die Donau; aber er hülste das un- 
bedachte Vorgehen mit einer schweren Niederlage und auch er, der 
zweite Höchstcommandirende, blieb vor dem Feind. Sein Nachfolger 
Julianus, ein tüchtiger Offizier, schlug die Daker in ihrem eigenen 
Gebiet in einer grofsen Schlacht bei Tapae und war auf dem Wege 
dauernde Erfolge zu erreichen. Aber während der Kampf gegen die 
Daker schwebte, hatte Domitianus die Sueben und die Jazygen mit 
Krieg überzogen, weil sie es unterlassen hatten, ihm Zuzug gegen jene 
zu seDden; die Boten, die dies zu entschuldigen kamen, liefs er hin- 
richten'). Auch hier verfolgte das Hifsgeschick die römischen Waffen. 
Die Marcomanen erfochten einen Sieg über den Kaiser selbst; eine 
ganze Legion ward von den Jazygen umzingelt und niedergehauen. 
Durch diese Niederlage erschüttert schlofs Domitian trotz der von 
Julianus über die Daker gewonnenen Vortheile mit diesen voreilig einen 
Frieden, der ihn zwar nicht hinderte dem Vertreter des Decebalus in 
Rom Diegis, gleich als wäre dieser Lehnsträger der Römer, die Krone 
zu verleihen und als Sieger auf das Capitol zu ziehen, der aber in 
Wirklichkeit einer Capitulation gleich kam. Wozu Decebalus bei dem 
Einrücken des römischen Heeres in Dakien sich höhnisch erboten 
hatte, jeden Mann, für den ihm eine jährliche Zahlung von 2 Assen 



*) Das Fragment Dio 67, 7, 1 Diod. steht ia der Folge der ursiDischeo 
Rzeerpte vor 67, 5, 1. 2. S «ad gehSrt aaoh oaeh der Folge der Ereigaisee 
vor die Verhaadiaog mit den Lngiern. Vgl. Hermes 3, 115. 



Traiaa». 



202 ACHTES BUCH. KAPITEL VI. 

zugesichert werde, uDgeschädigt nach Hause zu entlassen, das wurde 
beinahe wahr; in dem Frieden wurden mit einer jährlich zu ent- 
richtenden Abstandssumme die Einföile in Moesien abgekauft. 
Dakorkriego Hier m US ste Wandel geschafft werden. Auf Domitian, der wohl 
ein guter Reichsverwalter, aber stumpf für die Forderungen der mili- 
tärischen Ehre war, folgte nach dem kurzen Regiment Nervas Kaiser 
Traianus, der, zuerst und vor allem Soldat, nicht blofs jenen Vertrag 
zerrifs, sondern auch die Mafsregeln danach traf, dafs ähnliche Dinge 
sich nicht wiederholten. Der Krieg gegen die Sueben und Sarmaten, 
der bei Domitians Tod (96) noch dauerte, ward, wie es scheint, unter 
Nerva im J. 97, glücklich beendigt. Der neue Kaiser ging, noch bevor 
er in die Hauptstadt des Reiches seinen Einzug hielt, vom Rhein an 
die Donau, wo er im Winter 98 9 verweilte, aber nicht um sofort die 
Daker anzugreifen, sondern um den Krieg vorzubereiten; in diese Zeit 
gehört die an die Strafsenbauten in Obergernianien anschliefsende 
Anlage der am rechten Donauufer in der Gegend von Orsowa im J. 100 
vollendeten Strafse (S. 139). Zum Kriege gegen die Daker, in dem er 
wie in allen seinen Feldzugen selbst commandirte, ging er erst im Früh- 
jahr 101 ab. Er überschritt die Donau unterhalb Viminacium und rückte 
gegen dienicht weitdayon entfernte Hauptstadtdes Königs Sarmizegetusa 
vor. Decebalus mit seinen Verbündeten — die Burer und andere nord- 
wärts wohnende Stämme betheiligten sich an diesem Kampf — leistete 
entschlossenen Widerstand und nur mit heftigen und blutigen Gefech- 
ten bahnten die Römer sich den Weg; die Zahl der Verwundeten war 
so grofs, dafs der Kaiser seine eigene Garderobe den Aerzten zur Ver- 
fügung stellte. Aber der Sieg schwankte nicht. Eine feste Burg nach 
der anderen fiel; die Schwester des Königs, die Gefangenen aus dem 
vorigen Krieg, die den Heeren Domitians abgenommenen Feldzeichen 
fielen den Römern in die Hände; durch Traianus selbst und durch den 
tapferen Lusius Quietus in die Mitte genommen blieb dem König 
nichts übrig als vollständige Ergebung (102). Auch verlangte Traianus 
nichts Geringeres als den Verzicht auf die souveräne Gewalt und den 
Eintritt des dakischen Reiches in die römische Glientel. Die Ueber- 
läufer, die Waffen, die Kriegsmaschinen, die einst für diese von 
Rom gestellten Arbeiter mufsten abgeliefert werden und der König 
persönlich vor dem Sieger den Fufsfall thun; er begab sich des 
Rechts auf Krieg und Frieden und versprach die Heerfolge; die 
Festungen wurden entweder geschleift oder den Römern ausgeliefert 



DIE DONADLÄNDER UND DIE KRIEGE AN DER DONAU. 203 

und in diesen, vor allem in der Hauptstadt, blieb römische Besatzung. 
Die mächtige steinerne Brücke, die Traian bei Drobetae (gegenüber 
Tumu Severinului) über die Donau schlagen liefs, stellte die Verbin- 
dung auch in der schlimmen Jahreszeit sicher und gab den dakischen 
Besatzungen an den nahen Legionen Obermoesiens einen Rückhalt. 
Aber die dakische Nation und vor allem der König selbst wuIsten sich in 
die Abhängigkeit nicht so zu fügen, wie es die Könige von Kappadokien 
und Mauretanien verstanden hatten, oder hatten vielmehr das Joch nur 
auf sich genommen in der Hoffnung bei erster Gelegenheit sich desselben 
wieder zu entledigen. Die Anzeichen dafür traten bald hervor. Ein 
Theil der auszuliefernden Waffen wurde zurückgehalten, die CastcUe 
nicht wie es bedungen war übergeben, römischen Ueberläufem auch 
femer noch eine Freistatt gewährt, den mit den Dakern verfeindeten 
Jazygen Gebietsstücke entrissen oder vielleicht auch nur deren Grenz- 
verletzungen nicht hingenommen, mitden entfernteren noch freien Na- 
tionen ein lebhafter und bedenklicher Verkehr unterhalten. Traianus 
mufste sich überzeugen, da£s er halbe Arbeit gemacht, und kurz ent- 
schlossen wie er war, erklärte er, ohne auf weitere Verhandlungen sich 
einzulassen, drei Jahre nach dem Friedensschlufs (105) dem König 
abermals den Krieg. Gern hätte dieser ihn abgewandt; aber die Forde- 
rung sich gefangen zu geben sprach allzu deutlich. Es blieb nichts als 
der Kampf der Verzweiflung, und dazu waren nicht alle bereit; ein 
grofser Theil der Daker unterwarf sich ohne Gegenwehr. Der Aufruf 
an die Nachbarvölker in die Abwehr für die auch ihrer Freiheit und 
ihrem Volksthum drohende Gefahr mit einzutreten verhallte ohne 
Wirkung; Decebalus und die ihm treu gebliebenen Daker standen in 
diesem Krieg allein. Die Versuche den kaiserlichen Feldherrn durch 
Ueberläufer aus dem Wege zu schaffen oder mit der Losgebung eines 
gefangen genommenen hohen Offiziers erträgliche Bedingungen zu er- 
kaufen scheiterten ebenfalls. Der Kaiser zog abermals als Sieger in 
die feindliche Hauptstadt ein und Decebalus, der bis zum letzten 
Augenblick mit dem Verhängniss gerungen hatte, gab, als alles ver- 
loren war, sich selber den Tod (107). Diesmal machte Traianus 
ein Ende; der Krieg galt nicht mehr der Freiheit des Volkes, sondern 
seiner Existenz. Aus dem besten Theile des Landes wurde die ein- 
geborne Bevölkerung ausgetrieben und diese Striche mit einer für die 
Bergwerke aus den Gebirgen Dalmatiens, sonst fiberwiegend, wie es 
scheint, aus Kleinasien herangezogenen nationslosen Bevölkerung wieder 



204 ACHTBS BUCH. KAPITBL VI. 

besetzt. In manchen Gegenden freilich bUeb dennoch die alte Bevöl- 
kerang und behauptete sich sogar die Landessprache^); diese Daker 
sowohl wie die aufserhalb der Grensen hausenden Splitter haben auch 
nachher nodi, zum Beispiel unter Commodus und Maximianus, den 
Römern zu schaffen gemacht; aber sie standen vereinzelt und ver- 
kamen. Die Gefahr, mit der der kräftige Thrakerstamm mehrmab die 
römische Herrschaft bedroht hatte, durfte nicht wiederkehren, und 
dies Ziel hat Traianus erreicht Das traianische Rom war nicht mehr 
das der hannibaiischen Zeit; aber es war immer noch geßhrlich die 
Römer besiegt zu haben. 

Die stattliche Säule, welche sechs lahre darauf dem Kaiser von 
dem Reichssenat auf dem neuen Traiansmarkt der Hauptstadt errichtet 
ward und die ihn heute noch schmückt, ist ein Zeugnifs der verwüsteten 
Geschichtsüberlieferung der römischen Kaiserzeit, wie wir kein zweites 
besitzen. In ihrer ganzen Höbe von genau 100 römischen Fufs ist sie 
bedeckt mit einzelnen Darstellungen — man zählt deren hundert vier 
und zwanzig; ein gemeifseltes ßilderbuch der dakischen Kriege, zu 
welchem uns fast überall der Text fehlt. Wir sehen die Wachtthürme der 
Römer mit ihrem spitzen Dach, ihrem pallisadirten Hof, ihrem oberen 
Umgang, ihrem Feuersignalen. Die Stadt am Ufer des Donaustroms, 
dessen Flufsgott den römischen Kriegern zuschaut, wie sie unter ihren 
Feldzeichen auf der Schiffbrücke entlang ziehen. Den Kaiser selbst 
im Kriegsrath, dann vor den Wällen des Lagers am Altar opfernd. 
Es wird erzählt, dafs die den Dakern verbündeten Burer den Traian 
vom Kriege abmahnten in einem lateinischen auf einen gewaltigen 
Pilz geschriebenen Spruch: man meint diesen Pilz zu erkennen auf 
ein Saumthier geladen, von dem gestürzt ein Barbar mit der Keule auf 
dem Boden liegend dem heranschreitenden Kaiser mit dem Finger den 
Pilz weist. Wirsehen das Lager schlagen, die Bäume fallen, Wasser holen, 
die Brücke legen. Die ersten gefangenen Daker, leicht kenntlich an ihren 
langärmligen Kitteln und ihren weiten Hosen, werden, dieHändeauf den 
Rücken gebunden und an ihrem langen Haarbusch von den Soldaten 
gefafst, vor den Kais^ geführt. Wir sehen die Gefechte, die Speer- 
und Steinschleuderer, die Sichelträger, die Bogenschützen zu Fufs, die 



>) Arrian taet. 44 erwähnt aoter den Aenderanfpen, die Hadriaa bei 
der Cavallerie einfolirte, dafs er den einzelnen Abtheilungen ihre nationalen 
Schlachtrufe gestattet habe, Kilrucoi/s fJtkif rote Kiltotq Inntvaiv, retinoit^ 
Sk totg nxaiiy 'PanutoiK ^^ oaoi ix *Pa(ttav. 



DIE DOIUULÄMDBR UND DIE EftlEGE Alf DEH DONAU. 205 

auch den Bogen führenden schweren Panzerreiter, die Drachenfahne 
der Daher, die feindlichen Offiuere geschmückt mit dem Zeichen ihres 
Ranges, der runden Mfitze, den Fichtenwald, in den die Daker ihre 
Verwundeten tragen, die abgehauenen Köpfe der Barbaren vor dem 
Kaiser niedergelegt Wir sehen das dakische Pfahldorf mitten im See, 
in dessen runde Hütten mit spitzem Dadi die Brandfackebi fliegen. 
Frauen und Kinder flehen den Kaiser um Gnade an. Die Verwundeten 
werden gepflegt und verbunden, Ehrenzeichen an Offiziere und 
Soldaten ausgetheilt. Dann geht es weiter im Kampf: die feindlichen 
Verschanzungen, theik von Holz , theils Steinmauern, werden ange- 
grifien, das Belagerungsgeschütz fährt auf, die Leitern werden heran- 
geUragen, unter dem Schilderdach greift die Sturmcolonne ao. Endlich 
liegt der König mit seinem Gefolge zu den Pulsen Traians; die Drachen- 
fahnensind in Römerhand; die Truppen begrü&en jubelnd den Impe- 
rator; vor den aufgethürmten Waffen der Feinde steht die Victoria und 
beschreibt die Tafel des Sieges. Es folgen die Bilder des zweiten Krieges, 
im Ganzen der ersten Reihe gleichartig; bemerkenswerth ist eine grofse 
Darstellung, welche, nachdem die Königsburg in Flammen auf||;egangen 
ist, die Fürsten der Daker zu zeigen scheint, sitzend um einen Kessel 
und einer nach dem andern den Giftbecher leerend ; eine andere, wo des 
tapfern Dakerkönigs Haupt auf einer Schüssel dem Kaiser gebracht wird; 
endlich das Schlubbild, die lange Reihe der Besiegten mit Frauen, 
Kindern und Heerden ausderHeimathabziehend. Die Geschichte dieses 
Krieges hat der Kaiser selbst geschrieben, wie Friedrich der Grofse die 
des siebenjährigen, und nach ihm viele Andere; uns ist alles dies ver- 
loren, und wie niemand es wagen würde nach Menzels Bildern die Ge- 
schichte des siebenjährigen Krieges zu erfinden, so bleibt auch uns nur 
mit dem Einblick in halb verständliche Einzelheiten die schmerzliche 
Empfindung einer bew^ten und grotsen auf ewig verblafsten und selbst 
für die Erinnerung vergangenen geschichtlichen Katastrophe. 

Die Grenzvertheidigung im Donaugebiet wurde in Folge der Ver- MUitirbch« 
Wandelung Daciens in eine römische Provinz nicht in dem Grade ver- ^d^^Si^n 
schoben, wie man wohl erwarten sollte ; eine eigentliche Veränderung ""** ^^~"*' 
der Vertheidigungslinie trat nicht ein, sondern es wurde die neue 
Provinz im Ganzen als eine eicentrische Position behandelt, die nur 
nach Süden hin au der Donau selbst unmittelbar mit dem römischen 
Gebiet zusammenhing, nach den andern drei Seiten in das barbarische 
Land hineinragte. Die zwischen Pannonien und Dacien sich er- 



206 ACHTES BUCH. KAPITEL Vi. 

Streckende Theifsebene blieb auch ferner den Jazygen ; es haben sich 
wohl Reste alter Wälle gefunden, die von der Donau über dieTheifs weg 
bis an das dacische Gebirge fuhren und das Jazygengebiet nördlich be* 
grenzen , aber über die Zeit und die Urheber dieser Verschanzungen ist 
nichts Sicheres ermittelt Auch Bessarabien wird von einer doppelten 
Sperrlinie durchschnitten, welche vom Prut zum Dnjestr laufend 
bei Tyra endigt, und nach den darüber bis jetzt vorliegenden unge- 
nügenden Berichten von den Römern herzurühren scheint^). Ist dies 
der Fall, so sind die Moldau und die südliche Hälfte von Bessarabien so 
wie die gesammte Walachei dem römischen Reich einverleibt gewesen. 
Aber mag dies auch nominell geschehen sein, eflectiv hat die Römer- 
herrschaft sich schwerlich auf diese Länder erstreckt; wenigstens fehlt 
es an sicheren Beweisen römischer Ansiedelung bis jetzt sowohl in der 
östlichen Walachei wie in der Moldau und in Bessarabien völlig. Auf 
alle Fälle blieb hier viel mehr noch, als in Germanien der Rhein, die 
Donau die Grenze der römischen Giviiisation und der eigentliche 
Stützpunkt der Grenzvertheidigung. Die Positionen an dieser wurden 
erheblich verstärkt. Es war ein Glücksfall für Rom, dafs, während 
die Völkerbraudung an der Donau stieg, sie am Rhein sank und die 
dort entbehrlich gewordenen Truppen anderweitig verfügbar wurden. 
Wenn noch unter Yespasian wahrscheinlich nicht mehr als sechs 
Legionen an der Donau standen, so ist deren Zahl durch Domitianus 
und Traianus später auf zehn gesteigert, womit zusammenhängt, dafs 
die bisherigen beiden Obercommandanturen von Moesien und Pannonien 
die erslere unter Domitian, die zweite unter Traian getheilt wurden und, 
indem weiter die dacische hinzutrat, die Gesammtzahl der Comman- 
danturen an der unteren Donau sich auf fünf stellte. Anfanglich 
scheint man freilich die Ecke, welche dieser Strom unterhalb 
Durostoruni (Silistria) macht, die heutige Dobrudscha, abgeschnitten 
und von dem heutigen Ort Rassowa an, wo der Flufs bis auf 
sieben deutsche Meilen sich dem Meere nähert, um dann fast im 



') Die Wälle, welche 3 Meter hoch, 2 Meter dick, mit breitem Aurseo^^rabeo 
aod vielen Resten von Castellen in zwei fast parallelen Linien tkeils in der Lioge 
von 150 Kil. vom linken Ufer des Prut über Tabak und Tatarbnnar zum Dnjestr- 
Liman zwischen Akerman und dem schwarzen Meer, theils in der Lunge von 
100 Kil. von Leowa am Prut zum Dnjestr unterhalb Bendery ziehen (Petermann 
geo^raph« Mittheilnngen 1857 S. 129), mögen wohl auch römisch sein; aber es fehlt 
bis jetzt an jeder g^enaueren Feststellung. 



DIE DONAULÄKOER UND DIE KRIEGE AN DER DONAU. 207 

rechteo Winkel nach Norden abzubiegen, die Flufslinie durch eine be- 
festigte Strafse nach Art der britannischen (S. 1 69) ersetzt zu haben, 
weiche bei Tomis die Küste erreichte^). Indefs diese Ecke ist wenigstens 
seit Hadrian in die römische Grenzbefestigung eingezogen worden; 
denn von da an finden wir Untermoesien, das vor Traian wahrschein- 
iich gar keine gröfseren ständigen Besatzungen gehabt hatte, belegt 
mit den drei Legionslagern von Novae (bei Svischtova) , Durostorum 
(Silistria) und Troesmis (Iglitza bei Galatz) , von welchen das letzte 
eben jener Donauecke vorliegt. Gegen die Jazygen wurde die Stellung 
dadurch verstärkt, dals zu den obermoesischen Lagern bei Singidunum 
und Viminacium das unterpannonische an der Mundung der Theifs in 
die Donau bei Acuoiincum hinzutrat. Dacien selbst ist damals nur 
schwach besetzt worden. Die Hauptstadt, jetzt traianische Colonie 
Sarmizegetusa lag nicht weit von den Hauptübergängen über die Donau 
in Obermoesien; hier und an dem mittleren Marisus so wie jenseit 
desselben in dem Bezirk der Goldgruben haben die Römer vorzugs- 
weise sich ansässig gemacht; auch die eine seit Traian in Dacien 



') Nach V. Viackes Aufnahme (Monatsberichte über die Verhandluuseo der 
Gesellschaft für Erdkunde in Berlin 1. J. 1S39 40 S. 179 f.; vgl. in v. Moltkes 
Briefen über Zustände in der Türkei den vom 2. Nov 1S37) so ^ie nach den mir 
mitgetheilten Anfzeichouagea uod Pianeu des Herrn Dr. C. Schuchhardt sind hier 
drei Sperrungen angelegt. Die südlichste wahrscheinlich älteste ist ein einfacher 
£rdwall mit (aufiallender Weise) gegen Süden vorliegendem Graben ; ob römischen 
Ursprungs, kann zweifelhaft sein. Die beiden anderen Linien sind ein jetzt noch 
vielfach bis 3 Meter hoher Erd- und ein niedrigerer einst mit Steinen gefutterter 
Wall, die oft dicht neben einander her, anderswo wieder stundenweit von einander 
entfernt laufen. Man möchte sie für die beiden Vertheidigungslinien einer be- 
festigten Strafse halten, wenn auch in der östlichen Hälfte der Erdwall, in der 
südlicheren der Steinwall der nördlichere ist und sie in der Mitte sich kreuzen. 
An einer Stelle bildet der (hier südlichere) Erdwall die Hinterseite eines hinter 
dem Steinwall angelegten Castells. Der Erdwall ist auf der Nordseite von einem 
tiefen, auf der Südseite von einen flachen Graben gedeckt; jeden Graben schliefst 
ein Aufwurf ab. Dem Steinwall liegt auch nördlich ein Gra))en vor. Hinter dem 
Erdwall uod meist an ihn angelehnt finden sich je 750 M. von einander entfernt 
Castelle; andere in unregelmäi'sigen Entfernungen desgleichen hinter dem Stein- 
wall. Alle Linien halten sich hinter den Karasu-Seen als der natürlichen Ver- 
theidignngsstütze; von da, wo diese aufhört, bis zum Meer sind sie mit geringer 
Rüeksicht auf die Terrainverhältnisse geführt. Die Stadt Tomis liegt anfserhalb 
des WaUa uod nördlich davon; es sind aber ihre Featungsmaaern durch einen 
besonderen Wall mit der Sperrbefestigong in Verbindung gesetzt. 



208 ACHTES BCCH. lAPITBL YI. 

garniaonirende Legion hat ihr Hauptquartier wenigstens bald nachher 
in dieser Gegend bei Apulum (Karlsburg) erhalten. Weiter nördlich 
sind Potaissa (Thorda) und Napoca (Klausenburg) wohl auch sofort 
von den Römern in Besitz genommen worden, aber erst allmählich 
schoben die grofsen pannonisch-dadschen Militärcentren sich weiter 
gegen Norden vor. Die Verlegung der unterpannonischen Legion Yon 
Acumincum nach Aquincum, dem heutigen Ofen und die Occupirung 
dieser militärisch beherrschenden Position fällt nicht später als Hadrian 
und wahrscheinlich unter ihn; wohl gleichzeitig ist die eine der ober- 
pannonischen Legionen nach Brigetio (gegenüber Komorn) gekommen. 
Unter Commodus wurde an der Nordgrenze Daciens in der Breite von 
einer deutschen Heile jede Ansiedelung untersagt, was mit den später 
zu erwähnenden Grenzordnungen nach dem Marcomanenkrieg zu- 
sammenhängen wird. Damals mögen auch die befestigten Linien 
entstanden sein, welche diese Grenze, ähnlich wie die obergermanische, 
sperrten. Unter Severus kam eine der bisher niedermoesischen 
Legionen an die dacische Nordgrenze nach Potaissa (Thorda). Aber 
auch nach diesen Verlegungen bleibt Daden dne von Bergen und 
Schanzen gedeckte vorgeschobene Stellung am linken Ufer, bei 
der es wohl zweifdhaft sein mochte, ob sie die allgemeine 
Defensivstellung der Römer mehr förderte oder mehr beschwerte. 
Hadrianus hat in der That daran gedacht dies Gebiet aufzugeben, 
also dessen Einverleibung als einen Fehler betrachtet; nachdem 
sie einmal geschehen war, überwog allerdings die Rücksicht wenn 
nicht auf die einträglichen Goldgruben des Landes, so doch auf 
die rasch sich entwickelnde römische Civilisation im Marisusgebiet. 
Aber wenigstens den Oberbau der steinernen Donaubrücke lieTs er 
entfernen, da ihm die BesorgniTs vor der Benutzung derselben durch 
die Feinde schwerer wog als die Röcksicht auf die dacische Be- 
satzung. Die spätere Zeit hat von dieser Aengstlichkeit sich frd- 
gemacht; aber die excentrische Stellung Dadens zu der übrigen Grenz- 
vertheidigung ist geblieben. 

Die sechzig Jahre nach den Dakerkriegen Traians sind für die 
Donauländer eine Zeit des Friedens und der friedlichen Entwickelung 
gewesen. Ganz zur Ruhe kam es freilich namenllicb an den Donau- 
mündungen nie , und auch das bedenkliche Hüifsmittel von den an- 
grenzenden unruhigen Nachbaren, ähnlich wie es mit Decebalus ge- 
schehen war, durch Aussetzung jährlicher Gratiale die Grenzsicherheit 



DIE DONAULAffDER UND DIE KRIEGE AN DER DONAU. 

ZU erkaufen ist ferner angewandt worden^); dennoch zeigen die Reste 
des Alterthums eben in dieser Zeit überall das Aufblühen städti- 
schen Lebens, und nicht wenige Gemeinden namentlich Pannoniens 
nennen als ihren Stifter Dadrian oder Pius. Aber auf diese Stille folgte 
ein Sturm, wie das Kaiserthum noch keinen bestanden hatte, und der, 
obwohl eigentlich auch nur ein Grenzkrieg, durch seine Ausdehnung 
über eine Reihe von Provinzen und durch seine dreizehnjährige Dauer 
das Reich selbst erschütterte. 

Den nach den Marcomanen benannten Krieg hat nicht eine einzelne mu«>- 
Persönlldikeit vom Schlage des Hannibal und des Decebalus angefacht. '"^"^ *'* 
Ebenso wenig haben Uebergriffe römischerseits diesen Krieg herauf- 
beschworen; Kaiser Pius verletzte keinen Nachbar, weder den mäch- 
tigen noch den geringen, und hielt den Frieden fast mehr als billig 
hoch. Das Reich des Maroboduus und des Vannius hatte sich seitdem, 
vielleicht in Folge der Theilung unter Vangio und Sido (S.196), in das 
Königthum der Marcomanen im heutigen Böhmen und das der Quaden 
in Mähren und Oberungarn geschieden. Conflicte mit den Römern 
scheinen hier nicht stattgefunden zu haben; das Lehnsverhältnib der 
Quadenfürsten wurde sogar unter Pius Regierung durch die erbetene 
Bestätigung in förmlicher Weise anerkannt. Völkerschiebungen, die 
jenseit des römischen Horizonts liegen, sind die nächste Ursache des 
grolsen Krieges gewesen. Bald nach Pius Tode (f 161) erschienen 
Haufen von Germanen , namentlich Langobarden von der Elbe her, 
aber, auch Harcomanen und andere Mannschaften in Pannonien, 
es scheint um neue Wohnsitze am rechten Ufer zu gewinnen. 
Gedrängt von den römischen Truppen, die ihnen entgegengeschickt 
wurden, entsandten sie den Marcomanenfürsten Ballomarius und 
mit ihm je einen Vertreter der zehn betheiligten Stämme, um ihre 
Bitte um Landanweisung zu erneuern. Aber der Statthalter liefs 
es bei dem Bescheid und zwang sie über die Donau zurückzugehen. 
Dies ist der Anfang des grofsen Donaukrieges'). Auch der Statt- 



*) Vita Hadriani 6: ctttn rege Roxakmorttm qui de immwiutis [stipendiis 
querebatur cognito negotio pacem eomposuU. 

*) Vita Marci 14: gentibus quae puUae a superiortbus barbaris fugerant 
msi redperentur beüwn inferenUbut. Dio bei Petrus Patricias fr. 6: Aayy^- 
ßa^Senv xal ^Oßltav (sonst nobekannt) i^xiax^Uay "iffXQov m^aitad-irttov rtav 
TTi^ BMixa (vielleicht schon damals praef. praetorio, in welchem Fall die Garde 
wei^n dieses Vorganges ansmarschirt wSre) lnni»v i^ilaadwiaw xal roDr dfMpl 
Mommien, rOm. G«BehUht0. Y. ]4 



210 ACHTBS BUCH. KAPITEL Tl. 

halter von Obergermanien Gaius Aufidios Victormus, der Schwieger- 
sohn des liUerarisch bekannten Fronte, hatte bereits um das J. 162 
einen Ansturm der Chatten abzuschlagen, welcher ebenfalls durch 
nachdringende Völkerschaften von der Elbe her verankibt sein mag. 
Wäre gleich energisch eingeschritten worden, so hätte gröberem 
Unheil vorgebeugt werden können. Aber eben damals hatte der arme- 
nische Krieg begonnen, in den bald die Parther eintraten; wenn auch 
die Truppen nicht gerade von der bedrohten Grenze weg nach dem 
Osten geschickt wurden, wofür wenigstens keine Beweise vorliegen^), 
so fehlte es doch an Mannschaft, um den zweiten Krieg sofort ener- 
gisch aufzunehmen. Dies Temporisiren hat sich schwer gerächt. Eben 
als in Rom Ober die Könige des Ostens triumphirt ward, brachen an 
der Donau die Chatten, die Harcomanen, die Quaden, die lazygen wie 
mit einem Schlag ein in das römische Gebiet. Raetien, Noricum, beide 
Pannonien, Dacien waren im selben Augenblick überschwemmt; im 
dacischen Grubendistrict können noch wir die Spuren dieses Einbruchs 
verfolgen. Welche Verheerungen sie in diesen Landschaften, die seit 
langem keinen Feind gesehen hatten, damals anrichteten, zeigt die Thal- 
sache, dab mehrere Jahre später die Quaden erst 13000, dann noch 
50000, dieJazygengar 100000 römische Gefangene zurückgaben. Es 
blieb nicht einmal bei der Schädigung der Provinzen. Es geschah, was 
seit drei Jahrhunderten nicht geschehen war und anfing als unmöglich zu 
gelten : die Barbaren durchbrachen den Alpenwall und fielen in Italien 
selbst ein; von Raetien aus zerstörten sie Opitergium (Oderzo), die 
Schaaren ,von der julischen Alpe berannten Aquileia'). Niederlagen 
einzelner römischer Armeecorps müssen mehrfach stattgefunden haben ; 



KnvSiSov mCfSv Iniff^aaavrmv efs namlfi ifivyriv oi ßagßaQoi itganovro' 
iff oU ovTO) n^ayßitatv iv Siei xaraatavies ix TiQtozrjs Intx^iQi^aeius ol 
ßaQßttQot ngiaßui naga AXUov Bdaaov rrjv ffaiovtav diinovra arüXovat 
BalXopittQiov 7€ rov ßaütXia MaQxo/aavtov xal irigovs «T^xa, xar* H&vos im- 
U(ttfiiVo$ f[va, xal ogxoig iriv iigtivfjv ol ngiaße^q Tttattaüafxhvoi oIxuSb 
XiOQovaiv, Dafs dieser Vorfall vor den Ausbruch des Krieges fallt, zeigt seiae 
Stellung; fr. 7 des Patricius ist Excerpt aus Dio 7], 11, 2. 

^) Das moesische Heer gab Soldaten zum armeuisclieD Krieg ab (Hirsch- 
feld arch. epigr. Mitth. 6, 41); aber hier war die Grenze nicht gefährdet. 

*) Die Betheiligung der rechtsrheinischen Germanen bezeugt Dio 71, 3, 
und nur dadurch erklären sich die Mafsregeln, die Marens für Raetia und 
Noricum traf. Auch die Lage von Oderzo spricht dafür, dafs diese Angreifer 
über den Brenner kamen. 



DIE DONAULÄNDBR tlfO DIE KRIEGE AN DER DONAU. 211 

wir erfahren nur, dafs einer der Gardeconimandanten Victorinus vor 
dem Feind blieb und die Reihen der römischen Heere sich in arger 
Weise lichteten. 

Der schwere Angriff traf den Staat zur unglQcklichsten Stunde. 
Zwar der orientalische Krieg war beendigt; aber In semem Gefolge 
hatte eine Seuche sich in Italien und dem ganzen Westen Terbreitet, 
die dauernder als der Krieg und in entsetzlicherem Mause die 
Menschen hinraffte. Wenn die Truppen, wie es nothwendig war, 
zusammengezogen wurden, so fielen der Pest die Opfer nur um so 
zahlreicher. Wie zu der Pestilenz immer die theure Zeit gehört, so 
erschien auch hier mit ihr Hifswachs und Hungersnoth und schwere 
FinanzcalamiCät — die Steuern gingen nicht ein und im Laufe des 
Krieges sah sich der Kaiser veranlafst die Kleinodien seines Palastes 
in öffentlicher Auction zu veräuXsern. Es fehlte an einem geeigneten 
Leiter. Eine so ausgedehnte und so verwickelte militärisch-politische 
Aufgabe konnte, wie die Dinge in Rom lagen, kein beauftragter Feld- 
herr, sondern aUein der Herrscher selbst auf sich nehmen. Marcus 
hatte, in richtiger und bescheidener Erkenntnifs dessen, was ihm ab- 
ging, bei der Thronbesteigung sich seinen jüngeren Adoptivbruder 
Lucius Verus gleichberechtigt zur Seite gestellt, in der wohlwollenden 
Voraussetzung, dafs der flotte junge Mann, wie er ein tüchtiger Fechter 
und Jäger war. so auch zum fähigen Feldherrn sich entwickeln 
werde. Aber den scharfen Blick des Menschenkenners besafs der ehr- 
liche Kaiser nicht; die Wahl war so unglücklich wie möglich ausgefallen ; 
der eben beendigte parthische Krieg hatte den nominellen Feldherm 
als eine wüste Persönlichkeit und einen unfähigen Offizier gezeigt. 
Verus Mitregentschaft war nichts als eine Calamität mehr, die frei- 
lich durch seinen nicht lange nach dem Ausbruch des marcomanischen 
Krieges erfolgten Tod (169) in Wegfall kam. Marcus, seinen Nei- 
gungen nach mehr reflectiv als dem praktischen Leben zugewandt 
und ganz und gar kein Soldat, überhaupt keine hervorragende Persön- 
lichkeit, übernahm die ausschliefsliche und persönliche Leitung der 
erforderlichen Operationen. Er mag dabei im Einzelnen Fehler genug 
gemacht haben und vielleicht geht die lange Dauer der Kämpfe darauf 
mit zurück ; aber die Einheit des Oberbefehls, die klare Einsicht in den 
Zweck der Kriegführung, die Folgerichtigkeit des staatsmännischen 
Handelns, vor allem die Rechtschaffenheit und Festigkeit des seines 
schweren Amtes mit selbstvergessener Treue waltenden Mannes haben 

U* 



212 ACHTES BUCH. KAPITEL VI. 

schliefslich den gefährlichen Ansturm gebrochen. Es ist dies ein um 
so höheres Verdienst, als der Erfolg mehr dem Charakter als dem Talent 
verdankt wird. 

Worauf man sich gefafst machte, zeigt dieThatsache, dafs die Re- 
gierung, trotz des Mangels an Menschen und an Geld, in dem ersten 
Jahre dieses Krieges mit ihren Soldaten und auf ihre Kosten die Mauern 
der Hauptstadt Dalmatiens Saionae und der Hauptstadt Thrakiens Phi- 
lippopolis herstellen liefs; sicher sind dies nicht vereinzelte Anord- 
nungen gewesen. Man mufste sich darauf vorbereiten die Nordländer 
überall die grofsen Städte des Reiches berennen zu sehen; die 
Schrecken der Gothenzuge pochten schon an die Pforten und wurden 
vielleicht für diesmal nur dadurch abgewandt, dafs die Regierung sie 
kommen sah. Die unmittelbare Oberleitung der militärischen Ope- 
rationen und die durch die Sachlage geforderte Regulirung der Bezie- 
hungen zu den Grenzvölkern und Reformirung der bestehenden Ord- 
nungen an Ort und Stelle durfte weder fehlen, noch dem charakterlosen 
Bruder oder Einzelführern überlassen werden. In der That änderte 
sich die Lage der Dinge, so wie die beiden Kaiser in Aquiieia eintrafen, 
um von dort mit dem Heer nach dem Kriegsschauplatz abzugehen. 
Die Germanen und Sarmaten, wenig in sich geeinigt und ohne 
gemeinschaftliche Leitung, fühlten sich solchem Gegenschlag nicht 
gewachsen. Die eingedrungenen Haufen zogen überall sich zurück ; 
die Quaden sandten den kaiserlichen Statthaltern ihre Unter- 
werfung ein und vielfach büfsten die Führer der gegen die 
Römer gerichteten Bewegung diesen Rückschlag mit dem Leben. 
Lucius meinte, dafs der Krieg Opfer genug gefordert habe und rieth 
zur Rückkehr nach Rom. Aber die Marcomanen verharrten in trotzigem 
Widerstand und die Calamität, die über Rom gekommen war, die 
Hunderttausende der weggeschleppten Gefangenen, die von den Bar- 
baren errungenen Erfolge forderten gebieterisch eine kräftigere Politik 
und die offensive Fortsetzung des Krieges. Marcus Schwiegersohn 
Tiberius Claudius Pompeianus übernahm aufserordentlicher Weise das 
Commando in Raetien und Noricum; sein tüchtiger Unterbefehlshaber, 
der spätere Kaiser Publius Helvius Pertinax, säuberte ohne Schwierig- 
keit mit der aus Pannonien herbeigerufenen ersten Hülfsiegion das 
römische Gebiet. Trotz der Finanznoth wurden namentlich aus illyri- 
schen Mannschaften, bei deren Aushebung freilich mancher bisherige 
Strafsenräuber zum Landesvertheidiger gemacht ward, zwei neue Le- 



DIE I>0I<9ACLÄPIDER C?9D DIE KRIEGE AN DER DONAU. 213 

gionen gebildet und, wie schon früher (S. 147. 181) angegeben ward, die 
bisher geringfügige Grenz wacht dieser beiden Provinzen durch die neuen 
Legionslager von Regensburg und Enns verstärkt. In die ober- 
pannonischen Lager begaben sich die Kaiser selbst. Vor allen Dingen 
kam es darauf an den Heerd des Kriegsfeuers einzuschränken. Die von 
Norden kommenden Barbaren, die ihre Hülfe anboten, wurden nicht 
zurückgewiesen und fochten in römischem Sold, soweit sie nicht, 
was auch vorkam, ihr Wort brachen und mit dem Feind ge- 
meinschaftliche Sache machten. Den Quaden, welche um Frieden 
und um die Bestätigung des neuen Königs Furtius baten, wurde 
diese bereitwillig zugestanden und nichts gefordert als Rückgabe 
der Ueberläufer und der Gefangenen. Es gelang einigermaßen, 
den Krieg auf die beiden Hauptgegner, die Marcomanen und die von 
Alters her ihnen verbündeten Jazygen zu beschränken. Gegen diese 
beiden Völker wurde in den folgenden Jahren in schweren Kämpfen und 
- nicht ohne Niederlage gestritten. Wir wissen davon nur Einzelheiten, 
die sich nicht in festen Zusammenhang bringen lassen. Marcus Clau- 
dius Fronto, dem die aufserordentlicher Weise vereinigten Commandos 
von Obermoesien und Dacien anvertraut waren, fiel um das J. 171 im 
Kampfe gegen Germanen und Jazygen. Ebenso fiel vor dem Feind 
der Gardecommandant Marcus Macrinius Vindex. Sie und andere 
hochgestellte Offiziere erhielten in diesen Jahren Ehrendenkmäler in 
Rom an der Säule Traians, weil sie in Vertheidigung des Vaterlandes 
den Tod gefunden hatten. Die barbarischen Stämme, die sich für Rom 
erklärt hatten, fielen zum Theii wieder ab, so die Cotiner und vor 
allem die Quaden, welche den flüchtigen Marcomanen eine Freistalt 
gewährten und ihren Vasallenkönig Furtius vertrieben, worauf Kaiser 
Marcus auf den Kopf seines Nachfolgers Ariogaesus einen Preis von 
1000 Goldstücken setzte. Erst im sechsten Kriegsjahr (172) scheint 
die völlige Ueberwindung der Marcomanen erreicht worden zu sein 
und danach Marcus den wohlverdienten Siegestitel Germanicus an- 
genommen zu haben. Es folgte dann die Niederwerfung der 
Quaden, endlich im J. 175 die der Jazygen, in Folge deren der 
Kaiser den weiteren Beinamen des Sarmatensiegers empfing. Die 
Bedingungen, welche den überwundenen Völkerschaften gestellt 
wurden, zeigen, dafs Marcus nicht zu strafen beabsichtigte, sondern 
zu unterwerfen. Den Marcomanen und den Jazygen, wahrschein- 
lich auch den Quaden, wurde auferlegt einen Grenzstreifen am 



1 



214 ACHTES BUCH. KAPITEL ¥1. 

Flusse in der Breite von zwei, nach späterer Milderung von einer 
deutschen Meile zu räumen. In die festen Plätze am rechten Donau* 
ufer wurden römische Besatzungen gelegt, die allein bei den Marco- 
manen und Quaden zusammen sich auf nicht weniger als 20 000 Mann 
beliefen. Alle Unterworfenen hatten Zuzug zum römischen Heer zu 
stellen, die Jazygen zum Beispiel 8000 Reiter. Wäre der Kaiser nicht 
durch die Insurrection Syriens abgerufen worden, so hätte er die 
letzteren ganz aus ihrer Heimath getrieben, wie Traianus die Daker. 
Daus Marcus die abgefallenen Transdanuvianer nach diesem Muster zu 
behandeln gedachte, bestötigt der weitere Verlauf. Kaum war jenes 
Hindernifs beseitigt, so ging der Kaiser wieder an die Donau und 
begann, eben wie Traianus, im J. 178 den zweiten abschliefsenden 
Krieg. Die Motivirung dieser Kriegserklärung ist nicht bekannt; der 
Zweck wird ohne Zweifel richtig dahin angegeben, dafs er zwei 
neue Provinzen Marcomania und Sarmatia einzurichten gedachte. Den 
Jazygen, die sich den Absichten des Kaisers fügsam gezeigt haben 
werden, wurden die lästigen Auflagen gröfstentheils erlassen, ja 
ihnen für den Verkehr mit ihren östlich von Dacien hausenden Stamm- 
verwandten, den Roxolanen, der Durchgang durch Dacien unter an- 
gemessener Aufsicht gewährt — wahrscheinlich auch nur, weil sie 
schon als römische Unterthanen betrachtet wurden. Die Marcomanen 
wurden durch Schwert und Hunger fast aufgerieben. Die verzweifelnden 
Quaden wollten nach Norden auswandern und bei den Semnonen sich 
Sitze suchen; aber auch dies wurde ihnen nicht gestattet, da sie die 
Aecker zu bestellen hatten, um die römischen Besatzungen zu ver- 
sorgen. Nach vierzehnjähriger fast ununterbrochener Waffenarbeit 
stand der Kriegsfurst wider Willen am Ziel und die Römer zum zweiten 
Mal vor der Gewinnung der oberen Elbe; jetzt fehlte in der That nur 
die Ankündigung das Gewonnene festhalten zu wollen. Da starb er, 
noch nicht sechzig Jahre alt, im Lager von Vindobona am 17. März 180. 
Ergebnin« Man wird nicht blofs die Entschlossenheit und die Consequenz 

^^^•^' des Herrschers anerkennen, sondern auch einräumen müssen, dafs er 
^•fl^- that, was die richtige Politik gebot. Die Eroberung Daciens durch 
Traian war ein zweifelhafter Gewinn, obwohl eben in dem marcoma- 
nischen Krieg der Besitz Daciens nicht blofs ein getSihrliches Element 
aus den Reihen der Gegner Roms entfernt, sondern wahrscheinlich 
auch bewirkt hat, dafs der Völkerschwarm an der unteren Donau^ die 
Bastarner, die Rozolaner und andere mehr in den Marcomanenkrieg 



DIE DONAULANDBR UND DIE KRIEGE AN DER DONAU. 215 

nicht tiügegriffen haben. Aber nachdem der gewaltige Ansturm der 
Transdanuvianer westlich von Dacien die Niederwerfung derselben 
zur Nothwendigkeit gemacht hatte, konnte diese nur in abschliessen- 
der Weise ausgeführt werden, indem Böhmen, Mähren und die Theiss* 
ebene in die römische Vertheidigungslinie eingezogen wurden, wenn 
auch diesen Gebieten wohl nur, wie Dacien, eine Vorpostensteliung 
zugedacht war und die strategische Grenzlinie sicher die Donau bleiben 
sollte. 

Des Marcus Nachfolger, Kaiser Commodus war im I^ager an- commodtta 
wesend, als der Vater starb und trat, da er die Krone schon seit Mhiub!' 
mehreren Jahren dem Namen nach mit dem Vater theilte, mit dessen 
Tode sofort in den Besitz der unumschränkten Gewalt. Nur kurze 
Zeit lieb der neunzehnjährige Nachfolger die Vertrauensmänner des 
Vaters» seinen Schwager Poinpeianus und andere, die mit Marcus die 
schwere Last des Krieges getragen hatten, im Sinne desselben schalten. 
Commodus war in jeder Hinsicht dasGegentheil seines Vaters; kein Ge- 
lehrter, sondern ein Fechtmeister, so feig und charakterschwach wie 
dieser entschlossen und consequent, so träge und pflichtvergessen wie 
dieser thätig und gewissenhaft. Er gab nicht blofs die Einverleibung 
des gewonnenen Gebiets auf, sondern gewährte auch den Marcomanen 
freiwillig Bedingungen, wie sie sie nicht hatten hoffen dürfen. Die 
Regulirung des Grenzverkehrs unter römischer Controle und die Ver- 
pflichtung ihre den Römern befreundeten Nachbaren nicht zu schädigen 
verstanden sich von selbst; aber die Besatzungen wurden aus ihrem 
Lande zuröckgez(%en und nur das Gebot den Grenzstifeifen nicht zu 
besiedeln festgehalten. Die Leistung von Abgaben und die Stellung von 
Recniten wurde wohl ausbedungen, aber jene bald erlassen und diese 
sicher nie gestellt Aehnlich ward mit den Quaden abgeschlossen und 
wird mit den übrigen Transdanuvianern abgeschlossen worden sein. 
Damit waren die gemachten Eroberungen aufgegeben und die viel- 
jährige Kriegsarbeit war umsonst; wenn man nicht mehr wollte, so 
war eine ähnliche Ordnung der Dinge schon viel froher zu erreichen. 
Dennoch hat der marcomanische Krieg die Suprematie Roms in diesen 
Landschaften für die Folgezeit sicher gestellt, trotzdem Rom den 
Siegespreis aus der Hand gab. Nicht von den Stämmen, welche dabei 
betheiligt waren, ist der Stofs geführt worden, dem die römische Welt- 
macht erlag. 

Eine andere bleibende Folge dieses Krieges hängt zusammen mit Der coionat. 



216 ACHTES BUCH. KAPITEL VI. 

den durch denselben veranlassten Ueberföhrungen der Transdanuvia- 
ner in das römische Reich. An sich waren derartige Umsiedelungen 
zu aller Zeit vorgekommen; die unter Augustus nach Gallien ver- 
pflanzten Sugambrer, die nach Thrakien gesandten Daker waren nichts 
als neue zu den früher vorhandenen hinzutretende Unterthanen oder 
Unterthanengemelnden, und elwas anderes sind wohl auch die 3000 
Naristen nicht gewesen, denen Marcus gestattete ihre Sitze westlich 
von Böhmen mit solchen im Reich zu vertauschen, während den sonst 
unbekannten Astingem an der dakischen Nordgrenze die gleiche Bitte 
abgeschlagen ward. Aber die nicht blofs im Donauland , sondern in 
Italien selbst bei Ravenna von ihm angesiedelten Germanen waren 
weder freie Unterthanen noch eigentlich unfreie Leute; es sind dies 
die Anfänge der römischen Leibeigenschaft, des Colonats, dessen Ein- 
greifen in die Bodenwirthschaft des gesammten Staats in anderem 
Zusammenhang darzulegen ist. Jene ravennatische Ansiedlung hat 
indeJjB keinen Bestand gehabt; die Leute lehnten sich auf und muXsten 
wieder weggeschafllt werden, so da/s der neue Colonat zunächst auf die 
Provinzen, namentlich die Donaulandschaflen, beschränkt blieb. 
Di« Tor- liViederum folgte auf den grofsen Krieg an der mittleren Donau 

y^SSidtT. eine fast sechzigjährige Friedenszeit, deren Segen durch das während 
derselben stetig steigende innere Mifsregiment nicht vollständig auf- 
gehoben werden konnte. Wohl zeigt manche vereinzelte Nachricht, 
dafs die Grenze, namentlich die am meisten exponirte dacische, nicht 
ohne Anfechtung blieb; aber vor allem das straffe Militärregiment des 
Severus that hier seine Schuldigkeit und wenigstens Marcomanen und 
Quaden erscheinen auch unter dessen nächsten Nachfolgern in unbe- 
dingter Abhängigkeit, so dafs der Sohn des Severus einen Quaden- 
färsten vor sich citiren und ihm den Kopf vor die Föfse legen konnte. 
Auch die in dieser Epoche an der unteren Donau gelieferten Kämpfe 
sind von untergeordnetem Belang. Aber wahrscheinlich hat in dieser 
Zeit eine umfassende Völkerverschiebung von Nordosten her gegen 
das schwarze Meer stattgefunden und die römische Grenzwacht an 
der unteren Donau neuen und gefährlicheren Gegnern gegenüber ge- 
stellt. Bis auf diese Zeit hatten den Römern dort vorzugsweise sar- 
matische Völkerschaften gegenüber gestanden, unter denen sich die 
Roxolaner mit den Römern am nächsten berührten; von Germanen 
safsen damals hier nur die seit langem in dieser Gegend heimischen 
Bastarner. Jetzt verschwinden die Roxolaner, vielleicht unter den dem 



DIE DONACLÄNDBR CTID DIE KRIEGE AN DER DONAU. 217 

AnscbeiD nach ihnen stammverwandten Carpern, welche fortan an der 
unteren Donau, etwa in den Thälem des Seret und Prut, die nächsten 
Nachbaren der Römer sind. Neben dieCarper, ebenfalls als unmittelbare 
Nachbarn der Römer an der Donaumundung, tritt das Volk der Gothen. 
Dieser germanische Stamip ist nach der einheimischen Erzählung, 
die uns erhalten ist, von Scandinavien ober die Ostsee nach der Oothen. 
Weichselgegend und aus dieser zum schwarzen Meer gewandert; 
damit übereinstimmend kennen die römischen Geographen des 2. Jahr- 
hunderts sie an der Weichsel und die römische Geschichte seit dem 
ersten Drittel des dritten an der nordwestlichen Küste des schwarzen 
Meeres. Von da an erscheinen sie hier in stetigem Anschwellen; die 
Reste der Bastarner sind unter Kaiser Probus, die Reste der Carper 
unter Kaiser Diocletian vor ihnen auf das rechte Donauufer gewichen, 
während ohne Zweifel ein grofser Theil dieser wie jener sich unter 
die Gothen mischten und ihnen sich anschlössen. Ueberall darf diese 
Katastrophe nur in dem Sinne als die des Gothenkrieges bezeichnet 
werden, wie die unter Marcus eingetretene von den Marcomanen 
heifst; die ganze Masse der durch den Wanderstrom vom Nordosten 
zum schwarzen Meer in Bewegung gesetzten Völkerschaften ist daran 
betheiligt, und um so mehr betheiligt, als diese Angriffe ebenso zu 
Lande über die untere Donau wie zu Wasser von der Nordküste des 
schwarzen Meeres aus in einer unentwirrbaren Verschlingung der 
Land- und der Seepiraterie erfolgten. Nicht unpassend nennt darum 
der gelehrte Athener, der in ihm gefochten und ihn erzählt hat, diesen 
Krieg vielmehr den skythischen, indem er unter diesem, gleich dem 
pelasgischen die Verzweiflung der Historiker machenden Namen alle 
germanischen und nicht germanischen Reichsfeinde zusammenfafst. 
Was über diese Zöge zu berichten ist, soll, so weit die der Verwirrung 
dieser schrecklieben Zeiten nur zu sehr entsprechende Verwirrung 
der Ueberlieferung es gestattet, hier zusammengefafst werden. 

Das Jahr 238, auch ein Vierkaiserjahr des Bürgerkriegs, wird ^" 
bezeichnet als dasjenige, in dem der Krieg gegen die hier zuerst ge- 
nannten Gothen begann^). Da die Münzen von Tyra und Olbia mit 



') Die aDgebliehe erste Erwühnan; der Gothen io der Biographie Cara- 
calUs c. 10 beruht auf MifsverstSndoiffl. Weoo wirklieh ein Senator sieh den 
boshaften Seherz gestattet hat dem M6rder Getas den f^amen Getieos beizu- 
legen, weil er auf seinem Zug von der Donau nach dem Orient einige Geteo- 
sekwSrme {tümuUuarHs proeUü) besiegt habe, so meinte er Daher, nieht die 



218 ACHTES BUCH. KAPITEL VI. 

Alexander (f 235) aufhören, so sind diese aurserhalb der Reichsgrenze 
gelegenen römischen Besitzungen wohl schon einige Jahre flrOher eine 
Beute der neuen Feinde geworden. In jenem Jahr fiberschritten sie 
zuerst die Donau und die nördlichste der moesischen Köstenstädte 
Istros war das erste Opfer. Gordian, der aus den Wirren dieser Zeit 
als Herrscher hervorging, wird als Besieger der Gothen bezeichnet; 
gewisser ist es, dafs die römische Regierung wenn nicht schon früher, so 
doch unter ihm sich dazu verstand die gothischen Einfalle abzukaufen^). 
Begreiflicher Weise forderten die Carper das Gleiche, was der Kaiser 
den schlechteren Gothen bewilligt habe; als die Forderung nicht ge- 
währt ward, fielen sie im J. 245 in das römische Gebiet ein. Kaiser 
Philippus — Gordianus war damals schon todt — schlug sie zurück 
und eine energische Action mit der vereinigten Kraft des grofsen Reiches 
wurde den Barbaren wohl hier Halt geboten haben. Aber in diesen 
Jahren fand der Kaisermörder so sicher den Thron wie wiederum 
seinen Mörder und Nachfolger; eben in den gefährdeten Donauland- 
schaften rief die Armee gegen Kaiser Philippus erst den Marinus Paca- 
tianus und nach dessen Beseitigung den Traianus Decius aus, welcher 
letztere in der That in Italien seinen Gegner überwand und als 
Herrscher anerkannt ward. Er war ein tüchtiger und tapferer Mann, 
nicht unwerth der beiden Namen, die er trug, und trat, so wie er 
konnte, entschlossen in die Kämpfe an der Donau ein; aber was der 
inzwischen geführte Bürgerkrieg verdorben hatte, liefs sich nicht mehr 
einbringen. Während die Römer mit einander schlugen, hatten die 



damals schwerlich dort wohoeadea nad dem römische a Publicum kaum be- 
kaaatea Gotbea, derea Gleiehua; mit dea tietea auch gewifs erst später er- 
fuadea ward. — Uebrigeas fuhrt noch weiter zurück die Aagabe, dafs Kaiser 
Maximians (235 — 238) derSoha eiaes ia das benachbarte Thrakiea iibergesiedeltea 
Gothen gewesen sei; doch wird auch daranf nicht viel zn geben sein. 

^) Petrus Patricius fr. 8. Die Verwaltung des hier genaanten Legatea 
von Untermoesien Tnllins Menophilus ist durch Münzen sicher auf die Zeit 
Gordians und mit Wahrscheinlichkeit auf 238—240 bestimmt (Borghesi opp. 2, 
227). Da der Anfang des Gothenkrieges und die ZerstSning von Istros dnreh 
Dexippos (Vita Max. et Balb. 16) auf 238 festgestellt ist, so liegt es aahe die 
Uebernabme des Tributs damit in Zusammeahang zu briagea; auf jeden Fall 
ist er damals erneuert worden. Die vergeblichen Belagernngea voa MarkiaaopoUs 
und Philippopolis durch die Gothen (Dexippos fr. 18. 19) mögen auf die Ein- 
nahme von Istros gefolgt sein. lordanes Get. 16, 92 setzt die erstere unter 
Philippus, ist aber in chrenologiscken Fragen kein gültiger Zeuge. 



DIE DONAÜLlNDUt OKD DR KRIEGE AN DER DONAU. 219 

Gothen und die Carper sich geeinigt und waren unter dem Gothen- 
forsten Cniva in das von Truppen entbldfate Moeaien eingefallen. Der 
Stattbalter der Provinz Trebonianus Gallus warf sich mit seiner Mann- 
schaft nach Nikopolis am Haemus und wurde hier ron den Gothen be- 
lagert; diese raubten zugleich Thrakien aus und belagerten dessen 
Hauptstadt, das grobe und feste PhilippopoUs; ja sie gelangten bis 
nach Makedonien und berannten Thessalonike, wo der Statthalter 
Priscus eben diesen Moment geeignet fand, um sich zum Kaiser aus- 
rufen zu lassen. Als Decius anlangte, um zugleich den Nebenbuhler 
und den Landesfeind zu bekämpfen, wurde wohl jener ohne MOhe be- 
seitigt und gelang auch der Entsatz von Nikopolis, wo 30000 Gothen 
gefallen sein sollen. Aber die nach Thrakien zurückweichenden Gothen 
siegten ihrerseits bei Beroö (Alt-Zagora), warfen die Römer nach 
Moesien zurück und bezwangen sowohl Nikopolis daselbst wie in Thra- 
kien Anchialos und sogar Philippopolis, wo 100 000 Menschen in ihre 
Gewalt gekommen sein sollen. Daraufzogen sie nordwärts, um die un- 
geheure Beute in Sicherheit zu bringen. Decius entwarf den Plan, dem 
Feind bei dem Uebergang über die Donau einen Schlag zu versetzen. Er 
stellte eine AbLheilung unter Gallus am Ufer auf und hoffte die Gothen 
auf diese werfen und ihnen den Rückzug abschneiden zu können. 
Aber bei dem moesischen Grenzort Abrittus entschied das Kriegsglück Tod 
oder auch der Verrath des Gallus gegen ihn ; Decius kam mit seinem 
Sohn um und Gallus, der als sein Nachfolger ausgerufen ward, begann 
sein Regiment damit den Gothen die jährlichen Geldzahlungen aber- 
mals zuzusichern (251)^). Diese völlige Niederlage der römischen 
Waffen wie der römischen Politik, der Fall des Kaisers, des ersten, 
der im Kampf gegen die Barbaren das Leben verlor, eine Kunde, welche 
selbst in dieser in der Gewohnheit des Unheils erschlaffenden Zeit tief 
die Gemfither erregte, die darauf folgende schimpfliche Capitulation 
stellte in der That die Integrität des Reiches in Frage. Ernste 

>) Die Berichte über diese Vorsänge bei Zosimas 1, 21 — 24, Zoaarts 
12, 20, Ammisn 81, 5, 16. 17 (welebe NAchrichteo bis zn der PhilippopoUs 
hetrsffeadei dadardi, daTs diese bei Zosimot wiederkehrt, als hierher gehSrig 
fizirt werden), obwohl alle fragmeatarisch oder zerrüttet, dörfteo aas dem 
Bericht des Dexippos, wovon fr. 16. 19 erhalteo sind, geflossen seio and lasseo 
sich eioigermafsen vereinigen. Dieselbe Quelle liegt auch den Kaiserbiographien 
vad Jordaaes za Grunde; beide aber haben sie in dem Grade entstellt ond 
verfilacht, dafs von ihren Angaben nur jnit grofser Vorsicht Gebraoch gemacht 
werdea kann. Unabhängig ist Victor Caes. 29. 



220 ACHTES BUCH. KAPITEL VI. 

Krisen an der mittleren Donau, wahrscheinlich der drohende Veriost 
Daciens müssen die nächste Folge gewesen sein. Noch einmal ward 
dieser abgewandt: der Statthalter von Pannonien Marcus Aemilius 
Aemilianus, ein guter Soldat, errang einen bedeutenden Waffenerfolg 
und tr ieb die Feinde über die Grenze. Aber die Nemesis waltete. Die 
Consequenz dieses auf Gallus Namen erfochtenen Sieges war, dafs die 
Armee dem Verräther des Decius den Gehorsam aufkündigte und ihren 
Feldherrn zu seinem Nachfolger erkor. Abermals ging also der Burger- 
krieg der Grenzvertheidigung vor, und während Aemilianus in Italien 
zwar den Gallus überwand, aber bald darauf dem Feldherrn desselben 
Valerianus unterlag (254), ging Dacien, wie und an wen wissen wir 
y«riutk nicht ^), dem Reiche verloren. Die letzte von dieser Provinz geschla- 
^ *"'* gene Münze und die jüngste dort gefundene Inschrift sind vom J. 255, 
die letzte Münze des benachbarten Yiminacium in Obermoesien vom 
folgenden Jahre; in den ersten Jahren Valerians und Galliens also 
besetzten die Barbaren das römische Gebiet am linken Ufer der Donau 
und drangen sicher auch hinüber auf das rechte. 

Bevor wir die Entwickelung der Dinge an der unteren Donau 
weiter verfolgen, erscheint es nothwendig einen Blick zu werfen auf 
die Piraterie, wie sie in der östlichen Hälfte des Mittelroeeres damals 
im Gange war, und die daraus hervorgegangenen Seezüge der Gothen 
und ihrer Genossen. 
Piraten« auf Dafs auf dem schwarzen Meer die römische Flotte zu keiner Zeit 
^*°* ^*°*"entbehi'lich, die Piraterie daselbst wahrscheinlich nie ausgerottet 
worden ist, liegt im Wesen der Römerherrschaft, wie sie an seinen 
Küsten sich gestaltet hatte. In festem Besitz waren sie nur etwa von 
der Donaumündung abwärts bis Trapezunt. Römisch waren freilich 
auch einerseits Tyra an der Mundung des Dnjestr und Olbia an der 
Bucht der Dnjeprmündung, andererseits die kaukasischen Hafenorte 
in der Gegend des heutigen Suchum-Kaleh, Dioskurias und Pityus. 
Auch das dazwischen liegende bosporanische Königreich in der Krim 
stand in römischem. Schutz und hatte rOmische, dem Statthalter von 
Moesien unterstehende Besatzung. Aber es waren an diesen gröfsten- 
theils wenig einladenden Gestaden nur jene Hafenplätze entweder als 
alte griechische Ansiedelungen oder als römische Festungen in festem 



>) Vielleicht bezieht sich darauf der Einbruch der Marcomaneo bei 
Zosiniis 1,29. 



DIE DOIfACLÄNDER UND DIB KRIEGE AN DER DONAU. 22 t 

Besitz, die Küste selbst öde oder in den Händen der das Binnen- 
land erfüllenden Eingeborenen, die unter dem aUgemeinen Namen 
der Skythen zusammengefafst, meistens sarmatischer Abkunft, den 
Römern niemals botmäfsig wurden noch werden sollten; man war 
zufrieden, wenn sie sich nicht geradezu an den Römern oder deren 
Schutzbefohlenen yergriffen. Danach ist es nicht zu verwundern, dafs 
schon in Tiberius Zeit die Piraten der Ostkuste nicht blofs das schwarze 
Meer unsicher machten, sondern auch landeten und die Dörfer und die 
Städte der Küste brandschatzten. Wenn unter Pius oder Marcus eine 
Schaar der an dem nordwestlichen Ufer hausenden Kostoboker die im 
Herzen von Phokis gelegene Binnenstadt Elateia überfiel und unter 
deren Hauern mit den Bürgern sich herumschlug, so zeigt dieser gewifs 
nur zufallig für uns einzeln dastehende Vorgang, dafs dieselben Er- 
scheinungen, welche dem Sturz des Senatsregiments voraufgingen, 
jetzt sich erneuerten und noch bei äufserlich unerschüttert aufrecht 
stehender Reichsgewalt nicht blofs einzelne Piratenschiffe, sondern 
Piratengeschwader im schwarzen und selbst im Mittelmeere kreuzten. 
Das nach dem Tode des Severus und vor allem nach dem Ausgang der 
letzten Dynastie deutlich erkennbare Sinken des Regiments offenbarte 
sich dann, wie billig, vor allem in dem weiteren Verfall der Seepolizei. Die 
im Einzelnen wenig zuverlässigen Berichte melden bereits in der Zeit vor 
Decius das Erscheinen einer grofsen Piratenflotte im ägäischen Meer; 
dann unter Decius die Plünderung der pamphylischen Küste und der 
griechisch-asiatischen Insehi, unter Gallus Piratenstreifereien in 
Kleinasien bis nach Pessinus und Ephesos ^). Dies waren Räuberzüge. 



^) Amniiaans 31, 5, ]5: duohus navium miUbus perrupto Bosporo el 
Utoribus Propontidi* Scyihicarum gentium catervae transgressae ediderunt quidem 
aeerbas terra marique ttragetx sed amüta suorum parte maxima reverteruntf 
woraaf die Katastrophe der Decier erzählt und ia diese die weitere Notiz 
einseflochten wird: obsessae PamphyHae eiväaies (dahia wird die Belageraag 
von Side gehören bei Dexippns selbst fr. 23), insulae popukUae camphtreSf 
ebeoso die Belagperung vod Kyzikos. Wenn in diesem Rückblick nicht alles 
verwirrt ist, was bei Ammiaa doch nicht wohl aog^enommen werden kann, so 
fallt dies vor diejenigen Seefahrten, die mit der Belagerung von Pityos be- 
ginnen and mehr ein Theil der Völkerwanderung sind als Piratenznge. Die 
Zahl der Schiffe freilich dürfte dnreh Gedächtnifsfehler von dem Zog des 
J. 269 hierher übertragen sein. In denselben Znsammenhang gehört die Notiz 
bei Zosimns 1 , 28 über die Skythenzüge in Asien nnd Kappadokien bis Ephesos 
ond Pessinus. Die Nachricht über Ephesos in der Biographie Galliens c. 6 
ist dieselbe, aber der Zeit nach verschoben. 



222 ACBTB8 MJCB. RAPITIL Tl. 

Diese GeseUen plünderten die Küsten weit und breit, und machteu 
auch, wie man siebt, dreiste Zuge in das Binnenland; aber von xer- 
stOrten Städten wird nichts gemeldet und die Piraten vermieden 
es, mit den römischen Truppen susammensustoTsen ; vorxugsweise 
richtete sich der Angriff gegen solche Landschaften, in denen keine 
Truppen standen. 
seeioge der Unter Valeriattus nehmen dieseExpeditionen einen andern Charakter 
QeooMen. au. Die Art der Züge weicht von den früheren so sehr ab, dab der an 
sich nicht besonders wichtige Zug der Boraner gegen Pityus unter 
Valerianus von kundigen Berichterstattern geradexu als der Anfang die-- 
ser Bewegung heseichnet werden konnte ') und dab die Piraten eine 
Zeit lang in Kleinasien mit dem Namen dieser uns sonst nicht be- 
kannten Völkerschaft genannt wurden. Nicht mehr von den alten ein- 
heimischen Anwohnern des schwarzen Meeres gehen diese Züge aus, 
sondern von den nachdrängenden Schwärmen. Was bis dahin See- 
raub gewesen war, fängt an ein Stück derjenigen Völkerverschie- 
bung zu werden, welcher das Vordringen der Gothen an die untere 
Donau angehört. Die betheiligten Völker sind sehr mannichfach und 
zum Theil wenig bekannt; bei den späteren Zügen scheinen die ger- 
manischen Heniler, damals Anwohner der Maeotis, eine führende 
Rolle gespielt zu haben. Betheiligt sind auch die Gothen, indefs, so 
weit es sich um eigentliche Seefahrten handelt und über diese leidlich 
genaue Berichte vorliegen, nicht in hervorragender Weise; recht 
eigentlich diese Züge heifsen richtiger skythische als gothische. Der 
maritime Mittelpunkt dieser Angriffe ist die Dnjestrmündung, der 
Hafen von Tyra'). Die griechischen Städte des Bosporus, durch 
den Bankerott der Reichsgewalt schutzlos den andrängenden Haufen 



>) Bei Zosimas selbst wird man vöUiges Verstäadoifs dafdr nicht er- 
warten; aber sein Gewährsmann Dexippas, der Zeitsenosse aad Betheiligte, 
wufste wohl, warum er die bithyniscbe Expedition die Sivriga lipodos nannte 
(Zo8. 1, 35); und anch bei Zosimus noch erkennt man deutlich den von 
Dexippna beabsichtisten Gegensatz der Expedition der Boraner gegen Pityus 
und Trapeznnt zu den hergebrachten Pirateafahrten. In der Biographie des 
Gailienns wird die c. 11 unter dem J. 264 erzählte skythisehe Expedition 
nach Kappadokien die trapezuntische sein so wie die damit verknüpfte bithy- 
niscbe die, welche Zosimus die zweite nennt; verwirrt ist hier freilich alles. 

*) Dies sagt Zosimus 1, 42 und folgt auch ans dem Verhältaifs der 
Bosporaner zu dem ersten (1, 32) und dem des ersten zu dem zweiten Zog(1; 34). 



DIE DONAULInDEB 171«D DIB KRIEGE AN DER DONAU. 223 

preisgegeben und der Belagerung durch dieselben gewartig, liefsen 
halb gezwungen, halb freiwillig sieh dazu herbei die unbequemen 
neuen Nachbarn auf ihren Schiffen und durch ihre Seeleute nach den 
nächst gelegenen römischen Besitzungen an der Nordkfiste des Pon- 
tus überzuführen, wofür diesen selbst die nüthigen Mittel und das nö* 
thige Geschick mangelte. So kam jene Expedition gegen Pityus zu 
Stande. Die Boraner wurden^ gelandet und sandten, auf den Erfolg 
vertrauend, die Schiffe zurück. Aber der entschlossene Befehlshaber 
von Pityus Successianus wies den Angriff ab und die Angreifer, den 
Anmarsch der übrigen römischen Besatzungen befürchtend, zogen 
eilig ab, wozu sie mühsam die nöthigen Fahrzeuge beschafften. Auf* 
gegeben aber war der Plan nicht; im nächsten Jahr kamen sie wieder, 
und da der Commandant inzwischen gewechselt war, ergab sich die 
Festung. Die Boraner, welche diesmal die bosporanischen Schiffe fest- ^^^^ 
gehalten hatten und aus gepreisten Schiffsieuten und gefangenen Rö- 
mern deren Bemannung beschafften, bemächtigten sich weithin der 
Küste und gelangten bis nach Trapezunt In diese gut befestigte und stark 
besetzte Stadt hatte alles sich geflüchtet und zu einer wirklichen Be- 
lagerung waren die Barbaren nicht im Stande. Aber die Führung der 
Römer war sohlecht und die Kriegszucht so verfallen, dafs nicht ein- 
mal die Hauer besetzt wurde; so erstiegen die Barbaren dieselbe bei 
Nachtzeit, ohne auch nur Gegenwehr zu finden, und in der grolsen 
und reichen Stadt fiel ungeheure Beute, darunter auch eine Anzahl 
von Schiffen in ihre Hände. Glücklich kehrten sie aus dem fernen 
Lande zurück an die Maeotis. 

Ein zweiter durch diesen Erfolg angeregter Zug anderer, aber be- .»»oh 
nachbarter skythischer Haufen im folgenden Winter richtete sich gegen ^ ^°^*'' 
Bithynien; es ist bezeichnend für die zerrütteten Yerbältnisse, dafs der 
Anstifter dieses Zuges ein Grieche aus Nikomedeia Chrysogonos war 
und dafs er forden glücklichen Erfolg von den Barbaren hochgeehrt ward. 
Diese Expedition wurde, da die nöthige Zahl von Schiffen nicht zu 
beschaffen war, thcils zu Lande, theils zu Wasser unternommen ; erst 
in der Nähe von Byzanz gelang es den Piraten sich einer beträchtlichen 
Zahl von Fischerböten zu bemächtigen und so gelangten sie an die 
asiatische Küste nach Kalchedon, dessen starke Besatzung auf diese 
Kunde davon lief. Nicht blofs diese Stadt gerieth in ihre Hand, son- 
dern auch an der Küste Nikomedeia, Kios, Apamea, im Binnenland 
Nikaea und Prusa; Nikomedeia und Nikaea brannten sie nieder und 



224 ACHTES BUCH. KAPITEL VI. 

gelangten bis zum Rhyndakos. Von da aus fuhren sie heim, beladen 
mit den Schätzen des reichen Landes und seiner ansehnlichen Städte. 
BMh Schon der Zug gegen Bithynien war zum Theil auf dem Landweg 

^'u^!'^' unternommen worden; um so mehr setzten die Angriffe, die gegen 
das europäische Griechenland gerichtet wurden, sich aus Land- und 
Seeraubfahrten zusammen. Wenn Moesien und Thrakien auch nicht 
dauernd von den Gothen besetzt wurden, so kamen und gingen 
sie doch hier, gleich als wären sie zu Hause, und streiften von 
da aus weit nach Makedonien hinein. Selbst Achaia erwartete unter 
Valerianus von dieser Seite her den Einbruch; dieThermopyJen und der 
Istbmos wurden verrammelt und die Athener gingen daran ihre seit 
Sullas Belagerung in Trümmern liegenden Mauern wieder herzustellen. 
Damals und auf diesem Wege kamen die Barbaren nicht Aber unter 
Gallienus erschien eine Flotte von 500 Segeln, diesmal vornehmlich 
Heruler, vor dem Hafen von Byzanz, das indefs seine Wehrhaftigkeit noch 
nicht eingebüfst hatte ; die Schiffe der Byzantier schlugen glücklich die 
Räuber ab. Diese fuhren weiter, zeigten sich an der asiatischen Küste 
vor dem früher nicht angegriffenen Kyzikos und gelangten von da über 
Lemnos und Imbros nach dem eigentlichen Griechenland. Athen, 
Korinth, Argos, Sparta wurden geplündert und zerstört. Es war 
immer etwas, dafs, wie in den Zeiten der Perserkriege, die Bürger des 
zerstörten Athen, 2000 an der Zahl, den abziehenden Barbaren einen 
Hinterhalt legten und unter Führung ihres ebenso gelehrten wie 
tapferen Vormanns Publius Herennius Dexippus aus dem altadlichen 
Geschlecht der Keryken, mit Unterstützung der römischen Flotte, den 
Piraten einen namhaften Verlust beibrachten. Auf der Heimkehr, die 
zum Theil auf dem Landweg erfolgte, griff Kaiser Gallienus sie in 
Thrakien am Flufs Nestos an und tödtete ihnen eine beträchtliche 
Anzahl Leute ^). 
Dm Reiohs- Um das Mafs des Unheils vollständig zu übersehen, mufs man 

'ol^hl^Mit.' hinzunehmen, dafs in diesem in Scherben gehenden Reiche und vor 

^) Dexippns Bericht über dieseo Zag geben im Aassng SyBcellus p. 717 
(wo avsiovTos für dviXovTsg gelesen werden rnnfs), Zosimns 1, 39 nnd der 
Biograph dei Galllenos c. 13. Ein Bmchstiiek seiner eigenen ErzÜhlong ist fr. 22. 
Bei dem Fortsetzer des Dio, von dem Zonaras abhängt, ist der Vorgang anter 
Clandins gesetzt, durch Irrthom oder durch Fälschung, die dem Gallienas 
diesen Sieg nicht gSnnte. Die Biographie des Gallienas erzählt den Vorgang, 
wie es scheint, zweimal, zaerst karz c. 6 anter dem J. 262, dann besser anter 
oder nach 265 c. 13. 



DIE DOIfAULÄNDER UND DIE KRIEGE AN DER DONAU. 225 

allem in den vom Feind überschwemmten Provinzen ein Offizier nach 
dem andern nach der Krone griff, die es kaum noch gab. Es lohnt der 
Mühe nicht die Namen dieser ephemeren Purpurträger zu verzeichnen; 
die Lage zeichnet, dafs nach der Verwüstung Bithyniens durch die 
Piraten Kaiser Valerian es unterliefs einen aufserordentlichen Comman- 
danten dorthin zu schicken, weil ihm jeder General, nicht ohne Grund, 
als Rival galt. Dies hat mitgewirkt bei dem fast durchaus passiven 
Verhalten der Regierung gegenüber dieser schweren Noth. Doch ist 
andererseits unzweifelhaft ein guter Theil dieser unverantwortlichen 
Passivität auf die Persönlichkeit der Herrscher zurückzuführen ; Va- 
lerianus war schwach und bejahrt, Gallienus fahrig und wüst, und der 
Lenkung des Staatsschiffs im Sturme weder jener noch dieser ge- 
wachsen. Marcianus, dem Gallienus nach dem Einfall in Achaia das 
Commando in diesen Gegenden übertragen hatte, operirte nicht ohne 
Erfolg; aber zu einer wirklichen Wendung zum Besseren kam es nicht, 
so lange Gallienus den Thron einnahm. 

Nach Gallienus Ermordung (268), vielleicht auf die Kunde von ciandins 
dieser, unternahmen die. Barbaren, wieder unter Führung der Heruler, °*****""*'***' 
aber diesmal mit vereinigten Kräften, einen Ansturm gegen die Reichs- 
grenzen, wie er also noch nicht da gewesen war, mit einer mächtigen 
Flotte und wahrscheinlich gleichzeitig zu Lande von der Donau aus '). 
Die Flotte hatte in der Propontis viel von Stürmen zu leiden ; dann 
theilte sie sich und es gingen die Gothen theils gegen Thessalien und 
Griechenland vor, theils gegen Kreta und Rhodos; die Hauptmasse 
begab sich nach Makedonien und drang von da in das Binnen- 
land ein, ohne Zweifel in Verbindung mit den in Thrakien ein- 



') In unserer Ueberliefernng erscheint dieser Zofp als eine reine See- 
fahrt, nnternommen mit (wahrscheinlich) 2000 Schiffen (so die Biog^raphie des 
Clandias; die Zahlen 6000 nnd 900, zwischen denen die Ueberliefernnj^ bei 
Zosimns 1, 42 schwankt, sind wohl beide verdorben) nnd 320 000 Menschen. 
Indefs ist es wenip slanblich, dafs Dexippns, anf den diese Angaben zurück- 
gehen müssen, die letztere Ziffier in dieser Weise hat setzen können. Anderer^ 
seits ist bei der Richtang des Znges zanächst gegen Tomis und Markitno- 
polis es mehr aU wahrscheinlich, da(s dabei das von Zos. 1, 34 beschriebene 
Verfahren befolgt ward und ein Theil za Lande marschirte, und unter dieser 
Voraussetzung mochte auch ein Zeitgenosse die Zahl der Angreifer wohl auf 
jene Ziffer schätzen. Auch zeigt der Verlauf des Feldzugs, namentlich der Ort 
der Entscheidongschlacht, dafs man es keineswegs blofs mit einer Flotte zu 
thunha'te. 

MommBen, rOm. OMchidite. Y. 15 



226 ACHTES BUCH. KAPITEL Tf. 

gerückten Haufen. Aber den oft belagerten, jetzt bis aufs Aeufserste 
gebrachten Tkessalonikern brachte Kaiser Claudius, der persönlich 
mit starker Macht heranrückte, endlich Entsatz; er trieb die Gothen 
vor sich her das Thal des Axios (Vardar) hinauf und weiter über die 
Berge hinüber, nach Obermoesien; nach mancherlei Kämpfen mit 
wechselndem Kriegsglöck erfocht er hier im Moravathal bei Naissus 
einen glänzenden Sieg, in welchem 50000 Feinde gefallen sein sollen. 
Die Gothen wichen in Auflösung zurück, in der Richtung erst 
auf Makedonien, dann durch Thrakien zum Haemus, um die Donau 
zwischen sich und den Feind zu bringen. Fast hätte ihnen ein Zwist 
im römischen Lager, diesmal zwischen Infanterie und Reiterei, noch 
einmal Luft gemacht; aber als es zum Schlagen kam, ertrugen die 
Reiter es doch nicht ihre Kameraden im Stich zu lassen und so siegte 
die vereinigte Armee abermals. £ine schwere Seuche, welche in all 
den Jahren der Noth, aber besonders damals in diesen Gegenden 
und vor allem in den Heeren wüthete, that zwar auch den Römern 
grofsen Schaden — Kaiser Claudius selbst erlag ihr — , aber das grolse 
Heer der Nordländer wurde völlig aufgerieben und die zahh^eichen 
Gefangenen in die römischen Heere eingereiht oder zu Leibeigenen 
Wieder, gemacht. Auch die Hydra der Militärrevolutionen wurde einigermafsen 
de/'D<^ao^ gebändigt; Claudius und nach ihm Aurelianus waren in anderer 
grenie. ^^jgg Herren im Reich, als dies von Gallienus gesagt werden kann. 
Die Erneuerung der Flotte, wozu unter Gallienus ein Anfang gemacht 
worden war» wird nicht gefehlt haben. Das traianische Dacien wur und 
blieb verloren; Aurelianus zog die dort sich noch haltenden Posten 
heraus und gab den vertriebenen oder zur Auswanderung geneigten 
Besitzern neue Wohnstätten auf dem moesischen Ufer. Aber Thrakien 
und Moesien, die eine Zeitlang mehr den Gothen als den Römern gehört 
hatten, kehrten unter römische Herrschaft zurück und wenigstens die 
Donaugreoze ward wieder befestigt. 
Charakter Man wird diesen Gothen- und Skythenzügen zu Lande und zur 

^%rie^*°' See, welche die zwanzig Jahre 250 — 269 ausfüllen, nicht die Bedeutung 
beilegen dürfen, dafs die ausschwärmenden Haufen darauf bedacht 
gewesen wären die Landschaften, die sie betraten, in bleibenden Besitz 
zu nehmen. Ein solcher Plan ist nicht einmal für Moesien und 
Thrakien nachweisbar, geschweige denn für die entfernteren Küsten; 
schwerlich waren auch die Angreifer zahlreich genug, um eigentliche 
Invasionen zu unternehmen. Wie das schlechte Regiment der letzten 



DIE DONADLÄNDBR UND DIE KRIEGE AN DER DONAU. 227 

Herrscher und Tor allem die TJozuveriässigkeit der Truppen viel mehr 
als die Uebermacht der Barbaren die Ueberfluthung des Gebietes durch 
Land- und Seeräuber hervorriefen, so zog die Wiederherstellung der 
inneren Ordnung und das energische Auftreten der Regierung von 
selbst die Befreiung desselben nach sich. Noch konnte der römische 
Staat nicht gebrochen werden, wenn er nicht sich selber brach. Immer 
aber war es ein grofses Werk das Regiment so wieder zusammenzu- 
nehmen, wie Claudius es gethan bat. Wir wissen noch etwas weniger 
von ihm, als von den meisten Regenten dieser Zeit, da die wahrschein- 
lich fictive Zurückföhrung des constantinischen Stammbaumes auf ihn 
sein Bild nach der platten Vollkommenheitsschablone übermalt hat; 
aber diese Anknöpfung selbst, sowie die zahllosen nach seinem Tode 
ihm zu Ehren geschlagenen Münzen beweisen , dafs er der nächsten 
Generation [als der Retter des Staates galt, und sie wird darin nicht 
geirrt haben. Ein Vorspiel der späteren Völkerwanderung sind diese 
Skythenzüge allerdings; und die Städtezerstörung, welche sie vor den 
gewöhnlichen Piratenfahrten auszeichnet, hat damals in einem Um- 
fang stattgefunden), dafs der Wohlstand wie die Bildung Griechen- 
lands und Kleinasiens sich niemals davon erholt haben. 

An der wiederhergestellten Donaugrenze befestigte Aurelianus den we Donau, 
erfochtenen Sieg, indem er die Defensive wiederum offensiv führte und mm Ende 
die Donau an ihrer Mündung überschreitend jenseit derselben sowohl die 
Carperschlug, die seitdem zu den Römern im Schutzverhältnifs standen, 
wie auch die Gothen unter ihrem König Canabaudes. Sein Nachfolger 
Probus nahm, wie schon angegeben ward, die Ueberreste der von den 
Gothen bedrängten Bastamer herüber auf das römische Ufer, ebenso im 
J. 295 Diocletian die Reste der Carper. Dies deutet darauf hin, dafs 
jenseit des Flusses das Reich der Gothen sich consoUdirte; aber weiter 
kamen sie auch nicht. Die Grenzbefestigungen wurden verstärkt; 
Gegen- Aquincum {contra Aquincum, Pest) ist im J. 294 angelegt worden. 
Die Piratenfahrten verschwanden nicht völb'g. Unter Tacitus zeigten 
sich Schwärme von der Maeotis in Kilikien. Die Franken, die Probus 
am schwarzen Meer angesiedelt hatte, verschafften sich Fahrzeuge und 
fuhren heim nach ihrer Nordsee, nachdem sie unterwegs an der 
sicilischen und der africanischen Küste geplündert hatten. Auch zu 
Lande ruhten die Waffen nicht, wie denn die zahlreichen Sarmatensiege 
Diocletians alle und ein Theil seiner germanischen auf die Donauge- 
genden fallen werden; aber erst unter Constantin kam es wieder 

15* 



228 ACHTES BUCH. KAPITEL VI. 

ZU einem ernsthaften Kriege mit den Gothen, der glucklich verlief. 
Das Uebergewicht Roms stand seit Claudius gothischem Siege wieder 
so fest wie vorher. 

myrtsining Die ebcu entwickelte Kriegsgeschichte blieb auf die innere Ord- 

ond das nung des römischen Staats- und Heerwesens nicht ohne allgemeine 

Regiments. ^^^ bleibende militärisch-politische Rückwirkung. Es ist bereits darauf 
hingewiesen worden, dafs die Rheinheere, in der früheren Kaiserzeit 
die führenden in der Armee, ihren Primat schon unter Traian an die 
Donaulegionen abgaben. Wenn unter Augustus sechs Legionen im 
Donau- und acht im Rheinland standen, so zählten nach den dakischen 
Kriegen Domitians und Traians im 2. Jahrb. die Rheinlager nur vier, 
die Donaulager zehn, nach dem marcomanischen sogar zwölf Legionen. 
[Nachdem seit Hadrian aus der Armee, abgesehen von den Offizieren, 
das italische Element verschwunden war und im Ganzen genommen 
jedes Regiment sich in der Gegend, in welcher es lagerte, auch 
recrutirte, waren die meisten Soldaten der Donauarmee und nicht 
weniger die aus dem Gliede hervorgegangenen Centurionen in Pan- 
nonien, Dacien, Moesien, Thrakien zu Hause. Auch die neuen unter 
Marcus gebildeten Legionen gingen aus lllyricum hervor, und die aufser* 
ordentlichen Ergänzungen, deren dieTruppen damals bedurften, wurden 
wahrscheinlich ebenfalls vorzugsweise aus den Gegenden genommen, 
in denen die Heere standen. Also war der Primat der Donauarmeen, 
den der Dreikaiserkrieg der severischen Zeit feststellte und steigerte, 
zugleich ein Primat der iilyrischen Soldaten; und es kam dies bei der 
Reform der Garde unter Severus zu sehr energischem Ausdruck. In 
die höheren Kreise des Regiments griff dieser Primat nicht eigentlich 
ein, so lange die Offizierstellung noch mit der Reichsbeamtenstellung 
zusammenfiel, obwohl die ritterliche Laufbahn dem gemeinen Soldaten 
durch das Zwischenglied des Centurionats zu allen Zeiten zugänglich 
war und also die lUyriker auch in jene schon früh eindrangen; 
wie denn bereits im J. 235 ein geborener Thraker Gaius Julius 
Verus Maximinus, im J. 248 ein geborener Pannonier Traianus 
Decius auf diesem Wege sogar zum Purpur gelangt sind. Aber als 
dann Gallienus in allerdings nur zu gerechtfertigtem Mifstrauen die 
Rangklasse der Senatoren von dem Offizierdienst ausschlofs, erstreckte 
sich nothwendiger Weise, was bisher von den Soldaten galt, auch auf 
die Offiziere. Es ist also nur in der Ordnung, dafs die der Donauarmee 
angehörigen meistens aus den iilyrischen Gegenden herstammenden 



DIE DONAULANDER UND DIE KRIEGE AN DER DONAU. 229 

Soldaten seitdem auch im Regiment die erste Rolle spielen und, so 
weit die Armee die Kaiser machte, diese ebenfalls der Mehrzahl nach 
lllyriker sind. Also folgen auf Galiienus der Dardaner Claudius, 
Aurelianus aus Moesien» Probus aus Pannonien, Diocletianus aus 
Dalmatien, Maximianus aus Pannonien, Constantius aus Dardanien, 
Galerius aus Serdica; von den letztgenannten hebt ein unter der con- 
stantinischen Dynastie schreibender SchriftsteUer die Herkunft aus 
Illyricum hervor und fügt hinzu, dafs sie mit wenig Bildung, aber guter 
Vorschulung durch Feldarbeit und Kriegsdienst treffliche Herrscher 
gewesen seien. Was die Albanesen lange Zeit dem türkischen Reich 
gewesen sind, das haben ihre Vorfahren dem römischen Kaiserstaat, 
als dieser bei ähnlicher Zerrüttung und ähnlicher Barbarei angelangt 
war, in gleicher Weise geleistet. Nur darf die illyrische Regeneration 
des römischen Kaiserthums nicht etwa als eine nationale Reorganisation 
aufgefafst werden; es war lediglich die soldatische Stutzung eines 
durch das Mifsregiment vornehm geborener Herrscher völlig herab- 
gekommenen Reiches. Die Demilitarisirung Italiens war vollständig 
geworden, und Herrscherrecht ohne kriegerische Kraft erkennt die 
Geschichte nicht an. 



KAPITEL VE 



DAS 6RIBCHISCHB EUROPA. 

Heiienisinttt Mit der allgemeinen geistigen Ent Wickelung der Hellenen hatte 
heu'on^m"'». die poUtische ihrer Republiken sich nicht im Gleichgewicht gehalten 
oder vielmehr die Ueberschwänglichkeit jener hatte, wie die allzu 
volle Blüthe den Kelch sprengt, keinem einzelnen Gemeinwesen ver- 
stattet diejenige Ausdehnung und Stetigkeit zu gewinnen, welche für 
die staatliche Ausgestaltung vorbedingend ist. Die Kleinstaaterei der 
einzelnen Städte oder Städtebunde mufste in sich verkümmern oder 
den Barbaren verfallen; nur der Panhellenismus verbürgte wie den 
Fortbestand der Nation so ihre Weiterentwickelung gegenüber den 
stammfremden Umwohnern. Er ward verwirklicht durch den Vertrag, 
den König Philipp von Makedonien der Vater Alexanders in Korinth 
mit den Staaten von Hellas abschlofs Es war dies dem Namen nach 
ein Bundesvertrag, in der That die Unterwerfung d er Republiken 
unter die Monarchie, aber eine Unterwerfung, welche nur dem Aus- 
land gegenüber sich vollzog, indem die unumschränkte Feldherrnschaft 
gegen den Nationalfeind von fast allen Städten des griechischen Fest- 
landes dem makedonischen Feldherrn übertragen, sonst ihnen die Frei- 
heit und die Autonomie gelassen ward, und es war, wie die Verhältnisse 
lagen, dies dieeinzig mögliche Realisirungdes Panhellenismus und die im 
Wesentlichen für die Zukunft Griechenlands mafsgebendeForm. Philipp 
und Alexander gegenüber hat sie Bestand gehabt, wenn auch die 
hellenischen Idealisten wie immer das realisirte Ideal als solches an- 
zuerkennen sich sträubten. Als dann Alexanders Reich zer6el, war 
es wie mit dem Panhellenismus selbst, so auch mit der Einigung 



DAS GRIECHISCHE EUROPA. 231 

der griecbischen SUidte unter der monarchiseben Vormacht vorbei 
und rieben diese in Jahrhunderten ziellosen Ringens ihre letzte geistige 
und materielle Macht auf, hin- und hergezogen zwischen der wech- 
selnden Herrschaft der übermächtigen Monarchien und vergeblichen 
Versuchen unter dem Schutz des Haders derselben den alten Parti- 
cularismus zu restauriren. 

Als dann die mächtige Republik des Westens in den bisher HeU» und 
einigermafsen gleichgewogenen Kampf der Monarchien des Ostens ^ 
eintrat und bald sich mächtiger als jeder der dort mit einander ringen- 
den griechischen Staaten erwies, erneuerte sich mit der festen 
Vormachtstellung auch die panhellenische Politik. Hellenen im 
vollen Sinn des Worts waren weder die Makedonier noch die 
Römer; es ist nun einmal der tragische Zug der griechischen 
Entwickelung, dafs das attische Seereich mehr eine Hoffnung als 
eine Wirklichkeit war und das Einigungswerk nicht aus dem eige- 
nen Schoofs der Nation hat hervorgeben därfen. Wenn in nationaler 
Hinsicht die Makedonier den Griechen näher standen als die Römer, 
so war das Gemeinwesen Roms den hellenischen politisch bei weitem 
mehr wahlyerwandt als das makedonische Erbkönigthum. Was aber 
die Hauptsache ist, die Anziehungskraft des griechischen Wesens ward 
von den römischen RQrgern wahrscheinlich nachhaltiger und tiefer 
empfunden als von den Staatsmännern Makedoniens , eben weil jene 
ihm femer standen als diese. Das Begehren sich wenigstens innerlich 
zu hellenisiren, der Sitte und der Bildung, der Kunst und der 
Wissenschaft von Hellas theilhaftig zu werden, auf den Spuren 
des groüsen Makedoniers Schild und Schwert der Griechen des 
Ostens sein und diesen Osten nicht italisch, sondern hellenisch weiter 
civilisiren zu dürfen, dieses Verlangen durchdringt die späteren 
Jahrhunderte der römischen Republik und die bessere Kaiserzeit mit 
einer Macht und einer Idealität, welche fast nicht minder tragisch ist 
als jenes nicht zum Ziel gelangende politische Mühen der Hellenen. 
Denn auf beiden Seiten wird Unmögliches erstrebt: dem hellenischen 
Panhellenismus ist die Dauer versagt und dem römischen Hellenismus 
der Vollgehalt. Indefs hat er darum nicht weniger die Politik der rö- 
mischen Republik wie die der Kaiser wesentlich bestimmt. Wie sehr 
auch die Griechen, namentlich im letzten Jahrhundert der Republik^ 
den Römern es bewiesen, dafs ihre Liebesmühe eine verlorene war, 
es hat dies weder an der Höhe noch an der Liebe etwas geändert. 



232 ACHTES BUCH. KAPITEL VII. 

Die »Qgas- Die Griechen Europas waren von der römischen Republik zu einer 

^pMkUo^^' einzigen nach dem Hauptlande Makedonien benannten Statthalterschaft 
zusammengefafst worden. Wenn diese mit dem Beginn der Kaiserzeit 
administrativ aufgelöst ward, so wurde damals gleichzeitig dem 
gesammten griechischen Namen eine religiöse Gemeinschaft verliehen, 
die sich anschlols an die alte des Gottesfriedens wegen eingeführte 
und dann zu politischen Zwecken milsbrauchte delphische Amphiktio- 
nie. Unter der römischen Republik war dieselbe im Wesentlichen auf 
die ursprünglichen Grundlagen zurückgeführt worden : Makedonien so- 
wohl wie Aetolien, die sich beide usurpatorisch eiogedrängt hatten, 
wurden wieder ausgeschieden und dieAmphiktionieumfafste abermals 
nicht alle, aber die meisten Völkerschaften Thessaliens und des eigent- 
lichen Griechenlands. Augustus veranlafste die Erstreckung des Bun- 
des auf Epirus und Makedonien und machte ihn dadurch im Wesentlichen 
zum Vertreter des hellenischen Landes in dem weiteren dieser 
Epoche allein angemessenen Sinne. Eine bevorzugte Stellung nahmen 
in diesem Verein neben dem altheiligen Delphi die beiden Städte Athen 
und Nikopolis ein, jene die Capitale des alten, diese nach Augustus Ab- 
sicht die des neuen kaiserlichen Hellenenthums^). Diese neue Am- 
phiktionie hat eine gewisse Aehnlichkeit mit der Landesversammlung 
der drei Gallien (S. 84) ; in ähnlicher Weise wie für diese der Kaiser- 
altar bei Lyon war der Tempel des pythischen Apollon der religiöse Mittel- 
punct der griechischen Provinzen. Indefs wälu'end jenem daneben eine 



*) Die OrdnoD^ der delphischen Amphiktiooie unter der rbminehen Repu- 
blik erhellt namentlich aus der delphischen Inschrift C. 1. L. 111 p. 987 (v^l. 
Bnll. de Corr. Hell. 7, 427 fg.)- Den Verein bildeten damals 17 Völkerschaften 
mit zusammen 24 Stimmen, sammtlieh dem eigentlichen Griechenland oder Thes- 
salien angehörig; Aetolien, Epirus, Makedonien fehlen. Nach der Umgestaltung 
durch Augustus (Pausanias 10, 8) blieb diese Organisation im Uebrigen bestehen, 
nur dafs durch Beschränkung der unverhältuifsmärsig zahlreichen thessaUschen 
die Stimmen der bisher vertretenen Völkerschaften auf 18 herabgemindert 
wurden; dazu traten neu Nikopolis in Epirns mit 6 und Makedonien ebenfalls mit 
6 Stimmen. Ferner sollten die sechs Stimmen von Nikopolis ein fdr allemal 
gefiilirt werden, ebenso wie dies blieb für die zwei von Delphi und die eine 
von Athen, die übrigen Stimmen dagegen von den Verbanden, so dafs zum Beispiel 
die eine Stimme der peloponnesischen Dorier wechselte zwischen Argos, Sikyon, 
Rorioth und Megara. Eine Gesammtvertretung der europäischen Hellenen waren 
die Amphiktionen insofern auch jetzt nicht, als die früher ausgeschlossenen 
Völkerschaften im eigentlichen Griechenland, ein Theil der Peloponnesier und 
die nicht zu Nikopolis gezogenen Aetoler, darin nieht reprÜsentirt waren. 



AokaiA. 



DAS 6RIBGBISGHE EUROPA. 233 

geradezu politische Wirksamkeit zugestanden hat, so besorgten die Am- 
phiktionen dieser Epoche auiser der eigentlich religiösen Feier lediglich 
die Verwaltung des delphischen Heiligthums und seiner immer noch be- 
trächtlichen Einkünfte^). Wenn ihr Vorsteher sich in späterer Zeit 
die ^Helladarchie' zuschreibt, so ist diese Herrschaft über Griechenland 
lediglich ein idealer Begrifft). Immer aber bleibt die ofücielle Conser- 
\irung der griechischen Nationalität ein Kennzeichen der Haltung, 
welche das neue Kaiserthum gegen dieselbe einnimmt, und seines den 
republikanischen weit fiberbietenden Philhellenismus. 

Hand in Hand mit der sacralen Einigung der europäischen Grie- Prorins 
eben ging die administrative Auflösung der griechisch-makedonischen 
Statthalterschaft der Republik. An der Theiiung der Reichsverwaltung 
unter Kaisei* und Senat hing sie nicht, da dieses gesammte Gebiet und 
nicht minder die vorliegenden Donaulandschaften bei der urspräng- 
liehen Theiiung dem Senat zugewiesen wurden; ebenso wenig haben 
militärische Rucksichten hier eingegriffen, da die ganze Halbinsel bis 
hinauf zur thrakischen Grenze, als gedeckt theils durch diese Land- 
schaft, theils durch die Besatzungen an der Donau, immer dem befrie- 
deten Binnenlande zugerechnet worden ist. Wenn der Peloponnes 
und das attisch-boeotische Festland damals seinen eigenen Proconsul 
erhielt und von Makedonien getrennt ward , was wohl schon Caesar 
beabsichtigt haben mag, so war dabei, neben der allgemeinen Tendenz 
die senatorischen Statthalterschaften nicht zu grofs zu nehmen, ver- 
muthlich die Rücksicht mafsgebend das rein hellenische Gebiet von 



*) Die steheDden Zasammenkäofte in Delphi aod aBdeaThermopyleB währten 
fort (PaoMBiaa 7, 24, 3; Philoatratas vita ApolL 4, 28) und natürlich aach die 
Anarichtnng der pythiachen Spiele nebat der Ertheilnns der Preise dnreh daa 
ColJegium der Amphiktionen (Philoatratas vitae soph. 2, 27); dasselbe hat die 
Verwaltung der 'Zinsen und Einkünfte* des Tempels (Inschrift von Delphi 
Rhein. Mos. N. F. 2, 111) und legt ans denselben zom Beispiel in Delphi eine 
Bibliothek an (Lebas ü, 845) oder setzt daselbst Bildsäolen. 

*) Die Mitglieder des GoUeginms dtrli/mpixrioves oder, wie sie in dieser 
Epoche heifsen, !dfi(paavovsf, werden von den einseinen Städten in der früher 
bezeichneten Weise bald von Fall zq Fall (Iteration: C. I. Gr. 1058), bald auf 
Lebenszeit (Plutarch an seni 20) bestellt; was wohl davon abhängt, ob die Stinme 
ständig war oder alternirend (Wilamowitz). Ihr Vorsteher heifst in früherer 
Zeit intfiiXrinls tov xotvov iiiv Idfopixrvoywv (Inschriften von Delphi Rhein. 
Mus. N. F. 2, 111; C. I. Gr. 1713), später ^EUaSaQxng j£y Afupixrvotwp 
(C 1. Gr. 1124). 



234 ACHTES BUCH. KAPITEL YII. 

dem halb hellenischen zu scheiden. Die Grenze der Provinz Acbaia 
war anfanglich der Oeta , und auch nachdem die Aetoler später dazu 
gelegt worden ^), ist sie nicht hinausgegangen über den A.cheloos und 
die Thermopylen. 

DiagriMhi. Diese Ordnungen betrafen die Landschaft im Ganzen. Wir 

*^^[^,^^^*^ wenden uns zu der Stellung, welche den einzehien Stadtgemeinden 

SlSabiik! ^^^^^ d^r römischen Herrschaft gegeben ward. 

Die ursprüngliche Absicht der Römer, die Gesammtheit der grie- 
chischen Stadtgemeinden in ähnlicher Weise an das eigene Gemein- 
wesen anzuschlieüsen, wie dies mit den italischen geschehen war, hatte 
in Folge des Wideratandes, auf den diese Einrichtungen trafen, insbe- 
sondere in Folge der Auflehnung des achaeischen Bundes im J. 608 
(2, 43) [und des Abfalls der meisten Griechenstädte zu König Mithra- 
dates im J. 666 (2, 287) wesentliche Einschränkungen erfahren. Die 
Städtebunde, das Fundament aller Machtentwicklung in Hellas wie in 
Italien, und von den Römern anfanglich acceptirt, waren sämmtlich« 
namentlich der wichtigste der Peloponnesier oder, wie er sich nannte, 
der Achaeei*, aufgelöst und die einzelnen Städte angehalten worden 
ihr Gemeinwesen für sich zu ordnen. Es wurden femer für die ein- 
zelnen Gemeindeverfassungen von der Vormacht gewisse allgemeine 
Normen aufgestellt und nach diesem Schema dieselben in antidemokra- 
tischer Tendenz reorganisirt. Nur innerhalb dieser Schranken blieb 
der einzelnen Gemeinde die Autonomie und die eigene Magistratur. 
Es blieben ihr auch die eigenen Gerichte; aber daneben stand der 



1) Die nrsprÜDgliclieo Grenzen der Proviaz bezeichnet Strabon 17, 3, 25 
p. 840 in der Aufzählunfr der senatorischea Provinzen: jl^ata fiixQ'' OerTaKas 
xal AhioXuiP xal ^Axaqvavwv Ttat xiviav ^HnHQon^xtSv i&vcSv oaa tj Maxe^ovit^ 
TiQoatüQiffTo, wobei der übrige Tbeil von £pinis der (von Strabon hier, für 
seine Zeit irrig, den senatorischen zogezählteo) Provinz lUyrienm zagetheiit 
zu werden scheint MfyQi' einschiiefsend zu nehmen geht, 7von sachlichen 
Erwägungen abgesehen, schon defs wegen nicht an, weil nach den Schlafs- 
worteo die vorher genannten Gebiete 'Makedonien zagetheilt sind'. Späterhin 
finden wir die Aetoler zu Achaia gelegt (Ptolemaens 3, 14). Dafs Bpiros eine 
Zeitlang noch dazu gehört hat, ist möglich, nicht so sehr wegen der Angabe 
bei Dio 53, 12, die weder für Aognstns Zeit noch für diejenige Dios ver- 
theidigt werden kann, sondern weil Tacitus zum J. 17 (ann. 2, 53) INikopoiis 
zu Achaia rechnet. Aber wenigstens seit Traian bildet Bpiros mit Akarnanien 
eine eigene procnratorische Provinz (Ptolemaeus 3, 13; C. I. L. III, 536; Mar- 
quardt St. V. ], 331). Thessalien und alles Land nördlich vom Oeta ist stets 
bei Makedonien geblieben. 



DAS GRIECHISCHE EUBOPA. 235 

Grieche von Rechtswegen unter den Ruthen und Reilen des Praetors 
und wenigstens konnte wegen eines jeden Vergehens, das als Auf- 
lehnung gegen die Vormacht sich betrachten liefs, von den römischen 
Beamten auf Geldbufse oder Ausweisung oder auch Lebensstrafe 
erkannt werden^). Die Gemeinden besteuerten sich selbst; aber sie 
hatten durchgängig eine bestimmte, im Ganzen wie es scheint nicht 
hoch gegriffene Summe nach Rom zu entrichten. Besatzungen 
wurden nicht so, wie einst in makedonischer Zeit, in die Städte gelegt, 
da die in Makedonien stehenden Truppen nöthigenfalls in der Lage 
waren auch in Griechenland einzuschreiten. Aber schwerer als die 
Zerstörung Thebens auf dem Andenken Alexanders lastet auf der rö- 
mischen Aristokratie die Schleifung Korinths. Die übrigen ttabregein, 
wie gehässig und erbitternd sie auch theilweise waren, namentlich als 
von der Fremdherrschaft octroyirt« mochten im Ganzen genommen un- 
vermeidlich sein und vielfach heilsam wirken; sie waren die unver- 
meidliche Palinodie der ursprunglichen zum Theil recht unpolitischen 
römischen Politik des Verzeihens und Verziehens gegenüber den 
Hellenen. Aber in der Behandlung Korinths hatte sich der kauf- 
männische Egoismus in unheimlicher Weise mächtiger erwiesen als 
alles Philhellenenthum. 

Bei allem dem war der Grundgedanke der römischen Politik die BeMt« oe- 
griechischen Städte dem italischen Städtebund anzugliedern nie ^t^^der 



vergessen worden; gleich wie Alexander niemals Griechenland hat r^ui^ 
beherrschen wollen wie Illyrien und Aegypten, so haben auch seine 
römischen Nachfolger das Unterthanenverhältnifs nie vollständig 
auf Griechenland angewandt und schon in republikanischer Zeit von 
dem strengen Recht des den Römern aufgezwungenen Krieges wesent- 
lich nachgelassen. Insbesondere geschah dies gegenüber Athen. Keine 



>) Nichts giebt von der Lage der Griechen des letzten Jahrhunderts der 
römischen Republik ein deutlicheres Bild als das Schreiben eines dieser Statt- 
halter an die achSische Gemeinde Dyme (C. L Gr. 1543). Weil diese Gemeinde 
sich Gesetze gegeben hat, welehe der im Allgemeinen deb Griechen geschenkten 
Freiheit (1} anoSi6ofxiinii xara xocr^ rotg "Elifiaip iiev^igia) und der von 
den Römern den Achaeern gegebnen Ordnung (4 anodo^iUta xotg läx^unq 
vnb *lkofiale9V noXttiüt', wahrscheinlich unter Mitwirkung des Polybios 
Pausan. 8, 80, 9) zuwiderliefen, worüber es aUerdings auch zu Aufläufen ge- 
gekommen war, zeigt der Statthalter der Gemeinde an, dafs er die beiden 
Rädelsführer habe hinrichten lassen und ein minder schuldiger Dritter nach 
Rom exilirt sei. 



236 ACHTES BUCH. KAPITEL YII. 

griechische Stadt hat vom StandpuDct der römischen Politik aus so 
schwer gegen Rom gefehlt wie diese; ihr Verhalten im mithradatischen 
Kriege hätte bei jedem andern Gemeinwesen unvermeidlich die Schlei- 
fung herbeigeführt. Aber vom philhellenischen Standpunct aus freilich 
war Athen das Meisterstück der Welt und es knüpften sich an dasselbe 
für die vornehme Welt des Auslandes ähnliche Neigungen und Erinne- 
rungen wie für unseregebildeten Kreise an Pforta und an Bonn ; dies über- 
wog damals wie früher. Athen hat nie unter den Beilen des römischen 
Statthalters gestanden und niemals nach Rom gesteuert, hat immer 
mit Rom beschworenes Bfindnifs gehabt und nur aufserordent- 
lieber und wenigstens der Form nach freiwilliger Weise den Römern 
Beihülfe gewährt. Die Capitulation nach der sullanischen Belagerung 
führte wohl eine Aenderung der Gemeindeverfassung herbei, aber das 
Bündnifs ward erneuert, ja sogar alle auswärtigen Besitzungen zurück- 
gegeben; selbst die Insel Delos, welche, als Athen zu Mithradates über- 
trat, sich losgemacht und als selbständiges Gemeinwesen constituirt 
hatte und zur Strafe für ihre Treue gegen Rom von der pontischen 
Flotte ausgeraubt und zerstört worden war^). — Mit ähnlicher Rück- 
sicht, und wohl auch zum guten Theil seines grofsen Namens wegen, 
ist Sparta behandelt worden. Auch einige andere Städte der später 
zu nennenden befreiten Gemeinden hatten diese Stellung bereits unter 
der Republik. Wohl kamen dergleichen Ausnahmen in jeder römischen 
Provinz vor; aber dem griechischen Gebiet ist dies von Haus aus eigen, 
dafs eben die beiden namhaftesten Städte desselben aufserhalb des 
Unterthanenverhältnisses standen und dieses demnach nur die gerin- 
geren Gemeinwesen traf. 
**^to?d«* ^^^^ f""* **'® unterthänigen Griechenstädte traten schon unter 

RepnbUk. der Republik Milderungen ein. Die anßnglich untersagten Städtebünde 
lebten allmählich wieder auf, insbesondere die kleineren und macht- 
losen, wie der boeotische, sehr bald'); mit der Gewöhnung an die 

Vgl. Bd. 2 S. 287. 291. Die delischen Aasgrabangon der letzten Jahre 
haben die Beweise geliefert, dafs die Insel, nachdem die Römer sie einmal an 
Athen gegeben hatten (1, 776), beständig athenisch geblieben ist ond sieh zwar 
in Folge des Abfalls der Athener von Rom als Gemeinde der 'Delier' eonsti- 
mirte (Eph. epigr. 5 p. 604), aber schon sechs Jahre nach der CapitnUtion 
Athens wieder athenisch war (Eph. epigr. 5 n. 184; Homolie Bull, de corr. heil. 8 
p. 142). 

*) Ob das xotvifV rwv lAxaitSv, das in der eigentlich republikanischen 



DAS GRIECHISCHE EUROPA. 237 

Fremdherrschaft schwanden die oppositionellen Tendenzen, welche 
ihre Aufhebung herbeigeführt hatten, und ihre enge Verknöpfung 
mit dem sorgfältig geschonten althergebrachten Gultus wird ihnen 
weiter zu Gute gekommen sein, wie denn schon bemerkt worden 
ist, daCs die römische Republik die Amphiktionie in ihren ur- 
sprünglichen nicht politischen Functionen wieder herstellte und 
schützte. Gegen das Ende der republikanischen Zeit scheint die 
Regierung den Boeotern sogar gestattet zu haben mit den kleinen 
nördlich angrenzenden Landschaften und der Insel ßuboea eine Ge- 
sammtverbindung einzugehen^). — Den Schlufsstein der republikani- 
schen Epoche macht die Sühnung der Schleifung Korinths durch den 
gröfsten aller Römer und aller Philhellenen, den Dictator Caesar (3, 
555), und die Erneuerung des Sternes von Hellas in der Form einer 
selbständigen Gemeinde römischer Burger, der neuen *julischen Ehre'. 

Diese Verhältnisse fand das eintretende Kaiserregiment in Griechen- Achau 

nntOT don 

iand vor, und diese Wege ist es weiter gegangen. Die von dem KaUe». 



Zeit natärlicher Weise nicht vorkommt, schon am Bnde derselben oder erst 
nach Einführung der kaiserlichen Provinzialordnong recoostitairt worden ist, 
ist zweifelhaft. Inschriften wie die olympische des Proqaaestors Q. Aocha- 
rios Q. f. (Arch. Zeitnog 1878 S. 38 N. 114) sprechen mehr für die erstere 
Annahme; doch kann sie nicht mit Gewifsheit als vorangastisch bezeichnet 
werden. Das älteste sichere Zeognifs für die Existenz dieser Vereioigung ist 
die von ihr dem Aagustos in Olympia gesetzte Inschrift (Arcb. Zeitang 1877 
p. 36 n. 33). Vielleicht sind dies Ordnaogen des Dictators Caesar und im 
Zasammenhang mit dem unter ihm begegnenden Statthalter 'Griechenlands', 
wahrscheinlich des Achaia der Kaiserzeit (Cicero ad fam. 6, 6, 10). — Uebrigens 
haben sicher auch unter der Republik nach Ermessen des jedesmaligen Statt- 
halters mehrere Gemeinden für einen bestimmten Gegenstand durch Deputirte 
zusammentreten und Beschlüsse fassen können ; wie das xoivov der Sikelioten 
also dem Verres eine Statue decretirte (Cicero Verr. 1. 2, 46, 114), wird Aehn- 
liches auch in Griechenland unter der Republik vorgekommen sein. Aber die 
regelmässigen provinzialen Landtage mit ihren festen Beamten und Priestern 
sind eine Einrichtung der Kaiserzeit. 

') Dies ist das xoivov Boivtmv Eußoimv Aox^mv fpwxivtv /im^iimv 
der merkwürdigen, wahrscheinlich korz vor der aetisehen Schlacht gesetzten 
Inschrift C. I. Att. III, 568. ÜDmöglich kann mit Dittenberger (Arch. Zeitung 
1876 S. 220) auf diesen Bund die Meldung des Pausanias 7, 16, 10 bezogen 
werden, dass die Römer 'nicht viele Jahre' nach der Zerstörung Korinths sich 
der Hellenen erbarmt und ihnen die landsebaftlichen Vereinigungen (awiSqt^a 
xata l^of hcatnots r« oqx^"^) wieder gestattet hätten; dies geht auf die 
kleineren Einzelbünde. 



238 ACHTES BUCH. KAPITEL VII. 

Befreite Unmittelbaren Eingreifen der Pro?inzialregierung und ?on der 
nndromiMiie Steuerzahlung an das Reich befreiten Gemeinden, denen die Colonien 
coionien. ^^^ römischeu Burger in vieler Hinsicht gleichstehen, begreifen weit- 
aus den gröfsten und besten Theil der Provinz Achaia : im Peloponnes 
Sparta, mit seinem zwar geschmälerten, aber doch jetzt wieder die 
nördliche Hälfte Lakoniens umfassenden Gebiet^), immer noch das 
Gegenbild Athens sowohl in den versteinerten altfränkischen Institu- 
tionen wie in der wenigstens äufserlich bewahrten Ordnung und 
Haltung; ferner die achtzehn Gemeinden der freien Lakonen, die sud- 
liche Hälfte der lakonischen Landschaft , einst spartanische Unter- 
thanen, nach dem Kriege gegen Nabis von den Römern als selbstän- 
diger Städtebund organisirt und von Augustus gleich Sparta mit der 
Freiheit beliehen'); endlich in der Landschaft der Achaeer aufser 
Dyme, das schon von Pompeius mit Piratencolonisten belegt worden 
war und dann durch Caesar neue römische Ansiedler empfangen 
hatte'), vor allem Patrae, aus einem herabgekommenen Flecken von 
Augustus, seiner für den Handel günstigen Lage wegen, theils durch 
Zusammenziehung der umliegenden kleinen Ortschaften, theils durch 
Ansiedelung, zahlreicher italischer Veteranen zu der volkreichsten 
und blühendsten Stadt der Halbinsel umgeschaffen und als römische 
Bürgercolonie constituirt, unter die auch auf der gegenüber liegen- 
den lokrischen Küste Naupaktos (italienisch Lepanto) gelegt ward. 
Auf dem Isthmos war Korinth, wie es einst das Opfer der Gunst 
seiner Lage geworden war, so jetzt nach seiner Wiederherstellung, 



^) Dazu gehörte nicht blofs das nahe Amyklae, sondera auch Kardamyle 
(durch SchenkaDf Ansnstt Pansan. 3, 26, 7), Pberae (Paasan. 4, 30, 2), Thuria 
(das. 4, 31, 1) UDd eine Zeitlang auch Korone (C I. Gr. 1258; vgl. Lebas- 
Foncart II, 305) am messenischen Basen, ferner die Insel Kythera (Die 54, 7). 
<^ *) In repoblikantscher Zeit erscheint dieser District als to xoivov iwv 
uiaxsSa^^vitov (Foocart sn Lebas II p. 110); Paosanias (3,21, 6) irrt also, 
wenn er ihn erstdnrch Angastus von Sparta lösen ISfst kher^EX^vd^^qoXaxoivhs 
nennen sie sich erst seit Aagostns, and die Ertheilang der Freiheit wird also 
mit Recht aaf diesen zaröckgeführt. 

') Bs 'giebt Mnozen dieser Stadt mit der Aafschrift cfoUmiaJ l(uUa) 
DfumeJ and dem Kopf Caesars, andere mit der Aafschrift cfoUmiaJ IfuUaJ 
AfuetutaJ DumfeJ und dem Kopf Aogosts neben dem des Tiberias (Imhoof-Blomer 
monnaies Grecqaes p. 165). Dafs Aogastas Dyme der Colonie Patrae zuge- 
theilt hat, ist wohl ein Irrtham des Paasanias (7, 17, 5); möglich bleibt es frei- 
lich, dafs Aagastos in seinen späteren Jahren diese Vereinigung verfügt hat. 



DAS GRIECHISCHE EUROPA. 239 

ähnlich wie Karthago, rasch emporgekommen und die gewerb- und 
volkreichste Stadt Griechenlands, überdies der regelmäüsige Sitz der 
Regierung. Wie die Korinther die ersten Griechen gewesen waren, 
welche die Römer als Landsieute anerkannt hatten durch Zulassung 
zu den isthmischen Spielen (1, 551), so leitete dieselbe Stadt jetzt, 
obgleich römische Bürgergemeinde, dieses hohe griechische National- 
fest. Auf dem Festlande gehörten zu den befreiten Districten nicht 
blofs Athen mit seinem ganz Attika und zahlreiche Inseln des aegae- 
ischen Meeres umfassenden Gebiet, sondern auch Tanagra und 
ThespiaOy damals die beiden ansehnlichsten Städte der boeo tischen 
Landschaft, ferner Plataeae^); in Phokis Delphi, Abae, Elateia, sowie 
die ansehnlichste der lokrischen Städte Amphissa. Was die Republik 
begonnen hatte, das vollendete Augustus in der eben dargelegten 
wenigstens in den Hauptzögen von ihm festgestellten und auch später 
im Wesentlichen festgehaltenen Ordnung. Wenn gleich die dem 
Proconsul unterworfenen Gemeinden der Provinz der Zahl nach ge- 
wiJGs und vielleicht auch nach der Gesammtbevölkerung überwogen, 
so sind in echt philhellenischem Geiste die durch materielle Bedeutung 
oder durch grofse Erinnerungen ausgezeichnetsten Städte Griechen- 
lands befreite'). 

Weiter, als in dieser Richtung Augustus gegangen war, ging der Nero« »•- 
letzte Kaiser des claudischen Hauses, einer vom Schlage der ver- orfeehfn. 
dorbenen Poeten und insofern allerdings ein geborener Philhellene. 
Zum Dank für die Anerkennung, die seine künstlerischen Leistungen 
in dem Heimathlande der Musen gefunden hatten, sprach Nero, 
wie einst Titus Flamininus (1, 714) und wieder in Korinth bei den 
isthmischen Spielen, die sämmtlichen Griechen des römischen Regi- 



l«nd«. 



^) Dies zeigt, weoigBtens für die Zeit des Pias, die africanische loschrift 
C. I. L. Vni, 7059 {vgl. Plntareh Arist. 21). Die Schriftsteileroachrichten ober 
die befreiten Gemeinden geben überhaapt keine Gewähr far die Vollständig- 
keit der Liste. Wahrscheinlich gehört zu denselben aneh Elis, das von der 
Katastrophe der Achaeer nicht betroffen ward nnd aach später noch nach 
Olympiaden, nicht nach der Aera der Provinz datirte; überdies ist es nnglaub- 
lieh, dafs die Stadt der olympischen Peier nicht bestes Recht gehabt hat. 

') Scharf druckt dies Aristeides ans in der Lobrede auf Rom p. 224 
Jebb: SutJiXeiie tiiv fJikv ^EXkr^vw &a7i€Q rgotpieov inifuX6fÄ€V0& . . . tovs 
fikv uQiOTovg xal naXa^ t^y^fiovas (Athen and Sparta) iUv&^Qovg xal 
avjovofiov^ d(p€tx6r€S avttSv, räv ^* aXltov fUtQ^tos . . . i^ovfi(yo&j loi/g ^k 
ßaQßaQovg nQog n^y kxdaxotg aurav ovaav (pvaiv nai^evovreg. 



240 ACHTES BCCH. KAPITEL VII. 

ments ledig, frei Ton Tributen uad gleich den Italikern keinem 
Statthalter unterthan. Sofort entstanden in ganz Griechenland Be- 
wegungen, welche Bürgerkriege gewesen sein würden, wenn diese 
Leute mehr hätten fertig bringen können als Schlägereien; und nach 
wenigen Monaten stellte Vespasian mit der trockenen Bemerkung, dafs 
die Griechen verlernt hätten frei zu sein, die Provinzialverfassung 
wieder her^), so weit sie reichte. 
Raehte Die Rechtsstellung der befreiten Gemeinden blieb im Wesentlichen 

'stidto/^ dieselbe wie unter der Republik. So weit nicht römische Bürger in 
Frage kamen, behielten sie die volle Justizhoheit; nur scheinen 
die allgemeinen Bestimmungen über die Appellationen an den 
Kaiser einer- und die Senatsbehörden andrerseits auch die freien 
Städte eingeschlossen zu haben ^). Vor allem behielten sie die volle 
Selbstbestimmung und Selbstverwaltung. Athen zum Beispiel hat 
in der Kaiserzeit das Prägerecht geübt, ohne je einen Kaiserkopf 
auf seine Münzen zu setzen, und auch auf spartanischen Münzen der 
ersten Kaiserzeit fehlt derselbe häufig. In Athen blieb auch die alte 
Rechnung nach Drachmen und Obolen, nur dafs freilich die örtliche 
attische Drachme dieser Zeit nichts als locale Scheidemünze war und 
dem Werth nach als Obol der attischen Reichsdrachme oder des rö- 
mischen Denars cursirte. Selbst die formale Ausübung des Rechts über 
Krieg und Frieden war in einzelnen Verträgen dergleichen Staaten 
gewahrt'). Zahhreiche der italischen Gemeindeordnung völlig wider- 



') Aber dankbar blieben die hellenischeo Litteraten ihrem Collegen und 
Patron. In dem Apolloniusroman (5, 41) schlägt der groHse Weise ans Rap- 
padokien Vespasian die Ehre seiner Begleitung ab, weil er die Hellenen zn 
Sclaven gemacht habe, wie sie eben im Begriff waren wieder ionisch und 
dorisch zn reden, und schreibt ihm verschiedene Billeta von ergötzlicher 
Grobheit. Ein Mann aas Soloi, der den Hals brach und dann wieder anf- 
lehte und bei dieser Gelegenheit alles sah, was Dante schaate, berichtete, dafs 
er Neros Seele getroffen habe, in welche die Arbeiter des Weltgerichts 
Flammennägel getrieben hatten nnd beschäftigt waren sie in eine Natter um- 
zugestalten; allein eine himmlische Stimme habe Einsprach gethan and ge- 
boten, den Mann wegen seines irdischen Philhelleniamas in eine minder 
abschealiche Bestie za verwandeln (Platarch de sera nam. vind. a. E.). 

>) Wenigstens wird in der Verordonng Hadrians über die den athenischen 
Grnndbesitzern obliegenden Oellieferangen an die Gemeinde (C. I. A. III, 18) 
die Entscheidung zwar der Bule und der Ekkleaia gegeben, aber Appellation 
an den Kaiser oder den Proeonsnl gestattet. 

') Was Strabon 14, 3, 3 p. 665 von dem zu seiner Zeit autonomen lyki- 



i>AS GRIECHISCHE EUROPA. 241 

slreitende Institutionen blieben bestehen , wie der jährliche Wechsel 
der Rathsmitglieder und die Tagegelder dieser und der Geschworenen, 
welche wenigstens in Rhodos noch in der Kaiserzeit gezahlt worden 
sind. Selbstverständlich übte die römische Regierung nichtsdesto* 
weniger auf die Constituirung auch der befreiten Gemeinden fort- 
während einen mafsgebenden Einflufs. So ist zum Beispiel die 
athenische Verfassung, sei es am Ausgang der Republik, sei es 
durch Caesar oder Augustus, in der Weise modificirt worden, 
dafs nicht mehr jedem Burger, sondern, wie nach römischer Ord- 
nung, nur bestimmten Beamten das Recht zustand einen Antrag 
an die Burgerschaft zu bringen; und unter der grofsen Zahl der blob 
figurirenden Beamten wurde einem einzigen, dem Strategen die Ge- 
schäflsleitung in die Hand gelegt Sicher sind auf diesem Wege noch 
mancherlei weitere Reformen durchgeführt worden, deren Eintreten 
in dem abhängigen wie unabhängigen Griechenland wir überall er- 
kennen, ohne dafs Zeit und Anlals der Reform sich bestimmen läTst. 
So ist das Recht oder yiehnehr das Unrecht der Asyle, welche als 
Ueberreste einer rechtlosen Zeit jetzt fromme Schlupfwinkel für schlechte 
Schuldner und Verbrecher geworden waren, gewifs auch in dieser Provinz 
wenn nicht beseitigt, so doch eingeschränkt worden. Das Institut der 
Proxenie, ursprunglich eine unseren ausländischen Consulaten ver- 
gleichbare zweckmäfsige Einrichtung, aber durch die Verleihung 
voller bürgerlicher Rechte und oft auch noch des Privilegiums der 
Steuerfreiheit an den befreundeten Ausländer besonders bei der 
Ausdehnung, in der es gewährt ward, politisch bedenklich, ist durch 
die römische Regierung, wie es scheint erst im Anfang der Kaiserzeit, 
beseitigt worden; wofür dann nach italischer Weise der mit dem 
Steuerwesen sich nicht berührende inhaltlose Stadtpatronat an die 
Stelle trat Endlich hat die römische Regierung, als Inhaberin der 
obersten Souveränetät über diese abhängigen Republiken ebenso wie 
über die Clientelfürsten, immer es als ihr Recht betrachtet und geübt 
die fi-eie Verfassung im Fall des Mifsbrauchs aufzuheben und die Stadt 
in eigene Verwaltung zu nehmen. Indefs theils der beschworene 
Vertrag, theils die Machtlosigkeit dieser nominell verbündeten Staaten 



sehen Städteband berichtet, dafs ihm das Kriegs- uod Friedens- and das Bändairs- 
recht fehle, anfser wenn die RSmer dasselbe gestatten oder es zn ihrem Nntzen 
geschieht, wird ohne weiteres anch aaf Athen bezogen werden dürfen. 
Mommt«n, rOm. GMohichte. V. IQ 



242 ACHTBS BUCH. KAPITEL VII. 

hat diesen Verträgen eine gröfsere Stabilität g^eben, als sie in dem 
Verhältnifs zu den ClientelfQrsten wahrgenommen wird. 
GriMkUcLe Wenn den befreiten Gemeinden Achaias ihre bisherige Rechts- 

sodtettge. s|0]iQQg unter dem Kaiserthum blieb, so hat Augustus denen der 
Provinz, welchen die Freiheit nicht gewährt war oder ward, eine 
neue und bessere Rechtsstellung verliehen. Wie er in der reorganisirten 
delphischen Amphiktionie den Griechen Europas einen geroeinsamen 
Mittelpunkt gegeben hatte, gestattete er auch den sämmtlichen Städten 
der Provinz Achaia, soweit sie unter römischer Verwaltung standen, 
sich als Gesammtverband zu constituiren und jährlich in Argos, der 
bedeutendsten Stadt des unfreien Griechenlands , zur Landesver- 
sammlung zusammenzutreten ^). Damit wurde der nach dem achäischen 
Kriege aufgelöste achäische Bund nicht blofs reconstituirt, sondern 
ihm auch die froher (S. 237) erwähnte erweiterte boeotische Ver- 
einigung eingefugt. Wahrscheinlich ist eben durch die Zusammen- 
legung dieser beiden Gebiete die Abgrenzung der Provinz Achaia 
herbeigeführt worden. Der neue Verband der Achaeer, Boeoter, 
Lokrer, Phokier, Dorer und Euboeer*) oder, wie er gewöhnlich 

1) Allerdings sind die bis jetzt bekanntea Vorsteher des xoivov rtSy 
*4xai&Vy deren Heimatli feststeht, ans Argos, Messene, Korone in Messenien 
(Fooeart-Lebas II 303} und haben sich darunter bisher nicht blofs keine Bürger 
der befreiten Gemeinden, wie Athen nnd Sparta, sondern auch keine der zu 
der Confoederation der Boeoter und Genossen gehörigen (S. 237 A. 1) ge- 
funden. Vielleieht beschränkte sich dies xotipov rechtlich auf das Gebiet, das 
die Röner die Republik Achaia nannten, das heifst das des achäischen Bundes 
bei seinem Untergang, und sind die Boeoter und Genossen mit dem eigentlichen 
XOIVOV der Achäer zu denjenigen weiteren Bunde vereinigt, dessen Vorhanden- 
sein und Tagen in Argos die Inschriften von Akraephia A. 2 documentiren. 
Uebrigens bestand neben diesem xowov der Achaeer noch ein engeres der 
Landschaft Achaia im eigentlichen Sinn, dessen Vertreter in Aegion zu- 
sammentraten (Pausanias 7, 24, 4), eben wie das xoivov j&v IdQxaStov (Arcb. 
Zeit. 1879 p. 139 n. 274) und zahlreiche andere. Wenn nach Pausanias 5, 12, 6 
in Olympia dem Traian ol ndvTSS "EXXtjvis, dem Hadrian al ig t6 jixatxbif 
jikovaat noleis Bildsäulen gesetzt hatten und hier kein Mifsverständnifs unter- 
gelaufen ist, so wird die letztere Dedication auf dem Landtag von Aegion 
stattgefunden haben. 

*) So (nur dafs die Dorer fehlen; vgl. S. 237 A.l) heifst der Verein auf der 
Inschrift von Akraephia (Keil syll. ioscr. Boet. n. 31). Eben diese Urknode 
aber nebst der gleichzeitigen C. 1. Gr. 1625 liefert den Beweis, dafs der Verein 
unter Kaiser Gaius statt dieser wohl eigentlich officiellen Benennung sich 
auch einerseits als Verein der Achaeer bezeichnet, andrerseits als to xoiVov 



DAS GBIBCHI8GHE EUROPA. 243 

gleich wie die Provinz beieichnet wird, der Verband der Acbaeer 
hat vermuthiich weder mehr noch weniger Rechte gehabt, als die 
sonstigen ProvinziaUandtage des Kaiserreichs. Eine gewisse Controle 
der römischen Beamten wird dabei beabsichtigt gewesen und werden 
darum auch die dem Proconsul nicht untersteilten Städte, wie Athen 
und Sparta, von demselben ausgeschlossen worden sein. Daneben 
wird diese Tagsatzung, wie alle ähnlichen, hauptsächlich in dem 
gemeinschaftlichen, das ganze Land umfassenden Cultus den Mittel- 
punkt ihrer Thätigkeit gefunden haben. Aber wenn in den übrigen 
Provinzen dieser Landescult überwiegend an Rom anknüpfte, so 
wurde der Landtag von Achaia vielmehr ein Brennpunkt des Helle- 
nismus und sollte es vielleicht werden. Schon unter den julischen 
Kaisern betrachtete er sich als den rechten Vertreter der griechischen 
Nation und legte seinem Vorstand den Namen des Helladarchen bei, 
sich selbst sogar den der Fauhellenen^). Die Versammlung entfernte 
sich also von ihrer provinzialen Grundlage, und ihre bescheidenen 
administrativen Befugnisse traten in den Uintergrund. 



tav ÜCLViXlrpfWf oder 17 avvodos iwv ^Eklfivmv^ auch t6 tcuv Ids^atäÜv xal 
üavflX^yufv avv4d^ov. Diese Ruhmredigkeit tritt aoderswo nicht so grell 
hervor wie in jeoem boeotischen Landstädtchen; aber auch ia Olympia, wo 
der Verein seine Denkmäler voriugsweise aufstellte, nennt er sich zwar 
meistens to xotvov JtÜv jij^auÜv^ aber zeigt oft genug dieselbe Tendenx, 
zum Beispiel wenn t6 xotvov tmv uixaidiy JT. AtXtov lAQ(<n^¥a . . . 
aifVTtavitg orEXXfives dv^otriaar {Arch, Zeit. 1880 p. 86 n. 344). Ebenso setzen 
in Sparta dem Caesar Marcus ol "EkXrjvef eine Bildsäule and rov xo&yov 
iwfjixnMhf (C. I. Gr. 1318). 

') Auch in Asia, Bithynien, INiedermoesien heisst der Vorsteher der der 
betreffenden Provinz angehSrigen Griechenstädte *£lJUK(fä^/i7f, ohne dafs damit 
mehr ausgedruckt wurde als der Gegensatz gegen dieNiehtgriechen. Aber wie der 
Hellenenname in Griechenland verwendet wird, in einem gewissen Gegensatz zu dem 
eigentlich correctender Achaeer, ist dies sicher von derselben Tendenz eingegeben, 
die in den Panhellenea von Argos am deutlichsten sich zeichnete. So findet 
sich aiQaXTiyoi rot xowov jüv l4xttiiov xal nQoojajrig cTia ßiov itov ^EXXfjvtuv 
(Arcb. Zeit. 1877 p. 192 n. 98) oder auf einem andern Document desselben 
Mannes nQOfuaitjg ötä ßiov tov xotvov Jtov Idxa^v (Lebas-Foucart n. 305); 
ein agfyng tolli''Ellriatv avvnaatv (krc^* Zeit. p. 195 n. 106), aj^aTfiybi davi- 
x^trtag a^^as rfg^JEllddos (das. 1877 p. 40 n. 42), ajQtnrjyos xaVEkladd^xv^ 
(das. 1876 n. 8 p. 226), alle ebenfalls auf Inschriften des xotvov t^vlAxaiüv, 
Dafs in diesem xoivov, mag es auch vielleicht blofs auf den Pelopoones bezogen 
werden (S. 242 A. 1), die panhellenische Tendenz darum nicht weniger sich 
geltend machte, ist begreiflich. 

16* 



244 AGBTBS BUCH. lAPITEL TU. 

Dm badri»- Diese Panhellenen nannten sich milsbriuchlich also und wurden 

''hdUentoir' von der Regierung nur tolerirt. Aber Hadrian schuf wie ein neues 
in Atb«!. ^iiieii^ go auch ein neues Hellas. Unter ihm durften die Vertreter der 
sdmmtlichen autonomen od«r nicht autonomen Städte der Provinz 
Achaia in Athen sich als das vereinigte Griechenland , als die Pan- 
hellenen^) constituiren. Die in besseren Zeiten oft getrftumte und nie 
erreichte nationale Einigung war damit geschaffen und was die Jugend 
gewünscht, das besafs das Alter in kaiserlicher Fülle. Freilich politische 
Befugnisse erhielt das neue Panhellenion nicht; aber was Kaisergunst 
und Kaisergold gewähren konnte, daran war kein Mangel. Es erhob 
sich in Athen der Tempel des neuen Zeus Panhellenios und glänzende 
Volksfeste und Spiele wurden mit dieser Stiftung verbunden, deren 
Ausrichtung dem CoUegiuro der Panhellenen zustand und zwar zu- 
nächst dem Priester des Hadrian als des stiftenden lebendigen Gottes. 
Einen der Acte, welche dieselben alljährlich begingen, war das 
dem Zeus Beflreier dargebrachte Opfer in Plataeae zum Gedächtnifs 
der hier im Kampf gegen die Perser gefallenen Hellenen am Jahrestag 
der Schlacht, dem4.Boedromion; dies zeichnet seine Tendenz'). Noch 
deutlicher zeigt dieselbe sich darin, dafs Griechenstädten auiserhalb 
Hellas , welche der nationalen Gemeinschaft würdig erschienen , von 



') Die hadrianUclieD Paahelleoen neoaeii sich ro xo^vov ovvidQtov xwv 
'ElXiiviuv Twv aig nXatfiäs awtovxtov (Tliebeo: Keil s}fil, inter, BoeoL o. 
31, vgl. Plotarch ArUt 19. 2l),xoiv6v t^s "EUddog (C. I. Gr. 5852), t6 Havtl- 
Irjviov (ebeodaselbst). Ihr Vorsteher heifst 6 uqx^^ ^<vy Htnuliiqvmf (C. I. 
A. m, 681. 682. G. I. Gr. 3832, vgl. C I. A. 111, 10: d[vi]a^w rov 
U^artdrov dlytovos tov JI]av[€X]Xrivlov), der einseloe Depotirte naviUtjy {%, B. 
C. I. A. III, 534. G. I. Gr. 1124), Daneben treten auch in nachhadrianischer 
Zeit noch das xonrov ttSv 'A^cuoiv und dessen orgarfiyoe oder 'fLUtda^ij; 
anf, welche wohl von jenen zu scheiden sein werden, obwohl letzterer seine 
Ehrendecrete jetst nicht blofs io Olympia aufstellt, sondern auch in Athen 
(G. I. A. 18; zweites Exemplar in Olympia Arch. Zeit. 1879 S. 52). 

') Dafs die Bemerkang Dions von Prasa or. 38 p. 148 R. über den 
Streit der Athener und der Lakedaemonier vnkg tiji nQonofjini(€tg sich auf 
das Fest in Plataeae bezieht, ergiebt sich aus (Lucian) *'E^t9XH 18: 
(og niQl nQonofimlaq dytovioiifitvoi Ularaiäaiv. Auch der Sophist 
Irenaeos schrieb niQl lijs ji^vaiaw ngonofineiag (Snidas u. d. W.) und 
Hermogenes de ideis 11 p. 373. Walz gi^bt als Redestoff ji^vaio& »al 
AaxeSaifiwvioi neql r^; nQonofzndag xaxd xd Mn^t^xd (Mittheiluns von 
Wilamowitz). 



DAS GRIBCHISGHB EUROPA. 245 

der VersammluDg in Athen ideale Bürgerbriefe des Hellenismus aus- 
gestellt wurden^). 

Wenn die Kaiserherrschaft in dem ganzen weiten Reich die Ver- Dastinkende 
Wüstungen eines zwanzigjährigen Bürgerkrieges vorfand und vielerorts ^•^^ 
die Folgen desselben niemals völlig verwunden wurden, so ist wohl 
kein Gebiet davon so schwer betroffen worden wie die griechische 
Ualbinsel. Das Schicksal hatte es so gefügt, dafs die drei grofsen 
Entscheidungsschlachten dieser Epoche, Pharsalos, Philippi, Aktion 
auf ihrem Boden oder an ihrer Küste geschlagen wurden; und 
die militärischen Operationen, welche bei beiden Parteien dieselben 
einleiteten , hatten ihre Opfer von Menschenleben und Men- 
schenglück hier vor allem gefordert. Noch dem Plutarch erzählte 
sein Aeltervater, wie die Ofßziere des Antonius die Bürger von 
Chaeroneia gezwungen hätten, da sie Sclaven und Laslthiere nicht 
mehr besafsen, ihr letztes Getreide auf den eigenen Schultern nach 
dem nächsten Hafenort zu schleppen zur VerschifTung für das Heer ; 
und wie dann, als eben der zweite Transport abgehen sollte, die 
Nachricht von der aktischen Schlacht wie eine erlösende Freuden- 
botschaft eingetroffen sei. Das erste, was nach diesem Siege Caesar 
that, war die Vertheilung der in seine Gewalt gerathenen feindlichen 
Getreidevorräthe unter die hungernde Bevölkerung Griechenlands. 
Dieses schwerste Mafs des Leidens traf auf vorzugsweise schwache 
Widerstandskraft. Schon mehr als ein Jahrhundert vor der aktischen Abnahme 
Schlacht hatte Polybios ausgesprochen, dafs über ganz Griechenland kmng. ' 
in seiner Zeit Unfruchtbarkeit der Ehen und Einschwinden der Be- 
völkerung gekommen sei, ohne dafs Seuchen oder schwere Kriege 
das Land betroffen hätten. Nun hatten diese Geifseln in furchtbarer 
Weise sich eingestellt; und Griechenland blieb verödet für alle Folge- 
zeit. Im ganzen Römerreich, meint Plutarch, sei in Folge der 



^) Es haben sich zwei derselben erhalten , für Kibyra in Pbryg^ien (C. I. 
Gr. 5882), aasgestelU vom xotvov lijs *EXldöog darch ein ^oy^a rov IlaveXXriviov 
ond für Mag^nesia am Maeandros (G. f. AU. III, 16). In beiden wird die got 
hallenisebe Abstammung der betreffenden Körperschaften nebst den sonstigen 
Verdiensten am die Hellenen hervorgeboben. Charakteristisch sind aaeb die 
Empfehlungsbriefe, weiche diese Panheilenen einem am ihr Gemeinwesen 
wohlverdienten Mann an seine Heimathgemeinde Aezani in Phrygien, an den 
Kaiser Pins and an die Hellenen in Asia insgemein mitgeben (C. 1. Gr. 3832. 
3833. 3834). 



246 ACHTES BUCH. KAPITEL VII. 

verwfistenden Kriege die Bevölkerung zurückgegangen, am meisten 
aber in Griechenland, das jetzt nicht im Stande sei aus den bes- 
seren Kreisen der Bürgerschaften die 3000 Hopliten zu stellen, 
mit denen einst die kleinste der griechischen Landschaften Megara 
bei Plataeae gestritten hatte ^). Caesar und Augustus haben ver- 
sucht dieser auch für die Regierung erschreckenden Entvölkerung 
durch Entsendung italischer Colonisten aufzuhelfen, und in der That 
sind die beiden blühendsten Städte Griechenlands eben diese Colonien ; 
die späteren Regierungen haben solche Entsendungen nicht wiederholt. 
Zu der anmuthigen euboischen Bauernidylle des Dion von Prusa bildet 
den Hintergrund eine entvölkerte Stadt, in der zahlreiche Häuser leer 
stehen, die Heerden am Rathhaus und am Stadtarchiv weiden, zwei 
Drittel des Gebiets aus Mangel an Händen unbestellt liegen; und wenn 
dies der Erzähler als Selbsterlebtes berichtet, so schildert er damit 
sicher zutreffend die Zustände zahlreicher kleiner griechischer Land- 
städte in der Zeit Traians. ^Theben in Boeotien\ sagt Strabon in der 
augustischen Zeit, *ist jetzt kaum noch ein stattliches Dorf zu nennen, 
*und mit Ausnahme von Tanagra und Thespiae gilt dasselbe von 
'sämmtlichen boeotischen Städten'. Aber nicht blofs der Zahl nach 
schwanden die Menschen zusammen, auch der Schlag verkam. Schöne 
Frauen giebt es wohl noch, sagt einer der feinsten Beobachter um das 
Ende des 1. Jahrhunderts, aber schöne Männer sieht man nicht mehr; 
die olympischen Sieger der neueren Zeit erscheinen verglichen mit den 
älteren niedrig und gemein, zum Theil freilich durch die Schuld der 
Künstler, aber hauptsächlich weil sie eben sind wie sie sind. Die körper- 
liche Ausbildung der Jugend ist in diesem gelobten Lande der Epheben 
und Athleten in einer Ausdehnung gefördert worden, als ob es der Zweck 
der Gemeindeverfassung sei die Knaben zu Turnern und die Männer zu 
Boxern zu erziehen ; aber wenn keine Provinz so viele Ringkünstler 
besafs, so stellte auch keine so wenig Soldaten zur Reichsarmee. 
Selbst aus dem athenischen Jugendunterricht, der in älterer Zeit das 



1) Ohne Zweifel will Plutarch mit diesen Worten (de defectu orac. 8) 
nicht sagen, dafs Griechenland überhaupt nicht 3000 Walfenfähige zn stellen 
vermöge, sondern dafs, wenn Biirgerheere nach alter Art gebildet würden, 
man nicht im Stande sein würde 3000 'Hopliten' aufzastellen. In diesem Sinn 
mag die Aensseroug wohl so weit richtig sein, als dies bei dergleichen all- 
gemeinen Klagen überhaupt erwartet werden kann. Die Zahl der Gemeinden 
der Provinz beläoft sich ungefähr auf hundert. 



BAS GRIECHISCHE EUROPA. 247 

SpeerwerfeD, das Bogenschiefsen, die Geschützbedienung, das Aus- 
marschiren und das Lagerschlagen einschloüs, verschwindet jetzt 
dieses Soldatenspiel der Knaben. Die griechischen Städte des Reiches 
werden überhaupt bei der Aushebung so gut wie gar nicht berück- 
sichtigt, sei es weil diese Rekruten physisch untauglich erschienen, sei 
es weil dieses Element im Heere bedenklich erschien; es war ein 
kaiserlicher Launscherz, dafs der karrlkirte Alexander, Severus Anto- 
ninus die römische Armee für den Kampf gegen die Perser durch einige 
Lochen Spartiaten verstärkte^). Was für die innere Ordnung und Sicher- 
heit überhaupt geschah, mufs von den einzelnen Gemeinden ausgegangen 
sein, da römische Truppen in der Provinz nicht standen; Athen zum 
Beispiel unterhielt Besatzung auf der Insel Delos und wahi*scheinlich 
lag eine Milizabtbeilung auch auf der Burg^). Fn den Krisen des 
dritten Jahrhunderts haben der Landsturm von Elateia (S. 221) und 
derjenige von Athen (S. 224) die Kostoboker und die Gotben tapfer 
zurückgeschlagen und in würdigerer Weise, als die Enkel der Kämpfer 
von Thermopylae in Caracallas Perserkrieg, haben in dem gothischen 
die Enkel der Marathonsieger ihren Namen zum letzten Mal in dieAn- 
nalen der alten Geschichte eingezeichnet. Aber wenn auch dergleichen 
Vorgänge davon abhalten müssen die Griechen dieser Epoche schlecht- 
weg zu dem verkommenen Gesindel zu werfen, so bat das Sinken der 
Bevölkerung an Zahl wie an Kraft auch in der besseren Kaiserzeit stetig 
angehalten, bis dann seit dem Ende des 2. Jahrhunderts die diese 
Landschaften ebenfalls schwer heimsuchenden Seuchen, die nament- 
lich die Ostküste treffenden Einfalle der Land- und Seepiraten, end- 
lich das Zusammenbrechen der Reicbsgewalt in der gallienischen Zeit 
das chronische Leiden zur acuten Katastrophe steigerten. 

In ergreifender Weise tritt das Sinken von Hellas und treten die GneehiBohe 
Stimmungen, die dasselbe bei den Besten hervorrief, uns entgegen in '*"*"*"*•"• 
der Ansprache, die einer von diesen, der Bithyner Dion um die Zeit 
Yespasians an die Rhodier richtete. Diese galten nicht mit Unrecht als 
die trefflichsten unter den Hellenen. In keiner Stadt war besser für 



1) Davon erzählt Merodian 4, 8, 3. c. 9, 4, und wir haben die Inschriften 
zweier dieser Spartiaten, des Nikokles iojqaxivfiivog cß; xaia niQati5v (C. I. Gr. 
1253) and des Dioskoras aneXd-mv fig rifv eviv^tOTatriv avfjifjiaxCctv (=* expeditio) 
xriv xarä ITegacSv (C. I. Gr. 1495). 

'} Das q'^ovQiov (C. I. A. III, 826) kann nicht wohl anders verstanden 
werden. 



248 ACHTES BUCH. KAPITEL TII. 

die niedere Bevölkerung gesorgt und trug diese Fürsorge mehr den 
Stempel nicht des Almosens, sondern des Arbeitgebens. Als nach dem 
grojGBen Bärgerkriege Augastns im Orient alle Privatschulden klaglos 
machte, wiesen allein die Rhodier die bedenkliche Vergünstigung zurück. 
War auch die gro£se Epoche des rhodischen Handels vorüber, so gab 
es dort immer noch zahlreiche blühende Geschäfte und vermögende 
Häuser^). Aber viele MiTsstände waren auch hier eingerissen, und 
deren Abstellung fordert der Philosoph, nicht so sehr, wie er sagt, um 
der Rhodier willen, als um der Hellenen insgemein. *Einst ruhte die 
'Ehre von Hellas auf vielen und viele mehrten seinen Ruhm, ihr, die 
'Athener, die Lakedaemonier, Theben, eine Zeitlang Korinth, in ferner 
,Zeit Argos. Nun aber ist es mit den anderen nichts; denn einige sind 
'gänzlich heruntergekommen und zerstört, andere führen sich wie ihr 
'wifst und sind entehrt und ihres alten Ruhmes Zerstörer. Ihr Beid 
'übrig; ihr allein seid noch etwas und werdet nicht völlig verachtet; 
'denn wie es jene treiben, wären längst alle Hellenen tiefer gesunken 
'als die Phryger und die Thraker. Wie wenn ein grofses und reiches 
'Geschkcht auf zwei Augen steht und was dieser letzte des Hauses 
'sündigt, alle Vorfahren mit entehrt, so stehet ihr in Hellas. Glaubt 
'nicht die ersten der Hellenen zu sein ; ihr seid die einzigen. Sieht 
'man auf jene erbärmlichen Schandbuben, so werden selbst die grofsen 
'Gescbidie der Vergangenheit unbegreiflich; die Steine und die 
'Städtetrümmer zeigen deutlicher den Stolz und die Gröfse von Hellas 
'als diese nicht einmal mysischer Ahnen würdigen Nachfahren; und 
'besser als den von diesen bewohnten ist es den Städten ergangen, 
'welche in Trümmern liegen, denn deren Andenken bleibt in Ehren 
'und ihr wohl erworbener Ruhm unbefleckt — besser die Leiche ver- 
'brennen als sie faulend liegen lassen'. 



1) 'An Mitteln', sagt Dio (or. 31 p. 566), 'fehlt es euch nicht, nnd Taa- 
* sende and aber Tansende giebt es hier, denen es nützlich wäre minder reich 
'xu sein'; und weiterhin (p. 620): 'ihr seid reich wie sonst niemand io Hellas. 
' Mehr als ihr besafsen eure Vorfahren auch nicht. Die Insel ist nicht schlech- 
'ter geworden; ihr zieht die Nutzung von Karieo nod einem Theil Lyliiens; 
' eine Anzahl Städte sind euch steuerpflichtig ; stets empfängt die Stadt reiche 
'Gaben von zahlreichen Bürgern.' Er führt weiter aus, dafs neue Ausgaben 
nicht hinzugetreten, wohl aber die früheren für Heer und Flotte fast weg- 
gefaUen seien; nur ein oder zwei kleine Schiffe hätten sie jährlich nach 
Korinth (zur römischen Flotte also) zu stellen. 



DAS GRIECHISCHE EUROPA. 249 

Man wird diesem hohen Sinn eines Gelehrten, welcher die kleine Die ait« 
Gegenwart an der grofsen Vergangenheit mafs und, wie dies nicht aus- ^""^ ^^^^ 
bldben kann, jene mit widerwilligen Augen, diese in der Verklarung 
des Dagewesenseins anschaute, nicht zu nahe treten mit dem Hinweis 
darauf, dafs die alte gute hellenische Sitte damals und noch lange nach- 
her denn doch nicht blofs in Rhodos zu finden, vielmehr in vieler 
Hinsicht noch allerorts lebendig war. Die innerliche Selbständigkeit, 
das wohl berechtigte Selbstgefühl der immer noch an der Spitze der 
Givilisation stehenden Nation ist bei aller Schmiegsamkeit des Unter* 
thanen- und alier Demuth des Parasitenthums den Hellenen auch dieser 
Zeit nicht abhanden gekommen. Die Römer entlehnen die Gölter von 
den alten Hellenen und die Verwaltungsform von den Alexandrinern; 
sie suchen sich der griechischen Sprache zu bemächtigen und die 
eigene in Mafs und Stil zu hellenisiren. Die Hellenen auch der 
Kaiserzeit thun nicht das Gleiche; die nationalen Gottheiten Ftaliens, 
wie Silvanus und die Laren, werden in Griechenland nicht verehrt und 
keiner griechischen Stadtgemeinde ist es je in den Sinn gekommen 
die von ihrem Poiybios als die beste gefeierte politische Ordnung bei 
sich einzuführen. Insofern die Kenntnifs des Lateinischen für die 
höhere wie die niedere Aemterlaufbahn bedingend war, haben die 
Griechen, die diese betraten, sich dieselbe angeeignet; denn wenn es 
auch praktisch nur dem Kaiser Claudius einfiel den Griechen, die 
kein Lateinisch verstanden, das römische Bürgerrecht zu entziehen, so 
war allerdings die wirkliche Ausübung der mit diesem verknüpften 
Rechte und Pflichten nur dem möglich, der der Reichsspracbe mächtig 
war. Aber von dem öffentlichen Leben abgesehen ist nie in Griechen- 
land so lateinisch gelernt worden wie in Rom griechisch ; Plutarchos, 
der schriftstellerisch die beiden Reichshälften gleichsam vermählte und 
dessen Parallelbiographien römischer und griechischer berühmter 
Männer vor allem durch diese Nebeneinandersteliung sich empfahlen 
und wirkten, verstand nicht sehr viel mehr lateinisch als Diderot russisch, 
und beherrschte wenigstens, wie er selbst sagt, die Sprache nicht; 
die des Lateinischen wirklich mächtigen griechischen Litteraten waren 
entweder Beamte, wie Appianus und Cassius Dion, oder Neutrale, wie 
König Juba. In der That war Griechenland in sich selbst weit weniger 
verändert als in seiner äufseren Stellung. Das Regiment von Athen 
war recht schlecht, aber auch in der Zeit von Athens Gröfse war es gar 
nicht musterhaft gewesen. 'Es ist\ sagt Plutarchos, 'derselbe Volks- 



250 ACHTBS BOGH. KAPITEL YII. 

,sch]ag, dieselben Unruhen, der Ernst und der Scherz, die Anmuth 
,und die Bosheit wie bei den Vorfahren'. Auch diese Epoche weist in 
dem Leben des griechischen Volkes noch einzelne Zuge auf, die seines 
civilisatorischen Principats würdig sind. Die Fechterspiele, die von 
Italien aus sich überall hin, namentlich auch nach Kleinasien und 
Syrien verbreiteten, haben am spätesten von allen Landschaften in 
Griechenland Eingang gefunden; längere Zeit beschränkten sie sich 
auf das halb italische Korinth, und als die Athener, um hinter diesen 
nicht zurückzustehen, sie auch bei sich einführten, ohne auf die 
Stimme eines ihrer Besten zu hören, der sie fragte, ob sie nicht zuvor 
dem Gotte des Erbarmens einen Altar setzen möchten, da wandten 
manche der Edelsten unwillig sich weg von der sich selber entehrenden 
Vaterstadt. In keinem Lande der antiken Welt sind die Sclaven mit 
solcher Humanität behandelt worden wie in Hellas; nicht das Recht, 
aber die Sitte verbot dem Griechen seine Sclaven an einen nicht 
griechischen Herrn zu verkaufen und verbannte somit aus dieser Land- 
schaft den eigentlichen Sclavenhandel. Nur Hier finden wir in der 
Kaiserzeit bei den Burgerschmäusen und den Oetspenden an die 
Bürgerschaft auch die unfreien Leute mit bedacht ^). ISur hier konnte 
ein unfreier Mann, wie Epiktetos unter Traian, in seiner mehr als be- 
scheidenen äufseren Existenz in dem epirotischen Nikopolis mit an- 
gesehenen Männern senatorischen Standes in der Weise verkehren 
wie Sokrates mit Kritias und Alkibiades, so dafs sie seiner münd- 
lichen Belehrung wie Schüler dem Meister lauschten und die Ge- 
spräche aufzeichneten und veröffentlichten. Die Milderungen der Scla- 
verei durch das Kaiserrecht gehen wesentlich zurück auf den Eiu- 
flnfs der griechischen Anschauungen zum Beispiel bei Kaiser Marcus, der 
zu jenem nikopolitanischen Sclaven wie zu seinem Meister und Muster 
emporsah. Unübertrefflich schildert der Verfasser eines unter den lukia- 
niscben erhaltenen Dialogs das Verhalten des feinen athenischen Stadt- 
bürgers in seinen engen Verhältnissen gegenüber dem vornehmen und 



*) Bei den Volksfesten, die in Tiberius Zeit ein reicher Mann io 
Akraephia in Boeotien aasricbtele, lad er die erwachsenen Sclaven, seine 
Gattin die Sclavinnen mit den Freien zu Gaste (C. I. Gr. 1625.) In einer 
Stiftuns zar Vertbeilang von Oel in der Turnanstalt (yvfjLvaaior) von Gytheion 
in Lakonien wird festgesetzt, dafs an sechs Tagen im Jahr aach die Sclaven 
daran Antheil haben sollen (Lebas - Fouc^rt n. 243 a). Aehnliche Spenden 
begegnen in Argos (C. 1. Gr. 1122. 1123). 



DAS GRIECHISCHE BUROPA. 251 

reichen reiseoden Publicum zweifelhafter Bildung oder auch unzweifel- 
hafter Rohheit: wie man es dem reichen Ausländer abgewöhnt im öffent- 
lichen Bade mit einem Heer von Bedienten aufzuziehen, als ob er seines 
Lebens in Athen nicht ohnehin sicher und nicht Frieden im Lande sei, 
wie man es ihm abgewöhnt auf der Strafse mit dem Purpurgewand 
sich zu zeigen, indem die Leute sich freundlich erkundigen, ob es 
nicht das seiner Mama sei. Er zieht die Parallele zwischen römischer 
und athenischer Existenz: dort die beschwerlichen Gastereien und die 
noch beschwerlicheren Bordelle, die unbequeme Bequemlichkeit der 
Bedientenschwärme und des häuslichen Luxus, die Lästigkeiten der 
Liederlichkeit, die Qualen des Ehrgeizes, all das Uebermafs, die Viel- 
fältigkeit, die Unruhe des hauptstädtischen Treibens; hier die An- 
muth der Armuth, die freie Rede im Freundeskreis, die Mufse für 
geistigen GenuTs, die Möglichkeit des Lebensfriedens und der Lebens- 
freude — 'wie konntest du\ fragt ein Grieche in Rom den andern, 'das 
,Licht der Sonne, Hellas und sein Gluck und seine Freiheit um dieses 
«Gedränges willen verlassen?' In diesem Grundaccord begegnen sich 
alle feiner und reiner organisirten Naturen dieser Epoche; eben die 
besten Hellenen mochten nicht mit den Römern tauschen. Kaum 
giebt es etwas gleich Erfreuliches in der Litteratur der Kaiserzeit wie 
Dios schon erwähnte euboische Idylle: sie schildert die Existenz 
zweier Jägerfamilien im einsamen Walde, deren Vermögen acht Ziegen 
sind, eine Kuh ohne Hörn und ein schönes Kalb, vier Sicheln und 
drei Jagdspeere, welche weder von Geld noch von Steuern etwas 
wissen, und die dann, vor die tobende Bürgerversammiung der Stadt 
gestellt, von dieser schliefslich unbehelligt entlassen werden zum Freuen 
und zum Freien. Die reale Durchführung dieser poetisch verklärten Piuurchos. 
Lebensauffassung ist Plutarchos von Chaeroneia, einer der anmuthigsten 
und belesensten und nicht minder einer der wirksamsten Schriftsteller 
des Alterthums. Einer vermögenden Familie jener kleinen boeotischen 
I^ndstadt entsprossen und erst daheim, dann in Athen und in 
Alexandreia in die volle hellenische Bildung eingeführt, auch durch 
seine Studien und vielfältige persönliche Beziehungen so wie durch Reisen 
in Italien mit römischen Verhältnissen wohl vertraut, verschmähte 
er es nach der üblichen Weise der begabten Griechen in den Staatsdienst 
zu treten oder die Professorenlaufbahn einzuschlagen; er blieb seiner 
Heimath treu, mit der trefflichen Frau und den Kindern und mit den 
Freunden und Freundinnen des häuslichen Lebens im schönsten Sinne 



252 ACHTBS BUCH. RAPITEL YII. 

des Wortes geniefsend, sich bescheidend mit den Aemtern und Ehren, 
die sein Boeotien ihm zu bieten vermochte, und mit dem mafoigen 
angeerbten Vermögen. In diesem Chaeroneer drückt der Gegensau 
der Hellenen und der Helienisirten sich aus; ein solches Griechentfaum 
war weder in Smyrna möglich noch in Antiocheia; es gehörte zum 
Boden wie der Honig vom Hymettos. Es giebt genug mächtigere Talente 
und tiefere Naturen, aber schwerlich einen zweiten Schriftsteller, der 
mit so glucklichem Mafs sich in das Nothwendige mit Heiterkeit zu 
finden und so wie er den Stempel seines Seelenfriedens und seines 
Lebensgluckes seinen Schriften aufzuprägen gewufst hat. 
MiM- Die Selbstbeherrschung des Hellenismus kann auf dem Boden des 

' pfi^^fnii^-' öffentlichen Lebens sich nicht in der Reinheit und Schönheit offen- 
rerwaituDg. j^^f^j^ ^|^ j^ ^^P stilleu Hcimstatt, nach der die Geschichte und sie nach 
derGeschichteglQcklicher Weise nicht fragt. Wenden wir uns den öffent- 
lichen Verhältnissen zu, so ist mehr yom Hissregiment als vom Regiment 
zu berichten sowohl der römischen Regierung wie der griechischen 
Autonomie. An gutem Willen fehlte es dort insofern nicht, als der 
römische Philhellenismus die Kaiserzeit noch viel entschiedener be- 
herrscht als die republikanische. Eräufsertsich überall im Grofsen wie im 
Kleinen, in der Fortführung der Hellenisirung der östlichen Pro- 
vinzen und der Anerkennung der doppelten officiellen Reichssprache 
wie in den höflichen Formen, in weichen die Regierung auch mit der 
kleinsten griechischen Gemeinde verkehrt und ihre Beamten zu ver- 
kehren anhält^). Auch haben es die Kaiser an Gaben und Bauten zu 
Gunsten dieser Provinz nicht fehlen lassen ; und wenn auch das Meiste 
der Art nach Athen kam, so baute doch Hadrian eine grofse Wasser- 



>) Auf eine der uDzäbli^en Beschwerden, mit welchen die kleioasiati- 
flehen Städte we^ea ihrer Titel* und Rangstreitiskeiteo die Resi«rans be- 
lästigten, antwortete Pias den Epbeaiern (Waddington j4ristide^, 51), er höre 
gern, dafs die Pergamener ihoeo die neue Titulatur gegeben hätten; die Smyrnaeer 
hätten es wohl nur zufällig unterlassen und würden sicher in Zukunft gut- 
willig das Richtige thun, wenn auch sie, die Ephesier, ihnen ihre rechten Titel 
beilegen würden. Einer kleinen lykischen Stadt, welche um Bestätigung eines 
von ihr gefafsten Beschlusses bei dem Proconsul einkommt, erwidert dieser 
(Benndorf lykische Reise 1, 71), treffliche Anordnungen verlaugten nur Lob, 
keine Bestätigung; diese liege in der Sache. Die Rhetorenschulen dieser 
Epoche liefern auch die Concipienten Für die kaiserliche Ranzlei; aber dies 
thut es nicht allein. Es gehört zum Wesen des Principats das Unterthan- 
verhältnir« nicht äufserlich zu accentniren, und namentlich nicht gegen Griechen. 



»▲8 GRIECHISCHE EUROPA. 253 

leitUDg zum Besten von Korinth, Pias die Heilanstalt von Epidaoros. 
Aber die röcksiebtsvolle Behandlung der Griechen insgemein und die 
besondere Huld, welche dem eigentlichen Hellas von der kaiserlichen 
Regierung zu Theil wurde, weil es in gewissem Sinn gleich wie 
ItaUen als Mutterland galt, sind weder dem Regiment noch der 
Landschaft recht zum Vortheil ausgeschlagen. Der jährliche Wechsel 
der Oberbeamten und die schlaffe Controle der Centralsteile 
lieDsen alle senatorischen Provinzen, so weit das Statthalterregiment 
reichte, mehr den Druck als den Segen einheiUieher Verwaltung em- 
pfindten, und diese doppelt bei ihrer Kleinheit und ihrer Armuth. Noch 
unter Augustus selbst machten diese Mi£wtände sich in dem Grade 
geltend , dafs es eine der ersten Regiemngshandlungen seines Nach- 
folgers war sowohl Griechenland wie Makedonien in eigene Verwaltung 
zu nehmen^), wie es hieüB, vorläuflg, inderTbatauf die ganze Dauer 
seiner Regierung. Es war sehr constitutionell, aber yielleicht nicht 
eben so weise, dats Kaiser Claudius, als er zur Gewalt gelangte, die 
alte Ordnung wieder herstellte. Seitdem hat es dann bei dieser sein 
Bewenden gehabt und ist Achaia nicht von ernannten, sondern von 
erloosten Beamten verwaltet worden, bis diese Verwaltungsform über- 
haupt abkam. 

Aber bei weitem übler noch stand es um die von dem Statthalter- mn- 
regiment eximirten Gemeinden Griechenlands. Die Absicht diese deffreieD 
Gemeinwesen zu begünstigen, durch die Befreiung vom Tribut und ^^^* 
Attshebang wie nicht minder durch die müglichst geringe Beschrän- 
kung der Rechte des souveränen Staates , hat wenigstens in vielen 
Fällen zu dem Gegentheil geführt. Die innere Unwahrheit der 
Institutionen rächte sich. Zwar bei den weniger bevorrechteten oder 
besser verwalteten Gemeinden mag die communale Autonomie ihren 
Zweck erfüllt haben ; wenigstens vernehmen wir nicht, dafs es mit 
Sparta, Korinth, Patrae besonders übel besteilt gewesen sei. Aber 
Athen war nicht geschaffen sich selbst zu verwalten und bietet das ^a^bw^^ 



^) Eine formale Aendernng der SteaerordDuog folgt ao sich aus diesem 
VVeehsel oiebt vod ist auch bei Taeitos ano. 1, 76 nicht angedeatet; weoa die 
Eiorichtang getroffen wird, weil die Provinzialen über Steuerdmek klagen 
Sonera deprecantesj, so konnten bessere Statthalter dorch zweckmäfsige Re- 
partining, eventuell durch Erwirkung von Remission den Provinzen aufhelfen. 
Dafs die Beförderung der Reichspost besonders in dieser Provinz als drückende 
Last empfunden ward, zeigt das Bdict des Claadius aus Tegea (Ephem. ep. V p. 69). 



254 ACHTES BUCB. KAPITEL VII. 

abschreckende Bild eines von der Obergewalt verhätschelten und 
finanziell wie sittlich verkommenen Gemeinwesens. Von Rechts wegen 
hätte dasselbe in blähendem Zustande sich befinden müssen. Weno 
es den Athenern misslang die Nation unter ihrer Hegemonie zu ver- 
einigen, so ist diese Stadt doch die einzige Griechenlands *wie Italiens 
gewesen, welche die landschaftliche Einigung vollständig durchgeführt 
hat; ein eigenes Gebiet, wie es die Attike ist, von etwa 40 Quadrat- 
meilen, der doppelten Gröfse der [nsei Rügen, hat keine Stadt des 
Alterthums sonst besessen. Aber auch aulserhalb Attikas blieb ihnen^ 
was sie besafsen, sowohl nach dem mithradatischen Kriege durch 
Sullas Gnade wie nach der pharsalischen Schlacht, in der sie auf Seiten 
des Pompeius gestanden hatten, durch die Gnade Caesars — er fragte 
sie nur, wie oft sie noch sich selber zu Grunde richten und dann 
durch den Ruhm ihrer Vorfahren retten lassen wollten. Der Stadt 
gehörte immer noch nicht blofs das ehemals haliartische Gebiet 
in Boeotien (1,776), sondern auch an ihrer eigenen Küste Salamis, 
der alte Ausgangspunct ihrer Seeherrschaft, im thrakischen Meer 
die einträglichen Inseln Skyros, Lemnos und Imbros so wie im 
aegaeischen Delos; freilich war diese Insel seit dem Ende der 
Republik nicht mehr das centrale Emporium des Handels mit dem 
Osten, nachdem der Verkehr sich von da weg nach den Häfen der ita- 
lischen Westküste gezogen hatte, und es war dies für die Athener ein 
unersetzlicher Verlust. Von den weiteren Verleihungen, die sie An- 
tonius abzuschmeicheln gewusst hatten, nahm ihnen Augustus, gegen 
den sie Partei ergriffen hatten, allerdings Aegina und Eretria auf Euboea, 
aber die kleineren Inseln des thrakischen Meeres, Ikos Peparethos 
Skiathos, femer Keos vor der sunischen Landspitze durften sie behal- 
ten ; und Hadrian gab ihnen weiter den besten Theil der grofsen Insel 
Kephallenia im ionischen Meer. Erst durch den Kaiser Severus, der 
ihnen nicht wohl wollte, wurde ihnen ein Theil dieser auswärtigen 
Besitzungen entzogen. Hadrian gewährte ferner den Athenern die 
Lieferung eines gewissen Quantums von Getreide auf Kosten des 
Reiches und erkannte durch die Erstreckung dieses bisher der Reichs- 
hauptstadt vorbehaltenen Privilegiums Athen gleichsam an als eine 
der Reichsmetropolen. Nicht minder wurde das segensreiche Institut 
der Alimentarstiflungen, dessen Italien sich seit Traian erfreute, von 
Hadrian auf Athen ausgedehnt und das dazu erforderliche Kapital sicher 
aus seiner Schatulle den Athenern geschenkt Eine Wasserleitung, 



DAS GRIECHISCHE EUROPA. 255 

die er ebenfalls seinem Athen widmete, wurde erst nach seinem 
Tode von Pius vollendet. Dazu kam der ZusammenfluCs der 
Reisenden und der Studirenden und die in immer steigender Zahl 
von den römischen Grofsen und den auswärtigen Fürsten der Stadt 
verliehenen Stiftungen. Dennoch war die Gemeinde in stetiger 
BedrängniÜB. Mit dem Bürgerrecht wurde nicht blofs das überall 
übliche Geschäft auf Nehmen und Gebeu, sondern förmlich und 
offenkundig Schacher getrieben, so dafs Augustus mit einem Verbot 
dagegen einschritt. Einmal über das andere bescblofs der Rath von 
Athen diese oder jene seiner Inseln zu verkaufen, und nicht immer 
fand sich ein opferwilliger Reicher gleich dem luliusNikanor, der unter 
Augustus den bankerotten Athenern die Insel Salamis zurückkaufte und 
dafür von dem Rath derselben den Ehrentitel des 'neuen Themistokles' 
so wie, da er auch Verse machte, nebenbei den des 'neuen Homer* und 
mit den edlen Rathsherren zusammen von dem Publikum den wohl- 
verdienten Hohn erntete. Die prachtvollen Bauten, mit denen Athen 
fortfuhr sich zu schmücken, erhielt es ohne Ausnahme von den 
Fremden, unter Anderen von den reichen Königen Antiochos von 
Kommagene und Herodes von Judaea, vor allen aber von dem Kaiser 
Hadrian, der eine völlige 'Neustadt' {novae Athenae) am llisos anlegte 
und aufser zahllosen anderen Gebäuden, darunter dem schon er- 
wähnten Panhellenion , das Wunder der Weit, den von Peisistralos 
begonnenen Riesenbau des Olympieion mit seinen 120 zum Theil noch 
stehenden Säulen, den gröfsten von allen, die heute aufrecht sind, 
sieben Jahrhunderte nach seinem Beginn in würdiger Weise abschlofs. 
Selbst hatte diese Stadt kein Geld nicht blos für ihre Hafenmauerii, 
die jetzt allerdings entbehrlich waren , sondern nicht einmal für den 
Hafen. Zu Augustus Zeit war der Peiraeeus ein geringes Dorf von 
wenigen Häusern, nur besucht wegen der Meisterwerke der Malerei 
in den Tempelhallen. Handel und Industrie gab es in Athen fast 
nicht mehr, oder für die Bürgerschaft insgemein wie für den einzelnen 
Bürger nur ein einziges blühendes Gewerbe, den Bettel. Auch blieb 
es nicht bei der Finanzbedrängnifs. Die Welt hatte wohl Frieden, 
aber nicht die Strafsen und Plätze von Athen. Noch unter Augustus 
hat ein Aufstand in Athen solche Verhältnisse angenommen, daüs die 
römische Regierung gegen die Freistadt einschreiten mufste^); und 

>) Der athenische Aufstand unter Angnstus ist sicher beglaabigt darch 
die aus Africauus geflossene Notiz bei Eusebius zum J. Abr. 2025 (daraus 



256 ACHTES BU€H. lAPETEL VII. 

wenn auch dieser Vorgang vereinzelt steht, so gehörten Aufläufe auf 
der Gasse wegen der Brotpreise und aus anderen geringfügigen An* 
lassen in Athen zur Tagesordnung. Viel besser wird es in zahlreichen 
anderen Freistädten nicht ausgesehen haben, von denen weniger die 
Kede ist. Einer solchen Burgerschaft die Criminaljustiz unbeschränkt 
in die Hand zu geben, war kaum zu verantworten; und doch stand 
dieselbe den zu internationaler ^Föderation zugelassenen Gemeinden, 
wie Athen und Rhodos, von Rechtswegen zu. Wenn der athenische 
Areopag in augustischer Zeit sich weigerte, einen wegen Fälschung 
verurtheiiten Griechen auf die Verwendung eines vornehmen Römers 
hin von der Strafe zu entbinden, so wird er in seinem Recht gewesen 
sein; aber dafs die Kyzikener unter Tiberius römische Borger ein- 
sperrten, unter Claudius gar die Rhodier einen römischen Borger 
ans Kreuz schlugen, waren auch formale Rechtsverletzungen, und ein 
ähnlicher Vorgang hat unter Augustus den Thessalem ihre Autonomie 
gekostet. Uebermuth und Uebergriff wird duixh die Machtlosigkeit 
nicht ausgeschlossen, nicht selten von den schwachen Schutzbefohlenen 
eben darauf hin gewagt. Bei aller Achtung för grofse Erinnerungen 
und beschworene Verträge mubten doch jeder gewissenhaften Regierung 
diese Freistaaten nicht viel minder als ein Bruch in die allgemeine 
Rechtsordnung erscheinen, wie das noch viel altheiligere Asylrecht 
der Tempel. 
OorrMtoreo. SchliefsHch griff die Regierung durch und stellte die freien Städte 
hinsichtlich ihrer Wirthschaft unter die Oberaufsicht von Beamten 
kaiserlicher Ernennung, die allerdings zunächst als aufiserordentlicbe 
Commissarien 'zur Correctur der bei den Freistädten eingerissenen 
Uebelstände' charakterisirt werden und davon späterhin die Bezeich- 
nung Gorrectoren als titulare führen. Die Anfinge derselben lassen 
sich bis in die traianische Zeit verfolgen; als stehende Beamte finden 
wir sie in Achaia im dritten Jahrhundert. Diese neben den Proconsuln 
fungirenden vom Kaiser bestellten Beamten finden in keinem Tbeil 
des römischen Reichs so früh sich ein und sind in keinem so früh 
ständig geworden wie in dem halb aus Freistädten bestehenden Achaia. 



Orosius 6, 22, 2). Die Aufläufe gegen den Strategien werden oft erwähnt: 
Plutarch q. sympos. 8, 3 z. A.; (Lttciao) Demoaax 11. 64; Philostratos vit. 
sopli. 1, 23. 2, 1, 11. 



DAS GRIECHISCHE EUROPA. 257 



Das an sich wohlbereclitigte und durch die Haltung der römischen Feathaitoi 

ler Erinni 
mngoii. 



Regierung wie vielleicht noch mehr durch die des römischen Publikums ^^^ ^'*""•- 



genährte Selbstgefühl der Hellenen, das Bewufstsein des geistigen 
Primats rief daselbst einen Gultus der Vergangenheit ins Leben, der 
sich zusammensetzt aus dem treuen Festhalten an den Erinnerungen 
gröfserer und glücklicherer Zeiten und dem barocken Zurückdrehen 
der gereiften Civilisation auf ihre zum Theil sehr primitiven Anfänge. 
Zu den ausländischen Gülten, wenn man absieht von dem schon früher Religion. 
durch die Handelsverbindungen eingebürgerten Dienst der aegyptischen 
Gottheiten, namentlich der Isis, haben die Griechen im eigentlichen 
Hellas sich durchgehend ablehnend verhalten ; wenn dies vonKorintli am 
wenigsten gilt, so ist dies auch die am wenigsten griechische Stadt von 
Hellas. Die alte Landesreligion schützt nicht der innige Glaube, von dem 
diese Zeit sich längst gelöst hatte ^); aber die heimische Weise und das 
Gedächtnifs der Vergangenheit haften vorzugsweise an ihr und darum 
wird sije nicht blofs mit Zähigkeit festgehalten, sondern sie wird auch, 
zum guten Theil durch gelehrte Repristination, im Laufe der Zeit 
immer starrer und alterthumiicher, immer mehr ein Sonderbesitz der 
Studirten. — Aehnlich verhält es sich mit dem Cultus der Stamm- Rumm. 
bäume, in welchem die Hellenen dieser Zeit ungemeines geleistet und ^'^°"^' 
die adelsstolzesten Römer weit hinter sich gelassen haben. In Athen 
spielt das Geschlecht der Eumolpiden eine hervorragende Rolle bei der 
Reorganisirung des eleusinischeo Festes unter Marcus. Dessen Sohn 
Commodus verlieh dem Haupt des Geschlechtes der Keryken das 
römische Bürgerrecht, und aus demselben stammt der tapfere und 
gelehrte Athener, der, fast wie Thukydides, mit den Gothen schlug und 
dann den Gothenkrieg beschrieb (S. 224). Des Marcus Zeitgenosse, der 
Professor und Consular Herodes Atticus gehörte eben diesem Ge- 
schlechte an und sein Hofpoet singt von ihm, dafs dem hochge- 
borenen Athener, dem Nachkommen des Hermes und der Kekrops- 
tochter Herse, der rothe Schuh des römischen Patriciats wohl 
angestanden habe, während einer seiner Lobredner in Prosa ihn als 
Aeakiden feiert und zugleich als Abkömmling von Miltiades und 



') Dem Beamten, «ach dem sebildeteo, das heirst dem Freideoker, wird 
aDserathea die Spendea, die er mache, an die religiösen Feste aozuknüpfeD; 
denn die Menpe werde in ihrem Glanben bestärkt, wenn sie sehe, dafs aoch 
die Vornehmen der Stadt auf die Gotterverehrung^ etwas s^ben und sog^ar dafür 
etwas aufwenden (Plotarch praec. §w. reip. 30). 

Mommien, rOm. Geschielit«. V. ]7 



258 ACHTES BUCH. KAPITEL VII. 

Kimon. Aber auch Athen wurde hierin noch weit überboten von 
Sparta; mehrfach begegnen Spartiaten, die sich der Herkunft von den 
Dioeknren, dem Herakles, dem Poseidon und des seit vierzig und 
spracbe: mehr Generationen in ihrem Hause erblichen Priesterthuras dieser 
vDd^Bu'ba' Altvordern berOhmen. Es ist charakteristisch für dieses Adelthum, 
mmna. j^f^ ^g g|^)^ hauptsächlich orst mit dem Ende des zweiten Jahrhunderts 
einstellt; die Heraldiker, welche diese Geschlechtstafieln entwarfen, 
werden filr die Beweisstücke weder in Athen noch in Sparta die Gold- 
wage angewandt haben. — Dieselbe Tendenz zeigt sich in der Be- 
handlung der Sprache oder vielmehr der Dialekte. Während in dieser 
ZMtin den sonstigen griechisch redenden Ländern und auch in Hellas im 
gewöhnlichen Verkehr das sogenannte gemeine , im wesentlichen aus 
der attischen Mundart heraus verschliffene Griechisch vorherrscht, 
strebt die Schriftsprache dieser Epoche nicht blofs nach der Beseitigung 
der eingerissenen Sprachfehler und Neuerungen, sondern vielfiich 
werden dialektische Besonderheiten dem Sprachgebrauch entgegen 
wieder aufgenommen und hier, wo er am wenigsten berechtigt war, 
der alte Particularismus in scheinhafter Weise zurückgeführt. Den 
Standbildern, welche die Thespier den Musen im Hain des Helikon 
setzten, wurden auf gut boeotisch die Namen Orania und Thalea 
beigeschrieben, während die dazu gehörigen Epigramme, verfällst 
von einem Poeten römischen Namens, sie auf gut ionisch Uranie 
und Thaleie nannten und die nicht gelehrten Boeoter, wenn sie 
sie kannten, sie nannten wie alle anderen Griechen Urania und 
Thaleia. Von den Spartanern vor allem ist darin Unglaubliches 
geleistet und nicht selten mehr für den Schatten des Lykurgos 
als für die zur Zeit lebenden Aelier und Aurelier geschrieben 
worden M. Daneben kommt der correcte Gebrauch der Sprache in 



1) Eio' Moster8tück ist die Inschrift (Lebas-Foucart 11 p. 142 o. 162/) 
des M{ä^xo^) AvQ{fiXioQ) Ziv^mnoQ 6 xal KkiavS^q 4»tlofiovaoit, eioes Zett^ 
genossen also des Pins nnd Marens, welcher war leQtvg Af^vxtnniSoty xa\ Ttv- 
SttQtdtiv, der Dioskureo nnd ihrer Gattinnen, der TSchter des Leukippos, aber, 
damit zu dem Alten das Neue nicht fehle, auch agxi^Qiog t<3 Zißaatü xaX rtSk 
^iC<av TiQoyovtnf wttS, Er war in seiner Jagend ferner gewesen ßovayon 
fuxxtxi^^ofxivwf ^ wörtlich Stierfiihrer der Kleinen, nehmlich Anführer der 
dreijährigen Knaben — die lykurgischen Knabenheerden gingen mit dem sieben- 
ten Jahr an, aber seine INachfahreo hatten das Fehlende nachgeholt und von 
den EiDJährigen an alle eiogeheerdet nnd mit 'Führern' versehen. Dieser 



I»A8 6RIECHI8CBB ECBOPA. 259 

dieser Zeit auch in Hellas allmählich ins Schwanken; Archaismea und 
Barbarismen gehen in den Documenten der Kaiserzeit bftufig fried- 
lich neben einander her. Athens sehr mit Fremden gemischte Be- 
v6lkerung hat in dieser Hinsicht sich an keiner Zeit besonders aus* 
gezeichnet'), und obwohl die städtischen Urkunden sich yerhäknifs- 
mäbig rein halten« macht doch seit Augustus die aligemein einreilsende 
Spracliverderbnifs auch hier sich fühlbar. Die strengen Grammatiker 
der Zeit haben ganze Bucher gef Alt mit den Sjprachschnitzem, die der 
eben erwähnte viel gefeierte Rhetor Herodes Atticus und die übrigen 
berühmten Schuh'edner des zweiten Jahrhunderts sich zu Schulden 
kommen liefsen'), ganz abgesehen von der verzwickten Künstelei und 
der manierirten Pointirung ihi*er Rede. Die eigentliche Verwilderung 
aber in Sprache und Schrift reibt in Athen und ganz Griechenland, 
eben wie in Rom, ein mit Septimius Severus'). 

Die Schadhaftigkeit der hellenischen Existenz lag in der Be- ^'^^Jf^J")' 
scbränktbeit ihres Kreises: es mangelte dem hohen Ehrgeiz an dem babo. 
enstprecheiiden Ziel und darum überwucherte die niedere und er- 
niedrigende Ambition. Auch in Hellas fehlte es nicht an einheimischen 
Familien von grofsem Reichthum und bedeutendem Einflufs^). Das 



selbe Maoa sieste {vfixdaQ= vixfiaai) xaaarj^aroQiVj ^uav xalX(oav\ was das 
heifat, weifs vielleiekt Lykor^s. 

>) 'Das innere Attika', sagt ein Bewokoer desselben bei Pkiloatratos 
Yitae sopb. 2, 7, 'Ist eine ^ie Sckule für deo, der sprechen lernen will; die 
'Stadtbewohaer dagesen von Athen, welche deo aus Thrakien und dem Pontus 
' und andern barbarischen Landschaften herbeiströmenden jungen Leuten Weh- 
'ttongen vermiethen, lassen mehr durch sie ihre Sprache sich verderben als 
'dafs sie ihnen das gute Sprechen beibringen. Aber im Binnenland, dessen 
'Bewohner nickt mit Barbaren vermischt sind, ist die Aussprache nnd die 
«Rede gut.' 

*) Karl Keil (Pauly RealencycL 1* S. 2100) weist hin anf ttvog für tj^ 
uvoe und tä x^^^a yiyovav in der Inschrift der Gattin des Herodes (C. L L. 
VI, 1342). 

*) Dittenberger Hermes 1, 414. Dahin gehört auch, was der plumpe Ver- 
treter desApoUonios seinen Helden an die alexandrin ischen Professoren schreiben 
lässt (ep. 34), daTs er Argos, Sikyon, Megara, Phokis, Lokris verlassen habe, an 
nicht, wenn er ISngcr in Hellas verweile, völlig zam Barbaren xa werden. 

*) Tacitns (zom J. 62 ans. 15, 20) cbarakterisirt einen dieser reichen 
und einflufsreichen Provinzialen, den Claudius Timarchides aas Kreta, der in 
seinem Kreis allmächtig ist («< soknt praevalidi provincialium et opibuM mmtu- 
ad iniurüu minorum dati) nnd über den Landtag, also auch über das obligate, 

17* 



260 ACHTES BUCH. KAPITEL VU. 

orofBe Land war wohl im Ganzen arm, aber es gab doch Häuser von ausge- 
Famiiien. ^^)|q|^j|^ Grundbesitz und aitbefestigtem Wohlstand. In Sparta zum 
Beispiel hat das des Lachares von Augustus bis wenigstens in die ha- 
drianischeZeit eine Stellung eingenommen, welche thatsächlich von dem 
Furstenthum nicht allzuweit abstand. Den Lachares hatte Antonius 
wegen Erpressung hinrichten lassen. Dafür war dessen Sohn Eurykles 
einer der entschiedensten Parteigänger Augusts und einer der tapfersten 
Capitäne in der entscheidenden Seeschlacht, der fast den besiegten 
Feldherm persönlich zum Gefangenen gemacht hätte; er empfing von 
dem Sieger unter anderen reichen Gaben als Privateigenthum die Insel 
Kythere (Cerigo). Später spielte er eine hervorragende und bedenk- 
liche Rolle nicht blofs in seinem Heimathland, über welches er eine 
dauernde Yorstandschaft ausgeübt haben muDs, sondern auch an den 
Höfen von Jerusalem und Caesarea, wobei das dem Spartiaten von den 
Orientalen gezollte Ansehen nicht wenig mitwirkte. Defswegen von 
dem Kaisergericht mehrfach zur Verantwortung gezogen, wurde er 
schliefslich verurtheilt und ins Exil gesandt; aber der Tod entzog ihn 
rechtzeitig den Folgen des Urtheilsspruches und sein Sohn Lakon trat 
in das Vermögen und wesentlich auch, wenn gleich in vorsichtigerer 
Form, in die Machtstellung des Vaters ein. Aehnlich stand in Athen 
das Geschlecht des oft genannten Herodes; wir können dasselbe auf- 
steigend durch vier Generationen bis in die Zeit Caesars zurück- 
verfolgen, und über des Herodes Grofsvater ist, ähnlich wie über 
den Spartaner Eurykles , wegen seiner übergreifenden Machtstellung 
in Athen die Confiscation verhängt worden. Die ungeheuren Lati- 
fundien, welche der Enkel in seiner armen Heimath besafs, die zu 
Grabzwecken seiner Lustknaben verwendeten weiten Flächen erregten 
den Unwillen selbst der römischen Statthalter. Derartige mächtige 
Familien gab es vermuthlich in den meisten Landschaften von Hellas 
und wenn sie auf dem Landtag der Provinz in der Regel entschieden, 
so waren sie auch in Rom nicht ohne Verbindungen und Einflufs. Aber 
obwohl diejenigen rechtlichen Schranken, welche den Gallier und deo 

aber für deo abgeheaden Procoosul mit Rücksicbt auf die möglichen Recheo- 
schaftsklageo sehr wüoscheoswerthe DanksagaRgsdecret desselben verfogt (in 
sua potestate ntum, an proc<msulibyif qui Crelam oUinuisMent, gratet agerentur). 
Die Opposition beantragt die Uotersagung dieser Dankdecrete, aber es gelingt 
ihr nicht den Antrag zur Abstimmung zu bringen. Von einer andern Seite 
schildert Plutarch praec. ger. reip. c. 19, 3 diese voraehraen Griechen. 



DAS GRIECHISCHE EUROPA. 261 

Alexandriner noch nach erlangtem Bdrgerrecht vom Reichssenat aus- Die stuu- 
schlössen, diesen vornehmen Griechen schwerlich entgegenstanden, u^^hii. 
vielmehr unter den Kaisern diejenige politische und militärische Lauf- 
bahn, welche dem Italiker sich darbot, von Rechtswegen dem Hellenen 
gleichfalls offen stand, so sind dieselben doch thatsächlich erst in später 
Zeit und in beschränktem Umfang in den Staatsdienst eingetreten, 
zum Theil wohl, weil die römische Regierung der früheren Kaiser- 
zeit die Griechen als Ausländer ungern zuliefs, zum Theil, weil diese 
selbst die mit dem Eintritt in diese Laufbahn verknöpfte Ueber- 
siedelung nach Rom scheuten und es vorzogen statt einer mehr 
unter den vielen Senatoren daheim die ersten zu sein. Erst des 
Lachares Urenkel Herklanos ist in traianischer Zeit und in der Familie 
desHerodes wahrscheinlich zuerst dessen Vater um dieselbe Zeit in den 
römischen Senat eingetreten^). — Die andere Laufbahn, welche erst in 
der Kaiserzeit sich aufthat, der persönliche Dienst des Kaisers, gab wohl 
im gunstigen Fall Reichthum und EinfluTs und ist auch froher und 
häufiger von den Griechen betreten worden; aber da die meisten 
und wichtigsten dieser Stellungen an den Ofßzierdienst geknüpft 
waren, scheint auch für diese längere Zeit ein factischer Vorzug der 
Italiker bestanden zu haben und war der gerade Weg auch hier den 
Griechen einigermafsen verlegt. In untergeordneten Stellungen sind 
Griechen am kaiserlichen Hofe von jeher und in grofser Anzahl ver- 
wendet worden und auf Umwegen oftmals zu Vertrauen und Einflufs 
gelangt; aber dergleichen Persönlichkeiten kamen mehr aus den heUe- 
nisirten Landschaften als aus Hellas selbst und am wenigsten aus den 
besseren hellenischen Häusern. Für die legitime Ambition des jungen 
Mannes von Herkunft und Vermögen gab es, wenn er ein Grieche 
war, im römischen Kaiserreich nur beschränkten Spielraum. 

Es blieb ihm die Heimath, und in dieser för das gemeine Wohl,^.^ Mnnici- 
thätig zu sein war allerdings Pflicht und Ehre. Aber es waren sehr p^YiÜT'*^' 
bescheidene Pflichten und noch viel bescheidenere Ehren. 'Eure Auf- 
gabe', sagt Dion weiter seinen Rhodiern, 'ist eine andere als die der 



1) Herodes war ü vnctuov (Philostratos vit. 8oph. 1, 25, 5 p. 5S6), MUi ix 
nnUQwv h Tovg ^tavndwove (das. 2 z. A. p. 545). Sonst ist von CoosaUteo 
seiner Ahnen nichts bekannt; aber sicher ist der Grorsvater Bipparchos nicht 
Senator gewesen. Möglicher Weise handelt es sich sogar nar um cognatische 
Ascendenten. Das römische Bürgerrecht hat die Familie nicht nnter den Juliern 
vgl. C. I. A. III, 489), sondern erst anter den Clandiern empfangen. 



262 ACHTES BUCH. KAPITEL VII. 

* Vorfahren war. Sie konnten ihre Tüchtigkeit nach vielen Seiten hin 
'efrtwiokefai, nach dem Regiment streben, den Unterdrückten bei- 
^stehen, Bundesgenossen gewinnen, Stidte gründen, kriegen und siegen; 
*von aikm dem vermügt ihr nichts mehr zu thnn. Es bleibt euch die 
Tührung des Hauswesens, die Verwaltung der Stadt, die Va*leihungvon 
'Ehren und Auszeichnungen mit Wahl undMafs, der Sitz imRath und im 
'Gericht, der Gottesdienst und die Feier der Feste; in allem diesem k6nnt 
'ihr euch vor andernStadten auszeichnen. Auchdas ist nichts Geringes, 
'die anständige Haltung, die Sorgfalt fürHaarund Bart, der gesetzte Gang 
'auf der Stralse, so dafs bei euch selbst die anders gewöhnten Frem- 
'den sich es abgewöhnen zu rennen, die schickliche Tracht, sogar, wenn 
'es auch lächerlich erscheinen mag, der schmale und knappe Purpnr- 
'saum, die Ruhe im Theater, das Mafshalten im Klatschen : das alles 
'macht die Ehre eurer Stadt, und mehr als in euren Häfen und 
'Mauern und Docks zeigt sich hierin das gute alte hellenische Wesen 
'und erkennt hierin auch der Barbar, der den Namen der Stadt nicht 
'weifs, dafs er in Griechenland ist und nicht in Syrien oder Rilikien.' 
Das traf alles zu; aber wenn es jetzt nicht mehr von dem Bürger ver- 
langt ward für die Vaterstadt zu sterben, so war doch die Frage nicht 
ohne Berechtigung, ob es noch der Mühe werlh sei für diese Vater- 
stadt zu leben. Es giebt von Plutarchos eine Auseinandersetzung über 
die Stellung der griechischen Gemeindebeamten zu seiner Zeit, worin er 
mit der ihm eigenen Billigkeit und Umsicht diese Verhältnisse erörtert. 
Die alte Schwierigkeit die gute Verwaltung der öifentlichen Angelegen- 
heiten zu fuhren mittelst der Majoritäten der unsicheren, launenhaften, 
oft mehr den eigenen Vortheil als den des Gemeinwesens bedenkenden 
Bürgerschafl oder auch der sehr zahlreichen Rathsversammlung — 
die athenische zählte in der Kaiserzeit erst 600, dann 500, später 750 
Stadträthe -— bestand wie früher so auch jetzt; es ist die Pflicht des 
tüchtigen Beamten zu verhindern, dafs das 'Volk' nicht dem einzelnen 
üüi^er Unrecht thut, nicht das Privatvermögen unerlaubter Weise an 
sich zieht, nicht das Gemeindegut unter sich vertheilt — Aufgaben, 
die dadurch nicht leichter werden, dafs der Beamte kein Mittel dafür 
hat als die verständige Ermahnung und die Kunst des Demagogen, 
dafs ihm ferner gerathen wird in kleinen Dingen nicht allzu spröde zu 
sein und wenn bei einem Stadtfest eine mäfsige Spende an die Bürger- 
schaft in Antrag kommt, es nicht solcher Kleinigkeit wegen mit den Leuten 
zu verderben. Im Uebrigen aber hatten die Verhältnisse sich völlig ver- 



I 
DAS GRIECHISCHE EUROPA. 26S 

ändert, und es muH» der Beamte in die gegenwärtigen sich schicken lernen. 
Vor allem hat er die Machtlosigkeit der Hellenen sich selbst wie den 
Mitbärgem jeden Augenblick gegenwärtig su halten. Die Freiheit der 
Gemeinde reicht so weit die Herrscher sie gestatten, und ein Mehr 
würde auch wohl vom Uebei sein. Wenn Perikles die Amtstracht an- 
legte, so rief er sich zu nicht zu vergessen, dafo er über Freie und 
Griechen herrsche; heute hat der Beamte sich zu sagen, dafs er unter 
einem Herrsclier herrsche, über eine den Proconsuln und den kaiser- 
lichtfi Procuratoren untergebene Stadt, dafs er nichts sein könne und 
dürfe als das Organ der Regierung, daüs ein Federstrich des Statthalters 
genüge um jedes seiner Decrete zu vernichten. Darum ist es die erste 
Pflicht eines guten Beamten sich mit den Römern in gutes Einver- 
nehmen zu setzen und wo möglich einfluTsreiche Verbindungen in 
Rom anzuknüpfen, damit diese der Heimalh zu Gute kommen. Frei- 
lich warnt der rechtschaffene Mann eindringlich vor der Servililät; 
nöthigenfalls soll der Beamte muthig dem schlechten Statthalter ent- 
gegentreten und als die höchste Leistung erscheint die entschlossene 
Vertretung derGemeinde in solchen Conflicten in Rom vor dem Kaiser. 
in bezeichnender Weise tadelt er scharf diejenigen Griechen, die — 
ganz wie in den Zeiten des achäischen Bundes — bei jedem örtlichen 
Hader die Intervention des römischen Statthalters herbeiführen, und 
mahnt dringend die Gemeindeangelegenheiten lieber innerhalb der 
Gemeinde zu erledigen als durch Appellation sich nicht so sehr der 
Obtfbehörde als den bei ihr thätigen Sachwaltern und Advocaten 
in die Hände zu liefern. Alles dieses ist verständig und patiiotisch, 
so verständig und so patriotisch wie einstmals die Politik des Polybios, 
auf die auch ausdrucklich hingewiesen wird. In dieser Epoche des 
völligen Weltfriedens, wo es weder einen Griechen- noch einen 
Barbarenkrieg irgendwo giebt, wo die städtischen Commandos, die 
städtischen Friedensschlüsse und Bündnisse lediglich der Geschichte 
angehören , war der Ratb sehr am Platze Marathon und Plataeae den 
Schulmeistern zu überlassen und nicht die Köpfe der Ekklesia mit 
dergleichen grofsen Worten zu erhitzen, vielmehr in dem engen 
Kreise der noch gestatteten freien Bewegung sich zu bescheiden. Aber 
die Welt gehört nicht dem Verstände, sondern der Leidenschaft. Der 
hellenische Bürger konnte auch jetzt noch gegen das Vaterland seine 
Pflicht thun; aber für den rechten politischen nach Grofsem ringenden 
Ehrgeiz, für die perikleische und alkibiadische Leidenschaft war in die- 



264 ACHTES BUCH. EIPITEL VII. 

Sem Hellas, v«m Schreibtisch etwa abgesehen, nirgends ein Rauni, 
und in der Lücke wucherten die Giftkräuter , die da , wo das hohe 
Streben erstickt ist, die Menschenbrust versehren und das Menschen- 
herz vergiften. 

Spiel- Darum ist Hellas auch das Mutterland der heruntergekommenen 

inhaltlosen Ambition, unter den vielen schweren Schäden der sinken- 
den antiken Civilisation vielleicht des am meisten allgemeinen und 
sicher eines der verderblichsten. Dabei stehen in erster Reihe die 
Volksfeste mit ihrer Preisconcurrenz. Die olympischen Wettkämpfe 
stehen dem jugendlichen Volk der Hellenen wohl an; das allgemeine 
Turnerfest der griechischen Stämme und Städte und der nach 
dem Spruch der 'Hellasrichter' dem tüchtigsten Wettläufer aus den 
Zweigen des Oelbaums geflochtene Kranz ist der unschuldige und ein- 
fache Ausdruck der Zusammengehörigkeit der jungen Nation. Aber 
die politische Entwickelung hatte bald ober diese Morgenröthe hin- 
ausgeführt. Schon in deu Tagen des athenischen Seebundes und 
gar erst der Alexandermonarchie war jenes Hellenenfest ein Anachro- 
nismus, ein im Hannesalter fortgeführtes Kinderspiel; dafs der 
Besitzer jenes Oelkranzes wenigstens sich und seinen Mitbürgern als 
Inhaber des nationalen Primats galt, kam ungefähr darauf hinaus, wie 
wenn man in England die Sieger der Studentenregatten mit Pitt und 
Beaconsfield in eine Linie stellen wollte. Die Ausdehnung der helle- 
nischen Nation durch Colonisirung und Hellenisirung fand in ihrer 
idealen Einheit und realen Zerfahrenheit in diesem traumhaften Reich 
des Olivenkranzes ihren rechten Ausdruck; und die griechische Real- 
politik der Diadochenzeit hat sich denn auch um dasselbe wie billig wenig 
bekümmert. Aber als die Kaiserzeit in ihrer Weise den panhellenischen 
Gedanken aufnahm und die Römer in die Rechte und die Pflichten 
der Hellenen eintraten, da blieb oder ward für das römische Allhellas 
Olympia das rechte Symbol; erscheint doch unter Augustus der erste 
römische Olympionike, und zwar kein geringerer als Augustus Stief- 
sohn, der spätere Kaiser Tiberius '). Das nicht reinliche Ehebündnifs, 



^) Der erste römische Olympiooike, von dem wir wisseo, ist Ti. Clau- 
dias Ti. f. Nero, ohoe Zweifel der spatere Kaiser, mit dem Vierg^espaon (Arch. 
Zeitung 1S80 p. 53); es fällt dieser Sie; wahrscheiolick Ol. 195 (d. Chr. 1), 
uicht Ol. 199 (q. Chr. 17), wie die Liste des Africaous augiebt (Euseb. 1, 
p. 214 Schöne). la diesem Jahre siegte vielmehr sein Sohn Germanieus, eben- 
falls mit dem Viergespann (Arch. Zeitung 1879 S. 36). Unter den eponymen 



DAS GRIECHISCHE EUROPA. 265 

welches das AUhelleneDthum mit dem Dämon des Spiels einging, 
machte aas diesen Festen eine ebenso mächtige und dauernde wie im 
Allgemeinen und besonders für Hellas schädliche Institution. Die ge~ 
sammte hellenische und hellenisirende Welt betheiligte sich daran, 
sie beschickend und sie nachahmend; überall sprangen ähnliche für 
die ganze griechische Welt bestimmte Feste aus dem Boden und die 
eifrige Antheilnahme der breiten Massen, das allgemeine Interesse für 
den einzelnen Wettkämpfer, der Stolz des Siegers nicht blofs, sondern 
seines Anhangs und seiner Ueimath liefsen fast vergessen, um welche 
Dinge eigentlich gestritten ward. Die römische Regierung liefs diesem 
Wetlturnen und den sonstigen Wetlkämpfen nicht blols freien Lauf, 
sondern betheiligte das Reich an denselben ; das Recht der feierlichen 
Einholung des Siegers in seine Heimathstadt hing in der Kaiserzeit 
nicht von dem Üeiieben der betreffenden Bürgerschaft ab, sondern 
wurde den einzelnen Spielinstituten durch kaiserliches Privilegium 
verliehen^) und in diesem Fall auch die dem Sieger zustehende 
jährliche Pension {ahfjCtg) auf die Reichskasse übernommen, die 
bedeutenderen Spieliustitute also geradezu als Reichseinrichtungen 
behandelt. Dieses Spielwesen erfafste wie das Reich selbst so alle 
Provinzen ; immer aber war das eigentliche Griechenland der ideale 
Mittelpuncl solcher Kämpfe und Siege, hier ihre Heimath am Alpheios, 
hier der Sitz der ältesten Nachbildungen , der noch der grofsen Zeil 
des hellenischen Namens angehörigen und von ihren klassischen 
Dichtern verherrlichten Pythien, Isthmien und Nemeen, nicht minder 
einer Anzahl jüngerer, aberreich ausgestatteter ähnlicher Feste, der 
Eurykleen, die der oben erwähnte Herr von Sparta unter Augustus 
gegründet, der athenischen Panathenaeen, der von Uadrian mit kaiser- 
licher Munilicenz dotirten ebenfalls in Athen gefeierten Panhellenien. 
Man durfte sich verwundern, dafs die ganze Welt des weiten Reiches 
sich um diese Turnfeste zu drehen schien, aber nicht darüber, dafs 



OlympioüikeD, deo Sieg^ern im SUdium, findet sich keia Römer; diese Ver- 
letznog des g^riechi»cheo Nationalgefilhls «cheint vermieden worden zn sein. 

^) Ein also privilefpirtes Spielinstitot heisst dytov U^oe, certamen sacrwn 
(dasheifst mit Pensionirun^: Dio 51, 1) oder dyfov iiaiXaatixos, certamen üela- 
sticum (vgl. unter Anderen Plinios ad Trat. 118. 119; C. I. L. X, 515). Auch 
die Xystarchie wird, wenigstens in gewissen Fällen, vom Kaiser verliehen 
(Dittenberger Hermes 12, 17 f.). Nielit mit Unrecht nennen diese Institute 
sich ^ Weltspiele' (dytov oixovfuvtxog). 



266 ACHTES BUCH. KAPITEL VII. 

an diesem seltsamen Zauberbecher vor allem die Hellenen sich be- 
rauschten, und dafs das politische Stilleben, das ihre besten Männer 
ihnen anempfahlen, durch die Kränze und die Statuen und die Privi- 
legien der Festsieger in schädlichster Webe verwirrt ward. 
Die Einen ähnlichen Weg gingen die städtischen Institutionen, aller- 

TmbTtfou! dings im ganzen Reich, aber wiederum vorzugsweise in Hellas. Ais 
es dort noch grofse Ziele und einen Ehrgeiz gab, hatte in Hellas, eben 
wie in Rom, die Bewerbung um die Gemeindeämter und die Gemeinde- 
ehren den Mittelpuncl des politischen Wetteifers gebildet und neben 
vielem Leeren, Lächerlichen, Bösartigen auch die tüchtigsten und 
ed<^ten Leistungen hervorgerufen. Jetzt war der Kern verschwun- 
den, die Schale geblieben; in Panopeus im Phokischen standen zwar 
die Häuser ohne Dach und wohnten die Bärger in Hütten, aber es war 
noch eine Stadt, ja ein Staat, und bei dem Aufzug der phokischen 
Gemeinden fehlten die Panopeer nicht. Diese Städte trieben mit ihren 
Aemtern und Priesterthumern, mit den Belobigungsdecreten durch 
Heroldsruf und den Ehrensitzen bei den öflenllichen Versammlungen, 
mit dem Purpurgewand und dem Diadem, mit den Statuen zu Fufs 
und zu Rofs ein Eitelkeits- und Geldgeschäft schlimmer als der 
kleinste Duodezfürst der neueren Zeit mit seinen Orden und Titeln. 
Es wird ja auch in diesen Vorgängen das wirkliche Verdienst und die 
ehrliche Dankbarkeit nicht gefehlt haben; aber durchgängig war es 
ein Handel auf Geben und Nehmen oder, mit Plutarch zu reden, ein 
Geschäft wie zwischen der Gourtisane und ihren Kunden. Wie heut- 
zutage die private Munißcenz im Positiv den Orden und im Super- 
lativ den Adel bewirkt, so verschaffte sie damals den priesterlichen 
Purpur und die Bildsäule auf dem Markt; und nicht ungestraft treibt 
der Staat mit seinen Ehren Falschmünzerei. In der Massenhafligkeit 
deraitiger Proceduren und der Rohheit ihrer Formen stehen Aie 
heutigen Leistungen hinter denen der alten Welt beträchtlich zurück, 
wie natürlich, da die durch den Staatsbegriff nicht genügend gebändigte 
scheinhafte Autonomie der Gemeinde auf diesem Gebiet ungehindert 
schaltete und die decretirenden Behörden durchgängig die Bürger- 
schaften oder die Räthe von Kleinstädten waren. Die Folgen waren nach 
beiden Seiten verderblich : die Gemeindeämter wurden mehr nach der 
Zahlungsfähigkeit als nach der Tüchtigkeit der Bewerber vergeben ; die 
Schmause und Spenden machten die Beschenkten nicht reicher und 
den Schenker oftmals arm; an dem Zunehmen der Arbeitsscheu und 



DAS GRIBGHISCHB EUROPA* 267 

dem Verm^gensverfaU der guten Familien trägt diese Unsitte ihren 
vollgemessenen Antheii. Aach die Wirthschaft der Gemeinden selbst 
litt schwer unter dem Umsichgreifen der Adulation. Zwar waren die 
Ehren , mit welchen die Gemeinde dem einzelnen Wohithäter dankte, 
grobentheils nach demselben verstSodigen Princip der Billigkeit be* 
messen, weiches heutzutage die ähnlichen decorativen VergCinstigungen 
beherrscht; und wo das nicht der Fall war, fand häufig der Wohl- 
thtter sich bereit zum Beispiel die ihm zu setzende Bildsaule selber 
zu bezahlen. Aber nicht dasselbe gilt von den Ehrenbezeugungen, 
welche die Gemeinde vornehmen Ausländem, vor allem den Statt- 
haltern und den Kaisern wie den Gliedern des kaiserlichen Hauses 
erwies. Die Richtung der Zeit auf Werthschätzung auch der 
inhaltlosen und obligaten Huldigung beherrschte den kaiserlichen Hof 
und die römischen Senatoren nicht so wie die Kreise des kleinstädtischen 
Ehiigeizes, aber doch auch in sehr fühlbarer Weise ; und sdbstver- 
ständlich wuchsen die Ehren und die Huldigungen einmal im Laufe 
der Zeit durch die ihnen eigene Vernutzung, und ferner in demselben 
jMaiji, wie die Geringhaltigkeit der regierenden oder an der Regierung 
betheiligten Persönlichkeiten. Begreiflicher Weise war in dieser Hin- 
sicht das Angebot immer stärker als die Nachfrage und diejenigen, die 
solche Huldigungen richtig würdigten, um davon verschont zu bleiben, 
genöthigt sie abzuwehren, was im einzelnen Fall oft genügt), aber 
consequenter Weise selten geschehen zu sein scheint — für Tiberius 
darf die geringe Anzahl der ihm errichteten Bildsäulen vielleicht unter 
seinen Ruhmestiteln verzeichnet werden. Die Ausgaben für Ehren- 
denkmäler, die oft weit über die einfache Statue hinausgingen, und 
für Efarengesandtschaften ') sind ein Krebsschaden gewesen und im- 

') Kaiser Gaias zum Beispiel verbittet sich ia seinem Schreibeo an den 
LajMitas von Achaia die 'grofse Zahl' der ihm zoerkannten Bildsaaleo und 
begoöft sich mit den vier von Olympia, Nemea, Delphi und dem Istbmos (Keth- 
iDscr. Boeot. n. 31). Derselbe Landtag beschliefst dem Kaiser Hadrian in jeder 
«einer Städte eine Bildsäule zu setzen, von welchen die Basis der in Abea in 
Messenien aufgestellten sich erhalten hat (C. I. Gr. 1307). Kaiserliche Autori- 
sation ist für solche Setzungen von je her gefordert worden. 

*) Bei der Revision der Stadtrechnungen von Byzantion fand Plinius, 
dafa jährlich 120Ü0 Sesterzen (2M)0 M.) für den dem Kaiser und 3000 Sester- 
zen (650 M.) für den dem Statthalter von Moesien durch eine besondere Deputation 
zu überreichenden ]Nenjahrsglückwunsch angesetzt waren. Plinius weist die 
Behörden an diese Glückwünsche fortan nur schriftlich einzusenden, wasTraian 
billigt (ep. ad Trai. 43. 44). 



ACBTE8 BUCH. KAPITEL VIL 

mer mehr geworden an dem Gemeindehaushalt aller Provhizen. Aber 
keine wohl hat im YerhältniCs zu ihrer geringen Leistungafähigkeit so 
grofae Summen unnutz aufgewandt wie die Provinz von Hellas, das 
Mutterland wie der Festsieger- so auch der Gemeindeehren und in 
einem Principat in dieser Zeit unöbertrofTen, in dem der Bedienten- 
demuth und unterthänigen Huldigung. 
HaDdei und Dafs die wirthschaftlichen Zustände Griechenlands nicht günstig 

waren, braucht kaum noch besonders ausgeführt zu werden. Das 
Land, im Ganzen genommen, ist nur von mäfsiger Fruchtbarkeit, die 
Ackerfluren von beschränkter Ausdehnung, der Weinbau auf dem 
Continent nicht von hervorragender Bedeutung , mehr die Cuitur der 
Olive. Da die Bruche des berühmten Marmors, des glänzend welben 
attischen wie des grünen karystischen , wie die meisten übrigen zum 
Domanialbesitz gehörten, kam deren Ausbeutung durch die kaiser- 
lichen Sciaven der Bevölkerung wenig zu Gute. — Die gewerbfleifsigste 
der griechischen Landschaften war die der Achäer, wo die seit langem 
bestehende Fabrication von Wollenstoffen sich behauptete und in der 
wohl bevölkerten Stadt Patrae zahlreiche Spinnereien den feinen 
elischen Flachs zu Kleidern und Kopfnetzen verarbeiteten. Die Kunst 
und das Kunsthandwerk blieben auch jetzt noch vorzugsweise den 
Griechen, und von den Massen besonders pentelischen Marmors» 
welche die Kaiserzeit verbraucht hat, mufs ein nicht geringer Theil an 
Ort und Stelle verarbeitet worden sein. Lleberwiegend aber übten 
die Griechen beide im Ausland; von dem früher so bedeutenden 
Export des griechischen Kunstgewerbes ist in dieser Zeit wenig die 
Rede. Den regsten Verkehr hatte die Stadt der beiden Meere, Korinth, 
die allen Hellenen gemeinsame, stets von Fremden wimmelnde Metro- 
pole, wie ein Redner sie bezeichnet. In den beiden römischen Golonien 
Korinth und Patrae, und aufserdem in dem stets von schauenden und 
lernenden Ausländern gefüllten Athen concentrirte sich das gröEsere 
Banquiergeschäft der Provinz, welches in der Kaiserzeit wie in der 
republikanischen zum grofsen Theil in den Händen dort ansässiger 
Italiker lag. Auch in Plätzen zweiten Ranges, wie in Argos, Elis, 
Mantineia im Peloponnes, bilden die ansässigen römischen Kaufleute 
eigene neben der Bürgerschaft stehende Genossenschaften. Im All- 
gemeinen lag in Achaia Handel und Verkehr darnieder, namentlich 
seit Rhodos und Delos aufgehört hatten Stapelplätze für den Zwischen- 
verkehr zwischen Asien und Europa zu sein und dieser sich nach 



DAS GRIECHI8GBE EUROPA. 269 

Italien gezogen hatte. Die Piraterie war gebändigt und auch die Land- 
strafsen wohl leidlich sicher ^) ; aber damit kehrte die alte glückliche 
Zeit noch nicht zunlck. Der Verödung des Peiraeeus wurde schon 
gedacht; es war ein Ereignifs, wenn eines der grofsen ägyptischen 
Getreideschiffe sich einmal dorthin verirrte. Nauplia, der Hafen von 
Argos, nach Patrae der bedeutendsten Kästenstadt des Peloponnes, HnrafMD. 
lag ebenso wüst'). — Dem entspricht es, dafs für die Strafsen dieser 
Provinz in der Kaiserzeit so gut wie nichts geschehen ist; römische 
Meilensteine haben sich nur in der nächsten Nähe von Patrae und 
von Athen gefunden und auch diese gehören den Kaisern aus dem 
Ende des dritten und dem vierten Jahrhundert; offenbar haben die 
früheren Regierungen darauf verzichtet hier Communicationen her- 
zustellen. Nur Hadrian unternahm es wenigstens die so wichtige 



>) Dati die Landstrarsea in Griechenland besonders unsicher gewesen 
seien, erfahren wir nicht; der Aufstand in Aehaia unter Pins (vita 5, 4) ist 
seiner Art nach völlige danke!. Wenn der RÜaberhauptmann überhaupt — 
Dicht eben g^erade der griechische — in der gering^en Litteratnr der Epoche 
eine hervorragende Rolle spielt, so ist dies Vehikel den schlechten Roman- 
schreibern aller Zeiten gemein. Das enboeische Oedland des feineren Dion ist 
nicht ein RSabernest, sondern es sind die Trümmer einer grofsen Gatswirth- 
Schaft, deren Inhaber seines Reichthnms wegen vom Kaiser verurtheilt worden 
ist und die seitdem wüst liegt. Uebrigens zeigt sich hier, was freilich wenig- 
stens für Piicht-Gelehrte keines Beweises bedarf, dafs diese Geschichte gerade 
ebenso wahr ist wie die meisten, welche damit anfangen, dass der Erzähler 
sie selbst von dem Betheiligten habe; wäre die Gonflscation historisch, so würde 
der Besitz an den Fisens gekommen sein, nicht an die Stadt, welche der Br- 
zShler denn anch sieh wohl hütet zn nennen. 

*) Des ägyptischen Kaufmanns ans Constantius Zeit naive Schilderung 
Aehaias mag hier noch Platz finden: 'Das Land Aehaia, Griechenland nnd 
'Lakonien hat viel Gelehrsamkeit, aber für die übrigen Bedürfnisse ist es 
'nncnlänglieh: denn es ist eine kleine und gebirgige Provinz und kann nicht 
'viel Getreide liefern, erzeugt aber etwas Gel und den attischen Honig, nnd 
'kann mehr wegen der Schulen und der Beredsamkeit gepriesen werden, nicht 
*aber so in den meisten übrigen Beziehungen. Von Städten hat es Korinth 
'und Athen. Korinth hat viel Handel und ein schönes Gebäude, das Amphi- 
'theater, Athen aber die alten Bilder (/äsUmas anliquat) und ein erwähnens- 
'werthes Werk, die Burg, wo viele Bildsanlen stehen und wunderbar die 
' Kriegsthaten der Vorfahren darstellen {vbi rmdtis tiatuU stantibus mira- 
'bUe est videre dtcendum antiquorum beUum). Lakonien soll allein den Mar- 
'mor von Krokeae aufzuweisen haben, den man den lakedaemonischen nennt.' 
Die Barbarei des Ausdrucks kommt nicht auf Rechnung des Schreibers, son- 
dern auf die des viel späteren Uebersetzers. 



dorchaticli. 



270 ACHTKS BUCH. KAPITEL VII. 

wie kurze LandverbinduDg zwischen Korinlh und Megara über den 
scblimmen skironischen Klippenpals durch gewaltige ins Heer gewor- 
istbmo«- fene Dämme zu einer fahrbaren SiraCBe zu machen. — Der seil langem 
verhandelte Plan die korinthische Landenge au durchstechen, dea der 
Dictator Caesar aufgefafst hatte, ist späterhin erst von Kaiser G«us, 
dann von Nero in Angriff genommen worden. Letzterer hat sogar bei 
seinem Aufenthalt in Griechenland persdnlich zu dem Kanal den enten 
Stich gethan und eine Reihe von Monaten hindurch 6000 jüdische 
Kriegsgefangene an demselben arbeiten lassen. Bei den in unseren 
Tagen wieder aufgenommenen Durchsticharbeiten sind bedeutende 
Reste dieser Bauten zum Vorschein gekommen, welche zeigen, dab 
die Arbeiten ziemlich weit vorgeschritten waren, als man sie abbrach, 
wahrscheinlich nicht in Folge der einige Zeit nachher im Westen aus- 
brechenden Revolution, sondern weil man hier, eben wie bei dem 
ähnlichen ägyptischen Kanal, in Folge des irriger Weise vorausge- 
setzten verschiedenen Höhestandes der beiden Meere bei Vollendung 
des Kanals den Untergang der Insel Aegina und weiteres Unheil be- 
fürchtete. Freilich wurde dieser Kanal , wenn er vollendet worden 
wäre, wohl den Verkehr zwischen Asien und Italien abgekürzt haben, 
aber Griechenland selbst nicht vorwiegend zu Gute gekommen sein. 



Bpirnr. Dafs die Landschaften nordlich von Hellas, Thessalien und Make- 

donien und wenigstens seit Traian auch Epirus in der Kaiserzeit 
administrativ von Griechenland getrennt wurden, ist schon bemerkt 
worden (S. 233). Von diesen hat die kleine epirotische Provinz, die 
von einem kaiserlichen Statthalter zweiten Ranges verwaltet wurde, 
sich niemals von der Verwüstung erholt, welche im Verlauf des dritten 
makedonischen Krieges Ober sie ergangen war (1,776). Das bergige 
und arme Binnenland besafs keine namhafte Stadt und eine dOnn ge- 
säete Bevölkerung. Die nicht minder verödete Küste war Augustus zu 
beben bemüht durch eine doppelte Städleanlage, durch die Vollendung 
der schon von Caesar beschlossenen Coionie römischer Bürger in Buthro- 
tum Kerkyra gegenüber, die indefs zu keiner rechten Blüthe gelangte, 
Nikopoiis. und durch die Gründung der griechischen Stadt iNikopolis an eben 
der Stelle, wo vor der aktischen Entscheidungsschlacht das Hauptquar- 
tier gestanden hatte, an dem sudlichsten Puncte von Epirus, anderthalb 



DAS GRIECHISCHE EUROPA. 271 

Stunden nördlich von Prevesa, nach Augustus Absicht zugleich ein 
dauerndes Denkmal des groDsen Seesiegs und der Mittelpunct neu auf- 
blühenden hellenischen Lebens. Diese Gründung ist in ihrer Art als 
römische neu. 

An Ambrakias Statt und des amphilocbischen Argos, 
an Tbyreions und an Anaktorions Statt, 

auch an Leukas Statt und was von Städten noch ringsum 
rasend des Ares Speer weiter zu Boden gestreckt, 

gründet die Siegsstadt Caesar, die heilige, also dem König 
Phoebos Apollon mit ihr dankend den aktischen Sieg. 
Diese Worte eines gleichzeitigen griechischen Dichters sprechen ein- 
fach aus, was Augustus hier gethan hat: das ganze umliegende Gebiet, 
das südliche Epirus, die gegenüberliegende Landschaft Akarnanien 
mit der Insel Leukas, selbst einen Theil von Aetolien vereinigte er zu 
einem Stadtgebiet und siedelte die in den dort vorhandenen verküm- 
mernden Ortschaften noch übrigen Bewohner über nach der neuen 
Stadt Nikopolis, der gegenüber auf dem akarnanischen Ufer der alte 
Tempel des aktischen Apollon in prachtvoller Weise erneuert und er- 
weitert ward. Eine römische Stadt ist nie in dieser Weise gegründet 
worden ; dies ist der Synoekismos der Alexaodriden. Ganz in derselben 
Weise haben König Kassandros die makedonischen Städte Thessalonike 
und Kassandreia, Demetrios der StSdtebezwinger die thessalische Stadt 
Demetrias, Lysimachos die Stadt Lysimacheia auf dem tbrakiscben 
Chersones aus einer Anzahl umliegender ihrer Selbstständigkeit ent- 
kleideter Ortschaften zusammengelegt. Dem griechischen Charakter 
der Gründung entsprechend sollte Nikopolis nach der Absicht seines 
Stifters eine griechische Grofsstadt werden^). Sie erhielt Freiheit 
und Autonomie wie Athen und Sparta und sollte, wie bereits an- 
gegeben ward, in der das gesammte Hellas vertretenden Amphiktionie 
den fünften Theil der Stimmen führen und zwar, wie Athen, ohne 
mit anderen Städten zu wechseln (S. 232). Das neue aktische Apollo- 
heiliglhum war völlig nach dem Muster von Olympia eingorichtet, 
mit einem Vierjahrfest, das selbst den Namen des olympischen 
neben dem eigenen fährte, gleichen Rang und gleiche Privilegien, 

>) WcDD Tacitus «du. 5, 10 Nikopolis eioe cohnia Romana oeant, so 
ist das zwar luifsverstöndlich, aber oicht g^erade onrichtig; irris aber des 
Plioias (h. o. 4, 1, 5) colonia Augutti Actium cum . . . cvuüate b'bera 
NieopoUtanay da Aktion Stadt so weoiip gewesen ist wi^ Olympia. 



272 ACHTES BUCH. KAPITEL TU. 

auch seine Äktiaden wie jenes seine Olympiaden hatte ^); die Stadl 
Nikopotis verhielt sich dazu wie die Stadt Elis zu dem olympischen 
Tempel'). Sorgfaltig ward bei der städtischen Einrichtung sowohl 
wie bei den religiösen Ordnungen alles eigentlich Italische ver- 
mieden, so nahe es lag die mit der Reichsbegründung so innig ver- 
knöpfte Siegesstadt in römischer Weise zu gestalten. Wer die au- 
gustischen Ordnungen in Hellas im Zusammenhang erwägt und 
namentlich diesen merkwürdigen Schlufsstein, wird sich der lieber- 
Zeugung nicht verschliefsen können, dafs Äugustus eine Reorganisation 
von Hellas unter dem Schutz des römischen Principats ausführbar 
geglaubt hat und hat ausführen wollen. DieOertlichkeit wenigstens war 
dafür wohl gewählt, da es damals, vor der Gründung von Patrae, an 
der ganzen griechischen Westküste keine grofsere Stadt gab. Aber 
was Äugustus im Anfang seiner Alleinherrschaft hoffen mochte, hat er 
nicht erreicht, vielleicht selbst schon späterhin aufgegeben, als er 
Patrae die Form der römischen Colonie gab. Nikopolis blieb, wie die 
ausgedehnten Ruinen und die zahlreichen Münzen beweisen, verhält- 
nifsmäfsig bevölkert und blühend *), aber seine Bürger scheinen weder 
im Handel und Gewerbe noch anderweitig hervorragend eingegriffen 
zu haben. Das nördliche Epirus, welches, ähnlich wie das angrenzende 
zu Makedonien gelegte lllyricum, zum gröfseren Theil von albane> 
sischen Völkerschaften bewohnt war und nicht unter Nikopolis gelegt 
ward, ist in der Kaiserzeit in seinen einigermafsen noch beute fort- 
bestehenden primitiven Verhältnissen verblieben. 'Epirus und lUyri- 



') *0 «ymv 'Olvfdntos lä jixwtu: Straboo 7, 7, 6 p. 325. jixnag: Joseplius 
bell. 1, 20, 4. ^AxTiovixrig öfter. Wie die vier cprofsen griechischeD Landesfeste 
bekanntlich i) n€Q(oSog heifseo, der in allen vier gekrönte Sieger neQioSov(xris, 
so wird C. I. Gr. 4472 auch den Spielen von Nikopolis beigefügt rijs mgioSov 
und jene Periodos als die alte {aQ^aia) bezeichnet. ^Wie die Wettspiele 
Sfter iüolvfinta heifsen, so findet sich anch aytov iaaxTtog (C. I. Gr. 4472) oder 
certamen ad exemplar Aetiaeae rdtgionis (Tacitns ann. 15, 23). 

') So nennt sich ein Nikopolit a^;|faiv r^p If^a; ^xTMKjr^f/9ot;>L^; (Delphi; 
Rhein. Mas. N. F. 2, 111), wie in Elis es heifst ?} nolig *HUitov xttl tj "Olv/U' 
ntxfi ßovlti (Arch. Zeit. 1876 S. 57; ähnlich daselbst 1877 S. 40. 41 und sonst). 
Uebrigens erhielten die Spartaner, als die einzigen an dem actischen Siege 
mit betheiligten Hellenen, die Leitung {fnifiiUia) der ahtischen Spiele (Stra- 
bon 7, 7,6 p. 325); ihr Verhältnifs zu der ßovlti Idxttüocr von Nikopolis kennen 
wir nicht. 

') Die Schilderung seines Verfalls in der Zeit des Constantius (paneg. 11, 9) 
beweist fiir die frühere Kaiserzeit vielmehr das Gegentheil. 



DAS GRIECHISCHE EUROPA. 273 

cum\ sagt Strabon, 'ist zum grorsen Theil eine Einöde; wo sich 
Menschen finden, wohnen sie in Dörfern und in TrGmmern froherer 
*Städte; auch das' — im mithradatischen Kriege von den Thrakern 
verwüstete (2, 287) — 'Orakel von Dodona ist erloschen wie das 
•Ucbrige alles'*). 



Thessalien, an sich eine rein hellenische Landschaft so gut wie ThMMUm. 
Äetolien und Akarnanien, war in der Kaiserzeit administrativ von der 
Provinz Achaia getrennt und stand unter dem Statthalter von Make- 
donien. Was von Nordgriechenland gilt, trifft auch auf Thessalien 
zu. Die Freiheit und Autonomie, weiche Caesar den Thessalern all- 
gemein zugestanden oder vielmehr nicht entzogen hatte, scheint ihnen 
wegen Milsbrauchs von Augustus genommen worden zu sein, so dafs 
späterhin nur Pharsalos diese Rechtsstellung behalten hat'); römische 
Colonisten sind in der Landschaft nicht angesiedelt worden. Ihren be- 
sonderen Landtag in Larisa behielt sie, und auch die städtische Selbst- 
verwaltung ist, wie den abhängigen Griechen in Achaia, so den 
Thessalern geblieben. Thessalien ist weitaus die fruchtbarste Land- 
schaft der ganzen Halbinsel und führte noch im vierten Jahrhundert 
Getreide aus; nichtsdestoweniger sagt Dion von Prusa, dafs auch 
der Peneios durch wüstes Land fliefse, und es ist in der Kaiserzeit in 



^) Die Aosgrabaogeo in Dodooa habeo dies bestätigt; aUe Fnodstficke 
geboren der vorrömischeD Epoche an mit Aoanabne einiger Münzen. Aller- 
dings hat ein Restaarationsbaa stattgefunden, dessen Zeit sich nicht bestimmen 
läPst; vielleicht ist er ganz spät. Wenn Hadrian, der Zevs dtodtovaiog ge- 
nannt wird (C. I. Gr. 1822), Dodona besucht hat (Dürr Reisen Hadrians S. 56), 
so that er es als Arehaolog. Eine Befragung des Orakels in der Kaiserzeit 
wird nor, und aneh nicht in glaubwürdigster Weise, berichtet von Kaiser 
Julian (Theodoretns bist. ecd. 3, 21). 

') Die Verfagnog Caesars bezeugen Appian b. c. 2, 88 und Plutarch 
Caes. 48 «od sie stimmt zu seinem eigenen Bericht b. c. 3, 80 recht gut; 
dagegen nennt Plioius h. n. 4, 8, 29 nur Pharsalos als freie Stadt. Zu Augustus 
Zeit wurde ein vornehmer Thessaler Petraeos (wahrseheinlich der Caesarianer 
b. c. 3, 35) lebendig verbrannt (Plutarch praec. ger. reip. 19), ohne Zweifel 
nicht durch ein Privatverbreeben, sondere nach Beschlufs des Landtags, und 
es wurden die Thessaler vor das Kaisergericht gestellt (Sueton Tib. 8). Ver- 
mnthlich gehören beide Vorgüoge und ebenso der Verlust der Freiheit zusammen. 
Mommaen, rOm. OMchiehte. V. 13 



274 ACHTES BUCH. KAPITEL TU. 

dieser Landschaft nur in sehr geringem Umfang gemünzt worden. Um 
die Herstellung von Landstrafsen haben Hadrian und Diocletian sich 
bemuht, aber auch, so viel wir sehen, von den römischen Kaisem sie 
allein. 



jittkedonien. Makedonien als römischer Verwaltungsbezirk der Kaiserzeit ist, 
verglichen mit dem Makedonien der Republik, wesentlich verkleinert. 
Allerdings reicht es wie dieses von Meer zu Meer, indem die Küste so- 
wohl des ägäischen Meeres von der zu Makedonien gehörigen Landschaft 
Thessalien an bis zur Mündung des Nestos (Mesta), wie auch die des 
adriatischen vom Aoos^) bis zum Drilon (Drin) diesem District zuge- 
rechnet wurden; das letztere Gebiet, nicht eigentlich makedonisches, 
sondern illyrisches Land, aber schon in republikanischer Zeit dem 
Statthalter Makedoniens zugewiesen (2, 4 t), ist auch in der Kaiserzeit 
bei der Provinz geblieben. Aber dafs Griechenland südlich vom Oeta da- 
von getrennt ward, wurde schon gesagt. Die Nordgrenze gegen Moesien 
und die Ostgrenze gegen Thrakien blieben zwar insofern unverändert, 
als die Provinz in der Kaiserzeit so weit reichte, wie auch das eigent- 
liche Makedonien der Republik gereicht hatte, das heilst nördlich 
etwa bis zum Thal des Erigon, östlich bis zum Flusse Nestos; aber 
wenn in republikanischer Zeit die Dardaner und die Thraker und 
sämmtliche dem makedonischen Gebiet benachbarte Völkerschaften 
des Nordens und des Nordostens in ihren friedlichen wie in ihreu 
kriegerischen Berührungen mit diesem Statüialter zu thun hatten 
und insofern gesagt werden konnte, dafs die makedonische Grenze 
so weit reiche wie die römischen Lanzen, so gebot der makedonische 
Statthalter der Kaiserzelt nur über den ihm angewiesenen nirgends 
mehr mit halb oder ganz unabhängigen Nachbaren grenzenden Bezirk. 
Da der Grenzschutz zunächst auf das in römische Botmäfsigkeit ge- 
langte Thrakerreich und bald auf den Statthalter der neuen Provinz 
Moesien überging, so wurde der von Makedonien seines Gommandos 
von vornherein enthoben. Es ist auch auf makedonischem Boden in 
der Kaiserzeit kaum gefochten worden; nur die barbarischen Dardaner 



1) la der Zeit der Republik scheint Skodra xn Makedooieo gehört zu 
haben (3, 166); in der Kaiserzeit sind dies and Lissos dalmatisehe Städte 
und macht die Grenze an der Küste die Mündang des Drin. 



DAS GRIECBISCHE EUROPA. 275 

am oberen Axios (Vardar) brandschatzten zuweilen noch die friedliche 
Nachbarprovinz. Auch von örtlichen Auflehnungen wird aus dieser 
Provinz nichts berichtet. 

Von den südhcheren griechischen Landschaften entfernt sich diese 
nördlichste sowohl in dem nationalen Fundament wie in der Stufe 
der Civilisation. Wenn die eigentlichen Makedonier an dem Unter- 
lauf des Haliakmon (Vistritza) und des Axios (Vardar) bis zum Strymon 
ein ursprünglich griechischer Stamm sind, dessen Verschiedenheit von 
den südlicheren Hellenen für die gegenwärüge Epoche keine Bedeutung 
mehr hat, und wenn die hellenische Colonisation beide Küsten in 
ihren Kreis hineingezogen hat, im Westen mit Apollonia und Dyr- 
rhachion, im Osten namentlich mit den Ortschaften der Halbinsel 
Chalkidike, so ist dagegen das Binnenland der Provinz von einem 
Gewimmel ungriechischer Völker erfüllt, das von den heutigen Zu- 
ständen auf dem gleichen Gebiet mehr in seinen Elementen als in 
seinem Ergebnis sich unterschieden haben wird. Nachdem die bis in 
diese Gegend vorgedrungenen Kelten , die Skordisker von den Feld- 
herren der römischen Republik zurückgedrängt worden waren, theilten 
sich in das innere Makedonien insbesondere illyrische Stämme im 
Westen und Norden, thrakische im Osten. Von beiden ist schon früher 
gesprochen worden; hier kommen sie nur insofern in Betracht, als die 
griechische Ordnung, wenigstens die städtische, bei diesen Stämmen 
wohl wie in der früheren^) so auch in der Kaiserzeit nur in be- 
schränktem Mafse eingeführt worden ist Ueberall ist ein energischer 
Zug städtischer Entwickelung nie durch das makedonische Binnenland 
gegangen , die entlegeneren Landschaften sind wenigstens der Sache nach 
kaum über die Dorfwirthschaft hinausgekommen. — Die griechische 
Politie selbst ist in diesem Königsland nicht so wie in dem eigentlichen 
Hellas aus sich selber erwachsen, sondern durch die Fürsten eingeführt 
worden, die mehr Hellenen waren als ihre Unterthanen. Welche 
Gestalt sie gehabt bat, ist wenig bekannt; doch läfst die in Thessa- 



^) Die stadtischeD GrändongeD in diesen Ge^endeo aariierhalb des eigtüt- 
jicbeo Makedoniens trair^o ganx den Glkarakter eigeDtlicher Colooieo: so die 
von Pliilippi im Tbrakerland and besonders die von Derriopos in Paeonieu 
(Liv. 39, 53), fär welchen letzteren Ort aach die speeifisch makedoüischeu 
Politarcheo insehriftlich bezeugt sind Inschrift vom J. 197 n.Chr.: Ttov ntQl 
IdUlavS^w 4»hX£nnov iy /ItQgtontp noXiroQx^^i Dnchesne und Bayet mission 
an mont Athos p. 103), 

18* 



276 ACHTES BUCH. KAPITEL VII. 

lonike, Edessa, Lete gleichmäÜBig wiederkehrende anderswo nicht be- 
gegnende Stadtvorstandschafl der Politarchen auf eine merkliche und 
ja auch an sich wahrscheinliche Verschiedenheit der makedonischen 
Stadtverfassung von der sonst in Hellas üblichen schiiefsen. Die griechi- 
schen Städte, welche die Römer vorfanden, haben ihre Organisation 
und ihre Rechte behalten, die bedeutendste derselben Thessalonike 
auch die Freiheit und die Autonomie. Es bestand ein Bund und ein 
Landtag {xotvoy) der makedonischen Städte, ähnlich wie in Achaia 
und Thessalien. Erwähnung verdient als ein Zeugnifs für die nach- 
wirkende Erinnerung der alten groben Zeit, dafs noch in der Mitte 
des dritten Jahrhunderts nach Christus der Landtag von Makedonien 
und einzelne makedonische Städte Münzen geprägt haben, auf denen 
der Kopf und der Name des regierenden Kaisers durch den Alexanders 
des Grofsen ersetzt sind. Die ziemlich zaUreichen Colonien römischer 
Burger, welche Augustus in Makedonien eingerichtet hat, ByUis unweit 
ApoUonia, Dyrrachium am adriatischen Meer, an der andern Küste 
Dium, Pella, Gassandrea, in dem eigentlich thrakischen Gebiet Philippi, 
sind sämmtlich ältere griechische Städte, welche nur eine Anzahl Neu- 
bürger und eine andere Rechtsstellung erhielten, und zunächst ins 
Leben gerufen durch das Bedürfnifs die ausgedienten italischen Sol- 
daten, für die in Italien selbst kein Platz mehr war, in einer civilisirten 
und nicht stark bevölkerten Provinz unterzubringen. Auch die Gewäh- 
rung des italischen Rechts erfolgte gewib nur, um den Veteranen die 
Ansiedlung im Ausland zu vergolden. Dafs ein Hineinziehen Make- 
doniens in die italische Culturentwickelung niemals beabsichtigt ward, 
dafür zeugt, von allem andern abgesehen, dafs Thessalonike griechisch 
und die Hauptstadt des Landes blieb. Daneben gedieh Philippi, 
eigentlich eine der nahen Goldbergwerke wegen angelegte Gruben- 
stadt, von den Kaisern begünstigt als Stätte der die Monarchie definitiv 
begründenden Schlacht und wegen der zahlreichen an derselben be- 
theiligten und nachher dort angesiedelten Veteranen. Römische nicht 
coloniale Gemeindeverfassuiig hat bereits in der ersten Kaiserzeit Stobi 
erhalten, die schon erwähnte nördlichste Grenzstadt Makedoniens 
gegen Moesien am Einflufs^ des Erigon in den Axios, commerciell wie 
militärisch eine wichtige Position und vermuthlich schon in makedo- 
nischer Zeit zu griechischer Politie gelangt. 

In wirthschaftlicher Hinsicht ist für Makedonien auch unter den 
Kaisern von Staatswegen wenig geschehen; wenigstens tritt eine be- 



DAS GBIECHVSCHE EUROPA. 277 

sondere Fürsorge derselben für diese nicht unter ihrer eigenen Ver- 
waltung stehende Provinz nirgends hervor. Um die schon unter der 
Republik angelegte Militarstrafse quer durch das Land von Dyrrachium 
nach Thessalonike, eine der wichtigsten Verkehrsadern des ganzen 
Reiches, haben sich, so viel wir wissen, erst die Kaiser des dritten 
Jahrhunderts, zuerst Severus Antoninus wieder bemuht; die ihr an- 
liegenden Städte Lychnidos am Ochrida-See und Herakleia Lynkestis 
(Bitolia) haben nie viel bedeutet. Dennoch war Makedonien wirth- 
schaftlich besser bestellt als Griechenland. Es übertrifft dasselbe weitaus 
an Fruchtbarkeit; wie noch heute die Provinz von Thessalonike relativ 
gut bebaut und wohl bevölkert ist, so wird auch in der Reichsbeschrei- 
bung aus Constantius Zeit, allerdings als Constantinopel schon bestand, 
Makedonien zu den besonders wohlhabenden Bezirken gerechnet. 
Wenn für Achaia und Thessalien unsere die römische Aushebung be- 
treffenden Documente schlechthin versagen, so ist dagegen Makedonien 
dabei, namentlich auch für die Kaisergarde , in bedeutendem Umfang, 
starker als die meisten griechischen Landschaften in Anspruch ge- 
nommen worden, wobei freilich die Gewöhnung der Makedonier an 
den regelmäfsigen Kriegsdienst und ihre vorzügliche Qualification für 
denselben, wohl auch die relativ geringe Entwickelung des städtischen 
Wesens in dieser Provinz in Anschlag zu bringen sind. Thessalonike, 
die Metropole der Provinz und deren volkreichste und gewerbreichste 
Stadt dieser Zeit, gleichfalls in der Litteratur mehrfach vertreten, hat 
auch in der politischen Geschichte durch den tapferen Widerstand, 
den seine Burger in den schrecklichen Zeiten der Gotheneinfalle den 
Barbaren entgegensetzten (S. 226), sich einen Ehrenplatz gesichert. 



Wenn Makedonien ein halb griechisches, so war Thrakien ein Thrakien. 
nicht griechisches Land. Von dem grofsen, aber für uns verschollenen 
thrakischen Stamm ist früher (S. 189) gesprochen worden. In seinen 
Bereich ist der Hellenismus lediglich von aufsen gelangt; und es wird 
nicht überflüssig sein zunächst rückblickend darzulegen, wie oft der 
Hellenismus an die Pforten der südlichsten Landschaft, welche dieser 
Stamm inne hatte und die wir noch nach ihm nennen, bis dahin ge- 
pocht und wie wenig er bis dahin im Binnenland erreicht hatte, um 
deutlich zu machen, was Rom hier nachzuholen blieb und was es 
nachgeholt hat. Zuerst Philippos, der Vater Alexanders, unterwarf 



278 ACHTES BUCH. KAPITEL TU. 

Thrakien und gründete nicht blofs Kalybe in der Nähe ron Byzantion, 
sondern im Herzen des Landes die Stadt, die seitdem seinen Namen 
trägt. Alexander, auch hier der Vorläufer der römischen Politik, 
gelangte an und über die Donau und machte diesen Strom zur Nord- 
grenze seines Reiches; die Thraker in seinem Heere haben bei der 
Unterwerfung Asiens nicht die letzte Rolle gespielt. Nach seinem 
Tode schien der Hellespont einer der grofsen Mittelpuncte der neuen 
Staatenbildung, das weite Gebiet von dort bis an die Donau ^) die 
nördliche Hälfte eines griechischen Reiches werden zu sollen, der 
Residenz des ehemaligen Statthalters von Thrakien Lysimachos, der 
auf dem thrakischen Chersones neu gegründeten Stadt Lysimacheia 
eine ähnliche Zukunft zu winken wie den Residenzen der Marschälle 
von Syrien und Aegypten. Indefs es kam dazu nicht; die Selbständig- 
keit dieses Reiches überdauerte den Fall seines ersten Herrschers (281 
vor Chr., 473 Roms) nicht. In dem Jahrhundert, welches von da bis 
auf die Begründung der Vormachtstellung Roms im Orient verging, ver- 
suchten bald die Seleukiden, bald die Plolemaeer, bald die Attaliden 
die europäischen Besitzungen des Lysimachos in ihre Gewalt zu 
bringen, aber sämmtlich ohne dauernden Erfolg. Das Reich von Tylis 
im Haemus, welches die Kelten nicht lange nach dem Tode Alexanders 
ungefähr gleichzeitig mit ihrer bleibenden Niederlassung in Kleinasien 
im moesisch -thrakischen Gebiet gegründet hatten, vernichtete die 
Saat griechischer Civilisation in seinem Bereich und erlag selber 
während des hannibalischen Krieges den Angriffen der Thraker, 
die diese Eingedrungenen bis auf den letzten Mann ausrotteten. Seit- 
dem gab es in Thrakien eine fuhrende Macht überhaupt nicht; die 
zwischen den griechischen Küstenstädten und den Fürsten der ein- 
zelnen Stämme bestehenden Verhältnisse, die ungefähr denen vor 
Alexander entsprechen mochten, erläutert die Schilderung, die Polybios 
von der bedeutendsten dieser Städte giebt: wo die Byzantier gesäet 
haben, da ernten die thrakischen Barbaren und es hilft gegen diese 
weder das Schwert noch das Geld; schlagen die Bürger einen der 
Fürsten, so fallen dafür drei andere in ihr Gebiet und kaufen sie einen 
ab, so verlangen fünf mehr den gleichen Jahrzins. Dem Bestreben der 
späteren makedonischen Herrscher in Thrakien wieder festen Fufs 



^) Daffl auch für Lysimachos die Üoaao Reichsgrenze war, geht hervor 
aos Pansanias 1, 9, 6. 



DAS GRIECHISCHE EDROPA. 279 

ZU fassen und namentlich die griechischen Städte der Sudküste in ihre 
Gewalt zu bringen traten die Römer entgegen, theils um Makedoniens 
Machtentwickelung überhaupt niederzuhalten, theils um nicht die 
wichtige nach dem Orient führende 'Königsstrafse', diejenige, auf der 
Xerxes nach Griechenland, die Scipionen gegen Antiochos marschirten, 
in ihrer ganzen Ausdehnung in makedonische Hand kommen zu 
lassen. Schon nach der Schlacht bei Kynoskephalae wurde die Grenz- 
linie ungefähr so gezogen, wie sie seitdem geblieben ist. Oefter ver- 
suchten die beiden letzten makedonischen Herrscher sich dennoch 
in Thrakien sei es geradezu festzusetzen, sei es dessen einzelne 
Fürsten durch Verträge an sich zu knüpfen ; der letzte Philippos hat 
sogar Philippopolis abermals gewonnen und Besatzung hineingelegt, 
die die Odrysen freilich bald wieder vertrieben. Zu dauernder Fest- 
setzung gelangte weder er noch sein Sohn , und die nach der Auf- 
lösung Makedoniens den Thrakern von Rom eingeräumte Selbständig- 
keit zerstörte, was dort etwa von hellenischen Anfängen noch übrig sein 
mochte. Thrakien selbst wurde zum Theil schon in republikanischer, 
entschiedener in der Kaiserzeit römisches Lehnsfürstenthum, dann im 
J. 46 n. Chr. römische Provinz (S. 192); aber die Ilellenisirung des 
Landes war nicht hinausgekommen über den Saum griechischer 
Pflanzstädte, welcher in frühester Zeit sich auch um diese Küste ge- 
legt hatte, und im Lauf der Zeit eher gesunken als gestiegen. So 
mächtig und bleibend die makedonische Colonisation den Osten er- 
griffen, so schwach und vergänglich hat sie Thrakien berührt; Philipp 
und Alexander selbst scheinen die Ansiedelungen in diesem Lande 
widerwillig Torgenommen und gering geschätzt zu haben ^). Bis 
weit in die Kaiserzeit hinein ist das Land den Eingeborenen, sind 
die an der Küste übrig gebliebenen fast alle heruntergekommenen 
Griechenstädte ohne griechiches Hinterland geblieben. 

Dieser von der makedonischen Grenze an bis zum taurischen 
Chersonesos sich erstreckende Kranz hellenischer Städte ist sehr 
ungleich geflochten. Im Süden ist er dicht geschlossen von Abdera 



1) Kalybe bei Byzaotioa eotstaod oach Strabon (7, 6, 2 p. 320) 4>i- 
XCnnov tov Idfivvjov rovs novrjQordrovs lyravS-a Idqvaavrog. PhUippopoHa 
soll sogar oach dem Bericht Theopomps (fr. 122 Müller) als JIoniQonoXtg ge- 
f riiodet seis nnd die entsprecheodeo Colooisteo empfaDgen haben. Wie wenig 
Vertrauen diese Angaben auch verdienen, so drücken sie doch in ihrem Zu- 
sammentreffen den Botany-Bay-Charakter dieser Gründongen ans. 



280 ACHTES BUCH. KAPITEL VII. 

an bis nachByzantion an den Dardanellen; doch hat keine dieser Städte 
in späterer Zeit eine hervorragende Bedeutung gehabt mit Ausnahme von 
Byzantion, das durch die Fruchtbarkeit seines Gebietes, die einträg- 
liche Thunfischerei, die ungemein günstige Bandeislage, den Gewerbe- 
fleifs und die durch die exponirte Lage nur gesteigerte und gestählte 
Tüchtigkeit seiner Burger auch den schwersten Zeiten der hellenischen 
Anarchie zu trotzen gewufst hatte. Bei weitem dürftiger hatte die 
Ansiedelung sich an der Westküste des schwarzen Meeres entwickelt; 
an der später zur römischen Provinz Thrakien gehörigen war nur 
Mesembria von einiger Bedeutung, an der später moesischen Odessos 
(Varna) und Torois (Küstendsche). Jenseit der Donaumündung und 
der römischen Reichsgrenze an dem Nordgestade des Pontus lagen 
mitten im Barbarenland Tyra^) und Olbia; weiterhin machten die 
alten und grofsen griechischen Kaufstädte in der heutigen Krim Hera- 
kleia oder Chersonesos und Pantikapaeon einen stattlichen Schiufsstein. 
Alle diese Ansiedelungen genossen des römischen Schutzes, seit die 
Römer überhaupt die Vormacht auf dem griechisch-asiatischen Con- 
tinent geworden waren , und der starke Arm , der das eigentliche 
hellenische Land oft schwer traf, verhinderte hier wenigstens 
Katastrophen wie die Zerstörung von Lysimacheia. Die Beschützung 
dieser Griechen gehörte in republikanischer Zeit zu den Obliegenheiten 
theils des Statthalters von Makedonien, theils des von Bithynien, seit 
auch dies römisch war; Byzantion ist später bei Bithynien geblieben'). 



>) Doch reicht die nördliche bessarabische Linie, die vielleicht römisch 
ist, bis nach Tyra (S. 206). 

') Üafs Byzantion noch in traianischer Zeit unter dem Statthalter von 
Bithynien stand, folget ans Plinius ad Trai. 43. Ans den Gratulationen der 
Bysantier an die Legaten von Moesien kann die ihrer Lage nach kanm 
mögliche Zugebörigkeit zu dieser Statthalterscbaft nicht geschlossen werden; 
die Beziehungen zu dem Stattbalter von Moesien erklären sich aus den Handels- 
verbindungen der Stadt mit den moesischen Hafenplätzen. Dafs Byzanz auch 
im J. 53 unter dem Senat stand, also nicht zu Thrakien gehörte, geht ans Tacitus 
ann. 12, 62 hervor. Zugehörigkeit zu Makedonien unter der Republik bezeugt 
Cicero (in Pia. 35, 86 de prov. coos. 4, 6) nicht, da die Stadt damals frei war. 
Diese Freiheit scheint wie bei Rhodos oft gegeben und oft genommen zu sein. 
Cicero a. a. O. spricht sie ihr zu; im J. 53 ist sie tributpflichtig; Plinius 
(h. o. 4, 11, 46) fuhrt sie als freie Stadt auf; Vespasian entzieht ihr die Freiheit 
(Sueton Vesp. 8). 



DAS GRiBCHISGBB BUROPA. 281 

Im Uebrigen ging in der Kaiserzeit nach Einrichtung der Statthalter- 
schaft von Moesien und später derjenigen von Thrakien die Schutz- 
leistung auf diese über. 

Schutz und Gunst gewährte diesen Griechen Rom von jeher; aber 
um die Ausdehnung des Hellenismus hat weder die Republik noch die 
frühere Kaiserzeit sich bemüht^). Nachdem Thrakien römisch ge- 
worden war, ist es in Landkreise eingelheilt worden'); und bis fast 
an das Ende des ersten Jahrhunderts ist dort keine Stadtanlage zu 
verzeichnen mit Ausnahme zweier Pflanzstadte des Claudius und des 
Vespasianus, Apri im Binnenland nicht weit von Perinthos und 
Deultus an der nördlichsten Küste *). Domitian hat damit begonnen 
griechische Stadtverfassung im Rinnenland einzufuhren, zuerst für 
die Landeshauptstadt Philippopolis. Unter Traianus erhielten eine 
Reihe anderer thrakischer Ortschaften das gleiche Stadtrecht: Topeiros 
unweit Abdera, Nikopolis am Nestos, Plotinopolis am Hebros, Pautaiia 



^) Dies verbärgt das Febleo von Miinzeo der thrakischen Bioneostädte, 
welche nach Metall und Stil in die ältere Zeit gesetzt werden konnten. Dais 
eine Anzahl thrakischer, besonders odrysischer Fürsten znm Theil schon in 
recht früher Zeit geprägt haben, beweist nur, dafs sie über Küstenplätze 
mit griechischer oder halbgriechischer BevÖlkerong geboten. Ebenso wird anch 
zu nrtheilen sein über die ganz vereinzelt stehenden Tetradrachmen der 
'Thraker' (Sallet nom. Zeitschrift 3, 241). — Auch die im thrakischen Binnen- 
land gefundenen Inschriften sind durchgängig aus römischer Zeit. Das iu 
Bessapara, jetzt Tatar Bazardjik westlich von Philippopolis von Damont (inscr. 
de la Thrace p. 7) gefundene Decret einer nicht genannten Stadt wird freilicli 
in gute makedonische Zeit gesetzt, aber nur nach dem Charakter der Schrift, 
welcher vielleicht trügt. 

') Die fünfzig Strategien Thrakiens (Plioins h. n. 4, 11»40; Ptolemaeos 
3, It, 6) sind nicht Militärbezirke, sondern, wie dies nameotlich bei Ptole- 
maeos deutlich hervortritt, Landkreise, die sich mit den Stämmen decken 
iaiQaTrfy{a AIaid$xriy Bioatxri u. s. w.) und Gegensatz zu den Städten bildeo. 
Die Bezeichnung ai^cnriyog hat, ebenso wie praetor ^ ihren ursprünglich mili- 
tärischen Werth später eingebüfst. Hier liegt wohl zunächst die Analogie 
von Aegypten zu Grunde, das ebenso in Stadtgebiete noter städtischen Magi- 
straten und in Landkreise unter Strategen zerfiel. Gin argatriybi Liajutrjs ne^l 
Jligtv^v aus römischer Zeit Bph. epigr. II p. 252. 

') In Deoltus, der eohrUa Flavia Paeis Deultensium, wurden Veteranen 
der 8. Legion versorgt (C. I. L. VI, 3828). Flaviopolis auf dem Ghersooes. 
das alte Coela, ist gewirs nicht Colonie gewesen (Plinins 4, 11, 47), sondern 
gehört zu der* eigenartigen Ansiedinng des Kaisergesindes auf diesem Do- 
manialbesitz (Epb. epigr. V p. 82). 



282 ACBTE8 BUCH. KAPITEL TU. 

bei Köstendil, Serdica jetzt Sofia, Augusta Traiana bei Ält-Zagora, ein 
zweites Nikopolis am nördlicben Abhang des Haemus^), aufserdem 
an der Küste Traianopolis an der Hebrosmöndung; ferner unter 
Hadrian Adrianopoiis, das heutige AdrianopeL Alle diese Städte waren 
nicht Colonien von Ausländern, sondern nach dem von Augustus in 
dem epirotischen Nikopolis aufgestellten Muster zusammengefafste 
griechisch orgaoisirte Politien; es war eine Civilisimng und Heile- 
nisirung der PVovinz von oben herab. Ein thrakischer Landtag be- 
stand seitdem in Philippopolis ebenso wie in den eigentlich griechischen 
Landschaften. Dieser letzte Trieb des Hellenismus ist nicht der 
schwächste. Das Land ist reich und anmuthig — eine Mönze der Stadt 
Pautalia preist den vierfachen Segen der Aehren, der Trauben, des 
Silbers und des Goldes; und Philippopolis sowie das schöne Thal der 
Tundja sind die Heimath der Rosenzucht und des Rosenöls — und die 
Kraft des thrakischen Schlages war nicht gebrochen. Es entwickelte 
sich hier eine dichte und wohlhabende Bevölkerung; der starken Aus- 
hebung in Thrakien wurde schon gedacht und in der Thätigkeit der 
städtischen Münzstätten stehen für diese Epoche wenige Gebiete 
Thrakien gleich. Als Philippopolis im J. 251 den Gothen erlag (S. 219), 
soll es hunderttausend Einwohner gezählt haben. Auch die energische 
Parteinahme der Byzantier für den Kaiser des griechischen Ostens 
Pescennius Niger und der mehrjährige Widerstand, den die Stadt 
noch nach dessen Untergang dem Sieger entgegenstellte, zeigen die 
Mittel und den Muth dieser thrakischen Städter. Wenn die Byzantier 
auch hier unterlagen und sogar eine Zeitlang ihr Stadtrecht einbülsten, 
so sollte bald die durch den Aufschwung des thrakischen Landes sich 
vorbereitende Zeit eintreten, wo ßyzantion das neue hellenische Rom 
und die Hauptresiüenz des umgewandelten Reiches ward. 

1) Diese Stadt NtxonoUq ^ niQi AtfAOV des Ptolemaeos 3, ]], 7, iVi- 
xonoXtq ttqoq *'IaTQoy der Mnozen, das heutige Nikop ao der Jaotra, gehört 
geographisch zu Uoterffloesien und, wie die Statthaiteroameo der Münzen 
zeigen, seit Severus auch administrativ; aber nicht blofs führt Ptolemaeos es 
bei Thrakien aof, sondern die Fundorte der hadrianischen Termioalsteioe 
C. I. L. III, 736 vgl. p. 992 scheinen es ebenfalls zu Thrakien zu stellen. 
Da diese griechische Binneostadt weder zu den lateinischen Stadtgemeinden 
Untermoesieos noch zu dem xoivov des moesischen Pontos passte, ist sie bei 
der ersten Ordnung der Verhältnisse dem xotvav der Thraker zugewiesen 
worden. Später mafs sie freilich einem oder dem andern jener moesischen 
Verbände angeschlossen worden sein. 



DAS GRIEGHISCHB EUROPA. 283 

In der benachbarten Provinx Untermoesien hat sich, freilich in Uatermo»- 
geringerem Mabe , eine ähnliche Entwickelung vollzogen. Die grie- 
chischen Kästenstädte, deren Metropole wenigstens in römischer Zeit 
Tomis war, wurden, wahrscheinlich bei Constituirung der römischen '^^°^^T^ 
Provinz Hoesien, zusammengefafst als 'Fünfstadteband des linken Ufers pontiMh« 
des schwarzen Heeres' oder, wie er auch sich nennt, 'der Griechen', 
das heilst der Griechen dieser Provinz. Später ist als sechste Stadt 
die unweit der Küste an der thrakischen Grenze von Traian angelegte 
und gleich den thrakischen griechisch geordnete Stadt Markianopoiis 
diesem Bund angeschlossen worden^). Dafs die Lagerstädte am 
Donauufer und überhaupt die im Binnenland von Rom ins Leben ge- 
rufenen Ortschaften nach italischem Muster eingerichtet wurden, ist 
früher bemerkt worden; Untermoesien ist die einzige durch die 
Sprachgrenze durchschnittene römische Provinz, indem der tomita- 
nische Slädtebund dem griechischen, die Douaustädle wie Durostorum 
und Oescus dem lateinischen Sprachgebiet angehören. Im Uebrigen 
gilt von diesem moesischen Städtebuud wesentlich das Gleiche, was 
über Thrakien bemerkt ward. Wir haben eine Schilderung von Tomis 
aus den letzten Jahren des Augustus, freilich von einem dahin zur 

^) Das xoivov irjg Jltvianolttos fiadet sich auf einer loschrift voo Odessos 
C. I. Gr. 2056c, die fnglich der fröherea Kaiserzeit angehören kann, die pon- 
tisehe Hexapolis auf zwei Inschriften von Tomis wahrscheinlich des 2. Jahrh. 
B. Chr. (Marquardt StaaUverw. 1* S. 305; Hirschfeid arch. epigr. Mitth. 6^ 22). 
Die Uexapolis mafs auf jeden Fall, and danach wahrscheinlich auch die Penta- 
polia, mit den rSnischea Provinzialsrenzen in Einklang s®^'''^<^'^^ werden, das 
heifst die grieehischen Städte Untermoesien s in sich schliefsen. Diese finden sich 
noch, wenn man den sichersten Führern, den Münzen der Kaiserzeit folgt. Münz- 
stätten (vooNikopolis abgesehen, S. 282 A.) giebt es in Untermoesien sechs: Istros, 
Tomis, Kallatis, Dionysopolis, Odessos und Markianopoiis, und da die letzte 
Stadt von Traian gegründet ward, so erklärt sich damit zugleich die Pentapolis. 
Tyra und Olbia haben schwerlich dazu gehört; wenigstens zeigen die zahl- 
reichen und redseligen Denkmäler der letzteren Stadt nirgends eine Anknüpfung 
an diesen Städtebund. Koivov raiv ^Eklv^viov heifst derselbe auf einer Inschrift 
von Tomis, welche ich hier wiederhole, da sie nar in der athenischen Fandora 
vom 1. Juni 1868 gedruckt ist: *Aya&ij tv/i}. Kaxä ra 66^avta t^ x^atr^atti 
ßovX^ xal tcS XafMiQotuxto ^rjfito rijs lafinQOTunjg fiiit^nokifos xaX a toi 
ivtavvfJLOv TTovTov Tofiitoi tbv novrdgxvv H^laxiov ^Awioeif[6]v aQ^ayia rot 
xoivov tw[v] ^EXltivtnf xal xvji fifiJQonoXfOK tijv a agxh^ ayvcSs, xal dqx^^f^' 
aafuvoVf t^v <f«' 6nX<ov xal xwriyi[a]lwv Mo^as tftlotttfUav firi diahnovrec, 
aXXa xal ßovUvtrf» xal rmv nganevovrmv 4>lttßieii Niag noUtas, xal rriv 
af^X*^^^"^ <fif*ß*ov aviov *IovJJav IdnoXavörtiv n actis ze^/u^f X^q[^]'V. 



284 ACHTES BUCH. KAPITEL VII. 

Strafe Verbannten, aber sicher im Wesentlichen getreu. Die Bevölke- 
rung besteht zum gröfseren Theil aus Geten und Sarmaten ; sie tragen, 
wie die Daker auf der Traianssäule, Pelze und Hosen, langes flattern- 
des Haar und den Bart ungeschoren, erscheinen auf der Strafse zu 
Pferde und mit dem Bogen bewaffnet, den Köcher auf der Schulter, 
das Hesser im Gürtel. Die wenigen Griechen, die unter ihnen sich 
finden, haben die barbarische Sitte angenommen mit Einschlufs der 
Hosen und wissen ebenso gut oder besser getisch als griechisch 
sich auszudrücken; der ist verloren, der sich nicht auf getisch ver- 
ständlich machen kann und kein Mensch versteht ein Wort lateinisch. 
Vor den Thoren hausen räuberische Schaaren der verschiedensten 
Völker und ihre Pfeile fliegen nicht selten über die schutzende 
Stadtmauer; wer seinen Acker zu bestellen wagt, der thut es mit 
Lebensgefahr, und pflögt bewaffnet — war doch um die Zeit von 
Caesars Dictatur bei dem Zuge des Burebista die Stadt den Barbaren 
in die Hände gefallen und wenige Jahre, bevor jener Verbannte 
nach Tomis kam, während der dalmatisch-pannonischen Insurrection 
über diese Gegend abermals die Kriegsfurie hingebraust. Zu diesen 
Erzählungen passen die Münzen und die Inschriften derselben Stadt 
insofern wohl, als die Metropole des linkspontischen Städtebundes 
in der vorrömischen Zeit kein Silber geschlagen hat, was manche 
andere dieser Städte thaten, und dafs überhaupt Münzen wie In- 
schriften aus der Zeit vor Traian nur vereinzelt begegnen. Aber im 
2. und 3. Jahrhundert ist sie umgewandelt und kann ziemlich mit 
demselben Recht eine Gründung Traians heifsen wie das ebenfalls 
rasch zu bedeutender Ent Wickelung gelangte Markianopolis. Die früher 
(S. 207) erwähnte Sperrung in der Dobrudscha diente zugleich als 
Schutzmauer für die Stadt Tomis. Hinter dieser blühten daselbst 
Handel und Schifl'ahrt auf. Es gab in der Stadt eine Genossen- 
schaft alexandriniscber Kaufleute mit ihrer eigenen Serapiskapelle ^) ; 
in niunicipaler Freigebigkeit und municipaler Ambition steht die 



^) Das zeigt di« merkwürdige loschrift bei AlUrd (la Balgarie orieotale. 
Paris 1S63) S. 2Ö3: OidS fiiyaXü) 2:aQtt7t[t^i xal] toTs awvaoig ^£oti [xalriS 
av]T0XQdT0Qt T, AiUfo *ASQiav[ii li\vxtovtCvoi £(ßaaT(o Eifafßlu] xal AI. Avqri" 
Xüo Oinigtj KaiaaQi Ka^nitav IdvovßCtovog tcu oixfa jtSy jiX^^ttväqitov tov 
ßtofAOV ix T(ov ldia)V avi^xfv hovs xy \^i\vhi\ <PaQfAOü&l a inl UqiiüV 
K]oQVOvfov ToC xal ZaqanCtavoi [fToXi/]fivov tov xal Aovlyeli^ov], Die Schiffer- 
gilde voD Tomis begegnet mehrfach in deo loschrifteo der Stadt. 



DAS GRIECHISCHE EUROPA. 285 

Stadt hinter keiner griechischen Mittelstadt zurück; zweisprachig 
ist sie auch jetzt noch, aber in der Weise, dafs neben der auf 
den Mönzen immer festgehaltenen griechischen Sprache hier an der 
Grenze der beiden Reichssprachengebiete auch die lateinische vielfach 
selbst auf öffentlichen Denkmälern angewendet wird. 

Jenseit der Reichsgrenze zwischen der Donaumündung und der Tjj%, 
Krim hatte der griechische Kaufmann die Küste wenig besiedelt; es 
gab hier nur zwei namhafte griechische Städte, beide TonMiletos aus in 
femer Zeit gegründet, Tyra an der Mündung des gleichnamigen Flusses, 
des heutigen Dnjestr, und Olbia an dem Rusen, in welchen der 
Rorysthenes (Dnjepr) und der Hypanis (Rüg) fallen. Die verlorene Stel- 
lung dieser Hellenen unter den sie umdrängenden Rarbaren in der 
Diadochenzeit sowohl wie während der Vorherrschaft der römischen 
Republik ist früher (2, 273) geschildert worden. Die Kaiser brachten 
Hülfe. Im J.56, also in dem musterhaften Anfang der neronischen Re- 
gierung ist Tyra zur Provinz Moesien gezogen worden. Von dem ent- 
fernteren Olbia besitzen wir eine Schilderung aus traianischerZeit^): oibu. 
die Stadt blutete noch aus ihren alten Wunden; die elenden Mauern 
umschlossen gleich elende Häuser und das damals bewohnte Quar- 
tier füllte einen kleinen Thei) des alten ansehnlichen Stadtringes, von 
dem einzelne übrig gebliebene Thürme weit hinaus auf dem wüsten 
Felde standen; in den Tempeln gab es kein Götterbild, das nicht die 
Spuren der Rarbarenfauste trug; die Rewohner hatten ihr Hellenen- 



^) Das stets bekriege und oft zerstörte OlbU erlitt nach der Aogabe 
Dios (BorystjL p. 75 R.) etwa 150 Jahre vor seioer Zeit, das heifst etwa vor 
dem J. 100 n. Chr., also wahrscheialich bei dem Zos des Bareblsta (3, 304), 
die letzte nod schwerste Erobernog (t^v TeXevraiav xal fi%ylajf\v äXoDOiv). 
Elloy ii, fahrt Di od fort, xttl tavTipf rixai xai jag alias ras iv toTs 
d^tOTi^S Tov Uovtov noXeis f^XQ*^ *Anollxov£as (Sozopolis oder Sizeboln, 
die letzte namhafte Griechenstadt an der pontisehen Westküste)* B&ev 6^ xaX 
ff(f66qa jan€tvtt ja nQayfiora xariatri teSv TatTTf *Elli^vtov, rdiv fikv oi/x4ti 
awotxiO&itaav noltotv, rolv dk ifavlots xal rdiv nleCarojv ßaqßaQfov eis 
tttiäs av^^vivKov, Der jnnse vornehme Stadtbiirg^er ausgeprägter ionischer 
Physiosnomie, dem Dion dann begegnet, welcher zahlreiche Sarmaten ersehlagen 
oder gefangen hat und zwar den Phokyiides nicht kennt, aber den Homer aas- 
wendig weifs, trägt Mantel nnd Hosen nach Skythenart ond das Messer im 
Gurt. Die Stadtbürger alle tragen langes Hoar und langen Bart und nur einer 
beides geschoren , was ihm als Zeichen serviler Haltung gegen die Römer ver- 
dacht wird. Also ein Jahrhundert später sah es dort ganz so aus, wie Ovi- 
dius Tomis schildert. 



286 ACHTES BUCH. KAPITEL TII. 

thum nicht vergessen, aber sie trugen und sdilugen sich nach Art der 
Skythen, mit denen sie täglich im Gefecht lagen. Eben so oft wie mit 
griechischen nennen sie sich mit skythischen Namen , das heibt mit 
denen der den Iraniem verwandten sarmatischen Stämme^); ja im 
Königshause selbst ward Sauromates ein gewöhnlicher Name. Ihr 
Fortbestehen selbst hatten diese StSdte wohl weniger der eigenen 
Kraft zu danken als dem guten Willen oder vielmehr dem eigenen 
Interesse der Eingeborenen. Die an dieser Koste sitzenden Völker- 
schaften waren weder im Stande den auswärtigen Handel aus eigenen 
Emporien zu fahren noch mochten sie ihn entbehren; in den 
hellenischen Kilstenstädten kauften sie Salz, Kleidungstflcke, Wein 
und die civilisirteren Fürsten schützten einigermafsen die Fremden 
gegen die Angriffe der eigentlichen Wilden. Die früheren Regenten 
Roms müssen Bedenken getragen haben den schwierigen Schutz dieser 
entlegenen Niederlassung zu übernehmen; dennoch sandte Pius, als 
die Skythen sie wieder einmal belagerten, ihnen römische Hülfstruppen 
Boflponi». und zwang die Barbaren Frieden zu bieten und Geifseln zu stellen. 
Durch Severus, von dem an Olbia Münzen mit dem Bildnifs der 
römischen Herrscher schlug, mufs die Stadt dem Reiche geradezu 
einverleibt worden sein. Selbstverständlich erstreckte sich diese 
Annectirung nur auf die Stadtgebiete selbst und ist nie daran ge- 
dacht worden die barbarischen Umwohner Tyras und Olbias unter 
das römische Scepter zu bringen. Es ist schon bemerkt worden 
(S. 217), dafs diese Städte die ersten waren, welche, vermuthlich 
unter Alexander (f 235), dem beginnenden Gothensturm erlagen. 

Wenn auf dem Continent im Norden des Pontus die Griechen 
sich nur spärlich angesiedelt hatten, so war die grofse aus dieser Küste 
vorspringende Halbinsel, die taurische Chersonesos, die heutige Krim, 
seit langem zum groben Theil in ihren Händen. Getrennt durch die 
Gebirge, welche dieTaurier inne hatten, waren die beiden Mittelpunkte 
der griechischen Niederlassung auf ihr am westlichen Ende die dorische 
freie Stadt Herakleia oder Chersonesos (Sevastopol), am östlichen das 



1) Gaoz sewöhDlich heifst der Vater skythisch, der Sohn griecbisch oder 
aach amgekebrt; aom Beispiel verceichoet eioe ooter oder nach Traiaii gesetzte 
loschrift von Oibia (C. I. Gr. 2074) sechs Strategeo M. Ulpias Pyrrhns Soho 
des Arseoaehes, Demetrios Soho des Xessagaros, Zoilos Sohn des Arsakes, 
Badakes Sohn des Radanpson, Epikrates Soho des Koxoros, Ariston Soho des 
Vargadakes. 



DAS GRIECHISCHE EUROPA. 287 

FQrstenthum TonPaDtikapaeon oderBosporu8(Kertsch). König Mitbra- 
dates hatte auf der Höhe seiner Macht beide vereinigt und hier sich 
ein zweites Nordreich gegröndet (2, 273), das dann nach dem Zu- 
sammenbruch seiner Herrschaft als einziger Ueberrest derselben 
seinem Sohn und Mörder Phamakes verblieb. Ais dieser während des 
Krieges zwischen Caesar und Pompeius versuchte die väterliche Herr- 
schaft in Kleinasien wieder zu gewinnen, hatte Caesar ihn besiegt (3, 429) 
und ihn auch des bosporanischen Reiches verlustig erklärt. In diesem ^'^o^tm. 
hatte inzwischen der von Phamakes daselbst zurückgelassene Statt- 
halter Asandros dem König den Gehorsam aufgekündigt, in der Hoff- 
nung, durch diesen Caesar erwiesenen Dienst selbst das Königthum 
zu erlangen. Als Phamakes nach der Niederlage in sein bosporani- 
sches Reich zurückkam, bemächtigte er zwar zunächst sich wieder " 
seiner Hauptstadt , unterlag aber schliefslich und fiel tapfer fechtend 
in der letzten Schlacht, als Soldat wenigstens seinem Vater nicht un- 
gleich. Um die Nachfolge stritten Asandros, der thatsächlich Herr 
des Landes war, und Mithradates von Pergamon, ein tüchtiger Offizier 
Caesars, den dieser mit dem bosporanischen Fürstenthum belehnt 
hatte; beide suchten zugleich Anlehnung an die bisher im Bosporus 
herrschende Dynastie und den groDsen Mithradates, indem Asandros 
sich mit der Tochter des Phamakes Dynamis vermählte, Mithradates, 
einem pergamenischen Bürgerhaus entsprossen, ein Bastardsohn 
des grofsen Mithradates Eupator zu sein behauptete, sei es nun, 
dafs dieses Gerede die Auswahl bestimmte, sei es, dafs es zur Recht- 
fertigung der Auswahl in Umlauf gesetzt ward. Da Caesar selbst 
zunächst durch wichtigere Aufgaben in Anspruch genommen war, so 
entschieden zwischen dem legitimen und dem illegitimen Caesarianer 
die Wallen, und zwar wieder zu Gunsten des letzteren; Mithradates 
fiel im Gefecht und Asandros blieb Herr im Bosporus. Er vermied 
es anfänglich, ohne Zweifel, weil ihm die Bestätigung des Lehns- 
herrn fehlte, sich den Königsnamen beizulegen und begnügte sich 
mit dem auch von den älteren Fürsten von Pantikapaeon geführten 
Arehontentitel; aber bald, wahrscheinlich noch von Caesar selbst, er- 
wirkteer die Bestätigung seiner Herrschaft und den königlichen Titel ^). 

*) Da Asandros sein ArehouUt wahraeheiolich schon von seinem Abfall 47 
von Pfaarnaies, also vom Sommer des J. 707 gezählt hat nnd bereits im 4. Jahre 
seiner Regieraog den KSoigstitel annimmt, so kann dieses Jahr föylicb aaf Herbst 
709/710 ^seUt werden, die Bestatiguog also von Caesar erfolg sein. Antonios 46/4 



288 ACHTES BUCH. KAPJTEL Vif. 

17/16 Bei seinem Tode (737/8 Roms) hinterliefs er sein Reich der Gemahlin 
Dynamis. So stark war immer noch die Macht der Erbfolge und des 
mithradatischen Namens, dafs sowohl ein gewisser Scribonianus , der 
zunächst Asandros Stelle einzunehmen versuchte, wie nach ihm der 
PoiemoD. König Polemon von Pontus, dem Augustus das bosporanische Reich 
zusprach, mit der Uebemahme der Herrschaft ein Eheböndnifs mit der 
Dynamis verbanden; überdies behauptete jener selber ein Enkel des 
Mithradates zu sein, wShrend König Polemon bald nach dem Tode der 
Dynamis eine Enkelin des Antonius und somit eine Verwandte des 
Kaiserhauses heirathete. Nach seinem frohen Tode — er fiel im 
Kampfe gegen die Aspurgianer an der asiatischen Küste — folgten 
seine unmündigen Kinder ihm nicht und auch seinem gleichnamigen 
Enkel, den Kaiser Gaius trotz seines Knabenalters im J. 38 in die beiden 
Ffirstenthümer seines Vaters wieder einsetzte, blieb das bosporanische 
^•^^apito- nicht lange. An seiner Stelle berief Kaiser Claudias einen wirklichen 
oder angeblichen Nachkommen des Mithradates Eupator, und diesem 
Hause ist, wie es scheint, das Fürstenthum von da an verblieben^). 



42 kann sie nicht wohl ertheilt haben, da er erst Ende 712 nach Asien kam; noch 
weniger ist an Aagrustos zu denken, den Psendo-Lakiaaos (macrob. 15) nennt, 
Vater and Sohn verwechselnd. 

*) Mithradates, den CUadins im J. 41 zom König des Bosporus machte, 
rührte sein Geschlecht auf Bnpator znrnck (Dio 60, 8; Tacitns ann. 12, 18) 
und ihm folgte sein Brnder Kotys (Tacitos a. a. 0.). Ihr Vater heirst 
Aspargos (C. I. Gr. II p. 05), braucht aber darum kein Aspurgianer (Strabo 11, 
2, 19 p. 415) gewesen in sein. Von einem spSteren Dynastiewechsel wird nicht 
berichtet; König Eopator in Pios Zeit (Locian Alex. 57; vita Pii 9) weist auf 
das gleiche Haus. Wahrscheinlich haben übrigens diese späteren bosporanischen 
Könige so wie die uns nicht einmal dem Namen nach bekannten nächsten Nachfolger 
Polemons auch zu den Polemoniden in verwandtschaftlichen Beziehongen ge- 
standen, wie denn der erste Polemon selbst eine Enkelin des Eupator zur Frau 
gehabt hatte. Die thrakischen Königsnamen, wie Kotys und Rhasknporis, 
die io dem bosporanischen Königshaus gewöhnlich sind, knüpfen wohl an den 
Schwiegersohn des Polemon, den thrakischen König Kotys an. Die Benennung 
Sauromates, welche seit dem Ende des 1. Jahrb. häufig auftritt, ist ohne 
Zweifei durch Verschwägernng mit sarmatischen Fürstenhäusern aufgekommen, 
beweist aber natürlich nicht, dafs ihre Träger selber Sarmaten waren. Wenn 
Zosimos 1, 31 den nach Erlöschen des alten Köoigsgeschlechts zur Regierung 
gelangten geringen und unwürdigen Fürsten die Schuld daran zuschreibt, dafs 
die Gothen unter Valerian auf bosporanischen Schiffen ihre Piratensüge aus- 
fuhren konnten, so mag das seine Richtigkeit haben und zunächst Phareanses 
gemeint sein, von dem es Münzen aus den J. 254 und 255 giebt Aber auch 



DAS GRIECHISCHE EUROPA. 289 

Während im römischen Staat sonst das Clientelfurstenthum nach umfang der 
dem Ausgang der ersten Dynastie schwindet und seit Traianus das scheäHerr- 
Princip des unmittelbaren Regiments im ganzen Umfang des römischen ^^^^ 
Reiches durchgeführt ist, bestand das bosporanische Königthum un- 
ter römischer Oberherrschaft bis in das vierte Jahrhundert hinein. 
Erst nachdem der Schwerpunkt des Reiches nach Constantinopel ver- 
legt war, ging dieser Staat in das Hauptreich auf ^), um dann bald 
von diesem aufgegeben und wenigstens zum gröfseren Theil die Beute 
der Hunnen zu werden ^). Indefs ist der Bosporus der Sache nach 
mehr eine Stadt als ein Königreich gewesen und geblieben und hat mehr 
Aehnlichkeit mit den Stadtbezirken von Tyra und Olbia als mit den 
Königreichen Kappadokien und Numidien. Auch hier haben die Rö- 
mer nur die hellenische Stadt Pantikapaeon geschützt und Grenz- 
erweiterung und Unterwerfung des Binnenlandes so wenig erstrebt 
wie in Tyra und Olbia. Zu dem Gebiet des Fürsten von Pantika- 
paeon gehörten zwar die griechischen Ansiedlungen von Theudosia 
auf der Halbinsel selbst und Phanagoria (Taman) auf der gegen- 
überliegenden asiatischen Küste, aber Chersonesos nicht') oder nur 



diese sind mit dem Bildnifs des römischen Kaisers beseichnet nnd spater finden 
sich wieder die alten Geschlechtsnamen (alle bosporanischen Könige sind Tiberii 
Inlii) und die altei^ Beinamen, wie Saaromates and Rhasknporis. Im Ganzen 
genommen sind die alten Traditionen wie die romische Schntzherrschaft auch 
damals hier noch festgehalten worden. 

*) Die letzte bosporanische Miioze ist vom J. 631 der Achaemenidenaera, 
n. Chr. 335; sicher häogt dies zusammen mit der eben in dieses Jahr fallenden 
Einsetznng des Neffen Constaatins I Hanniballianns zum 'KSnig', obwohl dies 
Köoigthnm hauptsächlich das östliche Kleinasien nmfafste nnd zor Residenz 
Caesarea in Kappadokien hatte. Nachdem in der blutigen Katastrophe nach Con- 
stantins Tode dieser König und sein * Königthum zu Grande gegangen war, 
steht der Bosporus unmittelbar unter Constantinopel. 

*) Noch im J. 366 war der Bosporus in römischem Besitz (Ammian 26, 
10,6); bald nachher müssen die Griechen amNordufer des schwarzen Meeres 
sich selbst überlassen worden sein, bis dann Jostiniao die Halbinsel wieder 
besetzte (Prokopius bell. Goth. 4, 5). In der Zwischenzeit ging Pantikapaeon 
in den Hunnenstürmen zu Grunde. 

>) Die Münzen der Stadt Chersonesos aus der Kaiserzeit haben die Auf- 
schrift Xiqaovr^aov iksv^-ägag, einmal sogar ßaaiXevovarjg, und weder Königs- 
noch Kaisernamen oder Kopf (A. v. Sallet Zeitschrift für Num. 1, 27. 4, 273). 
Die Unabhängigkeit der Stadt documentirt sieh auch darin, dafs sie nicht minder 
als die Könige des Bosporus in Gold münzt. Da die Aera der Stadt richtig 
auf das Jahr 36 v. Chr. bestimmt scheint (C. I. Gr. n. 8621), in welchem ihr, ver- 
Xommsan, rOm. OeMhicht«. Y. 19 



290 ACHTES BD€H. KAPITEL VU. 

etwa wie Athen zum Sprengel des Statthalters von Achaia. Die Stadt 
hatte von den Römern die Autonomie erhalten und sah in dem Für- 
sten den nächsten Beschützer, nicht den Landesherm; sie hat auch 
in der Kaiserzeit als freie Stadt niemals weder mit Königs- noch mit 
Kaiserstempeln geprägt. Auf dem Contineut stand nicht einmal die 
Stadt, welche die Griechen Tanais nennen, ein lebhaftes Emporium 
an der Mündung des Don, aber schwerlich eine griechische Gründung, 
dauernd unter der Botmäfsigkeit der römischen Lehnsfürsten ^). Von 
den mehr oder minder barbarischen Stämmen auf der Halbinsel selbst 
und an der europäischen und asiatischen Küste südlich vom Tanais 
befanden sich wohl nur die nächsten in festem Abhängigkeitsver- 
hältnifs»). 



mathlich von Antonias^ die Freiheit verliehen ward, so ist die vom J. 109 
datirte Goldmäoze der 'regierenden Stadt' im J. 75 n. Chr. geschlagen. 

*) Nach Strabons Darstellung (11, 2, 11 p. 495) stehen die Herren von 
Tanais selbständig neben denen von Pantikapaeon und hängen die Stämme 
südlich vom Don bald von diesen, bald von jenen ab; wenn er hiamfugt, dafs 
manche der paotikapaeischen Fürsten bis znm Tanais geboten, and namentlich 
die letatea, Pharoakes, Asandros, Polemon, so scheint dies mehr Ausnahme als 
Regel. In der A. 2 angeführten Inschrift stehen die Tanaiten anter den 
anterthänigen Stämmen and eine Reihe von tanaitisehen Inschriften bestätigen 
dies für die Zeit von Marcus bis Gordian; aber die "ElXijvtg xal Tavaiirai 
neben den aQx^^VTH Tavaujwv and den öfter genannten ^Ellffif&QX''^*' ^^ 
stätigen, dafs die Stadt auch damals eine nicht griechische blieb. 

*) In der einzigen lebendigen Erzählung aas der bosporanischen Geschichte, 
die wir besitzen, der des Tacitus ann. 12, 15 — 31 von den beiden rivalisirenden 
Brüdern Mithradates and Kotys, stehen die benachbarten Stämme, die Dandariden 
Siraker, Aorser unter eigenen von dem römischen Fürsten von Pantikapaeon 
nicht rechtlich abhängigen Herren. — In der Titulatur pflegen die älteren 
paotikapaeischen Fürsten sich Archonten des Bosporus, das heifst von Panti- 
kapaeon, and von Theudosia und Könige der Sinder und sämmtlicher Maiter 
und anderer nicht griechischer Völkerschaften za nennen. Ebenso neont die 
meines Wissens unter den Königsinschriften der römischen Epoche älteste den 
Aspurgos, Sohn des Asandrochos (Stephan! comptes rendus de In comm. ponr 
1866 p. 128) ßaatUvona navtog Booanogov, Sso^oaifis »ol SMvtv mxI 
Maitmv »a\ ToQBtiüv V'TjatlUv te »al TayasirmVy vnotaaavxti £xvSttg xal 
TavQovg. Auf den Umfang des Gebietes wird aus der vereinfachten Titulatur 
kein Schlnfs gezogen werden dürfen. — In den Inschriften der späteren Zeit 
findet sich einmal unter Traian die wohl adulatorische Tttulatar ftaaiUve 
ßaaiXiwß fiiyaq tov navtog Booanoqov (G. I. Gr. 2123). Die Münzen kennen 
überhaupt von Asandros an keinen Titel als ßaCiUvg^ während doch Pharnakes 



DAS GRIECHISCHE EUROPA. 291 

Das Gebiet von Pantikapaeon war zu ausgedehnt und besonders MiutftriBcii'e 
für den kaufmännischen Verkehr zu wichtig, um wie Olbia und Tyra Bos^fus.*' 
der Verwaltung wechselnder Gemeindebeamten und eines weit ent- 
fernten Statthalters überlassen zu werden; defshalb wurde es erblichen 
Forsten anvertraut, was weiter sich dadurch empfahl, dafs es nicht 
gerathen scheinen mochte, die mit dieser Landschaft verknüpften Ver- 
hältnisse zu den Umwohnern unmittelbar auf das Reich zu übertragen. 
Als Griechenfürsten haben die des bosporanischen Hauses, trotz ihres 
achaemenidischen Stammbaumes und ihrer achaemenidischen Jahres- 
Zählung, sich durchaus empfunden und ihren Ursprung nach gut 
hellenischer Art auf Herakles und die Eumolpiden zurückgeführt. 
Die Abhängigkeit dieser Griechen von Rom, der königlichen in Panti- 
kapaeon wie der republikanischen in Chersonesos, war durch die 
Natur der Dinge gegeben und nie haben sie daran gedacht gegen 
den schützenden Arm des Reiches sich aufzulehnen; wenn einmal 
unter Kaiser Claudius die römischen Truppen gegen einen unbot- 
mäfsigen Fürsten des Bosporus marschiren mufsten^), so hat 
dagegen diese Landschaft selbst in der entsetzlichen Verwirrung in 



sich ßaailsvg ßaaMtav fjiäyag nennt. Ohne Zweifel ist dies Einwirkung der 
rSmisehen Snzeränetät, mit der sich ein über andere Fürsten gesetzter Lehns- 
fiirst nicht recht vertrug. 

^) Es war dies der im J. 41 von Gaadins eingesetzte König Mithradates, 
welcher einige Jahre später ahgesetzt and durch seinen Bruder Kotys ersetzt 
ward; er lebte nachher in Rom und kam in den Vt^irren des Vierkaiserjahres 
um (Plutarch Galba 13. 15). Indefs wird weder aus den Andeutungen bei 
Taeitns ann. 12, 15 (vgl. Plinins h. n. 6, 5, 17) noch aus dem (durch Ver- 
wechselung der beiden Mithradates von Bosporus und von Iberien verwirrten) 
Bericht bei Petrus Patricius fr. 3 der Sachverhalt deutlich. Die chersonesi- 
tischen MSrehen bei dem späten Constantinus Porphyrogenitus de adm. imp. 
c. 53 kommen natürlich nicht in Betracht. Der bSse bosporanieehe König 
Sauromates KQiaxatvoQov (nicht ^PrfaxonoQov) vlos, der mit den Sarmaten 
gegen Kaiser Diocletianus und Constantius so wie gegen das reichstrene 
Cherson Krieg führt, ist oflTenbar hervorgegangen aus einer Verwirrung des 
bosporanischen Königs- und des Volksnamens und gerade so historisch 
wie die Variation auf die Geschichte von David und Goliath^ die Er- 
legung des gewaltigen Königs der Bosporaner Sauromates durch den kleinen 
Chersonesiten Pharnakos. Die Königsnamen allein, zum Beispiel aufser den 
genannten der nach dem Erlöschen des Geschlechts der Sauromaten eintretende 
AsandroSy genügen. Die städtischen Privilegien und die Oertlichkeiten der 
Stadt, zu deren Erklärung diese Mirabilien erfunden sind, verdienen allerdings 
Beachtung. 

19» 



292 ACHTES BUCH. KAPITEL VII. 

der Mitte des 3. Jahrhunderts, welche vorzugsweise sie traf, von 
dem Reich, auch von dem zerfallenden niemals gelassen^). Die 
wohlhabenden Kaufstädte, inmitten eines barbarischen Völkerge- 
woges militärischen Schutzes dauernd bedürftig, hielten an Rom 
wie die Vorposten an dem Hauptheer. Die Besatzung ist wohl 
hauptsächlich in dem Lande selbst aufgestellt worden, und sie zu 
schaffen und zu führen war ohne Zweifel die Hauptaufgabe des Königs 
des Bosporus. Die Münzen, welche wegen der Investitur eines solchen 
geschlagen wurden, zeigen wohl den curulischen Sessel und die son- 
stigen bei solcher Belehnung üblichen Ehrengeschenke, aber daneben 
auch Schild, Helm, Degen, Streitaxt und das Schlachtrofs; es war 
kein Friedensamt, das dieser Fürst überkam. Auch blieb der erste 
derselben, den Augustus bestellte, im Kampf mit den Barbaren, und 
von seinen Nachfolgern stritt zum Beispiel König Sauromates des 
Rhoemetalkes Sohn in den ersten Jahren des Severus mit den Sirakern 
und den Skythen — vielleicht nicht ganz ohne Grund hat er seine 
Münzen mit den Thaten des Herakles bezeichnet. Auch zur See hatte 
er thätig zu sein, vor allem das auf dem schwarzen Meer nie auf- 
hörende Pirateuwesen (S. 220) niederzuhalten: jenem Sauromates 
wird gleichfalls nachgerühmt, dafs er die Taurier zur Ordnung ge- 
bracht und die Piraterie gebändigt habe. Indefs lagen auf der Halb- 
insel auch römische Truppen, vielleicht eine Abtheilung der pontischen 
Flotte, sicher ein Detachement der moesischen Armee; bei geringer 
Zahl zeigte doch ihre Anwesenheit den Barbaren, dals der gefürchtete 
Legionär auch hinter diesen Griechen stand. Noch in anderer Weise 
schützte sie das Reich ; wenigstens in späterer Zeit sind den Fürsten 
des Bosporus regelmäfsig Geldsummen aus der Reichskasse gezahlt 
worden, deren sie auch insofern bedurften, als das Abkaufen der feind- 
lichen Einfälle durch stehende Jahrgelder hier, in dem nicht unmittel- 



^) Es ^ebt keine bosporanischen Gold- oder Pseadogoldmanzen ohne den 
römischen Kaiserkopf, und es ist^dies immer der des vom römischen Senat 
anerkannten Herrschers. Dafs in den Jahren 263 nnd 265, wo im Reiche 
sonst nach Valerians Gefangennehmung Gallienas offlciell als AUeinherrscher 
galt, hier zwei Köpfe auf den Münzen erscheinen, ist vielleicht nor Unknnde; 
doch mag der Bosporns damals anter den vielen Prätendenten eine andere Wahl 
getroffen haben. Die Namen werden in dieser Zeit nicht beigesetzt nnd die 
Bildnisse sind nicht sicher za unterscheiden. 



DAS GRIECHISCHE EUROPA. 293 

baren Reichslande, wahrscheinlich noch früher stehend geworden ist 
als anderswo ^). 

Dafs die Centralisimng des Regiments aach diesem Fürsten 
gegenüber zm* Anwendung kam und er nicht viel anders zu dem stou^ng. 
römischen Caesar stand wie der Bürgermeister von Athen, tritt viel- 
fach hervor; Erwähnung verdient, dais König Asandros und die 
Königin Dynamis Goldmünzen mit ihrem Namen und ihrem Bildnifs 
schlugen, dagegen dem König Polemon und seinen nächsten Nachfol- 
gern wohl die Goldprägung blieb, da dieses Gebiet so wie die anwoh- 
nenden Barbaren seit langem ausschliefslich an Goldcourant 'gewöhnt 
waren, aber sie veranlafst wurden ihre Goldstücke mit dem Namen 
und dem Bilde des regierenden Kaisers zu versehen. Ebenfalls seit 
Polemon ist der Fürst dieses Landes zugleich der Oberpriester auf 
Lebenszeit des Kaisers und des kaiserlichen Hauses. Im Uebrigen be- 
hielten die Verwaltung und das Hofwesen die unter Mithradates 
eingeführten Formen nach dem Muster des persischen GroMönig- 
thums, obwohl der Geheimschreiber {aQX^^Qccfbfuxisvg) und der Ober- 
kammerdlener {aQx^^comoreitiig) des Hofes von Pantikapaeon zu den 
vornehmen Hofbeamten der Grofskönige sich verhielten wie der Römer- 
feind Mithradates Eupator zu seinem Nachkommen Tiberius lulius 
Eupator, der wegen seines Anrechts an die bosporanische Krone in 
Rom vor Kaiser Plus Recht nahm. 

WerthvoU blieb dieses nordische Griechenland für das Reich Hand«! nsd 
wegen der Handelsbeziehungen. Wenn auch dieselben in dieser Epoche im fkMpon« 
wohl weniger bedeuteten als in älterer Zeit'), so ist doch der Kauf- 
mannsverkehr sehr rege geblieben. In der augustischen Zeit brachten 
die Stamme der Steppe Sclaven *) und Felle, die Kaufleute der Civili- 
sation Bekleidungsstücke, Wein und andere Luxusartikel nach Tanais; 
in noch höherem Mafse war Phanagoria die Niederlage für den Export 

1) Dies wird man dem Skythen Tozaris in dem unter den lacianischen 
stehenden Dialog (c. 44) glaaben därfen; im Uebrigen erzählt er nicht blofs 
fjiv-d-oig ofÄOta, sondern eben .einen Mythos, dessen Könige Leakanor und 
Enbiotos die Münzen begreiflicher Weise nicht kennen. 

*) In Betreff der Getreideausfuhr verdient die Notiz in dem Bericht des 
Plautios (S. 198) Beachtung. 

') Auch aus dem Erbieten einer von den römischen Truppen bedrängten Ort- 
schaft der Siraker (am Asowschen Meer) 10 000 Sclaven zu liefern (Tacitus 
ann. 12, 17) wird auf einen lebhaften Sclavenimport aus diesen Gegenden ge- 
schlossen werden dürfen. 



294 ACUTES BUCH. KAPITEL YII. 

der Einheimischen, Pantikapaeon für den Import der Griechen. Jene 
Wirren im Bosporus in der claudischen Zeit waren für die Kaufleute 
von Byzanz ein schwerer Schlag. Dafs die Gothen ihre Piratenfahrten 
im dritten Jahrhundert damit begannen die bosporanischen Rheder zu 
unfreiwilliger Hälfeleistung zu pressen, wurde schon erwähnt (S. 222). 
Wohl in Folge dieses den barbarischen Nachbaren selbst unentbehr- 
lichen Verkehrs haben die Burger von Chersonesos noch nach dem 
Wegziehen der römischen Besatzungen sich behauptet und konnten 
späterhin, als in justinianischer Zeit die Macht des Reiches sich auch 
nach dieser Richtung bin noch einmal geltend machte, als Griechen in 
das griechische Reich zurücktreten. 



KAPITEL Vm. 



KLEINASIEN. 

Die grofse Halbinsel, welche die drei Meere, das schwarze, das 
ägäische und mittelländische an drei Seiten bespülen und die gegen 
Osten mit dem eigentlichen asiatischen Continent zusammenhängt, 
wird, insoweit sie zum Grenzgebiet des Reiches gehört, in dem nächsten 
das Euphratgebiet und die römisch-parthiscben Beziehungen behan- 
delnden Abschnitt betrachtet werden. Hier sollen die Friedensverhält- 
nisse namentlich der westlichen Landschaften unter dem Kaiserregiment 
dargelegt werden. 

Die ursprüngliche oder doch vorgriechische Bevölkerung dieser Die Einge- 
weiten Strecken hat sich vielerorts in bedeutendem Umfang bis in die d?e°cl>io° 
Kaiserzeit hinein behauptet Dem früher erörterten thrakischen Stamme °"^°' 
hat sicher der gröfste Theil von Bithynien gehört; Phrygien, Lydien, 
Kilikien, Kappadokien zeigen sehr mannichfaltige und schwer zu lösende 
Ueberreste älterer Sprachepochen, die vielfach in die römische Zeit hin- 
abreichen; fremdartige Götter-, Menschen- und Ortsnamen begegnen 
überall. Aber so weit unser Blick reicht, dem flreilich das tiefere Ein- 
dringen hier selten gewährt ist, erscheinen diese Elemente nur weichend 
und schwindend, wesentlich als Negation der Civilisation oder, was 
hier damit uns wenigstens zusammenzufallen dünkt, der Hellenisirung. 
Es wird am geeigneten Platz auf einzelne Gruppen dieser Kategorie 
zurückzukommen sein; ifir die geschichtliche Entwickelung Klein- 
asiens in der Kaiserzeit giebt es daselbst nur zwei active Nationalitaten, 
die beiden zuletzt eingewanderten, in den Anfängen der geschicht- 
lichen Zeit die Hellenen und während der Wirren der Diadochenzeit 
die Kelten. 



296 ACHTES BDGH. KAPITEL Till. 

HeiieniBohe Die Gescbichte der kleinasiatischen HeUenen, so weit sie ein 
^ni^tkdlr Theil der römischen ist, ist frQher dargelegt worden. In der fernen 
Ciitar. 2eit, wo die Küsten des Mittelmeers zuerst befahren und besiedelt 
wurden und die Welt anfing unter die vorgeschrittenen Nationen 
auf Kosten der zurückgebliebenen aufgetheilt zu werden, hatte die 
Hochfluth der hellenischen Auswanderung sich zwar über alle Ufer 
des mittelländischen Meeres, aber doch nirgend hin, selbst nicht 
nach Italien und Sicilien in so breitem Strom ergossen wie über 
das inselreiche ägäische Meer und die nahe hafenreiche üebliche 
Küste Vorderasiens. Die vorderasiatischen Griechen hatten dann selbst 
vor allen übrigen sich thätig an der weiteren Welteroberung be- 
theiligt, von Miletos aus die Küsten des schwarzen Heeres, von Pho- 
kaea und Knidos aus die der Westsee besiedeln helfen. In Asien ergriff 
die hellenische Civilisation wohl die Bewohner des Binnenlandes, die 
Myser, Lydier, Karer, Lykier und selbst die persische Gröfsmacht blieb 
von ihr nicht unberührt. Aber die Hellenen selber besafsen nichts als 
den Küstensaum, höchstens mit Einschlufs des unteren Laufs der 
gröfseren Flüsse, und die Inseln. Continentale Eroberung und eigene 
Landmacht vermochten sie hier gegenüber den mächtigen einheimi- 
schen Fürsten nicht zu gewinnen; auch lud das hochgelegene und 
grossentheils wenig culturfähige Binnenland Kleinasiens nicht so wie 
die Küsten zur Ansiedelung ein und die Verbindungen dieser mit dem 
Innern sind schwierig. Wesentlich in Folge dessen brachten es die 
asiatischen Hellenen noch weniger als die europäischen zur inneren 
Einigung und zur eigenen Gröfsmacht und lernten früh die Fügsamkeit 
gegenüber den Herren des Continents. Der national hellenische Ge- 
danke kam ihnen erst von Athen ; sie wurden dessen Bundesgenossen 
nur nach dem Siege und blieben es nicht in der Stunde der Gefahr. 
Was Athen diesen Schutzbefohlenen der Nation hatte leisten wollen 
und nicht hatte leisten können, das vollbrachte Alexander; Hellas 
mufste er besiegen, Kleinasien sah in dem Eroberer nur den Befreier. 
Alexanders Sieg sicherte in der That nicht blofs das asiatische Hei- 
lenenthum, sondern öifnete ihm eine weite fast ungemessene Zu- 
kunft; die Besiedelung des Continents, welche im Gegensatz der blofs 
litoralen dieses zweite Stadium der hellenischen Welteroberung be- 
zeichnet, ergriff auch Kleinasien in bedeutendem Umfang. Doch von 
den Knotenpunkten der neuen Staatenbildung kam keiner nach den 



KLEIIfASIEN. 297 

alten Griecbenstädten der Küste ^). Die neue Zeit forderte wie über- 
haupt neue Gestaltung, so vor allem auch neue Städte, zugleich grie- 
chische Königsresidenzen und Mittelpunkte bisher ungriechischer und 
dem Griechenthum zuzuführender Bevölkerungen. Die grofse staat- 
liche EntWickelung bewegt sich um die Städte königlicher Gründung 
und königlichen Namens, Thessalonike, Antiocheia, Alexandreia. Mit 
ihren Herren hatten die Römer zu ringen ; den Besitz Kleinasiens ge- 
wannen sie fast durchaus, wie man von Verwandten oder Freunden 
ein Landgut erwirbt, durch Vermächtnifs im Testament; und wie 
schwer auf den also gewonnenen Landschaften zeitweise das römische 
Regiment gelastet hat, der Stachel der Fremdherrschaft trat hier nicht 
hinzu. Eine nationale Opposition hat wohl der Achaemenide Mithra- 
dates den Römern in Kleinasien entgegengestellt und das römische 
Mifsregiment die Hellenen in seine Arme getrieben; aber diese selbst 
haben nie etwas Aehnliches unternommen. Darum ist von diesem 
grofsen, reichen, wichtigen Besitz in politischer Hinsicht wenig zu be- 
richten; um so weniger, als in Betreff der nationalen Beziehungen 
der Hellenen überhaupt zu den Römern das in dem yorhergehenden Ab- 
schnitt Bemerkte wesentlich auch für die kleinasialischen Geltung hat. 

Die römische Verwaltung Kleinasiens wurde nie in systema- ^**^^J; 
tischer Weise geordnet, sondern die einzelnen Gebiete so, wie sie ProTii»en. 
zum Reich kamen, ohne wesentliche Veränderung der Grenzen als 
römische Verwaltungsbezirke eingerichtet. Die Staaten, welche König 
Attalos HL von Pergamon den Römern vermacht hatte, bilden die 
Provinz Asia; die ebenfalls durch Erbgang ihnen zugefallenen des 
Königs Nikomedes die Provinz Bithynien; das dem Mithradates Eupator 
abgenommene Gebiet die mit Bithynien vereinigte Provinz Pontus. 
Kreta wurde bei Gelegenheit des grofsen Piratenkrieges von den 
Römern besetzt ; Kyrene, das gleich hier mit erwähnt werden mag, 
nach dem letzten WiUen seines Herrschers von ihnen übernommen. 
Derselbe Rechtstitel gab der Republik die Insel Kypros ; hinzu kam 
hier die noth wendige Unterdrückung der Piraterie. Diese hatte auch zu 
der Bildung der Statthalterschaft Kilikien den Grund gelegt; vollständig 
kam das Land an Rom durch Pompeius mit Syrien zugleich und 

') Hätte der Staat des Lysimachos Bestand gehabt, so wäre es wohl 
anders sekommen. Seioo Grändnogen Alexandreia in der Troas und Lysimacheia, 
Ephesos-Arsinoe verstärkt durch die Uebersiedelang der Bewohner von Kolo- 
phon nnd Lebedos, liegen in der bezeichneten Richtung. 



298 ACHTES BUCH. KAPITEL VIII. 

beide siod während des ersten Jahrhunderts gemeinschaftlich verwaltet 
worden. All dieser Länderbesitz warbereits von der Republik erworben. 
In der Kaiserzeit traten eine Anzahl Gebiete hinzu, welche früher 
nur mittelbar zum Reich gehört hatten: im J. 729 d. St. = 
25 V. Chr. das Königreich Galatien, mit welchem ein Theil Phrygiens, 
Lykaonien, Pisidien, Pamphylien vereinigt worden war ; im J. 747 = 
7 V. Chr. die Herrschaft des Königs Deiotarus Kastors Sohn, welche 
Gangra in Paphlagonien und wahrsdieinlich auch Amaseia und andere 
benachbarte Orte umfasste; im J. 17 n. Chr. das Königreich Kappa- 
dokien; im J. 43 das Gebiet der Conföderation der lykischen 
Städte; im J. 63 das nordöstliche Kleinasien vom Thal des Iris bis zur 
armenischen Grenze; Klein - Armenien und einige kleinere Fursten- 
thumer in Kilikien wahrscheinlich durch Vespasian. Damit war die un- 
mittelbare Reichsverwaltung in ganz Kieinasien durchgeführt. Lehns- 
fürstenthümer blieben nur der taurische Bosporus, von dem schon die 
Rede war, und Grol's- Armenien, von dem der nächste Abschnitt 
handeln wird. 
Senate- und Als bei dem Eintreten des Kaiserregiments die administrative Schei- 

r^ment. duug zwischen ihm und dem des Reichsraths getroffen ward, kam das 
gesammte kleinasiatische Gebiet, so weit es damals unmittelbar unter 
dem Reiche stand, an den letzteren; die Insel Kypros, die anfangs 
unter kaiserliche Verwaltung gelangt war, ging ebenfalls wenige Jahre 
später an den Senat über. So entstanden hier die vier seoatorischen 
Statthalterschaften Asia, Bithynia und Pontus, Kypros, Kreta und 
Kyrene. Unter kaiserlicher Verwaltung stand anfangs nur Kilikien als 
Theil der syrischen Provinz. Aber die später in unmittelbare Reichsver- 
waltunggelangtenGebiete wurden hier wie im ganzen Reich unter kaiser- 
liche Statthalter gelegt; so ward noch unter Augustus aus den binnen- 
ländischen Landschaften des galatischen Reiches die Provinz Galatien 
gebildet und die Kästenlandschaft Pamphylien einem anderen Statt- 
halter überwiesen, welchem letzteren unter Claudius weiter Lykien 
unteiTstellt ward. Ferner ward Kappadokien kaiserliche Statthalter- 
schaft unter Tiberius. Auch blieb natürlich Kilikien, als es eigene 
Statthalter erhielt, unter kaiserlicher Verwaltung. Abgesehen davon, 
dafs Uadrian die wichtige Provinz ßithynien und Pontus gegen die 
unbedeutende lykisch-pamphylische eintauschte, blieb diese Ordnung 
in Kraft, bis gegen das Ende des 3. Jahrhunderts die senatorische 
Mitverwaltung überhaupt bis auf geringe Ueberreste beseitigt ward. 



KLEINASIEN. 299 

Die Grenze ward in der ersten Kaiserzeit durchaus durch die Lehns- 
furstenthümer gebildet; nach deren Einziehung berührte die Reichs- 
grenze, von Kyrene abgesehen, unter allen diesen Verwaltungsbezirken 
nur der kappadokische, insofern diesem damals auch die nordöstliche 
Grenzlandschaft bis hinauf nach Trapezunt zugetheilt war^); und auch 
diese Statthalterschaft grenzte nicht mit dem eigentlichen Ausland, 
sondern im Norden mit den abhängigen Völkerschaften am Phasis, 
weiterhin mit dem von Rechtswegen und einigermafsen auch that- 
sächlich zum Reiche gehörigen Lehnskönigthum Armenien. 

Um von den Zuständen und der Entwickelung Kleinasiens in den 
drei ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung eine Vorsleüung zu 
gewinnen, so weit dies bei einem aus unserer unmittelbaren geschicht- 
lichen Ueberlieferung gänzlich ausfallenden Lande möglich ist, wird 
bei dem conservativen Charakter des römischen Provinzialregiments 
an die älteren Gebietstheilungen und die Vorgeschichte der einzelnen 
Landschaften anzuknöpfen sein. 

Die Provinz Asia ist das alte Reich der Attaliden, Vorderasien bis Ati». 
nördlich zur bithynischen, südlich zur lykischen Grenze; die anfangs 
davon abgetrennten östlichen Striche, das grofse Phrygien, waren schon 



^) Nirgends haben die Greozen der Lehnstaatea und selbst der Provinzen 
mehr gewechseU als im nordöstlichen Kleinasien. Die nninittelbare Reichs- 
Verwaltung trat hier für die Landschaften des Königs Polemon, Tvozn Zela, 
Neocaesarea, Trapezus gehörten, im J. 63 ein, fdr Klein- Armenien, wir wissen 
nicht genau wann, wahrscheinlich im Anfang der Regierang Vespasians. 
Der letzte Lehnkönig von Kleinarmenien, dessen gedacht wird, ist der Herodeer 
Aristobulos (Taeitus ann. 13, 7. 14, 26; Josephns ant 20, 8, 4), der es noch im 
J. 60 besafs; im J. 75 war die Landschaft römisch (C. I. L. III, 306) und wahr- 
scheinlich hat die eine der seit Vespasian in Kappadokien garnisonirenden 
Legionen von Anfang an in dem kloinarmenischen Satala gestanden. Vespasian 
hat die genannten Landschaften so wie Galatien und Kappadokien zu einer 
grossen Statthalterschaft vereinigt. Am Ende der domitianischen Regierung 
finden wir Galatien und Kappadokien getrennt und die nordöstlichen Provinzen 
zu Galatien gelegt. Unter Traian ist zuerst wiederum der ganze Bezirk in 
einer Hand, späterhin (Eph. ep. V n. 1345) in der Weise getheilt, dafs die 
nordöstliche Küste zu Kappadokien gehört. Dabei ist es wenigstens insoweit 
geblieben, dafs Trapezunt, und also auch Klein-Armenien, fortan beständig unter 
diesem Statthalter gestanden hat. Also hatte, von einer kurzen Unterbrechung 
unter Domitian abgesehen, der Legat von Galatien nichts mit der Grenz- 
vertheidignng zu thun und ist diese , wie es auch in der Sache liegt, stets 
mit dem Commando Kappadokiens und seiner Legionen vereinigt gewesen. 



Die Ktut«n- 
stldt«. 



300 ACHTES BDGH. KAPITEL Till. 

in republikanischer Zeit wieder dazu geschlagen worden (2, 265) und 
die Provinz reichte seitdem bis an die Landschaft der Galater und die 
pisidischen Gebirge. Auch Rhodus und die übrigen kleineren Inseln des 
ägäiscben Meeres gehörten zu diesem Sprengel. Die ursprüngliche 
hellenische Ansiedelung hatte aufser den Inseln und der eigentlichen 
Küste auch die unteren Thäler der gröfseren Flüsse besetzt; Magnesia 
am Sipylos im Hermosthai, das andere Magnesia und Tralles im Thal 
des Maeandros waren schon vor Alexander als griechische Städte ge- 
gründet oder doch griechische Städte geworden; die Karer, Lyder, 
Myser wurden früh wenigstens zu Halbhellenen. Die eintretende 
Griechenberrschaft fand in den Küstenlandschaften nicht viel zu thun ; 
Smyrna, das vor Jahrhunderten von den Barbaren des Binnenlandes 
zerstört worden war, erhob sich damals aus seinen Trümmern, um 
rasch wieder einer der ersten Sterne des glänzenden kleinasiatischen 
Städteringes zu werden; und wenn der Wiederaufbau von Uion an 
dem Grabhügel Rektors mehr ein Werk der Pietät als der Politik war, 
so war die Anlage von Alexandreia an der Küste der Troas von bleiben- 
der Bedeutung. Pergamon im Thal des Kaikos blühte auf als Residenz 
der Attaliden. 
Dm Binnen- In dem grofscu Werk der Hellenisirung des Binnenlandes dieser 
Provinz wetteiferten, Alexanders Intentionen entsprechend, alle helle- 
nischen Regierungen, Lysimachos, dieSeleukiden,die Attaliden. Die ein- 
zelnen Gründungen sind aus unserer Ueberlieferung noch mehr ver- 
schwunden als die Kriegsläufte der gleichen Epoche; wir sind hauptsäch- 
lich angewiesen auf die Namen und die Beinamen der Städte; aber auch 
diese genügen, um die allgemeinen Umrisse dieser Jahrhunderte hin- 
durch sich fortsetzenden und dennoch homogenen und zielbewufsten 
Thätigkeit zu erkennen. Eine Reihe binnenländischer Ortschaften, 
Stratonikeia in Karlen, Peltae, Blaundos, Dokimeion, Kadoi inPhrygien, 
die Mysomakedonier im Bezirk von Ephesos, Thyateira, Hyrkania, 
Nakrasa im Hermosgebiet, die Askylaken im Bezirk von Adramytion 
werden in Urkunden oder sonstigen glaubwürdigen Zeugnissen als Make- 
donierstädte bezeichnet; und diese Erwähnungen sind so zufälliger Art 
und die Ortschaften theilweise so unbedeutend, dafs die gleiche Bezeich- 
nung sicher auf eine grofse Anzahl anderer Niederlassungen in dieser 
Gegend sich erstreckt hat und wir schliefsen dürfen auf eine ausge- 
dehnte wahrscheinlich mit dem Schutz Vorderasiens gegen die Galater 
und Pisidier zusammenhängende Ansiedelung griechischer Soldaten 



KLEIN ASIEN. 301 

in den bezeichneten Gegenden. Wenn ferner die Münzen der an- 
sehnlichen phrygischen Stadt Synnada mit ihrem Stadtnamen den der 
loner und der Derer so wie den des gemeinen Zeus (ZevgndydiifAog) 
verbinden, so mufs einer der Alexandriden die Griechen insgemein 
aufgefordert haben hier sich niederzulassen; und auch dies beschränkte 
sich gewifs nicht auf diese einzelne Stadt. Die zahlreichen Städte haupt- 
sächlich des Binnenlandes, deren Namen auf die Königshäuser der 
Seleukiden oder der Attaliden zurückgehen oder die sonst griechisch 
benannt sind, sollen hier nicht aufgeführt werden ; es befinden sich 
namenllich unter den sicher von den Seleukiden gegründeten oder reor- 
ganisirten Städten mehrere der in späterer Zeit blühendsten und 
gesittetsten des Binnenlandes, zum Beispiel im südlichen Phrygien 
Laodikeia und vor allem Apameia, das alte Keiaenae an der grofsen 
Heerstrafse von der Westküste Kleinasiens zum mittleren Euphrat, schon 
in persischer Zeit das Entrepot für diesen Verkehr und unter Augustus 
nach Ephesos die bedeutendste Stadt der Provinz Asia. Wenn auch 
nicht jede Beilegung eines griechischen Namens mit Ansiedelung 
griechischer Colonisten verbunden gewesen sein wird, so werden wir 
doch einen beträchtlichen Theil dieser Ortschaften den griechischen 
Pflanzstädten beizählen dürfen. Aber auch die städtischen Ansiede- 
lungen nicht griechischen Ursprungs, die die Alexandriden vorfanden, 
lenkten von selber in die Bahnen der Hellenisirung ein, wie denn die 
Residenz des persischen Statthalters Sardes noch von Alexander selbst 
als griechisches Gemeinwesen geordnet ward. — Diese städtische 
Entwickelung war vollzogen, als die Römer die Herrschaft über Vorder- 
asien antraten; sie selber haben sie nicht in intensiver Weise gefördert 
Dafs eine grofse Anzahl der Stadtgemeinden in der östlichen Hälfte 
der Provinz ihre Jahre von dem der Stadt 670, v. Chr. 84 zählen, 
kommt daher, dafs damals nach Beendigung des mithradatischen 
Krieges diese Bezirke durch Sulla unter unmittelbar römische Verwal- 
tung kamen (2, 302); Stadtrecht haben diese Ortschaften nicht erst 
damals erhalten. Augustus hat die Stadt Parium am Hellespont und 
die schon erwähnte Alexandreia in Troas mit Veteranen seiner Armee 
besetzt und beiden die Rechte der römischen Bürgergeraeinden beige- 
legt; letztere ist seitdem in dem griechischen Asien eine italische Insel 
gewesen wie Korinth in Griechenland und Berytos in Syrien. Aber dies 
war nichts als Soldatenversorgung ; von eigentlicher Städtegründung in 
der römischen Provinz Asien unter den Kaisem ist wenig die Rede. 



302 ACHTES BUCH. KAPITEL YIII. 

Unter den nicht zahlreichen nach Kaisern benannten Städten daselbst 
ist vielleicht nur von Sebaste und Tiberiupolis, beide in Phrygien, und 
von Hadrianoi an der bithynischen Grenze kein älterer Stadtname nach- 
zuweisen. Hier, in der Berglandschaft zwischen dem Ida und dem 
Olymp, hauste Kleon in derTriumviralzeit, ein gewisser Tilliboros unter 
Hadrian, beide halb Räuberhauptleute, halb Volksfursten, von denen 
jener selbst in der Politik eine Rolle gespielt hat; in dieser Frei- 
statt der Verbrecher war die Gründung einer geordneten Stadtgemeinde 
durch Hadrian allerdings eine Wohlthat Sonst blieb in dieser Provinz, 
mit ihren fünfhundert Stadtgemeinden der städtereichsten des ganzen 
Staates, in dieser Hinsicht wohl nicht mehr viel zu stiften übrig, 
höchstens etwa zu theilen, das heifst die factisch zu einer Stadtge- 
meinde sich entwickelnden Flecken aus dem froheren Gemeindever- 
bande zu lösen und selbständig zu machen, wie wir einen Fall der Art 
in Phrygien unter Constantin I. nachweisen können. Aber von der 
eigentlichen Hellenisirung waren die abgelegenen Gebiete noch weit 
entfernt, als das römische Regiment begann; insbesondere in Phrygien 
behauptete sich die vielleicht der armenischen gleichartige Landes- 
sprache. Wenn aus dem Fehlen griechischer Münzen und griechischer 
Inschriften nicht mit Sicherheit auf das Fehlen der Hellenisirung 
geschlossen werden darf^), so weist doch die Thatsache, dafs die 
phrygischen Münzen fast durchaus der römischen Kaiserzeit, die 
phrygischen Inschriften der grofsen Mehrzahl nach der späteren 
Kaiserzeit angehören, darauf hin, dafs in die entlegenen und derCiviii- 
sation schwer zugänglichen Gegenden der Provinz Asia die hellenische 
Gesittung so weit überhaupt, überwiegend erst unter den Kaisern den 
Weg fand. Zu unmittelbarem Eingreifen der Reichsverwaltung bot dieser 
im Stillen sich vollziehende Prozefs wenig Gelegenheit und Spuren 
solchen Eingreifens vermögen wir nicht nachzuweisen. Freilich war 



') Die städtische MiinzprS^of^ and die loschriftsetzuDf^ stehen anter so 
vielfachen Bedingangen, dafs das Fehlen oder auch die Fälle der einen wie der 
andern nieht ohne weiteres za RücksehlSssen aaf die Abwesenheit oder die 
Intensität einer bestimmten Civilisationsphase berechtigen. Für Kleinasien 
insbesondere ist za beachten, dafs es das gelobte Land der manicipalen Eitel- 
keit ist and ansere Denkmäler, auch die Münzen, zam weitaas grössten Theil 
dadurch hervorgerafen sind^ dafs die Regierang der römischen Kaiser dieser 
freien Lauf liers. 



RiTalitAtoa. 



KLEINASIEN. 303 

Asia eine senatorische Provinz, und dafs dem Senatsregiment jede 
Initiative abging, mag auch hier in Betracht kommen. 

Syrien und mehr noch Aegypten gehen auf in ihren Metropolen; j^tidtiaehe 
die Provinz Asien und Kleinasien überhaupt hat keine einzelne Stadt 
aufzuweisen gleich Antiocheia und Alexandreia, sondern sein Gedeihen 
ruht auf den zahlreichen Mittelstädten. Die Eintheilung der Städte in 
drei Klassen, welche sich unterscheiden im Stimmrecht auf dem Land- 
tag, in der Repartition der von der ganzen Provinz aufzubringenden 
Leistungen, selbst in der Zahl der anzustellenden Stadiärzte und 
städtischen Lehrer^), ist vorzugsweise diesen Landschaften eigen. 
Auch die städtischen Rivalitäten , die in Kleinasien so energisch und 
zum Theil so kindisch, gelegentlich auch so gehässig hervortreten, 
wie zum Beispiel der Kneg zwischen Severus und Niger in Bithynien 
eigentlich ein Krieg der beiden rivalisirenden Capitaien Nikomedeia 
und Nikaea war, gehören zum Wesen zwar der hellenischen Politien 
überhaupt, insbesondere aber der kleinasiatischen. Des Wetteifers um 
die Kaisertempel werden wir weiterhin gedenken; in ähnlicher Weise 
war die Rangfolge der städtischen Deputationen bei den gemeinschaft- 
lichen Festen in Kleinasien eine Lebensfrage — Magnesia am Maeander 
nennt sich auf den Münzen die 'siebente Stadt von Asia' — und vor 
allem der erste Platz war ein so begehrter, dafs die Regierung scbliefs- 
lieh sich dazu verstand mehrere erste Städte zuzulassen. Aehnlich ging 
es mit der Metropolenbezeichnung. Die eigentliche Metropole der Provinz 
war Pergamon, die Residenz der Attaliden und der Sitz des Landtags. 
Aber Ephesos , die factische Hauptstadt der Provinz, wo der Statthalter 
verpflichtet war sein Amt anzutreten und das auch dieses 'Landungs- 
rechts ^ auf seinen Münzen sich berühmt, Smyrna, mit dem ephesischen 
Nachbar in steter Rivalität und dem legitimen Erstenrecht der Ephesier 
zum Trotz auf den Münzen sich nennend 'die erste an Gröfse und 
Schönheit', das uralte Sardeis, Kyzikos und andere mehr strebten 
nach dem gleichen Ehrenrechte. Mit diesen ihren Quängeleien, wegen 



'Die VerordDUDg', sagt der Jurist Modestinas, der sie referirt {Big. 27, 
1, 6, 3) Mnteressirt alle Proviozeo, obwohl sie an die Asiaten (periehtet ist'. 
Aach pafst sie in der That nur da, wo es Städteklassen giebt, and der Jurist 
fö^ eine Anweisonfp hiozn, wie sie anf anders geordnete Provinsen anzn- 
weoden sei. Was der Biofpraph des Pins c. 11 über die von Pins den Rhe- 
toren gpewührtea Ansseichanngen and Gehalte berichtet, hat mit dieser Ver- 
fägong nichts za sehalTen. 



304 ACHTES BUCH. KAPITEL YIII. 

deren regdmäCsig der Senat und der Kaiser angegangen wurden, den 
^griechischen Dummheiten', wie|nianinRom zu sagen pflegte, waren die 
Kleinasiaten der stehende Verdrufs und das stehende Gespött der 
vornehmen Römer ^). 
Bithynien. Nicht auf der gleichen Höhe wie das Attalidenreich befand sich 

Bithynien. Die ältere griechische Colonisirung hatte sich hier lediglich 
auf die Küste beschränkt In der hellenistischen Epoche hatten anfangs 
die makedonischen Herrscher, später die völlig deren Wege wandelnde 
einheimische Dynastie neben der im Ganzen wohl auf Umnennung 
hinauslaufenden Einrichtung der Kustenorte einigermaüsen auch das 
Binnenland erschlossen, namentlich durch die beiden glückUch ge- 
diehenen Anlagen von Nikaea (Isnik) und Prusa am Olymp (Brussa); 
von der ersteren wird hervorgehoben, dafs'die ersten Ansiedler von 
guter makedonischer und hellenischer Herkunft gewesen seien. Aber 
in der Intensität der Hellenisirung stand das Reich des Nikomedes 
weit zurück hinter dem des Burgerfürsten von Pergamon; insonderheit 
das östliche Binnenland kann vor Augustus nur wenig besiedelt gewesen 
sein. Dies ward in der Kaiserzeit anders. In augustischer Zeit baute 
ein glücklicher Räuberhauptmann, dersich zur Ordnung bekehrte, ander 
galatischen Grenze die gänzUch herabgekommene Ortschaft Gordiu Kome 
unter dem Namen Juliopolis wieder auf; in derselben Gegend sind die 
Städte Bithynion-Claudiopolis und Krateia-Flaviopolis wahrscheinlich 
im Laufe des ersten Jahrhunderts zu griechischem Stadtrecht gelangt. 
Ueberhaupt hat in Bithynien der Hellenismus unter der Kaiserzeit 
einen mächtigen Aufschwung genommen und der derbe thrakische 
Schlag der Eingebornen gab ihm eine gute Grundlage. Dafs unter den 
in grofser Anzahl bekannten Schriftsteinen dieser Provinz nicht mehr 
als vier der vorrömischen Zeit angehören, wird nicht allein daraus er- 

^) Vortrefflich setzt Dio von Prosa in seioea ADsprachen an die Bürger 
von Nikomedeia and von Tarsos auseinander, dafs kein gebildeter Mann fdr 
sich solche leere Bezeichnungen haben möchte nnd die Titelsacht für die 
Städte geradeza aobegreiflich sei ; wie es das Zeichen der richtigen Kleinstädterei 
sei sieh solche Rangbescheioigangen aasstellen zu lassen; wie der schlechte 
Statthalter dorch diesen Städtehader sieh immer decke, da Nikaea and 
Nikomedeia nie unter sich zasammenhielten. 'Die Römer gehen mit euch am 
'wie mit Kindern, denen man geringes Spielzeug schenkt; Mifshandlangen nehmt ihr 
'hin nm Namen zu bekommen ; sie nennen eure Stadt die erste, nmsieals die letzte zu 
'behandeln. Den Römern seid ihr damit zum Gelächter geworden nnd sie 
'nennen das 'griechische Dummheiten, (Ellrjvtxä afjLuqtr (laxa).* 



KLBINASIBN. 305 

klärt werden können, dafs die städtische Ambition erst unter den 
Kaisern grofsgezogen worden ist. In der Litteratur der Kaiserzeit ge- 
hören eine Anzahl der besten und von der wuchernden Rhetorik am 
wenigsten erfassten Schriftsteller, wie der Philosoph Dion von Prusa, 
die Historiker Memnon von Herakleia, Arrhianos aus Nikomedeia, 
Cassius Dion von Nikaea, nach Bithynien. 

Die östliche Hälfte der Südküste des schwarzen Meeres, die römi- Pontu. 
sehe Provinz Pontus, hat zur Grundlage denjenigen Theil des Reiches 
Mithradats, den Porapeius sofort nach dem Siege in unmittelbaren 
Besitz nahm. Die zahlreichen kleinen Förstenthümer, welche im pa- 
phlagonischen Binnenland und östlich davon bis zur armenischen 
Grenze Pompeius gleichzeitig vergab, wurden nach kürzerem oder 
längerem Bestand bei ihrer Einziehung theils derselben Provinz zuge- 
legt, theils zu Galatien oder Kappadokien geschlagen. Das ehemalige 
Reich des Mithradates war sowohl von dem älteren wie von dem 
jüngeren Hellenismus bei weitem weniger als die westlichen Land- 
schaften berührt worden. Als die Römer dieses Gebiet mittelbar oder 
unmittelbar in Besitz nahmen, gab es griechisch geordnete Städte dort 
streng genommen nicht; Amaseia, die alte Residenz der pontischen 
Achaemeniden und immer ihre Grabstadt, war dies nicht; die beiden 
alten griechischen Kustenstädte Amisos und das einst über das schwarze 
Meer gebietende Sinope waren königliche Residenzen geworden, und 
auch den wenigen von Mithradates angelegten Ortschaften, zum Beispiel 
Eopatoria (3, 155), wird schwerlich griechische Politie gegeben worden 
sein. Hier aber war, wie schon früher ausgeführt ward (3, 154), die 
römische Eroberung zugleich die Hellenisirung; Pompeius organisirte 
die Provinz in der Weise, dals er die elf Hauptortschaften derselben 
zu Städten machte und unter sie das Gebiet vertheilte. Aller- 
dings ähnelten diese kunstlich geschaffenen Städte mit ihren un- 
geheuren Bezirken — der von Sinope hatte an der Küste eine Aus- 
dehnung von 16 deutschen Meilen und grenzte am Halys mit dem 
amisenischen — mehr den keltischen Gauen als den eigentlich hel- 
lenischen und italischen Stadtgemeinden. Aber es wurden doch damals 
Sinope und Amisos in ihre alte Stellung wieder eingesetzt und andere 
Städte im Binnenland, wie Pompeiupolis, Nikopolis, Megalopolis, das 
spätere Sebasteia, ins Leben gerufen. Sinope erhielt durch den 
Dictator Caesar das Recht der römischen Colonie und ohne Zweifel 
auch italische Ansiedler (3, 555). Wichtiger für die römische Ver- 

llommien, rOm. Gesehieht«. V. OA 



306 ACHTES BUCH. KAPITEL VUl. 

waltuDg ward Trapezus, eine alte Colonie von Sinope; die Stadt, die im 
J. 63 zur Provinz Kappadokien geschlagen ward (S. 299 A. 1), war wie 
der Standort der römischen Pontusflotte so auch gewissermafsen die 
Operationsbasis fär das Truppencorps dieser Provinz, das einzige in 
ganz Kieinasien. 
Kftpp». Das binnenländische Kappadokien war seit der Einrichtung der 

dokieo. Provinzen Pontus und Syrien in römischer Gewalt ; aber die Einziehung 
desselben im Anfang der Regierung des Tiberius, welche zunächst ver- 
anlaüst ward durch den Versuch Armeniens, sich der römischen 
Lehnsherrschaft zu entwinden, wird in dem folgenden Abschnitt zu 
berichten sein. Der Hof und was unmittelbar damit zusammenhing, 
hatte sich heilenisii't (2, 55), etwa so, wie die deutschen Höfe des 
18. Jahrhunderts sich dem französischen Wesen zuwandten. Die 
Hauptstadt Kaesareia, das alte Mazaka, gleich dem phrygischen Apameia 
eine Zwischenstelle des greisen Verkehrs zwischen den Häfen der West- 
koste und den Euphratländern und in römischer Zeit wie noch heute 
eine dei* blühendsten Handelsstädte Kleinasiens, war auf Pompeius 
Veranlassung nach dem mithradatischen Kriege nicht blofs wieder auf- 
gebaut, sondern wahrscheinlich damals auch mit Stadtrecht nach 
griechischer Art ausgestattet worden. Kappadokien selbst war im 
Anfang der Kaiserzeit schwerlich mehr griechisch als Brandenburg und 
Pommern unter Friedrich dem Grofsen französisch. Als das Land 
römisch ward, zerfiel es nach den Angaben des gleichzeitigen Strabon 
nicht in Stadtbezirke, sondern in zehn Aemter, von denen nur zwei 
Städte hatten, die schon genannte Hauptstadt und Tyana; und diese 
Ordnung ist hier im Grofsen und Ganzen so wenig verändert worden 
wieinAegypten, wenn auch einzelne Ortschaften späterhin griechisches 
Stadtrecht empfingen, zum Beispiel Kaiser Marcus aus dem kappa- 
dokischen Dorf, in dem seine Gemahlin gestorben war, die Stadt 
Faustinopolis machte. Griechisch freilich sprachen die Kappadokier 
jetzt; aber die Studirenden aus Kappadokien hatten auswärts viel zu 
leiden wegen ihres groben Accents und ihrer Fehler in Aussprache 
und Betonung, und wenn sie attisch reden lernten, fanden die 
Lykien. Laudsloute ihre Sprache affectirt^). Erst in der christliichenZeit gaben 



') FtasaDias ans Kaesareia rückt bei Pliilostratas vitae soph. 2, 13 dem 
Herodea Attikos seine Fehler vor: nax^^f ^i yXtowtrf xal tos Xanna^oxats 
^vvri^s^ ivyM^oucmf fih rä avfifpmva ttür mo^x^lmti ovariXlmy ifi tu /«i}- 



KLEINASIEN. 307 

die Studiengenossen des Kaisers Julian, Gregorios von Nazianzos und 
Basilios von Kaesareia dem kappadokischen Namen einen besseren 
Klang. 

Die lykischen Städte in ihrem abgeschlossenen Berglande öffneten 
ihre Küste der griechischen Ansiedelung nicht, aber schlössen sich 
darum doch nicht gegen den hellenischen Einflufs ab. Lykien ist die 
einzige kleinasiatische Landschaft, in welcher die frühe Civilisirung die 
Landessprache nicht beseitigt hat, und welche, fast wie die Römer, 
in griechisches Wesen einging, ohne sich äufserlich zu hellenisiren. 
Es bezeichnet ihre Stellung, dafs die lykische Confoderation als solche 
dem attischen Seebund sich angeschlossen und an die athenische Vor- 
macht ihren Tribut entrichtet hat. Die Lykier haben nicht blofs ihre 
Kunst nach hellenischen Mustern geübt, sondern wohl auch ihre 
politische Ordnung früh in gleicher Weise geregelt. Die Umwandlung 
des einst Rhodos unterthänigen, aber nach dem dritten makedonischen 
Krieg unabhängig gewordenen (1, 774) Städtebundes in eine römische 
Provinz, welche wegen des endlosen Haders unter den Verbündeten 
von Kaiser Claudius verfügt ward, wird«das Vordringen des Hellenismus 
gefördert haben; im Verlauf der Kaiserzeit sind dann die Lykier voll- 
ständig zu Griechen geworden. 

Die pamphylischen Küstenstädte, wie Aspendos und Perge, grie- Pftmphji< 
chische Gründungen der ältesten Zeit, später sidi selbst überlassen ^° 
und unter günstigen Verhältnissen gedeihlidi entwickelt, hatten das 
älteste Hellenenthum in einer Weise sei es conservirt, sei es aus sich 
heraus eigenartig gestaltet, dafs die Pamphylier nicht viel weniger als 
die benachbarten Lykier in Sprache und Schrift als selbständige Nation 
gelten konnten. Als dann Asien den Hellenen gewonnen ward, fanden 
sie allmählich den Rückweg wie in die gemeine griechische Givilisation 
so auch in die allgemeine politische Ordnung* Die Herren in dieser 
Gegend wie an der benachbarten kilikischen Küste waren in helle- 
nistischer Zeit theils die Aegypter, deren Königshaus verschiedenen Pisidien nnd 
Ortschaften in Pamphylien und Kilikien den Namen gegeben hat, ^^°"^°' 
theils die Seleukiden, nach denen die bedeutendste Stadt Westkilikiens 
Seleukeia am Kalykadnos heifst, theils die Pergamener, von deren 
Herrschaft Attaleia (Adalia) in Pamphylien zeugt. Dagegen hatten 

xwofifvtt xal fiijxvvtov rä ßqa^ia, Vita Apoll. 1, 7; r ylätTajixTixmalxtVy 

20* 



len 
ilikieo. 



308 ACHTES BUCH. KAPITEL YIII. 

die Völkerschaften in den Gebirgen Pisidiens, kauriens und West- 
kilikiens bis auf den Beginn der Kaiserzeit ihre Unabhängigkeit der 
Sache nach behauptet. Hier ruhten die Fehden nie. Nicht blofs zu 
Lande hatten die cirilisirten Regierungen stets mit den Pisidiern und 
ihren Genossen zu schaffen, sondern es betrieben dieselben namentlich 
von dem westlichen Kilikien aus, wo die Gebirge unmittelbar an das 
Meer treten, noch eifriger als den Landraub das Gewerbe der Piraterie. 
Als bei dem Verfall der ägyptischen Seemacht die SildkQste Klein- 
asiens völlig zur Freistatt der Seeräuber ward, traten die Römer ein und 
richteten die Provinz KUikien, welche die pamphylische Koste mit um- 
fafste oder doch umfassen sollte, der Unterdrückung des Seeraubs wegen 
ein. Aber was sie thaten zeigte mehr, was hätte geschehen sollen, 
als dafs wirklich etwas erreicht ward; die Intervention erfolgte zu 
spät und zu unstetig. Wenn auch einmal ein Schlag gegen die Corsaren 
geführt ward und römische Truppen selbst in die isaurischen Gebirge 
eindrangen und tief im Binnenland die Piratenburgen brachen (3, 47), 
zu rechter dauernder Festsetzung in diesen von ihr widerwillig an- 
nectirten Districten kam die römische Republik nicht. Hier blieb dem 
Kaiserthum noch alles zu thun übrig. Antonius, wie er den Orient 
übernahm, beauftragte einen tüchtigen galatischen Offizier, den Amyntas 
mit der Unterwerfung der widerspenstigen pisidischen Landschaft^» 
und als dieser sich bewährte'), machte er denselben zum König von 
Galatien, der militärisch bestgeordneten und schlagfertigsten Land- 
schaft Kleinasiens, und erstreckte zugleich sein Regiment von da bis 



1) Amyotas wurde noch im J. 715, bevor Aotoniafl nach Asien zurück- 
ging, über die Pisidier gesetzt (Appian b. c. 5, 75), ohne Zweifel weil diese 
wieder einmal einen ihrer Raubzüge unternommen hatten. Daraus, dafs er dort 
zuerst herrachte, erklärt ea sieh auch, dafs er sich in laaora seine Residenz baute 
(Strabon 12, 6, 3 p. 569). Galalien kam zunächst an die Erben des Oeiotarns 
(Dio 48, 33). Erst im J. 718 erhielt Amyntas Galatien, Lykaonien und Pam- 
phylien (Dio 49, 32). 

*) Dafs dies die Ursache war, weshalb diese Gegenden nicht unter 
römische Statthalter gelegt wurden, sagt Strabon (14, 5, 6 p. 671), der nach 
Zeit und Ort diesen Verhältnissen nshe stand, ausdrücklich: idoxti nqog 
anav to toiovto (für die Unterdrückung der Räuber und der Piraten) ßaa^ 
Uvta^ai fittXlov jovs ronovg rj vno toTs *Ptofialoig t^tfioaiv ilvat rotcinl 
jae xgiaeis mfÄTrofiit^o^, o? ^ifr* ael noQHvai i/ieXXov (wegen der Bereisung 
der conventus) /jitfii /U€^' onXtov (die allerdings dem späteren Legaten von 
Galatien fehlten). 



KLEIMASIEN. 309 

zur Sudküste, ako auf Lykaonien, Pisidien, Isaurien, Pamphylien 
und Westkilikieu, während die civiJisirte Osthdlfte Kilikiens bei Syrien 
blieb. Auch als Augustus nach der aktischen Schlacht die Herr- 
schaft im Orient antrat, liefs er den keltischen Fürsten in seiner 
Stellung. Derselbe machte auch wesentliche Fortschritte sowohl in 
der Unterdrückung der schlimmen in den Schlupfwinkeln des west- 
lichen Kilikiens hausenden Corsaren wie auch in der Ausrottung der 
Landräuber, tödtete einen der schlimmsten dieser Raubherren, den 
Herrn von Derbe und Laranda im südlichen Lykaonien Antipatros, 
baute in Isauria sich seine Residenz und schlug die Pisidier nicht blofs 
hinaus aus dem angrenzenden phrygischen Gebiet, sondern fiel in 
ihr eigenes Land ein und nahm im Herzen desselben Kremna. Aber 
nach einigen Jahren (729 d. St., vor Chr. 25) verlor er das Leben 
auf einem Zug gegen einen der westkilikischen Stämme, die Homona- 
denser; nachdem er die meisten Ortschaften genommen hatte und ihr 
Fürst gefallen war, kam er um durch einen von dessen Gattin gegen 
ihn gerichteten Anschlag. Nach dieser Katastrophe übernah m Augustus 
selbst das schwere Geschäft der Pacification des inneren Kleinasiens. 
Wenn er dabei, wie schon bemerkt ward (S. 298), das kleine pamphylische 
Küstenland einem eigenen Statthalter zuwies und es von Galatien 
trennte, so ist dies offenbar defswegen geschehen, weil das zwischen 
der Küste und der galatisch-lykaonischen Steppe liegende Gebirgsland 
so wenig botmäJjsig war, daCs die Verwaltung des Küstengebiets nicht 
füglich von Galatien aus geführt werden konnte. Römische Truppen 
wurden nach Galatien nicht gelegt; doch wird das Aufgebot der 
kriegerischen Galater mehr zu bedeuten gehabt haben als bei den 
meisten Provinzialen. Auch hatten, da das westliche Kilikien damals 
unter Ktfppadokien gelegt ward, die Truppen dieses Lehnsfürsten sich 
an der Arbeit zu betheiligen. Die Züchtigung zunächst der Homona- 
denser führte die syrische Armee aus ; der Statthalter Pubiius Sulpicius 
Quirinius rückte einige Jahre später in ihr Gebiet, schnitt ihnen die 
Zufuhr ab und zwang sie sich in Masse zu unterwerfen, worauf sie in 
die umliegenden Ortschaften vertheilt und ihr ehemaliges Gebiet wüst 
gelegt wurde. Aehnliche Züchtigungen erfuhren in den J. 36 und 52 
die Kliten, ein anderer in dem westlichen Kilikien näher an der 
Küste sitzender Stamm ; da sie dem von Rom ihnen gesetzten Lehns- 
fürsten den Gehorsam verweigerten und das Land wie die See brand- 
schatzten und da die sogenannten Landesherren mit ihnen nicht fertig 



310 ACHTES BUCH. KAPITEL YIII. 

werden konnten, kamen beide Male die Reichsfruppen aus Syrien herbei» 
um sie zu unterwerfen. Diese Nachrichten haben sich zufällig erhalten; 
FitidiMhe sicher sind zahlreiche ähnliche Vorgange verschollen. — Aber auch im 
o omen. ^^ege der Besiedelung griff Augustus die Pacification dieser Landschaft 
an. Die hellenistischen Regierungen hatten dieselbe so zu sagen 
isolirt, nicht blofs an der Küste überall Fuds behalten oder gefafst, 
sondern auch im Nordwesten eine Reihe von Städten gegründet, an der 
phrygischen Grenze Apollonia angeblich von Alexander selbst angelegt^ 
Seleukeia Siderus und Antiocheia, beide aus der Seleukidenzeit, ferner 
in Lykaonien Laodikeia Katakekaumene und die wohl auch in der 
gleichen Zeit entstandene Hauptstadt dieser Landschaft Ikonion. Aber 
in dem eigentlichen Bergland flndet sich keine Spur hellenistischer 
Niederlassung; und noch weniger hat der römische Senat sich an diese 
schwierige Aufgabe gemacht. Augustus that es ; hier, und nur hier im 
ganzen griechischen Osten, begegnet eine Reihe von Colonien römi- 
scher Veteranen, offenbar bestimmt dieses Gebiet der ft*iedlichen An- 
siedluog zu erobern. Von den eben genannten älteren Ansiedelungen 
wurde Antiocheia mit Veteranen belegt und römisch reorganisirt, neu 
angelegt im südlichen Lykaonien Pariais, in Pisidien selbst das schon 
genannte Kremna so wie weiter südlich Olbasa und Komama. Die 
späteren Regierungen setzten die begonnene Arbeit nicht mit gleicher 
Energie fort; doch wurde unter Claudius das eiserne Seleukeia Pisidiens 
zum claudischen gemacht, ferner im westkilikischen Binnenland Clau- 
diopolis und nicht weit da?on, vielleicht gleichzeitig, Germanicopolis 
ins Leben gerufen, auch Ikonion, in Augustus Zeit ein kleiner Ort, zu 
bedeutender Entwickelung gebracht. Die neu gegründeten Städte 
blieben freilich unbedeutend, schränkten aber doch den Spielraum der 
freien Gebirgsbewohner in namhafter Weise ein und der LIbdfriede 
mufs endlich auch hier seinen Einzug gehalten haben. Sowohl die 
Ebene und die Bergterrassen Pamphyliens wie die Bergstädte Pisidiens 
selbst, zum Beispiel Selge und Sagalassos, waren während der Kaiser- 
zeit gut bevölkert und das Gebiet sorgfältig angebaut; die Reste 
mächtiger Wasserleitungen und auffallend grofser Theater, sämmtlich 
Anlagen aus der römischen Kaiserzeit, zeigen zwar nur band werksmäfsige 
Technik, aber Spuren eines reich entwickelten friedlichen Gedeihens. 
Ganz freilich ward die Regierung des Raubwesens in diesen Land- 
schaften niemals Herr, und wenn in der früheren Kaiserzeit die 
Heimsuchungen sich in mäfsigen Grenzen hielten, traten die Banden 



KLEINASIBN. 311 

hier in den Wirren des dritten Jahrhunderts abermals als kriegführende 
Macht auf. Sie gehen jetzt unter dem Namen der Isaurer und haben 
ihren hauptsächlichen Sitz in den Gebirgen Killkiens, von wo aus sie 
Land und Meer brandschatzen. Erwähnt werden sie zuerst unter Se?erus 
Alexander. Dafs sie unter Gallienus ihren Räuberhauptmann zum 
Kaiser ausgerufen haben, wird eine Fabel sein; aber allerdings wurde 
unter Kaiser Probus ein solcher Namens Lydios, der lange Zeit Lykien 
und Pamphylien geplündert hatte, in der römischen Colonie Kremna, 
die er besetzt hatte, nach langer hartnäckiger Belagerung durch eine 
römische Armee bezwungen. In späterer Zeit finden wir um ihr 
Gebiet einen Militärcordon gezogen und einen eigenen commandirenden 
General für die Isaurer bestellt Ihre wilde Tapferkeit hat sogar denen 
von ihnen, welchebei dem byzantinischen Hof Dienste nehmen mochten, 
eine Zelt lang eine Stellung daselbst verschafft wie die Makedonier sie 
am Hofe der Ptolemaeer besessen hatten; ja einer aus ihrer Mitte Zenon 
ist als Kaiser von Byzanz gestorben ^). 

Die Landschaft Galatien endlich, in ferner Zeit die Hauptstätte Oftittieo. 
der orientalischen Herrschaft über Vorderasien und in den berühmten 
Felssculptaren des heutigen Boghazköi, einst der Königsstadt Pteria, 
die Erinnerungen einer fast verschollenen Herrlichkeit bewahrend, war 
im Lauf der Jahrhunderte in Sprache und Sitte eine keltische Insel in- 
mitten der Fluthen der Ostvölker geworden und ist dies in der inneren 
Organisation auch in der Kaiserzeit geblieben. Die drei keltischen 
Völkerschaften, welche bei der grofsen Wanderung der Nation um die 
Zeit des Krieges zwischen Pyrrhos und den Römern in das innere 
Kleinasien gelangt waren und hier, wie im Mittelalter die Franken im 
Orient, zu einem festgegliederten Soldatenstaat sich zusammengeschlos- 
sen und nach längerem Schweifen dies- und jensei t des Halys ihre defini- 
tiven Sitze genommen hatten, hatten längst die Zeiten hinter sich, wo 
sie von dort aus Kleinasien brandschatzten und mit den Königen von 
Asia und Pergamon im Kampfe lagen, falls sie nicht als Söldner ihnen 
dienten; auch sie waren an der Uebermacht der Römer zerschellt (1, 



>) la der grofsen anbenannten Roinenstätte von Saradschik im oberen 
Liniyrosthal im östlichen Lykien (vgl. Ritters £rdknnde 19 S. 1172) steht 
ein bedentender tempelformiger Grabban, sicher nicht älter als das 3. Jahrh. 
n. Chr., an welchem in Relief zerstückelte Meoschentheile, Kopfe, Arme, Beine 
als Embleme angebracht sind ; man möchte meinen, als Wappen eines eivilisirten 
Ränbcrhanptmanns (Mlttheilung von Benndorf.) 



312 ACHTES BUCH. KAPITEL VIII. 

739) und ihnen in Asien nicht minder boUnäfsig geworden wie ihre 
Landsleute im Potfaal und an der Rhone und Seine. Aber trotz ihres 
mebrhundertjährigen] Verweilens in Kleinasien trennte immer noch 
eine tiefe Kluft diese Occidentalen von den Asiaten. j^Es war nicht blofs, 
dafs sie ihre Landessprache und ihre Volksart festhielten, dals immer 
noch die drei Gaue jeder von seinen vier Erbfürsten regiert wurden und 
die von allen gemeinschaftlich beschickte Bundesversammlung in dem 
heiligen Eichenhain als höchste Behörde dem galatischen Lande vor- 
stand (1, 688), auch nicht, dafs die ungebändigte Robheit wie die krie- 
gerische Tüchtigkeit sie von den Nachbaren zum Nachtheil wie zum 
Vortheil unterschied; dergleiclien Gegensätze zwischen Cultur und 
Barbarei gab es in Kleinasien auch sonst, und die foberflächliche 
und äufserliche Hellenisirung, wie die Nachbarschaft, die Handels- 
beziehungen, der von den Einwanderern übernommene phrygische 
Cultüs, das Söldnerthum sie im Gefolge hatten, wird in Galatien 
nicht viel später eingetreten sein als zum Beispiel in dem benachbarten 
Kappadokien. Der Gegensatz ist anderer Art: die keltische und die 
hellenische Invasion haben in Kleinasien concurrirt und zu dem 
nationalen Gegensatz ist der Stachel der rivalisirenden Eroberung 
hinzugetreten. Scharf trat dies zu Tage in der mithradatischen Krise : 
dem Mordbefehl des Mithradates gegen die Italiker ging zur Seite die 
Niedermetzelung des gesammten galatischen Adels (2, 296) und dem 
entsprechend haben in den Kriegen gegen den orientalischen Befreier 
der Hellenen die Römer keinen treueren Bundesgenossen gehabt als die 
Galater Kieinasiens (3, 57. 151). Darum war der Erfolg der Römer auch 
der ihrige und gab der Sieg ihnen in den Angelegenheiten Kleinasiens 
eine Zeitlang eine führende Stellung. Das alte Vierfürstenthum wurde, 
es scheint durch Pompeius, abgeschafft. Einer der neuen Gaufürsten, 
der in den mithradatischen Kriegen sich am meisten bewährt hatte, 
Deiotarus, brachte aufser seinem eignen Gebiete Kleinarmenien und 
andere Stücke des ehemaligen mithradatischen Reiches an sich und 
ward auch den übrigen galatischen Fürsten ein unbequemer Nach- 
bar und der mächtigste unter den kleinasiatischen Dynasten (3, 151). 
Nach dem Siege Caesars, dem er feindlich gegenüber gestanden 
hatte und den er auch durch die gegen Pharnakes geleistete 
Hülfe nicht für sich zu gewinnen vermochte, wurden ihm die 
mit oder ohne Einwilligung der römischen Regierung gewonnenen 
Besitzungen gröfstentheils wieder entzogen; der Caesarianer Mithra- 



KLEIN ASIBN. 313 

dates von Pergamon, weicher von mütterlicher Seite dem galatischen 
Königshaufi entsprossen war, erhielt das meiste von dem, was Deiotarus 
verlor und wurde ihm sogar in Galatien selbst an die Seite gestellt. 
Aber nachdem dieser kurz darauf im taurischen Chersones sein Ende 
gefunden hatte (S. 287) und auch Caesar selbst nicht lange nachher 
ermordet worden war, setzte Deiotarus sich ungeheifsen wieder in den 
Besitz des Verlorenen, und da er der jedesmal im Orient vorherrschenden 
romischen Partei sich ebenso zu fugen verstand wie sie rechtzeitig zu 
wechseln, starb er hochbejahrt im J. 714 als Herr von ganz Galatien. 4o 
Seine Nachkommen wurden mit einer kleinen Herrschaft in Paphla- 
gonien abgefunden; sein Reich, noch erweitert gegen Süden hin 
durch Lykaonien und alles Land bis zur pamphylischen Küste, kam, 
wie schon gesagt ward, im J. 718 durch Antonius an Amyntas, s« 
weldier schon in Deiotarus letzten Jahren als dessen Secretär und 
Feldherr das Regiment geführt zu haben scheint und als solcher vor 
der Schlacht von Philippi den Uebergang von den republikanischen 
Feldherrn zu den Triumvirn bewirkt hatte. Seine weiteren Schicksale 
sind schon erzählt An Klugheit und Tapferkeit seinem Vorgänger 
ebenbürtig diente er erst dem Antonius, dann dem Augustus als 
hauptsächliches Werkzeug für die Pacification des noch nicht unter- 
thänigen kleinasiatischen Gebiets, bis er hier im J. 729 seinen Tod sfi 
fand. Mit ihm endigte das galatiscbe Königthum und verwandelte 
sich dasselbe in die römische Provinz Galatien. — Gallograeker 
heilsen die Bewohner desselben bei den Römern schon in der letzten 
Zeit der Republik; sie sind, fugt Livius hinzu, ein Mischvolk, wie 
sie heifsen, und aus der Art geschlagen. Auch mufste ein guter 
Tbeil derselben von den älteren phrygischen Bewohnern dieser Land- 
schaften abstammen. Mehr noch fällt ins Gewicht, dafs die eifrige 
Götterverehrung in Galatien und das dortige Priesterthum mit den 
sacralen Institutionen der europäischen Kelten nichts gemein hat; nicht 
blofs die grofse Mutter, deren heiliges Symbol die Römer der hanni- 
balischen Zeit von den Toiistobogiern erbaten und empGngen, ist 
phrygischer Art, sondern auch deren Priester gehörtenzumTheil wenig- 
stens dem galatischen Adel an. Dennoch war noch in der römischen 
Provinz in Galatien die innere Ordnung überwiegend die keltische. 
Dafs noch unter Pius in Galatien die dem hellenischen Recht fremde 
strenge väterliche Gewalt bestand, ist ein Beweis dafür aus dem Kreise 
des Privatrechts. Auch in den öffentlichen Verhältnissen gab es in 



314 ACHTES BUCH. KAPITBL vm. 

dieser Landschaft immer noch nur die drei alten Gemeinden der 
Tektosagen, der ToHstobogier, der Trokmer, die wohl ihren Namen 
die der drei Hauptörter Ankjra, Pessinus und Tanion beisetzen, 
aber wesentlich doch nichts sind als die wohlbekannten gallischen 
Gaue, die des Hauptorts ja auch nicht entbehren. Wenn bei den 
Kelten Asiens die Auffassung der Gemeinde als Stadt fräher als 
bei den europäischen das Uebergewicht gewinnt ^) und der Name An- 
kyra rascher den der Tectosagen verdrängt als in Europa der Name 
Burdigala den der Bituriger, dort Ankyra sogar als Vorort der ge«- 
sammten Landschaft sich die 'Mutterstadt' (ji^rgoTtoUg) nennt, so 
zeigt dies allerdings, wie das ja auch nicht anders sein konnte, die 
Einwirkung der griechischen Nachbarschaft und den beginnenden 
Assimiiationsprozefs, dessen einzelne Phasen zn verfolgen die uns ge- 
bliebene oberflächliche Kunde nicht gestattet Die keltischen Namen 
halten sich bis in die Zeit des Tiberius, nachher erscheinen sie nur 
vereinzelt in den vornehmen Häusern. Dafs die Römer seit Einrichtung 
der Provinz wie in Gallien nur die lateinische, so in Galatien neben 
dieser nur die griechische Sprache im Geschäfteverkehr zuliessen, ver- 
steht sich von selbst. Wie es froher damit gehalten ward, wissen wir 
nicht, da vorrömische Schriftmaler in dieser Landschaft fiberhaupt nicht 
begegnen. Als Umgangssprache hat die keltische sich auch in Asien 
mit Zähigkeit behauptet') ; doch gewann allmählich das Griechische die 
Oberhand. Im vierten Jahrhundert war Ankyra eines der Hauptcentren 
der griechischen Bildung; *die kleinen Städte in dem griechischen 
'Galatien \ sagt der bei Vorträgen für das gebildete Publicum grau 
gewordene Litterat Themistios, 'können sich ja freilich mit Antiocheia 
' nicht messen; aber die Leute eignen die Bildung sich eifriger an als 



*) Das berühmte VerzeichDifs der der GemeiDde Ankyra semachteo Lei- 
stuogen aas Tiberins Zeit (C. I. Gr. 4039) bezeicbDet die galatischen Gemeindeo 
gewöhnlich mit f&vos, zuweilen mit nolic^ Sp&ter versehwindet jene Beoen- 
nong; aber in der vollen Titolatnr, zam Beispiel der Inschrift C. I. Gr. 4011 
aus dem zweiten Jahrhandert, führt Ankyra immer noch den Volksnanen: if 
/AfitQonol^g Tfjg ralaTiag ^eßaarri T&croaaywv ^Ayxvqa. 

') Nach Pansaoias 10, 36, 1 heirst bei den raXdraivnkq *pQvyiag (pojvj 
tj i7iix(»)Qftp atptaiv die Scharlachbeere vs\ und Lnkian Alex. 5t berichtet 
von den Verlegenheiten des wahrsagenden Paphlagooiers, wenn ihm ZvqiüxI 
ti XfXuajl Fragen vorgelegt worden und nicht gleich dieser Sprache kandige 
Lente zur Hand waren. 



KLEIIfASIEN. 315 

'die richtigen Hellenen und wo sich der Philosophenmantel zeigt, 
'hängen sie an ihm wie das Eisen am Magnet'. Dennoch mag bis in 
eben diese Zeit namentlich jenseit des Halys bei den offenbar viel 
spater hellenisirtenTrokmern ^) sich in den niederen Kreisen die Volks- 
sprache gehalten haben. Es ist schon erwähnt worden (S. 92), dafs 
nach dem ZeugniTs des vielgewanderten Kirchenvaters Hieronymus noch 
am Ende des 4. Jahrhunderts der asiatische Galater die gleiche, wenn 
auch verdorbene Sprache redete, welche damals in Trier gesprochen 
ward. Dafs als Soldaten die Galater, wenn sie auch mit den Occi- 
dentalen keinen Vergleich aushielten, doch weit brauchbarer waren 
als die griechischen Asiaten, dafür zeugt sowohl die Legion , welche 
König Deiotarns aus seinen Unterthanen nach römischem Muster 
aufgestellt hatte und die Augustus mit dem Reiche übernahm und in 
die römische Armee unter dem bisherigen Namen einreihte, wie auch 
dab bei der orientalischen Recrutirung der Kaiserzeit die Galater eben- 
so vorzugsweise herangezogen wurden wie im Occident die Bataver'). 

Den aufsereuropäischen Hellenen gehören femer noch die beiden Die gnechi- 
grofsen Eilande des östlichen Mittelmeers Kreta und Kypros an so wie 
die zahlreichen des Inselmeers zwischen Griechenland und Klein- 
asien; auch die kyrenäische Pentapolis an der gegenüberliegenden 
africanischen Küste ist durch die umliegende Wüste von dem Binnen- 
lande so geschieden, dafs sie jenen griechischen Inseln einigermafsen 
gleichgestellt werden kann. Indefs der allgemeinen geschichtlichen 
Auffassung fügen diese Elemente der ungeheuren unter dem Scepter 
der Kaiser vereinigten Ländermasse wesentlich neue Züge nicht hinzu. 
Die kleineren Inseln, früher und vollständiger hellenisirt als der 
Continent, gehören ihrem V^esen nach mehr zum europäischen 
Griechenland als zum kleinasiatischen Colonialgebiet; wie denn des 
hellenischen Musterstaats Rhodos bei jenem schon mehrfach gedacht 



>) WeDD in dem S. dl4A. 1 erwähnten VerzeichDifs aus Tiberias Zeit die 
Spenden nar selten drei Volkern, meist zwei Völkern oder zwei Städten gegeben 
werden , so sind, wie Perrot (de Galatia p. 8S) richtig bemerkt, die letzteren 
Ankyra aod Pessinos nnd ateht bei den Spenden hinter ihnen Taaion der 
Trokmer ZDriick. Vielleicht gab es damals bei diesen noch keine Ortschaft, 
die als Stadt gelten konnte. 

') Aach Cicero (ad Att. 6,. 5, 3) schreibt von seiner Armee in Kili- 
kien: exereiium infirmum habebam, auxilia tone bona, ted ea Galatorum^ 
PiHdarum^ Lyciorumi haee enim sunt nostra robora. 



316 ACHTES BUCH. KAPITEL VUI. 

worden ist. In dieser Epoche werden die Inseln hauptsächlich ge- 
nannt, insofern es in der Kaiserzeit üblich ward Männer aus den 
besseren Ständen zur Strafe nach denselben zu verbannen. Man 
wählte, wo der Fall besonders schwer war« die Klippen wie Gyaros 
und Donu.<«sa; aber auch Andres, Kythnos, Amorgos, einst blühende 
Ceutren griechisdier Cultur, waren jetzt Strafplätze, während in 
Lesbos und Samos nicht selten vornehme Römer und selbst Glieder 
des kaiserlichen Hauses freiwillig längeren Aufenthalt nahmen. Kreta 
und Kypros, deren alter Hellenismus unter der persischen Herrschaft 
oder auch in völliger Isolirung die Fühlung mit der Heimath verloren 
hatte, ordneten sich, Kypros als Dependenz Aegyptens, die kretischen 
Städte autonom, in der hellenistischen und später in der römischen 
Epoche nach den allgemeinen Formen der griechischen Politie. In 
den kyrenäiscben Städten überwog das System der Lagiden; wir fin- 
den in ihnen nicht blofs, wie in den eigentlich griechischen, die 
hellenischen Bürger und Metöken, sondern es stehen neben bei- 
den, wie in Alezandreia die Aegypter, die 'Bauern', das heilist die ein- 
geborenen Africaner, und unter den Metöken bilden, wie ebenfalls in 
AJexandreia, die Juden eine zahlreiche und privilegirte Klasse. 
Bünde der Dcu Griechen insgemein hat auch das römische Kaiserregiment 

ir^^Mien? niemals eine Vertretung gewährt. Die augustische Amphiktionie be- 
schränkte sich, wie wir sahen (S. 232), auf die Hellenen in Achaia, 
Epirus und Makedonien. Wenn die hadrianischen Panhellenen in 
Athen sich als die Vertretung der sämmtlichen Hellenen gerirten , so 
haben sie doch in die übrigen griechischen Provinzen nur insofern 
übergegriffen, als sie einzelnen Städten in Asia so zu sagen das Ehreu- 
Hellenenthum decretirten (S. 245); und dafs sie dies thaten, zeigt erst 
recht, dafs die auswärtigen Griecbengemeinden in jene Panhellenen 
keineswegs einbegriffen sind. Wenn in Kleinasien von Vertretung 
oder Vertretern der Hellenen die Rede ist, so ist damit in den 
vollständig hellenisch geordneten Provinzen Asia und Bithynia der 
Landtag und der Landtagsvorsteher dieser Provinzen gemeint, insofern 
diese aus den Deputirten der zu einer jeden derselben gehörigen 
Städte hervorgehen und diese sämmtlich griechische Politien sind^); 



>) Beschlüsse der (nl Trjg!Aaiac''EXXTiV€g C. I. A. 3487. 3957; ein Lykier 
geehrt vnb rov xo[ivo]u jdtv inl Tilg jia(ag *Ellriif&tv xal vn6 rdiv ^v I2a]fi- 
ipvUq noUuJV ßenndorf lyk. Reise 1, 122; Schreibea an die Hellenea io Asia 
C. I. Gr. 3832. 3833; (J av6qks "EkXrivig in der Anrede an den LandUg von 



KLEINASIBN. 317 

oder es werden in der nicht griechischen Provinz Galatien die neben 
dem galatischen Landtag stehenden Vertreter der in Galatien ver- 
weilenden Griechen als Griechenvorsteher bezeichnet^). 

Der städtischen Conföderation hatte die römische Regierung in Landtage 
Kleinasien keine Veranlassung besondere Hindemisse entgegenzu- ^ fMte. ^ 
stellen. In römischer wie in vorrömischer Zeit haben neun Städte der 
Troas gemeinschaftlich religiöse Verrichtungen vollzogen und gemein- 
schaftliche Feste gefeiert*). Die Landtage der verschiedenen klein- 
asiatischen Provinzen, welche hier wie in dem gesammten Reich als 
feste Einrichtung von Augustus ins Leben gerufen sein werden, sind 
von denen der übrigen Provinzen an sich nicht verschieden. Doch 
hat diese Institution sieh hier in eigenartiger Weise entwickelt oder 
vielmehr denaturirt. Mit dem nächsten Zweck dieser Jahresversamm- 
lungen der städtischen Deputirten einer jeden Provinz ') die Wunsche 

Pergamon Aristides p. 517. — Bin aQ^ag jov xotvov JcStf (v Bt&w{<f *£XXripmv 
Perrot expl. de la Galatie p. 32; Schreibendes Kaisers Alexander an dasselbe 
Dig. 49, 1, 25. ~ Dio 51, 20: toig ^ivo&s, "JEXXrivas a(pae inixaXiaaSy iavr^ 
tiva, Tolq (Jtkvjiaiavotg iv niQydfjup, loTg ^k Bi>&woTs iv NixofxriSe^tf tffiev^aai 

^) Anfser den Galatarchen (Marqaardt Staatsverw. 1, 515) begegnen uns 
in Galatien noch unter Hadrian Helladarchen (Bnll. de eorr. hell. 7, 18), welche 
hier nur gefafst werden können wie die Hellenarchen in Tanais (S. 290 A. 1). 

') Das avvi^Q&ov rmv tvvia ^r^fAtav (Schliemann Troia 1884 S. 256) nenot 
sich aoderswo ^IhiXg xa\ noXtig al xoivfovovaai trjg ^vaiag xal rov dycSvos 
xal TTJg 7ieev7iyvQia)s (daselbst S. 254). Ein anderes Docnment desselben Bandes 
ans der Zeit des Antigonos bei Droysea Hellenismus 2, 2, 382 ff. Ebenso 
werden andere xotva zu fassen sein, die auf einen engeren Kreis als die Pro- 
vinz sich beziehen, wie das alte der 13 ionischen Städte, das der Lesbier (Mar- 
qoardt Staatsverw. 1 S. 516), das der Phrygier auf den Münzen von Apameia. 
Ihre magistratischen Präsidenten haben auch diese gehabt, wie denn kürzlich 
sieh ein Lesbiarch gefunden hat (Marquardt a. a. 0.) und ebenso die moesi- 
schen Hellenen unter einem Pontarchen standen (S. 283). Doch ist es nieht 
unwahrscheinlich, dafs, wo der Archootat genannt wird, der Bund mehr ist als 
eine blofse Festgenosseosehaft; die Lesbier sowohl wie die moesischen Fünfstädte 
mögen einen besonderen Landtag gehabt haben, dem diese Beamten vorstanden. 
Dagegen ist das xotvov jov ^YqyaUov neStov (Ramsay eitles and bishoprics of 
Phrygia p. 10), das neben mehreren d^fioi steht, eine des Stadtrechts ent- 
behrende Quasi-Gemeinde. 

*) Am deutlichsten tritt die Zusammensetzung der kleinasiatischen Land- 
tage hervor in Strabons (14, 3,3 p. 664) Bericht über die Lykiarchie und bei 
Aristeides (or. 26 p. 344) Erzählung seiner Wahl zu einem der asiatischen 
Pro vinzialpriesterthümer. 



320 ACHTES BUCH. KAPITEL Yin. 

Damit traten der Landtag und die bürgerlichen Geschäfte, von welchen 
die Institution ihren Ausgang genommen hatte, in den Hintergrund; 
der Asiarch war bald nichts mehr als der Ausrichter eines an die 
göttliche Verehrung der gewesenen und des gegenwärtigen Kaisers 
angeknöpften Volksfestes , wefshalb denn auch die GemaUin desselben, 
die Asiarchin, sich an der Feier betheiligen durfte und eifrig betheiiigte. 
Ansieht d«r Auch ciue praktische und in Kleinasien durch das hohe Ansehen 
priMter aiMT dieser Institution gesteigerte Bedeutung mag das provinziale Ober- 
den caitns. priesierthum für den Kaisercultus gehabt haben durch die damit ver- 
knüpfte religiöse Oberaufsicht. Nachdem der Landtag den Kaisercultus 
einmal beschlossen und die Regierung eingewilligt hatte, folgten 



ma^stratische Charakter dea Voratehera in Rleioasien vSlli^ zurück, sondern 
ea acheint hier in der That da, wo daa xoivov mehrere aacrale Mittelponete 
hat, der *AataQxv^ und der uQx^Qfvs tijg Idatag aieh verachmolzen zu haben. 
Die daa bärgerliehe Amt acharf acceotoirende Titulatur ar^Tr^yog fahrt der 
Präsident des »otvov in Kleinaaien nie, aach »Q^g tov xoivot (S. 317 A. ]) 
oder rou ti&vovg {C, I. Gr. 4380*^ p. 1168) ist selten; die Com^osiiti 'Ama^xv^* 
uivxiaqx^gj analog dem *EXXaSaQX^S von Achaia, sind schon zu Strabons Zeit 
die e^ebrilQchliche Bezeichaang. Dafs in den kleineren Provinzen, wie Galatien 
and Lykien, der Archon and der Archiereoa der Provinz ^trennt geblieben 
sind, iat gewifs. Aber in Asien ist das Vorhandensein von Asiarehen für 
Ephesos und Smyrna inschriftlich festgestellt (Marquardt Staatsverw. 1,514), 
wahrend es doch nach dem Wesen der Institution nar einen Asiarehen Tdr 
die ganze Provinz geben konnte. Aach ist hier die Agonothesie des Archiereus 
beglanbigt (Galenus zum Hippokratea de part. 18, 2 p. 567 Kahn: na^ rjfuv 
(v ITcgyafKp tAv dgx^fQititv rag xaXovfjiivag fiovofiaxiag iniTilovyTtav)j 
während eben sie das Wesen des Aaiarchata ist. Allem Anschein nach haben 
die Rivalitäten der Städte hier dahin geführt, dafs, nachdem es mehrere von 
der Provinz gewidmete Kaisertempei in verachiedenen Städten gab, die 
Agonotheaie dem elfectiven Landtagspräsidenten genommen und dafür dem 
Oberpriester jedes Tempels der titulare Asiarchat und die Agonotheaie über- 
tragen ward. Dann erklärt sich auf den Münzen der 13 ionischen Städte 
(Mioonet 3, 61, 1) der jiaiaQx^g xal nqx'^Q^^i </' noUory und kann auf 
epheaischen Inschriften derfelbe Ti. Julius Reginus bald Idalaqx^g ß' vaeSy 
x&v Iv Etp^atfi (Wood inscr. from the great theatre n. 18), bald dQX'^Q^f^ 
ß' vatSv JtSv iv *E<pia<p (daselbst n. 8. 14, ähnlich 9) genannt werden. — Nnr 
auf diese Weise sind auch die Institutionen des vierten Jahrhunderts zu begreifen. 
Hier erscheint In jeder Provinz ein Oberpriester, in Asia mit dem Titel des 
Aaiarchen, in Syrien mit dem des Syriarchen und so weiter. Wenn die Ver- 
schmelzung des Archoo und des Archiereus in der Provinz Asia schon früher 
begonnen hatte, so lag nichts näher als sie jetzt bei der Verkleinerung 
der Provinzen überall in dieser Weise zu combiniren. 



KLEINASIEN. 321 

selbstverständlicfa die stadtischen Vertretungen nach; in Asia hatten 
bereits unter Augnstns wenigstens alle Vororte der Gerichtssprengel 
ihr Caesareum und ihr Kaiserfest ^). Recht und 'Pflicht des Ober* 
priesters war es, in seinem Sprengel die Aasführung dieser proyinzialen 
und municipalen Decrete und die Uebung des Cultus zu überwachen; 
was dies zu bedeuten hatte, erläutert die Thatsache, dafs der freien 
Stadt Kyzikos in Asia unter Tiberius die Autonomie unter anderem 
auch darum aberkannt ward, weil sie den decretirten Bau des Tempels 
des Gottes Augustus hatte liegen lassen — yielieicht eben, weil sie als 
freie Stadt nicht unter dem Landtag stand. Wahrscheinlich hat sogar 
diese Oberaufsicht, obwohl sie zunächst dem Kaisercultus galt« sich 
auf die Religionsangelegenheiten überhaupt erstreckt'). Als dann 
der alte und der neue Glaube im Reiche um die Herrschaft zu 
ringen begannen, ist deren Gegensatz wohl zunächst durch das 
provinziale Oberpriesterthum zum Conflict geworden. Diese aus den 
Yomehmen Provinzialen von dem Landtag der Provinz bestellten 
Priester waren durch ihre Traditionen wie durch ihre Amtspflichten 
weit mehr als die Reicbsbeamten berufen und geneigt auf Ver- 
nachlässigung des anerkannten Gottesdienstes zu achten und, wo 
Abmahnung nicht half, da sie selber eine Strafgewalt nicht hatten, 
die nach bürgerlicbem Recht strafbare Handlung bei den Orts- oder 
den Reichsbehörden zur Anzeige zu bringen und den weltlichen Arm 
zu Hülfe zu rufen, vor allem den Christen gegenüber die For- 
derungen des Kaisercultus geltend zu machen. In der späteren 
Zeit schreiben die altgläubigen Regenten diesen Oberpriestern so- 
gar ausdrücklich vor, selbst und durch die ihnen unterstellten städ- 
tischen Priester die Contraventionen gegen die bestehende Glaubens- 
brdnung zu ahnden und weisen denselben genau die Rolle zu , welche 
unter den Kaisern des neuen Glaubens der Metropolit und seine 



>) C. I. Gr. 3902 &. 

') Dio von Prosa or. 35 p. 66 R. neoiit die Asiarchen und die analogeo 
ArchoBteo (ihre A^onothesie bezeicluiet er deutlich nod aof sie fahren auch die 
verdorbeneD Worte rovs intovvfiovs räv Svo iptU^ojtv r^g koni^£ oXfig, wofdr 
wohl zu schreiheo ist t^; iti^s Sltie) roig anayitov aQX^^^^S ''^^ hQiwv, 
Es fehlt bekaootlieh bei der Bezeichnung der Provinzialpriester fast stehend die 
ansdräckliche Beziehnnip anf den Raiserenlt; wenn sie in ihren Sprengein die 
Rolle spielen sollten wie der Pontifex mazimns in Rom, so hatte das seinen 
guten Grand. 

Vommaen, rOm. OaMhlchte. T. 21 



322 ACHTES BUCH. EAPITBL VIII. 

Städtischen Bischöfe einnehmen^). Wahrscheinlich hat hier nicht die 
heidnische Ordnung die christlichen Institutionen copirt, sondern 
umgekehrt die siegende christliche Kirche ihr hierarchisches Rüstzeug 
dem feindlichen Arsenal entnommen* Alles dies galt, wie bemerkt, für 
das ganze Reich; aber die sehr praktischen Gonsequenzen der pro- 
vinzialen Regulirung des Kaisercultus, die religiöse Aubichtfuhrung 
und die Verfolgung der Andersgläubigen, sind vorzugsweise in Klein- 
asien gezogen worden. 
luiigioBB- Neben dem Kaisercultus fand auch die eigentliche Gottesverehrung 

in Kleinasien in bevorzugter Weise ihre Statt und namentliche alle 
ihre Auswüchse eine Freistatt. Das Unwesen der Asyle und der 
Wunderkuren hatte ganz besonders hier seinen Sitz. Unter Tiberius 
wurde die Beschränkung der ersteren vom römischen Senat an- 
geordnet; der Heilgott Asklepios that nirgends mehr und gröfsere 
Wunder als in seiner vielgeliebten Stadt Pergamon, die ihn geradezu 
als Zeus Asklepios verehrte und ihre Blüthe in der Kaiserzeit zum guten 



^) Maximiaas stellte zu diesem Zweck dem Oberpriester der einzelnea 
Provinz militärische Hälfe zur Verfügui^ (Basebias bist. ecei. 8, 14, 9); aod 
der berühmte Brief JoIiaDS (ep. 49; YCpl. ep. 63) an den damaligen Galatarchen 
giebt ein dentliohes Bild der Obliegenheiten desselben. Er soll das ganze Reli- 
giooswesen der Provinz beaufsichtigen; dem Statthalter gegenüber seine Selb- 
ständigkeit wahren, nicht bei ihm antichambriren, ihm nicht gestatten mit 
militärischer Bscorte im Tempel aufzutreten, ihn nicht vor, sondern in dem 
Tempel empfangen, innerhalb dessen er der Herr and der Statthalter Privat- 
mann ist; von den Unterstützungen, die die Regiernng fdr die Provinz aas- 
geworfen hat (30 000 SehelTel Getreide und 60 000 Sextarien Wein) den fdaften 
Theil an die in die Clientel der heidnischen Priester tretenden Armen spenden, 
das Uebrige sonst za mildthatigen Zwecken verwenden; in jeder Stadt der 
Provinz womöglich mit Beihülfe der Privaten Verpflegangshäaser {^evoSoxtut) 
nicht blofs für. Heiden, sondern für jedermann ins Leben rufen nad den 
Christen nicht ferner das Monopol der guten Werke gestatten; die sammtlichen 
Priester der Provinz durch Beispiel and Ermahnung überhaupt zum gottes- 
fürchtigen Wandel und zur Vermeidung des [Besuchs der Theater and der 
Schenken anhalten and insbesondere zum fleifsigen Besuch der Tempel mit ihrer 
Familie und ihrem Gesinde, oder, wenn sie nicht zu bessern sind, sie absetzen. 
Es ist ein Hirtenbrief in bester Form, nur mit veränderter Adresse und mit 
Citaten aas Homer statt aas der Bibel. So deutlich diese Aoordaangen den 
Stempel des bereits zusammenbrechenden Heidenthoms an sich tragen und so 
gewifs sie in dieser Ausdehnung der früheren Epoche fremd sind, so er- 
scheint doch das Fundament, die allgemeine Oberaufsieht des Oberpriesters der 
Provinz über das Cultwesen, keineswegs als eine neue Einrichtung. 



KLEINASIEN. 323 

Theil ihm verdankte. Die wirksamsten WunderthSter der Kaiserzeit, 
der später kanonisirte Kappadokier Apollonios von Tyana, so wie 
der paphlagonische Drachenmann Alexandros von Abonuteichos sind 
Kleinasiaten. Wenn das allgemeine Verbot der Associationen, wie wir 
sehen werden, in Kleinasien mit besondererStrenge durchgeführt ward, 
so wird die Ursache wohl hauptsächlich in den religi6sen Verhält- 
nissen zn suchen sein, die den MiMrauch solcher Vereinigungen dort 
besonders nahe legten. 

Die öffentliche Sicherheit ruhte im Wesentlichen auf dem Lande o«ireiituebe 
selbst in der früheren Kaiserzeit stand, abgesehen von dem das östliche ' '^^^' 
Kilikien einschliefsenden syrischen Commando, in ganz Kleinasien 
nur ein Detachement von 5000 Mann Auxiliartroppen, die in der 
Provinz Galatien garnisonirten^), nebst einer Flotte von 40 Schiffen; 
es war diesCommando bestimmt theils die unruhigen Pisidier niederzu- 
halten, theils die nordöstliche Reichsgrenze zu decken und die Küste 
des schwarzen Meeres bis zur Krim unter Aufsicht zu halten. Ves- 
pasian brachte diese Truppe auf den Stand eines Armeecorps von zwei 
Legionen und legte deren Stäbe in die Provinz Kappadokien an den 
oberen Enphrat Aufser diesen für die Grenzhut bestimmten Mann- 
schaften gab es damals namhafte Garnisonen in Vorderasien nicht ; in 
der kaiserUchen Provinz Lykien und Pamphylien zum Beispiel stand eine 
einzige Gehörte von500Mann,indensenatorischenProvinzenhöchstens 
einzelne aus der kaiserlichen Garde oder aus den benachbarten Kaiser- 
provinzen zu speciellen Zwecken abcommandirte Soldaten^). Wenn 
dies einerseits für den inneren Frieden dieser Provinzen auf das nach- 
drückUchste zeugt und den ungeheuren Abstand der kleinasiatischen 
Büi^erschaften von den ewig unruhigen Hauptstädten Syriens und 
Aegyptens deutlich vor Augen führt, so erklärt es andererseits die schon 
in anderer Verbindung hervorgehobene Stabilität des Räuberwesens in 



') Diese Truppe kann nach der Stellnoip bei Josephas bell. 2, 16, 4 
zwiacben den nicbt mit Garoison belegtea ProviDzeo Aaia nad Rappadokia Dar 
aaf Galatien bezogen werdeo. Natürlicb gab sie aneh die Detacbements, 
welcbe io dea abbSo(p|feo Gebieten am Kaukasus standen, damals — anter 
Nero — wie es scheint aach die auf dem Bosporus selbst stehenden, wobei 
freilich anch das moesische Corps betheili^ war (S. 292). 

') PrÜtorianer Hationarüu Epkesi: £ph. epi^r. IV n. 70. Bin Soldat in 
statime Nieomedensi: Plinias ad Trai. 74. Ein Leg^onarcentario in Byzantiam: 
daselbst 77. 78. 

n* 



324 ACHTES BUCH. KAPITEL Till. 

dem durchaus gebirgigen und imlDDernzumTbeil 6den Lande, nament- 
lich an der mysiscb-bithynischen Grenze und in den Bergtbälem 
Pisidiens und Isauriens. Eigentliche Bürgerwebren gab es in Kleinasien 
nicht. Trotz des Florirens der Turnanstalten fQr Knaben, Jänglinge 
und Männer blieben die Hellenen dieser Zeit in Asia so unkriegerisch 
wie in Europa^). Man beschränkte sich darauf für die Aufrechter- 

sir«nftrflhen. haltung der öfTentlicben Sicherheit städtische Eirenarchen, Friedens* 
meister zu creiren und ihnen eine Anzahl zum Theil berittener städ- 
tischer Gensdarmen zur Verfügung zu stellen, gedungene Mannschaften 
von geringem Ansehen, welche aber doch brauchbar gewesen sein 
müssen, da Kaiser Marcus es nicht verschmähte, bei dem bitteren 
Mangel an gedienten Leuten während des Marcomanenkrieges diese 
kleinasiatischen Stadtsoldaten in die Reichstruppen einzureihen'). 

ja«tupflege Die Justizpflcgc sowohl der städtischen Behörden wie der Statt- 
halter liefs auch in dieser Epoche vieles zu wünschen übrig; doch 
bezeichnet das Eintreten der Kaiserherrschaft darin eine Wendung 
zum Besseren. Das Eingreifen der Reichsgewalt hatte unter der 
Republik sich auf die strafrechtliche Gontrole der Reichsbeamten be- 
schränkt und diese besonders in späterer Zeit schwächlich und 
parteiisch geübt oder vielmehr nicht geübt Jetzt wurden nicht blofs 
in Rom die Zügel schärfer angezogen, indem die strenge Beaufsichtigung 
der eigenen Beamten von dem einheitlichen Militärregiment unzertrenn- 
lich war und auch der Reichssenat zu schärferer Ueberwachung der 
Amtspflege seiner Mandatare veranlafst wurde, sondern es wurde jetzt 
möglich , die MifsgrifTe der Provinzialgerichte im Wege der neu ein- 
geführten Appellation zu beseitigen oder auch, wo unparteiisches 



') In dem kleinasiatischen MaDicip«lwesen kommt aUes vor, nar nicht 
das WalTenwoseo. Der amyroaeisehe OJQaTfjyog Inl rtiv onXajv ist natfir- 
lich eine Reminiscenz so gat wie der Callas des Herakles 6nloq>vla^ 
(C. I. Gr. 3162). 

') Der Eirenareh von Smyrna sendet, nm den Polykarpos zn verhaften, 
diese Gensdarmen aas: l^ld-ov iiüyyfjtlxai na\ Innus /ucra tcSv aw^d-tay 
avioTg SnXeov, tos in^ Irffftriv tQ^x^vng (acta mart ed. Rainart p. 39). Dafs 
sie nicht die eigentliche soldatische Rästong hatten, wird aach sonst bemerkt 
(Ammian 27, 9, 6: adhibüis senuermibus quibusdam — gegen die Isaarer — 
quos diogmüoi apeÜant), Von ihrer Verwendang im Marcomanenkrieg be- 
richtet der Biograph des Marcos c. 26: armavü tidiogmäoM and die Inschrift 
von Aezani in Phrygien C. I. Gr. 3031a 8 « Lehas-Waddington 992: naqaaxoiv 
Tip xvnlf^ Kalaaqi avfjifiaxov SwyfjtiCtfiv naq iavrov. 



KLEINASIBN. 325 

Gericht in der Provinz nicht erwartet werden konnte, den Prozefs nach 
Rom vor das Kaisergericht zu ziehen ^). Beides kam auch den senato- 
rischen Provinzen zu Gute und ist allem Anschein nach öberwiegend 
als Wohlthat empfunden worden. 

Wie bei den Hellenen Europas, so ist in Kleinasien die römische Die Ueia- 
Provinz wesentlich ein Complex stadtischer Gemeinden. Wie in Hellas stTai^i^ 
werden auch hier die überkommenen Formen der demokratischen Politie '^^°^' 
im Allgemeinen festgehalten, die Beamten zum Beispiel auch ferner von 
den Bürgerschaften gewählt, überall aber der bestimmende Einflufs 
in die Hände der Begöterten gelegt und dem Belieben der Menge 
so wie dem ernstlichen politischen Ehrgeiz kein Spielraum gestattet. 
Unter den Beschränkungen der municipalen Autonomie ist den klein- 
asiatischen Städten eigenthümlich, dafs den schon erwähnten Eiren- 
archen , den städtischen Polizeimeister, späterhin der Statthalter aus 
einer von dem Rath der Stadt aufgestellten Liste von zehn Personen 
ernannte. Die Regierungscuratel der städtischen Finanzverwaltung, Logüteo. 
die kaiserliche Bestellung eines nicht der Stadt selbst angehörigen 
Vermögenspflegers (curatorrei publicae, Xoy&(frijg), dessen Consens 
die städtischen Behörden bei wichtigeren Vermögenshaudlungen ein- 
zuholen haben, ist niemals allgemein, sondern nach Bedürfnifs für diese 
oder jene Stadt angeordnet worden, in Kleinasien aber entsprechend 
der Bedeutung seiner städtischen Entwickelung besonders früh, das 



1) la Knidos (Boll. de corr. heU. 7, 62) hatten im J. 741/2 d. St einige i.ya 
wie 60 scheint angesehene Borger das Haas eines ihnen persSnlich Verfeindeten 
4rei Nachte hindareh gestörmt; bei der Abwehr hatte einer der Selaven 
des belagerten Hasses durch ein ans dem Fenster geworfenes Gefafs den einen 
der Angreifer getb'dtet. Die Besitzer des belagerten Hanses worden daraaf 
des Todtschlags angeklagt, perhorrescirten aber, da sie die öffentliche Meinnng 
gegen sich hatten, das städtische Gericht nnd verlangten die Bntscheidnng 
durch den Sprach des Kaisers Aagostas. Dieser liefs die Sache durch einen 
Commissar unters neben und sprach die Angeklagten frei, wovon er die Be- 
hörde in Knidos in Kenntnifs setzte mit der 'Bemerkung, dafs sie die Angelegen- 
heit nicht unparteiisch behandelt hatten und sie anwies sich nach seinem Spruche 
zu verhalten. Das ist allerdings, da Knidos eine freie Stadt war, ein Ein- 
greifen in deren souveräne Rechte, wie auch in Athen Appellation au den 
Kaiser und sogar an den Proeoosnl in hadrianiseher Zeit statthaft war 
(S. 240 A. 2). Aber wer die Justiz Verhältnisse einer Griechenstadt dieser 
Epoche und dieser Stellung erwagt, wird nicht zweifeln, dafs durch der- 
artiges Eingreifen wohl mancher ungerechte Sprueh veraolafst, aber viel 
häufiger ein solcher verhindert ward. 



326 AGHTBS BUCH. KAPITEL VlII. 

heibt seit dem Anfang des zweiten Jahrhunderts, und besonders um- 
fassend eingetreten. Wenigstens im 3. Jahrhundert muDsten auch hier 
wieanderswo sonstige wichügeBeschlüsse der Gemeindeverwaltung dem 
Statthalter zur Bestätigung unterbreitet werden. Uniformirung der 
GemeindeverfassuDg hat die römische Regierung nirgends und am 
wenigsten in den hellenischen Landschaften durchgeführt; auch in 
Kleinasien herrschte darin grofse Mannichfaltigkeit und vermuthlich 
vielfach das Belieben der einzelnen Bürgerschaften, obwohl für die 
derselben Provinz angehörigen Gemeinden das eine jede Provinz 
organisirende Gesetz allgemeine Normen vorschrieb. Was der Art von 
Institutionen als in Kleinasien verbreitet und vorherrschend diesem 
Landestheil eigenthümlich angesehen werden kann, trägt keinen politi- 
schen Charakter, sondern ist nur etwa für die socialen Verbältnisse 
bezeichnend, wie die über ganz Kleinasien verbreiteten Verbände 
oerosi», theils der älteren, theils der jüngeren Burger, die Gerusia und die 
Neoi, Ressourcen für die beiden Altersklassen mit entsprechenden 
Turnplätzen und Festen^). Autonome Gemeinden gab es in Klein- 
asien von Haus aus bei weitem weniger als in dem eigentlichen 
Hellas und namentlich die bedeutendsten kleinasiatischen Städte 



Neoi. 



^) Die in kleiDasiatischen iDSchrifton oft erwahote Gerusia hat mit der 
von Lysimaehoa in Ephesos getroffenen gleichaamii^en politiachea Einrichtung 
(Strabon 14, 1, 21 p. 640; Wood Ephesaa inser. from the temple of Diana n. 19) 
nichts weiter gemein; den Charakter derselben in römischer Zeit beseiehnet 
theils Vitmvios 2, 8, 10: Croeti (dmnum) Sardiam eivibus ad r^qttwoendum 
aetatis oiio smionan eoUegio genuiam dedicavenmty theils die in der lyki- 
schen Stadt Sidyma kürzlich gefundene Inschrift (Benodorf lyk. Reise 1, 71), wo- 
nach Rath und Volk beschliefsen, wie das Gesetz es fordert, eine Gemsia 
einzurichten und in diese 50 Buleuten und 50 andere Bürger einzuwühlen, 
welche dann eben Gymnasiarchen der neuen Gerusia bestellen. Dieser auch 
sonst begegnende Gymnasiaroh so wie der Hymnode der Gemsia (Meaadier 
qua condic. Ephesii usi sint p. 51) sind unter den uns bekannten Aemtern 
dieser Körperschaft die einzigen für ihre Beschaffenheit charakteristischen. 
Analog, aber weniger angesehen, sind die GoUegien der v^ot, die auch ihre 
eigenen Gymnasiarchen haben. Zu den beiden Aufsehern der Turaplütze für 
die erwachsenen Bürger machen den Gegensatz die Gymnasiarchen der Epheben 
(Menadier p. 91). Gemeinschaftliche Mahlzeiten und Feste (auf die der Hymnode 
sich bezieht) fehlten nalürlich namentlich bei der Gerusia nicht. Sie ist 
keine Armenversorgnng, aber auch kein der mnnicipalen Aristokratie reser- 
virtes CoUegium; charakteristisch für die Weise des bürgerlichen Verkehrs 
der Griechen, bei welchen der Turnplatz etwa ist was in unsern kleinen 
Städten die Bürgercasinos. 



KLBINASIBIf. 327 

haben diese zweifelhafte Auszeichnung niemals gehabt oder doch 
früh verloren, wie Kyzikos unter Tiberius (S. 321), Samos durch 
Vespasian. Kleinasien war eben altes Cnterthanengebiet und unter den 
persischen wie unter den hellenischen Herrschern an monarchische 
Ordnung gewöhnt; weniger als in Hellas führte hier unnützes Erinnern 
und unklares Hoffen hinaus über den beschränkten municipalen Hori« 
zont der Gegenwart und nicht vieles der Art störte den friedlichen Ge* 
nufs des unter den bestehenden Verhältnissen möglichen Lebensglückes. 

Solchen Lebensglückes gab es in Kleinasien unter dem römischen dm tttdü- 
Kaiserregiment die Fülle« 'Keine Provinz von allen', sagt ein in * * * 
Smyrna unter den Antoninen lebender Schriftsteller, 'hat so viele 
'Städte aufzuweisen wie die unsrige und keine solche wie unsere 
'gröfsten. Ihr kommen zu Gute die reizende Gegend, die Gunst des 
'Klimas, die mannichfaltigen Producte, die Lage im Mittelpunkt des 
'Reiches, ein Kranz ringsum befriedeter Völker, die gute Ordnung, die 
'Seltenheit der Verbrechen, die milde Behandlung der Sdaven, die 
'Rücksicht und das Wohlwollen der Herrscher*. Asia hiefs, wie schon 
gesagt ward, die Provinz der fünfhundert Städte, und wenn das 
wasserlose zum Theil nur zur Weide geeignete Binnenland Phrjrgiens, 
Lykaoniens, Galatiens, Kappadokiens auch in jener Zeit nur dünn 
bevölkert war, stand die übrige Küste hinter Asia nicht weit zurück. 
Die dauernde Blüthe der culturfihigen Landschaften Kleinasiens er- 
streckt sich nicht blols auf die Städte glänzenden Namens, wie Ephesos, 
Smyrna, Laodikeia, Apameia; wo immer ein von der Verwüstung der 
anderthalb Jahrtausende, die uns von jener Zeit trennen, vergessener 
Winkel des Landes sich der Forschung erschliefst, da ist das erste 
und das mächtigste Gefühl das Entsetzen, fast möchte man sagen die 
' Scham über den Contrast der elenden und jammervollen Gegenwart 
mit dem Glück und dem Glanz der vergangenen Römerzeit. Auf Kngo«. 
einer abgelegenen Bergspitze unweit der lyluschen Küste, da wo nach ^^"^ 
der griechischen Fabel die Chimaera hauste, lag das alte Kragos, 
wahrscheinlich nur aus Balken und Lebmziegeln gebaut und darum 
spurlos verschwunden bis auf die cyklopische Festungsmauer am Fufs 
des Hügels. Unter der Kuppe breitet ein anmuthiges fruchtbares 
Thal sich aus, mit frischer Alpenlutt und südlicher Vegetation, um- 
geben von wald- und wildreichen Bergen. Als unter Kaiser Claudius 
Lykien Provinz ward, verlegte die römische Regierung die Bergstadt, 
das 'grüne Kragos* des Horaz, in diese Ebene; auf dem Marktplatz 



^ 



328 ACHTBS BUCH. KAPITBL VIII. 

der neuen Stadt Sidyma stehen noch die Reste des viersiuligen dem 
Kaiser damals gewidmeten Tempels und einer stattlichen Säulenhalle, 
welche ein von dort gebürtiger als Arzt zu Vermögen gelangter 
Bürger in seiner Vaterstadt baute. Statuen der Kaiser und ver- 
dienter Mitbürger schmückten den Markt; es gab in der Stadt einen 
Tempel ihrer Schutzgötter, der Artemis und des Apollon, Bäder, 
Turnanstalten (/vfi}fd(f$cc) für die ältere wie für die jüngere Bürger- 
schaft; von den Thoren zogen sich an der Hauptstraüse, die steil am 
Gebirge hinab nach dem Hafen Katabatia führte, zu beiden Seiten 
Reihen hin von steinernen Grabmonumenten, stattlicher und kostbarer 
als die Pompeiis und grolsentheils noch aufrecht, (während die, ver- 
muthlich wie die der Altstadt aus vergänglichem Material gebauten, 
Häuser verschwunden sind. Auf den Stand und die Art der einstma- 
ligen Bewohner gestattet einen Schlufs ein kürzlich dort aufgefundener 
wahrscheinlich unter Commodus gefalster Gemeindebeschlub über die 
Constituirung der Ressource für die älteren Bürger; dieselbe wurde zu- 
sammengesetzt aus hundert zur Hälfte dem Stadtrath, zur Hälfte der 
übrigen Bürgerschaft entnommenen Mitgliedern, darunter nicht mehr 
als drei Freigelassene und ein Bastardkind, alle übrigen in rechter Ehe 
erzeugt und zum Theil nachweislich alten und wohlhabenden Bürger- 
häusern angehörig. Einzelne dieser Familien sind zum römischen 
Bürgerrecht gelangt, eine sogar in den Reichssenat. Aber auch im Aus- 
land blieb dieses senatorische Haus sowohl wie verschiedene aus Sidyma 
gebürtige auswärts und selbst am kaiserlichen Hof beschäftigte Aerzte 
der Heimath eingedenk und mehrere derselben haben ihr Leben da- 
selbst beschlossen; einer dieser angesehenen Stadtbürger hat in einem 
nicht gerade vortrefflichen, aber sehr gelehrten und sehr patriotischen 
Elaborat die Legenden der Stadt und die sie betreffenden Weissagungen 
zusammengefafst und diese Memorabiiien öffentlich aufstellen lassen. 
Dies Kragos-Sidyma stimmte auf dem Landtag" der kleinen lykischen 
Provinz nicht unter den Städten erster Klasse, war ohne Theater, 
ohne Ehrentitel und ohne jene allgemeinen Feste, die in der damaligen 
Welt die Grofsstadt bezeichnen, auch nach uer Auffassung der Alten 
eine kleine Provinzialstadt und durchaus eine Schöpfung der römischen 
Kaiserzeit Aber im ganzen Vilajet Aldin ist heute kein Binnenort, der für 
civilisirte Existenz auch nur entfernt diesem Bergstädtchen, wie es war, 
an die Seite gestellt werden könnte. Was in diesem abgeschiedenen 
Fleck noch heute lebendig vor Augen steht, das ist in einer unge- 



KLE1NA8IBN. 329 

zählten Meoge anderer Stidte unter der verwüstenden Mensc henhand 
bis auf geringe Reste oder auch spurlos verschwunden. Einen gewissen 
Ueberblick dieser Fülle gewährt die den 'Städten in Kupfer freigege- 
bene Münzprägung der Kaiserzeit: keine Provinz kann in der Zahl der 
Münzstätten und der Mannichfaltigkelt der Darstellungen sich anch nur 
von weitem mit Asia messen. 

Freilich fehlt diesem Aufgehen aller Interessen in der heimath- Miagei lu 
liehen Kleinstadt die Kehrseite (so wenig in Kleinasien wie bei den r^^kitaAg. 
europäischen Griechen. Was über deren Gemeindeverwaltung gesagt 
istff^gilt in der Hauptsache auch hier. Der städtischen Finanzw irth- 
schaft, die sich ohne rechte Controleweifs, fehlt Stetigkeit und Sparsam- 
keit und oft selbst die Ehrlichkeit; bei den Bauten werden bald die Kräfte 
der Stadtüberschritten, bald auch das Nöthigste unterlassen; diekleineren 
Bürger gewöhnen sich an die Spenden der Stadtkasse oder der ver- 
mögenden Leute, an das freie Oel in den Bädern, an Bürgerschmäuse 
und Volksbelustigungen aus fremder Tasche, die guten Häuser an 
die Clientel der Menge mit ihren demüthigen Huldigungen, ihren 
Bettelintriguen, ihren Spaltungen; Rivalitäten bestehen wie zwischen 
Stadt und Stadt (S. 303), so in jeder Stadt zwischen den einzelnen 
Kreisen und den einzelnen Häusern; die Bildung von Armenvereinen 
und von freiwilligen Feuerwehren, wie sie im Occident überall .be- 
standen, wagt die Regierung in Kleinasien nicht einzuführen, weil das 
Factionswesen hier sich jeder Association sofort bemächtigt Der stille 
See wird leicht zum Sumpf und das Fehlen des grofsen Wellenschlags 
der allgemeinen Interessen ist auch in Kleinasien deutlich zu spüren. 

Kleinasien, insbesondere Vorderasien, war eines der reichsten woUatMA. 
Gebiete des groisen Römerstaats. Wohl hatte das Mifsregiment der 
Republik, die dadurch hervorgerufenen Katastrophen der mithrada- 
tischen Zeit, dann das Piratenunwesen, endlich die vieljährigen 
Bürgerkriege, welche finanziell wenige Provinzen so schwer betroffen 
hatten wie diese, die Vermögensverhältnisse der Gemeinden und der 
Einzelnen daselbst so vollständig zerrüttet, dafs ;Augustus zu dem 
äufsersten Mittel der Niederschlagung aller Schuldforderungen griff; 
auch machten mit Ausnahme der Rhodier alle Asiaten von diesem 
gefahrlichen Heilmittel Gebrauch. Aber das wieder eintretende Friedens- 
regiment glich vieles aus. Nicht überall — die Inseln des aegaeischen 
Meers zum Beispiel haben sich nie seitdem wieder erholt — , aber in 
den meisten Orten waren, schon als Augustus starb, die Wunden wie 



330 ACHTES HOCH. KAPITEL Till. 

die Heilmittel vergesseD , and in diesem Zustand blieb das Land drei 
Jahrhunderte bis auf die Epoche der Gothenkriege. Die Summen, 
zu welchen die Städte Kleinasiens angesetzt waren und die sie selbst, 
allerdings unter Controle des Statthalters, zu repartiren und aufzu- 
bringen hatten, bildeten eine der bedeutendsten Einnahmequellen iet 
Reichskasse. Wie die Steuerlast sich zu der Leistungsfähigkeit der 
Besteuerten yerhielt, vermögen wir nicht zu constatiren; eigentliche 
dauernde UeberbQrdung aber verträgt sich nicht mit den Zuständen, 
in denen wir das Land bis gegen die Mitte des dritten Jahrhunderts 
finden. Mehr vielleicht noch die Schlaffheit des Regiments als absicht- 
liche Schonung mag die fiscalische Beschränkung des Verkehrs und 
die nicht blofs för den Besteuerten unbequeme Anziehung der Steuer- 
schraube in Schranken gehalten haben. Bei grofsen Calamitäten, 
namentlich bei den Erdbeben, welche unter Tiberius zwölf blühende 
Städte Asias, vor allem Sardes, unter Pius eine Anzahl karischer und 
lykischer und die Inseln Kos und Rhodos entsetzlich heimsuchten, trat die 
Privat- und vor allem die Reicbshulfe mit grofsartiger Freigebigkeit ein 
und spendete den Kleinasiaten den vollen Segen des Grofsstaats, die 
Sammtverbürgung aller för alle. Der Wegebau, den die Römer bei 
der ersten Einrichtung der Provinz Asia durch Manius Aquillius 
(2, 54) in Angriff genommen hatten, ist in der Kaiserzeit in Kleinasien 
nur da ernstlich gefordert worden, wo gröfsere Besatzungen standen, 
namentlich in Kappadokien und dem benachbarten Galatien, seitVespa- 
sian am mittleren Euphrat Legionslager eingerichtet hatte ^). In den 
übrigen Provinzen ist dafür nicht viel geschehen, zum Theil ohne 
Zweifel in Folge der Schlaffheit des senatorischen Regiments; wo 
immer hier Wege von Staatswegen gebaut wurden, geschah es auf 
kaiserliche Anordnung'). — Diese Bläthe Kleinasiens ist nicht das 



*) Die Meilensteine be^innea hier mit Vespasian (C. I. L. III, 306) and 
sind seitdem zahlreich, namentlich von Domitian bis anf Hadriaa. 

') Am deutlichsten zeigen dies die in der Senatsprovinz Bithynien unter 
Nero und Vespasian durch den kaiserlichen Procurator ausgeführten Wege- , 
bauten (C. I. L. III, 346. £ph. V n. 96). Aber auch bei den Wegebauten in 
den senatorischen Provinzen Asia und Kypros wird der Senat nie genannt 
und es wird dafür dasselbe angenommen werden dürfen. Im dritten Jahrb. ist 
hier wie überall der Bau auch der Reichsstrafsen auf die Communen über- 
gegangen (Smyrna: C. I. L. III, 471; Thyateira: Bull, de corr. hell. 1)101; 
Paphos: C. I. L. III, 218). 



KLEINASIEN. 331 

Werk einer Regierung yonüberlegener Einsicht und energischer That- 
kraft. Die politischen Einrichtungen» die gewerblichen und commer- 
ciellen Anregungen, die litterarische und künstlerische Initiative ge- 
hören in Kleinasien durchaus den alten Freistädten oder den Attaliden. 
Was die römische Regierung dem Lande gegeben hat, war wesentlich 
der dauernde Friedensstand und die Duldung des Wohlstandes im Innern, 
die Abwesenheit derjenigen Regierungsweisheit, die jedes gesunde Paar 
Arme und jedes ersparte Geldstück betrachtet als ihren unmittelbaren 
Zwecken von Rechts wegen yerfallen — negative Tugenden keineswegs 
hervorragender Persönlichkeiten, aber oftmals dem gemeinen Ge- 
deihen erspriefslicher als die Groisthaten der selbstgesetzten Vor- 
münder der Menschheit 

Der Wohlstand Kleinasiens beruhte in schönem Gleichgewicht HAnd«inn< 
ebenso auf der Bodencultur wie auf der Industrie und dem Handel. Die 
Gunst der Natur ist insbesondere den Küstenlandschaften in reichstem 
Hafse zu Theil geworden, und vielfach zeigt es sich, mit wie emsigem 
Fleils auch unter schwierigeren Verhältnissen, zum Beispiel in dem 
felsigen Thal des Eurymedon in Pamphylien von den Bürgern von 
Selge, jedes irgend brauchbare Bodenstück ausgenutzt ward. Die Er- 
zeugnisse der kleinasiaüschen Industrie sind zu zahhreich und zu man- 
nichfaltig, um bei den einzelnen zu verweilen^); erwähnt mag 
werden, dafs die ungeheuren Triften des Binnenlandes mit ihren Schaf- 
und Ziegenheerden Kleinasien zum Hauptland der Wollindustrie und 



') Die Christen des RnsteDstädtcheos Korylios im rauhen Kilikien pflegten, 
gegen den aUgemeinen Gebrancb, ihren Grabschriften regelaiafsig den Stand 
beizDsetzen. Auf den dort von Langlois und neuerdings von Onehesne (Bull, 
de eorr. hell. 7, 230 fg.) aufgenommenen Grabschriften finden sich ein Schreiber 
(vowQios), ein Weinhändler (oMft7ioQog\ zwei Oelhäodler (iUonoiXrj^), ein 
Gemüsehändler {XaxavonoiXrig), ein Frachthäadler {onatgontoJirig^ zwei Krämer 
{xunrjXog), fünf Goldschmiede {av^oQiog dreimal, ;|f^uro/ooff zweimal), wovon 
einer auch Presbyter ist, vier Kopfersehmiede {xaXxotvnoc einmal, jifailxcvc 
dreimal), zwei Instmmeatenmacher {uQfievo^ipos), fünf TSpfer {xiQUfitvs), von 
denen einer als Arbeitgeber (l^xodonj; ) bezeichnet wird , ein anderer zagleich 
Presbyter ist, ein Kleiderhändler (IfiaTionmXrjs)^ zwei Leiowandhändler {Xivo- 
7iiuXrig)f drei Weber (o^oviaxos), ein Wollarbeiter {iQiov^os), zwei Schuster 
(xaXiyoQiof, xuXraQiog), ein Kürschner (Ivio^dtpos, wohl für ^lo^cupog, peilio), 
ein Schiffer (vavxXfi^og)^ eine Hebamme (iitTQtyi) ; ferner ein Gesammtgrab der 
hochansehnlichen Geldwechsler {pvaaxigJia tmv ivytveatajtov r^aniCittSv), So 
sah es daselbst im 5. und 6. Jahrhundert aus. 



332 ACHTES BUCH. KAPITEL VIII. 

der Weberei überhaupt gemacht haben — es genügt zu erinnern an 
die milesische und die galatische, das ist die Angorawolle, die attalischen 
Goldstickereien, die nach nervischer, das heifst flandrischer Art in den 
Fabriken des phrygischen Laodikeia gefertigten Tuche. DaTs inEphesos 
fast ein Aufstand ausgebrochen wäre, weil die Goldschmiede von 
dem neuen Christenglauben Beschädigung ihres Absatzes von Heiligen- 
bildern befürchteten, ist bekannt. In Philadelpheia, einer bedeutenden 
Stadt Lydiens, kennen wir von den sieben Quartieren die Namen 
zweier: es sind die der Wollen weber und der Schuster. Wahrschein- 
lich tritt hier zu Tage, was bei den übrigen Städten unter älteren und 
vornehmeren Namen sich versteckt, dafs die bedeutenderen Städte 
Asias durchgängig nicht blofs eine Menge Handwerker, sondern auch 
eine zahlreiche Fabrikbevölkerung in sich schlössen. Der Geld- und 
Handelsverkehr ruhte in Kleinasien hauptsächlich auf der eigenen 
Production. Der grofse ausländische Import und Export Syriens und 
Aegyptens war hier in der Hauptsache ausgeschlossen, wenn auch aus 
den östlichen Ländern mancherlei Artikel, zum Beispiel durch die 
galatischen Händler eine beträchtliche Zahl von Sciaven nach Klein- 
asien eingeführt wurden^). Aber wenn die römischen Kaufleute 
hier wie es scheint in jeder grofsen und kleinen Stadt, selbst in Orten 
wie Ilion und Assos in Mysien, Prymnessos und Traianupolis in Phry- 
gien in solcher Zahl zu finden waren , dafs ihre Vereine neben jder 
Stadtbürgerschaft bei öflentlichen Acten sich zu betheiligen pflegen ; 
wenn in Hierapolis im phrygischen Binnenland ein Fabrikant (i^ya- 
(fT^g) auf sein Grab schreiben liefs, dafs er zweiundsiebzigmai in 
seinem Leben um Gap Malea nach Italien gefahren sei und ein römischer 
Dichter den Kaufmann der Hauptstadt schildert, welcher nach dem 
Hafen eilt, um den Geschäftsfreund aus dem nicht weit von Hiera- 
polis entfernten Kibyra nicht in die Hände von Concurrenten fallen 
zu lassen, so öffnet sich damit ein Einblick in ein reges gewerbliches 
und kaufmännisches Treiben nicht blols in den Häfen. Von dem 
steligen Verkehr mit Italien zeugt auch die Sprache; unter den in 
Kleinasien gangbar gewordenen lateinischen Wörtern rühren nicht 
wenige aus solchem Verkehr her, wie denn in Ephesos sogar die Gilde 

') Dieser für das 4. Jahrh. bezeuge Verkehr (AmmUn 22, 7, 8; Cisu- 
dianos in ßntrop. 1, 59) ist ohne Zweifel älter. Anderer Art ist es, dafs, 
wie Philostratns vita Apoll. 8, 7, 12 anhiebt, die nicht griechischen Bewohner 
von Phry^ien ihre Kinder an die Sclavenh'andler verkaaften. 



KLE1NAS1BN. 333 

der Wollenweber sich lateinisch benennt^). Lehrer aller Art und Aerzte 
kamen nach Italien und den übrigen Ländern lateinischer Zunge vor- 
zugsweise von hier und gewannen nicht blofs oftmals bedeutendes 
Vermögen, sondern brachten dies auch in ihre Heimath zuröck; unter 
denen, welchen die Städte Kleinasiens Bauwerke oder Stiftungen ver- 
danken, nehmen die reich gewordenen Aerzte ') und Litteraten einen 
hervorragenden Platz ein. Endlich die Auswanderung der grofsen 
Familien nach Italien hat Kleinasien weniger und später betroffen als 
den Occident; aus Vienna und Narbo siedelte man leichter nach der 
Hauptstadt des Reiches ober als aus den griechischen Städten und auch 
die Regierung war in früherer Zeit nicht eben geneigt die vornehmen 
Municipalen Kleinasiens an den Hof zu ziehen und sie in die römische 
Aristokratie einzuführen. 

Wenn wir absehen von der wunderbaren Fruhblüthe, in welcher ^ThidjSitr 

^) 2:w€Qyaaia xäv lava^Ctov (Wood Ephesas, city n. 4). Auch auf den 
Inscliriften von Korykos (S. 331 A. 1) sind Uteioische Handwerkerbeoeo- 
BOD^eii haofiff. Die Stofe heifst yquSo^ io den phryg^schen loschriften G. I. 
Gr. 3900. 3902 t*. 

') Einer von diesen ist Xenophon des Herakleitos Sohn von Kos, be- 
kannt ans Tacitas (ann. 12, 61. 67) und Plinios n. h. 29, 1, 7 und einer Reihe 
von Denkmälern seiner Heimath (Ball, de corr. hell. 5, 468). Als Leibarzt 
(a^/»«T(>of, welcher Titel hier znerst begegnet) des Kaisers Claudias gewann 
er solchen Einflnrs, dafs er mit seiner arztlichen Thätigkeit die einflafsreiche 
Stellung des kaiserlichen Rabinetssecretärs fiir die griechische Correspondenz 
verband (^;rl tmv *EXlipftxiliv anoxgifiortov; vgl. Suidas n. d. W. JioviifStos 
^y^U^txvSgivg) und nicht blofs für seinen Bruder und Oheim das römische 
Bürgerrecht und OfBzierstellen von Ritterraog und für sich aufser dem Ritter- 
pferd und dem OfBziersrang noch die Decoration des Goldkranzes und des 
Speers bei dem britannischen Triumph erwirkte, sondern auch für seine Heimath 
die Steuerfreiheit Sein Grabmal steht auf der Insel und seine dankbaren 
Landsleute setzten ihm und den Seinigen Statuen und schlugen zu seinem 
Gedächtnifs Münzen mit seinem Bildnifs. Er ist es, der den todtkranken 
Claudius durch weitere Vergiftung umgebracht haben soll und demgemäfs, als 
ihm wie seinem Nachfolger gleich werth, auf seinen Denkmälern nicht blofs 
wie üblich 'Kaiserfreund' {(pUoafßaaros) Jieifst, sondern speciell Freund des 
Claudius {(püLoxXavSttfg) und des Nero (^•»jloy/'i^aiy, dies nach sicherer Resti- 
tution). Sein Bruder, dem er in dieser Stellung folgte, bezog ein Gebalt von 
500 000 Sesterzen (100 000 Mark), versicherte aber dem Kaiser, dafs er nur 
ihm zu Liebe die Stellung angenommen hätte, da seine Stadtpraxis ihm 100000 
Sesterzen mehr eingetragen habe. Trotz der enormen Summen, die die 
Brüder aufser für Kos namentlich für Neapel aufgewendet hatten, hinter- 
liefsen sie ein Vermögen von 30 Mill. Sesterzen (6>^ Mill. Mark). 



334 ACHTE8 BUCH. KAPITEL vni. 

das ionische Epos und die aeoliscbe Lyrik, die Anfänge der Ge- 
schichtsschreibung und der Philosophie, der Plastik und der Malerei 
an diesen Gestaden keimten, so war in der Wissenschaft wie in der 
Kunstübung die groüse Zeit Kleinasiens die der Attaliden, welche 
die Erinnerung jener noch grösseren Epoche treulich pQegle. Wenn 
Smyrna seinem Burger Homeros göttliche Verehrung erwies, auch Mflnzen 
auf ihn schlug und nach ihm nannte, so drückt sich darin die Em- 
pfindung aus, die ganz lonien und ganz Kleinasien beherrschte, dafs die 
göttUcheKunst überhaupt in Hellas und im Besondem in lonien auf die 
Dnterrieht. Erde niedergcstiegeu sei. Wie früh und in welchem Umfang für den 
Elementarunterricht in diesen Gegenden öffentlich gesorgt worden ist, 
veranschaulicht ein denselben betreffender Beschlufs der Stadt Teos ^) 
in Lydien. Danach soll, nachdem die Capitalschenkung eines reichen 
Bürgers die Stadt dazu in Stand gesetzt hat, in Zukunft neben dem 
Tuminspector (yvfjbvatfioQxrig) weiter das Ehrenamt eines Schul- 
inspectors (Tiaido^dfiog) eingerichtet werden. Ferner sollen mit 
Besoldung angestellt werden drei Schreiblehrer mit Gehalten, je nach 
den drei Klassen, von 600, 550 und 500 Drachmen, damit im 
Schreiben sämmtliche freie Knaben und Mädchen unterwiesen werden 
können; ebenfalls zwei Turnmeister mit je 500 Drachmen Gehalt, ein 
Musiklehrer mit Gehalt von 700 Drachmen, welcher die Knaben der 
beiden letzten Schuljahre und die aus der Schule entlassenen Jüng- 
linge im Lautenschhigen und Citherspielen unterweist, ein Fechtlehrer 
mit 300 und ein Lehrer für Bogenschiefsen und Speerwerfen mit 
250 Drachmen Besoldung. Die Schreib- und der Musiklehrer sollen 
jährlich im Rathhaus ein öffenlliches Examen der Schüler abhalten. 
Das ist das Kleinasien der Attalidenzeit; aber die römische Repu- 
blik hat deren Arbeit nicht fortgesetzt Sie liefs ihre Siege über 
die Galater nicht durch den Meifsel verewigen und die pergamenische 
Bibliothek kam kurz vor der aktischen Schlacht nach Alexandreia; viele 
der besten Keime sind in der Verwüstung der mithradatischen und 
der Bürgerkriege zu Grunde gegangen. Erst in der Kaiserzeit re- 
generirte sich mit dem Wohlstande Kleinasiens wenigstens äuOserlich 
die Pflege der Kunst und vor aUem der Litteratur. Einen eigentlichen 



^ Die Urkunde steht bei Dittenberger o. 349. Attalos 11 machte eine 
äholiche Stiftang ia Delphi (Ball, de corr. hell. 5, 157). 



KLEINASIBN. 335 

Primat, wie ihn als Universitätsstadt Athen besaCs, im Kreise der 
wissensehafUichen Forschung Atexandreia, fiir Schauspiel und Ballet die 
leichtfertige Hauptstadt Syriens, kann keine der zahlreichen Stüdte 
Kleinasiens nach irgend einer Richtung hin in Anspruch nehmen ; aber 
die allgemeine Bildung ist wahrscheinlich nirgends weiterverbreitet und 
eingreifender gewesen. Den Lehrern und den Aerzten Befreiung von den 
mitKosten verbundenen stadtischen Aemtern und Aufträgen zu gewähren 
mufsin Asia froh üblich geworden sein; an diese Provinz ist der Erlafs 
des Kaisers Pius gerichtet (S. 303), welcher, um der fQr die städtischen 
Finanzen offenbar sehr beschwerlichen Exemtion Schranken zu setzen, 
Maximalzafalen dafür vorschreibt, zum Beispiel den Städten ersterKlasse 
gestattet bis zu zehn Aerzten, fQnf Lehrmeistern der Rhetorik und 
fQnf der Grammatik diese Immunität zu gewähren. Dafs in dem Litte- 
ratenlhum der Kaiserzeit Kleinasien in erster Reihe steht, beruhtauf dem 
Rhetoren- oder, nach dem späterhin üblichen Ausdruck, dem Sophisten- 8opkut«D. 
wesen der Epoche, das wir Neueren uns nicht leicht vergegenwärtigen. 
An die Stelle der Schriftstellerei, die ziemlich aufgehört hat etwas zu 
bedeuten, ist der öffentliche Vortrag getreten, von der Art etwa unserer 
heutigen Universitäts- und akademischen Reden, ewig sich neu erzeugend 
und nur ausnahmsweise gelagert, einmal gehört und beklatscht und dann 
auf immer vergessen. Den Inhalt giebt häufig die Gelegenheit, der 
Geburtstag des Kaisers, die Ankunft des Statthalters, jedes öffentliche 
oder private analoge Ereignifs; noch häufiger wird ohne jede Veran- 
lassung ins Blaue hinein über alles geredet, was nicht praktisch und nicht 
lehrhaft ist. Politische Rede giebt es für diese Zeit überhaupt nicht, nicht 
einmal im römischen Senat. Die Gerichtsrede ist den Griechen nicht 
mehr der Zielpunkt der Redekunst, sondern steht neben der Rede um 
der Rede willen alsvemachlässigteund plebejische Schwester, zu der sich 
ein Meister jener gelegentlich einmal herabläfst. Der Poesie, der Philo- 
sophie, der Geschichte wird entnommen, was sich gemeinplätzig be- 
handeln läfst, während sie alle selbst überhaupt wenig und am wenigsten 
in Kleinasien gepflegt und noch weniger geachtet neben der reinen 
Wortkunst und von ihr durchseucht verkümmern. Die grofse Ver- 
gangenheit der Nation betrachten diese Redner so zu sagen als ihr 
Sondergut; sie verehren und behandeln den Homer einigermafsen wie 
die Rabbiner die Bücher Moses, und auch in der Religion befleifsigen 
sie sich eifrigster Orthodoxie. Getragen werden diese Vorträge durch 
alle erlaubten und unerlaubten Hülfsmittel des Theaters, die Kunst der 



336 ACHTES BUCH. KAPITEL Till. 

Gesticulation und der Modulation der Stimme, die Pracht des Redner- 
costäms, die Kunstgriffe des Virtuosentbums, das Factionswesen, die 
Concurrenz, die CIaque. Dem grenzenlosen Selbstgefühl dieser Wort- 
könstler entspricht die lebhafte Theilnabme des Publicums, welche 
derjenigen für die Rennpferde nur wenig nachsteht, und der völlig 
nach Theaterart dieser Theilnahme gegebene Ausdruck; und die Stetig- 
keit, womit dergleichen Exhibitionen in den gröfseren Orten den Ge- 
bildeten vorgeführt werden, fugt sie, ebenfalls wie das Theater, überall 
in die städtischen Lebensgewoboheiten ein. Wenn vielleicht an den 
Eindruck, welchen in unseren bewegtesten Grofsstädten die obligaten 
Reden ihrer gelehrten Körperschaften hervorrufen, sich dies unterge- 
gangene Phänomen für unser Verständnifs einigermafsen anknüpfen 
läfst, so fehlt doch in den heutigen Verhältnissen ganz, was in der alten 
Welt weit die Hauptsache war: das didaktische Moment und die Ver- 
knüpfung des zwecklosen öffentlichen Vortrags mit dem höheren Jugend- 
unterricbt. Wenn dieser heute, wie man sagt, den Knaben der ge- 
bildeten Klasse zum Professor der Philologie erzieht, so erzog er ihn da- 
mals zum Professor der Eloquenz, und zwar dieser Eloquenz. Denn die 
Schulung lief mehr und mehr darauf hinaus dem Knaben die Fertigkeit 
beizubringen eben solche Vorträge, wie sie eben geschildert wurden, 
selber, wo möglich in beiden Sprachen, zu halten und wer mit Nutzen 
den Cursus absolvirt hatte, beklatschte in den analogen Leistungen die 
Erinnerung an die eigene Schulzeit. Diese Production umspannt zwar 
den Orient wie den Occident ; aber Kleinasien steht voran und giebt 
den Ton an. Als in der augustischen Zeit die Schulrhetorik in dem 
lateinischen Jugendunterricht der Hauptstadt Fufs fafste, waren die 
Hauptträger neben Italienern und Spaniern zwei Kleinasiaten, Arellius 
Fuscus und Cestius Pius. Ebendaselbst , wo die ernsthafte Gerichts- 
rede sich in der besseren Kaiserzeit neben diesem Parasiten behauptete, 
weist ein geistvoller Advocat der flavischen Zeit auf die ungeheure 
Kluft hin, welche den Niketes von Smyrna und die andern in 
Ephesos und Mytilene beklatschten Redeschulmeister von Aeschines 
und Demoslhenes trennt. Rei weitem die meisten und namhaftesten 
der gefeierten Rhetoren dieser Art sind von der Küste Vorderasiens. 
Wie sehr für die Finanzen der kleinasiatischen Städte die Schulmeister- 
lieferung für das ganze Reich ins Gewicht ßel, ist schon bemerkt wor- 
den. Im Laufe der Kaiserzeit steigt die Zahl und die Geltung dieser 
Sophisten beständig und mehr und mehr gewinnen sie Roden auch 



KLSIIfASIEN. 337 

im Occident Die Ursache davon lieget zum Theil wohl in der ver- 
änderten Haltung der Regierang, die im zweiten Jahrhundert, ins- 
besondere seit der nicht so sehr hellenisirenden als übel kosmopoliti- 
sirenden hadrianischen Epoche, sich weniger ablehnend gegen das 
griechische und das iurientalische Wesen verhielt als im ersten; haupt- 
sächlich aber in der immer zunehmenden Verallgemeinerung der 
höheren Bildung und der rasch sich vermehrenden Zahl der Anstalten 
für den höheren Jugendunterricht Es gehört also die Sophislik aller- 
dings besonders nadi Kleinasien und besonders in das Kleinasien des 
zweiten und dritten Jahrhunderts; nur darf in diesem Lilteraten- 
primat keine specieile Eigenthümlichkeit dieser Griechen und dieser 
Epoche oder gar eine nationale Besonderheit gefunden werden. Die 
Sophistik sieht sich überall gleich, in Smyrna und Athen wie in Rom 
und Karthago ; die Eloquenzmeister wurden verschickt wie die Lampen- 
formen und das Fabricat überall in gleicher Weise, nach Verlangen 
griechisch oder lateinisch, hergestellt, die Fabrication dem Bedarf ent- 
sprechend gesteigert. Aber freilich lieferten diejenigen griechischen 
Landschaften, die an Wohlstand und Bildung voranstanden, diesen 
Exportartikel in bester Qualität und in gröJster Quantität; von Klein- 
asien gilt dies für die Zeiten Sullas und Ciceros nicht minder wie für 
die Hadrians und der Antonine. 

Indeb ist auch hier nicht alles Schatten. Eben diese Landschaften 
besitzen zwar nicht unter den professionellen Sophisten, aber doch 
unter den IJtteraten anderer Richtung, die auch noch dort verhält- 
nüsmäisig zahlreich sich finden, die besten Vertreter des Hellenismus, 
welche diese Epoche überhaupt aufweist, den Lehrer der Philosophie 
Dion von Prusa in Bithynien unter Vespasian und Traian und den 
Medianer Galenos aus Pergamon, kaiserlichen Leibarzt am Hofe des 
Marcus und des Severus. Bei Galenos erfreut namentlich die feine Weise 
des Welt- und des Hofmanns in Verbindung mit einer allgemeinen 
litterarischen und philosophischen Bildung, wie sie bei den Aerzten 
dieser Zeit überhaupt häufig hervortritt^). An Reinheit der Gesin- 



>) Ein Arxt ms Smyrna, HennogeaM dei Charideiios Sohn (C. T. Gr. 33 tl), 
sdirieb nicht biofs 77 Bnnde medieioisehen Inhalts, sondern daneben, wie sein 
Grabstein berichtet, historische Schriften: über Smyrna, ober Homers Vater- 
land, ober Homers Weisheit, aber die StSdtegrtindaagen in Asia, in Europa, 
aof den Inseln, Ittnerarien von Asia und von Eiiro|M, aber Kriesslisten, chrono- 
logische Tabfdlen über die Geschichte Roms and Smymas. Hin haiserlicher 
]fomiBt«B, »Oa. GuthiAte. V. 22 



338 ACHTES BUCH. KAPITEL VIU. 

DioB Ton Dung und Klarheit über die Lage der Dinge giebt der Bithyner Dion 
^""^ dem Gelehrten von Ghaeronea nichts nach, an Gestaltungskraft, an 
Feinheit und Schlagfertigkeit der Rede, an ernstem Sinn bei leichter 
Form, an praktischer Energie ist er ihm überlegen. Die besten seiner 
Schriften, die Phantasien von dem idealen Hellenen vor der Erfindung 
der Stadt und des Geldes, die Ansprache an die Rhodier, die einzigen 
dbrig gebliebenen Vertreter des echten Hellenismus, die Schilderung 
der Hellenen seiner Zeit in der Verlassenheit von Olbia wie in der 
Ueppigkeit von Nikomedeia und von Tarsos, die Mahnungen an den 
Einzelnen zu ernster Lebensführung und an alle zu eintrSchtigem 
Zusammenhalten sind das beste ZeugnüJB dafür, dafs auch von dem 
kleinasiatischen Hellenismus der Kaiserzeit das Wort des Dichters gilt : 
untergehend sogar ist's immer dieselbige Sonne. 



Leibarzt Meoekrates (C. L Gr. 6607), dMsen Herkooft nicht aogogebea wird, 
begrüodete, wie seiae romischen Verehver ihm beseheinii^en, die neue logische 
and zagleich empirische Medicia {iöias loyixfjg iyoQyovg tatQunig xrlatfis) in 
seinen auf hundert sechs und fanfsig Bande sich belanfeaden Schriften. 



KAPITEL IX. 



DIE EUPHRATGRENZB UND DIE PARTHER. 

Der einzige Grofsstaat, mit welchem das römische Reich grenxte, dm r^ 
war das Reich yon Iran'), ruhend auf derjenigen Nationalität, die im ^^ 
Alterthum wie heutzutage am bekanntesten ist unter dem Namen der 
Perser, staatlich zusammengefafst durch das altpersische Kftnigs- 
geschlecht der Achaemeniden und seinen ersten Grofsk6nig Kyros, 
religiös geeinigt durch den Glauben des Ahura Mazda und des Mithra. 
Keines der alten Culturvölker hat das Problem der nationalen Einigung 
gleich früh und gleich vollständig gelöst. SQdlich reichten die irani- 
schen Stämme bis an den indischen Ocean, nördlich bis zum kaspischen 
Meer ; nordöstlich war die innerasiatische Steppe der stete Kampf))latz 
der selshaften Perser und der nomadischen Stämme Turans. Oestlich 
schieden mächtige Grenzgebirge sie Yon den Indem. Im westlichen 
Asien trafen früh drei groOse Nationen jede ihrerseits vordrängend auf 
einander: die von Europa aus auf die kleinasiatische Küste übergreifen- 
den Hellenen, die von Arabien und Syrien aus in nördlicher und nord- 
östlicher Richtung vorschreitenden und das Euphratthal wesentlich aus- 



^) Die Vorstellung, dtfs das R$mer- und das Partherreich xwei neben 
einander stehende Grofsstaaten sind nnd zwar die einzigen, die es giebt, 
beherrscht den ganzen römisehen Orient, namentlieh die Grenzproviozen. 
Greifbar tritt sie uns in der johanneisehen Apokalypse entgegen, in dem Neben- 
einanderstellen wie des Reiters auf dem weifsen Rob mit dem Bogen und des 
auf dem rothen mit dem Sehwert (6, 2. 3), so der Megistanen und der Ghi- 
liarehen (6, 15 vgl. 18, 23. 19, 18). Aneh die Schlofskatastrophe ist gedacht 
als Ueberwältigang der R5mer dnrch die den Kaiser Nero zarnckföhrenden 
Parther (e. 9, 14. 16, 12) and Armagedon, was immer damit gemeint sein mag, 
als der Sammelplatz der Orientalen zu dem GesammUngrilT aaf den Oeeident. 
AUerdings deatet der im riimischen Reich schreibende Veriasser diese weaig 
patriotischen Hoffonngen mehr an ab er sie avsspricht. 

22* 



340 ACHTES BCJCH. KAPITEL Vi. 

fiUlendea aramäischen VoIkerschafteD, endlich die nicht blob bis zum 
Tigris wohnenden, sondern selbst nach Armenien und Kappadokien 
vorgedrungenen Stämme von Iran, während andersartige Url>ewohner 
dieser weitgedehnten Landschaften unter diesen Vormächten erlagen 
und verschwanden, lieber dieses weite Stammgebiet ging in der 
£poche der Achaemeniden, dem Höhepunct der Herrlichkeit Irans, die 
iranische Herrschaft nach allen Seiten, insbesondere aber nach Westen 
weit hinaus. Abgesehen von den Zeiten, wo Turan über Iran die 
Oberhand gewann und die Seldschuken und Mongolen den Persern 
geboten, ist eigentliche Fremdherrschaft über den Kern der iranischen 
Stämme nur zweimal gekommen, durch den grofsen Alexander und 
seine nächsten Nachfolger und durch die arabischen Abbasiden, und 
beide Male nur auf verhältnifsmäfsig kurze Zeit; die östlichen Land- 
schaften, in jenem Fall die Parther, in diesem die Bewohner des allen 
Baktrien warfen nicht biofs bald das Joch des Ausländers wieder ab, 
sondern verdrängten ihn auch aus dem stammverwandten Westen. 
Die Das durch die Parther regenerirte Perserreich fanden die Römer 

vor, als sie in der letzten Zeit der Republik in Folge der Besetzung 
Syriens in unmittelbare Berührung mit Iran traten. Wir haben dieses 
Staats schon mehrfach früherhin zu gedenken gehabt; hier ist der Ort 
das Wenige zusammenzufassen, was über die Eigenthümiichkeit des 
auch für die Geschicke des Nachbarstaats so vielfach ausschlaggebenden 
Reiches sich erkennen iässt. Allerdings hat auf die meisten Fragen, 
die der Geschichtsforscher hier zu stellen hat, die Ueberiieferung keine 
Antwort Die Occidentalen geben über die inneren Verhältnisse ihrer 
parthischen Nachbarn und Feinde nur gelegentliche in der Verein- 
zelung leicht irreführende Notizen ; und wenn die Orientalen es über- 
haupt kaum verstanden haben die geschichtliche Ueberiieferung zu 
fixiren und zu bewahren, so gilt dies doppelt von der Arsakidenzeit, 
da diese den späteren Iraniem mit der vorhergehenden Fremdherr- 
schaft der Seleukiden zusammen als unberechtigte Usurpation zwischen 
der alt- und der neupersischen Herrschaftsperiode, den Achaemeniden 
und den Sassaniden gegolten hat; dies halbe Jahrtausend wird so zu 
sagen aus der Geschichte Irans herauscorrigirt^) und ist wie nicht 
vorhanden. 



HcTTMhaft 
4er Partker. 



>) Dies gilt sogar eioigermarsen fdr die Chronolofie. Die officieile 
Historiographie der Sassaniden redacirt den Zeitravai swischea dem lotsten 
Dareios vnd dem ersten Sassaniden von 658 auf 266 Jahre (Nöideke Tahari S. 1). 



DIE EOPBRATGRSFfZE ülfD DIE PARTHER. 341 

Der Standpunct, den die Hofhistoriograpben der Sassalniden- Dia PwtiMr 
dynastie damit einnahmen, ist mehr der legitimistisch - dynastische des * **' 
persischen Adels als derjenige der iranischen Nationalität. Freilich 
bezeichnen die Schriftsteller der ersten Kaiserzeit die Sprache der Par- 
ther, deren Heimath etwa dem heutigen Chorasan entspricht, als 
mitten inne stehend zwischen der medischen und der skythischen, das 
heifst als einen unreinen iranischen Dialekt; dem entsprechend galten 
sie als Einwanderer aus dem Land der Skythen und in diesem Sinne 
wird ihr Name auf flüchtige Leute gedeutet und der Gründer der Dy- 
nastie Arsakes zwar von Einigen für einen Baktrer, von Andern da- 
gegen für einen Skythen von der Maeotis erklärt. Dafs ihre Fürsten 
nicht in Seleukeia am Tigris ihre Residenz nahmen, sondern in der 
unmittelbaren Nähe bei Ktesipbon ihr Winterlager aufschlugen, wird 
darauf zuriickgeföhrt, dafs sie die reiche Kaufstadt nicht mit skythi- 
schen Truppen hätten belegen wollen. Vieles in der Weise und den 
Ordnungen der Parther entfernt sich von der iranischen Sitte und er- 
innert an nomadische Lebensgewohnheiten : zu Pferde handeln und 
essen sie und nie geht der freie Mann zu Fufs. Es läfst sich wohl 
nicht bezweifeln, dafs die Parther, deren Namen allein von allen 
Stämmen dieser Gegend die heiligen Bücher der Perser nicht nennen, 
dem eigentlichen Iran fem stehen, in welchem die Achaemeniden und 
die Magier zu Hause sind. Der Gegensatz dieses Iran gegen das 
aus einem uncivilisirten und halb fremdartigen District herstammende 
Herrschergeschlecht und dessen nächstes Gefolge, dieser Gegensatz, 
den die römischen Schriftsteller nicht ungern von den persischen 
Nachbaren übernahmen, hat allerdings die ganze Arsakidenherrschaft 
hindurch bestanden und gegährt, bis er schlieCslich ihren Sturz her- 
beiführte. Darum aber darf die Herrschaft der Arsakiden noch nicht 
als Fremdherrschaft gefafst werden. Dem parthischen Stamm und der 
partbischen Landschaft wurden keine Vorrechte eingeräumt Als Re- 
sidenz der Arsakiden wird zwar auch die parthische Stadt Hekatompylos 
genannt; aber hauptsächlich verweilten sie im Sommer in Ekbatana 
(Hamadan) oder auch in Rhagae gleich den Achaemeniden, im Winter, 
wie bemerkt, in der Lagerstadt Ktesipbon oder auch in Babylon an der 
äufsersten westlichen Grenze des Reiches. Das Erbb^äbnifs in der 
Partherstadt Nisaea blieb; aber später diente dafQr häufiger Arbela in 
Assyrien. Die arme und ferne parthische Heimathlandschaft war für die 
üppige Hoflialtung und die wichtigen Beziehungen zu dem Westen 



342 ACBTB8 BUCH. KAPITBL DU 

besonders der späteren Arsakiden in keiner Weise geeignet. Das Haupt- 
land blieb auch jetst Medien, eben wie unter den Achaemeniden. Moch- 
ten immer die Arsakiden skythiscber Herkunft sein, mehr als auf das, 
was sie waren, kam darauf an, was sie sein wollten; und sie selber 
betrachteten und gaben sich durchaus als die Nachfolger desKyrosund 
des Dareios. Wie die sieben persischen Stammfilrsten den falschen 
Achaemeniden beseitigt und durch die Erhebung des Dareios die legi- 
time Herrschaft wiederhergestellt hatten, so mufsten andere Sieben 
die makedonische Fremdherrschaft gestürzt und den König Arsakes 
auf den Thron gesetzt haben. Mit dieser patriotischen Fiction wird 
weiter zusammenhängen , daüs dem ersten Arsakes statt der skythi- 
sehen die baktrische Heimath beigelegt ward. Die Tracht und die 
Etikette am Hof der Arsakiden war die des persischen; nachdem König 
Mithradates I seine Herrschaft bis zum Indus und Tigris ausgedehnt 
hatte, vertauschte die Dynastie den einfachen Königstitel mit dem 
des Königs der Könige, wie ihn die Achaemeniden geftkhrt hatten, und 
die spitze skythische Kappe mit der hohen perlengeschmückten Tiara; 
auf den Münzen führt der König den Bogen wie Dareios. Auch die mit 
den Arsakiden in das Land gekommene ohne Zweifel vielfach mit der 
alteinheimischen gemischte Aristokratie nahm persische Sitte und 
Tracht, meistens auch persische Namen an; von dem Partherheer, 
das mit Crassus stritt, heifst es , dafs die Soldaten noch das struppige 
Haar nach skythiscber Weise trugen, der Feldherr aber nach medischer 
Art mit in der Mitte gescheiteltem Haar und geschminktem Gesicht 
erschien. 
KomftkwB. Die staatliche Ordnung, wie sie durch den ersten Mithradates fest- 
gestellt wurde, ist dem entsprechend wesentlich diejenige der Achae- 
meniden. Das Geschlecht des Begründers der Dynastie ist mit allem 
Glanz und mit aller Weihe angestammter und göttlich verordneter 
Herrschaft umkleidet: sein Name überträgt sich von Rechtswegen auf 
jeden seiner Nachfolger und es wird ihm göttliche Ehre erwiesen; 
seine Nachfolger heiben darum auch Gottessöhne^) und auCserdem 



>) Die Uaterkonige der Penis heifsen in der Titulatnr stehend 'Zas 
Alohin' (wenisstens eotspreeheo die aramiiscben Zeichen diesen vermnthlich 
in der Aasspraehe persisch aasgedriiekten Worten), Gottes Sdhn (Mordtmaan 
Zeitschrift Ar Namismatik 4, 156 fg.), and dem eatspricht aafdeasriechischan 
MSnxen der GrofskSaise die Titalatar ^iondwQ. Aach die Beseiehaans 'Gott' 



DIB EUPHRATGBBNZB UND DIB PARTHBR. 343 

'BrChder des Sonnengotles und der Mondgöttin'» wie noch heute der 
Sdiah Ton Persien; das Blat eines Gliedes des KönigagescUechts auch 
nar durch ZoM za YergieAen ist ein Sacrilegium — alles Ordnungen, 
die mit wenigen Abmindeningen bei den römischen Caesaren wieder- 
kehren und vielleicht zumTheil von diesen der älteren Grofsherrschaft 
entlehnt sind. 

Obwohl die königliche Würde also fest an das Geschlecht geknfipft MegiitMaii. 
ist, besteht dennoch eine gewisse Königswahl. Da der neue Herrscher 
sowohl dem Gollegiam der 'Verwandten des könighchen Hauses' wie 
dem Priesterrath angehören muis, um den Thron besteigen zu können, 
so wird ein Act stattgefunden haben, wodurch yermuthlich eben diese 
CoOegien selbst den neuen Herrscher anerkannten ^). Unter den ' Ver- 
wandten' sind wohl nicht blob die Arsakiden selbst zu verstehen, son* 
dem die 'sieben Hfiaser' der Achaemenidenordnung^Fürstengeschlechter, 
welchen nach dieser die Ebenbörtigkeit und der freie Eintritt bei dem 
GroDikönig zukommt und die auch unter den Arsakiden ähnliche Pri- 
vilegien gehabt haben werden'). Diese Geschlechter waren zugleich 
Inhaber von erblichen Kronämtem'); die Surto zum Beispiel — der 



findet sieb, wie bei den Seleakiden and den Sassaniden. — Warum den Arsa- 
kiden ein Doppeldiadem beigelegt wird (Herodian 6, 2, ]), ist nicht aufgeklart. 

^) T(uy naQ&valäfv awiS^tov (pjotv (IIoasMvios) i7va&, sagt Strabon 
11, 9, 3 p. 515, ^ntoVy tb fitv {(fvyyivaVy t6 &k aoipmv icai /layrny^ i^ 
iv eififftoTv tovg ßaa^Xtig icad^araa^i {xad-iarriatv die Hdscbr.). Jnstinns 42, 4, 
1 : MUhridatti rex Parthorum . . . prepter crudMatem a tenahi Partkieo regno 
pMäur. 

*) In Aegypten, dessen Hofceremoniell, wie woU das der sUmmtiieben 
Staaten der Diadocben, aof das von Alexander angeordnete and insofern anf das 
des persischen Reiches zarüekgeht, seheint der gleiche Titel nach pers6nMeh 
verliehen worden za sein (Franz €. 1. Gr. 111 p. 270). Dafs bei den Arsa- 
kiden das Gleiche vorkam, ist mSglieh. Bei den griechisch redenden Unter- 
thaaen des Arsakidenstaats scheint die Benennaog foytarSifeg in dem nr- 
sprnnglichen strengeren Gebraach die Glieder der sieben Hünser za bezeich- 
nen; es ist beaehtenswertii, dafs megistanes and satrapae zosammengestellt 
werden (Seneea ep. 21; Josephus 11, 3,2. 20,2,3). Dafs bei Boftraner der 
PerserkSnig die Megistanen nicht znr Tafel zieht (Saeton Gai. 5), legt die Ver- 
mothong nahe, dafs sie das Vorrecht hatten mit ihm za speisen. — Aach der 
Titel T«>9^ n^wwf tpiXoty Sodet sich bei den Arsakiden ShnUch wie am Mgyp- 
tischen nnd am pontischeo Hofe (Ball, de corr. hell. 7 p. 349). 

*) Bin kSniglicher Mandschenk, der zagleieh Feldherr ist, wird genannt 
bei Josephas ant. 14, 13,7 -= bell. 1, 13, 1. Aehnliche Hofämter kommen in 
den Diadoehenstaaten häaflg vor. 



344 ACHTES mXE. KAPITEL IX. 

Name ist wie der Name Arsakes zugleich Personen- und Amtbezeich- 
nung — 9 das zweite Geschlecht nach dem Königshaus, setzten als 
Kronmeister jedesmal dem neuen Arsakes die Tiara aufs Haupt. 
Aber wie die Arsakiden selbst der parthischen Provinz angehörten, so 
waren die Surön in Sakastane (Sedjistän) zu Hause und Tielleicht 
Saker, also Skythen; ebenso stammten die Kar^n aus dem westlichen 
Medien, während die höchste Aristokratie unter den Achaemeniden 
rein persisch war. 
Sstnpra. Die Verwaltung liegt in den Händen der Unterkönige oder der 

Satrapen; nach den römischen Geographen der vespasianischen Zeit 
besteht der Staat der Parther aus achtzehn ^Königreichen'. Einige 
dieser Satrapien sind Secundogenituren des Herrscherhauses; ins- 
besondere scheinen die beiden nordwestlichen Provinzen, das atropa- 
tenische Medien (Aderbeidjan) und, sofern es in der Gewalt der Parther 
stand, Armenien den dem zeitigen Herrscher nächststehenden Prinzen 
zur Verwaltung übertragen worden zu sein^). Im Qbrigen ragen unter 
den Satrapen hervor der König der Landschaft Elymais oder von Susa, 
dem eine besondere Macht- und Ausnahmestellung eingeräumt vrar, 
demnächst derjenige der Persis, des Stammlaodes der Achaemeniden. 
Die wenn nicht ausschliefsliche, so doch überwiegende und den Titel 
bedingende Verwaltungsform war im Partberreich , anders als in dem 
der Caesaren, das Lehnkönigthum, so dafs die Satrapen nach Erbrecht 
eintraten, aber der grofsherriichen Bestätigung unterlagen'). Allem 



') Tacitos ann. 15, 2. 31. Woqd naeb der Vorrede des Asathaof^los 
(p. 109 Laoslois) zur Zeit der Arsakideo der älteste nod tüchtigste Prtoz die 
Laadesherrschaft führte, die drei ihn oSeliststehenden aber KoDige der Armenier, 
der lader und der Massagetea waren, so liegt hier vielleicht dieselbe OrdnvDS 
va Grunde. Dafs das parthisch-iodische Reich, weon es mit dem Hanptland ver- 
bandea war, ebeafalls als Secondogeflitar galt, ist sehr wabrscheinlich. 

*) Diese meint wohl Jostinns 41, 2, 2: praximus maisttati r^um fftae- 
potitamm ordo est; ex hoe duees in heUo, ex hoc ^ ;»aoe rectores habwL 
Den einheimischen Namen bewahrt die Glosse bei Hesychios: ßUna^ 6 ßetoi- 
liits nttQtt ni^atQ. Wenn bei Ammian 23, 6, 14 die Vorsteher der peratschen 
regUmei väaxae (sehr, vütaxae), id eit magUM. equUum et rege$ et etdrapae 
heifsen, so hat er ungeschickt Persisches auf ganz Innerasien bezogen (vgl. 
Hermes 16, 613); übrigens kann die Bezeichnung ^ Reiterfahrer' für diese 
Unterkö'nige darauf gehen, dafs sie, wie die römischen Statthalter, die hSchste 
Civil- und die hSchste Militargewalt in sich vereinigten und die Armee der 
Parther überwiegend aus Reiterei bestand. 



DIE EUPHRATGRBNZK OlfD DIE PARTRER. 345 

Anschein nach hat sich dies nach unten hin fortgesetzt, iSo dafs kleinere 
Dynasten und Stammhiupter zu dem Unterkönig in demselben Ver- 
hiltniTs standen, wie dieser zu dem GroIMcAnig'). Somit war das 
Grobkönigthum der Parther aufserst heschrSnkt zu Gunsten der hohen 
Aristokratie durch die ihm anhaftende Gliederung der erblichen Landes- 
Verwaltung. Dazu pafst recht wohl, dafs die Masse der BeTGlk^rung 
aus halb oder ganz unfreien Leuten bestand*) und Freilassung nidit 
statthaft war. In dem Heer; das gegen Antonius focht, sollen unter 
50000 nur 400 Freie gewesen sein. Der Tomehmste unter den 
Vasallen des Orodes, welcher als Feldherr desselben den Crassus 
schlug, zog ins Feld mit einem Harem Ton 200 Weibern und einer von 
1000 Lastkamelen getragenen Bagage; er selber stellte 10000 Reiter 
zum Heer aus seinen dienten und Sdaven. Ein stehendes Heer 
haben die Parther niemals gehabt, sondern zu allen Zeiten blieb hier 
die Kriegführung angewiesen auf das Aufgebot der LehnsfQrsten und 
der ihnen untergeordneten Lehnsträger so wie der grofsen Masse der 
Unfreien, Aber welche diese geboten. 

Allerdings fehlte das städtische Element in der politischen Ord- Di« 



nnng des Partherreichs nicht ganz. Zwar die aus der eigenen Ent- itidte im 
Wickelung des Ostens herrorgegangenen gröfseren Ortschaften sind * ^ 
keine städtischen Gemeinwesen , wie denn selbst die parthische Resi- 
denz Ktesiphon im Gegensatz zu der benachbarten griechischen Grün- 
dung Seleukeia ein Flecken genannt wird; sie hatten keine eigenen 
Vorsteher und keinen Gemeinderath und die Verwaltung lag hier wie 
in den Landbezirken ausschliefslich bei den königlichen Beamten. Aber 
▼on den Gründungen der griechischen Herrscher war ein freilich ver- 
hältnifsmäfsig geringer Theil unter parthische Herrschaft gekommen. 
In den ihrer Nationalität nach aramäischen Provinzen Mesopotamien 
und Babylonien hatte das griechische Städtewesen unter Alexander und 
seinen Nachfolgern festen Fufs gefafst Mesopotamien war mit grie- 



') Dts lohrt die eioem Gotarees in der losehrilt von KermansehahaD in 
Kurdistan (C. I. Gr. 4674) beigele^ Titnlatnr tttKtQonfig ttSv oaTQttnßv. 
Den AraakidenkSais diese« Namens kann sie als solchem nicht beis^leict 
werden ; wohl aber mag, wie Olshaasea (Monntsbericht der Berliner Akademie 
1878 S. 179) vermvthety damit diejenige Stellang bezeichnet werden, die ihm 
nach seinem Verzicht auf das GrofskSnigtham (Tacitns ann. 11,9) zakam. 

*) Noch spüter heifst eine Reitertrappe im parthischen Heer die 'der 
Freien'. JosepVas ant. 14, 13, 5 » bell. 1, 13, 3. 



346 ACHTES BDCH. KAHTBL IX. 

cfaischen Gemeinwesen bedeckt und in Babylonien war die Nachfolge- 
rin des alten Babylon, die Vorläuferin Bagdads , eine Zeit lang die 
Residenz der griechischen K6oige Asiens, Seleukeia am T%ris dnrdi 
ihre günstige Handelslage und ihre Fabriken emporgebläht zu der 
ersten Kaufstadt aufserhalb der römischen Grenzen, angeblich ron 
mehr als einer halben Million Einwohner. Ihre freie hellenische Ord- 
nung , auf der ohne Zweifel ihr Gedeihen vor allem beruhte, wurde 
im eigenen Interesse auch von den parthischen Herrschern nicht an- 
getastet, und die Stadt bewahrte sich nicht blob ihren Stadtrath von 
300 erwählten Mitgliedern, sondern auch griechische Sprache und 
griechische Sitte mitten im ungriechischen Osten. Freilich bildeten in 
diesen Städten die Hellenen nur das herrschende Element; neben 
ihnen lebten zahkeiche Syrer und als dritter Bestandtheil geseUten 
sich dazu die nicht viel weniger zahlreichen Juden, so dafs die Be- 
völkerung dieser Griechenstädte des Partherreichs, ähnlich wie die 
von Alexandreia, sich aus drei gesondert neben einander stehenden 
Nationalitäten zusammensetzte. Zwischen diesen kam es, eben wie in 
Alexandreia, nicht selten zu Conflicten, wie zum Beispiel zur Zeit der 
Regierung des Gaius unter den Augen der parthischen Regierung die 
drei Nationen mit einander handgemein und schlieblich die Juden aus 
den grdfseren Städten ausgetrieben wurden. — Insofern ist das par- 
thische Reich zu dem römischen das rechte Gegenstück. Wie in diesem 
das orientalische Unterkönigthum ausnahmsweise vorkommt, so in 
jenem die griechische Stadt; dem allgemeinen orientalisch -aristokra- 
tischen Charakter des Partherregiments thun die griechischen Kaof- 
städte an der Westgrenze so wenig Eintrag wie die Lehnkönigthümer 
Kappadokien und Armenien dem städtisch gegliederten Römerstaat 
Während in dem Staat der Caesaren das römisch-griechische städtische 
Gemeinwesen weiter und weiter um sich greift und allmählich zur all- 
gemeinen Verwaltungsform wird, so reifst die Städtegröndung, das 
rechte Merkzeichen der hellenisch -römischen Civilisation , welche 
die griechischen Kaufstädte und die Militärcolonien Roms ebenso 
umspannt wie die grofsartigen Ansiedelungen Alexanders und der 
Alexandriden, mit dem Eintreten des Partherregiments im Osten 
plötzlich ab, und auch die bestehenden Griechenstädte des 
Partherreichs verkümmern im weiteren Lauf der Entwickelung. 
Dort wie hier drängt die Regel mehr und mehr die Ausnahmen 
zurück. 



DIE EUPHRATGRElfZE UND DIB PABTHEB. ' 347 

Irans Religion, mit ihrer dem Monotheismus sich nähernden BeiigiM. 
Verehrung des 'höchsten der Götter, der Himmel und Erde und die 
Menschen und für diese alles Gute geschaffen hat', mit ihrer Bildlosig- 
keit und Geistigkeit, mit ihrer strengen Sittlichkeit und Wahrhaftigkeit, 
ihrer Hinwirkung auf praktische Thätigkeit und energische Lebens- 
föhrungy hat die Gemöther ihrer Bekenner in ganz anderer und 
tieferer Weise gepackt, als die Religionen des Occidents es je ver- 
mochten, und wenn vor der entwickelten Civilisation weder Zeus noch 
Jupiter Stand gehalten haben, ist der Glaube bei den Parsen ewig jung 
geblieben, bis er einem andern Evangelium, dem der Bekenner des 
Mohammed erlag oder doch vor ihm nach Indien entwich. Wie sich 
der alte Mazda-Glaube, zu dem die Achaemeniden sich bekannten und 
dessen Entstehung in die vorgeschichtliche Zeit ßUt, zu dem- 
jenigen verhielt, den als Lehre des weisen Zarathustra die wahrschein- 
lich unter den späteren Achaemeniden entstandenen heiligen Bächer 
der Perser, das AwestH verkünden, ist nicht unsere Aufgabe darzu- 
stellen; für die Epoche, wo der Occident mit dem Orient in Berührung 
steht, kommt nur die spätere Religionsform in Betracht. DaDs auch 
das Aweslä nicht im Osten Irans, in Baktrien, sondern wahrscheinlich 
in Medien sich gebildet hat, darf als gesichertes Ergebniis der neueren 
Forschung betrachtet werden. Enger aber als selbst bei den Kelten 
sind in Iran die nationale Religion und der nationale Staat mit 
einander verwachsen. Es ist schon hervorgehoben worden, dals das 
legitime Königthum in Iran zugleich eine religiöse Institution, der 
oberste Herrscher des Landes als durch die oberste Landesgottheit 
besonders zum Regiment berufen und selbst gewissermafsen göttlich 
gedacht wird. Auf den Münzen nationalen Gepräges erscheint regel- 
mäfsig der gro&e Feueraltar und über ihm schwebend der ge- 
flügelte Gott Ahura Mazda, neben ihm in kleinerer Gestalt und in 
betender Stellung der König und dem König gegenüber das Reichs- 
banner. Dem entsprechend geht auch die Uebermacht des Adels im 
Partherreich Hand in Hand mit der privilegirten Stellung des Klerus. 
Die Priester dieser Religion, die Magier erscheinen schon in den Ur- 
kunden der Achaemeniden und in den Erzählungen Herodots und haben, 
wahrscheinlich mit Recht, den Occidentalen immer als national per- 
sische Institution gegolten. DasPriesterthum ist erblich und wenigstens 
in Medien, vermuthlich auch in anderen Landschaften galt die Ge- 
sammtheit der Priester, etwa wie die Leviten in dem späteren Israel, 



348 ACHTES BUCH. KAPITEL IX. 

als ein besonderer Volksthei). Auch unter der Herrschaft der Griechen 
haben die alte Religion des Staates und das nationale Priesterthum 
ihren Platz behauptet Als der erste Seleukos die neue Hauptstadt 
seines Reiches, das schon erwähnte Seleokeia gründen wollte, liefs 
er die Magier Tag und Stunde dafür bestimmen, und erst nach- 
dem diese Perser, nicht gern, das verlangte Horoskop gestellt hatten, 
Tollzogen ihrer Anweisung gemäfs der König und sein Heer die 
feierliche Grundsteinlegung der neuen Griechenstadt Also auch 
ihm standen berathend die Priester des Ahura Mazda zur Seite 
und sie, nicht die des hellenischen Olymp wurden bei den öffent- 
lichen Angelegenheiten insoweit befragt, als diese göttliche Dinge be- 
trafen. Selbstverständlich gilt dies um so mehr von den Arsakiden. 
DaCs bei der Königswahl neben dem Adelsrath der der Priester mit- 
wirkte, wurde schon bemerkt. König Tiridates von Armenien, aus 
dem Haus der Arsakiden, kam nach Rom unter Geleil eines Gefolges 
von Magiern und nach deren Vorschrift reiste und speiste er, auch in 
Gemeinschaft mit dem Kaiser Nero, der gern sich von den fremden 
Weisen ihre Lehre verkünden und die Geister beschwören liefs. Daraus 
folgt allerdings noch nicht , dafs der Priesterstand als solcher auf die 
Föhrung des Staats wesentlich bestimmend eingewirkt hat; aber keines^ 
wegs ist der Mazda- Glaube erst durch die Sassaniden wieder hergestellt 
worden; vielmehr ist bei allem Wechsel der Dynastien und bei aller 
eigenen Entwickelung die Landesreligion in Iran in ihren GrundzGgen 
die gleiche geblieben. 
8rn«h«. Die Landessprache im Partherreich ist die einheimische Irans. 

Keine Spur führt darauf, dafs unter den Arsakiden jemals eine Fremd- 
sprache in öffentlichem Gebrauch gewesen ist Vielmehr ist es der 
iranische Landesdialekt Babyloniens und die diesem eigenthümliche 
Schrift, wie beide vor und in der Arsakidenzeit unter dem Einflufs von 
Sprache und Schrift der aramaeischen Nachbaren sich entwickelten, 
welche mit der Benennung Pahlavi, das heifst Parthava belegt und da- 
mit bezeichnet werden als die des Reiches der Parther. Auch das 
Griechische ist in demselben nicht Reichssprache geworden. Keiner 
der Herrscher führt auch nur als zweiten Namen einen griechischen; 
und hätten die Arsakiden diese Sprache zu der ihrigen gemacht, 
so würden uns griechische Inschriften in ihrem Reiche nicht fehlen. 
Allerdings zeigen ihre Münzen bis auf die Zeit des Claudius aus- 



DIE EOPBIUTGIIENZB JJKD DIK PABTEER. 349 

schlief slich') und auch später überwiegend griechische Aufschrift, 
wie sie auch keine Spur der Landesreligion aufweisen und im 
Fuis sich der örtlichen Prägung der römischen Ostprovinzen an- 
schlielsen, ebenso die Jahrtheilung so wie die Jahrzählung so bei- 
behalten haben, wie sie unter den Seleukiden geregelt worden waren. 
Aber es wird dies vielmehr dahin aufzufassen sein, dafs dieGroXskönige 
selber überhaupt nicht prägten') und diese Münzen, die ja wesentlich 
für den Verkehr mit den westlichen Nachbaren dienten, von den grie- 
chischen Städten des Reiches auf den Namen des Landesberrn geschla- 
gen worden sind. Die Bezeichnung des Königs auf diesen Münzen als 
,Griecbenfreund' (if^XiXX^p), die schon früh begegnet*) und seit 
Mithradates I, das heifst seit der Ausdehnung des Staates bis an den 
Tigris, stehend wird, hat einen Sinn nur, wenn auf diesen Münzei^ die 
parthische Griechenstadt redet Vermuthlich war der griechischen 
Sprache im Partherreich neben der persischen eine ähnliche secundäre 
Stellung im öffentlicben Gebrauch eingeräumt, wie sie sie im Römer- 
staat neben der lateinischen besafs. Das allmähliche Schwinden des 
Griechenthums unter der parthischen Herrschaft läfBt sich auf diesen 
städtischen Münzen deutlich verfolgen, sowohl in dem Auftreten der 
einheimischen Sprache neben und statt der griechischen wie auch in 
der mehr und mehr hervortretenden Sprachzerrüttung ^). 

Dem Umfang nach stand das Reich der Arsakiden weit zurück Ua&Bg 
nicht blofs hinter dem Weltstaat der Achaemeniden, sondern auch ^^^^"^^^ 
hinter dem ihrer unmittelbaren Vorgänger, dem Seleukidenstaat Von 

') Die älteste bekanote Miiaze mit PaliUvischrlft ist za Chradiiis Zeit 
unter Vola^asos I geschlagen; sie ist zweisprachig und giebt dem König 
griechisch den vollen Titel, aber nur den Namen Arsakes, iranisch blofs den 
einheimischen lodividualnamen abgekürzt fyoLj, 

') Gewöhnlich beschränkt man dies auf die Grorssilbermünze und be- 
trachtet das Kleinsilber uod das meiste Kopfer als königliche Prägung. Indefs 
damit wird ,dem GrofskÖnig eine seltsame secundäre Rolle in der Prägung 
zugetheüt. Richtiger wird wohl jene Prägung anfge&fiit als überwiegend 
für das Ausland, diese als überwiegend für den inneren Verkehr bestimmt; 
die zwischen beiden Gattungen bestehenden Verschiedenheiten erklären sich 
anf diese Weise auch. 

*) Der erste Herrscher, der sie fuhrt, ist Phraapates um 188 v. Chr. 
(Perey Gardner Partkmn eoinag9 p. 27). 

^) So steht auf den Münzen des Gotarzes (unier Claudius) rtni^t^e 
fiaaUivf ftaatUtop vof xoutlovfUvog ji^taflavQv. Auf den späteren ist die 
griechische Aufschrift oft ganz unverständlich. 



350 ÄCHTB8 BUCH. KAPITEL IX. 

dessen ursprünglichem Gebiet bebfsen sie nur die gröfsere öst- 
liche Hälfte ; nach der Schlacht, in welcher König Antiocbos Sidetes, 
ein Zeitgenosse der Gracchen, gegen die Parther fiel, haben die 
syrischen Könige nicht wieder ernstlich versucht ihre Herrschaft jen- 
seit des Euphrat geltend zu machen; aber das Land diesseit des 
Euphrat blieb den Occidentalen. 
Ar«bi6B. ^^^ ^®™ persischen Meerbusen waren beide Kosten, auch die ara- 

bische, im Besitz der Parther, die Schifffahrt auf demselben also roll- 
ständig in ihrer Gewalt; die übrige arabische Halbinsel gehorchte weder 
den Parthern noch den über Aegypten gebietenden Römern. 
Dm indu- Das Ringen der Nationen um den Besitz des Industhals und der west- 

gabiei ii^i^ ^^^ 6st]icb angrenzenden Landschaften zu schildern, so weit die gänz- 
lich zerrissene Ueberlieferung überhaupt eine Schilderung zuläfst, ist die 
Aufgabe unserer Darstellung nicht ; aber die Hauptzüge dieses Kampfes, 
welcher dem um dasEuphratthal geführten stetig zur Seite geht, dürfen 
auch in diesemZusammenhang um so weniger fehlen , als unsere Ueber- 
lieferung uns nicht gestattet die Verhältnisse Irans nach Osten in ihrem 
Eingreifen in die westlichen Beziehungen im Einzelnen zu verfolgen und 
es daher nothwendig erscheint wenigstens die Grundlinien derselben uns 
zu vergegenwärtigen. Bald nach dem Tode des grofsen Alexander wurde 
durch das Abkommen seines Marschalls und Theilerben Seleukos mit 
dem Gründer des Inderreiches Tscbandragupta oder griechisch Sandra- 
kottos die Grenze zwischen Iran und Indien gezogen. Danach herrschte 
der letztere nicht blofs über das Gangesthal in seiner ganzen Ausdeh- 
nung und das gesammte nördliche Vorderindien, sondern im Gebiet 
des Indus wenigstens über einen Theil des Hochthals des heutigen 
Kabul, femer über Aracbosien oder Afghanistan, vermuthlich auch 
über das wüste und wasserarme Gedrosien, das heutige Balutschistan, 
so wie über das Delta und die Mündungen des Indus; die in Stein ge- 
hauenen Urkunden, durch welche Tschandraguptas Enkel, der gläubige 
Buddhaverehrer Asoka das allgemeine Sittengesetz seinen Unterthanen 
einschärfte, sind wie in diesem ganzen weit ausgedehnten Gebiet, so 
namentlich noch in der Gegend von Pischawar gefunden worden^). 



1) Während das Reich des Dareioa, seinen Inschriften infolge, die Gidara 
(die Gandhära der Inder, IhwSa^Ttg der Griechen, am Knbvlflnfs) und die 
Bida (die Indnsanwobner) in sieh schliefst, werden die ersteren in einer der 
Inschriften des Asoka anter seinen Unterthanen aufgeführt, und ein Exemplar 



DIB EUFHBATGBEnZE OlfD DK PARTHEE. 351 

Der Hindukusch, der Parapauisos der Alten, und dessen Fortsetzung 
nach Osten und Westen schieden also mit ihrer gewaltigoi nur ron 
wenigen Pässen durchsetzten Kette Iran und Indien. Aber langen 
Bestand hat dies Abkommen nicht gehabt 

In der früheren Diadochenzeit brachten die griechischen Herrscher 
des Reiches von Baktra, das von dem Seleukidenstaat gelöst einen "rS^ 
mächtigen Aufschwung nahm, das Grenzgebirge überschreitend einen 
groisen Theil des Industhals in ihre Gewalt und setzten vielleicht noch 
weiter hinein in Vorderindien sich fest, so dab das Schwergewicht 
dieses Reiches sich aus dem westlichen Iran nach dem östlichen Indien 
yerschob und der Hellenismus dem Inderthum wich. Die Könige 
dieses Reiches heitsen indische und fuhren späterbin ungriechische 
Namen; auf den Münzen erscheint neben und statt der griechischen 
die einheimisch indische Sprache und Schrift, ähnlich wie in der 
parthisch-persischen Prägung neben dem Griechischen das Pahla?i 
emporkommt 

Es trat dann eine Nation mehr in den Kampf ein : die Skythen todotkytiieB. 
oder, wie sie in Iran und in Indien heiCsen, die Saker brachen aus ihren 
Stammsitzen am Jaxartes über das Gebirge nach Süden vor. Die 
baktrische Landschaft kam wenigstens grofsentheils in ihre Gewalt 
und etwa im letzten Jahrhundert der römischen Republik müssen sie 
sich in dem heutigen Afghanistan und Balutschistan festgesetzt haben. 
Darum heifst in der frühen Kaiserzeit die Küste zu beiden Seiten der 
Indusmundung um Hinnagara Skythien und führt im Binnenlande die 
westlich ?on Kandahar gelegene Landschaft der Dranger später den Na- 



seines grofsen fidicts kat sieh ie Kapsrdi Giri eder vielmehr in Sehahbas Gerfai 
(YasnCMi-Distriet) gefnnden, nahen 6 deatselie Meilen nordwesüieh von der 
Mfindnng des Rabidflasses in den Indns bei Atak. Der Sitz der Regieroni? 
dieser nordwestlichen Provinzen von Asokas Reich war (nach der lasekrift C. 
I. ladiear. I p. 91) Takkhaiilä, Tihl» der Griechen, etwa 9 dentsehe Meilen 
OSO. von Ataky der Bef^rangssitz für die sndwestliehen Landschaften Udj4jdni 
(OC^vri), Der östliche Tbeil des Rabolthafs gehfirte also auf jeden Fall sn 
Asokas Reich. Dals der Rhaiberpafs die Grenze ^bildet habe, ist nicht gerade- 
zn mmögUeh; wahrseheinlieh aber gehörte das ganze Rabnlthal zn Indien nnd 
machte die Grenze endlich von Rabnl die scharfe Linie der Snlaimaa-Retle und 
weiter südwestlich der Bolanpafs. Von dem späteren indoskythischen Rl^nig 
Hnvisehka (Ooerke der Mnazen), der an der YamuA in MathorA residirft sn 
haben scheint, hnt sich eine Insehrift bei Wardak nicht weit nordlieh von Rabnl 
gefanden (nach Mittheilongen Oldenbergs). 



352 ACHTB8 mXB. KAFITBL U. 

men ^Sakerland', SakMtane, das beutige Sedjiataa. Diese Einwande- 
nmg der Skythen in die Landschaften des baktro-indischen Reiches 
bat dasselbe wohl eingeschränkt und geschadigt, etwa wie die ersten 
Wanderungen der Germanen das römische, aber es nicht zerstört; 
noch unter Vesfiasian bat ein wahrscheinlich selbständiger baktrischer 
Staat bestanden^). 

Unter den Juliern und den Claudiem scheinen dann an der 
IndusmAndung die Parther die Vormacht gewesen zu sein. Ein 
zuverlässiger Berichterstatter aus augustischer Zeit fQhrt eben jenes 
Sakastane unter den parthischen Provinzen auf und nennt den 
König der Saker - Skythen einen Unterkönig der Arsakiden; als 
letzte parthische Provinz gegen Osten bezeichnet er Arachosien mit 
der Hauptstadt Alexandropolis, wahrscheinlich Kandahar. Ja bald 
darauf in vespasianischer Zeit herrschen in Minnagara parthische 
Fürsten. Indels war dies für das Reich am Indusstrom mehr ein 
Wechsel der Dynastie als eine eigentliche Annexion an den Staat von 
Ktesiphon. Der Partherfürst Gondopharos» den die christliche Legende 
mit dem Apostel der Parther und der Inder, dem heiligen Thomas, 
verknüpft'), hat allerdings von Minnagara aus bis nach Pischawar und 
Kabul hinauf geherrscht; aber diese Herrscher gebrauchen, wie ihre 
Yorherrscher im indischen Reich, neben der griechischen die indische 
Sprache und nennen sich Grofskönige wie diejenigen (von Ktesiphon; 
sie scheinen mit den Arsakiden darum nicht weniger rivalisirt zu ha- 
ben, weil sie demselben Fürstengeschlecht angehörten'). — Auf diese 



Der A. 3 genannta a^ptisehe Kaofmaon gedeakt c. 47 'det streit- 
barea Volks der Baktrianer, die ihrea eigaaea Roaig liabea'. Oaauda also war 
Baktriea voa dem aater parthiachea Förstea steheadea ladnireieh getraaat 
Aach Straboa 11, 1], 1 p. 516 behaadelt daa bakirisoh-iadische Reich als der 
Versaageaheit aagehörig. 

s) WaÄrfcheialich ist er der Kaapar — ia lUttrer Traditiea Gatkaapar 
— , der oater dea heUlgea drei KSaigea aat deai Morgealand aoftritt (Gat« 
sehmid Rheia. Moa. 19, 162). 

*) Daa beatiamteste Zengaifa der Partherberraehaft in dieaea Gegeadea 
findet sich ia der aater Veapaaian voa eiaen ä^ptiachea Kanfineaa aafgeaetsUa 
Knatenbeaehreibnag dea rothea Meerea c. 38: 'Hinter der ladnaaiiindnag im 
Bianealand liegt die HaopUUdt voa Skythiea Miaaagara; beherracht aber 
wird dieae voa dea Parthera, die beatäadig eiaaader verjagea' {vno nm^9mf 
avy^mg aXXfjXovt ivöitMovinp), Daaaelbe wird in etwaa verwirrter Weiaa 
c. 41 wiederholt; ea kann Juer acheinea, ala llige Ifianagara ia Indien aelbat 



DIB BVPHBATGBBIfZB ÜIVD DIE PABTHBIL 353 

parthische Dynastie folgt dann in dem indischen Reich nach kurzer SAkemiok 
Zwischenzeit die in der indischen Ueberlieferung als die der Saker oder ^ ^^^^ 
die des Königs Kanerku oder Kanischka bezeichnete, welche mit dem 
J. 78 n. Chr. beginnt und wenigstens bis in das dritte Jahrhundert 



oberbalb Bary^aia and sehon Ptolemaeos ist dadoreh irre geführt wordeo; 
aber gewib hat der Schreiber, der über das Bianealaod aar von HSreosagen 
spricht, nar sagen woUen, dafs eine grofse Stadt Minnagara im Binnenland 
nicht fern von Barygaza liege nod von da viel BaomwoUe nach Barygaza ge- 
führt werde. Aach können die oach demselben Gewährsmann in Minnagara 
Kahlreich begegnenden Sparen Alexaoders nar am Indas, nicht in Gndjerat sich 
gefanden haben. Die Lage Mionagaras am unteren Indus, anweit Haiderabad, 
und die Existenz einer parthischen Herrschaft daselbst onter Vespasian er- 
scheint hiedorch gesichert. — Damit werden verbanden werden dürfen die 
MÜDzeo des Königs Goodopharos oder Hyndopherres, welcher in einer sehr 
alten christlichen Legende von dem Apostel der Parther und der Inder, dem 
heiligen Thomas zam Christenthnm bekehrt wird and in der That der ersten 
römischen Kaiserzeit anzagehören scheint (Seilet nam. Zeitschr. 6, 355; Got- 
schmid Rhein. Mus. 19, 162); seines Brndersohns Abdagases (Seilet a. a. 0. 

5. 365), welcher mit dem parthischen Forsten dieses Namens bei Tacitas ann. 

6 , 36 identisch sein kann , aaf jeden Fall einen parthischen Namen trägt, 
endlich des Königs Sana bar os, der kurz nach Hyodopherres regiert haben mnfs, 
vielleicht sein Nachfolger gewesen ist. Dazu gehören noch eine Anzahl anderer 
mit parthischen Namen, Arsakes, Pakoros, Vooones, bezeichneten Mönzen. Diese 
Prägang stellt sich entschieden zn der der Arsakiden (Seilet a. a. 0. S. 277); 
die Silberstlicke des Gondopharos und des Sanabaros — von den äbrigeo giebt 
es fast nor Kupfer — entsprechen genau den Arsakidendrachmen. Allem Anschein 
nach gehören diese den Partherfarsten von Minnagara; dafs neben der grie- 
chischen hier indische Aufschrift erscheint, wie bei den späten Arsakiden 
Pahlavischrift , pafst dazu. Aber es sind dies nicht Mauzen von Satrapen, 
sondern, wie dies auch der Aegypter andeutet, mit den ktesiphontischen riva- 
lisirender Grofskönige; Hyndopherres nennt sich in sehr verdorbenem Griechisch 
ßaaiXivg ßaaiUtJV fJifya( airox^ajo}^ und in gutem Indisch ' Maharadja fiadjadi 
Radja'. Wenn, wie dies nicht unwahrscheinlich ist, in dem Mambaros oder 
Akabaros, den der Periplas c. 41. 52 als Herrscher der Küste von Barygaza 
nennt, der Sanabaros der Münzen steckt, so gehört dieser in die Zeit Neros oder 
Vespasians und herrschte nicht blofs an der Indusmündnng, sondern auch über 
Gadjerat Wenn ferner eine anweit Pischawar gefandene Inschrift mit Recht 
auf den König Gondopharos bezogen wird, so mufs dessen Herrschaft bis dort 
hinauf, wahrscheinlich bis nach Kabul hin sich erstreckt haben. — Dafs Corbnlo 
im J. 60 die Gesandtschaft der von den Parthern abgefallenen Hyrkaner, damit 
sie von jenen nicht aufgegriffen würden, an die Küste des rothen Meeres 
schickte, von wo sie, ohne parthisches Gebiet zu betreten, die Heimath erreichen 
konnten (Taoitus 15, 25), spricht dafür, dafs das Industhal damals dem Herrscher 
von Ktesiphon nicht botmäfsig war. 

Mommieo, rom. GMchiehte. Y. 23 



354 ACHTES BUCH. KAPITEL UL 

bestaDdeii hat^). Sie geboren zu den Skythen, deren Einwanderung 
früher erwähnt ward und auf ihren Münzen tritt an die Stelle der in- 
dischen die skythische Sprache'). So haben im Indusgebiet nach den 
Indem und den Hellenen in den ersten drei Jahrhunderten unserer 
Zeitrechnung Parther und Skythen das Regiment gefuhrt. Aber auch 
unter den ausländischen Dynastieen hat dort dennoch eine national- 
indische Staatenbildung sich vollzogen und behauptet und der parthisch- 
persischen Machtentwickelung im Osten eine nicht minder dauernde 
Schranke entgegengestellt wie der Römerstaat im Westen. 



^) Dtfs das Grofsköoi^iim der ArMkidea von Miooai^ara nicht viel 
über die oeroniscbe Zeit hioaas bestanden hat, ist naeh den Münzen wahr- 
scheinlich. Was für Herrscher auf sie g^efol^ sind, ist frag;lich. Die baktrisch- 
indischen Herrscher griechischen Namens gehören überwiegend, vielleicht 
sämmtlich der vorangustischen Epoche an ; auch manche einheimischen Namens, 
zam Beispiel Manes and Azes, fallen nach Sprache und Schrift (zum Beispiel 
der Form des t» Ü) vor diese Zeit. Dagegen sind die Münzen der Könige Koznlo- 
kadpbises und Ooemokadphises and diejenigen der SakerkÖnige, des Knnerku 
und seiner Nachfolger, welche alle namentlich durch den bis dahin in der 
indischen Prägong nicht begegnenden Goldstater vom Gewicht des römischen 
Aureus sich deutlich als einheitliche Prägang charakterisiren, allem Anschein 
nach später als Gondopharos und Sanabaros. Sie zeigen, wie der Staat des 
Industhals sich in immer steigendem Mafs im Gegensatz gegen die HeUenen 
wie gegen die Iranier national-indisch gestaltet hat. Die Regierung dieser 
Kadpbises wird also zwischen die indo-parthischen Herrscher und die Dynastie 
der Saker fallen, welche letztere mit dem J. 78 u. Chr. beginnt (Oldenberg 
in Sallets Ztschr. für Num. 8, 292). In dem Schatz von Pischawar gefundene 
Münzen dieser Sakerkönige nennen merkwürdiger Weise griechische Götter 
in verstümmelter Form UQaxilo, SaQano, neben dem nationalen BovSo, Die 
spätesten ihrer Münzen zeigen den Einflufs der ältesten Sassanidenprägnng und 
dürften der zweiten Hälfte des dritten Jahrb. angehören (Sallet Zeitschrift 
für Numismatik 6, 225). 

*) Die indo-griechischen und die indo-parthiscben Herrscher, ebenso die 
Kadpbises bedienen sich auf ihren Münzen in grofsem Umfang neben der 
griechischen der einheimischen indischen Sprache und Schrift; die Sakerkönige 
dagegen haben niemals indische Sprache und indisches Alphabet gebraucht, 
sondern verwenden ausschliefslicb die griechischen Buchstaben und die nicht 
griechischen Aufschriften ihrer Münzen sind ohne Zweifel skythisch. So steht 
auf Kaoerkus Goldstücken bald ßaaiXeis ßaatliatv KavtigxoVf bald quo vavo- 
Qoo xttvijQxi xoQovOf wo die ersten beiden Wörter eine skythisirte Form des 
indischen RA^jlidi RAdja sein werden , die beiden folgenden den Eigen- und den 
SUmmnamen (Guachana) des Königs enthalten (Oldenberg a. a. 0. S. 294). Abo 
waren diese Saker in anderem Sinne Fremdherrscher in Indien als die baktrischen 



DIE EUPHRATOBBNZB UND DIE PARTHER. 355 

Gegen Norden und Nordosten grenzte Iran mit Turan. Wie das AtiftüMbe 
westliche und sudliche Ufer des kaspiscben Meeres und die oberen ^ 

Thäler des Oxos und Jaxartes der Civilisatiou eine geeignete Stätte 
bieten, so gehört die Steppe um den Aralsee und das dahinter sich 
ausbreitende weite Flachland von Rechts wegen den schweifenden Leu- 
ten. Es sind unter diesen Nomaden wohl einzelne den Iraniern ver- 
wandte Völkerschaften gewesen; aber auch diese haben keinen Theil 
an der iranischen Civilisation, und es ist das bestimmende Moment 
für die geschichtliche Stellung Irans, dafs es die Vormauer der Cultur* 
Völker bildet gegen diejenigen Horden, die als Skythen, Saken, Hunnen, 
Mongolen, Türken keine andere weltgeschichtliche Bestimmung zu 
haben scheinen als die der Culturvernichtung. Baktra, das grofse Boll- 
werk Irans gegen Turan, hat in der nachalexandrischen Epoche unter 
seinen griechischen Herrschern längere Zeit dieser Abwehr genügt; 
aber es ist schon erwähnt worden, dafs es späterhin zwar nicht unter- 
ging, aber das Vordringen der Skythen nach Süden nicht länger zu hin- 
dern vermochte. Hit dem Rückgang der baktrischen Machtging diegleiche 
Aufgabe über auf die Arsakiden. Wie weit dieselben ihr entsprochen 
haben, ist schwierig zu sagen. In der ersten Kaiserzeit scheinen die 
Grofskönige von Ktesiphon, wie südlich vom Hindukusch so auch in 
den nördlichen Landschaften , die Skythen zurückgedrängt oder sich 
botmäfsig gemacht zu haben; einen Theil des baktrischen Gebiets ha- 
ben sie ihnen wieder entrissen. Aber welche und ob überhaupt 
dauernde Grenzen hier sich feststellten, ist zweifelhaft Der Kriege 
der Parther und der Skythen wird oft gedacht. Die letzteren, hier zu- 
nächst die Umwohner des Aralsees, die Vorfahren der heutigen Turk- 
menen, sind regelmäfsig die Angreifenden, indem sie theils zu Wasser 
über das kaspische Heer in die Thäler des Kyros und des Araxes ein- 
fallen, theils von ihrer Steppe aus die reichen Fluren Hyrkaniens und 
die fruchtbare Oase der Hargiana (Merw) ausrauben. Die Grenzge- 
biete verstanden sich dazu die willkürliche Brandschatzung mit Tribu- 
ten abzukaufen, welche regelmäfsig in festen Terminen eingefordert 
wurden, wie heute die Beduinen Syriens von den Bauern daselbst die 
Kubba erheben. Das partbische Regiment also vermochte wenigstens 
in der früheren Kaiserzeit so wenig wie das heutige türkische, hier 



Helleoen and die Ptrther. Doch sind die unter ihnen in Indien gesetzten In- 
schriften nicht skythiscb, sondern indisch. 

23» 



356 AGHTB8 mJGB. KAPITEL IX. 

dem friedlicbea Unterthan die Früchte seiner Arbeit zu siGhern und 
einen dauernden Priedensstand an der Grenze herzustellen. Auch für 
die Reichsgewalt selbst blieben diese Grenz wirren eine oflfene Wunde; 
oftmals haben sie in die Successionskriege der Arsakiden so wie in 
ihre Streitigkeiten mit Rom eingegriffen. 
Die nimiMk. Wie das VerhältniCs der Parther zu den Römern sich gestaltet 
^ii^**^ und die Grenzen der beiden GroJfomächte sich festgestellt hatten, ist 
gebiete. g^^Q^p jeit dargelegt worden. Während die Armenier mit den Partbem 
rivalisirt hatten und das K&nigthum am Araxes sich anschickte in 
Vorderasien die Grofskönigsrolle zu spielen, hatten die Parther im 
AUgemeinen freundliche Beziehungen zu den Römern unterhalten als 
den Feinden ihrer Feinde. Aber nach der Niederwerfung des Hithra- 
dates und des Tigranes hatten die Römer, namentlich durch die von 
Pompeius getroffenen Organisationen, eine Stellung genommen, die 
mit ernstlichem und dauerndem Frieden zwischen den beiden Staaten 
sich schwer vertrug. Im Süden stand Syrien jetzt unter unmittelbarer 
römischer Herrschaft und die römischen Legionen hielten Wacht an 
dem Saume der grofsen Wüste, die das Küstenland vom Euphratthal 
scheidet. Im Norden waren Kappadokien und Armenien römische 
Lehnsfürstenthümer. Die nordwärts an Armenien grenzenden Völker- 
schaften, die Kolcber, Iberer, Albaner, waren damit nothwendig dem 
parthischen Einfluls entzogen und wenigstens nach römischer Auf- 
fassung ebenfalls römische Lehnstaaten. Das südöstlich an Armenien 
angrenzende durch dem Araies von ihm getrennte Klein-Hedien oder 
Atropatene (Aderbeidjan) hatte schon den Seleukiden gegenüber seine 
alteinheimische bis in die Zeit der Achaemeniden zurückreichende 
Dynastie und sogar seine Unabhängigkeit behauptet; unter den Arsa- 
kiden erscheint der König dieser Landschaft je nach Umständen als 
Lehnsträger der Parther oder als unabhängig von diesen durch Anleh- 
nung an die Römer, Somit reichte der bestimmende Einflufs Roms 
bis zum Kaukasus und zum westlichen Uter des kaspischen Meeres. 
Es lag hierin ein Uebergreifen über die durch die nationalen Verbält- 
nisse angezeigten Grenzen. Das hellenische Volksthum hatte wohl an 
der Südküste des schwarzen Meeres und im Rinnenland in Kappadokien 
und Kommagene so weit Fufs gefafst, dafs hier die römische Vormacht 
an ihm einen Rückhalt fand; aber Armenien ist auch unter der lang- 
jährigen römischen Herrschaft immer ein ungriechisches Land ge- 
blieben, durch die Gemeinschaft der Sprache und des Glaubens, die 



DIG KDPHBATGRBlfZB CIIB DIB PABTHKB. 357 

zahlreichen Zwischenheiratbeo der Vornehmen, die gleiche Kleidang 
und gleiche Bewaflfnung^) an den Partherstaat mit unzerreiüsbaren 
Banden geknüpft. Die römische Aushebung und die römische Be- 
steuerung sind nie auf Armenien erstreckt worden; höchstens bestritt 
das Land die Aufstellung und die Unterhaltung der eigenen Truppen 
und die Verpflegung der daselbst liegenden römischen. Die arme- 
nischen Kaufleute yermittelten den Waarentausch ober den Kaukasus 
mit Skythien, über das kaspische Meer mit Ost-Asien und China, den 
Tigris hinab mit Babylonien und Indien, nach Westen hin mit Kappa- 
dokien; nichts hätte näher gelegen als das politisch abhängige Land in 
das römische Steuer- und Zollgebiet einsuschlieCBen; dennoch ist nie 
dazu geschritten worden. Die Incongruenz der nationalen und der 
politischen Zugehörigkeit Armeniens bildet ein wesentliches Moment 
in dem durch die ganze Kaiserzeit sich hinziehenden Conflict mit dem 
östtichen Nachbar. Man erkannte es wohl auf römischer Seite, daüB 
die Annectirung jenseit des Euphrat ein Uebergriff in das Stamm- 
gebiet der orientalischen Nationalität und für Rom kein eigent- 
licher Machtzuwachs war. Der Grund aber oder wenn man wiU die 
Entschuldigung daffir, dals diese Uebergriffe dennoch sich fortsetzten, 
liegt darin, daüs das Nebeneinanderstehen gleichberechtigter GroCs- 
staaten mit dem Wesen der römischen, man darf Yielleicht sagen mit 
der Politik des Alterthums Oberhaupt unvereinbar ist. Das römische 
Reich kennt als Grenze genau genommen nur das Meer oder das wehr- 
lose Landgebiet Dem schwächeren, aber doch wehrhaften Staatswesen 
der Parther gönnten die Römer die Machtstellung nicht und nahmen 
ihm, worauf diese wieder nicht verzichten konnten; und darum ist 
das Verhältnifs zwischen Rom und Iran durch die ganze Kaiserzeit 
eine nur durch Waflenstillstände unterbrochene ewige Fehde um das 
linke Ufer des Euphrat 

In den too Lucullus (3, 72) und Pompeius (3, 125) mit den Di« PMthar 
Parthern abgeschlossenen Verträgen war die Euphratgrenze anerkannt, ^ Bütg%^^^ 

kri«g9. 

^) Arriao, der als StatthalUr von Rappadokien salbst über die Amanier 
das Commando geführt hatte (contra AI. 29), oeant in der Taktik Armenier 
und Parther immer zusammen (4, 3. 44, 1 wegen der schweren Reiterei, der 
gepanzerten xovrofpo^oi and der leichten Reiterei, der axQoßoXt(nai oder Inno" 
to^tat; 35, 7 wegen der Pladerhoüeo) nnd wo er von Hadrians Einfahmng der 
barbarischen Cayallerie in das römische Heer spricht, führt er die berittenen 
Sehütaea znriick auf das Master 'der Parther oder Armenier' (44, 1). 



368 ACHTES BUCH. KAPITEL IX. 

ako Mesopotamien ihnen zugestanden worden. Aber dies hinderte 
die Römer nicht die Herrscher von Edessa in ihre Qientd aufzn* 
nehmen und, wie es scheint durch Erstreckung der Grenzen Armeniens 
gegen Säden, einen grofsen Theil des nördlichen Mesopotamien 
wenigstens für ihre mittelbare Herrschaft in Anspruch zu nehmen 
(3, 148). DeDswegen hatte nach einigem Zaudern die parthische Regie- 
rung den Krieg gegen die Römer in der Form begonnen, daTs sie ihn 
den Armeniern erklärte. Die Antwort darauf war der Feldzug des 
Crassus und nach der Niederlage bei Karrhae (3, 342 fg.) die Zurück- 
fuhrung Armeniens unter parthische Gewalt; man kann hinzusetzen die 
Wiederaufnahme der Ansprüche auf die westliche Hälfte des Seleu- 
kidenstaats, deren Durchfährung freilich damals mifslang (3, 352). 
Während des ganzen zwanzigjährigen Bürgerkriegs, in dem die 
römische Republik zu Grunde ging und schliefslich der Principat sich 
feststellte, dauerte der Kriegsstand zwischen Römern und Parthern, 
und nicht selten griffen beide Kämpfe in einander ein. Pompeius hatte vor 
der Entscheidungsschlacht versucht den König Orodes als Verbündeten 
zu gewinnen; aber als dieser die Abtretung Syriens forderte, vermochte 
er es nicht über sich die durch ihn selbst römisch gewordene Provinz 
auszuliefern. Nach der Katastrophe hatte er dennoch sich dazu ent- 
schlossen; aber Zufälligkeiten lenkten seine Flucht statt nach Syrien 
vielmehr nach Aegypten, wo er dann sein Ende fand (3, 435). Die 
Parther schienen im Begriff abermals in Syrien einzubrechen; und die 
späteren Führer der Republikaner verschmähten den Beistand der 
Landesfeinde nicht. Noch bei Caesars Lebzeiten hatte Caecilius Bassus, 
als er die Fahne des Aufstands in Syrien erhob, sofort die Parther 
herbeigerufen. Sie waren diesem Ruf auch gefolgt; des Orodes Sohn 
Pakoros hatte den Statthalter Caesars geschlagen und die von ihm in 
Apameia belagerte Truppe des Bassus befreit (709). Sowohl aus diesem 
Grunde wie um für Karrhae Revanche zu nehmen hatte Caesar be- 
schlossen im nächsten Frühling persönlich nach Syrien und über den 
Euphrat zu gehen; aber die Ausführung dieses Planes verhinderte sein 
Tod. Als dann Cassius in Syrien rüstete, knüpfte er auch mit dem 
Partherkönjg an und in der Entscheidungsschlacht bei Philippi (712) 
haben parthische berittene Schützen mit für die Freiheit Roms ge- 
stritten. Da die Republikaner unterlagen, verhielt der Grofskönig zu- 
nächst sich ruhig, und auch Antonius hatte wohl die Absicht des Dicta- 
tors Pläne auszuführen, aber zunächst mit der Ordnung des Orients 



DIE EDPHRATGKBNZB UND DIE PARTHER. 

genug ZU thun. Der Zusammenstofs konnte nicht ausbleiben; der An- 
ffreifende war diesmal der Partherköniir. Als im J. 713 Caesar der Sobn m« Parther 
in Italien mit den Feldherren und der Gemahhn des Antonius schlug Kimo * 



und dieser in Aegypten bei der Königin Kleopatra unthätig verweilte, 
entsprach Orodes dem Drängen eines bei ihm im Exil lebenden Römers, 
des Quintus Labienus und sandte diesen, einen Sohn des erbitterten 
Gegners des Diclators Titus Labienus und ehemaligen Offizier im Heere 
des Brutus, so wie (713) seinen Sohn Pakoros mit einer starken Armee 
über die Grenze. Der Statthalter Syriens Decidius Saxa unterlag dem 
unvermutheten Angriff; die römischen Besatzungen, grofsentheiJs ge- 
bildet aus alten Soldaten der republikanischen Armee, stellten sich unter 
den Befehl ihres früheren Offiziers; Apameia und Antiocheia, überhaupt 
alle Städte Syriens mit Ausnahme der ohne Flotte nicht zu bezwingen- 
den Inselstadt Tyros, unterwarfen sich; auf der Flucht nach Kilikien 
gab sich Saxa, um nicht gefangen zu werden, selber den Tod. Nach der 
Einnahme Syriens wandte sich Pakoros gegen Palaestina, Labienus 
nach der Provinz Asia; auch hier unterwarfen sich weithin die Städte 
oder wurden mit Gewalt bezwungen mit Ausnahme des karischen 
Stratonikeia. Antonius, durch die italischen Verwickelungen in An- 
spruch genommen, sandte seinen Statthaltern keinen Succurs und fast 
zwei Jahre (Ende 713 bis Frühjahr 715) geboten in Syrien und einem 
grolsen Theil Kleinasiens die parthischen Feldherren und der republi- 
kanische Imperator Labienus — der Parthiker, wie er mit schamloser 
Ironie sich nannte, nicht der Römer, der die Parther, sondern der 
Römer, der mit den Parthern die Seinigen überwand. Erst nachdem 
der drohende Bruch zwischen den beiden Machthabem abgewandt war, yenriobon 
sandte Antonius ein neues Heer unter Führung des Publius Ventidius ventidiiiB 
Bassus, dem er das Commando in den Provinzen Asia und Syrien über- ^*^^ 
gab. Der tüchtige Feldherr traf in Asia den Labienus allein mit seinen 
römischen Truppen und schlug ihn rasch aus der Provinz hinaus. An 
der Scheide von Asia und Kilikien in den Pässen des Taurus wollte 
eine Abtheilung der Parther die fliehenden Verbündeten aufnehmen ; 
aber auch sie wurden geschlagen, bevor sie sich mit Labienus vereinigen 
konnten, und darauf dieser auf der Flucht in Kilikien aufgegriffen und 
getödtet. Mit gleichem Glück erstritt Ventidius die Pässe des Amanos 
an der Grenze von Kilikien und Syrien; hier fiel Pharnapates, der beste 
der parthischen Generale (715). Damit war Syrien vom Feinde befreit. 
Allerdings überschritt im Jahre darauf Pakoros noch einmal den 



I-g«. 



360 ACHTES BUCH. KAHfBL IX. 

Eopbrat, aber nur um in einem entscheidenden Treflfen bei Gindaros 
nordöstlich von Antiocheia (9. Juoi 716) mit dem grObten Theil seines 
Heeres den Untergang zu finden* Es war ein Sieg, der den Tag bei 
Karrbae eioigermafsen aufwog, und von dauernder Wirlcung: auf lange 
hinaus haben die Parther nicht wieder ihre Truppen am römischen 
Ufer des Euphrat gezeigt. 
AatoBina Wenn es im Interesse Roms lag die Erol)erungen g^en Osten 

auszudehnen und die Erbschaft des grolsen Alexander hier in ihrem 
?oUen Umfang anzutreten, so lagen dafür die Verhältnisse nie gunstiger 
alsimJ. 716. Die Beziehungen der Zweiherrscher zueinander hatten zur 
rechten Zeit dafär sich neu befestigt und auch Caesar wünschte damals 
wahrscheinUch aufrichtig eine ernstliche und glückliche Kriegführung 
seines Herrschaftsgenossen und neuen Schwagers. Die Katastrophe 
Ton Gindaros hatte bei den Parthem eine schwere dynastische Krise 
hervorgerufen. König Orodes legte, tieferschüttert durch den Tod 
seines ältesten und tüchtigsten Sohnes, das Regiment zu Gunsten 
seines zweitgeborenen Phraates nieder. Dieser führte, um sich den 
Thron besser zu sichern, ein Regiment des Schreckens, dem seine 
zahlreichen Brüder und der alte Vater selbst so wie eine Anzahl der 
hohen Adiichen des Reiches zum Opfer fielen ; andere derselben traten 
aus und suchten Schutz bei den Römern, unter ihnen der mächtige 
und angesehene Monaeses. Nie hat Rom im Orient ein Heer von 
gleicher Zahl und Tüchtigkeit gehabt wie in dieser Zeit: Antonius ver- 
mochte nicht weniger als 16 Legionen, gegen 70000 Mann römischer 
Infanterie, gegen 40000 der Hülfs Völker, 10000 spanische und gal- 
lische, 6000 armenische Reiter über den Euphrat zu führen; wenig- 
stens die Hälfte derselben waren altgediente aus dem Westen heran- 
geführte Truppen, alle bereit ihrem geliebten und verehrten Führer, 
dem Sieger von Philippi wo immer hin zu folgen und die glänzenden 
Siege, die nicht durch, aber für ihn über die Partber bereits erfochten 
waren, unter seiner eigenen Führung mit noch gröfseren Erfolgen zu 
krönen. 

In der That fafste Antonius die Aufrichtung eines asiatischen 
Grofskönigthums nach dem Muster Alexanders ins Auge. Wie Crassus 
vor seinem Einrücken verkündigt hatte, dafs er die römische Herr* 
Schaft bis nach Baktrien und Indien ausdehnen werde, so nannte 
Antonius den ersten Sohn, den die ägyptische Königin ihm gehar« mit 
dem Namen Alexanders. Er scheint geradezu beabsichtigt zu haben 



▲atOBhis 



DIF ECPHBAf OIBRZB OlID DB PARTHEB. 361 

eineneils mit Ansschliib der vollstiindig heUenisirten Pronnzea Bithy- 
nien und Ada das gesammte Reichsgebiet im Osten, so weit es nicht 
schon unter abhängigen Kleinfärsten stand, in diese Form zu bringen, 
andererseits alle einstmals von den Occidentalen besetzten Land- 
schaften des Ostens in Form von Satrapien sich unterthanig zu 
machen. Von dem östlichen Kleinasien wurde der gröbte Theil und 
der militärische Primat dem streitbarsten der dortigen Fürsten, dem 
GaJater Amyntas, zugewiesen (S. 308). Neben dem galatischen standen 
die Fürsten von Paphlagonien , die von Galatien verdrängten Nach- 
kommen des Deiotarus; Polemon, der neue Fürst im Pontos und 
der Gemahl der Enkelin des Antonius Pythodoris; femer wie bisher 
die Könige von Kappadokien und Kommagene. Einen grofsen Theil 
Kilikiens und Syriens sowie Kypros und Kyrene vereinigte Antonius 
mit dem ägyptischen Staat, dem er also fast die Grenzen wiedergab, 
wie sie unter den Ptolemaeem gewesen waren, und wie er die 
Buhle Caesars, die Königin Kleopatra zu der seinigen oder viel- 
mehr zu seiner Gattin gemacht hatte, so erhielt ihr Bastard von 
Caesar Caesarion, schon früher anerkannt als Mitherrscher in Aegyp- 
ten^), die Anwartschaft auf das alte Ptolemaeerreich, die auf Syrien 
ihr Bastard von Antonius Ptolemaeos Philadelphos. Einem anderen 
Sohn, den sie dem Antonius geboren hatte, dem schon erwähnten 
Alexander ward für jetzt Armenien zugelheilt als Abschlagzahlung auf 
die ihm weiter zugedachte Herrschaft des Ostens. Mit diesem nach 
orientalischer Art geordneten Grosskönigtbum') dachte er den Prin- 



>) Als Mitherrseher Aegypteos ist der Bastard Caesars UtoXefjuuog 6 
Mal XaZaoQ ^ios qaXojfdjtaQ ipiko^rßtoQj wie seine Köoigsbenennnns laatet 
(C. L Gr. 4717), eingetreten in dem ägyptischen Jahr 29. Ang. 711/2, wie 
die Jahresreehnnag aasweist (W escher Bnllett deir Inst. 1866 p. 199; Krall 
Wiener Stadien 5,313). Da er an den Platz des Gatten and Broders seiner 
Matter Ptolemaeos des Jöngeren tritt, so wird dessen Beseitigang durch 
Kleopatra, deren nähere UmstSnde nicht bekannt sind, eben damals erfolgt 
sein and den AnlaTs gegeben haben ihn als König von Aegypten la procla- 
miren. Aach Dio 47, 31 setzt seine Ernennang in den Sommer des J. 712 vor 
die Schlacht von PhiUppi. Dieselbe ist also nicht Antonias Werk, soo^ern von 
den beiden Herrschern gemeinschaftlich genehmigt za einer Zeit, wo ihnen 
daran gelegen sein mofste der Königin von Aegypten, die allerdings von An- 
fang an aaf ihrer Seite gestanden hatte, entgegenzakommen. 

*) Das meint Angastas, wenn er sagt, dafs er die groAentheUs anter 
Könige vertheilten Provinzen des Orients wieder zam Reiche gebracht habe 



362 ACHTES BDCH. KAPITEL IX. 

cipat über den Occident zu vereinigen. Er selbst hat nicht den Königs- 
namen angenommen, vielmehr seinen Landsleuten und den Soldaten 
gegenüber nur diejenigen Titel gefQhrt, die auch Caesar zukamen. Aber 
auf Reichsmünzen mit lateinischer Aufschrift heifst Kleopatra Königin 
der Könige, ihre Söhne von Antonius wenigstens Könige; den Kopf 
seines ältesten Sohnes zeigen die Münzen neben dem des Vaters, als 
verstände die Erblichkeit sich von selbst; die Ehe und die Erbfolge der 
echten und der Bastardkinder wird von ihm behandelt, wie es bei den 
Grofskönigen des Ostens Gebrauch ist oder, wie er selbst sagte, mit 
der göttlichen Freiheit seines Ahnherrn Herakles^); jenen Alexander 
und dessen Zwillingsschwester Kleopatra nannte er den ersteren Helios, 
die letztere Selene nach dem Muster eben dieser Grofskönige, und wie 
einst der Perserkönig dem flüchtigen Themistokles eine Anzahlasiatischer 
Städte, so schenkte er dem zu ihm übergetretenen Parther Monaeses 
drei Städte Syriens. Auch in Alexander gingen der König der Make- 

(mon, j^ncyr. 5, 41.* provincias omnitf quae Irans Hadrianum mare vergunt 
ad orientem, Cyrenasque, iam ex parte magna regibus eas possidentibus .... 
reciperavij, 

*) Die Deceoz, die fiir Aogustus ebenso charakteristisch ist wie fiir 
seineD Collegeo das Gegeotheil, verleagoet sich aoch hier oicht Nicht blefs 
wurde io Betreff Caesarions die Vaterschaft, die der Dictator selbst so gut 
wie anerkanDt hatte, spÜterhio officiell verleugoet; auch die Kiader des Antonios 
von der Kleopatra, wo freilich nichts zn verleugnen war, sind wohl als Glieder 
des kaiserlichen Hauses betrachtet, aber nie förmlich als Kiader des Antonius 
anerkannt worden. Im Gegentheil heifst der Sohn der Toehter des Antonina 
von Kleopatra, der spätere KSnig von Mauretanien Ptolemaeos in der athe- 
nischen Inschrift C. I. A. IIF, 555 Enkel des Ptolemaeos; denn JltoXefiüUov 
txyovog kann in diesem Zusammenhang, nicht wohl anders gefafst werden. 
Man erfand in Rom diesen mütterlichen Grofsvater um den wirklichen officiell 
verschweigen zu können. Wer es vorzieht, was O. Hirschfeld vorschlägt, 
txyovoi als Urenkel zu nehmen und auf den mütterlichen Urgrofsvater zu be- 
ziehen, kommt zu demselben Resultat; denn dann ist der Grofsvater ober- 
gangen, weil die Motter im Rechtssinne vaterlos war. — Ob die Fiction, die 
mir wahrscheinlicher ist, so weit ging einen bestimmten Ptolemaeos zo be- 
zeichnen, etwa dem im J. 712 gestorbenen letzten Lagtden das Leben zu ver- 
längern, oder ob man sich begnügte im Allgemeinen den Vater zu fingiren, ist 
nicht zu entscheiden. Aber auch darin hielt man die Fiction fest, dafs der Sohn 
der Tochter des Antonius den Namen des ISctiven Grofsvaters erhielt. Dafs 
dabei der Herkunft von den Lagiden vor derjenigen von Massinfssa der Vorzug 
gegeben ward, mag wohl mehr durch die Rücksicht auf das kaiserliche Haus 
herbeigeführt sein, welches das Bastardkind als zogehörig behandelte, als durch 
die hellenischen Neigungen des Vaters. 



DIB EUPUBATGBENZB UND DIE PARTHER. 863 

donier und der König der Könige des Ostens einigermaßen neben ein- 
ander her, und auch ihm war für das Lagerzelt von Gaugamela das 
Brautbett in Susa der Lohn ; aber seine römische Copie zeigt in ihrer 
Genauigkeit ein starkes Clement der Caricatur. 

Ob Antonius gleich bei der Debernahme des Regiments im Osten Torboni- 
seine Stellung in dieser Weise aufgefa&t, ist nicht zu entscheiden; ver- ^pS^^^ 
muthlich ist die Schaffung eines neuen orientalischen Grolskönigthums ^*'^' 
in Verbindung mit dem occidentalischen Principat allmählich in ihm 
gereift und der Gedanke erst völlig zu Ende gedacht worden, nachdem 
er im J. 717 bei seiner Rückkehr aus Italien nach Asien abermals das 
Verhältnifs mit der letzten Königin des Lagidenhauses angeknöpft 
hatte, um es nicht wieder zu zerreilsen. Aber sein Naturell war solchem 
Unterfangen nicht gewachsen. Eine jener militärischen Capacitäten, 
die dem Feind gegenüber und besonders in schwieriger Lage besonnen 
und kühn zu schlagen wissen, fehlte ihm der staatsmännische Wille, 
das sichere Erfassen und entschlossene Verfolgen des politischen Ziels. 
Hätte der Dictator Caesar ihm die Unterwerfung des Ostens zur Auf- 
gabe gestellt, so wurde er sie wohl gelöst haben; zum Herrscher taugte 
der Marschall nicht. Nach der Vertreibung der Pariher aus Syrien 
Terstrichen fast zwei Jahre (Sommer 716 bis Sommer 718), ohne dafs 
irgend ein Schritt zum Ziele gethan ward. Antonius selbst, auch darin 
untergeordnet, dafs er seinen Generalen bedeutende Erfolge ungern 
gönnte, hatte den Besieger des Labienus und des Pakoros, den tüch- 
tigen Ventidius sofort nach diesem letzten Erfolg entfernt und selbst 
den Oberbefehl übernommen, um die armselige Ehre der Einnahme 
Samosatas, der Hauptstadt des kleinen syrischen Dependenzstaats Kom- 
magene, zu verfolgen und zu verfehlen; ärgerlich darüber verliels er den 
Osten, um in Italien mit seinem Schwager über die künftige Ordnung 
zu verhandeln oder mit seiner jungen Gattin Octavia sich des Lebens zu 
freuen. SeineStatthalterim Osten waren nichtunthätig. PubliusCanidius 
Crassus ging von Armenien aus gegen den Kaukasus vor und unterwarf 
daselbst den König der Iberer Pharnabazos und den der Albaner Zober. 
Gaius Sossius nahm in Syrien die letzte noch zu den Parthern haltende 
Stadt Arados; er stellte femer in Judaea die Herrschaft des Herodes 
wieder her und liefs den von den Parthem eingesetzten Thronprätenden- 
ten, den Hasmonaeer Antigonos hinrichten. Die Consequenzen des 
Sieges auf römischem Gebiet wurden also gezogen und bis zum kaspl- 
schen Meer und der syrischen Wüste die römische Herrschaft zur An- 



364 AGHTBS BUCH. KAPITBL IX. 

erkennung gebracht Aber die Kriegführung gegen die Parther zu be- 
ginnen hatte sich Antonius selbst vorbehalten, und er kam nicht 
ADtoniu Als er endlich im J. 718 sich nicht Octarias, sondern Kleopatras 

krieg. Armen entwand und die Heersäulen in Marsch setzte, war bereits ein 
guter Theil der geeigneten Jahreszeit Yerstrichen. Noch viel auffallen- 
der als die Säumnifs ist die Richtung, welche Antonius wählte. Froher 
und später haben alle Angrifiskriege der Römer gegen die Parther den 
Weg auf Ktesiphon eingeschlagen, die Hauptstadt des Reiches und 
zugleich an dessen Westgrenze gelegen, also fQr die am Euphrat oder 
am Tigris hinabmarschirenden Heere das natäriiche und nächste Ope- 
rationsziel. Auch Antonius konnte, nachdem er durch das nördliche 
Mesopotamien ungefähr auf dem Wege, den Alexander beschritten hatte, 
an den Tigris gelangt war, am Fiufs hinab auf Ktesiphon und Seleu- 
keia vorrücken. Aber statt dessen ging er vielmehr in nördlicher 
Richtung zunächst nach Armenien und von da, wo er seine gesammten 
Streitkräfte vereinigte und namentlich durch die armenische Reiterei 
sich verstärkte, in die Hochebene von Media Atropatene (Aderbeidjän). 
Der verbündete König von Armenien mag diesen Feldzugsplan wohl 
empfohlen haben, da die armenischen Herrscher zu allen Zeiten nach 
dem Besitz dieses Nachbarlandes strebten und König Artavazdes von 
Armenien hoffen mochte den gleichnamigen Satrapen von Atropatene 
jetzt zu bewältigen und dessen Gebiet zu dem seinigen zu fügen. Aber 
Antonius selbst ist durch solche Rücksichten unmöglich bestimmt wor- 
den. Eher mochte er meinen von Atropatene aus in das Herz des 
feindlichen Landes vordringen zu können und die alten persischen Re- 
sidenzen Ekbatana und Rhagae als Marschziel betrachten. Aber wenn er 
dies plante, handelte er ohne Kenntnifs des schwierigen Terrains und 
unterschätzte durchaus die Widerstandskraft des Gegners, wobei die 
kurze für Operationen in diesem Gebirgsland verfügbare Zeit und der 
späte Beginn des Feldzugs schwer in die Wagschale fielen. Da ein ge- 
schickter und erfahrener Offizier, wie Antonius war, sieb darüber schwer- 
lich hat täuschen können, so haben wahrscheinlich besondere politische 
Erwägungen hier eingewirkt. Phraates Herrschaft wankte, wie gesagt 
ward; Monaeses,von dessen Treue Antonius sich versichert hielt und den 
er vielleicht an Phraates Stelle zu setzen hoffte, war dem Wunsche des 
Partherkönigs gemäfe in sein Vaterland zurückgekehrt^); Antonius 



>) Es Ut an sich si^vblich, dafs AatoDivs dem Phraates so laase wie 



BIB BDPHBATCBBIfZB UND DIB PARTBEB. 365 

scheint auf eine Schilderhebung desselben gegen Phraates gezählt und 
in Erwartung dieses Bürgerkrieges seine Armee in die inneren parthi- 
schen Provinzen geführt zu haben. Es wfire wohl möglich gewesen 
in dem befineundeten Armenien den Erfolg dieses Anschlags abzu- 
warten und wenn danach weitere Operationen erforderlich waren, im 
folgenden Jahre wenigstens über die volle Sommerzeit zu verfilgen ; aber 
dies Zuwarten müsfiel dem hastigen Feldherm. In Atropatene traf 
er nicht bloüs auf den hartnäckigen Widerstand des mächtigen und halb 
unabhängigen Unterkönigs, der in seiner Hauptstadt Praaspa oder 
Phraarta (südlich vom Urmia-See, vermuthlich am oberen Lauf des 
Pjaghatu) entschlossen die Belagerung aushielt, sondern der feindliche 
Angriff brachte auch denParthem, wie es scheint, den inneren Frieden. 
Phraates fährte ein stattliches Heer zum Entsatz der angegriffenen Stadt 
heran. Antonius hatte einen grolsen Belagerungspark mitgeführt, aber 
ungeduldig vorwärts eilend diesen in der Obhut von zwei Legionen 
unter dem Legaten Oppius Statianus zurückgelassen. So kam er seiner- 
seits mit der Belagerung nicht vorwärts; König Phraates aber sandte 
unter eben jenem Monaeses seine Reitermassen in den Rücken der 
Feinde gegen das mühsam nachrückende Corps des Statianus. Die 
Parther hieben die Deckungsmannschaft nieder, darunter den Feldherm 
selbst, nahmen den Rest gefangen und vernichteten den gesammten 
Park von 300 Wagen. Damit war der Feldzug verloren. Der Armenier, 
an dem Erfolge des Feldzugs verzweifelnd, nahm seine Leute zu- 
sammen und ging heim. Antonius gab nicht sofort die Belagerung 
auf und schlug sogar das königliche Heer in offener Feldschlacht, aber 
die flinken Reiter entrannen ohne wesentlichen Verlust und es war 
ein Sieg ohne Wiriiung. Ein Versuch, von dem König wenigstens die 
Rückgabe der alten und der neu verlorenen Adler zu erlangen und 
also wenn nicht mit Vortheil, doch mit Ehren Frieden zu schlielsen, 
schlug fehl; so leichten Kaufs gab der Parther den sicheren Erfolg nicht 
aus der Hand. Er versicherte nur den Abgesandten des Antonius, dafs, 
wenn die Römer die Belagerung aufheben würden, er sie auf der Heim- 



möglich die bevorsteheode lovasioii verbarg and darnm bei RnckseodoDg des 
MoDteses sich bereit erklärte auf Grood der Rückgabe der verlorenen Feld- 
zeichen Frieden sa sehliefsen (Plntarch 37; Dio 49, 24; Floros 2, 20 [4, 10]). 
Aber er wnfste vermathlieh , dafs diea Anerbieten nicht würde an^nommen 
werden, ond Ernst kann es ihm mit diesen Antrügen aof keinen Fall gewesen 
sein; ohne Zweifel wollte er den Krieg ond den Starz des Phraates. 



366 ACHTES BUCH. KAPITEL IX. 

kehr nicht belastigen werde. Diese weder ehrenvolle noch zuverlässige 
feindliche Zusage wird Antonius schwerlich zum Aufbruch bestiromt 
haben. Es lag nahe in Feindesland Winterquartier zu nehmen, zumal 
da die parthischen Truppen dauernden Kriegsdienst nicht kannten und 
voraussichtlich beim Einbrechen des Winters die meisten Mannschaften 
heimgegangen sein würden. Aber es fehlte ein fester Stützpunkt und 
die Zufuhr in dem ausgesogenen Land war nicht gesichert, vor allen 
Dingen Antonius selbst einer solchen zähen Kriegführung nicht fähig. 
Also gab er die Maschinen preis, die die Belagerten sofort verbrannten 
und trat den schweren Rückweg an , entweder zu früh oder zu spät. 
Fünfzehn . Tagemärsche (300 röm. Meilen) durch feindliches Land 
trennten das Heer von dem Araxes, dem Grenzflufs Armeniens, wohin 
trotz der zweideutigen Haltung des Herrschers allein der Rückzug ge- 
richtet werden konnte. Ein feindliches Heer von 40000 Berittenen 
gab trotz der gegebenen Zusage den Abziehenden das Geleit und mit 
dem Abmarsch der Armenier hatten die Römer den besten Theil ihrer 
Reiterei verloren. Die Lebensmittel und die Zugthiere waren knapp, 
die Jahreszeit weit vorgerückt. Aber Antonius fand in der gefahr- 
lichen Lage seine Kraft und seine Kriegskunst wieder, einigermafsen 
auch sein Kriegsglück; er halte gewählt, und der Feldherr wie die 
Truppen lösten die Aufgabe in rühmlicher Weise. Hätten sie nicht 
einen ehemaligen Soldaten des Crassus bei sich gehabt, der, zum 
Parther geworden , Weg und Steg auf das genaueste kannte und sie 
statt durch die Ebene, auf der sie gekommen waren, auf Gebirgs- 
wegen zurückführte, die den Reiterangriffen weniger ausgesetzt waren 
— wie es scheint über die Berge um Tabriz — so wurde das Heer 
schwerlich an das Ziel gelangt sein: und hätte nicht Monaeses, in seiner 
Art dem Antonius die Dankesschuld abtragend, ihn rechtzeitig von den 
falschen Zusicherungen und den hinterlistigen Anschlägen seiner Lands- 
leute in Kenntnifs gesetzt, so wären die Römer wohl in einen der Hinter- 
halte gefiaiUen, dieihnen mehrfach gelegt wurden. Antonius Soldatennatur 
trat in diesen schweren Tagen oftmals glänzend hervor, in seiner ge- 
schickten Benutzung jedes günstigen Moments, in seiner Strenge gegen 
die Feigen, in seiner Macht über die Soldatengemüther, in seiner treuen 
Fürsorge für die Verwundeten und die Kranken. Dennoch war die 
Rettung fast ein Wunder; schon hatte Antonius einen treuen Leibdiener 
angewiesen im äufsersten Fall ihn nicht lebend in die Hände der 
Feinde fallen zu lassen. Unter stetigen Angriffen des tückischen Fein- 



DIE EUPHRATGBERZE UND DIE PARTHER. 367 

des, io winterlich kalter Witterung, bald ohne genügende Nahrang und 
oft ohne Wasser erreichten sie in siebenundzwanzigTagen die schützende 
Grenze, wo der Feind von ihnen abliefs. Der Verlust war ungeheuer; 
man rechnete auf jene siebenundzwanzig Tage achtzehn gr6fsere Treffen 
und in einem einzigen derselben zählten die Römer 3000 Todte und 
5000 Verwundete. Es waren eben die besten und bravsten, die die 
stetigen Nachhuts- und Flankengefechte hinrafften. Das ganze Gepädi, 
ein Drittel des Trosses, ein Viertel der Armee, 20000 Fufssoldaten und 
4000 Reiter waren auf diesem medischen Feldzug zu Grunde gegangen, 
zum grofsen Theil nicht durch das Schwert, sondern durch Hunger 
und Seuchen. Auch am Araxes waren die Leiden der unglücklichen 
Truppen noch nicht zu Ende. Artavazdes nahm sie als Freund auf und 
hatte auch keine andere Wahl; es wäre wohl möglich gewesen hier zu 
überwintern. Aber die Ungeduld des Antonius litt dies nicht; der 
Marsch ging weiter und bei der immer rauher werdenden Jahreszeit 
und dem Gesundheitszustand der Soldaten kostete dieser letzte Ab- 
schnitt der Expedition vom Araxes bis nach Antiocheia, obwohl kein 
Feind ihn behinderte, noch weitere 8000 Mann. Wohl ist dieser Feld- 
zug ein letztes Aufleuchten dessen, was in Antonius Charakter brav 
und tüchtig war, aber politisch seine Katastrophe, um so mehr, als 
gleichzeitig Caesar durch die glückliche Beendigung des sicilischen 
Krieges die Herrschaft im Occident und das Vertrauen Italiens für 
jetzt und alle Zukunft gewann. 

Die Verantwortung für den Bliiserfolg, den zu verleugnen er ver- Antoniiu 
geblich versuchte, warf Antonius auf die abhängigen Könige von Kap- im OBten. 
padokien und Armenien, auf den letzteren insofern mit Recht, als dessen 
vorzeitiger Abmarsch von Praaspa die Gefahren und die Verluste des 
Rückzugs wesentlich gesteigert hatte. Aber für den Feldzugsplan trug 
nicht er die Verantwortung, sondern Antonius'); und das Fehlschlagen 
der auf Monaeses gesetzten Hoffnungen, die Katastrophe des Statianus, 



^) Was darüber StraboD 11, 13, 4 p. 524, offenbar nach der von Antoniiu 
WaffengefiUirten DeUins nnd vermnthlieh auf detaan Geheifa aufgesetzten Dar- 
stelloog dieses Krieges (vgl. das. 11, 13, 3; Dio 49, 39), berichtet, ist ein recht 
kläglicher Rechtfertigongsversnch des geschlagenen Generals. Wenn Antonius 
nicht den nächsten Weg nach Rtesiphon einschlug, so kann dafür der RSnig 
Artavasdes nieht als falscher Wegweiser in Anspruch genonmen werden; es 
war eine nilitSrisehe und wohl mehr noch eine poUtisohe Verrechnnng des 
obersten Feldherm. 



368 AGIITBS BDCH. KAPITEL IX. 

das Scheitern der BelageruDg Yon Praaspa sind nicht durch den Arme- 
nier herbeigeführt worden. Die Unterwerfung des Ostens gab Antonius 
nicht auf, sondern brach im nächsten Jahre (719) abermab aus 
Aegypten auf. Die Verhältnisse hgen audi jetzt noch verhältnife- 
mä&ig günstig. Hit dem medischen König Artayazdes wurde ein 
Freundschaftsbündnifs angeknüpft; derselbe war nicht blols mit dem 
parthischen Oberherm in Streit gerathen, sondern grollte auch vor 
allem dem armenischen Nachbar und durfte bei der wohlbekannten 
Erbitterung des Antonius gegen diesen darauf rechnen an dem Feind 
seines Feindes eine Stütze zu finden. Alles kam an auf das feste 
Einvernehmen der beiden Hachthaber, des sieggekrönten Herrn des 
Westens und des geschlagenen Herrschers im Osten; und auf die 
Kunde hin, dais Antonius die Fortführung des Krieges beabsichtige, 
begab sich seine rechtmäfsige Gattin, die Schwester Caesars Yon Italien 
nach dem Osten, um ihm neue Mannschaften zuzuführen und das Yer- 
hältnifs zu ihr und zu dem Bruder neu zu befestigen. Wenn OctaWa 
grols genug dachte trotz des Verhältnisses mit der aegyptischen Königin 
dem Gatten die Hand zur Versöhnung zu bieten, so mufs auch Caesar, 
wie dies weiter die eben jetzt erfolgende Eröffnung des Krieges an der 
italischen Nordostgrenze bestätigt, damals noch bereit gewesen sein 
das bestehende Verbältnifs aufrecht zu erhalten. Beide Geschwister 
ordneten ihre persönlichen Interessen denen des Gemeinwesens in 
hochherziger Weise unter. Aber wie laut das Interesse wie die Ehre 
dafür sprachen die hingereichte Hand anzunehmen, Antonius konnte es 
nicht über sich gewinnen das Verhältnifs zu der Aegyptierin zu lösen; 
er wies die Gattin zurück, und dies war zugleich der Bruch mit deren 
Bruder, und, wie man hinzusetzen kann, der Verzicht auf die Fort- 
führung des Krieges gegen die Parther. Nun mufste, ehe daran ge- 
dacht werden konnte, die Herrschaftsfrage zwischen Antonius und 
Caesar erledigt werden. Antonius ging denn auch sofort aus Syrien 
nach Aegypten zurück und unternahm in den folgenden Jahren nichts 
Weiteres zur Ausführung seiner orientalischen Eroberungspläne; nur 
strafte er die, denen er die Schuld des Müjserfolgs beimafs. Den König 
▼on Kappadokien Ariarathes lie£s er hinrichten ^) und gab das König- 



Die Thattaehe der Absetzans und der Hioriclitang nad die Zeit be- 
Kengea Dio 49, 32 nad Valerias Majdmaa 9, 15 ext 2; die Ürsaelie oder der 
Vorwand wird mit dem armenischen Krieg znsammenhänsen. 



DIE EUPHBATGRBNZE UND DIE PARTHER. 369 

reich einem illegitimen Verwandten desselben, dem Archelaos. Das 
gleiche Schicksal war dem Armenier zugedacht Wenn Antonius, wie 
er sagte, zur Fortfuhrung des Krieges im J. 720 in Armenien erschien, &4 
so hatte dies nur den Zweck die Person des Königs, der sich geweigert 
hatte nach Aegypten zu gehen, in die Gewalt zu bekommen. Dieser Act 
der Rache wurde auf nichtswürdige Weise im Wege der Ueberlistung 
ausgeführt und in nicht minder nichtswürdiger Weise durch eine in 
Alexandreia aufgeführte Caricatur des capitolinischen Triumphs ge- 
feiert. Damals wurde der zum Herrn des Ostens bestimmte Sohn 
des Antonius, wie früher angegeben ward, als König von Armenien 
eingesetzt und mit der Tochter des neuen Bundesgenossen, des Königs 
von Medien yermählt, während der älteste Sohn des gefangenen und 
einige Zeit später auf Geheifs der Kleopatra hingerichteten Königs 
von Armenien, Artaxes, den die Armenier anstatt des Vaters zum 
König ausgerufen hatten, landflüchtig zu den Parthem ging. Armenia 
und Media Atropatene waren hiemit in Antonius Gewalt oder ihm 
verbündet; die Fortführung des parthischen Krieges wurde wohl an- 
gekündigt, blieb aber verschoben bis nach der Ueberwindung des 
westlichen Rivalen. Phraates seinerseits ging gegen Medien vor, anfangs 
ohne Erfolg, da die in Armenien stehenden römischen Truppen den Me- 
dem Beistand leisteten; aber als im Verlauf der Rüstungen gegen Caesar 
Antonius seine Mannschaften von dort abrief, gewannen die Parther 
die Oberhand, überwanden die Meder und setzten in Medien so wie auch 
in Armenien den König Artaxes ein, der, um die Hinrichtung des Vaters 
zu vergelten, sämmtliche im Lande zerstreute Römer greifen und tödten 
liefs. Dafs Phraates die grofse Fehde zwischen Antonius und Caesar, 
während sie vorbereitet und ausgefochten ward, nicht voller ausnutzte, 
wurde wahrscheinlich wieder einmal durch die im eigenen Lande aus- 
brechenden Unruhen verhindert Diese endigten damit, daCs er aus- 
getrieben ward und zu den Skythen des Ostens ging; an seiner Stelle 
wurde Tiridates als GroMönig ausgerufen. Als die entscheidende See- 
schlacht an der Küste von Epirus geschlagen ward und dann in Aegypten 
die Katastrophe des Antonius sich vollzog, sa6 in Ktesiphon dieser neue 
Grofskönig auf dem schwankenden Thron und schickten an der 
entgegengesetzten Reichsgrenze die Schaaren Turans sich an den 
firüheren Herrscher wieder an seine Stelle zu setzen , was ihnen bald 
darauf auch gelang. 

]lommt«a, t«m.G«MU6hte. V. $4 



Oiten. 



370 ACHTES BCGH. KAPITBL IX. 

▲ngutaf Der kluge und klare Mann, dem die Liquidation der Unterneh- 

n^^Sim fa^ mungen des Antonius und die Feststellung des Verhältnisses der bei- 
den Reichstheile zufiel, bedurfte ebenso sehr der Häfsigung wie der 
Energie. Es wurde der schwerste Fehler gewesen sein in Antonius 
Gedanken eingehend den Orient oder auch nur im Orient weiter zu 
erobern. Augustus erkannte dies; seine militärischen Ordnungen zeigen 
deutlich, dafs er zwar den Besitz der syrischen Küste wie den der ägyp- 
tischen als ein unentbehrliches Gomplement fQr das Reich des Mitiei- 
meers betrachtete, aber auf binnenländischen Besitz daselbst keinen 
Werth legte. Indefs Armenien war nun einmal seit einem Menschen- 
alter römisch und konnte, nach I^age der Verhältnisse , nur römisch 
oder parthisch sein; die Landschaft war durch ihre Lage militärisch 
für jede der Grofsmächte ein Ausfallsthor in das Gebiet der andern. 
Augustus dachte auch nicht daran auf Armenien zu yerzichten und es 
den Parthem zu überlassen; und wie die Dinge lagen, durfte er schwer- 
lich daran denken. Wenn aber Armenien festgehalten ward, konnte 
man dabei nicht stehen bleiben; die örtlichen Verhältnisse nöthigten 
die Römer weiter das Stromgebiet des Kyros, die Landschaften der 
Iberer an seinem oberen, der Albaner an seinem unteren Lauf, das 
heifst die als Reiter wie zu Fufs kampflüchtigen Bewohner des 
heutigen Georgien und Schirwän, unter ihren mafsgebenden Einflufs 
zu bringen, das parthische Machtgebiet nicht nördlich Tom Araxes über 
Atropatene hinaus sich erstrecken zu lassen. Schon die Expedition des 
Pompeius hatte. gezeigt, dals die Festsetzung in Armenien die Römer 
nothwendig einerseits bis an den Kaukasus, andrerseits bis an das 
Westufer des kaspischen Meeres führte. Die Ansätze waren überall da. 
Antonius Legaten hatten mit den Iberern und den Albanern gefocbten. 
Polemon, von Augustus in seiner Stellung bestätigt, herrschte nicht 
blofs über die Küste von Pharnakeia bis Trapezunt, sondern auch über 
das Gebiet der Kolcher an der Phasismündung. Zu dieser allgemeinen 
Sachlage kamen die besonderen Verhältnisse des AugenbUcks , welche 
es dem neuen Alleinherrscher Roms in dringendster Weise nahe legten 
das Schwert den Orientalen gegenüber nicht blofs zu zeigen , sondern 
auch zu ziehen. Dais König Artaxes, wie einst Milhradates, sämmt- 
liehe Römer innerhalb seiner Grenzen umzubringen befohlen hatte, 
konnte nicht uuvergolten bleiben. Auch der landflüchtige König von 
Medien hatte Hülfe jetzt bei Augustus gesucht, wie er sie sonst bei 
Antonius gesucht haben würde. Der Bürger- und Prätendentenkrieg im 



DIE EUPHRATGRBlfZB C!«]) NB PARTHER. 371 

parihischen Reiche erleichterte nicht blofs den Angriff, sondern der 
Tertriebene Herrscher Tiridates sachte gleichfaUs Schutz bei Augustus 
und erklarte sich bereit als römischer Vasall das Reich von Augustus 
zu Lehen zu nehmen. Die Rückgabe der bei den Niederlagen des Crassus 
und der Antonianer in die Gewalt der Parther gerathenen Römer und 
der verlorenen Adler mochte an sich dem Herrscher der Kriegführung 
nicht werth erscheinen; fallenlassen konnte der Wiederhersteller des 
römischen Staates diese militärische und politische Ehrenfrage nicht. 
Mit diesen Thatsachen mufste der römische Staatsmann rechnen; bei 
der Stellung, die Augustus im Orient nahm, war die Politik der Action 
überhaupt und durch die vorhergegangenen Mifserfolge doppelt ge- 
boten. Ohne Zweifel war es wünschenswerth die Ordnung der Dinge 
in Rom bald vorzunehmen; aber eine zwingende Nötbigung dies sofort 
zu thun bestand für den unbestrittenen Alleinherrscher nicht. Er 
befand sich nach den entscheidenden Schlägen von Aktion und Alexan- 
dreia an Ort und Stelle und an der Spitze eines starken und sieg- 
reichen Heeres; was einmal geschehen mu&te, geschah am besten 
gleich. Ein Herrscher vom Schlage Caesars wäre schwerlich nach Rom 
zurückgegangen, ohne in Armenien die Schutzherrschaft hergestellt, 
die römische Suprematie bis zum Kaukasus und zum kaspischen Heere 
zur Anerkennung gebracht und mit dem Parther abgerechnet zu haben. 
Ein Herrscher von Umsicht und Thatkraft hätte die Grenzvertheidigung 
im Osten gleich jetzt geordnet, wie die Verhältnisse es erforderten; es 
war von vom herein klar, dafs die vier syrischen Legionen von zusammen 
40 000 Mann nicht genügten, um die Interessen Roms zugleich am 
Euphrat, am Araxes und am Kyros zu wahren und daljs die Milizen der 
abhängigen Königreiche den Mangel der Reichstruppen nur verdeckten, 
nicht deckten. Armenien hielt durch politische und nationale Sympathie 
mehr zu den Parthem als zu den Römern; die Könige von Kom- 
magene, Kappadokien, Galatien, Pontus neigten wohl umgekehrt mehr 
nach der römischen Seite, aber sie waren unzuverlässig und schwach. 
Auch die mafshaltende Politik bedurfte zu ihrer Regründung eines 
energischen Schwertschlags, zu ihrer Aufrechthaltung des nahen Arms 
einer überlegenen römischen Militärmacht. 

Augustus hat weder geschlagen noch geschirmt ; gewifs nicht weil 
er über die Sachlage sich täuschte, sondern weil es in seiner Art lag 
das als nothwendig Erkannte zögernd und schwächlich durchzuführen 
und die Rücksichten der inneren Politik auf das Verhältnifs zum Aus- 

24* 



372 ACHTES BOCH. KAPITEL IX. 

land mehr als billig eiDwirken zu lassen. Das Unzulängliche des Grenz- 
schutzes durch die kleinasiatischen Clientelstaaten hat er wohl einge- 
S6 sehen; es gehört in diesen Zusammenhang, dafs er schon im J. 729 
nach dem Tode des Königs Amyntas, des Herrn im ganzen innem 
Kleinasien, diesem keinen Nachfolger gab, sondern das Land einem 
kaiserlichen Legaten unterstellte. Yermuthlich sollten auch die be- 
nachbarten bedeutenderen Clientelstaaten, namentlich Kappadokien !in 
gleicher Weise nach dem Ableben der derzeitigen Inhaber in kaiser- 
liche Statthalterschaften verwandelt werden. Dies war ein Forlschritt, 
insofern die Ifilizen dieser Landschaften damit der Reichsarmee in- 
corporirt und unter römische Ofiflziere gestellt wurden; einen ernst- 
lichen Druck auf die unsicheren Grenzlandschaften oder gar auf den 
benachbarten Grofsstaat konnten diese Truppen nicht ausüben, wenn 
sie auch jetzt zu denen des Reiches zahlten. Aber alle diese Erwä- 
gungen wurden überwogen durch die Rücksicht auf die Herabdrück- 
ung der Ziffer des stehenden Heeres und der Ausgabe für das Heer- 
wesen auf das möglichst niedrige Mais. 

Ebenso ungenügend waren den augenblicUichenVerhältnissen gegen- 
über die auf der Heimkehr Ton Aleiandreia von Augustus getroffenen 
Mafsregehi. Er gab dem vertriebenen König der Meder die Herrschaft 
von Kleinarmenien und dem parthischen Prätendenten Tiridates ein 
Asyl in Syrien, um durch jenen den in offener Feindseligkeit gegen 
Rom verharrenden König Artaxes in Schach zu halten, durch diesen auf 
den König Phraates zu drücken. Die mit diesem wegen der Rückgabe 
der parthischen Siegestrophäen angeknüpften Verhandlungen zogen sich 
18 ergebnifslos hin, obwohl Phraates im J. 731, um die Entlassung eines 
zufallig in die Gewalt der Römer gerathenen Sohnes zu erlangen, die 
Rückgabe zugesichert hatte. 
A«^«iu in Erst als Augustus im J. 734 sich persönlich nach Syrien begab 
ymn i^^-qj^^ Emst zoigtc, fQgteu sich die Orientalen. In Armenien, wo eine 
mächtige Partei sich gegen den König Artaxes erhoben hatte, warfen 
sich |die Insurgenten den Römern in die Arme und erbaten für des 
Artaxes jüngeren am kaiserlichen Hof erzogenen und in Rom lebenden 
Bruder Tigranes die kaiserliche Belohnung. Als des Kaisers Stiefsohn 
Tiberius Claudius Nero, damals ein 22 jähriger Jüngling, mit Heeres- 
macht in Armenien einrückte, wurde König Artaxes von seinen eigenen 
Verwandten ermordet und Tigranes empfing die königliche Tiara aus 
der Hand des kaiserlichen Vertreters, wie sie fun^ Jahre früher sein 



Ofton. 



DIE EOPBRATGRBlfZE ülfB DIB PARTHBR. 373 

gleichnamiger Gro&Tater von Pompeius empfangen hatte (3, 129). 
Atropatene wurde wieder von Armenien getrennt und kam unter die 
Herrschaft eines ebenfalls in Rom erzogenen Herrschers, des Ariohar- 
zanes, Sohnes des früher erwähnten Artavazdes; doch scheint dieser das 
Land nicht als römisches, sondern als parthisches Lehnsreich erhalten 
zu haben, lieber die Ordnung der Dinge in den Förstenthumem am 
Kaukasus erfahren wir nichts; aber da sie später unter die römischen 
Qientelstaaten gerechnet werden, so hat wahrscheinlich damals auch 
hier der römische Einfluis obgesiegt. Selbst König Phraates, jetzt vor 
die Wahl gestellt sein Wort einzulösen oder zu schlagen, entschlofs sich 
schweren Herzens zu der die nationalen Gefühle der Seinen empfindlich 
verletzenden Herausgabe der wenigen noch lebenden römischen Kriegs- 
gefangenen und der gewonnenen Feldzeichen. 

Unendlicher Jubel begrülste diesen von dem Fürsten des Friedens Sradang de» 
errungenen unblutigen Sieg. Auch bestand nach demselben mit dem oMh dam 
Partherkönig längere Zeit ein freundschaftliches Verhältnifs, wie denn 
die unmittelbaren Interessen der beiden Grolsstaaten sich wenig stielsen. 
In Armenien dagegen hatte die römische Lehnsherrschaft, die nur auf 
sich selbst ruhte, der nationalen Opposition gegenüber einen schweren 
Stand . Nach dem frühen Tode des Königs Tigranes schlugen dessen 
Kinder oder die unter ihrem Namen regierenden Staatsleiter sich 
selber zu dieser. Gegen sie wurde von den Römerfreunden ein anderer 
Herrscher Artavazdes aufgestellt; aber er vermochte nicht gegen die 
stärkere Gegenpartei durchzudringen. Diese armenischen Wirren stör- 
ten auch das Verhältnifs zu den Parthem ; es lag in der Sache, dals die 
antirömisch gesinnten Armenier sich auf diese zu stützen suchten, und 
auch die Arsakiden konnten nicht vergessen, dais Armenien früher 
eine parthische Secundogenitur gewesen war. Unblutige Siege sind oft 
schwächliche und gefährliche. Es kam so weit, dafs die römische 
Regierung im J. 748 demselben Tiberius, der vierzehn Jahre zuvor den 
Tigranes als Lehnkönig von Armenien eingesetzt hatte, den Auftrag 
ertheilte abermals mit Heeresmacht dort einzurücken und^die Verhält- 
nisse nölhigenfalls mit Waffengewalt zu ordnen. Aber das ZerwürfnlTs 
in der kaiserlichen Familie, welches die Unterwerfung der Germanen 
unterbrochen hatte (S. 32), griff auch hier ein und hatte die gleiche 
üble Wirkung. Tiberius lehnte den Auftrag des Stiefvaters ab und in 
Ermangelung eines geeigneten prinzlichen Feldherm sah die römische 
Regierung einige Jahre hindurch wohl oder übel dem Schalten der anti- 



374 ACHTES BUCH. KAPITEL IX. 

römischen Partei in Armenien unter parthischem Schutz unthätig zu. 
Endlich im J. 753 wurde dem älteren Adoptivsohn des Kaisers, dem 
zwanzigjährigen Gaius Caesar, nicht blofs derselbe Auftrag ertheilt, son- 
dern es sollte, wie der Vater hoffte, die Unterwerfung Armeniens der 
Anfang gröfserer Dinge sein, der Orientfeldzug des zwanzigjährigen 
Kronprinzen man möchte fast sagen die Alexanderfahrt fortsetzen. 
Vom Kaiser beauftragte oder dem Hofe nahe stehende Litteraten, der 
Geograph Isidoros, selber an der Euphratmündung zu Hause, und der 
Yertreter der griechischen Gelehrsamkeit unter den Fürstlichkeiten des 
augustischen Kreises» König Juba Yon Mauretanien widmeten jener 
seine im Orient selbst eingezogenen Erkundigungen, dieser litterarische 
Collectaneen über Arabien dem jungen Prinzen, der vor Begierde zu 
brennen schien mit der Eroberung Arabiens, über welche Alexander 
weggestorben war, einen vor längerer Zeit dort eingetretenen MiTs- 
erfolg des augustischen Regiments glänzend zu begleichen. Zunächst 
für Armenien war diese Sendung ebenso Ton Erfolg wie die desTiberius. 
Der römische Kronprinz und der parthische Grofskönig Phraatakes 
trafen persönlich auf einer Insel des Euphrat zusammen; die Parther 
gaben wieder einmal Armenien auf und die nahe gerückte Gefahr 
eines parthischen Krieges ward abgewandt, das gestörte Einvernehmen 
wenigstens äufserlich wiederhergestellt. Den Armeniern setzte Gaius 
den Ariobarzanes, einen Prinzen aus dem modischen Fürstenhause, zum 
König und die Oberherrschaft Roms wurde abermals befestigt. IndeDs 
fügten die autirömisch gesinnten Armenier sich nicht ohne Widerstand; 
es kam nicht blols zum Einrücken der Legionen, sondern auch zum 
Schlagen. Vor den Mauern des armenischen Castells Artageira empfing 
der junge Kronprinz von einem parthischen Offizier durch tückische 
List die Wunde (J. 2 n. Chr.), an der er nach monatelangem Siechen 
hinstarb. Die Verschlingung der Reichs- und der dynastischen Politik 
bestrafte sich aufs neue. Der Tod eines jungen Mannes änderte den 
Gang der grofsen Politik; die so zuversichtlich dem Publicum angekün- 
digte arabische Expedition fiel weg, nachdem ihr Gelingen dem Sohn 
des Kaisers nicht mehr den Weg zur Nachfolge ebnen konnte. Auch an 
weitere Unternehmungen am Euphrat wurde nicht mehr gedacht; das 
Nächste, die Besetzung Armeniens und die WiederhersteUung der Be- 
ziehungen zu den Parthern war erreicht, wie trübe Schatten auch durch 
den Tod des Kronprinzen auf diesen Erfolg fielen. 



DIE EUPHRATGRENZE ÜMD DIE PARTHER. 375 

Bestand hatte derselbe so wenig wie der der glänzenderen Expedi-> Btndmg 
tion des J. 734. Die von Rom eingesetzten Herrscher Armeniens wurden QenDmnimw 
bald von denen derGegenparteiunterTersteckteroderoffenerBetheiligang 
der Parther bedrängt und verdrängt. Als der in Rom erzogene parthi- 
sehe Prinz Vonones auf den erledigten parthischen Thron berufen ward, 
hofften die Römer an ihm eine Stütze zu finden; allein eben defswegen 
mufste er bald ihn räumen, und an seine Stelle kam König Artabanos 
von Medien, ein mötterlicher Seits den Arsakiden entsprossener, aber 
dem skythischen Volke der Daker angehöriger und in einheimischer 
Sitte aufgewachsener thatkräftiger Mann (um 10 n. Chr.). Vonones 
viard damals von den Armeniern als Herrscher aufgenommen und damit 
diese unter römischem Einfluis gehalten. Aber um so weniger konnte 
Artabanos seinen verdrängten Nebenbuhler als Nachbarf&rsten dulden; 
die römische Regierung hätte, um den für seine Stellung m jeder Hin- 
sicht ungeeigneten Mann zu halten, Waffengewalt gegen die Parther 
wie gegen seine eigenen Unterthanen anwenden müssen. Tiberius, der 
inzwischen zur Regierung gekommen war, liefs nicht sofort einrücken 
und für den Augenblick siegte in Armenien die antirömische Partei; 
aber es war nicht seine Absicht auf das wichtige Grenzland zu ver- 
zichten. Im Gegentheil wurde die wahrscheinlich längst beschlossene 
Einziehung des Königreichs Kappadokien im J. 17 zur Ausführung ge- 
bracht: der alte Archelaos, der dort seit dem J. 718, vor Chr. 36, den 
Thron einnahm, ward nach Rom berufen und ihm hier angekündigt, 
dafs er aufgehört habe zu regieren. Ebenso kam das kleine, aber wegen 
der Euphratübergänge wichtige Königreich Kommagene damals unter 
unmittelbare kaiserliche Verwaltung. Damit war die unmittelbare 
Reichsgrenze bis an den mittleren Euphrat vorgeschoben. Zugleich 
ging der Kronprinz Germanicus, der so eben am Rhein mit grolser 
Auszeichnung commandirt hatte, mit ausgedehnter Machtvollkommen- 
heit nach dem Osten, um die neue Provinz Kappadokien zu ordnen und 
das gesunkene Ansehen der Reichsgewalt wieder herzustellen. Auch 
diese Sendung kam bald und leicht zum Ziel. Germanicus, obwohl von 
dem Statthalter Syriens Gnaeus Piso nicht mit derjenigen Truppen- 
macht unterstützt, die er fordern durfte und gefordert hatte, ging nichts 
destoweniger nach Armenien und brachte durch das blo&e Gewicht 
seiner Persönlichkeit und seiner Stellung das Land zum Gehorsam 
zurück. Den unfähigen Vonones liefs er fallen und setzte den Arme- 
niern, den Wünschen der römisch gesinnten Vornehmen entsprechend, 



376 ACHTES BUCH. KAPITEL IX. 

zum Herrscher einen Sohn jenes Polemon, den Antonius zum K6iiig im 
Pontus gemacht hatte, den Zenon oder, wie er als König von Armenien 
heilst, Artaxias; dieser war einerseits dem kaiserlichen Hause verbunden 
durch seine Mutter, die Königin Pythodoris, eine Enkelin des Triumvir 
Antonius, andererseits nach Landesart erzogen, ein tüchtiger Waid- 
mann und bei dem Gelag ein tapferer Zecher. Auch der Grofskönig 
Artabanos kam dem römischen Prinzen in freundschaftlicher Weise 
entgegen und bat nur um Entfernung seines Vorgängers Vonones 
aus Syrien, um den zwischen diesem und den unzufriedenen Parthem 
sich anspinnenden Zettelungen zu steuern. Da Germanicus dieser Bitte 
entsprach und den unbequemen Flüchtling nach Kilikien schickte, wo 
er bald darauf bei einem Fluchtversuch umkam, stellten zwischen den 

/ beiden Grofsstaaten die besten Beziehungen sich her. Artabanos 
wünschte sogar mit Germanicus am Euphrat persönlich zusammen- 
zukommen, wie dies auch Phraatakes und Gaius gethan hatten; dies 
aber lehnte Germanicus ab, wohl mit Rücksicht auf Tiberius leicht 
erregten Argwohn. Freilich fiel auf diese orientalische Expedition 
derselbe trübe Schatten wie auf die letztvorhergehende; auch von dieser 
kam der Kronprinz des römischen Reiches nicht lebend heim. 
Sendna^ dM Eine Zeitlang thaten die getroffenen Einrichtungen ihren Dienst. 

"' So lange Tiberius mit sicherer Hand die Herrschaft führte und so lange 
König Artaxias von Armenien lebte, blieb im Orient Ruhe; aber in den 
letzten Jahren des alten Kaisers, als derselbe von seiner einsamen Insel 
aus die Dinge gehen lieüs und vor jedem Eingreifen zuruckscheute, und 
insbesondere nach dem Tode des Artaxias (um 34) begann das alte 
Spiel abermals. König Artabanos, gehoben durch sein langes und glück- 
liches Regiment und durch vielfache gegen die Grenzvölker Irans er- 
strittene Erfolge und überzeugt, dafs der alte Kaiser keine Neigung 
haben werde einen schweren Krieg im Orient zu beginnen, bewog die 
Armenier, seinen eigenen ältesten Sohn, den Arsakes, zum Herrscher 
auszurufen, das heilst die römische Oberherrlichkeit mit der parthischen 
zu vertauschen. Ja er schien es geradezu auf den Krieg mit Rom an- 
zulegen; er forderte die Yerlassenschaft seines in Kilikien umgekom- 
nen Vorgängers und Rivalen Vonones [von der römischen Regierung 
und seine Schreiben an diese sprachen ebenso unverhüllt aus, dafs der 
Orient den Orientalen gehöre, wie sie die Greuel am kaiserlichen Hofe, 
die man in Rom sich nur im vertrautesten Kreise zuzuflüstern wagte, bei 
ihrem rechten Namen nannten. Er soll sogar einen Versuch gemacht 



DIB ECPHRAT6RBNZE UND DIE PARTHER. 377 

haben, sich in Besitz von Kappadokien zu setzen. Aber in dem alten Löwen 
hatte er sich Terrechnet. Tiberius war auch auf Capreae nicht blols den 
Hofleuten furchtbar und nicht der Mann, sich und in sich Rom ungestraft 
verhöhnen zu lassen. Er sandte den Lucius Viteliius, den Vater des spätem 
Kaisers, einen entschlossenen Offizier und geschickten Diplomaten, nach 
dem Orient mit ähnlicher Machtvollkommenheit, wie sie früher Gaius 
Caesar und Germanicus gehabt hatten, und mit dem Auftrag nöthigenfalls 
die syrischen Legionen über den Euphratzu führen. Zugleich wandte er 
das oft erprobte Mittel an den Herrschern des Ostens durch Insurrec- 
tionen und Prätendenten in ihrem eigenen Lande zu schaffen zu machen. 
Dem Partherprinzen, den die armenischen Nationalen zum Herrscher 
ausgerufen hatten, stellte er einen Fürsten aus dem Königshaus 
der Iberer entgegen, den Mithradates, des Ibererkönigs Pharasmanes 
Bruder und wies diesen so wie den Fürsten der Albaner an den römi* 
sehen Prätendenten für Armenien mit Heeresmacht zu unterstützen. 
Yon den streitbaren und für jeden Werber leicht zugänglichen trans- 
kaukasischen Sarmaten wurden groDse Schaaren mit römischem Golde 
für den Einfall in Armenien gedungen. Es gelang auch dem römischen 
Prätendenten seinen Nebenbuhler durch bestochene Hofleute zu ver- 
giften und sich des Landes und der Hauptstadt Artaxata zu bemächti- 
gen. Artabanos sandte an des Ermordeten SteUe einen anderen Sohn 
Orodes nach Armenien und versuchte auch seinerseits transkaukasische 
Hülfstruppen zu beschaffen; aber nur wenige kamen nach Armenien durch 
und die parthischen Reiterschaaren waren der guten Infanterie der Kau- 
kas\is Völker und den gefürchteten sarmatischen berittenen Schützen nicht 
gewachsen. Orodes wurde in harter Feldschlacht überwunden und selbst 
im Zweikampf mit seinem Rivalen schwer verwundet. Da brach Artaba- 
nos selber nach Armenien auf. Nun aber setzte auch Viteliius die syri- 
schen Legionen in Bewegung, um den Euphrat zu überschreiten und in 
Mesopotamien einzufallen; und dies brachte die lange gährende Insur- 
rection im Partherreiche zum Ausbruch. Das energische und mit den 
Erfolgen selbst immer schroffere Auftreten des skylhischeu Herrschers 
hatte viele Personen und Interessen verletzt, insbesondere die mesopo- 
tamischen Griechen und die mächtige Stadtgemeinde von Seleukeia, 
welcher er ihre nach griechischerArt demokratische Gemeindeverfassung 
genommen hatte , ihm abwendig gemacht. Das römische Gold nährte 
die sich vorbereitende Bewegung. Unzufriedene Adliche hatten schon 
früher sich mit der römischen Regierung in Verbindung gesetzt und 



378 ACHTBS BUCH. KAPITEL IX. 

einen echten Arsakiden Yon dieser erbeten. Tiberius hatte des'Phraates 
einzigen überlebenden dem Vater gleichnamigen Sohn und, nachdem 
der alte römisch gewöhnte Mann den Anstrengungen noch in Syrien 
erlegen war, an dessen Stelle einen ebenfalls in Rom lebenden Enkel des 
Phraates Namens Tiridates geschickt. DerparthischeFärstSinnakes, der 
Föhrer dieser Zettelungen, kündigte jetztdem Skythen den Gehorsam und 
pflanzte das Banner der Arsakiden auf. Vitelllus überschritt mit den 
Legionen den Euphrat und in seinem Gefolge der neue Grofskönig 
von römischen Gnaden. Der parlhische Statthalter von Mesopotamien 
Ornospades, der einst als Verbannter unter Tiberius den pannonischen 
Krieg mitgemacht hatte, stellte sich und seine Truppen sofort dem neuen 
Herrn zur Verfügung; des Sinnakes Vater Abdagaeses lieferte den Reichs- 
sehatz aus ; in kürzester Zeit sah sich Artabanos von dem ganzen Lande ver- 
lassen und gezwungen in seine skythische Heimath zu flüchten, wo erals 
unsteter Mann in den Wäldern herumirrte und mit seinem Bogen sich das 
Leben fristete, während dem Tiridates von den nach parthischer Staats- 
ordnung zur Krönung des Herrschers berufenen Fürsten in Ktesiphon 
feierlich die Tiara aufs Haupt gesetzt ward. Indefs die Herrschaft des 
von dem Reichsfeind geschickten neuen Grofskönigs währte nichtlange. 
Das Regiment, welches weniger er führte, ein junger unerfahrener und 
untüchtiger Mann, als die ihn zum König gemacht hatten, vornehmlich 
Abdagaeses, rief bald Opposition hervor. Eitiige der vornehmsten Sa- 
trapen waren schon bei der Krönungsfeier ausgeblieben und zogen den 
vertriebenen Herrscher wieder aus der Verbannung hervor; mit ihrem 
Beistand und den von seinen skythischen Landsleuten gestellten Mann- 
schaften kehrte Artabanos zurück und schon im folgenden Jahre (36) 
war das ganze Reich mit Ausnahme von Seleukeia wieder in seiner 
Gewalt, Tiridates ein flüchtiger Mann und genöthigt, bei seinen römi- 
schen Beschützern die Zuflucht zu heischen, die ihm nicht versagt 
werden konnte. Vitelllus führte die Legionen abermals an den Euphrat; 
aber da der Grofskönig persönlich erschien und sich zu allem Verlangten 
bereit erklärte, falls die römische Regierung von Tiridates abstehe, war 
der Friede bald geschlossen. Artabanos erkannte nicht blofs den Hi- 
thradales als König von Armenien an, sondern brachte auch dem Bild- 
nifs des römischen Kaisers die Huldigung dar, die von den Lehnsman- 
nen gefordert zu werden pflegte und stellte seinen Sohn Dareios den 
Römern als Geifsel. Darüber war der alte Kaiser gestorben ; aber diesen 



DIE EDPHBATGEENZE UNO DIE PARTUER. 379 

80 unblutigen wie YoIlsUlndigen Sieg seiner Politik über die Auflehnung 
des Orients hat er noch erlebt 

Was die Klugheit des Greises erreicht hatte, verdarb sofort der dm OiiMt 
Unverstand des Nachfolgers. Abgesehen davon, dafs er verständige Ein- aSL 
richtungen des Tiberius rückgängig machte, zum Beispiel das einge- 
zogene Königreich Kommagene wiederherstellte, gönnte sein thörichter 
Neid dem todten Kaiser den erreichten Erfolg nicht; den tüchtigen 
Statthalter von Syrien wie den neuen König von Armenien lud er zur 
Verantwortung nach Rom vor, setzte den letzteren ab und schickte ihn, 
nachdem er ihn eine Zeitlang gefangen gehalten hatte, ins Exil. Selbst- 
verstandlich griff die parthische Regierung zu und nahm das herrenlose 
Armenien wiederum in Besitz^). Claudius hatte, als er im J. 41 zur n« orimit 
Regierung kam, die gethane Arbeit von neuem zu beginnen. Er verfuhr ouadiiu. 
nach dem Beispiel des Tiberius. Mithradates, aus dem Exil zurückge- 
rufen, wurde wieder eingesetzt und angewiesen mit Hülfe seines Bruders 
sich Armeniens zu bemächtigen. Der damals zwischen den drei Söhnen 
des Königs Artabanos III geführte Bruderkrieg im Partherreich ebnete den 
Römern den Weg. Nach der Ermordung des ältesten Sohnes stritten 
Jahre lang Gotarzes und Vardanes um den Thron; Seleukeia, das schon 
dem Vater den Gehorsam aufgeköndigt hatte, trotzte sieben Jahre hin- 
durch ihm und nachher den Söhnen; die Völker Turans griffen wie 
immer auch in diesen Hader der Fürsten Irans ein. Mithradates ver- 
mochte mit Hülfe der Truppen seines Bruders und der Garnisonen der 
benachbarten römischen Provinzen die parthisch Gesinnten in Armenien 
zu überwältigen und sich wieder zum Herrn daselbst zu ^machen *) ; ,das 



^) Der Bericht über die Besitzergreifaog Armeniens fehlt, aber die That- 
faehe ^eht «os Tacitns ann. 11, 9 deutlich hervor. Wahncheinlieh gehört 
hieher, was Josephns 20, 3, 3 von der Absicht des Nachfolgers des Artaba- 
nos erzählt, gegen die Römer Krieg zn führen, wovon der Satrap von Adia- 
heoe Izates ihn vergebens abmahnt. Josephns nennt diesen Nachfolger wohl irrig 
Bardanes. Artabanos III nomittelbarer Nachfolger war nach Tacitns ann. 11, 8 
sein gleichnamiger Sohn, den nebst seinem Sohn dann Gotarzes ans dem Wege 
raamte; nnd dieser Artabanos IV wird hier gemeint sein. 

*) Die Meldung des Petrns Patricias (fr. 3 Müll.), dafs der König 
MiUuradates von Iberien den Abfall von Rom geplant, aber, am den Schein 
der Treue za wahren, seinen Brader Kotys an Glaadius gesandt habe and dann, 
da dieser dem Kaiser von jenen Umtrieben Anzeige gemacht, abgesetzt and 
dnrch den Brader ersetzt worden sei, vertrügt sich nicht mit der gesicherten 
Thatsaehe, dafs in Iberien wenigstens vom J. 35 (Tacitns 6, 82) bis zum J. 60 



380 ACHTES BUCH. KAPITEL IX. 

Land erhielt römische Besatzung. Nachdem Vardanes sich mit dem 
Bruder verglichen und endlich Seleukeia wieder eingenommen hatte, 
machte er Miene in Armenien einzurücken; aber die drohende Haltung 
des römischen Legaten von Syrien hielt ihn ab und sehr bald brach der 
Bruder den Vergleich und begann der Bürgerkrieg aufs Neue. Nicht 
einmal die Ermordung des tapferen und im Kampf mit den Völkern 
Turans siegreichen Vardanes setzte demselben ein Ziel; die Gegenpartei 
wendete sich nun nach Rom und erbat sich von der dortigen Re- 
gierung den dort lebenden Sohn des Vonones, den Prinzen Meherdates, 
welcher denn auch vom Kaiser Claudius vor dem versammelten Senat 
den Seinigen zur Verfügung gestellt und nach Syrien entlassen ward 
mit der Ermahnung sein neues Reich gut und gerecht zu verwalten 
und der römischen Schutzfreundschaft eingedenk zu bleiben (J. 49). 
Er kam nicht in die Lage von diesen Ermahnungen Anwendung zu 
machen. Die römischen Legionen, die ihm bis zum Euphrat das 
Geleit gaben, übergaben ihn dort denen, die ihn gerufen hatten, 
dem Haupt des mächtigen Fürstengeschlechts der Kar^n und den 
Königen Abgaros von Edessa und hates von Adiabene. Der unerfahrene 
und unkriegerische Jüngling war der Aufgabe so wenig gewachsen wie 
alle anderen von den Römern aufgestellten parthischen Herrscher; eine 
Anzahl seiner namhaftesten Anhänger verliefsen ihn, so wie sie ihn 
kennen lernten und gingen zuGotarzes; in der entscheidenden Schlacht 
gab der Fall des tapferen Kar^n den Ausschlag. Meherdates wurde ge- 
fangen und nicht einmal hingerichtet, sondern nur nach orientalischer 
Sitte durch Verstümmelung der Ohren regierungsunflhig gemacht. 
Armenien Trotz dieser Niederlage der römischen Politik im Partherreich 

Puthtra l>U^b Armenien den Römern, so lange der schwache Gotarzes über 
oeenpirt. j|^ Parther herrschte. Aber so wie eine kräftigere Hand die Zügel der 
Herrschaft fafste und die inneren Kämpfe ruhten, ward auch der Kampf 
um jenes Land wieder aufgenommen. König Vologasos, der nach dem 
Tode des Gotarzes und dem kurzen Regiment VononesH diesem seinem 
Vater im J. 51 succedirte^), bestieg den Thron ausnahmsweise in 



(Taeitns t4, 26) Phartsmtoes , im J. 75 dessen Soha Mithradates (C. I. L. III, 
6052) geherrscht htt. Ohne Zweifel htt Petras den Mithradates von Iberien 
und den sleichoamisen König des Bosporus (S. 289 A. 1) zasammengeworfen and 
liegt hier die Erzählung zu Grande, welche Tacitas ann. 12, 18 voraussetzt 

>) Wenn die Mäozen, die freilich meistens nur nach der Bildnirsähn- 
lichkeit sich scheiden lassen, richtig attribairt sind, so reichen die des Go* 



DIE EUPHRAT6RENZE UND DIE PARTHER. 381 

vollem EinverständniJjs mit seinen beiden Brüdern Pakoros und Tiri- 
dates. Er war ein fähiger und umsichtiger Regent — auch als Städte- 
gründer finden wir ihn und mit Erfolg bemüht den Handel von Pal- 
myra nach seiner neuen Stadt Vologasias am unteren Euphrat zu len- 
ken — , raschen und extremen Entschlüssen abgeneigt und bemüht mit 
dem mächtigen Nachbar wo möglich Frieden zu halten. Aber die Rück- 
gewinnung Armeniens war der leitende politische Gedanke der Dynastie 
und auch er bereit jede Gelegenheit zu seiner Verwirklichung zu be- 
nutzen. Diese Gelegenheit schien jetzt sich zu bieten. Der armenische 
Hof war der SchaU}>latz einer der entsetzlichsten Familientragödien 
geworden, die die Geschichte verzeichnet. Der alte König der Iberer Bh»dnnMtM. 
Pharasmanes unternahm es seinen Bruder, den König von Armenien 
llithradates vom Thron zu stofsen und seinen eigenen Sohn Rhada- 
mistos an dessen Stelle zu setzen. Unter dem Vorwande eines Zerwürf- 
nisses mit dem Vater erschien Rhadamistos bei seinem Oheim und 
Schwiegervater und knüpfte mit angesehenen Armeniern Verhand- 
lungen in jenem Sinne an. Nachdem er sich eines Anhangs ver- 
sichert hatte, überzog Pharasmanes im J. 52 unter nichtigen Vor- 
wänden den Bruder mit Krieg und brachte auch das Land in seine 
oder vielmehr seines Sohnes Gewalt Mithradates stellte sich unter 
den Schutz der römischen Besatzung des Castells Gorneae^). Diese 
anzugreifen wagte Rhadamistos nicht; aber der Commandant Caelius 
PoUio war als nichtswürdig und feil bekannt. Der unter ihm den 
Befehl führende Centurio begab sich zu Pharasmanes, um ihn zur 
Zurückrufung seiner Truppen zu bestimmen, was dieser wohl ver- 
sprach, aber nicht hielt. Während der Abwesenheit des Zweitcomman- 
direnden nöthigte Pollio den König, der wohl ahnte, was ihm be- 
vorstand, durch die Drohung ihn im Stiche zu lassen, sich dem Rha- 
damistos in die Hände zu liefern. Von diesem wurde er umgebracht, 
mit ihm seine Gattin, des Rhadamistos Schwester und die Kinder der- 
selben, weil sie im Anblick der Leichen ihrer Aeltem in Jammergeschrei 
ausbrachen. Auf diese Weise gelangte Rhadamistos zur Herrschaft von 



tarzes bis Sei. 362 Daesias ^» d. Chr. 51 Juni und beginneo die des Volagasos 
(von VoDooes 11 kennen wir keine) mit Sei. 362 GorpiSns = n. Chr. 61 Sept 
(Percy Gardner Parthian coinage p. 50. 51), was mit Tacitos 12, 14. 44 
UbereiDstimmt. 

^) Gomeae, bei den Armeniern Garhd, wie die Ruine (nahe SstUch von 
firiwan) noeh jetzt genannt wird. Kiepert. 



382 AGHTB8 BUCH. KAPITEL IX. 

Armenien. Die römische Regierung durfte weder solchen von ihren 
Offizieren mitverschuldeten Gräueln zusehen noch dulden, dals einer 
ihrer Lehnsträger den andern mit Krieg überzog. Nichts desto weniger 
erkannte der Statthalter von Kappadokien lulius Paelignus den neuen 
König von Armenien an. Auch im Rath des Statthalters von Syrien 
Ummidius Quadratus überwog die Meinung, dafs es den Römern gleich- 
gültig sein könne, ob der Oheim oder der Neffe über Armenien herrsche; 
der nach Armenien mit einer Legion gesendete Legat erhielt nur den 
Auftrag den Status quo bis auf weiteres aufrecht zu halten. Da hielt 
der Partherkönig, in der Voraussetzung, dafs die römische Regierung 
sich nicht beeifern werde für den König Rhadamistos einzutreten, den 
Moment für geeignet seine alten Ansprüche auf Armenien wieder auf- 
zunehmen. Er belehnte mit Armenien seinen Bruder Tiridates und 
die einrückenden parthischen Truppen bemichtigten sich fast ohne 
Schwertstreich der beiden Hauptstädte Tigranokerta und Artaxata und 
des ganzen Landes. Als Rhadamistos einen Versuch machte den Preis 
seiner Blutthaten festzuhalten, schlugen die Armenier selbst ihn zum 
Lande hinaus. Die römische Besatzung scheint nach der Uebergabe 
von Corneae Armenien verlassen zu haben; die aus Syrien in Marsch 
gesetzte Legion zog der Statthalter zurück, um nicht mit den Parthem 
in Conflict zu gerathen. 
corbnio Als dicse Kunde nach Rom kam (Ende 54), war Kaiser Claudius 

"*«. --''^"'eben gestorben und regierten für den jungen siebzehnjährigen Nach- 
folger thatsächlich die Minister Burrus und Seneca. Das Vorgehen des 
Vologasos konnte nur mit der Kriegserklärung beantwortet werden. 
In der That sandte die römische Regierung nach Kappadokien, das 
sonst Statthalterschaft zweiten Ranges und nicht mit Legionen belegt 
war, ausnahmsweise den consularischen Legaten Cnaeus Domitius Cor- 
bulo. Er war als Schwager des Kaisers Caius rasch vorwärts gekommen, 
dann unter Claudius im J. 47 Legat von Untergermanien gewesen 
(S. 114) und galt seitdem als einer der damals nicht zahlreichen tüch- 
tigen die vielfach verfallende Disciplin energisch handhabenden Heer- 
führer, selbst eine herculische Gestalt, jeder Strapaze gewachsen und 
nicht blofs dem Feind, sondern auch seinen^ eigenen Soldaten gegen- 
über von rücksichtslosem Muth. Es schien ein Zeichen des Besser- 
werdens der Dinge, dafs die neronische Regierung das erste von ihr 
zu besetzende wichtige Commando an ihn vergab. Der unfähige syri- 
sche Legat von Syrien Quadratus wurde nicht abgerufen , aber aoge- 



DIB EUPHRATGRBNZB UND DIB FARTHBB. 383 

wiesen zwei Yon seinen vier Legionen dem Statthalter der Nachbar- 
provinz zur Verfügung zu stellen. Die Legionen alle wurden an den 
£uphrat herangezogen und die sofortige Schlagung der Bracken über 
den Fluis angeordnet Die beiden westlich zunächst an Armenien gren- 
zenden Landschaften Klein-Armenien und Sophene wurden zwei zu- 
verlässigen syrischen Fürsten, dem Aristobulos aus einem Seitenzweig 
des herodischen Hauses und dem Sohaemos aus der Herrscherfamilie 
von Hemesa zugetheilt und beide unter Corbulos Befehle gestellt Der 
König des damals noch übrigen Restes des Judenstaats Agrippa und 
der König von Kommagene Antiochos erhielten ebenfalls Marschbefehl. 
Indefs zunächst kam es nicht zum Schlagen. Die Ursache lag zum Theil 
in dem Zustand der syrischen Legionen ; es war ein schlimmes Armuths- 
zeugnifs für die bisherige Verwaltung, dafs Ck>rbu1o die ihm überwiese- 
nen Truppen geradezu als unbrauchbar bezeichnen mufste. Die in den 
griechischen Provinzen ausgehobenen und garnisonirenden Legionen 
waren immer geringer gewesen als die occidentalischen ; jetzt hatte die 
entnervende Gewalt des Orients bei dem langen Friedensstand und der 
schlaffen Heereszucht dieselben völlig demoralisirt Die Soldaten hielten 
mehr in den Städten sich auf als in den Lagern; nicht wenige der- 
selben waren des Waffentragens entwöhnt und wufsten nichts von 
Lagerschlagen und Wachdienst; die Regimenter waren lange nicht er- 
gänzt und enthielten zahlreiche alte unbrauchbare Leute; Corbulo hatte 
zunächst eine groise Anzahl von Soldaten zu entlassen und in noch viel 
grölserer Zahl Rekruten auszuheben und auszubilden. Der Wechsel der 
bequemen Winterquartiere am Orontes mit denen in den rauhen arme- 
nischen Bergen, die plötzliche Einführung unerbittlich strenger Lager- 
zucht führte vielfach Erkrankungen herbei und veranlaüste zahlreiche 
Desertionen. Trotz allem dem sah sich der Feldherr, als es Ernst ward, 
genöthigt um Zusendung einer der besseren Legionen des Occidents zu 
bitten. Unter diesen Umständen beeilte er sich nicht seine Soldaten an 
den Feind zu bringen; indefs waren doch dabei überwiegend politische 
Rücksichten mafsgebend. 

Wäre es die Absicht der römischen Regierung gewesen denDieZiei«4M 
parthischen Herrscher sofort aus Armenien zu vertreiben und zwar nicht "^^'' 
den Rhadamistos, mit dessen Blutschuld die Römer keine Veranlassung 
hatten sich zu beflecken, aber irgend einen anderen Fürsten ihrer Wahl 
an dessen Stelle zu setzen, so hätten dazu die Streitkräfte Corbulos wohl 
sofort ausgereicht, da König Vologasos, wieder einmal durch innere 



384 ACHTES BUCH. KAPITEL fX. 

Unruhen abgezogen, seine Trappen aus Armenien weggeführt hatte. 
Aber dies lag nicht im Phne der Römer; man wollte dort vielmehr das 
Regiment des Tiridates sich gefallen lassen und ihn nur zur Aner- 
kennung der römischen Oberherrlichkeit bestimmen und nöthigenfalls 
zwingen; nur zu diesem Zweck sollten äufsersten Falls die Legionen 
marschiren. Es kam dies der Sache nach der Abtretung Armeniens an 
die Parther sehr nahe. Was für diese sprach und was sie verhinderte, 
ist früher (S. 370) entwickelt worden. Wurde jetzt Armenien als par- 
thische Secundogenitur geordnet, so war die Anerkennung des römi- 
schen Lehnsrechts wenig mehr als eine Formalitat, genau genommen 
nichts als eine Deckung der militärischen und politischen Ehre. Also 
hat die Regierung der früheren neronischen Zeit, der notorisch an 
Einsicht und Energie wenige gleich kamen, beabsichtigt sich Armeniens 
in schicklicher Weise zu entledigen; und es kann das nicht verwundem. 
Man schöpfte hier in der That in das Sieb. Der Besitz Armeniens war 
wohl im J. 20 v. Chr. durch Tiberius, dann durch Gaius im J. 2, durch 
Germanicus im J. 18, durch Vitellius im J. 36 im Lande selbst wie bei 
den Parthem zur Geltung und Anerkennung gebracht worden. Aber 
eben diese regelmälsig sich wiederholenden und regelmälsig von Erfolg 
gekrönten und doch niemals zu dauernder Wirkung gelangenden aufser- 
ordentlichen Expeditionen gaben den Parthem Recht, wenn sie in den 
Verhandlungen unter Nero behaupteten, dafs die römische Oberherr- 
schaft über Armenien ein leerer Name, das Land nun einmal parthisch 
sei und sein wolle. Zur Geltendmachung der römischen Obergewalt 
bedurfte es immer wenn nicht der Kriegführung, doch der Kriegdrohung 
und die dadurch bedingte stetige Reibung machte den dauernden 
Friedensstand zwischen den beiden benachbarten Großmächten un- 
möglich. Die Römer hatten, wenn sie folgerichtig verfuhren, nur die 
Wahl Armenien und das linke Euphratufer überhaupt entweder durch 
Beseitigung der blofs mittelbaren Herrschaft effectiv in ihre Gewalt 
zu bringen oder es so weit den Parthem zu überlassen , als dies mit 
dem obersten Gmndsatz des römischen Regiments keine gleichberech- 
tigte Grenzmacht anzuerkennen sich vertrug. Augustus und die bis- 
herigen Regenten hatten die erstere Alternative entschieden abgelehnt 
und sie hätten also den zweiten Weg einschlagen sollen; aber auch 
diesen abzulehnen hatten sie wenigstens versucht und das parthische 
Königshaus von der Herrschaft über Armenien ausschlieÜBen wollen^ 
ohne es zu können. Dies müssen die leitenden Staatsmänner der 



DIB EDPHRATGRBlfZB UNO DIE PARTHER. 385 

frflheren neronisehen Zeit ab einen Fehler betrachtet haben, da sie 
Armenien den Arsakiden überlieJben und sich auf das denkbar geringste 
Mafs von Rechten daran beschränkten. Wenn die Gefahren und die 
Nachtheile, welche das Festhalten dieser nur äusserlich dem Reich an- 
haftenden Landschaft dem Staate brachte, gegen diejenigen abgewogen 
wurden, welche die Partherherrschaft Cdier Armenien für die Römer nach 
sich zog, so konnte, zumal bei der geringen OiTensivkraft des par- 
thischen Reiches, die Entscheidung wohl in dem letzteren Sinne ge- 
funden werden. Unter allen Umständen aber war diese Politik conse- 
quent und suchte das auch von Augustus verfolgte Ziel in klarerer 
und verständigerer Weise zu erreichen. 

Von diesem Standpunkt aus versteht man, weshalb Corbulo und 
Quadratus, statt den Euphrat zu überschreiten, mit Vologasos Ver- 
handlungen anknüpften und nicht minder, dafs dieser, ohne Zweifel 
von den wirklichen Absichten der Römer unterrichtet, sich dazu ver- 
stand in ähnlicher Weise wie sein Vorgänger den Römern sich zu 
beugen und ihnen als Friedenspfand eine Anzahl dem königlichen 
Hause nahe stehender Geifseln zu überliefern. Die stillschweigend 
vereinbarte Gegenleistung dafür war die Duldung der Herrschaft des 
Tiridates über Armenien und die Nichtaufstellung eines römischen Prä- 
tendenten. So gingen einige Jahre in factischem Friedensstand hin. 
Aber da Vologasos und Tiridates sich nicht dazu verstanden um die 
Belehnung des letzteren mit Armenien bei der römischen Regierung 
einzukoromen^), ergriff Corbulo im J. 58 gegen Tiridates die Offensive. 
Eben die Politik des Zurückweichens und Nachgebens bedurfte, wenn 
sie bei Freund und Feind nicht als Schwäche erscheinen sollte, der 
Folie, also entweder der förmlichen und feierlichen Anerkennung der 
römischen Obergewalt oder besser noch des mit den Waffen gewon- 
nenen Sieges. 

Im Sommer des J. 58 fOhrte Corbulo eine leidlich schlagfähige corbnio in 
Armee von mindestens 30000 Mann über den Euphrat. Die Reorgani- '°*°^' 
sation und die Abhärtung der Truppen wurde durch die Campagne selbst 
vollendet und das erste Winterquartier auf armenischem Boden genom- 



') Noeh Dteh dem Aogriff besrJiwerte Tiridates sich, cur datU mtper 
obtidibuM rMfdegraUupiB amieitia . . . veUre jirmeniae possessüme depeüereiurf 
and Corbulo stellte Onn, falls er sieh bittweise ao den Kaiser weode, ein 
ngmtm siaHh ia Anssieht iTaeitat 12, 37). Aoeh anderswo wird als der eigeot- 
liehe Rriegssmiid die Weigenug des Lehnseides bezeichnet (Taeitas 12, 34). 
Komm ■OB, rOm. QMekidito. T. 25 



386 ACHTES BUCH. KAPITEL IX. 

men. Im Frühjahr 59^) begann er den Vormarsch io der Richtung 
auf Artaxata. Zugleich brachen in Armenien von Norden her die Iberer 
ein, deren König Pharasmanes, um seine eigenen Frevel zu bedecken, 
seinen Sohn Rhadamistos hatte hinrichten lassen und nun weiter 
bemüht war durch gute Dienste seine Verschuldung in Vergessenheit 
zu bringen; nicht minder ihre nordwestlichen Nachbaren, die tapferen 
Moscher, von Süden König Antiochos von Kommagene. König Volo- 
gasos war durch den Aufstand der Hyrkaner an der entgegengesetzten 
Seite des Reiches fest gehalten und konnte oder wollte in den Kampf 
nicht unmittelbar eingreifen. Tiridates leistete muthigen Widerstand; 
aber er vermochte nichts gegen die erdrückende Uebermacht Vergeb- 
lich versuchte er sich auf die Verbindungslinien der Römer zu werfen, 
die ihre Bedürfnisse über das schwarze Meer und den Hafen von Tra- 
pezus bezogen. Die Burgen Armeniens fielen unter den Angriffen der 
stürmenden Römer und die Besatzungen wurden bis auf den letzten 
Mann niedergemacht. In einer Feldschlacht unter den Mauern von 
Artaxata geschlagen gab Tiridates den ungleichen Kampf auf und ging 
zu den Parthern. Artaxata ergab sich und hier, im Herzen von Arme- 
nien überwinterte das römische Heer. Im Frühjahr 60 brach Corbulo 
von dort auf, nachdem er die Stadt niedergebrannt hatte, und mar- 
schirte quer durch das Land auf dessen zweite Hauptstadt Tigranokerta 
oberhalb Nisibis im Tigrisgebiet. Der Schrecken über die Zerstörung 
Artaxatas ging ihm voraus; ernstlicher Widerstand wurde nirgends ge- 
leistet; auch Tigranokerta öffnete dem Sieger freiwillig die Thore, der 



1) Der Bericht bei Tacitus aan. 13, 34—41 nmftrst ohne Zweifel die 
Ganpagoen der J. 58 and 59, da Tacitas unter dem J. 59 voo dem armeoi- 
scheo Feldzo^ schweigt, aoter dem J. 60 aber ann. 14, 23 anmittelbar an 
13^ 41 anknüpft and offenbar nar einen einzigen Feldzag schildert, iiberhaapt, 
wo er in dieser Weise zasammenfafst, in der Regel anticipirt. Dafs der Krieg 
uicbt erst 59 angefangen haben kann, bestätigt weiter die Thataache, dafs 
Corbulo die SonneofinstorniTs vom 30. April 59 aaf armenischem Boden be- 
obachtete (Plinias h. n. 2, 70, 180); wäre er erst 59 eingerückt, so konnte er 
so froh im Jahre kaam die feindliche Grenze überschritten haben. Einen 
Jahreinschnitt zeigt die Erzählung des Tacitns 13, 34—41 an sich nicht, 
wohl aber läfst sie bei seiner Art za berichten die Möglichkeit za, dafs das 
erste Jahr mit dem Uebersehreiten des Bophrat and der Festsetzang in Arme- 
nien verging, also der c 35 erwähnte Winter der des J. 58/9 ist, zamal da 
bei der Beschaffenheit des Beeres eine derartige Kriegseinleitong wohl am 
Platze «ad bei dem korzen armenischen Sommer es militärisch zweckmäfsig 
war den Einmarsch und die eigentliche Kriegfiihrong also za treanen. 



DIE EUPHRATGIIENZE DIVD DIE I>ARTBBB. 387 

hier in wohlberechneter Weise die Gnade walten liefs. Tiridates machte 
noch einen Versach zurückzukehren und den Kampf wieder aufzuneh- 
men, wurde aber ohne besondere Anstrengung abgewiesen. Am Aus- 
gang des Sommers 60 war ganz Armenien unterworfen und stand zur 
Verfügung der römischen Regierung. 

Es ist begreiflich, daÜB man in Rom jetzt Yon Tiridates absah. Der Ti^nam 
Prinz Tigranes, ein Urenkel von väterlicher Seite Herodes des Grolsen, Amaiwü 
von mütterlidier des Königs Archelaos von Kappadokien, auch dem alten 
marenischen Königshause von weiblicher Seite verwandt und ein Neffe 
eines der ephemeren Herrscher Armeniens aus den letzten Jahren des 
Augustus, in Rom erzogen und durchaus ein Werkzeug der römischen 
Regierung, wurde jetzt (J. 60) von Nero mit dem Königreich Armenien 
belehnt und auf des Kaisers Refehl von Corbulo in die Herrschaft ein- 
gesetzt. Im Lande blieb römische Resatzung, 1000 Legionarier und 
drei- bis viertausend Reiter und Infanterie der Auxilien. Ein Theil der 
Grenzlandschaften ward von Armenien abgetrennt und vertheilt unter 
die benachbarten Könige Polemon von Pontus undTrapezus, Aristobulos 
von Klein-Armenien, Pharasmanes von Iberien und Antiochos von 
Kommagene. Dagegen rückte der neue Herr von Armenien, natürlich 
mit Einwilligung der Römer, in die angrenzende parthische Provinz 
Adiabene ein, schlug den dortigen Statthalter Monobazos und schien 
auch diese Landschaft vom parthischen Staat abreiben zu wollen. 

Diese Wendung der Dinge nöthigte die parthische Regierung aus Terhaa^uig 
ihrer Passivität herauszutreten; es handelte sich nun nicht mehr um p*rtii0ra. 
die Wiedergewinnung Armeniens, sondern um die Integrität des par- 
thischen Reiches. Die lange drohende CoUision zwischen den beiden 
Grolsstaaten schien unvermeidlich. Vologasos bestätigte in einer Ver- 
sammlung der Grolsen des Reiches den Tiridates wiederholt als König 
von Armenien und sandte mit ihm den Feldherm Honaeses gegen den 
römischen Usurpator des Landes, der in Tigranokerta, welches die 
römischen Truppen besetzt hielten, von den Parthem belagert ward. 
Vologasos selbst zog die parthische Hauptmacht in Mesopotamien 
zusammen und bedrohte (Anf. 61) Syrien. Corbulo, der nach 
Quadratus Tode zur Zeit in Kappadokien wie in Syrien das 
Gommando führte, aber von der Regierung die Ernennung eines 
anderen Statthalters für Kappadokien und Armenien erbeten hatte, 
sandte vorläufig zwei Legionen nach Armenien, um Tigranes Reistand 
zu leisten, während er selbst an den Euphrat rückte, um den Partherr 

25* 



388 ACHTB8 SUCH. KAPITEL R. 

könig zu empfangen. Indeft es kam wieder nicht zum Schlagen, sondern 
zum Vertrag. Vologasos, wohl wissend, wie gefährlich das beginnende 
Spiel sei, erklärte sich jetzt bereit auf die vor dem Ausbruch des arme- 
nischen Krieges von den Römern vergeblich angebotenen Bedingungen 
einzugehen und die Belehnung des Bruders durch den römischen Kaiser 
zu gestatten. Corbulo ging auf den Vorschlag ein. Er liefe den Ti- 
granes fallen, zog die römischen Truppen aus Armenien zurück und liefe 
es geschehen, dafe Tiridates daselbst sich festsetzte, während die per- 
thischen Hülfstruppen ebenfalls abzogen; dagegen schickte Vologasos 
eine Gesandtschaft an die römische Regierung und erklärte die Bereit- 
willigkeit seines Bruders, das Land von Rom zu Lehen zu nehmen. 
Dw Diese Hafenahmen Corbulos waren bedenklicher Art ^) und führ- 

i^w^ntoT ten zu einer üblen Verwickelung. Der römische Feldherr mag wohl 
^' mehr noch als